Von Radlerbrücken und Glücksgefühl: Kopenhagen

Cirkelbroen und „Schwarzer Diamant“

Laufroute: Mit dem Rad aus dem Stadtteil Nørrebro bis zum Café la Pausa am nordöstlichen Ufer des Peblinge Sees, dann Laufstrecke am Seeufer, über Brücke Dronning Louises, Gothersgade, Kings Garden mit Schloss Rosenborg, Nyhavn, über die Brücke nach Christianshavn, Circle Bridge, Lille Langbro Brücke, DAC, Frederiksholm Kanal, Königspalast, Margstraede, Strøget, Købmagergade, Kultorvet, Nørreport, Orstedsparken, Seepavillon; 8,3 km.

8 km Rundlauf im Uhrzeigersinn

Als Brasilia 1960 zur neuen Hauptstadt des größten Landes Südamerikas gekürt wurde, war Jan Gehl begeistert von Oscar Niemeyers monumentaler Meisterleistung. Niemeyer und seine Mitstreiter hatten mitten im Urwald eine Stadt aus dem Boden gestampft, die den Menschen Wohlstand, Demokratie und Freiheit versprach – und ein eigenes Auto. Denn Fußwege und Bürgersteige sind in Brasilia bis heute Mangelware.[1]  Doch dann stellten sich der junge dänische Stadtplaner und seine Frau die Frage, was Architektur eigentlich mit den Menschen macht, die in ihr und um sie herum leben müssen. Sie gingen auf die Straßen und Plätze Kopenhagens und fragten bei den Einwohnern nach. So erzählt es jedenfalls Jan Gehl 2014 in einem Interview mit brandeins online.

Menschenfreundliche Stadtplanung
Kopenhagens Stadtverwaltung hatte mit dem sog. Fingerplan schon früh auf die Vernetzung von Stadtentwicklung mit Naherholungsgebieten gesetzt. Nun begleitete die Stadt die Forschungsarbeiten von Gehl und seiner Frau und setzte ihre Empfehlungen behutsam um. Der Erfolg ist offensichtlich: 1960 verpesteten Autoschlangen die Innenstadt Kopenhagens. Heute sind im Zentrum sämtliche Plätze autofrei. Parkplätze werden Zug um Zug reduziert, Radwege weiter ausgebaut. Mehr als ein Viertel aller Kopenhagener ist inzwischen mit dem Fahrrad unterwegs. Für viele Menschen ist das schlicht die schnellste und sicherste Form der Fortbewegung – und für die Stadtplaner ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaneutralität. Doch die Entwicklung wirft auch Schatten, denn die Mietpreise sind hoch und ältere Menschen ziehen sich aufs Land zurück.

Wie fühlt sich das an, in einer den Menschen so zugewandten und lebensbejahenden Stadt unterwegs zu sein? Ich mache einen Selbstversuch, miete mir ein Fahrrad und radle und jogge im Juli 2021 kreuz und quer durch die Stadt.

An einem schönen Sommermorgen fahre ich vom kulturell sehr abwechslungsreichen Stadtteil Nørrebro mit Harry, meinem Mietfahrrad, bis zum Café la Pausa, ein wunderbar gelegener Ort am Rande eines Seengürtels, der mitten durch die Stadt verläuft.  Schon das Morgenlicht über dem See wirkt euphorisierend. Und das ist gut so, denn meine nun beginnende acht Kilometer lange Laufrunde durch die Stadt erfordert Durchhaltevermögen.

Morgenstimmung am Peblinge

An der Dronning Louises Brücke biege ich rechts ab in Richtung Innenstadt und laufe dann die Gothersgade knapp zwei Kilometer zum Nyhavn (Neuer Hafen) hinunter, mitten hinein in Kopenhagens touristische Puppenstube. Gothersgade bedeutet so viel wie „Straße der gotischen und wendischen Könige“, ein Titel, den das dänische Königshaus lange für sich beanspruchte. Königlich ist an der vielbefahrenen Straße mit etlichen Kneipen aber nur Schloss Rosenborg, das inmitten der Königlichen Gärten liegt. Ein Striplokal gegenüber wirbt damit, ausschließlich dänische Damen zu beschäftigen. Ist das womöglich eine Folge der restriktiven Einwanderungspolitik?

Nyhavn ist ein im 17. Jahrhundert angelegter Kanal, der Kopenhagens Hafen mit dem Neuen Königsmarkt, ein zentraler Platz in der Altstadt, verbindet. Der Kanal mit seinen pittoresken Häusern aus dem 18. und 19.Jahrhundert entfaltet vor allem am frühen Morgen seinen besonderen Charme.  Tagsüber und abends jedoch, wenn die Menschen um die zahllosen Kneipen und Souvenirläden flanieren, gibt es kaum ein Durchkommen.

Nyhavns Charme am Morgen

Wenn Wasser zum Spielplatz wird
Ich nähere mich jetzt der breiten Wasserstraße, die Kopenhagen mit der Ostsee verbindet. Die Einheimischen haben das blitzsaubere Wasser im Hafen längst als Schwimmbad und Vergnügungspark in ihren Alltag integriert. Die besucherfreundlichen Uferanlagen sind zugleich Strandbad, Treffpunkt, Liegewiese oder Partyfläche.

Gleich hinter dem Nyhavn trabe ich über die Inderhavnsbroen, eine überaus elegant geschnittene Fußgänger- und Radfahrerbrücke, hinüber nach Christianshavn. Jenseits der Brücke liegt eine beliebtes Street Food Areal.  Das alternative Nachbarviertel – die in den 1970er Jahren gegründete Freistadt Christiania – lasse ich allerdings links liegen, denn wer sich dort auf der Pusher Street mit Rauschmitteln benebeln will, macht das lieber später am Tag.

Ich hab’s mehr mit dänischer Architektur und blicke von der Inderhavens-Brücke auf das weit über das Wasser gebaute Schauspielhaus. Schräg gegenüber die Silhouette des Opernhauses  – zwei Stilikonen des modernen Kopenhagens.

Theater über Wasser

Der Ortsteil Christianshavn ist ebenfalls weitgehend Neubaugebiet. Von seiner Wasserfront hat man den besten Blick auf Kopenhagens Altstadt. Mein Favorit ist die Circle Bridge, eine Brückenkonstruktion für Fußgänger und Radler aus mehreren kreisrunden Plattformen. Sie liegt exakt gegenüber dem „Schwarzen Diamanten“, also der Dänischen Königlichen Bibliothek, eine überaus gelungene architektonische Symbiose von Alt und Neu. Die Lesesäle strahlen ein so einzigartiges Ambiente aus, dass bei den hier Studierenden – das ist empirisch belegt – unwillkürlich Glücksgefühle aufkommen.  

Design kann glücklich machen
Über die Lille Langebro, eine weitere elegant geschwungene Radbrücke über den Hafen, geht es wieder zurück in die Altstadt. Doch jenseits der Brücke laufe ich zunächst auf riesige, kreuz und quer aufeinander gestapelte anthrazitfarbene Legosteine zu – eine Verbeugung vor einem der weltgrößten Spielzeughersteller aus dem dänischen Billund. Im Innern des Gebäudes ist das Danish Architecture Center (DAC) untergebracht, in dem mit einer kleinen Prise Selbstbewusstsein die unbestreitbaren Errungenschaften dänischer Stadtplanung und Architektur gewürdigt werden. 

Das DAC werde ich später besuchen. Deshalb laufe ich weiter und nähere mich entlang des Frederiksholm Kanals erneut königlichen Gefilden. Vor dem monumentalen Schloss Christiansborg thront Christian IX. auf hohem Ross, König von Dänemark von 1863 bis 1906. Er heiratete übrigens seine deutsche Cousine, eine Prinzessin von Hessen, was allerdings nicht den deutsch-dänischen Krieg von 1864 um die Herzogtümer von Schleswig und Holstein verhindern konnte. Immerhin gelang es dem Paar, ihre sechs Kinder allesamt in diversen Königshäusern unterzubringen. Das brachte Friedrich IX. den Ehrentitel „Schwiegervater Europas“ ein. Aus Schloss Christiansborg selbst ist die Königsfamilie inzwischen in das nahegelegene Schloss Amalienborg umgezogen. Das hat besonders viele Schornsteine, weil die amtierende Königin Margrethe II., so wird gewitzelt, Kettenraucherin ist. In Christiansborg sind unterdessen die heutigen drei Gewalten der dänischen Demokratie eingezogen: Exekutive, Legislative und Judikative walten allesamt unter einem, wenn auch sehr großen Dach.    

Mein weiterer Laufweg führt mich durch die Margstraede, angeblich die älteste Straße der Stadt. Durch das Altstadtlabyrinth lande ich schließlich dort, wo die große Fußgängerstraße Strøget auf den Storchenbrunnen trifft. Hier könnte man sich wohlfühlen, wenn man nicht wüsste, dass die dänische Kriminalautorin Katrine Engberg in ihrem Thriller „Glasflügel“ ausgerechnet in diesem Brunnen eine Frauenleiche versenkt hat.

Entlang der menschenleeren, tagsüber aber sehr belebten Købmagergade mit ihrem weißgrau-melierten Fußbodenbelag und der gelben Schlangenlinie in der Mitte passiere ich den berühmten Runden Turm von Kopenhagen. Im 17. Jhd. wurde er als Sternwarte erbaut und mit einem Wendelaufgang versehen, der auch zu Pferde bestiegen werden kann.

Am Kultorvet-Platz plätschern am Morgen schon die Wasserspiele. Die Straßencafés haben geöffnet und drinnen schnaufen die Siebträgermaschinen. 

Wasserspiele am Kultorvet Platz

Nun ist es nicht mehr weit zu meinem Ausgangspunkt. Ich gönne mir noch einen Besuch auf dem Blumenmarkt am Bahnhof Nørreport sowie einen Abstecher in den idyllischen Orstedsparken, ein kleiner Stadtpark mit See, der am Morgen vor allem von älteren Hundeliebhabern frequentiert wird. Zurück amPeblinge Sø, hat sich schon eine Gruppe Jogger zu Dehnübungen am Seepavillon versammelt. Die Männer mit Tattoo machen es mit nacktem Oberkörper. Ein Bagger reinigt bedächtig den Seeboden. Auch für die Enten und Schwäne soll alles schön hyggelig sein.


[1] Vgl. in dieser Serie: Laufspass auf der Stadtautobahn: Brasilia trotzt der Krise, November 2016 (laufspass auf der Stadtautobahn | Suchergebnisse | viertelvorsieben

Abschied von gestern – ein Rundlauf am Rhein

Alles, was keiner mehr will, kommt weg.

Unterm Sitzpolster des Esszimmerstuhls hängen die Drahtfedern heraus.  Der Bezug ist abgewetzt und fleckig, die Ecken sind aufgeplatzt. Mit anderem Gerümpel steht er wie bestellt und nicht abgeholt im Wohnzimmer herum. 

Vorsichtig nehme ich Platz, schnüre mir die Laufschuhe und verlasse das fast leere Haus. Der Schlüssel kommt unter die Mülltonne. Es ist meine Abschiedsrunde durch den Rheinauenpark. 

Das Wetter ist an diesem frühen Samstagmorgen prächtig. Ich höre die Vögel richtig laut zwitschern und treffe auf der Straße ältere Menschen, die ihre gleichaltrigen Hunde ausführen. 

Rundlauf durch den Bonner Rheinauenpark: Donatusstraße, Kennedyallee, Kolumbusring, Europastraße, Martin-Luther-King-Straße, Auensee, von-Sandt-Ufer (Rheinuferweg), St. Evergislus Friedhof, Auerhofstraße, Leonardusstraße, Donatusstraße; 5,9 km

Der Parkplatz vor dem ALDI Supermarkt an der Kennedyallee ist praktisch leer. Auch der Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang sowie der Platz gegenüber sind frei. Der Pfahl mit dem Behindertenschild steht wieder aufrecht. Im Blumenbeet vor der Parkbucht sind keine Reifenspuren mehr erkennbar. Alles wirkt friedlich an diesem Morgen.

Nilgänse, Baseball und Solarenergie
 Im Wohnpark jenseits der Kennedyallee hoppeln die Karnickel auf den feuchten Rasenflächen herum. Sie scheinen hier Hausrecht zu haben und lassen sich von mir nicht aus der Ruhe bringen. Die schmucken, aber bescheidenen Häuserzeilen aus den 50er und 60er Jahren gehören zur amerikanischen Siedlung in Plittersdorf.  Davon zeugen auch die Straßennamen: Kennedyallee, Kolumbusring, Martin-Luther-King-Straße. Ich weiß nicht, wie viele Amerikaner hier heute noch leben. Das Gebäude des amerikanischen Clubs, wo sich die Familien sonntags zum Brunch trafen, ist schon seit langem geschlossen und wegen Einsturzgefahr abgeriegelt. Die Wände sind mit Graffitis besprüht.

Ein paar Erinnerungen an amerikanische Zeiten gibt es noch. Auf dem Platz, den jetzt eine wachsende Schar von Nilgänsen okkupiert, trainiert das Baseballteam der Bonn Capitals. Das Team entstand um die Wendezeit, gegründet von Freunden Amerikas. Inzwischen spielt es immerhin in der Champions League. Auf der Martin-Luther-King-Straße stoße ich auf einen bekannten Firmennamen, der nun auch schon Geschichte ist: Hinter hochgewachsenen Büschen liegt das ehemalige Hauptquartier der Solarworld AG. 2017 musste das einstige Bonner Vorzeigeunternehmen Insolvenz anmelden. Üppige Subventionen aus dem Energieeinspeisegesetz (EEG) hatten Solarworld einen privilegierten Platz an der Sonne verschafft. Dann aber holte die Konkurrenz aus China auf. 

Die Nilgänse im Rheinauenpark vermehren sich schneller als die Karnickel.

Inzwischen bin ich im Rheinauenpark angekommen. Auf dem Auensee breiten sich Seerosenblätter aus. 1979 wurde der Park für die Bundesgartenschau angelegt. Es wurden eigens Hügel aufgeschüttet, die die Silhouette des Siebengebirges auf der anderen Rheinseite widerspiegeln sollten. Damals sah das alles ziemlich künstlich und kahl aus. Gute vierzig Jahre später ist der Park wunderbar eingewachsen. Die großen Bäume verstecken auch eine mittendrin gelegene Kläranlage.

Schwäne und Raver
Nahe am Seeufer verläuft ein schöner Naturpfad, ideal zum Joggen. Es scheint so, als hätten sich heute Morgen die wenigen Parkbesucher die Flächen untereinander aufgeteilt. Hier die Nilgänse mit zahlreichem Nachwuchs. Dort die Schwanenkolonie. Die großen weißen Vögel demonstrieren Selbstbewusstsein. Jogger sollten besser Abstand halten.  

Und dann sind da noch jene Gäste, deren wummernde Geräusche ich schon lange höre, bevor ich die jugendlichen Raver am Seeufer campieren sehe. Zum Cool-Sein gehört der Geräuschpegel einfach dazu. Und auch Hochprozentiges. Am Grillplatz stehen ziemlich viele leere Flaschen herum.

Schwanengesang oder Morgengymnastik?

Oben auf einem der Hügel liegt das Parkrestaurant Rheinaue. Wie häufig dort die Eltern über die Jahre mit Kindern, Enkeln, Urenkeln, Pflegerinnen und Pflegern zu Gast waren, hat keiner mitgezählt. Als der Vater, weit in den Neunzigern, nicht mehr konnte, zückte die Mutter ihre Scheckkarte, raunte dem Sohn für alle hörbar die Geheimnummer zu und ließ die Rechnung von ihm begleichen. Der Mann zahlt. Für sie gehörte sich das so.

Hinter der Südbrücke ragt das alte Abgeordnetenhochhaus heraus. Es stammt aus der Zeit, als Deutschland noch aus Bonn regiert wurde. Inzwischen ist dort das UN-Klimasekretariat eingezogen. Bonn hat trotz des Umzugs der Hauptstadt dank des Bonn-Berlin-Gesetzes  einen beachtlichen Boom erlebt.  

Rheinwasser an Friedhofsmauern
Unterhalb der Südbrücke trabe ich zum Rhein hinunter und nehme den Uferweg nach Süden. Ein Kilometerstein für die Schifffahrt zeigt an, dass der Rhein hier schon 651 km lang ist. Ich laufe ein paar Kilometer stromaufwärts. Mit den langsameren Kähnen kann ich sogar Schritt halten. Das Wasser schwappt an die Böschung. Nach den vielen Regenfällen des Sommers führt der Fluss reichlich Wasser. Vor ein paar Jahren wuchsen auf dem austrocknenden Flussboden noch Tomatenpflanzen.  

„Der Rhein hat wenig Wasser!“ pflegte die Mutter zu sagen. Was zunächst noch Small talk war, erstarrte später zur wiederkehrenden Floskel, ganz unabhängig vom Wasserstand. Als der Sohn den Vater vor ein paar Jahren am Rhein spazieren fuhr, reichte das Wasser noch bis knapp an die Friedhofsmauern der St. Evergislus Kirche. Der Rollstuhl drohte im Morast stecken zu bleiben.  

Friedhofsmauern von St. Evergislus

„St. Evergislus hat den einzigen Friedhof in Bonn mit Unterbodenreinigung“ scherzte später der Gemeindepfarrer über das wiederkehrende Hochwasser am Rhein. Er war zur letzten Ölung des Vaters herbei geeilt. Ich erkundigte mich, ob auf dem Friedhof noch Platz wäre. Denn die Friedhofsverwaltung hatte dem Vater früher einmal geraten, doch bitte „ein halbes Jahr vorher“ nochmal nachzufragen. Das „halbe Jahr“ war jetzt plötzlich vorbei. 

Prunk am Abgrund
Nach dem Unfalltod der Mutter auf dem ALDI Parkplatz waltete ein neuer Gemeindepfarrer seines Amtes. Und fristgerecht gab es auch noch ein Sechswochenamt in der Bonner St. Remigius Kirche. Der Zufall wollte es, dass an diesem Gedenksonntag auch ein Kölner Weihbischof zur Visitation in Bonn weilte. Und so geriet die Familie unfreiwillig mitten hinein in das Kölner Bistumsdebakel.

Dem Bischof zu Ehren wurde in der Messe der ganze Prunk katholischer Hochämter aufgefahren. Selbst im Schlaf könnte ich die typischen Gerüche und Geräusche wieder erkennen: Weihrauch wird in alle Himmelsrichtungen geschwenkt, Räuchergefäß und Kette machen dabei dieses typisch scheppernde Geräusch. Von der Empore erschallen Orgel- und Trompetenklänge. Die zahlreichen Messdiener im rotweißen Gewande schreiten beim Einzug in die Kirche in Reih und Glied vor Pfarrer und Bischof einher. Ansonsten sieht man sie mal stehend, mal kniend neben dem Altar. Einer von ihnen aber muss höllisch aufpassen und an der richtigen Stelle klingeln, wenn in der Wandlung der Leib Christi präsentiert wird. Danach gilt es, die Klingel möglichst geräuschlos wieder abzustellen. Die ganze Gemeinde passt auf, dass das auch klappt. Eine Ordensschwester – tatsächlich tritt an dieser Stelle der Messe eine Frau auf – trägt in der Lesung einen Brief von Paulus an die Korinther (1 Kor 7, 32-35) vor. Paulus schreibt über das Verhältnis von Männern und Frauen und wie sie Gott, dem Herrn in rechter Weise dienen können. Der kurze Text geht – in Auszügen – so:

Brüder! (…) Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.

Der Weihbischoff predigt dazu mit ruhiger Bassstimme. Alles geschieht in Liebe und Dienerschaft zu Gott. Das überrascht aus seinem Munde nicht, aber hat er in Sachen Sexualität nicht ein zentrales Thema unerwähnt gelassen? Wenige Wochen später lässt der Bischoff sich im Zuge der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum Köln und dem darin gemachten Vorwurf des pflichtwidrigen Umgangs mit sexualisierter Gewalt von seinen Aufgaben freistellen. Was er sich vorzuwerfen hat, wird – weiß Gott! – wohl sein Geheimnis bleiben.

Auf dem Weg vom Rheinufer zum Elternhaus mache ich einen Umweg über den St. Evergislus Friedhof. Vor dem Grab der Eltern zu stehen, ist kein einfacher Moment.  Ich streiche den feinen Rindenmulch glatt, zupfe ein paar verwelkte Blüten aus dem Blumenschmuck. Zur Ablenkung denke ich an das nächste Rheinhochwasser. Es kommt so sicher wie das Amen in der Kirche und mit ihm dann auch die versprochene Unterbodenreinigung.

Ein Cappuccino hilft immer weiter
Das Haus ist angenehm kühl und still. An der großen Wohnzimmerwand hängt noch ein kleines Aquarell, das keiner mehr wollte. Alles, was keiner mehr wollte, hängt, steht oder liegt noch herum. Die Aufteilung der anderen Dinge folgte einer Dramaturgie, die nicht unbedingt weiter zu empfehlen ist. Ich hatte gedacht, Hinterbliebene wären gut beraten, zusammenzurücken. Tatsächlich scheinen die Fliehkräfte stärker zu sein.    

Die Frühstückcroissants aus dem ALDI und der Cappuccino to go aus dem Café nebenan sind richtig lecker. Das Auto habe ich beim Einkauf etwas abseits geparkt.

Mit Opa durch Hilversum

(Aus der Reihe „viertelvorsieben für Senioren“)

Rosenmarkt Hilversum

Rosen und Gemüse
Marieke liebt nicht nur Rosen, sondern ist auch eine begeisterte Gemüsepflanze. Fröhlich stopft sie blanchierten Broccoli und Blumenkohl, Möhrchen, Süßkartoffelchips oder Gurkenstückchen in ihr kleines Mäulchen. Kaum sichtbar blitzen die ersten Zähnchen aus dem Unterkiefer.  Also muss Marieke das ganze Gemüse zwischen ihren zahnlosen Kiefern zermalmen. Das ist mit ihren neun Monaten eine gehörige Anstrengung. Wenn ich jetzt schon mein drittes Gebiss hätte, könnte ich es herausnehmen und mit ihr um die Wette malmen. Aber Marieke geht es gar nicht um Geschwindigkeit, sondern um Genuss. Also bitte nicht ungeduldig werden, Opa!

Meine Enkelin hat in Wirklichkeit einen anderen wunderschönen Namen. Aber „Marieke“ gefällt mir als Pseudonym für eine echte halbe Niederländerin besonders gut.

Radio Hilversum
Bis also alles aufgegessen oder auf dem Boden verteilt ist und wir zum Spaziergang durch Hilversum aufbrechen, dauert es noch eine kleine Weile. Da kann ich noch schnell erzählen, was es mit Hilversum eigentlich auf sich hat. Dafür müssen wir uns für einen Moment in die 1960er und 1970er Jahre, also in die gute alte Zeit der Mittelwellensender, zurück versetzen. Die heißesten Songs der Beatles und Rolling Stones, die Rock n‘ Roll Nummern von Little Richard oder Chuck Berry hörten wir damals auf MW-Piratensendern. Radio Nordsee International, Radio Veronica oder Radio Caroline hießen die Sender, die auf kleinen Booten in internationalen Gewässern vor der Küste Hollands kreuzten.  Dabei rauschte und knisterte es immer ganz fürchterlich, aber das lag wohl am Wellengang und vermittelte das Gefühl von verbotenem Abenteuer.

Radio Hilversum war damals auch so ein europaweit bekannter Mittelsender, aber einen Tick bürgerlicher, denn Hilversum hatte einen festen Platz auf der Senderskala der großen alten Rundfunkgeräte. Hilversum klang für mich immer so ein bisschen wie Universum. Das lag überall und nirgendwo.  Deshalb habe ich lange nicht geahnt, dass Hilversum tatsächlich eine ganz reale Stadt mit heute 90.000 Einwohnern in der niederländischen Provinz Noord-Holland ist. 1985 wurden die Mittelwellensender europaweit abgeschaltet. Hilversum aber ist bis heute die Medien-Stadt der Niederlande und Sitz zahlreicher Fernseh- und Radiosender.

Hundeparadies im Gooiland

Die Entdeckung von Hilversum habe ich Marieke zu verdanken. Oder eigentlich ihren Eltern, die früh erkannt haben, dass Hilversum ein Ort mit hoher Lebensqualität ist, bequem zwischen den Arbeitsplätzen in Utrecht und Amsterdam liegt und noch dazu eine direkte Zugverbindung nach Berlin hat. Im Land mit der größten Bevölkerungsdichte Europas liegt Hilversum verblüffenderweise inmitten von weiten Heidelandschaften, dichten Wäldern, bunten Wiesen und blauen Seen.

Alles Käse
Jetzt sind wir endlich startklar für unseren Spaziergang durch die adrette Innenstadt von Hilversum. Wegen Corona wird auf den rotgepflasterten Wegen immer wieder an die Abstandsregeln erinnert: „Welkom, houdt 1,5 meter afstand“. Das verstehen selbst wir. Die Niederlande gelten derzeit als sog. Hochinzidenzgebiet. Und doch herrscht auf dem Samstagsmarkt so munteres Treiben, dass wir uns schnell von der entspannten Stimmung anstecken lassen. Manche Einheimische tragen zwar Alltags- oder gar OP-Masken. Doch mit unseren FFP 2-Masken fallen wir genauso aus dem Rahmen, wie wenn wir mit Fahrradhelm durch Holland radeln würden.

Holland Kaascentrum

Unseren ersten Halt machen wir beim Käse. Man braucht eigentlich nur in die Nähe der großen gelben Räder zu kommen, und schon setzt der Kaufrausch ein. Der Händler gibt uns die freundliche Empfehlung, dass nicht nur der holländische Käse Spitzenklasse, sondern auch der französische (!) Morbier hervorragend zum Raclette-Essen geeignet sei. 

Als nächstes besuchen wir den Tulpenstand. Meine blumenvernarrte Gattin kauft mit Wonne jene hochgezüchteten Gewächse, deren Blütenblätter so ausgefranst sind, als hätte sie jemand mit einer Nagelschere traktiert. Marieke ficht das alles nicht an. Halb schlafend, halb dämmernd hat sie ihre blaue Mütze tief über die Augen gezogen und nuckelt an ihrer blauen Wassertasse. Im ebenso blauen Wolloverall liegt sie als gelungene Gesamtkomposition im roten Kinderwagen.

Beim Fischstand gibt’s dann kein Halten mehr. Roher frischgefangener Hering an Zwiebelwürfeln mit sauren Gurkenscheiben, serviert auf silberglänzenden Pappschalen: Umsonst gelebt, wer hier nicht zugreift! Alle essen im Stehen, die nahegelegenen Bänke sind wegen Corona abgesperrt.  

Haring mit Fähnchen

Dudoks Vermächtnis
Wer genau hinschaut, bemerkt in Hilversum eine prägnante architektonische Handschrift. Willem Marinus Dudok war von 1915 bis 1954 zunächst Direktor der Stadtwerke und später Stadtarchitekt von Hilversum. In dieser Zeit hat er in seinem zeitlos schlichten Stil bemerkenswerte Bauwerke geschaffen, die bis heute Bestand haben: Arbeitersiedlungen, Schulen und Sportstadien bis hin zum überregional bekannten Rathaus von Hilversum.

Marinus Dudoks Rathaus von Hilversum

Auf dem Heimweg laufen wir am Café Dudok vorbei. Der Wirt schrubbt gerade die Terrasse, weil die Öffnung der Außengastronomie kurz bevorsteht. Außerdem ist in wenigen Tagen Koningsdag. Bis dahin soll alles wieder schön sein  – so wie es früher einmal war!

Hoffen auf bessere Zeiten

Die wahre Geschichte vom Corona-Marathon

Die Schlacht bei Marathon, Bildquelle: Die Welt, picture-alliance/ Mary Evens Pi

Der tapfere Pheidippides
Je länger die Krise andauert, desto häufiger wird in der öffentlichen Debatte das Bild vom Marathonlauf bemüht. Doch hilft uns diese Metapher wirklich weiter? Sind wir nach 42,1 Kilometern tatsächlich schon am Ziel? Historiker vermuten schon länger, dass der Tageläufer Pheidippides 490 Jahre vor Christus weit mehr als nur die knapp 40 Kilometer von Marathon nach Athen gelaufen ist, um den Sieg über die Perser zu verkünden. Denn es war wohl nur die letzte Etappe eines Ultramarathonlaufes, der ihn zunächst von Athen auf den Peloponnes nach Sparta (220 km) führte, um die Spartaner im Kampf gegen die Perser zu Hilfe zu rufen. Von Sparta lief Pheidippides wieder zurück zum Schlachtfeld bei Marathon (250 km). Von dort schleppte er sich schlussendlich nach Athen (33 km), wo er mit der Verkündigung des Sieges vor Erschöpfung tot zusammenbrach. So erzählt es die Legende. Wird so auch unser Corona-Marathon enden?  

2500 Jahre später lohnt es sich, an die vollständige Geschichte des Marathonlaufs zu erinnern. Denn die Ausdauer eines Pheidippides könnte uns in diesen unübersichtlichen Zeiten zum Vorbild gereichen. Wie wir heute wissen, bedurfte es im Frühjahr 2020 eben nicht nur 42 Tage eines Lockdowns, um aus der Krise wieder herauszukommen. Wenn wir die Infektions- und Todeszahlen von damals mit jenen von heute vergleichen, dann könnten sie, wie der zynische Herr Bolsonaro einst spottete, tatsächlich wie ein „kleines Grippchen“ erscheinen.

Mehr als 2,6 Millionen Corona-Tote
Zwölf Monate nachdem die WHO den Ausbruch des Coronavirus zur Pandemie und damit zu einer weltweiten Bedrohung erklärt hat, dokumentierte die New York Times am 19. März 2021 folgende Zahlen: Weltweit haben sich nachweislich mehr als 121 Millionen Menschen mit COVID 19 infiziert. Mehr als 2,6 Millionen sind mit und an der Infektion verstorben – über 600 Mal mehr als im März 2020, bis dahin waren es „nur“ 4300 Tote.

Wie die folgende Graphik zeigt, steigt die Kurve der 7-Tage-Inzidenzen seit Februar 2021 weltweit wieder spürbar an. Die Hoffnung auf eine Wende nach dem Höchststand um die Jahreswende 2020/21 ist verflogen. Wir sind am Beginn einer dritten Corona-Welle. Wird es diesmal die letzte sein, bevor wir das Virus endlich unter Kontrolle bekommen?  Wir erinnern uns (vielleicht) an die spanische Grippe. Diese letzte große Pandemie kam in drei Wellen. Zwischen 1918 und 1920 forderte sie laut WHO rd. 45 Millionen Menschenleben.[1]   Von diesen Zahlen sind wir heute noch weit entfernt.

Quelle: New York Times online vom 19.3.2021

Jede Impfung ist eine gute Impfung
Zurück ins antike Griechenland: Wie hat es Pheidippides geschafft, dass die Spartaner den Athenern noch rechtzeitig zur Hilfe eilten? Übertragen auf heute stellt sich die nicht eben triviale Frage: Werden wir in der Lage sein, rechtzeitig genügend wirksame Impfstoffe zu produzieren und zu verabreichen, damit die Zahl der Corona-Toten nicht weiter ansteigt? Seit Dezember werden uns jeden Abend Bilder entblößter Oberarme gezeigt. Dann kommt die Spritze mit der lebensrettenden Injektion. Wie oft werden wir uns das noch anschauen müssen, bis wir endlich selber dran sind?

In Deutschland sind wir stolz, dass der erste Impfstoff ausgerechnet an einem Ort mit der verheißungsvollen Mainzer Adresse „An der Goldgrube 12“ entwickelt wurde. Mehr als 400 Millionen Impfungen wurden laut Datenbank der NYT vom 18.3.2021 inzwischen weltweit getätigt, die meisten davon mit dem Stoff von BionTech Pfizer. Im weltweiten Schnitt sind das 5,2 Impfdosen pro 100 Einwohner.

Absolut betrachtet ist das ein riesiger Fortschritt, relativ aber noch viel zu wenig.  Die bekannten Impf-Spitzenreiter sind Israel, die Seychellen, die Vereinigten Arabischen Emirate und Chile. Doch auch in großen Flächenstaaten wie in Großbritannien (27 Mio. Impfungen) oder den USA (113 Mio.) schreiten die Impfkampagnen erkennbar voran. Deutschland liegt derzeit mit 9,9 Mio. Impfungen und 12 Dosen pro 100 Einwohner auf Platz 38. Die Regionen Asien, Afrika und Ozeanien liegen dagegen deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt. In über 35 Ländern wurde bisher erst weniger als 1 Prozent der Bevölkerung geimpft.  

Ein lebenslanger Kampf
Rd. 70 (Doppel-) Impfungen pro 100 Einwohner bräuchte es – so die Experten – um Herdenimmunität zu erreichen. Nicht nur bei uns, sondern grenzüberschreitend überall. Bezogen auf die Weltbevölkerung müssten also in einer ersten Impfrunde rd. 5 Milliarden Menschen versorgt werden, je nachdem, ab welchem Alter Kinder ebenfalls geimpft werden müssen.  Zudem festigt sich die Erkenntnis, dass die immer neuen Mutanten mit hoher Wahrscheinlichkeit jährliche Auffrischungsimpfungen erforderlich machen. Bei stetig wachsender Weltbevölkerung bedürfte es also 5-6 Milliarden Impfungen jährlich. Das ist eine Herkulesaufgabe. Wir werden also das Virus und seine Mutanten ein Leben lang bekämpfen müssen. Gut möglich, dass noch weitere, heute noch unbekannte tödliche Viren hinzukommen. Da mutet der Lauf des Pheidippides schon fast wie ein Sonntagspaziergang an.

Gut organisiertes Testzentrum am Frankfurter Flughafen, Quelle: Sigrist

Wir werden ungeduldig…
Ungeachtet dieser Herausforderungen haben viele Menschen hierzulande schon längst die Geduld verloren. Zugegeben: Es ist bequemer, in den Chor der Missmutigen einzustimmen, als den anstrengenden Blick auf die noch vor uns liegende Wegstrecke zu richten.

Im Fernsehen sehen wir immer wieder diese himmelblaue Rückwand des Pressesaals im Kanzleramt mit den vier leeren Stühlen davor. Anfang März 2021 immerhin schon zum 19. Mal. Haben sich die verantwortlichen Politiker alle klammheimlich davongeschlichen? Doch dann kommt Frau Merkel zu später Stunde doch noch aus der Konferenz mit den Ministerpräsident*innen heraus und erklärt uns mit nicht mehr ganz frischer Miene, wie es mit Deutschland weitergeht. Danach dürfen der Herr Söder mit schon wildem Haupthaar und der etwas strenge Herr Müller aus Berlin als Vertreter der Länder auch noch etwas sagen, damit eben alles von allen gesagt wurde. Bis alle fertig geredet haben, bin ich schon über meinem Weinglas eingeschlafen. So versacken wir nach 12 Monaten Pandemie in unserem abendlichen Corona-Ritual.

… und suchen Sündenböcke
Wie konnte es so weit kommen? Es hatte doch alles so gut angefangen. Wir hatten scheinbar alles im Griff und niedrigere Inzidenz- und Todeszahlen als unsere zögernden Nachbarn. Damals sind wir brav zuhause geblieben, als die Zahlen noch niedrig waren. Jetzt haben wir uns daran gewöhnt, drängen raus und unterschätzen die ungleich höheren Risiken der Mutanten. Trotzig erfreuen wir uns an den unmaskierten Salsa-Tänzern im Frankfurter Ostpark und ärgern uns über ständig beschlagene Brillengläser, wenn wir beim Bäcker das Kleingeld zählen. Und während wir noch vor kurzem nicht ohne Häme über den Atlantik geschaut haben, registrieren wir erstaunt, dass dort jetzt alles viel schneller geht. In den USA sind inzwischen 11 Mal mehr Menschen als in Deutschland geimpft worden.  

Schade, dass Donald nicht mehr da ist! Denn über ihn konnten wir nach Belieben schimpfen, ohne über die eigenen Fehler zu stolpern. Jetzt aber, wo der nette Herr Biden Präsident ist (aber unter Berufung auf den „Defense Production Act“ ebenso entschlossen amerikanische Interessen verfolgt), müssen wir uns neue Blitzableiter suchen. Dazu haben wir uns wahlweise Gesundheitsminister Spahn oder die EU oder beide zusammen auserkoren. Alles was schief läuft, bekommen sie aufs Butterbrot geschmiert: Die verschleppte Digitalisierung in Deutschland, die dazu führt, dass manche Gesundheitsämter lieber das Faxgerät als die Software für die Übermittlung der Inzidenzzahlen nutzen, die Lieferengpässe bei den Impfstoffen und Selbsttests oder die Versäumnisse auf Länderebene bei ihrer Verteilung. Wir sind eben genervt und suchen Sündenböcke.

Von Bazookas und Wasserpistolen
Weltweit haben Regierungen seit März 2020 unvorstellbare Summen an Hilfsgeldern bereitgestellt, um betroffenen Menschen unter die Arme zu greifen und die Wirtschaft nicht zum Erliegen zu bringen. Die Aktienmärkte haben einen ebenso unvorstellbaren Boom erlebt. Doch trotz aller Hilfen sind viele Menschen in ernste Schwierigkeiten geraten. Nicht krisenfeste Strukturen haben sich als besonders anfällig erwiesen. In Deutschland wird die viel zitierte Bazooka von Finanzminister Scholz von manchen als Wasserpistole verhöhnt, weil sie an falschen Stellschrauben ansetze. Die in Krisenzeiten gern geforderten „schnellen und unbürokratischen“ Hilfen kommen – eben weil sie möglichst einfach strukturiert wurden  – bei vielen, aber nicht bei allen mit den erwünschten Wirkungen an. Eine belastbare Bilanz des Corona-Managements werden wir wohl erst in ein paar Jahren ziehen können.  

Ist unser Corona-Leben schon normal?
Unterdessen geht unser Corona-Leben scheinbar ganz normal weiter. Bei den Antigentests ertragen wir tapfer das Herumstochern in unseren Nasenlöchern. Wir melden unsere alten Eltern, Tanten oder Onkel bei den Impfzentren an, bekommen mehr oder weniger schnell Termine zugewiesen und sind beeindruckt von den überaus freundlichen Mitarbeiter*innen vor Ort.  Doch anderntags werden Impftermine auch wieder abgesagt, weil plötzlich der AstraZeneca Impfstoff vom Markt genommen wird. Beim Discounter ALDI sind die neuen Selbsttests ständig ausverkauft, obwohl täglich neue Lieferungen in die Regale kommen. Unsere selbst genähten Alltagsmasken nutzen wir jetzt als Augenbinden für den Mittagsschlaf. Die nunmehr vorgeschriebenen FFP 2 Masken entsorgen wir aus Nachlässigkeit erst, wenn der Grauschleier unübersehbar geworden ist. Reisepläne machen wir schon lange nicht mehr, und wenn, dann erfordern sie stundenlange Recherchen nach den gerade gültigen Ein- und Ausreise-, Beherbergungs- und Quarantäneregeln. Theaterbesuche kennen wir nur noch aus der Erinnerung, und unsere Kontakte mit der Außenwelt finden überwiegend digital statt. Persönliche Verabredungen stehen jetzt immer unter Corona-Vorbehalt.

Doch allmählich, wenn das Leben immer eingeengter wird und die Aussicht auf einen befreienden Impfpass wächst, wird wohl auch die Zahl der Impfgegner sinken. Man muss die Pferde nur zum Wasser bringen…

Da wollen wir (fast) alle hin, Quelle: Sigrist

Ich habe Freunde aus aller Welt gefragt, wie sie die Pandemie erleben. Ein Freund in Arizona freut sich, dass er seine Kinder endlich wieder in die Schule bringen kann. Eine Freundin auf den Philippinen schreibt, dass ihre 13-jährige Tochter überhaupt nicht mehr aus dem Haus darf. Ein Freund in Belgien beklagt die fortgesetzten Freiheitsbeschränkungen und ein Vetter aus Italien berichtet, wie sich ganze Freundesgruppen über den Umweg einer Übernachtungsbuchung in Hotelrestaurants zum Feiern treffen. Überall ist die Unsicherheit groß, schwindet das Vertrauen in die Politik. Der um sich greifende Unmut beflügelt die Suche nach Schlupflöchern.

Kraft tanken für den Ultramarathon
Der Kampf der Athener gegen die Perser dauerte übrigens mehrere Jahrzehnte. Doch anders als bei unserem Helden Pheidippides, der in Athen nach Verkündung des Siegs tot zusammenbrach, stehen die Chancen gut, dass wir in unseren Breiten mit einem blauen Auge ins Ziel kommen. Das schmälert nicht die Trauer über die Toten und die Sorge über die Spätfolgen überstandener Infektionen. Wir haben das Virus und seine Varianten zweifellos unterschätzt und werden es nun lebenslang in Schach halten müssen.

Für Milliarden Menschen aber, die schlechteren Zugang zu Impfungen haben oder unter Regierungsversagen leiden, ist der Corona-Marathon noch lange nicht vorbei. Deshalb müssen die internationalen Impfkampagnen entschieden weiter ausgebaut werden. Das ist der eigentliche Kraftakt, der noch bevorsteht. Er verlangt unsere ganze Solidarität, liegt aber auch im Eigeninteresse, sofern wir eines Tages wieder über unseren Tellerrand schauen wollen.  Das Durchhaltevermögen eines Pheidippides könnte uns dabei anspornen.


[1] Pandemien – Todesfälle ausgewählter Krankheitsausbrüche | Statista

Mit Opa durch Küsnacht

(aus der Reihe „viertelvorsieben für Senioren“)

Kinderwagenperspektive

Rundstrecke:  Im Wiesengrund – Untere Heslibachstraße – Schule – Reformierte Kirche Küsnacht – Dorfstraße – Zürichstraße – Unterführung S-Bahn – Unter Dorfstraße – Poststraße – Postweg – Unterführung Seestraße – Hornweg – Hornelangpark – Spielplatz – Hornweg – Zehntentrotte – Seestraße – Im Hörnli – Schiffsanleger Küsnacht Heslibach – Freihofstraße – S-Bahn Unterführung – Untere Heslibachstraße – Im Wiesengrund; ca. 4 km.  

4 km mit dem Kinderwagen durch Küsnacht (mit Google Maps)

Der Auftrag

Es ist reiner Zufall, dass meine Enkelin ihre erste Dienstfahrt mit Opa ausgerechnet in Küsnacht, an der Goldküste des Züricher Sees antritt. Der Auftrag an Opa lautet schlicht: Drei Tage die elfmonatige Paula hüten (aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes ist der Name frei erfunden).  Ich erhalte alle Freiheiten, verfüge als Grundausstattung über einen geländegängigen Kinderwagen, jede Menge Windeln in Größe 4 sowie über eine Auswahl etwas fad schmeckender Hipp-Gemüse-Gläschen. Ferner erhalte ich Hinweise zu Einkaufsmöglichkeiten sowie eine Einführung in die Wunder des Thermomix-Kochers für die Zubereitung von Gemüsebrei.

Paula ist ein überaus aufgewecktes Mädchen, das jedoch an Opas kunstvoll aufgebauter Kugelbahn enttäuschend wenig Interesse zeigt. Mit raschen Handbewegungen hat sie die Konstruktion blitzschnell wieder dem Erdboden gleich macht. 

Also ändern wir das Programm und machen uns auf zur Erkundung des 14-Tausend-Seelen-Dorfes Küsnacht. Paula wohnt hier mit ihren Eltern erst seit wenigen Monaten. Für sie und mich ist alles neu. Paula hat immerhin einen Schweizer Pass und ist damit Einheimische. Ich bin von auswärts angereist und verbinde mit der Schweiz leider nur wenig mehr als Schweizer Käse.

Grüezi miteinand‘, werden der Kinderwagen und ich freundlich von Passanten gegrüßt. Doch bis ich vom deutschen Guten Tag, oder vom Tiroler Grüß Gott endlich umgeschaltet habe, ist es für eine Erwiderung längst zu spät. Grüezi, Grüezi, Grüezi, grüße ich nun mehrmals verstohlen den Kinderwagen von hinten. Für die nächste Begegnung sind wir nun schon besser vorbereitet! Jedenfalls ignorieren die Leute wohlwollend den unverkennbar deutschen Akzent des Opas.

Paula und ich rollern frohgemut vorbei an hübschen Villen mit aufgeräumten Vorgärten. Viele Häuser stammen aus der vorigen Jahrhundertwende, andere sind neueren Datums, weitere werden gebaut. Küsnacht wächst und wirkt gediegen, sauber und ordentlich. Auf der Homepage der Gemeinde erfahre ich neben vielen anderen interessanten Dingen, dass der Ort mit dem goldenen Kissen im Wappen auch solide Steuereinnahmen einfährt.  

Von unserem Ausgangspunkt im Wiesengrund kommen wir schnell auf die Untere Heslibachstraße und zur örtlichen Schule. Neben dem adretten Schulgebäude liegen ein großer Sportplatz und gleich daneben auch noch eine Schwimmhalle, aus der gerade zwei Schülerinnen mit klatschnassen Haaren herauskommen. Statt Schwyzerdütsch schwatzen sie auf Englisch miteinander. Das verwundert nicht, wenn man weiß, dass in Küsnacht ausweislich der Dorfstatistik rund 25% aller Einwohner als Ausländer registriert sind.  Nicht wenige von Ihnen dürften ihr (gutes) Geld im nahegelegenen Zürich verdienen.  Gleich gegenüber der Schule holt eine Mutter ihren Filius aus der Kita ab.  

Es ist ein wunderbar milder Oktobernachmittag und offensichtlich Zeit für Mütter und polnische Au Pair Mädchen, die Kinder von Schule oder Kinderstätten abzuholen. Ja, ich begegne zu dieser Stunde tatsächlich keinen Vätern und lediglich einem türkischen Opa, der mit Enkel und Fahrrad unterwegs ist. 

Riesling für die Reformierte Kirche?

Vor der Reformierten Kirche Küsnacht machen wir einen kurzen Halt, denn mitten im Dorf erstreckt sich zu meiner Überraschung ein großer Weinberg. Die Trauben sind längst gelesen. Doch wenn ich mich recht an das Gläschen vom Vorabend erinnere, könnten sie sich bald in einen ansprechenden Riesling verwandeln. Der Weinbau, so steht’s in der Geschichte Küsnachts geschrieben,  hat an diesen sonnenverwöhnten Hängen des Zürichsees eine lange Tradition.

Die Kunst des Kinderwagenschiebens

Zurück zu meinen großväterlichen Pflichten. Paula hat ihr anfängliches leicht nörgelndes Gemurmel schon nach den ersten 500 Metern unserer Spazierfahrt eingestellt und ist mit der Bewegung des Kinderwagens selig eingeschlafen. Die Mütze ist ihr über die Augen gerutscht. Da hängt sie nun wie eine Augenbinde. Den Schlaf unterbricht sie auch nicht, als ich den Kinderwagen reichlich unsanft Stufe für Stufe und Schlag auf Schlag vom Kirchplatz hinunter zur Dorfstraße manövriere. Klassischer Anfängerfehler – natürlich hätte ich die barrierefreie Route rechts um die Kirche herum zum Dorfplatz nehmen sollen.

Tatsächlich ist Küsnacht fast überall barrierefrei. Ob es nun durch die Unterführungen unter der stark befahrenen Seestraße oder über die Rampen zu den  S-Bahngleisen geht, mit dem Kinderwagen kommt man überall gut hin. Mühsam wird es nur, wenn man die Hügel in die höher gelegenen Wohnviertel hinaufläuft, oder gar entlang des Tobel, dem Küsnachter Dorfbach, aufwärts die Kammhöhe erklimmen will.

Das machen wir heute nicht, sondern steuern stattdessen auf das Seeufer zu. Ein Höhepunkt ist zweifellos die Hornanlage mit dem sogenannten Delta, durch das der Dorfbach in den Züricher See plätschert. Das „Delta“ hat in etwa die Spannweite einer ausgezogenen Hundeleine. Obwohl hier also keine spektakuläre Flusslandschaft aufwartet, strahlt der Ort eine wohltuende Ruhe aus. Am kleinen Strand stehen Stühle herum, die zu einer kontemplativen Pause einladen.

Kontemplatives am Dorfbachdelta

Hinter mir liegt der offensichtlich beliebte Spielplatz der Hornanlage. Es trifft sich gut, dass gleich daneben eine gepflegte öffentliche Toilette ist. Warum erwähne ich das? Weil man sich als Opa mit schwächelnder Blase schnell die Frage stellt, wie man dieses Problem löst, ohne das Enkelkind allein zu lassen. Aber glücklicherweise findet sich am Spielplatz schnell eine freundliche Mutter, die auf den Kinderwagen aufpasst. Als ich mit Paula tags drauf durch Zürich spaziere, treffe ich im Café wieder eine hilfsbereite Dame, die mir beruhigend erklärt: „Ich habe reichlich Großmuttererfahrung!“

Viel Prominenz am Seeufer
Weil Paula immer noch schläft und auch noch ein bisschen zu klein ist, heben wir uns die Erkundung des Spielplatzes für ein anderes Mal auf. Stattdessen biegen wir rechts in den schmalen Hornweg ein und kommen zum interessantesten Abschnitt unserer Spazierfahrt. Der Hornweg verläuft rd. 50 Meter parallel zum Seeufer. Hier stehen die schönsten Landhäuser und Villen Küsnachts. Mal öffnet sich der Blick auf herrliche Gärten mit Kieseinfahrten (wer Kies hat, hat Kies), mal endet er abrupt vor hohen Metallzäunen. An diesem Seeufer hat übrigens der deutsche Sozialist August Bebel Ende des 19. Jahrhunderts eine Villa bezogen; und hier findet man auch das hübsche Gelände des Carl Gustav Jung Instituts, in dem psychotherapeutische Fortbildungen angeboten werden. Das sehenswerte ehemalige Wohnhaus des Psychiaters und seiner Frau liegt nur ein paar Hundert Meter weiter an der Seestraße und ist heute als Museum zugänglich.

Der mit C.G. Jung gleichaltrige Thomas Mann (1875-1955), der seine Schweizer Exiljahre 1933-38 mit Familie ebenfalls in Küsnacht verbrachte, wohnte unterdessen weiter oben am Hang in der Schiedhaldenstraße. Zeitzeugen berichten indes, dass er und die Küsnachter nicht so recht miteinander warm geworden sind.   

Nicht zugänglich ist auf der Seestraße das Schloss Algonquin, der Wohnsitz von Tina Turner, die sich, inzwischen über achtzigjährig, nach einer Weltkarriere als Sängerin an den Züricher See zur Ruhe gesetzt hat. Wenn Paula größer ist, werden wir die Boxen aufdrehen und uns gemeinsam den Klassiker „Proud Mary“ anhören. Kann aber auch gut sein, dass Paula statt Tina Turner eher TikTok cool findet.

Nachwuchs für Tinas Fangemeinde?

Unsere Spazierfahrt am See endet am Schiffsanleger Küsnacht Heslibach. Von hier könnte man direkt nach Zürich hinüber schippern oder aber das eigene Boot zu Wasser lassen. Mein Blick schweift über das Seeufer und hinüber zu den schneebedeckten Schweizer Hochalpen. Das genügt als Eindruck, mehr gibt es zu diesem schönen Fleckchen Erde nicht zu sagen. Außer, dass wir jetzt ganz schnell nach Hause müssen, um im Thermomix Gemüsebrei zu zaubern.

Schweizer Idylle am Zürichsee

30 Jahre später: Neues Leben an der Mauer

Mit dem Rad unterwegs auf dem Berliner Mauerweg

Mauer mit Durchblick: An der Gedenkstätte Bernauer Straße

Die Route: Radweg entlang der Stadtroute des Mauerwegs. Start: S-Bahn Station Frohnau im Norden Berlins, Ziel: S-Bahn Station Flughafen Schönefeld; ca. 55 km. Umfassende Informationen sowie Kartenmaterial zum Herunterladen finden sich auf den Webseiten des Berliner Senats:  https://www.berlin.de/mauer/mauerweg/.   

Ganz herum um das ehemalige West-Berlin sind es rd. 160 km.

Die Last der Meinungsfreiheit

An der Spreepromenade, direkt hinter dem Berliner Reichstag, wird Demokratie transparent gemacht. Auf 19 Glasplatten hat der israelische Künstler Dani Karavan Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes eingravieren lassen. Ich nähere mich der 5. Platte. Doch es fällt mir schwer, die kleinen weißen Buchstaben zu entziffern. Das Auge wird immer wieder abgelenkt. Denn hinter der Scheibe schimmern Gebäude und Bäume durch. Auf dem Glas sehe ich mein Spiegelbild, zusammen mit den Spiegelungen weiterer Passanten.

Gläsernes Grundgesetz vor dem Reichstag

Ist das der tiefere Sinn dieser Installation? Soll man sich mehr als nur einen Augenblick Zeit nehmen, um den Text zu entziffern?

Artikel 5: „Jeder hat das Recht, seine Meinung … frei zu äußern…“

Die heutige Tour entlang des Berliner Mauerwegs wird es bestätigen: Meinungsfreiheit muss erkämpft werden. Demokraten versuchen, sie um jeden Preis zu schützen. Autokraten scheuen keinen Aufwand, sie zu bekämpfen.  Das ist die Botschaft vom Bau und Fall der Berliner Mauer.

Doch gehen wir erst einmal an den Start auf unserem Weg entlang der Mauer.  An einem wunderschönen und – rückblickend – vergleichsweise harmlosen Corona-Sonntag im September 2020 radeln wir auf der Stadtroute des Mauerwegs von Norden nach Süden quer durch Berlin. Es wird eine Fahrt voller Gegensätze und Überraschungen.

Ich habe mir das zunächst ganz einfach vorgestellt: Rechts vom Weg liegt das ehemalige Westberlin und links das alte Ostberlin. Doch es zeigt sich schnell, dass die Mauer keineswegs geradlinig, sondern mit vielen Ecken und Kanten zwischen den ehemaligen Besatzungszonen der drei Westmächte und der Sowjets gezogen wurde. An vielen Stellen wurden an Häuserfronten nahe der Grenzlinie kurzerhand Türen und Fenster zugemauert.  Im Westen nannte man das Bauwerk „Schandmauer“, im Osten „antifaschistischer Schutzwall“. 28 Jahre lang wurde jedes Ereignis an der Mauer hüben wie drüben propagandistisch ausgeschlachtet. Eine Abstimmung mit den Füssen aber fand erst wieder am 9. November 1989 statt.

Wir starten im Ortsteil Frohnau. Das ist ehemaliges Westberliner Terrain und war schon immer eine gute Wohngegend. Wir fahren an der evangelischen Kirche vorbei und beobachten, wie die Gemeinde ihren Sonntagsgottesdienst wegen Corona ins Freie verlegt hat. Sehr schnell finden wir uns mal diesseits, mal jenseits der Landesgrenze Berlin – Brandenburg inmitten von Feldern und Moorwiesen wieder.

Kaum zu glauben, dass auf diesem Radweg früher der Todestreifen verlief. Jetzt heißt er „Grünes Band Berlin“. Längs des Weges haben sich Kleingartenvereine angesiedelt. Wir treffen auf Wandergruppen, meist rüstige Rentner. Und weil Sonntag ist, überholen wir Väter, die ihren Sprösslingen das Radfahren beibringen. Der Todesstreifen ist zu neuem Leben erwacht. Die Menschen haben ihn wieder in Besitz genommen. Selbst die Wildschweine scheuen sich nicht, des Nachts die frische Grasnarbe immer wieder umzugraben.

Sowjetisches Gedenken

Im Volkspark Schönholzer Heide besichtigen wir das große Sowjetische Ehrenmal. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von der DDR errichtet, ehrt es über 13.000 Angehörige der Roten Armee, die  im Kampf um Berlin gefallen sind. Rechts und links stehen zwei monumentale Mauerwerke, die spitz in den Himmel ragen. Wir stehen dazwischen und fühlen uns – absichtsvoll? – nichtig und klein. In Großbuchstaben steht auf dem Granit geschrieben:

EWIGER RUHM DEN KÄMPFERN DER SOWJETARMEE, DIE IHR LEBEN HINGEGEBEN HABEN IM KAMPF FÜR DIE BEFREIUNG DER MENSCHHEIT VON FASCHISTISCHER KNECHTSCHAFT

Das wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Hammer und Sichel sind stumpf geworden. Doch der Park ist frisch renoviert und Polizisten sorgen für Ordnung im Gelände. Sich öffentlich und frei erinnern zu können und zu dürfen – das ist auch eine Form der Meinungsfreiheit, die geschützt werden will. Aus Respekt vor der Gedenkstätte werden wir gebeten, unsere Räder zu schieben.   

Schauplatz des 9.11.1989: S-Bahnhof Bornholmer Straße

Schabowskis Pressekonferenz

Nur wenige Kilometer weiter stoßen wir auf den vielleicht wichtigsten Schauplatz der Mauergeschichte: Die Brücke am S-Bahnhof Bornholmer Straße. Um die Bedeutung dieser Brücke zu verstehen, müssen wir uns an den 9. November 1989 zurück erinnern. An diesem Tag hatte das SED Politbüro Mitglied Günter Schabowski seine ebenso legendäre wie fahrige Pressekonferenz zur neuen Reiseordnung für DDR Bürger abgehalten. Die ihn offenbar überrumpelnde Frage eines italienischen Reporters nach dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der Reiseordnung beantwortete er zunächst zögerlich, aber dann entschlossen und mit den historischen Worten:

 „… nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich.“[1]

Noch am gleichen Abend des 9. Novembers stürmten die Menschen über die Brücke am Grenzübergang Bornholmer Straße in den Westen. Dies war der Anfang vom Ende der Mauer. 

[1] Live klingt das bei Schabowski so: https://www.youtube.com/watch?v=cV0y0cO3K7w

Ringelpiez am Mauerpark

Inzwischen sind wir im Mauerpark angekommen. Zwischen Pankow und Prenzlauer Berg gelegen,  ist dort gleichermaßen für Unterhaltung wie für Kontroverse gesorgt. Flohmarkt, Karaoke, Künstler und  Musiker aus aller Welt sind über die Jahre zu Publikumsmagneten geworden. Wer nur kurz in die sozialen Medien schaut, erfährt schnell: „This is the place to be!“  Zehntausende von Besuchern leben sonntags im ehemaligen Todesstreifen ihre persönlichen Vorlieben aus  – und gehen dabei den Anwohnern mit Lärm und Dreck gehörig auf die Nerven. Jetzt wird nach Lösungen gesucht, und auch die Corona-Beschränkungen tragen zur Mäßigung bei: Als wir am Sonntagvormittag durch den Park radeln, hören wir leise Töne: Mauerpark unplugged.

Günter Litfin (1937-1961), der erste Mauertote

In der Kieler Straße, in der Nähe des Invalidenfriedhofs, passieren wir die Gedenkstätte für Günter Litfin. Sie ist in einem ehemaligen DDR Grenzwachturm untergebracht. Was hier passiert ist, will ich genauer wissen. Die beiden freundlichen Turmwärterinnen weisen mir den Weg über die steilen Stiegen hinauf zur Beobachtungsplattform im zweiten Stock. Hier oben  hat man einen guten Blick auf den Verbindungskanal zur Spree. Und ich lerne, dass die Wachtürme meist so angelegt wurden, dass es Sichtkontakt zum nächsten Turm gab.

Die Dokumente im Turm erläutern, warum und auf welchem Wege Günter Litfin fliehen wollte. Litfin lebte in östlichen Berliner Bezirk Weißensee und arbeitete als Schneider im westlichen Charlottenburg. Der Mauerbau am 13.8.1961 durchkreuzte seine Pläne, nach Westberlin umzuziehen. Deshalb entschloss er sich zur Flucht.

Ich versuche, die letzten Meter seiner Flucht ein Stück weit nachzuvollziehen. Hinter dem Invalidenfriedhof biege ich links vom Mauerradweg ab in das weitläufige Gelände des Charité-Campus. Die schmucken roten Backsteinbauten aus der vorletzten Jahrhundertwende strahlen eine friedliche Ruhe aus. Genau durch dieses Gelände lief der 24-Jährige Günter Litfin am 24.8.1961 und versuchte dann schwimmend durch den Verbindungskanal am Humboldthafen (nahe der Spree und dem heutigen Hauptbahnhof) die andere Seite zu erreichen. Doch bevor er am rettenden Westufer ankam, wurde er von DDR-Grenzsoldaten erschossen.[1]


[1]Eine Biographie Litfins findet sich hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Litfin


Chillen oder gedenken? „Weiße Kreuze“ vor dem Reichstag

In Berlins Mitte führt der Mauerweg am Spreebogen entlang mitten durch das Herz des neuen Regierungsviertels. Am Reichstagsufer flanieren Ausflügler, alle paar Minuten tuckert ein Ausflugsboot über die Spree. Nichts scheint mehr an die deutsche Teilung zu erinnern. Nur wer genau hinschaut, sieht drüben am Westufer acht kleine Kreuze stehen. Mit dem massiven Reichstagsgebäude im Hintergrund wirken sie wie verloren. Und doch stehen sie da, um an dieser zentralen Stelle an die weit über hundert  bekannten und unbekannten Berliner Mauertoten zu erinnern. 

High life am Brandenburger Tor

Wir sind inzwischen am Brandenburger Tor angelangt. Nachdem der Platz rund um das Tor 28 Jahre lang hermetisch abgeriegelt war, stellen die umher flanierenden Touristen vermutlich täglich neue Selfie-Rekorde auf.  Und es wird unermüdlich demonstriert. Für oder gegen alles, was den Menschen auf dem Herzen liegt. Meist sind es kleinere Gruppen, die ihre Meinungen kund tun, und das alles friedlich und ohne größere Folgen.

Heute sind die Reichsbürger da. Vor dem Hotel Adlon schwenken ein paar missmutig dreinschauende Gestalten die Reichsfahne. Aus einem Lautsprecher dröhnt Propaganda im pathetischen Tonfall der 1930er Jahre. Ein Schild erläutert: „Das Deutsche Reich ist ein Staat, also ist die BRD, logisch, kein Staat.“ So geht die schlichte Logik der Reichsbürger. Doch am Brandenburger Tor darf auch Unsinn verbreitet werden.  

Junggesellinnen-Abschied am Brandenburger Tor

Ganz unbekümmert zieht jetzt eine Gruppe fröhlicher Mädels vorbei, die Junggesellinnen-Abschied feiert. Wir wenden uns nur allzu gern von den knorrigen Reichsbürgern ab und spenden großzügig für das zukünftige Leben zu zweit.

Mittagsplausch am Kreuzberger Oranienplatz

Die East Side Gallery kommt in die Jahre

Keiner will die Mauer mehr haben, aber jeder will sie noch einmal sehen. An der Gedenkstätte Bernauer Straße bekommt man die Geschichte, an der East Side Gallery das Spektakel vom Bau und Niedergang der Mauer geboten. Hier wie dort stehen noch Mauerreste. Nach einem Zick Zack Kurs quer durch Kreuzberg und vorbei am Oranienplatz kommen wir zur Mühlenstraße. Direkt am Spreeufer zwischen Kreuzberg und Friedrichshain hat man im Jahre 1990 kurz nach der Öffnung ein paar hundert Meter der Berliner Mauer Street-Art Künstlern zur Illustration der Mauergeschichte übergeben. Berühmt geworden ist z.B. das Bild mit dem sozialistischen Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker. „Hilf mir diese tödliche Liebe zu überleben“ hat der Künstler darunter geschrieben. Ein neueres Bild erzählt von der nicht minder verblendeten Mauerliebe Donald Trumps.

East Side Spray Party

Es gibt hier viele künstlerische und parodistische Meisterleistungen. Doch was wir in der East Side Gallery sehen, ist amtlich bestellte Spraykunst. Das anarchistische Motiv, das Überraschungsmoment und das Vergängliche der Street-Art, das bewusste Aufbegehren gegen den gesellschaftlichen Mainstream, mithin also die radikale Inanspruchnahme des Artikel 5 Grundgesetz, das sieht man nicht in der East Side Gallery, dafür aber noch an vielen anderen Berliner Altbaumauern. Noch, muss man sagen, denn die sichtbaren Umbrüche der Wendezeit verschwinden nach und nach aus dem Berliner Straßenbild.

Chris Gueffroy (1968-1989), das letzte Maueropfer[1]

Südlich von Neukölln rollen wir gemütlich unserem Ziel, dem Schönefelder Flughafen, entgegen. Die Nachmittagssonne taucht unseren Weg in ein warmes Licht. Doch die Szenerie täuscht. Am sog. Britzer Verbindungskanal sehen wir am Ufer plötzlich eine Stele, die Chris Gueffroy gewidmet ist. Der 20 jährige gelernte Kellner war zum Grundwehrdienst eingezogen worden, wollte sich aber dem Dienst in der Nationalen Volksarmee entziehen. Am 5.2.1989 fand ein Staatsbesuch in Berlin statt. Irrtümlicherweise nahm Chris Gueffroy an, dass deshalb der Schießbefehl ausgesetzt worden sei. Auch er versuchte über das Wasser zu flüchten. Gueffroy war das letzte Maueropfer, das bei einem Fluchtversuch erschossen wurde. 9 Monate später fiel die Mauer.


[1] Biographie von Chris Gueffroy: https://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Gueffroy

Eine Woche später
Ich radle wieder zum Brandenburger Tor. Schon von weitem bemerke ich, dass der Bär los ist. Überall Sicherheitskräfte. Neugierig nähere ich mich dem Geschehen. Doch unzählige Polizisten schirmen sowohl eine Großdemonstration vor dem Brandenburger Tor, als auch die Gegendemonstration auf der Straße des 17. Juni hermetisch ab. Spontan mit demonstrieren ginge gar nicht. Das können nur die, die pünktlich und angemeldet erscheinen. Auch Demos haben ihre Regeln.

Ein freundlicher Polizist erklärt mir, dass es sich bei der Großdemonstration um den jährlichen „Marsch für das Leben“ handelt. Über die Köpfe der Polizisten hinweg beobachte ich, wie ein katholischer Geistlicher (er gibt sich als Bischof zu erkennen) auf der großen Bühne mit salbungsvollen Worten über den Schutz ungeborenen Lebens predigt. Direkt vor mir streckt eine junge Demonstrantin ein Pappschild in die Luft. Unverblümt meint sie: „Wer vögelt, muss auch gebären!“

Demo und Gegendemo verlaufen geräuschvoll, aber friedlich. Art. 5 Grundgesetz hält, was er verspricht. Die Demonstranten dürfen ihre Meinung, zu Not auch unter Polizeischutz, äußern. Auch die Polizisten haben Glück: Für einige der Hundertschaften bleibt sogar noch Zeit für ein Nickerchen im Mannschaftswagen.

Alpenluft statt Adriastrand: Unterwegs im Quellgebiet des Lechs

Alpenwiese am Arlberg

Wegstrecken:

Zart plätschert das Rinnsal aus dem Kalkstein. Bergblumen blühen in der Morgensonne. Wildhummeln saugen eifrig Nektar ein. Oben in den Felsen klettern Steinböcke.

Andächtig beugen wir uns über die Lechquelle. Nur zögerlich tritt das Wasser ans Tageslicht. Wir befinden uns auf rd. 1800 m Höhe nahe dem Formarinsee am Arlberg. Dies ist der Startpunkt des 125 km langen Lechwegs von der Quelle bis zum Lechfall bei Füssen. Dazu gibt es ein nützliches Serviceheft. Es erläutert, dass der Weg durch eine der letzten Wildflusslandschaften Europas führt. Das macht den Lech bei Wanderern so beliebt, und eben dies wird mit einigem Erfolg vermarktet. Im Corona-Sommer 2020 sind die Gäste besonders herzlich willkommen. Unsere Hotelwirtin erzählt, dass der ganze Ort Lech abrupt am 14. März 2020 unter Quarantäne gestellt und alle Gäste (mit und ohne Corona) nachhause geschickt wurden. Viele Herbergen haben den Betrieb erst wieder im Juni aufgenommen. 

Im August war die Luft in den Alpen wieder halbwegs rein, die Aerosole hinreichend verweht und deshalb haben wir uns die ersten beiden Etappen des Lechwegs vorgenommen und darüber hinaus  die Bergwiesen rund um den benachbarten Rüfikopf sowie die Besonderheiten des Dorfs Lech Zürs erkundet.  

Mit dem Doppeldecker ins Urmeer

Alle 60 Minuten bricht der blaue Doppeldeckerbus Nummer 7 aus dem Dorf Lech kommend in die Bergidylle am Formarinsee ein. Auch wir hatten uns, ausgerüstet mit Lech Card und Mund-Nasen-Schutz mit angemessenem Abstand am Rüfiplatz in Lech in die Warteschlange eingereiht und bis zur Endhaltestelle kutschieren lassen. Der Busfahrer verstand sein Handwerk, auf der engen Bergstraße wurden störende Biker entschlossen weggehupt. Doch als der Bus wieder Richtung Tal entschwunden ist, geht alles wieder seinen gemächlichen Gang. Einige Wanderer machen sich auf zum See oder zur Mittagsjause in der schön gelegenen Freiburger Hütte. Erstwander*innen  versorgen ihre Blasen, weil die Wanderschuhe noch nicht eingelaufen sind. Wir aber schultern geschult unsere Rucksäcke und machen uns flussabwärts auf den Weg.

In trockenen Sommern fällt das Kinderbett des Lechs schnell über längere Strecken trocken. Wir benötigen eine gute Stunde Fußmarsch entlang des Bachlaufs, bis wir endlich ein leises Gluckern hören. Ab jetzt gibt es kein Halten mehr! Über die folgenden 255 km bekommt der Lech Zulauf von unzähligen Gewässern, bis er nördlich von Augsburg in die Donau und Tausende Kilometer weiter ins Schwarze Meer fließt.

Dank fachkundiger Schilder erfahren wir, dass die Hochgebirgsetappen des Lechwegs tatsächlich auf dem Boden des Ur-Mittelmeers Tethys verlaufen. Das ist zwar schon ein paar Millionen Jahre her und auch lange bevor sich das Gelände zu den heutigen Alpen auffaltete. Und doch entdecken wir im Kalkstein Muschelablagerungen, Abdrücke von Seeigelstacheln und anderen Meerestieren.

Wir wandern weiter bergab, immer am Bach entlang. Längst bildet der junge Lech kleine Wasserfälle, drängt sich durch schmale Schluchten und überflutet flachere Passagen. Immer wieder laufen wir über dicht an die Felsen gebaute Holzstege.

Kleiner Wasserfall am Oberlauf des Lechs
Über Holzstege am Wasser entlang

Ein paar Kilometer vor unserem Ziel Lech treffen wir auf eine britische Kleinfamilie. Sie schieben einen Golftrolley vor sich her. Denn hier im Zugertal verläuft der Lechweg oberhalb des feinen Lecher Neun-Loch-Golfplatzes. Beim Abschlag zu Loch 3 begegnen sich beide Welten. Zuerst schlägt der Mann. Wir beobachten, wie Daddy sich sorgfältig den richtigen Schläger heraussucht, konzentriert zum Abschlag positioniert, den Schläger mit halber Körperdrehung ein paar Male Probe schwingt und dann mit voller Wucht den kleinen weißen Ball vielleicht 100 Meter weit, hoch über den Flusslauf des Lechs hinweg, in Richtung Green schlägt. Atempause. Stille. Dann greift die Gattin zum Schläger. Wir laufen weiter. Ob die Bällchen in den Fluten des Lechs oder auf dem Rasen gelandet sind, werden wir nie erfahren. 

Nachhaltiger Tourismus ist teuer
Nach 14 km Wegstrecke sind wir froh, noch vor dem abendlichen Gewitter wieder das Dorf Lech erreicht zu haben. Denn was mit einem kleinen Wetterleuchten und leichtem Grummeln begann, endet nur wenige Minuten später mit einem ausgewachsenen Hagelsturm.

Lech Zürs bietet angenehme Unterkünfte und gehobene Verpflegung (und entsprechende Preisgestaltung). Die Touristikmanager werden nicht müde, Lech als das schönste Dorf in den Alpen zu preisen.  Und tatsächlich ist es dank einer rigorosen Bauverordnung augenscheinlich gelungen, trotz der vielen großen Hotels den dörflichen Charakter des Ortes zu bewahren. Prompt laufen nun einige Protestler auf Plakaten am Wegesrand gegen den Neubau des Gemeindezentrums Sturm. Denn es soll ausnahmsweise nicht mit einem traditionellen alpenländischen Giebeldach, sondern in moderner Holzbauweise gebaut werden.  Ein innovativer Stil, für den die Vorarlberger Holzfachleute weit über die Landesgrenzen bekannt sind.

Biomasse Heizwerk in moderner Holzbauweise

Lech Zürs setzt auf Nachhaltigkeit und Qualitätstourismus – für maximal 10.000 Gäste, wie in hübsch gestalteten Broschüren betont wird. Ganz so klein ist diese Begrenzung indes nicht. Das wesentlich kommerzieller anmutende St. Anton auf der Südostseite des Arlbergs kommt (laut Google) auf 11.400 Betten. Investitionen in die Tourismusinfrastruktur sind teuer und müssen sich eben auch rechnen. 

Beheizt wird Lech Zürs über vier Biomasse Kraftwerke. Das ist ein bemerkenswerter Versuch, die örtlichen Ressourcen klimaschonend zu nutzen. Der Ortsteil Oberlech gilt im Winter überdies als autofrei. Wir wollen das genauer wissen, lassen die Wanderstiefel stehen und fahren mit dem Auto hinauf. In Oberlech angelangt, geraten wir in ein 3 km langes, in den Berg gehauenes Tunnelsystem, über das im Winter die Versorgung der Hotels mit Elektrofahrzeugen sichergestellt wird. Die Gäste gelangen im Winter ausschließlich mit der Seilbahn nach Oberlech. Das ist beeindruckend, bestätigt aber auch, dass nachhaltiger Bergtourismus ganz ohne Eingriffe in die Natur schwierig ist.

Einzigartige Alpenflora und -fauna
Der Arlberg ist in Wahrheit kein Berg, sondern eine Bergregion im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Prägend ist, dass er in einer Zone besonders heftiger Niederschläge liegt. Wintersportler erfreuen sich im Winter über sicheren Schnee. Die Einheimischen nehmen stolz für sich in Anspruch, dass hier die Wiege des modernen Skilaufs steht. Wer Stemmbogen fährt, muss fortan wissen, dass der auf dem Arlberg erfunden wurde. In den 1930er Jahren erbaute in Zürs eine kleine Firma namens Doppelmayr den ersten Schlepplift Österreichs. Heute ist sie Weltmarktführer im Seilbahngeschäft.

Wasser und Sonne sorgen für eine einzigartige Artenvielfalt auf den hochgelegenen Bergwiesen. Deswegen machen wir uns, bevor wir die 2. Etappe des Lechwegs antreten,  wieder auf den Weg nach oben.

Wer in Lech Zürs mit einer gültigen Lech Card ausgerüstet ist, hat freie Fahrt auf allen Bergbahnen. Also fahren wir hinauf auf den 2362 m hohen Rüfikopf und wandern rund um das alpine Hochtal mit dem hübschen Namen „Ochsengümple“.

Ochsen treffen wir nicht, hören aber immer wieder kurze Pfiffe, blicken uns um – und sehen nichts. Denn die braungrauen Murmeltiere hocken bestens getarnt vor ihren Löchern, richten sich auf und verharren dort ebenso unbeweglich wie das umliegende Felsgestein. Murmeltierfett wird gern als Mittel gegen Muskel-und Gelenkschmerzen empfohlen. Wir könnten das gut gebrauchen, aber ob es hilft, ist Glaubenssache.

Stetig wacht das Murmeltier

Im sumpfigen Boden und an Hängen mit guter Sonneneinstrahlung entdecken wir ein wahres Alpenblumenparadies. Meine Kenntnis der Bergflora endet leider bei Enzian und Edelweiß, doch was es hier zu sehen gibt, ist auch für Laien ein seltener Genuss. Deshalb blättere ich später eifrig in alten Bestimmungsbüchern nach. Hegi-Merxmüller, Alpenflora, in einer Ausgabe des Hanser Verlags von 1963, ist so ein hilfreiches Nachschlagewerk[1]. Nachdem ich den Staub vom Einband geblasen und die verblichenen Fotos mit meinen Aufnahmen verglichen habe, stelle ich beruhigt fest, dass etliche Gewächse die Jahrtausendwende überlebt haben. Hier eine kleine Auswahl der Arlberger Sommerblüher von 2020, die erfreulicherweise auch Wildbienen reichlich Nahrung bieten.


[1] Wer es moderner haben will, kann auch im Netz nachschauen, z.B. hier: https://www.alpen-info.net/flora/alpenblumen.html

Die ungeheure Kraft des Wassers
Auf der zweiten Etappe des Lechwegs von Lech nach Warth laufen wir durch nasse Wiesen, feuchte Wälder und auf steilen Pfaden rechts oberhalb des Lechs entlang. Jungkühe stehen etwas lustlos auf den Weiden herum. Auch unsere vierbeinige Begleiterin erscheint heute etwas missmutig.  Vom Dauerregen sind wir alle klatschnass, und auch der nun schon kräftige Gebirgsbach schwillt immer weiter an.

Lechschlucht bei Warth

Schon nach rd. 35-40 km hat der Lech seine schmalen Hochgebirgstäler verlassen und fließt durch deutlich flacheres Gelände. Im Ort Bach bei km 53 überquert man den kleinen Fluss noch über eine überschaubare Brücke, doch schon hinter Stanzach bei km 80 geht der Lech über Hunderte von Metern in die Breite. Dort nähern wir uns ein letztes Mal dem Fluss. Über glitschige Steine tasten wir uns im flachen Gewässer voran. Die bloßen Füße werden im kalten Bergwasser schon nach wenigen Sekunden taub. Wir beginnen zu ahnen, welche gewaltigen Kräfte seit Jahrtausenden diese wilde Flusslandlandschaft geprägt haben. Und morgen, wenn es regnet, windet oder schneit, sieht vielleicht schon wieder alles ganz anders aus.  

Lechbett bei Stanzach

Marathonlauf mit unbekanntem Ziel: Wie wir durch die Corona-Krise stolpern

Einkaufen in Corona-Zeiten: Einlasskontrollen, Abstand halten und viel Geduld

Es fühlt sich an wie ein harmlos dahin fließender Bach, der plötzlich anschwillt und uns alle mitreißt. Seit 8 Wochen leben wir im Ausnahmezustand, anfangs freiwillig, guten Mutes und gestärkt im kollektiven „Wir“-Gefühl: Wenn wir alle verantwortungsbewusst mitmachen, wird der Spuk schnell wieder vorüber sein! Doch von Tag zu Tag erfahren wir mehr über das Virus, und es dämmert uns, dass diese Krise kein voraussehbares Ende haben wird. Wir tasten uns vor, fahren „auf Sicht“ und blicken auf das „Infektionsgeschehen“ wie das Kaninchen auf die Schlange: Ein Krisentagebuch im Zeitraffer.

Mi, 11.3.2020

Merkel: „Whatever it takes…“

Die Bundeskanzlerin äußert sich erstmals öffentlich zur Corona-Krise. Es werde lange dauern und die Bundesregierung werde alles tun, um die Krise zu bekämpfen.  Das klingt verdächtig ähnlich wie jener berühmte Satz von Mario Draghi, mit dem der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank  im Juli 2012 die Rettung des Euro einleitete.

In der Geschichte der Fußball Bundesliga findet erstmals ein Spiel vor leeren Rängen statt. Mönchengladbach gewinnt gegen Köln. Wenige Tage später werden alle Profi-Fußballspiele auf unbestimmte Zeit abgesagt.

Sa, 14.3.

In den Läden gehen Toilettenpapier und Mehl aus. Die Menschen streiten sich um die letzten Pakete. Der niederländische Premier Mark Rutte versucht zu beruhigen und erklärt, dass „das Klopapier für 10 Jahre Kacken reicht.“ In den USA decken sich die Leute unterdessen mit Waffen ein.

Aus Italien sehen wir Bilder aus Bergamo, auf denen Leichen mit Militärfahrzeugen weggebracht werden.  Das macht uns Angst. So etwas wollen wir in Deutschland nicht erleben.

Eine alte Tante verstirbt. Die Beerdigungsfeier muss wegen Corona abgesagt werden.  

So 15.3.

Ein sonniger warmer Tag. In der Eisdiele Corona gönnen wir uns 2 Eisbällchen im Becher: Zitrone und Nougat.

Mo, 16.3.

Fast alle EU-Staaten haben ihre Grenzen dicht gemacht – erstmals seit Gründung der EWG vor 63 Jahren.

Weltweit rutschen die Börsenkurse weiter in den Keller.  

Helge Schneider muntert auf und rät allen Daheimgebliebenen zum Beispiel Brot zu backen oder wieder ins Bett zu gehen.  

Am Abend beschwört die Kanzlerin erneut das Volk: „Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst“.

Di, 17.3.

Hofvirologen und immer neue Fachbegriffe

Wir lernen jetzt Leute kennen, die sonst in der Anonymität arbeiten. Lothar Wieler, Direktor des Robert Koch Instituts, klärt die Öffentlichkeit regelmäßig über den Fortgang der Pandemie auf. Christian Drosten, Direktor der Virologie der Berliner Charité, erläutert in seinen Podcasts den aktuellen Forschungsstand. In nicht enden wollenden Talkshows tauchen immer neue Experten auf.

Do, 19.3.

Wie sieht das oder der Corona Virus eigentlich aus? Es ist so klitzeklein, dass man es nicht sehen kann. Man fühlt es nicht. Man riecht es nicht. Aber es hat einen Namen: SARS-CoV-2. Das steht für severe acute respiratory syndrome coronavirus 2. Und es löst die Lungen-Infektionskrankheit COVID 19 aus. Im Fernsehen flimmern jetzt täglich 3D-Grafiken des Virus über den Bildschirm. Sie sehen aus wie Apfelsinen, die mit roten Krönchen gespickt sind. Das erinnert mich an Weihnachtsdekoration.   

„Flatten the curve“ lautet nun das Gebot der Stunde. Die exponentiell ansteigende Kurve der Infektionszahlen soll flacher werden, damit die Krankenhäuser den zu erwartenden Ansturm der Intensivpatienten bewältigen können. Und begleitend sollen Menschen mit COVID 19-Verdacht getestet werden. So viele wie möglich. Doch die Testkapazitäten sind erst im Aufbau.

Fr, 20.3.  

Alle nach Hause!

Ich mache es mir zur Gewohnheit, immer freitags meine Orchideen zu gießen und anschließend die aktuellen Corona-Zahlen abzurufen: In Deutschland sind jetzt rd. 14.000 Infizierte und 31 Todesfälle registriert. Die offiziellen Deutschlandzahlen kommen vom Robert Koch Institut (RKI). Die Johns Hopkins Universität (JHU) veröffentlicht weltweite Zahlen, die davon abweichen. Wir gewöhnen uns auch daran.  

Die Bundesregierung chartert Flugzeuge, um über 200.000 im Ausland festsitzende Deutsche zurück zu holen. Darunter auch viele junge Menschen im Freiwilligendienst.  Träume zerplatzen. Familien schwellen ganz unverhofft wieder auf alte Sollstärken an. Auch unsere erwachsenen Kinder sind zeitweilig wieder zu Hause. Die Nerven sind angespannt.  

Auf einem noch hängen gebliebenen Abitur-Plakat vom benachbarten Gymnasium steht: „Erst Abi, dann Bali, dann die ganze Welt!“ Das war einmal. Abschlüsse in Schule, Ausbildung oder Studium sind auf einmal in Frage gestellt.

So, 22.3. 

Social Distancing“ ist jetzt angesagt. Ein Begriff, dessen Sinn sich erst im zweiten Anlauf erschließt. Denn sozialer Umgang miteinander impliziert ja immer auch gewollte Nähe. Nun aber gilt das Gegenteil. Wir helfen uns gegenseitig, so das neue Mantra, in dem wir voneinander Abstand halten und so vermeiden, das Virus zu übertragen. 

Mo, 23.3.

Das öffentliche Leben steht still. Die Wirtschaft bricht ein.

Ab heute sind Versammlungen von mehr als zwei Personen mit Ausnahme von Familien sowie in einem Haushalt lebenden Personen grundsätzlich verboten. Menschen sollen in der Öffentlichkeit einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten. Nicht lebenswichtige Geschäfte müssen geschlossen bleiben.

Auf einem Frankfurter Spielplatz

Di, 24.3.

Es hagelt weitere Absagen: Die Oberammergauer Passionsspiele werden auf 2022 verlegt, die Olympischen Spiele in Tokyo auf den Sommer 2021. 

Mi, 25.3.

Regierungen verabschieden riesige Rettungspakete.

Der Deutsche Bundestag beschließt in Rekordtempo ein großes Hilfspaket in Höhe von 600 Mrd. Euro. Die bisher so sakrosankte „schwarze Null“ im öffentlichen Haushalt fällt.

Der US Senat einigt sich auf ein nie dagewesenes Hilfspaket von 2 Billionen  US Dollar.

Wir fahren mit dem Rad durch Frankfurt. Die Stadt ist deutlich leerer als normal, die Menschen befolgen die Kontaktverbote. Polizisten patrouillieren. Die S-Bahn ist zur Hauptverkehrszeit fast menschenleer.

Do, 26.3.

Schon am Ende der ersten Woche des Versammlungsverbots werden Fragen immer lauter: „Wie lange noch?“ „Wie soll der Exit aussehen?“ Der Stillstand der Wirtschaft werde am Ende mehr Tote kosten, als eine Fortsetzung des öffentlichen Lebens, sagen manche vom rechten Rand der Gesellschaft. Noch widerspricht eine Mehrheit.  

Wir gehen wandern und genießen die Ruhe über den Feldern.

Später wird Gesundheitsminister Spahn sagen: „Dies ist die Ruhe vor dem Sturm!“ 

Die Stadt New York ist schon mitten drin. Vor den Krankenhäusern stehen riesige Kühlcontainer, in denen die Toten gelagert werden. 

Fr, 27.3.

In Deutschland sind jetzt fast 50.000 Menschen infiziert.

In Italien und Spanien sterben immer mehr Menschen. In manchen Krankenhäusern Spaniens liegen die Menschen mangels Betten auf dem Fußboden.

Der britische Premier Boris Johnson ist „Corona positiv“.

Sa, 28.3.

Die Stunde der Streaming-Künstler
„Küssen kann man nicht alleine“ beklagt der Sänger Max Raabe zu Recht. Viele Künstler versuchen, die Zuhörer mit Streaming Konzerten bei Laune zu halten. In dem herausragenden Programm Hope@home  (https://www.arte.tv/de/videos/RC-019356/hope-home/) bittet der Geiger Daniel Hope namhafte Künstler in sein Berliner Wohnzimmer und wirbt um Spenden für Betroffene der Corona-Krise.

Mo, 30.3.

In den Läden gibt es immer noch kein Klopapier. Als eiserne Reserve schneide ich eine Ausgabe der FAZ in handliche Streifen. Toilettenpapier ist übrigens 9,7 cm breit, damit es in jeden Halter reinpasst.

Dahinter steckt ein kluger Kopf

Di, 31.3.

Krise macht innovativ

„Atemmasken statt Büstenhalter“ titelt die FAZ. Der Wäschehersteller Triumph baut zusammen mit dem Klimaanlagenspezialist Mahle dringend benötigte Schutzmasken. 

Statt persönlich, treffen wir uns jetzt per Zoom und winken uns aus den Kachelfenstern im Laptop einander zu.

Fr, 3.4.

Die Zahlen steigen weiter an:  Weltweit gibt es nun über 1 Mio. registrierte Infizierte. In Deutschland sind es knapp 85.000 mit über 1000 Todesfällen.  In den USA wird mit 250.000 Opfern gerechnet.

Ein neuer Begriff taucht auf: Die „Verdoppelungszahl“ misst die Anzahl der Tage, die vergehen, bis sich die Zahl der Infizierten verdoppelt hat. Je mehr Tage verstreichen, desto besser. Die Bundeskanzlerin nennt als Ziel mindestens 10 Tage, Fachleute fordern 15. 

Despoten gehen mit der Pandemie auf ihre ganz eigene Weise um: Ungarns Viktor Orbán baut seine Macht aus, Präsident Aljaksandr Lukaschenko empfiehlt weißrussischen Wodka und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hält die Seuche nur für eine kleine Grippe.

Keine guten Zeiten für Seefahrer. Kreuzfahrtschiffe und Flugzeugträger werden zu COVID 19-Fallen.

Sa, 4.4.

Die zweite Woche des Versammlungsverbots ist fast rum. Der Osterurlaub ist abgesagt. Stattdessen wird zuhause weiter aufgeräumt. Erstmals seit vielen Jahren haben nun alle unsere Tupper-Dosen wieder einen Deckel.

So, 5.4.

Premiumwandern und Klimawandel  

Wandern und Joggen heben die Stimmung in der verordneten Isolation und stärken die Abwehrkräfte!  Wir entdecken wunderschöne „Premiumwanderwege“, aber auch zunehmende Klimaschäden im Wald. Im Taunus werden Fichtenbestände großflächig gerodet, weil die Bäume von der Trockenheit geschwächt und von Borkenkäfern befallen sind. Die Auswirkungen des Klimawandels sind viel sichtbarer als das Corona-Virus. Und vielen Gemeinden fehlt wegen der Pandemie das nötige Geld für die Wiederaufforstung.

Vom Südhang des Taunus sieht man die Frankfurter Bankentürme in der Frühlingssonne glitzern. Sie stehen fast leer, weil die Angestellten im Home Office arbeiten. Vielleicht wird man in Zukunft weniger Bürotürme brauchen.  

Mo. 6.4.

Das Virus, so heißt es, behandelt alle gleich. Doch die gut ausgebildeten Mittelschichten arbeiten im geschützten Eigenheim. An der Front in den Supermärkten, Pflege- und medizinischen Einrichtungen ist das Ansteckungsrisiko ungleich größer.  In ärmeren Ländern sind Abstands- und Hygieneregeln kaum durchsetzbar. Und selbst in einigen reichen Industrieländern legt das Virus schonungslos Lücken in den Gesundheits- und Sozialsystemen bloß. Wer sich eine Behandlung nicht leisten kann, hat das Nachsehen. Vielleicht werden wir uns bald auf neue Migrationswellen einstellen müssen.

Mi, 8.4.

Vor dem Osterwochenende: Schon am frühen Morgen warten lange Menschenschlangen vor den Lebensmittelläden. Die Sicherheitsabstände werden ordentlich eingehalten. Es wird eingekauft, als stünde der Weltuntergang bevor.

Fr, 10.4.

Inzwischen gibt es fast 115.000 Infektionsfälle in Deutschland. Die Verdoppelungszahl ist auf 14 gestiegen.

Heute ist Karfreitag, der wichtigste Feiertag der Christen. Papst Franziskus zelebriert die Messe im leeren Petersdom.

Ostersonntag, 12.4.

Seit Beginn der Ausgangssperren herrscht Kaiserwetter in Deutschland. Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

Kaiser-, Krönungs-, Corona-Wetter

Di, 14.4.

Berufe, die in normalen Zeiten wenig Beachtung finden, erfreuen sich nun besonderer Wertschätzung. Ärzte, Pfleger und Hilfskräfte in Krankenhäusern und Altenheimen, die Kassiererin im Supermarkt – sie alle werden jetzt von den Balkonen beklatscht. Doch macht sich die neue Anerkennung auch bezahlt?

In meinem Kalender notiere ich bei fast allen Terminen, wie z.B. Konzerte, Theater, Bandproben, Beratung, Yogakursen oder Reisen „WG. CORONA ABGESAGT“. Vielleicht wird es mich eines Tages interessieren, was ich alles verpasst haben werde. Vielleicht aber auch nicht.  Nur der Frühsport bleibt im Kalender. Der Mensch braucht eine Restroutine. 

Mi, 15.4.

Die Kontaktbeschränkungen werden verlängert. Kleinere Läden und Friseure dürfen ab 4.5. öffnen.  In den Schulen sollen die Abschlussklassen wieder Unterricht erhalten.

Der Internationale Währungsfonds erwartet für 2020 einen Wachstumseinbruch der Weltwirtschaft von 3 %, der höchste seit der Weltwirtschaftskrise 1929.

Fr, 17.4.

In Deutschland gibt es jetzt knapp 140.000 Infizierte. Fast 82.000 Menschen sind wieder genesen. Die Reproduktionsrate, der sog. R-Faktor, liegt bei 0,7. Das bedeutet, dass im Schnitt 10 Menschen 7 weitere anstecken.

Das ist eine gute Entwicklung. Und sie befeuert die öffentliche Debatte.  Welche Zielwerte sind nun für die weitere Öffnungspolitik relevant?  Alle Gesellschaftsbereiche und Interessengruppen melden sich zu Wort. Wirtschaft, Gesundheitswesen,  Schulen, Familien, Sport. Die Öffnungsdiskussion nimmt an Schärfe zu.

Di, 21.4.

Die „Neue Normalität“

Merkel geißelt die „Öffnungsdiskussionsorgien“. Doch die Ministerpräsident*innen der Länder reagieren mit eigenen Plänen. Der gesellschaftliche Konsens hat vier Wochen gehalten. Jetzt wird er zu einem Zeitpunkt brüchig, in dem die Pandemie zunehmend beherrschbar erscheint.  

Am Abend ein Besuch in Frankfurts Innenstadt.  Es ist ein warmer frühsommerlicher Abend. Die Menschen flanieren, joggen oder spielen in den Grünanlagen. Meistens zu zweit oder im Familienverbund.  Wir kaufen Essen-to-go. Beim Vietnamesen ist das alles längst Routine: Die Markierungen auf dem Pflaster, die große Plexiglasscheibe mit dem klein ausgeschnittenen Bestellfenster und die Bedienung, die dahinter ganz entspannt Karten spielt.

Fr, 25.4.

Weltweit haben sich fast drei Millionen Menschen nachweislich infiziert. Doch in einigen Ländern Europas nimmt die Zahl neuer Infizierter allmählich ab. In Deutschland sollen diese nun konsequent durch sog. Containment Scouts der Gesundheitsämter verfolgt werden, um neue Ausbruchsherde zu isolieren.

Doch wie lange werden sich die Kontaktbeschränkungen dann noch hinziehen? Vielleicht noch ein ganzes Jahr, bis ein neuer Impfstoff verfügbar ist? Oder werden zwischenzeitlich andere Behandlungsmethoden greifen?  Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht gefühlte drei Stunden über Corona sprechen, streiten, nachdenken oder gar träumen. Längst hat uns die Krise erwischt und dominiert unseren Alltag. Wir werden unduldsamer. 

Erst die Brötchen, dann die Masken

Mi, 29.4.

Seit 3 Tagen ist in ganz Deutschland das Tragen von Mund- und Nasenschutz in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr Pflicht. Ich gehe erstmals mit Maske auf den Wochenmarkt und trage ein grün-weiß kariertes Modell aus der Werkstatt unserer Nachbarin. Meinen Einkaufszettel kann ich nicht lesen, weil die Brille beschlägt. Und das Kleingeld versuche ich gar nicht erst abzuzählen. Mir wird warm unter der Maske. Ich beobachte, wie viele Menschen an ihrem Gesichtsschutz herum nesteln, die Maske unter die Nase ziehen oder unterm Kinn tragen.  Ob sie im Alltag wirklich hilft?

Di, 4.5.

Fast alle Geschäfte sind jetzt wieder geöffnet. Friseursalons sind auf Wochen ausgebucht. Die Innenstädte füllen sich, doch die Kauflust der Menschen ist noch nicht wieder da.  

Mi, 6.5.2020

In Deutschland sind nur noch knapp 22.000 aktive COVID 19-Fälle registriert. Alle Indikatoren entwickeln sich weitgehend positiv. Haben wir es geschafft?  Hat sich das verantwortungsvolle Handeln aller am Ende ausbezahlt? Oder ist das Virus womöglich harmloser als gedacht und waren die Schutzmaßnahmen übertrieben? Ein Blick auf andere Länder zeigt, dass es viel schlimmer hätte kommen können.

Doch für den Augenblick ist unsere Geduld aufgebraucht. Es gibt kein Halten mehr, die Menschen wollen raus. Bund und Länder verkünden weitere Lockerungen. In jedem Bundesland fallen sie ein bisschen anders aus. Doch einen bundesweiten Maßstab zur Krisenüberwachung wird es weiter geben: Wird die Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in einem Landkreis oder in einer Stadt erreicht, können verschärfte Schutzmaßnahmen ergriffen werden. 

Phase 1 der Corona-Krise ist vorbei. Keiner weiß, wann die zweite Welle kommt. Vielleicht schon im Herbst oder regional auch früher. Wir haben uns auf jeden Fall schon mal warmgelaufen.  

Aperol-to-go vor der Frankfurter Alten Oper

Tipps und Hinweise:

Alle wichtigen Informationen und aktuellen Zahlen zur COVID 19 Infektionskrankheit finden sich auf der Webseite des Robert Koch Instituts: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV.html

Eine mögliche Adresse für Corona-Betroffene weltweit ist die „Aktion Deutschland hilft“: https://www.aktion-deutschland-hilft.de/de/spenden/spenden/?wc_id=50649&ref_id=bing&msclkid=3f288a37950d1d6f803dd4828ac37bff

Alle interaktiven Hinweise zu Premium-Wanderwegen in Deutschland und Europa finden sich hier: https://www.wanderinstitut.de/

Der Skitourenkurs

Der Bergführer spurt, die Gruppe folgt.

Es ist Freitagmorgen um viertel vor sieben. Heute wollen wir zu unserer dritten und letzten Skitour auf die Hänge des 2674 m hohen Punta Lago Nero ein paar Kilometer südöstlich von Livigno aufbrechen. Wir, das ist eine zusammengewürfelte Gruppe von zwei Frauen und sechs Männern aus Deutschland und ein Bergführer aus Südtirol. An diesem letzten Tag unseres Skitourenkurses[1] fühlen wir uns schon ziemlich routiniert – und werden doch wieder jede Menge neue Herausforderungen erleben.

Das geht schon beim Ökofrühstück im Speiseraum unserer Unterkunft los. Gut beraten ist, wer sich gleich als erstes an der Saftmaschine anstellt. Denn hier herrscht großer Andrang, weil für den morgendlichen Vitaminbooster gefühlt alle Gäste Möhren und Äpfel, Gurken und Fenchel, Bananen und Kiwis passgerecht für den schmalen Hals des großen Wundersafters zerkleinern wollen. Mit besonderer Hingabe bereiten einige junge Damen in körperbetonter Skiunterwäsche ihren Gesundheitstrunk vor.

Doch wer pünktlich auf Tour will, darf sich von solchen Nebensächlichkeiten nicht ablenken lassen. Denn jetzt gilt es zu packen und vor allem darauf zu achten, dass alle Sicherheitsinstrumente zuverlässig im ABS-Lawinenrucksack verstaut sind. In unseren blauen DAV-Rucksäcken sind Airbags installiert, die sich mit einem Zug am Sicherheitsgriff explosionsartig zu zwei flügelähnlichen Polstern aufblasen. Ob sie helfen, in einer niedergehenden Lawine an der Oberfläche zu bleiben, haben wir zum Glück nicht testen müssen. Stattdessen bot sich uns ein bühnenreifes Schauspiel, als sich die Airbags einer Kollegin in der Gruppe versehentlich von selbst öffneten.

Topografische Karten, Lawinenlagebericht und viel Erfahrung helfen bei der Tourenplanung.

Zur Grundausrüstung beim Tourengehen gehören auch Lawinenschaufel und -sonde. Letztere ähnelt einer zusammenklappbaren Campingstange. In unserer Rettungsübung am Vortag konnten wir damit gut zwei Meter tief in die Schneemassen eindringen und nach verschüttenden Kameraden suchen. Das funktioniert gut, wenn der Piepser (d.h. das Lawinenverschüttungssuchgerät LVS) des Suchenden auf Empfang geschaltet ist und damit sehr präzise die LVS-Signale des Verschütteten lokalisiert. Das überlebenswichtige Piepsgerät schnallen wir also sorgsam um die Schulter und stellen es schon vor Verlassen des Hauses auf Sendung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, auch zu prüfen, ob noch genügend Saft in der Batterie ist.

Zurück zur heutigen Tour. Endlich geht es los. Die Autos haben wir in einem namenlosen Weiler in der Nähe des Örtchens Trepalle geparkt. Allen gelingt es inzwischen, die Tourenski im Vergleich zu den ersten Tagen relativ flott anzuschnallen – auch denjenigen unter uns, die mit der nicht sehr leichtgängigen Xenic 10 Tourenbindung von Fritschi unterwegs sind. „Beim Aufstieg sollen die Ski den Schnee streicheln“ rät uns der Bergführer. Denn jedes noch so kleine Anheben kostet unnötig Kraft.

Die Felle hatten wir schon zuvor in der Wärme des Skikellers aufgezogen. Auch das klappte schon viel besser als beim ersten Mal.  Denn die Felle müssen faltenfrei und passgenau auf die Laufflächen der Ski geklebt werden, so dass sie nach vorne gleiten und nach hinten das Abrutschen verhindern. Auch das „Abfellen“ am Berg verlangt ganz eigene Fertigkeiten. Das erlebten wir gleich am ersten Tourentag, als unser Bergführer am Ende eines eher gemächlichen Aufstiegs die steilste Stelle eines Hanges als Ziel- und Rastplatz auserkor. Beim Abziehen flatterten die Felle wild im eiskalten Wind durcheinander. Überall klebten sie fest, nur nicht auf der richtigen Stelle übereinander. Die Finger sind bei dieser Koordinationsübung viel schneller eingefroren, als man dies nach einer einschlägigen YouTube-Anweisung im temperierten Wohnzimmer für möglich gehalten hätte. „Auf Skitour gehen ist kein Badeurlaub“ sagte der Bergführer.

Wortlos setzt sich nun unser Führer in Bewegung. Er wird schon wissen, wo es lang geht, denken wir, und gleiten ihm ebenso wortlos hinterher. Doch schon nach ein paar Minuten gelangen wir in ein dichtes, steiles und scheinbar unpassierbares Waldstück. Nach dem sanftem Aufstieg vom Vortag steht heute offenbar eine Fortgeschrittenenprüfung auf dem Programm. Plötzlich spüren wir, wie die Kälte in uns hochkriecht und unsere Motivation auf die Probe stellt. Denn in diesem schattigen Nordhang auf über 2000m Höhe sind es sicher gute 10 Grad minus. Fühlen sich jetzt nicht auch die Druckstellen an den Füßen noch schmerzhafter an?

Doch dann erkundet unser Führer das Gelände und beschließt, eine deutlich angenehmere Route entlang eines Baches zu wählen. Kraft brauchen wir aber nun zur Überquerung des Baches. Denn dazu schnallen wir wieder ab und versinken prompt bis zu den Knien im Schnee, aber zum Glück nicht im eiskalten Wasser. „Ski bei extremer Hangneigung anschnallen“ könnte die nächste Übung heißen, denn bis wir alle wieder startklar sind, vergeht eine kleine Ewigkeit. Aber es kommt noch besser. Mit immer häufigeren Spitzkehren erklimmen wir jetzt einen ziemlich steilen Bergrücken. Was am flachen Hang so einfach erschien, wird jetzt zur Mühsal. Denn bei jeder Spitzkehre bergauf verfängt sich der nachgezogene Ski treffsicher im Hang. 

Direkt über uns entdecke ich jetzt eine bedrohlich überhängende Schneewechte. Schnell überprüfe ich, ob mein Airbagsystem wirklich entsichert ist und versuche zu rekapitulieren, was wir an den Vortagen zum Thema Lawinengefahr besprochen hatten. Aber nachdem wir alle Neune erfolgreich den Abhang herauf gekraxelt sind, entpuppt sich die Wechte als harmlos. Atemlos geht es weiter durch den kalten Morgen.

Sonne pur und verharschter Altschnee

Nach gut anderthalb Stunden Aufstieg schaffen es die ersten Sonnenstrahlen über den Berg. Zeit für eine erste Trinkpause und Entblätterung aus dem inzwischen viel zu warmen Zwiebellook. Unser wortkarger Bergführer ist offenbar mit unserer Leistung zufrieden, denn gut gelaunt erzählt er uns jetzt den klassischen Witz von der allein reisenden Ehefrau und dem gut aussehenden Skilehrer Kurt.

Nach rd. 700 Höhenmeter Aufstieg und Stunden später haben wir es endlich geschafft. Alle großen und kleinen Strapazen sind im Nu vergessen. Rundherum blicken wir bei strahlend blauem Himmel in ein winterliches Panorama der Schweizer, österreichischen und italienischen Alpen, das schöner nicht sein kann. „Berg Heil“ sagt unser Bergführer und fügt lakonisch hinzu, dass dieser Gipfelgruß längst aus der Mode gekommen sei. Denn heutzutage fragt man: „Hast Du Netz?“ Wie auf ein geheimes Kommando haben plötzlich alle ihre Smartphones in der Hand. „Schon über tausend Emails!“ klagt einer aus der Gruppe, obwohl das Jahr doch gerade erst angefangen hat. So einsam, wie es scheint, sind wir hier oben in der wilden Natur anscheinend doch nicht. Und als ob es einer weiteren Bestätigung bedurft hätte, knattert prompt ein Hubschrauber mit Heli-Skifahrern vorüber.

Blick auf die Berge um Livigno

Abwärts geht alles viel schneller. Am besten in der Falllinie. Doch wem das nicht so behagt, schafft es in den Steillagen auch mit Spitzkehre und Stemmbogen. Statt pulvrigem Neuschnee gibt es nur Altschnee, mal harschig festgeblasen, mal etwas lockerer. Und deshalb mutiert die Traumspur bisweilen zu einer breiten Ackerfurche.  

Doch keiner lässt sich davon die gute Laune verderben. Am Ende des Kurses sind wir froh, dass alle Knochen heil geblieben sind. Und am Abend, bei etlichen Flaschen guten Rotweins, reift die Erkenntnis, dass die nächste Skitour wieder von einem guten Bergführer angeführt werden sollte.


[1] Dieser Beitrag fasst die persönlichen Eindrücke des Autors von einem Tiefschnee- und Skitourenkurs des DAV Summit Club in Livigno im Januar 2020 zusammen.

Nützliche Infos zu Tourenvorbereitung und Lawinenkunde finden sich hier:

Klicke, um auf Panorama-6-2019-Tourenplanung-im-Winter_31229.pdf zuzugreifen


https://www.alpenverein.at/portal/news/aktuelle_news/2012_12_04_sicher-auf-skitour.php

Empfohlen werden Teil 1 und Teil 2.

Venedig: Und ewig lockt die Serenissima

Dogenpalast und Markuslöwe

Laufstrecke: Arsenale – Campo Santa Maria Formosa – Rialtobrücke – Campo da Pescaria – Campo San Polo – Campo dei Frari – Academia-Brücke  – Piazza San Marco – Arsenale – Giardini; 6,7 km.  (Anfahrt mit Vaporetto vom Lido) 

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist 2019-10-31-venediglauf-67-km.png.
Rundlauf gegen den Uhrzeigersinn

Das Vaporetto setzt ein Stück zurück, routiniert löst die Matrosin den Knoten von den Pollern, wirft das Hanfseil lässig über die Reling und verschwindet in der geheizten Kapitänskabine. „Prossima Fermata Santa Elena” sagt die Ansagestimme und dann für Ausländer noch einmal in venezianischem Englisch „Nexte Stope Santa Elena“. Und schon sind wir auf der Lagune unterwegs vom Lido zur Altstadt Venedigs. Früh morgens sind so gut wie keine Touristen an Bord. Die Passagiere dösen vor sich hin, zeigen sich stolz Babyfotos auf ihren Smartphones oder hören Musik.     

Heute Morgen möchte ich erleben, wie sich ein Lauf durch Venedig zum Sonnenaufgang anfühlt.  Es ist Herbst, und die Uhren ticken schon nach der Winterzeit.  Laut Wetter-App sollte die Sonne heute genau um Viertel vor Sieben aufgehen, doch tatsächlich bleibt sie hinter dicken Wolkenbänken verborgen. Als ich mit der Vaporettolinie Nr. 1 an der Haltestelle Arsenale, dem Ausgangspunkt meines Laufes, ankomme, setzt ein leichter Nieselregen ein. Es ist windig und kühl, und ich ziehe mir die Mütze tief in die Stirn. Trotz des miesen Wetters leuchtet helles Morgenlicht von der Lagune herüber. Der salzige Seewind in der Nase tut gut.

Vaporetto am Morgen

Von Arsenale zur Rialtobrücke
Zur Vorbereitung auf den Lauf habe ich versucht, mir die Geographie der Insel einzuprägen. In Venedigs Labyrinth ist es nahezu unmöglich einen Weg vorab zu planen. Per Google Maps und mit Stöpseln in den Ohren, so der Plan,  möchte ich mich deshalb von einem markanten Punkt zum nächsten navigieren lassen. Diese Orientierungspunkte sind meist große Kirchen und Plätze, deren Zweck es schon immer war, die Menschen zusammen zu führen.

 Heute werde ich nicht über die zahlreichen Kirchen und Paläste, an denen ich vorbei laufe, berichten. Das überlasse ich kundigeren Kennern der Stadt. Der niederländische Autor Cees Nooteboom ist so ein Venedigfanatiker. In dem jüngst erschienenen Band „Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser“ beschreibt er seine Streifzüge durch die Lagunenstadt.  Ebenso amüsant sind die Verfilmungen von Dona Leons Kriminalromanen mit dem schlauen Commissario Brunetti und seinem treuen Assistenten Sergente Vianello. Wer die Spuren der beiden vom Fernsehsessel aus verfolgt hat, ist schnell überzeugt, Venedig wie seine Westentasche zu kennen. 

Nach all diesen gewissenhaften Vorbereitungen dauert es nicht lange, bis ich mich verlaufe und in der ersten Sackgasse lande. Denn wenn der Weg durch wirklich schmale Gassen führt, verpasst selbst der Google Maps Navigator die richtige Abzweigung. Es ist ja ganz beruhigend, dass die Digitalisierung der Welt ihre Grenzen in Venedigs mittelalterlichen Häuserschluchten findet. Ich stehe nun also unvermittelt vor einem Seitenkanal. Leise plätschernd fährt ein Kahn der Müllabfuhr vorbei. Der Mann an der Pinne trägt einen knallgelben Arbeitsanzug. Hoch oben zwischen den Häusern  hängt Wäsche auf der Leine. Alles ist nach Größe sortiert: Jeans, Hemden, Unterrock, T-Shirts, Unterhosen, Socken.   

Auf dem Platz vor der Santa Maria Formosa Kirche hat schon ein Café geöffnet. Gedämpftes Licht dringt aus der Ladentür. Ein älterer Herr hat seinen Stuhl auf die Schwelle gerückt und schlürft seinen Kaffee. Er scheint mich zu beobachten und denkt sich vermutlich seinen Teil über Touristen, die zu dieser frühen Stunde über den Platz joggen und seine Ruhe stören.  

Mein erstes Etappenziel von Arsenale aus ist der Fischmarkt. Auf der benachbarten Rialtobrücke begegne ich einem Straßenkehrer und ein paar Tauben, die sich durch meine Schritte in keiner Weise aus der Ruhe bringen lassen. Später am Tag wird die Rialtobrücke zu einem der dichtesten Verkehrsknotenpunkte der  Stadt. Die Verkehrspolizisten in ihren adretten gelb-schwarzen Jacken erklären dann die schmalen Zugangsgassen wegen Verstopfung zu Einbahnpfaden. So entstehen schnell kilometerlange Menschenkolonnen, die sich wie Polonaisen an Karneval langsam durch die Altstadt schlängeln. Ich habe erfahren, dass weit über 10 Millionen Übernachtungsgäste jährlich nach Venedig kommen, dazu addieren sich mindestens ebenso viele Tages- und Kreuzfahrttouristen. Ob die geplanten Eintrittsgelder zukünftige Touristen von einem Besuch abhalten werden, bleibt abzuwarten. Einstweilen genieße ich es, früh morgens ganz alleine über die Stufen der Rialtobrücke zu joggen.

Frischer Fang auf Venedigs Fischmarkt

Zum Fischmarkt geht es gleich rechts um die Ecke. Im Schein der Laternen sind die Händler damit beschäftigt, den frischen Fang aus den weißen Styroporkästen auszupacken. Auf dem Boden liegen zwei große Schwertfische, die vermutlich bald zu Filetstücken zerlegt werden. Geduldig warten Möwen neben der Markthalle, weil sie wissen, dass demnächst reichlich Fischabfälle für sie übrig bleiben wird.  Gleich neben dem Fischmarkt in den Arkaden findet sich ein  Bankschalter der Bancogiro. Über der Eingangstür thront eine Statue der Mutter Gottes. Angesichts der eher prekären Lage italienischer Banken bleibt es offen, ob Maria die Kunden vor der Bank oder die Bank vor den Kunden schützen soll.

Westlich des Canale Grande
Das Viertel westlich des Canale Grande wirkt weniger touristisch. Hier gibt es kaum Wegweiser und auch mein Navi im Ohr verführt mich immer wieder in kleine Hinterhöfe, an Kanäle oder in dunkle Sottopassaggi, also Unterführungen, die nicht wirklich weiter führen. So erlebe ich das Viertel noch intensiver, und es scheint mir, dass hier viele Venezianer tatsächlich noch selber leben und nicht alle Häuser und Wohnungen zur Vermietung an Touristen umgestaltet haben.  Denn nur noch rd. 60.000 Menschen wohnen dauerhaft in der Lagunenstadt, früher waren es deutlich über 100.000 Einwohner. Einer von ihnen will gerade seinen Hund auf dem Campo San Polo Gassi führen. Doch dann hat er sich auf eine Parkbank gesetzt und sein Smartphone herausgezogen. Auch Hunde können warten.   

Hund mit Herr am Campo San Polo

Auf dem Campo dei  Frari wird es nun deutlich lebhafter.  Menschen eilen zur Arbeit oder poltern mit ihren Rollkoffern über  die holprigen Wege. An der nahen Università Ca‘ Foscari  beginnt der Vorlesungsbetrieb, denn viele junge Menschen eilen herbei und vermitteln dabei den Eindruck, als hätten sie noch keine Zeit für den Morgenkaffee gehabt. Ich laufe  auch immer wieder an Antiquitätenläden vorbei. In einem Schaufenster stehen zwei große schwarze Mohrenfiguren in goldenem Rock. Den linken Arm strecken sie als Kerzenständer in die Höhe. Solche Reliquien aus der Kolonialzeit sind offenbar nicht auszurotten. 

Endlich tauchen an den Mauern die gelben Wegweiser zur Academía auf. Dort möchte ich über die Brücke wieder auf die andere Seite des Canale Grande gelangen.  Natürlich hätte ich den Kanal am liebsten wie ein echter Venezianer auf einem Traghetto überquert, also mit einer Gondel, auf der man für kleines Geld stehend ans andere Ufer übergesetzt wird. Doch leider verkehren diese Boote erst ab 9 Uhr morgens.

Schiffsprozession am Canale Grande

Aber auch der Weg über die Academía Brücke  ist überaus lohnend und wird mit einem einzigartigen Rundumblick belohnt. Rechts und links die vornehmen Paläste, die buchstäblich im Wasser zu stehen scheinen, davor die buntgestreiften Pfähle mit den Anlegestellen für die Hausboote. Unten in der Fahrrinne des Kanals eine nicht enden wollende Prozession von Booten, Lastkähnen, Vaporetti, Gondeln und Taxischiffen.  Und am Horizont schiebt sich ein Kreuzfahrtschiff in den Guidecca Kanal hinein. Es ist so groß, dass die Gebäude ringsum wie Spielzeughäuser erscheinen. Eigentlich hat die Stadtverwaltung beschlossen, die Kreuzfahrtschiffe aus der Altstadt zu verbannen, da sie erhebliche Umwelt- und Erosionsschäden verursachen. Doch die Kreuzfahrtpassagiere wollen Venedig pur erleben, und die Schiffe spülen hohe Hafengebühren in die Stadtkasse.  

Bis zur Piazza San Marco ist es jetzt noch ein guter Kilometer.  Ich wähle ganz bewusst nicht den direkten Weg über die Calle Larga, an der sich die Häuser der Luxusmarken aneinander reihen. Viel lieber gönne ich mir einen letzten labyrinthischen Umweg,  beobachte in einem Seitenkanal wie Gondolieri  ihre eleganten schwarzen Boote für die Touristen herrichten,  überquere Brücken und Kanäle und durchlaufe so enge Durchgänge, dass ich mit beiden Händen rechts und links die Mauern berühren kann. An den kitschigen Glasfiguren in den Souvenirläden, die ganz bestimmt nicht alle aus Murano stammen, merke ich, dass ich mich nun Schritt für Schritt dem großen Platz mit der San Marco Kathedrale nähere.

Über Treppen und Brücken

San Marco for Lovers
Und  da liegt der Platz nun fast menschenleer vor mir. Am Rande der Arkaden unzählige Kaffeetische, an denen niemand sitzt und in der Mitte des Platzes ein einsames chinesisches Hochzeitspaar. Sie in weißem langen Kleid und trotz herbstlicher Kühle mit nackten Oberarmen. Er lässig mit langer beiger Jacke über dem T-Shirt. Immer wieder laufen sie in aufflatternde Tauben hinein. Ihr Fotograf gibt nicht auf, bis er das ultimative Venedigfoto auf der Speicherkarte hat.

Quer über den Markusplatz laufe ich nun vorbei an der reichen Fassade der Kathedrale und an hochgestapelten Laufstegen für das  drohende Hochwasser Acqua Alta, das die Stadt nur wenige Tage später auf überaus zerstörerische Weise heimsuchen wird.  Ich bin jetzt auf dem weitläufigen Platz angekommen, der sich zur Lagune hin öffnet. Links der weiße Dogenpalast, rechts der geflügelte Markuslöwe hoch oben auf einer Standsäule. Venedigs Herren haben ihre Machtsymbole mit Bedacht ganz unübersehbar an den Eingang zur Stadt platziert.  „Die allerdurchlauchteste Republik des Heiligen Markus“ nannten sie selbstbewusst ihre Stadt. Das macht Eindruck, bis heute.   

San Marco am Morgen

Den letzten Kilometer  trabe ich nun gen Osten an der Riva degli Schiavoni entlang bis zur Station Giardini. Der Regen hat längst aufgehört, aber das fahle Licht bringt die noch feuchten Bodenplatten zum Leuchten. Tagsüber voller Touristen und  Souvenirverkäufer, ist diese wunderschöne Flaniermeile am Ufer der Lagune am Morgen den Einheimischen und Frühsportlern überlassen.  Kaum zu glauben, dass hier vor wenigen Tagen noch Tausende Läufer ins Ziel des Venedig-Marathons rannten.  Ich genieße die Ruhe und freue mich über meinem ganz persönlichen Altstadtlauf durch das Labyrinth von Gassen, über Treppen und Brücken, vorbei an Kirchen und Palästen. Noch habe ich den Geruch des Brackwassers der Kanäle, von frischem Kaffee und Fisch in der Nase und in meinen Kopf läuft der Film ab über die Menschen, denen ich auf meinem Weg begegnete und die der Stadt an diesem Morgen neues Leben einhauchen.

Nexte Stope Santa Elena” sagt die Ansagestimme jetzt wieder. Und dann noch ein paar Minuten weiter bis zum Lido. Zufrieden lehne ich mich zurück und genieße das Schaukeln des Schiffes auf den ewigen Wassern der Serenissima.