Morgens in Oslo: 7,6 Kilometer zwischen Fjord, Festung und Königshaus

Die Oper am Oslofjord ist alles in einem: Kulturtempel, Gletscherlandschaft, Fußgängerparadies (alle Fotos: C. Sigrist, sofern nicht anders ausgezeichnet)

Wer einen Lauf durch Oslo machen will, folgt am besten den einheimischen Joggern. Eine beliebte Strecke verläuft entlang des Oslofjords. Die Osloer nennen es die Hafenpromenade, und die ist 9 km lang. Eine zweite Route führt entlang der Karl Johans gate vom Hauptbahnhof über das Parlamentsgebäude bis zum Königsschloss.  Das ist überwiegend Fußgängerzone und so etwas wie die gute Stube von Norwegens Hauptstadt.

Heute ist ein freundlicher Tag im August. Die Luft ist noch feucht vom Regen der Nacht, doch die Sonne scheint fest entschlossen zu sein, die noch verbliebenen Wolken zu vertreiben.

Ich habe mir vorgenommen, die beiden Laufstrecken zu einem morgendlichen Entdeckungslauf zu kombinieren. Wie wir noch sehen werden, wird dieser Lauf so viel Anregung bieten, dass wir in der Folge die Stadt mehrere Tage lang erkunden und dabei Erstaunliches entdecken werden.

Rundlauf durch Oslo:  Grønland-Viertel, Barcode-Viertel, Bjørvika-Viertel, Munch-Museum, Opernhaus, Festung Akershus, Aker Brygge, Tjuvholmen-Halbinsel, Rathaus, Nationaltheater, Universität, Karl Johans gate, Storting (Parlament), Bahnhof, Grønland;  7,6 km; Kartenquelle: Google Maps

Oslo – eine multikulturelle Stadt

Los geht’s mit dem Morgenlauf im Stadtteil Grønland. Der liegt im Südosten der Stadt und war früher ein Arbeiterviertel. Das Viertel wirkt nicht sehr skandinavisch. Vielmehr finden sich hier orientalische Lebensmittelgeschäfte, afrikanische Restaurants und Moscheen. Die Menschen, die hier leben, haben ihre Wurzeln in vielen Ländern dieser Welt. So multikulturell hatte ich mir Norwegens Hauptstadt nicht vorgestellt. Die Zahlen von Statistics Norway aber sind eindeutig: Im Januar 2026 hatten 40% aller Einwohner Oslos einen Migrationshintergrund, in etwa so viele wie in Berlin. Die norwegische Einwanderungspolitik ist zwar restriktiver geworden, unterstützt die Integration jedoch mit umfangreichen Fördermaßnahmen. Das scheint zu funktionieren. Denn Arbeitsmigranten werden gebraucht und die sind weiterhin sehr willkommen.


Über die Akrobatenbrücke ins Barcode-Viertel

Über eine sehr stylische Fußgängerbrücke überquere ich die Bahngleise und werde schon wieder überrascht. Denn nun bin ich im Barcode-Viertel angekommen. Barcode? So heißen doch die Strichmuster, die an der Supermarktkasse eingescannt werden. Von weitem sieht die Häuserreihe tatsächlich ein wenig danach aus. Doch in Oslos Hochhausviertel stehen die Häuser nicht so einfallslos wie schwarze Striche nebeneinander. Oslos Architekten haben Mut: Jedes Hochhaus hat hier sein ganz eigenes exquisites Design.

Oslos Visitenkarte am Fjord: Oper, Riesenrad, MUNCH-Museum. Im Hintergrund das Barcode-Viertel. 

Edvard Munch schaut den Menschen in die Seele

Mut haben auch die Macher des MUNCH-Museums im Bjørvika-Viertel bewiesen. Gewidmet ist das Museum dem wohl berühmtesten Künstler Norwegens. Das markante Hochhaus liegt direkt am Wasser und sieht aus wie ein Jenga-Turm kurz vor dem Zusammenbruch. Es beheimatet die weltweit größte Sammlung der Werke Edvard Munchs.

Später werden wir das Museum besuchen und haben uns dafür viel Zeit genommen. Nicht nur wegen der spektakulären Sicht vom obersten Stockwerk und der leckeren Fischteller in der Cafeteria im Erdgeschoss. Auch wegen der sehr umfassenden und vielseitig präsentierten Werkschau des Künstlers.

Natürlich hängt im Museum auch das Bild  „Der Schrei“.  Manche kennen dieses bekannteste Werk des norwegischen Künstlers als Emoji: 

Wer jedoch das Original sehen will, ist dabei nicht ganz allein. Denn viele Besucher, darunter viele Kreuzfahrttouristen, pilgern geradewegs in den vierten Stock des Museums. Vor dem Gemälde kommt es daher schnell zu einem ordentlichen Gedränge. Denn alle wollen den „Schrei“ in ihrem Smartphone mitnehmen, wo er dann allerdings schnell seinen Schrecken verliert. 

Munchs außergewöhnliche Gabe, angst- oder freudenerfüllte Seelenzustände des Menschen auf die Leinwand zu bannen, begreift man allerdings erst in der Gesamtschau seines Werkes.

Edvard Munch (1863-1944), Abend auf der Karl Johan gate, Kunstmuseum KODE, Rasmus Meyer Sammlung, Bergen: Eine gespenstige Menschenmenge mit Angst vor dem, was kommen mag?

Rundlauf auf dem Opernhaus

In unmittelbarer Nachbarschaft zum MUNCH-Museum liegt die Osloer Oper. Die überrascht ihre Besucher auf ganz andere Art und Weise, nämlich mit der Einladung zu einem Dachspaziergang. In sanfter Schräglage bildet das weißgraue Marmordach eine norwegische Gletscherlandschaft ab, aber ohne die gefährlichen Spalten. Daher lege ich jetzt eine kleine Bergwertung ein,  jogge eine Runde über das Opernhausdach und genieße den großartigen Blick auf die Stadt und über den Fjord. Über der Stadt liegt eine wohltuende Ruhe. Am lautesten ist das Gekreische der Möwen.

Energie, Macht, Wohlstand 

Ich laufe weiter entlang der Fjordpromenade in Richtung Akershus Festung. Der Morgenverkehr hat zwar schon etwas Fahrt aufgenommen. Doch man hört ihn kaum, und die Luft ist rein.  In diesem Land fahren immer mehr Autos mit Elektromotor. Blickt man auf die Stadtkarte (siehe oben), könnte man meinen, dass mitten durch Oslo eine Autobahn verläuft. Doch auch davon sieht und hört man nichts. Denn diese Schnellstraße verläuft unterirdisch, sehr tief unter der Erde, noch unterhalb des Fjords. Oben die herausgeputzte Stadt, unten die moderne Verkehrsinfrastruktur.

Wie kriegt Norwegen das hin, was anderenorts nicht so gut gelingt? Nun, das Land nutzt günstigen Strom aus der Wasserkraft, und die Elektromobilität wird mit Steueranreizen und konsequenter Regulierung gefördert. Und dann ist da noch dieser legendäre Staatsfonds, der weltweit größte seiner Art. Er wird aus den Erträgen der Öl- und Gasförderung gespeist. Die Mittel werden für die Zeit gespart, wenn es kein Öl und Gas mehr gibt. Durch kluge Anlagen an den Kapitalmärkten wächst der Fonds stetig weiter. Die Verwendung dieser Mittel ist streng geregelt. Jeder Finanzminister wäre heilfroh, wenn er auch nur einen kleinen Teil der Rendite für seinen Haushalt einplanen könnte. In Norwegen wird über die Erträge des Fonds rund ein Viertel der Staatsausgaben finanziert.

Auch Deutschland profitiert erheblich von den Öl- und Gasvorräten in der Nordsee. Norwegen deckt inzwischen über 40 Prozent der deutschen Gasimporte ab und ist damit Deutschlands wichtigster Energielieferant. 

Akershus Festung über dem Oslofjord

Akershus Festung: Schutzburg, Mahnmal und Grabstätte der Königsfamilie 

Zurück zum Morgenlauf. Die Hafenpromenade verläuft direkt am Wasser unterhalb der Akershus Festung.

Wer die Festung besucht, bemerkt schnell, dass sie mehr ist als ein restauriertes Gemäuer. Akershus ist ein nationales Symbol, denn die Festung diente der Verteidigung des Königreichs gegen nicht immer freundlich gesinnte Nachbarstaaten.  Hier befindet sich zudem die königliche Grabkapelle. Der nur wenige Wochen nach meinem Lauf verstorbene und sehr beliebte König Harald V. hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden. 

Die Stadtführer in Oslo erzählen gerne, dass Akershus militärisch nie eingenommen, aber einmal kampflos übergeben worden sei. Und da horcht man als deutscher Besucher auf, denn diese Übergabe erfolgte an Nazideutschland, das Norwegen im Zweiten Weltkrieg von 1940 bis 1945 besetzte. Hitlers imperiales Interesse galt dem schwedischen Eisenerz, das über den nord-norwegischen Hafen Narvik nach Deutschland verschifft wurde. Nach dem Blitzangriff der Wehrmacht im April 1940 brach der Widerstand der Norweger, zunächst noch unterstützt von den Alliierten, schnell zusammen. Zeitweise waren über 400.000 deutsche Soldaten im Land stationiert. Hitler setzte Josef Terboven als deutschen Reichskommissar mit diktatorischen Vollmachten ein. Der norwegische Nationalsozialist Vidkun Quisling wurde ihm als Ministerpräsident einer Kollaborationsregierung untergeordnet. Quisling wurde nach Kriegsende als Verräter hingerichtet.

Besetzung Norwegens durch Nazi-Deutschland. Quelle: Norwegisches Widerstandsmuseum

In der Akershus Festung wird in einer gut dokumentierten Ausstellung des Norwegischen Heimatfrontmuseums die Geschichte der deutschen Besetzung sowie der norwegischen Widerstandsbewegung aufgearbeitet. Über 40.000 Norweger wurden während des Krieges inhaftiert, viele davon in deutsche Konzentrationslager deportiert.

Willy Brandt floh 1933 als junger Mann aus Nazi-Deutschland nach Oslo, unterstützte als Journalist den norwegischen Widerstand und musste nach der deutschen Invasion weiter nach Schweden fliehen.  1971 erhielt er, nur ein paar Hundert Meter von der Akershus Festung entfernt, als bisher einziger deutscher Nachkriegspolitiker den Friedensnobelpreis.

Kunst und Architektur beeindrucken im Tjuvholmen-Quartier

Aker Brygge: Oslos Flaniermeile

Von Akershus ist es nicht mehr weit bis Aker Brygge. Der alte Hafen war das Eingangstor nach Kristiania, wie Oslo früher genannt wurde. Geblieben sind die Anlegestellen für den maritimen öffentlichen Nahverkehr und hinzugekommen sind jede Menge  Restaurants, Geschäfte, Cafés und flanierende Menschen aus aller Welt. Am Kai ankern schwimmende Holzofensaunas. Wer will, kann sich beim Schwitzen über den Fjord tuckern lassen. Die ehemalige Hafen- und Werftlandschaft ist zu einem der beliebtesten Viertel der Stadt geworden.

Tjuvholmen, so heißt das hier neu erbaute Quartier,  ist ein Juwel avantgardistischer Architektur. Wasserflächen, moderne Gebäude und Kunst verbinden sich zu einem Viertel, das wie ein Freiluftmuseum wirkt.

In Oslo beliebt: Holzofensaunas mit Abkühlung im Fjord

Henrik Ibsens Schnaps

Nach der Runde durch Tjuvholmen verlasse ich die Fjordpromenade und laufe in die Innenstadt.

Mein Ziel ist das Nationaltheater an der Karl  Johans gate.  Von Aker Brygge ist das nur ein Katzensprung. Ich laufe vorbei an dem klobigen Rathaus aus roten Backsteinen, über dessen Ästhetik in Oslo lebhaft gestritten wird. Der Bau ist jedoch geopolitisch von Bedeutung, weil hier regelmäßig am 10. Dezember der Friedensnobelpreis verliehen wird. 

Das Osloer Nationaltheater ehrt drei herausragende Dramatiker und Schriftsteller

Die Namen an der Fassade des Nationaltheaters erinnern daran, dass Norwegen einige Schriftsteller von Weltruhm hervorgebracht hat. Aus deutschen Theatern kennen wir vor allem Inszenierungen von Werken Henrik Ibsens, denn der gilt als einer der wichtigsten Begründer des modernen Theaters.

Vom Nationaltheater bis zum Parlamentsgebäude – die Norweger nennen es Storting – wird die Karl Johans gate von einem hübschen Park gesäumt. Gleich neben dem Parlament liegt das Grand Hotel, in dem traditionell die Friedensnobelpreisträger untergebracht werden. Im Fußweg durch den Park sind Zitate aus den Werken Ibsens eingelassen. Sie folgen genau dem Weg, den der große Dramatiker täglich über viele Jahre hinweg von seiner Wohnung bis zum Grand Hotel beschritten hat. Gern wird Besuchern erzählt, was sich hier dann zugetragen hat. Jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr betrat Henrik Ibsen das ehrwürdige Grand Café im Erdgeschoss des Grand Hotels, nahm in dem eigens für ihn reservierten Sessel Platz und bestellte sich Bier und Schnaps. Dazu las er ausgiebig norwegische und ausländische Zeitungen. Ansonsten blieb er wortkarg.

Das alles geschah vor über hundert Jahren, also um die vorletzte Jahrhundertwende. Ibsen war damals schon weltberühmt. Mit seinen regelmäßigen Besuchen nährte er seinen Kultstatus, und das Grand Café wurde zu einem begehrten Wallfahrtsort.  

Diese Geschichte hat übrigens auffällige Ähnlichkeiten mit der Angewohnheit des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard. Der hielt sich über viele Jahre zeitungslesend im Wiener Café Bräunerhof auf.[1]

Im Park vor dem Parlament stehen drei auffällige Pavillons in blauer, weißer und roter Farbe, dazu die Losungen der französischen Revolution: liberté, egalité, fraternité. Was hat das zu bedeuten?  Nun, die Pavillons sind ein Geschenk Frankreichs. Das Land sieht sich als Teil der damaligen alliierten Streitkräfte als Befreier Norwegens von den Nazis. Damit das nicht in Vergessenheit gerät, wurden vor dem Parlamentsgebäude die Pavillons in den französischen Nationalfarben aufgestellt. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um öffentliche Toiletten. Doch, hélas, die wurden – so erzählt uns ein Stadtführer – mit so ausgefeilter Spültechnik ausgestattet, dass sie häufiger en panne sind.  


[1] Siehe dazu  Morgens in Wien: Historische Laufstrecke durch die Stadt   vom Juni 2026 in diesem Blog.

Frankreichs Geschenk an das norwegische Volk 

Noch ein Promi

Vom Storting bis zum Bahnhof Oslos ist die Karl Johans gate eine ziemlich gewöhnliche Geschäftsstraße mit mehr oder weniger edlen Geschäften.  Das ist nicht weiter erwähnenswert, würde man nicht wiederholt auf ein Gesicht stoßen, das jedem Fußballfan und, nach der für Norwegen überaus erfolgreichen Fußballweltmeisterschaft, sogar weltweit bekannt sein dürfte. Erling Haaland, Stürmer bei Manchester City und auch in der norwegischen Nationalmannschaft, wirbt für exklusive Brillen. Der Clou: Die lange blonde Mähne ist längst abrasiert, Erling trägt mittlerweile Glatze.  Doch das dürfte den meisten Fans egal sein – solange er weiter Tore schießt.    

Der Held: Erling Haaland hat einen schicken Werbevertrag

Was bleibt hängen? 

Oslo präsentiert sich als weltoffene, moderne Kulturmetropole mit futuristischer Architektur und langer Geschichte – zu der auch die brutale deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkriegs gehört. Die Menschen sind freundlich, wirken gelassen und schätzen die Ruhe. Das Land tut viel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, und man gewinnt den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger trotz aller Herausforderungen pragmatisch und mit ruhiger Hand regieren.

Für morgendliche Jogger ist Oslo sehr attraktiv, und für alle ein Ort, in dem es mit etwas Zeit und Ruhe sehr viel zu Entdecken und zum Verweilen gibt.   

Joggen ist eine schöne Freiluftbeschäftigung. Aber im Winter sind die Tage kurz.  Als Alternative lädt Oslo in seine außergewöhnliche öffentliche Bibliothek direkt neben der Oper ein. Dieses moderne fünfstöckige Gebäude ist buchstäblich für alle da. Wir treffen hier auf Studierende in den Leseecken, junge Eltern mit Babys auf der Familienetage, rüstige Rentner in der Cafeteria und Leute, die mit ihren Smartphones in den Sesseln chillen. Denn das Motto der Bibliothek lautet:

„There is a lot you can do at Deichmann Bjørvika – including nothing at all. Here you are welcome to just relax, meet friends, or take a break from everyday life.“

Eine freundlichere Einladung nach Oslo gibt es nicht.

Lanzarote: Rentnerparadies in der Wüste?

Viertel nach Sieben: An den Stränden von Puerto del Carmen geht die Sonne auf. Alle Photos: C. Sigrist

Ja, es stimmt, der Sand auf Lanzarote ist dunkler als auf Mallorca. Wird Lanzarote deshalb als „schwarze Insel“ der Kanaren bezeichnet?  Ich will es genauer wissen und beginne meine Erkundung mit einem morgendlichen Lauf entlang der beliebten Strände von Puerto del Carmen. Der Touristenort liegt im Südosten Lanzarotes. Dies ist die windgeschützte Seite der Insel. Die bisweilen kräftigen Passatwinde werden von den Bergen im Norden der Insel ausgebremst.

Vom Flughafen zum Fischerhafen
Gute sechs Kilometer Küstenlauf liegen vor mir. Ich starte im Osten von Puerto del Carmen in Sichtweite des Flughafens. Mein Ziel ist der Fischerhafen im westlichen und ältesten Teil der Stadt.

Ein Lauf von Ost nach West: 6,4 km entlang der Atlantikküste von Puerto del Carmen. Karte: Google Maps

Die Uhr schlägt Viertel nach Sieben.  Gerade erst ist die Sonne aufgegangen. Fantastisch, wie sie in ihrer ganzen Pracht aus den Tiefen des Meeres aufsteigt. Der Atlantik liegt jetzt ganz ruhig da, und wäre die Erde nicht rund, könnte ich bis nach Marokko hinüberschauen.

An diesem Morgen herrscht Ebbe. Das Meer hat sich weit zurückgezogen und einen breiten Strand freigelegt. Kleine Wellen gleiten sanft aus und  zeichnen kunstvolle Muster in den Sand. Vor mir liegen, wie Perlen auf der Schnur gereiht, die großen Sandstrände Playa Matagorda, Los Pocillos und Playa Grande. Sie sind bestens gepflegt, blaue Liegestühle und bunte Tretboote stehen in Reih und Glied. Zwischen den Sandstränden drängen sich kleinere Felsbuchten, die bei Tauchern beliebt sind.

Playa Grande am Morgen, im Hintergrund Vulkanberge.

Überall Vulkanberge
Noch sind nur ein paar Jogger und Spaziergänger unterwegs. Draußen im Wasser zieht ein Sportschwimmer mit roter Schwimmboje seine Bahnen. Ich laufe direkt am Wasser und genieße das fast unwirkliche Panorama. Vor mir der weite Sandstrand, gespickt mit kleinen schwarzen Lavasteinen, im Hintergrund die Ausläufer der Vulkanberge, die der Insel vor gar nicht so langer Zeit ein völlig neues Gesicht gegeben haben.  Verbirgt sich hier das Geheimnis der „schwarzen Insel“?

Am 1. September 1730 legte eine gewaltige Vulkaneruption weite Teile der Insel unter Schutt und Asche. Weitere Ausbrüche folgten. Erst sechs Jahre später kam die Erde wieder zur Ruhe. Knapp 100 Jahre später kam es zu erneuten Ausbrüchen. Anderentags schauen wir uns das genauer an und besuchen den Nationalpark Timanfaya, besser bekannt als Park der Feuerberge.  

Nur wenige Meter unter der Erdoberfläche herrschen hier Temperaturen von über 400 Grad Celsius.  Wie zum Beweis werfen Parkführer Heu in ein Erdloch. Es fängt sofort Feuer. Experten sagen, dies sei einer der heißesten Orte der Erde – nicht wegen der Lufttemperaturen, sondern weil hier ganz dicht unter den Fußsohlen Extremtemperaturen herrschen. Das ist außergewöhnlich, denn in anderen vulkanischen Gebieten, wie etwa in den südamerikanischen Anden, findet man solche Hitzetaschen erst in zwei- bis viertausend Meter Tiefe.

Lavawüste auf weiten Teilen der Insel: Es braucht mehr als hundert Jahre, bis das erste Grün wächst.

Vulkanausbrüche können Kulturlandschaften auf lange Zeit zerstören. So auch in Lanzarote. Es dauerte über hundert Jahre, bis sich erste Flechten auf dem Lavagestein bildeten und sich im Zusammenspiel von Wind und Wetter allmählich wieder Pflanzen und Kleingetiere ansiedelten.

Die Lava ist geblieben. In Lanzarote haben die Menschen aber aus der Not eine Tugend gemacht. Schwarzes Lavagestein wird zu Granulat verarbeitet und von Landwirten auf die Felder verbracht. Denn auf der sehr wasser- und regenarmen Insel speichern diese Schlackekörnchen besonders gut die Feuchtigkeit der Passatwinde und schützen so die Böden vor Austrocknung. Es ist ein sehr aufwendiges Verfahren. Doch die Weinbauern von Lanzarote haben es mit dieser mühsamen Technik zu bemerkenswerter Kunstfertigkeit gebracht. Der Weißwein aus der Rebsorte Malvasia Volcánica gehört zu den wenigen Exportprodukten der Insel.      

Weinanbau inmitten von Lavagestein.

Puerto del Carmen erwacht
Kehren wir zurück nach Puerto del Carmen. Nach gut zwei  Kilometern entspanntem Strandlauf wird es allmählich lebhafter. Am Strand von Los Pocillos höre ich schon von weitem rhythmische Musik. Gut gelaunte Damen betreiben dort ihre Morgengymnastik.

 Die Küste wird jetzt felsiger und deshalb wechsle ich vom Strand auf die Promenade. Fußgängerweg und Fahrradstreifen verlaufen hier säuberlich getrennt und sind in perfektem Zustand. Das bewährt sich, denn am Tage bis in die späten Nachstunden schwärmen die Touristen aus, zu Fuß, am Rollator oder auf Elektro-Seniorenmobilen, die man hier zielgruppengerecht mieten kann. Auch Radler und E-Roller kommen tagsüber auf Touren. Für alle zusammen wird es dann eng.   

Ich lauf eine kleine Anhöhe hinauf. Links der Atlantik, rechts die Avenida de las Playas. Auf der Landseite der Promenade reihen sich Läden, Restaurants, Cafés, Ferienhäuser, Hotels und Reklameschilder aneinander. Für jeden Geschmack und Geldbeutel ist etwas dabei, ein ästhetischer Blickfang ist es nicht.

Coole Ansichten auf der Avenida de las Playas.

Traumziel der Briten  
Ein Blick auf die Landkarte verrät, dass Puerto del Carmen sich über viele Kilometer entlang der Küste ausdehnt. Der Ort ist in kurzer Zeit schnell gewachsen: Zunächst rund um den kleinen Hafen im Westen, dann die Hügel hinauf, dann immer weiter nach Osten bis hin zum Flughafen. In den 1960er Jahren lebten hier zweitausend Menschen, heute sind es über zwölftausend Einwohner. Hinzukommen noch 35.000 Touristenbetten. Ganze Stadtviertel bestehen fast ausschließlich aus Ferienwohnungen. Der Tourismus regiert die Stadt.

Das milde Klima Lanzarotes zieht besonders viele Menschen von den britischen Inseln an. Vielleicht nicht repräsentativ, aber vielsagend:  An einem Tag Mitte November heben Flieger nach Großbritannien und Irland im Halbstundentakt ab. Das ist deutlich mehr als zu allen anderen Zielorten zusammengenommen. Die vielen Bierkneipen in Puerto del Carmen bestätigen diesen Eindruck. Auf den Großbildschirmen laufen vor allem Übertragungen von Fußballspielen der Premier League.  

Zur Versorgung der Touristen muss fast alles importiert werden. Nicht nur das Bier. Einer der  Lieferanten ist Stella Artois aus Belgien. Um die Auslieferung kümmern sich wiederum kolumbianische Gastarbeiter. Die sind gut drauf. Just als ich an Ihnen vorbei laufe, legen sie mit den schweren Fässern im Arm ein Salsa Tänzchen hin. 

Kolumbianer Gastarbeiter tanzen beim Bierausfahren Salsa.

Insel ohne Wasser
Eine besondere Problematik liegt in der Trinkwasserversorgung der Insel. Denn nach Lanzarote kommen jährlich über 3 Millionen Besucher, obwohl es hier fast keine natürlichen Trinkwasserquellen gibt.

Im 15. Jahrhundert, also in der Zeit, in der Kolonisatoren im Auftrag der Krone von Kastilien nach Lanzarote kamen und die Urbevölkerung versklavten, lebten auf der Insel etwa tausend bis zweitausend Menschen.  Das Trinkwasser wurde mühsam über Regenwasserzisternen und Brunnen gewonnen. Salinen dienten der Salzgewinnung,  um Lebensmittel zu konservieren. Heute sind die historischen Salinen längst verfallen. Der gesamte Trinkwasserbedarf der Insel wird über Meerwasserentsalzungsanlagen und Importe von Plastikflaschen gedeckt. Das ist aufgrund des hohen Energieverbrauchs der Anlagen, der notwendigen Entsorgung der konzentrierten Sole und des enormen Plastikabfalls umweltpolitisch höchst problematisch. Experten sprechen zudem von Wasserverlusten von bis zu 50% in den Leitungssystemen.[1]

Die Stadt kommt in die Jahre   
Bunte Plakate auf der Strandpromenade kündigen für das Jahr 2026 den 60. Geburtstag von Puerto del Carmen an. Bürgermeister José Juan Cruz übt sich in Zuversicht, denn augenscheinlich platzt der Ort aus allen Nähten.  Im Lokalblatt Tribuna de Canarias mahnt er die Modernisierung vieler Hotels an. Zudem müsse die städtische Infrastruktur – Wasser, Abwasser, Abfall, Verkehr – verbessert werden. [2]  Denn Touristenorte wie Puerto del Carmen stehen unter einem enormen Wettbewerbsdruck. Deswegen soll der Ort für Senioren attraktiv bleiben, aber auch jüngere Menschen anziehen. Insbesondere soll das Sportangebot weiter ausgebaut werden. Zielgruppe sind offenkundig zahlungskräftige middle ager.

Erste Schritte zur Entwicklung als Sportlerinsel wurden schon vor Jahren gemacht. Schon in den 1980er Jahren entstand auf der Nordwestseite der Insel die Clubanlage La Santa, die sich selbst als „weltweit größtes Ferien- und Aktivresort“ vermarket. Von hier kam auch die Idee, internationale Sportevents auf die Insel zu holen.  Auf der Avenida de las Playas begegne ich der überlebensgroßen Statue eines gewissen Kenneth Gasque. Der Däne wird in Lanzarote verehrt, weil er den Ironman auf die Insel gebracht hat. 1992 fiel der erste Startschuss[3]. Die Streckenführung ist attraktiv. Vor den weitläufigen Stränden von Puerto del Carmen herrschen in den Morgenstunden perfekte Bedingungen für den 3,8 km langen Schwimmauftakt. Die 180 km Radstrecke verläuft auf guten Straßen quer durch die sehenswerte Vulkanlandschaft, und der abschließende Marathon entlang der Küste führt in Teilen über meine Laufstrecke.


[1] “El agua del grifo es el alimento del que más seguros podemos estar” | Diario de Lanzarote

[2] https://tribunadecanarias.es/jose-juan-cruz-nuestro-fin-ultimo-es-fortalecer-puerto-del-carmen-como-un-destino-atractivo-no-solo-para-el-ocio-sino-tambien-para-la-practica-deportiva/   

[3] IRONMAN Lanzarote | IRONMAN

Form folgt Natur. Der Architekt César Manrique forderte angepasste Bauweisen.
 

Grenzen des Wachstums
Lanzarote braucht zum Überleben den Tourismus. Und jenseits der großen Touristenzentren gibt es auf dieser Insel Orte von seltener Schönheit. Die Vulkanberge im Süden und der wellen- und windumtoste Strand von Famara im Norden der Insel sind nur zwei Beispiele.

Doch es gibt zu der rasanten Tourismusentwicklung auch kritische Stimmen. Einer, der sich schon in den 1960er Jahren für einen behutsamen und nachhaltigen Ausbau des Tourismus einsetzte, war der auf der Insel hoch angesehene Künstler und Architekt César Manrique. Die Architektur, so forderte er, solle sich der Landschaft anpassen und traditionelle Bauformen aufgreifen. Sein Idealbild: Niedrige weiß getünchte Häuser, grün gestrichene Fenster und Türen, eingebettet in die Natur und das vulkanische Gestein. Man findet diesen ebenso schlichten wie eleganten Baustil vielerorts auf der Insel. Doch in den großen Touristenzentren entstanden eben auch etliche der berüchtigten Bettenburgen. Schon 1988 wetterte César Manrique, dass in Lanzarote mehr Zement pro Kopf verbaut werde,  als in der ganzen Welt. Kurzzeitig konnte er bei der Inselverwaltung einen Baustopp erwirken, einige Köpfe korrupter Beamter rollten, doch die zunehmende Kommerzialisierung des Massentourismus konnte auch César Manrique nicht verhindern. 1992 verstarb Manrique bei einem Autounfall. Sein Vermächtnis wirkt fort, er hat zahlreiche Bau- und Kunstwerke auf der Insel hinterlassen, auch der internationale Flughafen trägt seinen Namen.

Für Nachschub ist gesorgt: Touristenflieger im Anflug.

Tourismus: Fluch oder Segen?
Nach sechseinhalb Kilometern bin ich am alten Fischerhafen, dem Ziel meines Morgenlaufs angekommen. In der Nachbarschaft des Hafens steht die hübsche kleine Kirche Nuestra Señora del Carmen. Die „Jungfrau Maria vom Berge Karmel“, benannt nach einem Berg südlich von Haifa in Israel und Ursprung des Karmeliterordens, hat der Stadt ihren Namen gegeben. Maria wird hier als Schutzheilige der Seefahrer und Fischer verehrt.  Doch die spielen in Puerto del Carmen kaum noch eine Rolle. Längst ist der Flughafen zum wichtigsten Dreh- und Angelpunkt geworden.

Ich laufe ein paar Schritte den Hügel hinauf in die Siedlung Colina del Sol. Es ist eines der ersten Ferienquartiere der Stadt. In der geschmackvoll gestalteten Anlage reihen sich kleine Wohnungen aneinander. Der Blick von der Terrasse aufs Meer ist grandios. Auf der weißgetünchten Terrassenmauer liegen Erinnerungsstücke aus schwarzem Lavagestein.

Ich beobachte, wie ein Touristenflieger Kurs auf den internationalen Flughafen César Manrique nimmt. Fluch oder Segen für die Insel? Die Antwort ist weder schwarz noch weiß. Sie liegt irgendwo dazwischen. Die Papageien kümmert das alles nicht. Neugierig beobachten sie uns beim Frühstück von einer Palme herab. Ihr fröhliches Gekreische übertönt alles andere.