Lanzarote: Rentnerparadies in der Wüste?

Ja, es stimmt, der Sand auf Lanzarote ist dunkler als auf Mallorca. Wird Lanzarote deshalb als „schwarze Insel“ der Kanaren bezeichnet? Ich will es genauer wissen und beginne meine Erkundung mit einem morgendlichen Lauf entlang der beliebten Strände von Puerto del Carmen. Der Touristenort liegt im Südosten Lanzarotes. Dies ist die windgeschützte Seite der Insel. Die bisweilen kräftigen Passatwinde werden von den Bergen im Norden der Insel ausgebremst.
Vom Flughafen zum Fischerhafen
Gute sechs Kilometer Küstenlauf liegen vor mir. Ich starte im Osten von Puerto del Carmen in Sichtweite des Flughafens. Mein Ziel ist der Fischerhafen im westlichen und ältesten Teil der Stadt.

Die Uhr schlägt Viertel nach Sieben. Gerade erst ist die Sonne aufgegangen. Fantastisch, wie sie in ihrer ganzen Pracht aus den Tiefen des Meeres aufsteigt. Der Atlantik liegt jetzt ganz ruhig da, und wäre die Erde nicht rund, könnte ich bis nach Marokko hinüberschauen.
An diesem Morgen herrscht Ebbe. Das Meer hat sich weit zurückgezogen und einen breiten Strand freigelegt. Kleine Wellen gleiten sanft aus und zeichnen kunstvolle Muster in den Sand. Vor mir liegen, wie Perlen auf der Schnur gereiht, die großen Sandstrände Playa Matagorda, Los Pocillos und Playa Grande. Sie sind bestens gepflegt, blaue Liegestühle und bunte Tretboote stehen in Reih und Glied. Zwischen den Sandstränden drängen sich kleinere Felsbuchten, die bei Tauchern beliebt sind.

Überall Vulkanberge
Noch sind nur ein paar Jogger und Spaziergänger unterwegs. Draußen im Wasser zieht ein Sportschwimmer mit roter Schwimmboje seine Bahnen. Ich laufe direkt am Wasser und genieße das fast unwirkliche Panorama. Vor mir der weite Sandstrand, gespickt mit kleinen schwarzen Lavasteinen, im Hintergrund die Ausläufer der Vulkanberge, die der Insel vor gar nicht so langer Zeit ein völlig neues Gesicht gegeben haben. Verbirgt sich hier das Geheimnis der „schwarzen Insel“?
Am 1. September 1730 legte eine gewaltige Vulkaneruption weite Teile der Insel unter Schutt und Asche. Weitere Ausbrüche folgten. Erst sechs Jahre später kam die Erde wieder zur Ruhe. Knapp 100 Jahre später kam es zu erneuten Ausbrüchen. Anderentags schauen wir uns das genauer an und besuchen den Nationalpark Timanfaya, besser bekannt als Park der Feuerberge.
Nur wenige Meter unter der Erdoberfläche herrschen hier Temperaturen von über 400 Grad Celsius. Wie zum Beweis werfen Parkführer Heu in ein Erdloch. Es fängt sofort Feuer. Experten sagen, dies sei einer der heißesten Orte der Erde – nicht wegen der Lufttemperaturen, sondern weil hier ganz dicht unter den Fußsohlen Extremtemperaturen herrschen. Das ist außergewöhnlich, denn in anderen vulkanischen Gebieten, wie etwa in den südamerikanischen Anden, findet man solche Hitzetaschen erst in zwei- bis viertausend Meter Tiefe.

Vulkanausbrüche können Kulturlandschaften auf lange Zeit zerstören. So auch in Lanzarote. Es dauerte über hundert Jahre, bis sich erste Flechten auf dem Lavagestein bildeten und sich im Zusammenspiel von Wind und Wetter allmählich wieder Pflanzen und Kleingetiere ansiedelten.
Die Lava ist geblieben. In Lanzarote haben die Menschen aber aus der Not eine Tugend gemacht. Schwarzes Lavagestein wird zu Granulat verarbeitet und von Landwirten auf die Felder verbracht. Denn auf der sehr wasser- und regenarmen Insel speichern diese Schlackekörnchen besonders gut die Feuchtigkeit der Passatwinde und schützen so die Böden vor Austrocknung. Es ist ein sehr aufwendiges Verfahren. Doch die Weinbauern von Lanzarote haben es mit dieser mühsamen Technik zu bemerkenswerter Kunstfertigkeit gebracht. Der Weißwein aus der Rebsorte Malvasia Volcánica gehört zu den wenigen Exportprodukten der Insel.

Puerto del Carmen erwacht
Kehren wir zurück nach Puerto del Carmen. Nach gut zwei Kilometern entspanntem Strandlauf wird es allmählich lebhafter. Am Strand von Los Pocillos höre ich schon von weitem rhythmische Musik. Gut gelaunte Damen betreiben dort ihre Morgengymnastik.
Die Küste wird jetzt felsiger und deshalb wechsle ich vom Strand auf die Promenade. Fußgängerweg und Fahrradstreifen verlaufen hier säuberlich getrennt und sind in perfektem Zustand. Das bewährt sich, denn am Tage bis in die späten Nachstunden schwärmen die Touristen aus, zu Fuß, am Rollator oder auf Elektro-Seniorenmobilen, die man hier zielgruppengerecht mieten kann. Auch Radler und E-Roller kommen tagsüber auf Touren. Für alle zusammen wird es dann eng.
Ich lauf eine kleine Anhöhe hinauf. Links der Atlantik, rechts die Avenida de las Playas. Auf der Landseite der Promenade reihen sich Läden, Restaurants, Cafés, Ferienhäuser, Hotels und Reklameschilder aneinander. Für jeden Geschmack und Geldbeutel ist etwas dabei, ein ästhetischer Blickfang ist es nicht.

Traumziel der Briten
Ein Blick auf die Landkarte verrät, dass Puerto del Carmen sich über viele Kilometer entlang der Küste ausdehnt. Der Ort ist in kurzer Zeit schnell gewachsen: Zunächst rund um den kleinen Hafen im Westen, dann die Hügel hinauf, dann immer weiter nach Osten bis hin zum Flughafen. In den 1960er Jahren lebten hier zweitausend Menschen, heute sind es über zwölftausend Einwohner. Hinzukommen noch 35.000 Touristenbetten. Ganze Stadtviertel bestehen fast ausschließlich aus Ferienwohnungen. Der Tourismus regiert die Stadt.
Das milde Klima Lanzarotes zieht besonders viele Menschen von den britischen Inseln an. Vielleicht nicht repräsentativ, aber vielsagend: An einem Tag Mitte November heben Flieger nach Großbritannien und Irland im Halbstundentakt ab. Das ist deutlich mehr als zu allen anderen Zielorten zusammengenommen. Die vielen Bierkneipen in Puerto del Carmen bestätigen diesen Eindruck. Auf den Großbildschirmen laufen vor allem Übertragungen von Fußballspielen der Premier League.
Zur Versorgung der Touristen muss fast alles importiert werden. Nicht nur das Bier. Einer der Lieferanten ist Stella Artois aus Belgien. Um die Auslieferung kümmern sich wiederum kolumbianische Gastarbeiter. Die sind gut drauf. Just als ich an Ihnen vorbei laufe, legen sie mit den schweren Fässern im Arm ein Salsa Tänzchen hin.

Insel ohne Wasser
Eine besondere Problematik liegt in der Trinkwasserversorgung der Insel. Denn nach Lanzarote kommen jährlich über 3 Millionen Besucher, obwohl es hier fast keine natürlichen Trinkwasserquellen gibt.
Im 15. Jahrhundert, also in der Zeit, in der Kolonisatoren im Auftrag der Krone von Kastilien nach Lanzarote kamen und die Urbevölkerung versklavten, lebten auf der Insel etwa tausend bis zweitausend Menschen. Das Trinkwasser wurde mühsam über Regenwasserzisternen und Brunnen gewonnen. Salinen dienten der Salzgewinnung, um Lebensmittel zu konservieren. Heute sind die historischen Salinen längst verfallen. Der gesamte Trinkwasserbedarf der Insel wird über Meerwasserentsalzungsanlagen und Importe von Plastikflaschen gedeckt. Das ist aufgrund des hohen Energieverbrauchs der Anlagen, der notwendigen Entsorgung der konzentrierten Sole und des enormen Plastikabfalls umweltpolitisch höchst problematisch. Experten sprechen zudem von Wasserverlusten von bis zu 50% in den Leitungssystemen.[1]
Die Stadt kommt in die Jahre
Bunte Plakate auf der Strandpromenade kündigen für das Jahr 2026 den 60. Geburtstag von Puerto del Carmen an. Bürgermeister José Juan Cruz übt sich in Zuversicht, denn augenscheinlich platzt der Ort aus allen Nähten. Im Lokalblatt Tribuna de Canarias mahnt er die Modernisierung vieler Hotels an. Zudem müsse die städtische Infrastruktur – Wasser, Abwasser, Abfall, Verkehr – verbessert werden. [2] Denn Touristenorte wie Puerto del Carmen stehen unter einem enormen Wettbewerbsdruck. Deswegen soll der Ort für Senioren attraktiv bleiben, aber auch jüngere Menschen anziehen. Insbesondere soll das Sportangebot weiter ausgebaut werden. Zielgruppe sind offenkundig zahlungskräftige middle ager.
Erste Schritte zur Entwicklung als Sportlerinsel wurden schon vor Jahren gemacht. Schon in den 1980er Jahren entstand auf der Nordwestseite der Insel die Clubanlage La Santa, die sich selbst als „weltweit größtes Ferien- und Aktivresort“ vermarket. Von hier kam auch die Idee, internationale Sportevents auf die Insel zu holen. Auf der Avenida de las Playas begegne ich der überlebensgroßen Statue eines gewissen Kenneth Gasque. Der Däne wird in Lanzarote verehrt, weil er den Ironman auf die Insel gebracht hat. 1992 fiel der erste Startschuss[3]. Die Streckenführung ist attraktiv. Vor den weitläufigen Stränden von Puerto del Carmen herrschen in den Morgenstunden perfekte Bedingungen für den 3,8 km langen Schwimmauftakt. Die 180 km Radstrecke verläuft auf guten Straßen quer durch die sehenswerte Vulkanlandschaft, und der abschließende Marathon entlang der Küste führt in Teilen über meine Laufstrecke.
[1] “El agua del grifo es el alimento del que más seguros podemos estar” | Diario de Lanzarote
[2] https://tribunadecanarias.es/jose-juan-cruz-nuestro-fin-ultimo-es-fortalecer-puerto-del-carmen-como-un-destino-atractivo-no-solo-para-el-ocio-sino-tambien-para-la-practica-deportiva/
[3] IRONMAN Lanzarote | IRONMAN

Grenzen des Wachstums
Lanzarote braucht zum Überleben den Tourismus. Und jenseits der großen Touristenzentren gibt es auf dieser Insel Orte von seltener Schönheit. Die Vulkanberge im Süden und der wellen- und windumtoste Strand von Famara im Norden der Insel sind nur zwei Beispiele.
Doch es gibt zu der rasanten Tourismusentwicklung auch kritische Stimmen. Einer, der sich schon in den 1960er Jahren für einen behutsamen und nachhaltigen Ausbau des Tourismus einsetzte, war der auf der Insel hoch angesehene Künstler und Architekt César Manrique. Die Architektur, so forderte er, solle sich der Landschaft anpassen und traditionelle Bauformen aufgreifen. Sein Idealbild: Niedrige weiß getünchte Häuser, grün gestrichene Fenster und Türen, eingebettet in die Natur und das vulkanische Gestein. Man findet diesen ebenso schlichten wie eleganten Baustil vielerorts auf der Insel. Doch in den großen Touristenzentren entstanden eben auch etliche der berüchtigten Bettenburgen. Schon 1988 wetterte César Manrique, dass in Lanzarote mehr Zement pro Kopf verbaut werde, als in der ganzen Welt. Kurzzeitig konnte er bei der Inselverwaltung einen Baustopp erwirken, einige Köpfe korrupter Beamter rollten, doch die zunehmende Kommerzialisierung des Massentourismus konnte auch César Manrique nicht verhindern. 1992 verstarb Manrique bei einem Autounfall. Sein Vermächtnis wirkt fort, er hat zahlreiche Bau- und Kunstwerke auf der Insel hinterlassen, auch der internationale Flughafen trägt seinen Namen.

Tourismus: Fluch oder Segen?
Nach sechseinhalb Kilometern bin ich am alten Fischerhafen, dem Ziel meines Morgenlaufs angekommen. In der Nachbarschaft des Hafens steht die hübsche kleine Kirche Nuestra Señora del Carmen. Die „Jungfrau Maria vom Berge Karmel“, benannt nach einem Berg südlich von Haifa in Israel und Ursprung des Karmeliterordens, hat der Stadt ihren Namen gegeben. Maria wird hier als Schutzheilige der Seefahrer und Fischer verehrt. Doch die spielen in Puerto del Carmen kaum noch eine Rolle. Längst ist der Flughafen zum wichtigsten Dreh- und Angelpunkt geworden.
Ich laufe ein paar Schritte den Hügel hinauf in die Siedlung Colina del Sol. Es ist eines der ersten Ferienquartiere der Stadt. In der geschmackvoll gestalteten Anlage reihen sich kleine Wohnungen aneinander. Der Blick von der Terrasse aufs Meer ist grandios. Auf der weißgetünchten Terrassenmauer liegen Erinnerungsstücke aus schwarzem Lavagestein.
Ich beobachte, wie ein Touristenflieger Kurs auf den internationalen Flughafen César Manrique nimmt. Fluch oder Segen für die Insel? Die Antwort ist weder schwarz noch weiß. Sie liegt irgendwo dazwischen. Die Papageien kümmert das alles nicht. Neugierig beobachten sie uns beim Frühstück von einer Palme herab. Ihr fröhliches Gekreische übertönt alles andere.