Mit dem Rad am Inn entlang: Von Pfunds nach Wasserburg (Teil 2)

Wer am Inn entlang radelt, erfreut sich an der großartigen Natur, den Dörfern, der Landschaft und seinen freundlichen Menschen. Wie im Film rauscht alles vorbei. Doch der eigentliche Reiz des Reisens liegt im Innehalten, an der Entdeckung des Neuen und manchmal auch des Unerwarteten. 

Auf unserer Innradtour geht es im zweiten Teil weiter aus dem Engadin nach Tirol und Bayern. Im ersten Teil hieß es: „Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen“. Wir werden nun wieder aus dem Sattel steigen und uns erneut sechs Besonderheiten anschauen.

1. Von Burgen, Fürsten und neuzeitlichen Helden   

Beim Grenzübertritt vom Engadin nach Tirol windet sich der Inn durch eine enge Schlucht.  Es ist so wenig Platz, dass wir Radler auf die verkehrsreiche Hauptstraße ausweichen müssen.  Doch dann öffnet sich das Tal: Die Höhenlagen des Engadins haben wir hinter uns gelassen, wir sind nun schon unter 1000 Meter. Das Klima ist milder,  der Löwenzahn ist längst verblüht, die Wiesen sind gemäht, und die Bauern nutzen die trockenen Tage und Stunden, um das Heu einzufahren. 

Der Inn ist nun schon ein breiter Strom und hat die für ihn typische graugrüne Farbe angenommen. Unzählige Gebirgsbäche aus den Schweizer Alpengletschern mit den verschiedensten Gesteinspartikeln und Mineralien hat er schon aufgenommen, viele Zuflüsse in Tirol und Bayern werden noch folgen. Im Sommer, wenn die Sonne gnadenlos auf das blanke Eis der Gletscher scheint, führt der Inn besonders viel Schmelzwasser.

Das Gasthaus zum Thurm an der Innbrücke in Pfunds

Am Abend sind wir nach langer Fahrt in Pfunds angekommen. Wir sind zwar schon in Tirol, aber auch dieser Ort ist wie das Engadin rätoromanisch geprägt. Den Wohlstand verdankt Pfunds seiner Lage, denn von den vielen Wegen, die nach Rom führen, passieren einige wichtige Routen auch diesen Ort. Denn Richtung Engadin geht es über die Schweizer Alpenpässe,  über den Reschenpass direkt nach Italien. Der Innradweg und die Radstrecke über die historische Via Claudia Augusta verlaufen beide über Pfunds. Auch die Motorradfahrer mit ihren schweren Maschinen machen hier gerne Station. In der Hotelgarage wird’s richtig eng.

Die Menschen hier sind freundlich.  Zum Beispiel der Mitarbeiter des Sporthauses Monz im Ortsteil Stuben. Er unterbricht sein Frühstück  und schickt sich sofort an, meinen platten Hinterreifen zu reparieren.  Oder Simone, unsere Wirtin, die uns in einem schönen historischen Stifterhaus unterbringt. Oder Pawel, der Kellner, der sich an diesem Abend noch Hoffnung macht, dass  Polen bei der Fußball-Europameisterschaft weiterkommt.  Entlang unseres Weges könnten wir viele weitere nennen.

In Sigmundsried, nicht weit von Pfunds, werden wir wieder an die wechselvolle Geschichte dieser Region erinnert. Nicht ohne Ironie erzählt eine Schautafel die Geschichte des Tiroler Landesfürsten Sigmund von Habsburg, der dem Weiler im 15. Jahrhundert seinen Namen gab.  Die Zinszahlungen seiner Untertanen investierte er in den Ausbau seines Jagdschlosses. Der „Münzreiche“ wurde er fortan genannt. Geholfen hat ihm der Wucher nicht. Denn schon bald war er pleite, und sein Schloss musste verpfändet werden.  Und auch, wenn dieser Sigmund schon gestorben ist, so leben solche Typen immer weiter. Auf unserem Weg sehen wir viele Burgen und Schlösser. Was die Schlossherren und ihre Damen umtrieb, wen sie ausbeuteten oder bekriegten oder was sie vielleicht auch Gutes im Sinn hatten, all das überlassen wir unserer Phantasie.  In Imst werden wir auf einen Mann treffen, der Gutes bewirken wollte und dabei tatsächlich Erstaunliches geschafft hat.    

Ruine Kronburg bei Landeck

2. Der Mann auf der Parkbank

In der Altstadt von Imst lassen wir die Räder stehen und machen uns auf, die Rosengartenschlucht zu erkunden. Sie liegt mitten im Ort. Durch diese Schlucht stürzt sich der Schinderbach 1,5 Kilometer den Berg hinab und fließt dann in den Inn. Der Aufstieg ist tatsächlich eine kleine Schinderei, lohnt aber, wenn man wassertosende Schluchten mag.  

Am Eingang zur Schlucht begegnen wir ihm leibhaftig. Ganz entspannt sitzt Hermann Gmeiner auf einer Bank in der Abendsonne. Imst ehrt seinen vielleicht berühmtesten Bürger mit gebotener Bescheidenheit. 1949 gründete der Philanthrop sein erstes SOS Kinderdorf in Imst. SOS stand zunächst für Societas Socialis, später für Save our Souls. Handlungsleitend waren für Gmeiner seine christlichen Überzeugungen. Geprägt wurde er durch seine eigenen Kindheits- und Kriegserfahrungen. Als sechstes von neun Kindern geboren, wurde er schon mit fünf Halbwaise. Seine ältere Schwester Elsa übernahm die Rolle der früh verstorbenen Mutter. Im Krieg diente er in der Wehrmacht im Angriffskrieg gegen Russland. Doch als es Gmeiner selbst an den Kragen ging, rettete ihn ausgerechnet ein russischer Junge. Das prägte ihn, wie er später berichtete.

Hermann Gmeiner in Imst (1919-1986)

Gegen manche Widerstände entstand in Imst das erste Heim für Waisenkinder. Der Grundgedanke war, dass Waisenhäuser von „Kinderdorfmüttern“ geleitet werden sollten.  Die Idee verbreitete sich zunächst in Österreich. Ein erstes SOS-Kinderdorf in Deutschland entstand 1955 in Dießen am Ammersee. Gemäß der Internetseite von „SOS-Kinderdörfer weltweit“ werden und wurden in 136 Ländern fast 300.000 Kinder betreut. Die Organisation SOS-Kinderdorf finanziert sich im Wesentlichen aus Spenden, Patenschaften oder Erbschaften. Sie trägt zwar das deutsche und österreichische Spenden-Gütesiegel, aber auch eine solche Organisation ist nicht frei von Makeln.  Es gab und gibt Vorwürfe von Kindesmissbrauch in Häusern der Organisation, denen – so die Berichte  – mehr oder weniger transparent nachgegangen wird.  

3. Stift Stams und seine Skisprungschanze:  Auslauf- und Zukunftsmodell

Wir verlassen Imst bei herrlichem Sommerwetter. Die Luft ist noch kühl, der Himmel blau. Das Wasser des Inns hat inzwischen ordentlich Fahrt aufgenommen.  Das reizt die Freunde des Raftings, die nahe bei Imst ihre Schlauchboote zu Wasser lassen.  Alle Passagiere müssen, wie wir beobachten,  erstmal ins eiskalte Wasser steigen, bevor es an Bord geht. So wissen sie, was sie bei den Mann-über-Bord-Übungen erwartet. Die Strömung treibt die Boote fast genauso schnell an, wie wir unsere Räder, so dass wir die Rafter ein Stück weit am Ufer begleiten.   

Rafting auf dem Inn bei Imst

Wir radeln weiter durch lichte Kiefernwälder am Südhang der Mieminger Gebirgskette, manchmal auch ganz nah entlang der vielbefahrenden Autobahn A 12 nach Innsbruck, was weniger schön ist. Bei Mötz überqueren wir den Inn und erblicken schon bald eine vermutlich einzigartige Kombination zweier imposanter Bauwerke: Eine große Stiftskirche und direkt dahinter eine Skisprungschanze.  Die Kirche gehört zum Zisterzienserkloster Stams. Was es mit der Schanze auf sich hat, erfahren wir erst später.

Das Stift Stams, so erläutert uns ein junger Historiker, der uns durch das Areal führt, wurde 1273 vom Tiroler Landesfürsten Meinhard II. und seiner Ehefrau Elisabeth von Bayern gegründet. Heute könnte man etwas verkürzt sagen, dass die beiden sich einen Alterswohnsitz mit letzter Ruhestätte erbauen ließen. Überliefert ist aber auch, dass Elisabeth das Stift in Gedenken an ihren Sohn Konradin gründete. Dieser Konradin war der letzte Stauferkönig und wurde 1268 in Neapel enthauptet. Kein schönes Ende.  

Wie viele dieser Einrichtungen, durchlebte Stams eine wechselvolle Geschichte. Bekämpft, niedergebrannt, wiederaufgebaut, säkularisiert und als Kloster wieder belebt. Doch längst können die Mönche nicht mehr allen seelsorgerischen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Aufgaben des Ordens nachkommen. Denn es gibt offenkundige Nachwuchsprobleme.  Gegenwärtig leben in der großen Anlage nur noch 46 Mönche. Viele sind alt, manche schon über Neunzig. Das Kloster ist angezählt.

Leere Chorstühle in Stift Stams

Was jedoch bleibt, ist eine prachtvolle Anlage, der kunsthistorisch bedeutsame frühbarocke Lebensbaum-Altar des Weilheimer Künstlers Bartholomäus Steinle und eine benachbarte Einrichtung, die in Österreich und auf der Welt ihresgleichen sucht: Das Stift ist Ko-Träger des Ski Gymnasiums Stams. Es besteht seit über 50 Jahren, vermittelt sehr erfolgreich schulische Bildung sowie sportliche Exzellenz. Der Direktor erläutert in einer Dokumentation des österreichischen Fernsehens, dass alle Schülerinnen und Schüler das Zentralabitur bestehen müssen.  Dann erst kommt der Sport – und doch hat die Schule etliche Olympiasieger:innen  im Skisport hervorgebracht.  Auf der benachbarten Sprungschanze wird zu allen Jahreszeiten trainiert. Wer dort schon in jungen Jahren heruntersaust, der schafft es auch bis zur Vier-Schanzen-Tournee.

4. Innsbruck und der Reiz der Provinz

Natürlich ist Innsbruck eine Reise wert. Das wusste schon Napoleon, der die Stadt  nach langen Kämpfen 1809 einnahm. Noch heute erinnert die Vater-Sohn-Skulptur an der Ottoburg an dieses Ereignis:  Vater, so ruft der Sohn und zeigt auf die alte Brücke über den Inn, die Franzosen! Wo, fragt der ungläubige Vater, der vielleicht auch ein bisschen kurzsichtig ist. Doch da war es schon zu spät!  Innsbruck fiel ins Napoleonisch-Bayrische Einflussgebiet. Ja, und wie wir am Vortag erfahren mussten, ging auch das Kloster Stams in napoleonischen Flammen auf.

    

Innsbruck liegt offensichtlich am Inn

Heute ist Innsbruck seiner Zeit voraus. Entlang der Uferstraße führen knallrote Radwege, die Fußgängerzone bekommt eine neue Bepflasterung und an der futuristischen Bahnstation zum Alpenzoo gibt’s eine eigene Waschstation für Fahrräder.  Überhaupt pflegt das Land sein Image als „Fahrradland Tirol“. Mehrmals passieren wir elektronische Zählstellen für Radfahrer. Das kennen wir  bisher nur aus der Radfahrerhochburg Kopenhagen. Die Radwege in Tirol sind denn auch gut in Schuss. Das ist keine Kleinigkeit,  denn allein die Bergabschnitte des Innradwegs sind erheblicher Erosion ausgesetzt. Mehrmals umfahren wir Instandhaltungsbaustellen.    

Auf dem Weg nach Kufstein mäandert die Landschaft so vor sich hin. Wir sehen wieder Burgen und Schlösser, Land- und Holzwirtschaft sowie Feldarbeiter, die bei stechender Hitze Kohl und Salate ernten.  Die sehenswerte Altstadt von Hall, die einst mit dem Salzhandel reich geworden ist – wir werden dazu noch mehr erfahren – besuchen wir diesmal nicht. Auch Wattens und seine von André Heller geschaffenen Swarovski-Kristallwelten lassen wir links liegen.

Am Abend, in der schönen Altstadt von Kufstein angekommen, bewegt vor allem der Fußball die Gemüter.  Nach dem 2:0 der Deutschen gegen Ungarn wähnen wir die Welt noch in Ordnung. Julian Nagelsmann strahlt über die Bildschirme Zuversicht aus. Auch unsere Tiroler Kneipennachbarn sind gut drauf, denn auch Österreich liegt noch gut im Rennen.       

Gute Stimmung in Kufsteins Kneipen: Julian Nagelsmann zur Lage der Nation  

Wir verlassen Kufstein auf dem Tiroler Ufer des Inns. Der Weg ist nun fast eben und verläuft durch eine malerische Voralpenlandschaft. Gegenüber von uns liegt das deutsche Kiefersfelden, bundesweit bekannt durch die Staus beim Grenzübergang.

Festspieldorf Erl in Tirol: Passionsspiele seit 400 Jahren

Gute 15 Kilometer von Kufstein entfernt, steht plötzlich mitten im Kornfeld ein moderner mehrstöckiger Holzbau.  Auf einem Schild steht: Künstler:innenresidenz. Dann fallen uns zwei große Festspielhäuser ins Auge. Eines ist weiß getüncht und vermutlich aus den 1950er oder 1960er Jahren, das andere anthrazitfarben und hochmodern. Es ist halb Elf. Gemütlich schlendern junge Musiker mit Geigen, Bratschen und Celli von der Residenz hinüber zu den Festspielhäusern. Auf gut Glück sprechen wir einen jungen Cellisten an. Er kommt aus Mexiko. Im Juni, so erzählt er uns, proben hier Musiker:innen aus aller Welt für die Tiroler Festspiele. Auf dem Programm steht Wagners Ring der Nibelungen.  In Erl, einem Tiroler Dorf mit 1500 Einwohnern, ist wirklich was los! So stellt sich heraus, dass dieser Weiler der Ort mit den ältesten Passionsspielen im deutschsprachigen Raum ist.  Hier werden sie seit 400 Jahren aufgeführt, wie in Erl gerne betont wird,  (etwas) länger also als im bekannten Passionsort Oberammergau.  In Erl wird die Passion alle sechs Jahre aufgeführt. Das nächste Mal schon 2025.

Nußdorf am Inn: Ein bayerisches Kleinod

Nicht weit hinter Erl passieren wir die Grenze von Tirol nach Bayern.  Auf dem Radweg merkt man das nicht wirklich, außer man weiß, dass schon der nächste Ort am Inn Nußdorf heißt. Und Nußdorf gilt laut unserem Radführer als eines der schönsten Dörfer Deutschlands. Deshalb leisten wir uns einen Abstecher und finden tatsächlich viele gut erhaltene historische Bauernhöfe, adrett mit Geranien vorm Balkon und Hochbeet im Vorgarten. Es gibt Kunst am Mühlbach, eine bestens sortierte Bäckerei namens Café Leitner. Ja, und dann werden in Nußdorf auch die Betten besonders gut gelüftet.  

Schlafzimmerblick in Nußdorf

5. Zweieinhalb Atomkraftwerke

Auf unserer rund  370 km langen Reise entlang des Inns von Maloja nach Wasserburg passieren wir 20 Wasserkraftwerke. Die meisten befinden sich auf dem Tiroler und Bayrischen Flussabschnitt, wo der Inn zu einem breiten Strom herangewachsen ist.

Das Laufwasserkraftwerk Imst deckt 10% des Strombedarfs Tirols

Alle 10 bis 30 Kilometer kommt das nächste Kraftwerk. So wird der Fluss intensiv zur Stromgewinnung genutzt. Insbesondere in den Alpentälern der Schweiz und in Österreich sind die Kraftwerke besonders komplexe technische Anlagen. Das Wasser wird in Druckrohrleitungen aus vielen Kilometer entfernten Stauseen herangeführt oder aus steilen Fallrohren in die Turbinen geleitet. So entsteht Kraft. Die gesamte Stromerzeugungskapazität aller Wasserkraftwerke entlang des Inns beträgt 3.500 Megawatt. Im Vergleich: Jedes der drei letzten in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2, hatte eine Kapazität von 1.400 MW.  Der Inn hat also die Kraft von zweieinhalb Atomkraftwerken.

Eingefasster Innabschnitt zwischen Kufstein und Wasserburg

Wasserkraft ist eine günstige und dauerhaft verfügbare erneuerbare Energiequelle, die die Menschen schon seit Urzeiten nutzen. Zum Beispiel um Mühlen zu betreiben oder eben Elektrizität zu erzeugen. Doch wie jede Form der Stromversorgung, hat auch diese ihre Schattenseiten. Die Klimaveränderungen und extremen Wetterschwankungen der letzten Jahre haben zu Trockenheit oder im anderen Extrem zu Überschwemmungen geführt. Auch die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt hat gelitten. Die Flussbegradigungen des Inns haben diese Effekte verstärkt.  Jetzt werden entlang des Flusses wieder Auen angelegt und Überflutungsflächen ausgewiesen. Naturschützer freut das. Doch es regt sich auch Protest: „Kein Überschwemmungsgebiet in Radfeld!“ fordern Landwirte auf großen Schildern in dieser ländlichen Gemeinde zwischen Innsbruck und Kufstein. Sie fürchten um ihre Wiesen, auf denen das Futter für die Viehwirtschaft wächst. Es ist nicht einfach, allen und allem gerecht zu werden. 

6. Wasserburg: Wohl und Wehe einer Stadt am Fluss     

    Die letzten Kilometer unserer Innradtour wären beinahe ins Wasser gefallen. Kurz vor Wasserburg verläuft der Weg über offene Felder und Hügel. Plötzlich zieht ein Gewitter auf.  Das Grollen kommt immer näher, wir spüren die ersten Regentropfen. Mächtig treten wir in die Pedalen, holen die letzten Reserven aus unseren Akkus heraus.  Dann haben wir es gerade noch geschafft.  Kaum sind wir in der Herberge angekommen, bricht das Gewitter richtig los.  

    Wasserburg, das muss man wissen, liegt auf einer Halbinsel im Inn. Es ist die einzige Stadt am Inn, die auf so einer Flussschleife liegt.  In hügeligem Gelände, so berichtet eine Reportage des Bayrischen Rundfunks,  hat sich der Inn über die Jahrtausende gute siebzig Meter tief eingegraben. Der massive Burgfelsen der Wasserburg, die dem Ort den Namen gibt,  zwingt den Inn, über eine 270 Grad Schleife auszuweichen, und zwar mit erheblicher Kraft. Wie ein Formel 1-Fahrer, der zu spät bremst, reißt der Fluss in der Außenkurve jedes Jahr 60 Zentimeter Land mit sich. In der Innenkurve schwemmt der Inn im Gegenzug ständig Neuland auf. So wächst die Halbinsel Wasserburg Jahr für Jahr ein Stückchen weiter. Auf den Freiflächen ist ein Sportplatz entstanden. Der Spazierweg am Flussufer ist mit Kunstwerken garniert.

    Blick auf Wasserburg  vom 60 m höher gelegenen Kellerberg (Foto: J. Jansen)  

    Wasserburg war im Mittelalter eine reiche Stadt. Sie lebte vom Salz, das in großen Schiffsverbänden von Hall in Tirol (wir erinnern uns!) über Wasserburg bis hinunter nach Passau und über die Donau nach Wien transportiert wurde. Natürlich gab es damals noch keine Wasserkraftwerke, die den regen Schiffsverkehr auf dem Inn behindert hätten. Flussaufwärts zogen Pferde die Konvois von mehreren Schiffen, flussabwärts fuhren die flachen Kähne alleine. Wasserburg besaß ein wichtiges Privileg. Es durfte anordnen, dass die Salztransporte  in der Stadt gelagert und gehandelt werden. So wurde es zu einem bedeutendem Zentrum des Salzhandels und zog Kaufleute und Handwerker verschiedener Zünfte an.

    Nahe der Innbrücke und rund um den zentralen Marienplatz sehen wir noch heute herrschaftliche Patrizierhäuser mit italienisch anmutenden Kolonnaden im Erdgeschoß.  Dahinter befinden sich dann in der Färbergasse und Lederzeile die bescheideneren Handwerkerhäuser. Schlicht wird die Bebauung  in der Gasse an der Stadtmauer, denn die grenzt an den Friedhof. So nah bei den Toten will eben keiner leben. Schon kurios wirkt die Hackordnung der Stände in der Stadtkirche St. Jakob. Historische Namensschilder auf den Kirchenbänken legten fest, wer wo sitzt. Vorne die Magistratsherren, dahinter die Handwerker und das gemeine Volk. Der Herr Doktor wurde übrigens hinter dem Metzgermeister platziert. Ein Nebeneffekt der Sitzordnung: Der Herr Pfarrer konnte aufs Beste kontrollieren, wer zum Gottesdienst kam und wer schwänzte.   

    Bunte Häuser und schöne Kneipen in Wasserburg

    Mit dem Aufkommen der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts war die Innschifffahrt beendet und damit auch die Blütezeit der Städte am Inn, die vom Handel auf der Wasserstraße profitierten. Auch Wasserburg verlor an Bedeutung. Heute ist Wasserburg ein munteres kleines Städtchen, das auf Tourismus setzt. Längst haben die Innradler die Innschiffer ersetzt. Wer Zeit und Muße mitbringt, wird in den lokalen Gastwirtschaften bestens versorgt und sollte sich Mittags um 12 Uhr Weißwürste servieren lassen.

    Von Wasserburg führt einer der vielen Jakobswege weiter nach Santiago di Compostela. Diesen Weg heben wir uns für ein anderes Mal auf und steigen stattdessen in einen Zug der Bundesbahn.  Start- und Zielort unserer Tour ist Ehrwald/ Tirol.  Als wir dort ankommen, sind wir so zufrieden, dass wir der Bahn ausnahmsweise ihre notorische Verspätung nachsehen. 

    Unsere Innradroute von der Schweizer Grenze über Tirol nach Bayern:  Martina (1035 m) – Pfunds – Landeck – Imst – Mötz – Stams – Telfs – Innsbruck – Jenbach – Kufstein – Erl – Nußdorf – Rosenheim – Wasserburg (423 m), rd. 265 km,  nützlicher Radführer: bikeline, Inn-Radweg 1 und 2. Alle Fotos sofern nicht anders markiert: C. Sigrist