Willkommen im georgischen Bergdorf Adischi!

Eine Wanderung durch ein Land im Umbruch

Blick auf Adischi in Swanetien/ Georgien

Es sind Elvis Presley Songs, die da aus dem Tal zu uns herauf schallen. Heartbreak Hotel, Jailhouse Rock und noch ein paar andere von seinen rockigen Hits. Ein überraschender Willkommensgruß aus Adischi, dem Ziel der heutigen Etappe auf unserer fünftägigen Wanderung durch den Großen Kaukasus.  

Wir sind unterwegs in den Bergen von Swanetien, im Nordwesten Georgiens. Das Land liegt zentral zwischen Europa und Asien, dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer und zwei hohen Gebirgszügen des Kaukasus. Es ist kleiner als Bayern, aber ungewöhnlich facettenreich. Die Berge sind über 5000 Meter hoch, Wälder bedecken 40% der Landfläche. Bedingt durch die geographische und klimatische Vielfalt gehört Georgien zu den Biodiversitäts-Hotspots der Welt. Die Georgier sind stolz auf ihre über 8000 Jahre alte Weinkultur. Noch im Anflug auf die Hauptstadt Tbilissi erklärt unser georgischer Sitznachbar: Egal, was Du in den fruchtbaren Ebenen in den Boden steckst – es wächst!

Auch politisch ist Georgien ein Hotspot. Das Land war immer wieder Beute mächtiger Nachbarn und Eroberer. Seit 1801 war Georgien zunächst unter russischer, mit kurzer Unterbrechung dann unter sowjetischer Herrschaft. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde Georgien 1991 wieder unabhängig. Doch seit erneuten Konflikten mit Russland sind Abchasien und Südossetien, also 20% seiner Staatsfläche, von russischen Truppen besetzt. Die Bevölkerung befürwortet mehrheitlich einen EU-Beitritt, doch die gegenwärtige Regierung steuert in eine andere Richtung.  

Vittorio Sella, Betcho’s doyens gathered on funeral reception, September 1890, Bildquelle: National Archives of Georgia

Doch kehren wir zurück nach Swanetien. Ein Blick in die wertvollen Sammlungen georgischer Museen zeigt: Swanetien war – und ist vielleicht bis heute – Georgiens Goldkammer. Schon im Mittelalter wurde hier das gelbe Metall gefunden und kunstvoll verarbeitet. Doch wo die besten Schürfstellen sind, darüber schweigen sich die Swanen aus. Ihr Land ist bis heute eine nur schwer zugängliche  Bergregion. Nur wenige Straßen führen dorthin und die sind gefährlich, denn Erdrutsche und Lawinen machen sie immer wieder unpassierbar.

Die Swanen sprechen ihre eigene Sprache und pflegen eigene Traditionen. Sie leben in einer rauhen, aber wunderschönen Bergwelt, die ihnen zum Überleben viel abverlangt.  Viele Reisende hat das neugierig gemacht. Der italienische Photograph und Bergsteiger Vittorio Sella hat Swanetien Ende des 19. Jahrhunderts besucht und eine beeindruckende Fotodokumentation hinterlassen.[1] 1996 wurde  Uschguli  zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Es steht beispielhaft für viele mittelalterlich anmutende swanische Dörfer mit ihren markanten Wehrtürmen.

Heute gehören Wandertouristen zu den neuen Pionieren. Wir treffen auf unserem Trek viele junge Menschen mit Zelten und Schlafsack. Wer es bequemer haben will, dem bieten Gasthäuser familiäre Unterkünfte. Einschlägige Reiseunternehmen bieten zudem gute Lösungen für die mühsame Anreise und den Gepäcktransport an.  

Der Wandertourismus nimmt stetig zu. Auf den Wegen treffen wir Russen, Chinesen, Amerikaner, Japaner, Australier, Israelis, Tschechen und natürlich auch Deutsche. Alle suchen das ursprüngliche, unberührte Swanetien. Noch hat dieses schöne Fleckchen Erde seinen besonderen Charme nicht verloren. Die Swanen leben ganz überwiegend in bescheidenen Verhältnissen. Der Tourismus ist noch überschaubar. Wanderer erwarten hier keine Luxushotels, sondern freuen sich, wenn sie in einfachen Unterkünften mit großer Gastfreundschaft empfangen werden. Wie lange geht das noch gut?

Von Betscho nach Maseri über den Baki Pass (2416 m)

[1] Die Dokumentation wird derzeit im Svaneti Museum of History and Ethnography in Mestia, der Bezirkshauptstadt Swanetiens gezeigt. Einige der beeindruckenden Fotografien finden sich auch hier: Vittorio Sella – National Archives of Georgia

Auf unserem Weg nach Adischi regnet es in Strömen. Wir sind klatschnass, aber bester Laune, weil Wandern auch bei Regen Spaß machen kann. Es ist der dritte Tag unserer fünftägigen Tour. Aufgebrochen sind wir im Weiler Betscho, haben die Bezirkshauptstadt Mestia und das Dorf Schabeschi hinter uns gelassen, die Etappenziele Iprali und Uschguli liegen noch vor uns. Die Wege sind gut ausgeschildert, meist auf georgisch und englisch, manchmal auch auf swanisch. Bleibt man auf den Routen, kann nicht viel passieren. Trittsicherheit ist von Vorteil, Kondition und gute Wanderschuhe mehren das Vergnügen. Denn wir laufen in Höhenlagen zwischen 1600 und 2700 Metern, jeden Tag geht es bis zu 1000 Meter rauf und wieder runter. Unsere Tagesetappen sind zwischen 11 und 17 km lang,  nach gut 7 Stunden sind wir meist am Ziel.

Die Landschaft ist atemberaubend, viele der höchsten Berge des Nordkaukasus – Uschba, Tetnuldi, Schchara – liegen in Sichtweite, Flora und Fauna sind außerordentlich artenreich. Wir bewundern die vielen endemischen Pflanzen, versuchen die bunten Schmetterlinge (mit der Linse) einzufangen, sehen (mit etwas Glück) mächtige Geier über uns kreisen. Auf kaukasische Braunbären treffen wir nicht, dafür auf Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen und ganze Schweinefamilien. Sie alle laufen frei herum und finden sich dann doch irgendwann wieder in ihren heimischen Ställen ein.

Kaukasische Wildbienen

Von einer Anhöhe blicken wir auf Adischi herab. Dieser kleine Weiler auf 2128 m Höhe ist eines der höchst gelegenen Dörfer Europas. Wir sehen die für Swanetien so typischen alten Wehrtürme, erbaut aus groben Natursteinen, wundern uns über die vielen eingestürzten Häuser und fragen uns, wie die Menschen in diesem gottverlassenen Fleckchen Erde, zu dem nur eine schlecht ausgebaute Schotterpiste führt,  überleben können. Und wie so oft auf unserer Reise durch Georgien, werden wir auch hier wieder eines Besseren belehrt. 

Zu Gast bei Marexu und Tato
Als wir im Weiler ankommen, begegnen uns als erstes die neugierigen Dorfhunde. Georgische Hirtenhunde sind große beeindruckende Tiere und nehmen ihre Aufgabe ernst. Im Reiseführer wird davor gewarnt, dass wir ihnen draußen auf Wiesen und Feldern, wo sie die Schaf- und Ziegenherden bewachen, nicht zu nahe kommen sollten. Doch die Hunde, denen wir hier begegnen, erweisen sich als freundliche und anhängliche Zeitgenossen. Vierbeiner, so erleben wir es, werden in Georgien so akzeptiert wie sind. Sie werden weder getreten, noch weggescheucht und erhalten die Essensreste vom Familientisch.  Tage später haben wir in Stepantsminda, einer georgischen Kleinstadt nahe der russischen Grenze, erlebt, wie ein großer Hirtenhund seelenruhig in der Eingangstür eines Supermarktes ruhte und alle Kunden mit großen Schritten über ihn hinweg stiegen, um in den Laden zu gelangen. Gestört hat das offenbar niemanden. Nur in der Nacht, da werden die Hunde laut. Und so ein mehrstimmiges und andauerndes Hundegeheul kann ein ganzes Dorf – oder nur uns Wandertouristen? – schon mal um den Schlaf bringen. 

Keti, unsere georgische Führerin, spricht fließend Deutsch und vermittelt uns mit großer Empathie und Sachkenntnis die Eigenheiten der swanischen Kultur. Sie kennt die Trekkingrouten wie ihre Westentasche und führt uns nun zielsicher durch das Gassengewirr von Adischi. Die Wege im Dorf  sind nicht befestigt und vom Regen matschig. Wir müssen aufpassen, nicht in aufgeweichten Kuhmist zu treten. Unsere heutige Unterkunft ist das Hotel Stone House, ein kleines zweistöckiges Haus, zum Teil aus rohen Steinen errichtet.  Weil unsere Gruppe recht groß ist, werden wir aufgeteilt und auch noch bei Verwandten in der Nachbarschaft untergebracht.

Zu Gast bei Marexu und Tato im Hotel Stonehouse

Nachdem wir unsere vollständige Bekleidung des Tages zum Trocknen auf die Wäscheleinen verteilt haben, finden wir uns im Wohnzimmer der Gastgeberfamilie ein. Das ist ein kleiner gemütlicher Raum, von einem Holzofen angenehm erwärmt. Das Wohnzimmer ist alles in einem: Küche, Esszimmer und Aufenthaltsraum für Familie und Gäste.  Die beiden Kinder, acht und zehn Jahre alt, vergnügen sich mit dem Smartphone der Mutter, manchmal dringt ein Gekicher aus der hinteren Ecke des großen Sofas. Wir wissen nicht, mit welcher App sie sich gerade amüsieren,  entscheidend ist für die Kinder aber,  dass das Internet funktioniert. In den Bergen fällt der Strom manchmal aus,  dann gibt es Kerzenlicht und ein freudiges Ooooh, wenn das Licht wieder brennt. Wir Erwachsenen können der Versuchung nicht widerstehen, tippen schnell das Wifi-Password ein, um auf unseren kleinen Bildschirmen zu erfahren, wie es unseren Lieben in der Ferne geht und was draußen in der Welt passiert.    

Unsere Gastmutter knetet Brotteig

Marexus Welt ist derzeit ganz greifbar in der Küche. Denn während wir warmen Tee und Kaffee schlürfen, jeder für sich die wichtigsten Infos einholt und wir dann gemeinsam den Tag Revue passieren lassen, bereitet sie das Abendessen für uns alle vor: 15 Gäste und 4 Familienmitglieder.  Wie sie das in ihrer kleinen Kochnische hinkriegt, ist ein kleines Wunder. Denn was sie später auf den Tisch bringen wird, lässt keine Wünsche offen.

Seit Tagen schon erleben wir Georgiens köstliche Küche. Alles kommt auf den Tisch, in kleinen Portionen, fast wie spanische Tapas, und in einer verblüffenden Vielfalt. Georgischer Salat aus Tomaten und Gurken, dazu ein Dressing mit Kräutern und kleingehackten Walnüssen, das ist einer der Klassiker. Auberginen, rote Beete, Bohnen, Kartoffeln, Erbsen und alles was sonst noch der Gemüsegarten hergibt (oder Marexus‘ Mann Tato mit dem Geländewagen mühsam herbeigeschafft hat). Alles wird gekocht oder gebraten, angerichtet mit Zwiebeln, Petersilie, Dill, Koriander, abgeschmeckt mit der leckeren swanischen Salzmischung. Dann die verschiedensten Suppen mit Gemüse-, Hühnchen-, Schweine- oder Rindfleischeinlage, die uns nach den langen Wandertagen besonders gut schmecken. Dazu das noch warme frischgebackene Brot,  dessen Teig Marexu noch vor ein paar Stunden geknetet hat.

Georgisches Abendessen, Teilansicht

Kein gutes Essen ohne wohlwollende Trinksprüche! Das Glas Wein oder das Gläschen Chacha, ein selbstgebrannter Schnaps – das gebietet die Höflichkeit – wird erst nach einem Trinkspruch und einer angemessenen Erwiderung erhoben. Dazu wird ein Tamada, ein Zeremonienmeister ernannt, der lobende Worte über die Gastgeber und die teilnehmenden Gäste spricht und den Anwesenden Gutes wünscht. Georgier, so erfahren wir, behandeln auch ärgste Feinde am Tisch mit ausgesuchter Gastfreundschaft, es fällt kein böses Wort, es gibt keine ironischen Spitzen. Das ist eine anspruchsvolle Vorgabe! Zum Glück haben wir in unseren Reihen eine Vielzahl von Schriftgelehrten (so viele zusammen gewürfelte Germanisten haben wir lange nicht mehr auf einem Fleck erlebt!), so dass wir schnell einen trinkfesten Sprecher berufen können. Unsere Gastgeberin hält eloquent die Antwortrede. Das ist zwar eigentlich Männersache, doch Tato, der inzwischen mit den beiden Kindern im schönen holzgeschnitzten Chefstuhl des Hauses Platz genommen hat, räumt seiner Frau freimütig das Feld.  

Unsere Führerin Keti übersetzt unermüdlich, und so kommen wir ins Plaudern und erfahren von dem Leben unserer Wirtsleute.  Tato erzählt von seinen Ausbauplänen für das Gasthaus, von den fünf Kühen, einem Stier und zwei Pferden, die er zu versorgen hat.  Wir hören, dass die Familie nur in den Sommermonaten in Adischi lebt, denn in dieser Zeit läuft das Geschäft mit den Wandertouristen. Mitte September, wenn die Schule wieder beginnt, fährt die Mutter mit den Kindern in ihre kleine Wohnung nach Tbilissi zurück. Im Herbst und Winter hält der Vater die Stellung, bleibt in Adischi und versorgt das Vieh. Das ist eine harte und einsame Zeit, denn im Winter wird es hier in den Bergen bitter kalt, und der Schnee macht die Zufahrtswege bisweilen unpassierbar.

Swanisches Haus mit Wehrturm in Adischi

Der Schutz der Wehrtürme
Wir machen einen Rundgang durch den Ort.  Vor ein paar Jahren hatte eine verheerende Lawine viele Häuser des Orts zerstört, sie stehen als Ruinen da. Viele Einwohner haben seitdem den Ort verlassen.  Auch einige der Wehrtürme haben Schaden genommen. Immerhin stehen sie hier schon seit fast einem Jahrtausend.  Etwa ab dem 11. Jahrhundert  begannen die Menschen in Swanetien Wehrtürme zu bauen. Sie wollten sich vor fremden Eindringlingen schützen. Denn in der Tat eroberten ab dem 13. Jahrhundert Mongolen, Perser und Osmanen das Land. Auch der Schutz vor Lawinen war ein wichtiger Beweggrund für den Bau der Wehrtürme. Deshalb wurden viele Türme mit den Mauerecken zum Berg hin gebaut. Swanische Wehrtürme sind 4 bis 5 Stockwerke hoch. Sie haben jedoch keinen ebenerdigen Türen, vielmehr klettern die Menschen mit Leitern in hoch gelegte Eingänge und ziehen dann zu ihrem Schutz die Leitern ein. 

Bisweilen war es auch geboten, die eigenen Familien und deren Hab und Gut vor unliebsamen Nachbarn zu schützen. Denn nicht immer ging es freundlich zu zwischen den verschiedenen Großfamilien. Verletzte jemand die traditionellen Regeln im Umgang miteinander, sei es bei der Nutzung der Weiden,  beim Holzeinschlag, oder bei unerwünschten Liebschaften junger Menschen, wurde Rache genommen, und das konnte blutig ausgehen. Ein Ehrenmord führte über Generationen hinweg zu immer neuen Blutrachen zwischen verfeindeten Clans.  Der preisgekrönte Film „Dede“ der Regisseurin Mariam Khatchvani aus dem Jahr 2017 zeigt eindrucksvoll, wie diese Traditionen bis in die Neuzeit nachwirken.  Er wird derzeit täglich in kleinen Sälen in Mestia und Uschguli gezeigt. 

Der heilige Georg  
Keti führt uns zu einer kleinen Kapelle am Rande des Dorfes. Sie ist den Heiligen Georg und Thomas geweiht. Der Heilige Georg ist der Schutzpatron Georgiens. Wie die Wehrtürme, ist auch die Kapelle schon Jahrhunderte alt. Häufig wurden solche kleinen Gebetshäuser von den Clans als Familienkapelle erbaut. Manchmal nutzen die Dorfältesten sie auch als Ort der Gerichtsbarkeit, um im Angesicht der gesegneten Ikonen Frieden zwischen streitenden Parteien zu stiften. An der Außenwand der Kapelle sehen wir ein Fresko mit Georg und seiner Lanze. Diesem Motiv begegnen wir in Swanetien häufiger – mit einer bemerkenswerten Besonderheit:  Aus der mitteleuropäischen Kunstgeschichte ist uns der Heilige Georg gemeinhin als Drachentöter bekannt.  In swanischen Darstellungen sehen wir jedoch,  wie er mit der Lanze den Kaiser Diocletian ersticht. Das spielt auf die blutigen Christenverfolgungen des römischen Kaisers zum Ende des 3. Jahrhunderts an. Georg, so die Legende, war ein christlicher Soldat im Heer des Kaisers, weigerte sich jedoch seinem Glauben abzuschwören und musste deshalb sterben. In ihren Georgsdarstellungen nehmen die Swanen Rache an seinem Tod. Das ist ihre ganz eigene Märtyrergeschichte. Im ethnografischen Museum von Mestia sehen wir eine besonders kunstvolle Darstellung dieser Version der Geschichte.

St. Georg ersticht den römischen Kaiser Diocletian; Arbeit auf Holz und vergoldetem Silber, 11. Jahrhundert, Svaneti Museum of History and Ethnography,  Mestia/ Georgien

Die Geschichte der Heiligen Nino
Auf unsere Reise durch Georgien erleben wir in berührender Weise wie die Religion den Menschen Halt gibt und Trost spendet. Kirchen, Kapellen und Ikonen werden hoch verehrt. Die Menschen bekreuzigen sich mehrmals vor jeder Kirche, beten vor den Ikonen, berühren und küssen sie. Manchmal stimmen sie auch Psalmen an. Immer werden Honigwachskerzen angezündet. Diese sehr intensive Gottverbundenheit ist für uns Mitteleuropäer oft ungewohnt, aber sie nötigt Respekt ab.  

Vielleicht liegt diese Religiosität auch an der Geschichte der georgischen Christianisierung. Georgien wurde sehr früh, fast zeitgleich mit Armenien christlich. Jede Georgierin und jeder Georgier scheint die Geschichte der Heiligen Nino zu kennen. Nino  – so die Überlieferung – kam als junges Mädchen im frühen 4. Jahrhundert aus Kappadokien (heute Türkei) nach Ostgeorgien. Sie verkündete die frohe Botschaft Jesu und heilte in der damaligen Hauptstadt Mtskheta (unweit vom heutigen Tbilissi) viele Kranke und insbesondere die Königin Nana, die Frau des damaligen georgischen Königs Mirian III.  Eine Kirche auf einem Hügel über Mtskheta erinnert an diese Begebenheit. König Mirian III., von der Heilung seiner Frau zutiefst beeindruckt, machte das Christentum alsbald zur Staatsreligion Georgiens. Heute ziert die Nationalflagge Georgiens ein großes rotes Kreuz auf weißem Grund, in den Ecken vier kleinere Kreuze.  Im Mittelalter war diese Flagge ein Symbol für das georgische Königreich. 2004, nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurde sie erneut eingeführt. Das ist bemerkenswert, denn wenn auch über 80% der Bevölkerung der Georgisch-Orthodoxen Kirche angehören, sind rd. 10-15 % Muslime oder Angehörige anderer Glaubensrichtungen. Doch Georgiens Verfassung garantiert die Glaubensfreiheit.

Mit dem Pferd über den Gletscherfluss unterhalb des Tetnuldi  (4858 m)

Auf einen Chacha im Café Tetnuldi
In Adischi hat der Regen unterdessen eine Pause eingelegt und wir machen uns auf zur angesagtesten Kneipe des Ortes, das Café Tetnuldi. Das Freiluftcafé bietet alles, was ein Touristenmensch vermeintlich braucht: Je nach Wetterlage ein Regen- oder Sonnendach über dem Kopf, einen wärmenden Holzofen, Tee, Bier und Schnaps sowie einen großen Flachbildschirm. Der findige Wirt, der mit seiner beeindruckenden Soundanlage das ganze Dorf bereits mit Elvis-Songs beschallt hatte,  will bei uns deutschen Wanderern nun mit der Übertragung der Bundesliga punkten. Das gelingt zwar nicht, dafür gibt es Herbert Grönemeyer und Chacha-Schnaps. Es ist kalt und deshalb verzichten wir diesmal auf längere Ansprachen.  Prost, Gaumarjos, Jos, Jos!

Das Café Tetnuldi bietet auch Pferdetaxis an. Was es damit auf sich hat, begreifen wir erst am nächsten Morgen. Denn da steht nach einer guten Stunde Fußmarsch die Überquerung eines Bergflusses an. Das Wasser kommt direkt aus dem mächtigen Gletscher des Tetnuldi. Wegen der Regenfälle der letzten Tage ist die Strömung besonders stark. Wer nicht durch das eiskalte Wasser waten möchte, macht das lieber auf dem Pferderücken. An der Furt treffen ein letztes Mal auf Tato. Auch er ist mit seinem Pferdetaxi gekommen, um die Wanderer überzusetzen. 25 Lari kostet der Ritt, gute 7 Euro, das ist es wert und gut für Tatos Familienkasse.

Noch zwei Tage bis Uschguli.  Immer wieder treffen wir auf freundliche Menschen wie Marexu und Tato mit ihren Kindern.  Wir wissen nicht, was ihnen die Zukunft bringt, aber an ihre Herzlichkeit werden wir uns dankbar erinnern.   

Klosteranlage in Uschguli mit Blick auf das Bergmassiv des Schchara (5200 m); alle Fotos von C. Sigrist, sofern nicht anders vermerkt.

Die Trekkingtour durch Swanetien wurde organisiert von Georgia Insight (GEORGIEN Reisen – individuell & exklusiv (georgia-insight.eu)), einem georgisch-deutschen Reiseveranstalter, der dank seiner ausgezeichneten einheimischen Führerinnen und Führer Wander- und Kulturreisen auf anregende Weise miteinander verknüpft.

Ein Kommentar

  1. Avatar von Katrin
    Katrin · September 21, 2024

    Lieber Christoph,

    ein ganz wundervoller Artikel, mit vielen lustigen Momenten und interessanten Informationen. Vielen Dank für die tolle Zusammenstellung der Reise und den aufmerksamen Blick auf die kleine aber spannende Region im hohen Kaukasus!!

    Grüße aus Tbilissi
    Katrin

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