Venedig: Und ewig lockt die Serenissima

Dogenpalast und Markuslöwe

Laufstrecke: Arsenale – Campo Santa Maria Formosa – Rialtobrücke – Campo da Pescaria – Campo San Polo – Campo dei Frari – Academia-Brücke  – Piazza San Marco – Arsenale – Giardini; 6,7 km.  (Anfahrt mit Vaporetto vom Lido) 

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist 2019-10-31-venediglauf-67-km.png.
Rundlauf gegen den Uhrzeigersinn

Das Vaporetto setzt ein Stück zurück, routiniert löst die Matrosin den Knoten von den Pollern, wirft das Hanfseil lässig über die Reling und verschwindet in der geheizten Kapitänskabine. „Prossima Fermata Santa Elena” sagt die Ansagestimme und dann für Ausländer noch einmal in venezianischem Englisch „Nexte Stope Santa Elena“. Und schon sind wir auf der Lagune unterwegs vom Lido zur Altstadt Venedigs. Früh morgens sind so gut wie keine Touristen an Bord. Die Passagiere dösen vor sich hin, zeigen sich stolz Babyfotos auf ihren Smartphones oder hören Musik.     

Heute Morgen möchte ich erleben, wie sich ein Lauf durch Venedig zum Sonnenaufgang anfühlt.  Es ist Herbst, und die Uhren ticken schon nach der Winterzeit.  Laut Wetter-App sollte die Sonne heute genau um Viertel vor Sieben aufgehen, doch tatsächlich bleibt sie hinter dicken Wolkenbänken verborgen. Als ich mit der Vaporettolinie Nr. 1 an der Haltestelle Arsenale, dem Ausgangspunkt meines Laufes, ankomme, setzt ein leichter Nieselregen ein. Es ist windig und kühl, und ich ziehe mir die Mütze tief in die Stirn. Trotz des miesen Wetters leuchtet helles Morgenlicht von der Lagune herüber. Der salzige Seewind in der Nase tut gut.

Vaporetto am Morgen

Von Arsenale zur Rialtobrücke
Zur Vorbereitung auf den Lauf habe ich versucht, mir die Geographie der Insel einzuprägen. In Venedigs Labyrinth ist es nahezu unmöglich einen Weg vorab zu planen. Per Google Maps und mit Stöpseln in den Ohren, so der Plan,  möchte ich mich deshalb von einem markanten Punkt zum nächsten navigieren lassen. Diese Orientierungspunkte sind meist große Kirchen und Plätze, deren Zweck es schon immer war, die Menschen zusammen zu führen.

 Heute werde ich nicht über die zahlreichen Kirchen und Paläste, an denen ich vorbei laufe, berichten. Das überlasse ich kundigeren Kennern der Stadt. Der niederländische Autor Cees Nooteboom ist so ein Venedigfanatiker. In dem jüngst erschienenen Band „Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser“ beschreibt er seine Streifzüge durch die Lagunenstadt.  Ebenso amüsant sind die Verfilmungen von Dona Leons Kriminalromanen mit dem schlauen Commissario Brunetti und seinem treuen Assistenten Sergente Vianello. Wer die Spuren der beiden vom Fernsehsessel aus verfolgt hat, ist schnell überzeugt, Venedig wie seine Westentasche zu kennen. 

Nach all diesen gewissenhaften Vorbereitungen dauert es nicht lange, bis ich mich verlaufe und in der ersten Sackgasse lande. Denn wenn der Weg durch wirklich schmale Gassen führt, verpasst selbst der Google Maps Navigator die richtige Abzweigung. Es ist ja ganz beruhigend, dass die Digitalisierung der Welt ihre Grenzen in Venedigs mittelalterlichen Häuserschluchten findet. Ich stehe nun also unvermittelt vor einem Seitenkanal. Leise plätschernd fährt ein Kahn der Müllabfuhr vorbei. Der Mann an der Pinne trägt einen knallgelben Arbeitsanzug. Hoch oben zwischen den Häusern  hängt Wäsche auf der Leine. Alles ist nach Größe sortiert: Jeans, Hemden, Unterrock, T-Shirts, Unterhosen, Socken.   

Auf dem Platz vor der Santa Maria Formosa Kirche hat schon ein Café geöffnet. Gedämpftes Licht dringt aus der Ladentür. Ein älterer Herr hat seinen Stuhl auf die Schwelle gerückt und schlürft seinen Kaffee. Er scheint mich zu beobachten und denkt sich vermutlich seinen Teil über Touristen, die zu dieser frühen Stunde über den Platz joggen und seine Ruhe stören.  

Mein erstes Etappenziel von Arsenale aus ist der Fischmarkt. Auf der benachbarten Rialtobrücke begegne ich einem Straßenkehrer und ein paar Tauben, die sich durch meine Schritte in keiner Weise aus der Ruhe bringen lassen. Später am Tag wird die Rialtobrücke zu einem der dichtesten Verkehrsknotenpunkte der  Stadt. Die Verkehrspolizisten in ihren adretten gelb-schwarzen Jacken erklären dann die schmalen Zugangsgassen wegen Verstopfung zu Einbahnpfaden. So entstehen schnell kilometerlange Menschenkolonnen, die sich wie Polonaisen an Karneval langsam durch die Altstadt schlängeln. Ich habe erfahren, dass weit über 10 Millionen Übernachtungsgäste jährlich nach Venedig kommen, dazu addieren sich mindestens ebenso viele Tages- und Kreuzfahrttouristen. Ob die geplanten Eintrittsgelder zukünftige Touristen von einem Besuch abhalten werden, bleibt abzuwarten. Einstweilen genieße ich es, früh morgens ganz alleine über die Stufen der Rialtobrücke zu joggen.

Frischer Fang auf Venedigs Fischmarkt

Zum Fischmarkt geht es gleich rechts um die Ecke. Im Schein der Laternen sind die Händler damit beschäftigt, den frischen Fang aus den weißen Styroporkästen auszupacken. Auf dem Boden liegen zwei große Schwertfische, die vermutlich bald zu Filetstücken zerlegt werden. Geduldig warten Möwen neben der Markthalle, weil sie wissen, dass demnächst reichlich Fischabfälle für sie übrig bleiben wird.  Gleich neben dem Fischmarkt in den Arkaden findet sich ein  Bankschalter der Bancogiro. Über der Eingangstür thront eine Statue der Mutter Gottes. Angesichts der eher prekären Lage italienischer Banken bleibt es offen, ob Maria die Kunden vor der Bank oder die Bank vor den Kunden schützen soll.

Westlich des Canale Grande
Das Viertel westlich des Canale Grande wirkt weniger touristisch. Hier gibt es kaum Wegweiser und auch mein Navi im Ohr verführt mich immer wieder in kleine Hinterhöfe, an Kanäle oder in dunkle Sottopassaggi, also Unterführungen, die nicht wirklich weiter führen. So erlebe ich das Viertel noch intensiver, und es scheint mir, dass hier viele Venezianer tatsächlich noch selber leben und nicht alle Häuser und Wohnungen zur Vermietung an Touristen umgestaltet haben.  Denn nur noch rd. 60.000 Menschen wohnen dauerhaft in der Lagunenstadt, früher waren es deutlich über 100.000 Einwohner. Einer von ihnen will gerade seinen Hund auf dem Campo San Polo Gassi führen. Doch dann hat er sich auf eine Parkbank gesetzt und sein Smartphone herausgezogen. Auch Hunde können warten.   

Hund mit Herr am Campo San Polo

Auf dem Campo dei  Frari wird es nun deutlich lebhafter.  Menschen eilen zur Arbeit oder poltern mit ihren Rollkoffern über  die holprigen Wege. An der nahen Università Ca‘ Foscari  beginnt der Vorlesungsbetrieb, denn viele junge Menschen eilen herbei und vermitteln dabei den Eindruck, als hätten sie noch keine Zeit für den Morgenkaffee gehabt. Ich laufe  auch immer wieder an Antiquitätenläden vorbei. In einem Schaufenster stehen zwei große schwarze Mohrenfiguren in goldenem Rock. Den linken Arm strecken sie als Kerzenständer in die Höhe. Solche Reliquien aus der Kolonialzeit sind offenbar nicht auszurotten. 

Endlich tauchen an den Mauern die gelben Wegweiser zur Academía auf. Dort möchte ich über die Brücke wieder auf die andere Seite des Canale Grande gelangen.  Natürlich hätte ich den Kanal am liebsten wie ein echter Venezianer auf einem Traghetto überquert, also mit einer Gondel, auf der man für kleines Geld stehend ans andere Ufer übergesetzt wird. Doch leider verkehren diese Boote erst ab 9 Uhr morgens.

Schiffsprozession am Canale Grande

Aber auch der Weg über die Academía Brücke  ist überaus lohnend und wird mit einem einzigartigen Rundumblick belohnt. Rechts und links die vornehmen Paläste, die buchstäblich im Wasser zu stehen scheinen, davor die buntgestreiften Pfähle mit den Anlegestellen für die Hausboote. Unten in der Fahrrinne des Kanals eine nicht enden wollende Prozession von Booten, Lastkähnen, Vaporetti, Gondeln und Taxischiffen.  Und am Horizont schiebt sich ein Kreuzfahrtschiff in den Guidecca Kanal hinein. Es ist so groß, dass die Gebäude ringsum wie Spielzeughäuser erscheinen. Eigentlich hat die Stadtverwaltung beschlossen, die Kreuzfahrtschiffe aus der Altstadt zu verbannen, da sie erhebliche Umwelt- und Erosionsschäden verursachen. Doch die Kreuzfahrtpassagiere wollen Venedig pur erleben, und die Schiffe spülen hohe Hafengebühren in die Stadtkasse.  

Bis zur Piazza San Marco ist es jetzt noch ein guter Kilometer.  Ich wähle ganz bewusst nicht den direkten Weg über die Calle Larga, an der sich die Häuser der Luxusmarken aneinander reihen. Viel lieber gönne ich mir einen letzten labyrinthischen Umweg,  beobachte in einem Seitenkanal wie Gondolieri  ihre eleganten schwarzen Boote für die Touristen herrichten,  überquere Brücken und Kanäle und durchlaufe so enge Durchgänge, dass ich mit beiden Händen rechts und links die Mauern berühren kann. An den kitschigen Glasfiguren in den Souvenirläden, die ganz bestimmt nicht alle aus Murano stammen, merke ich, dass ich mich nun Schritt für Schritt dem großen Platz mit der San Marco Kathedrale nähere.

Über Treppen und Brücken

San Marco for Lovers
Und  da liegt der Platz nun fast menschenleer vor mir. Am Rande der Arkaden unzählige Kaffeetische, an denen niemand sitzt und in der Mitte des Platzes ein einsames chinesisches Hochzeitspaar. Sie in weißem langen Kleid und trotz herbstlicher Kühle mit nackten Oberarmen. Er lässig mit langer beiger Jacke über dem T-Shirt. Immer wieder laufen sie in aufflatternde Tauben hinein. Ihr Fotograf gibt nicht auf, bis er das ultimative Venedigfoto auf der Speicherkarte hat.

Quer über den Markusplatz laufe ich nun vorbei an der reichen Fassade der Kathedrale und an hochgestapelten Laufstegen für das  drohende Hochwasser Acqua Alta, das die Stadt nur wenige Tage später auf überaus zerstörerische Weise heimsuchen wird.  Ich bin jetzt auf dem weitläufigen Platz angekommen, der sich zur Lagune hin öffnet. Links der weiße Dogenpalast, rechts der geflügelte Markuslöwe hoch oben auf einer Standsäule. Venedigs Herren haben ihre Machtsymbole mit Bedacht ganz unübersehbar an den Eingang zur Stadt platziert.  „Die allerdurchlauchteste Republik des Heiligen Markus“ nannten sie selbstbewusst ihre Stadt. Das macht Eindruck, bis heute.   

San Marco am Morgen

Den letzten Kilometer  trabe ich nun gen Osten an der Riva degli Schiavoni entlang bis zur Station Giardini. Der Regen hat längst aufgehört, aber das fahle Licht bringt die noch feuchten Bodenplatten zum Leuchten. Tagsüber voller Touristen und  Souvenirverkäufer, ist diese wunderschöne Flaniermeile am Ufer der Lagune am Morgen den Einheimischen und Frühsportlern überlassen.  Kaum zu glauben, dass hier vor wenigen Tagen noch Tausende Läufer ins Ziel des Venedig-Marathons rannten.  Ich genieße die Ruhe und freue mich über meinem ganz persönlichen Altstadtlauf durch das Labyrinth von Gassen, über Treppen und Brücken, vorbei an Kirchen und Palästen. Noch habe ich den Geruch des Brackwassers der Kanäle, von frischem Kaffee und Fisch in der Nase und in meinen Kopf läuft der Film ab über die Menschen, denen ich auf meinem Weg begegnete und die der Stadt an diesem Morgen neues Leben einhauchen.

Nexte Stope Santa Elena” sagt die Ansagestimme jetzt wieder. Und dann noch ein paar Minuten weiter bis zum Lido. Zufrieden lehne ich mich zurück und genieße das Schaukeln des Schiffes auf den ewigen Wassern der Serenissima.

Ein Kommentar

  1. Berthild Sigrist · November 27, 2019

    Sehr schöne Fotos von Venedig, vielen Dank passen garnicht zu der jetzigen Überschwemmung …..Im Moment habe ich Probleme mit meinen Zähnen und meine derzeitige Prothese fällt dauernd raus, muss alles neu gemacht werden…Ich kann nur Weiches essen…

    Gesendet mit der Telekom Mail App

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