Morgens in Wien: Historische Laufstrecke durch die Stadt

Auf der elektronischen Anzeige der Wiener Straßenbahn D gibt es passend zum Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2026 ein hübsches Ratespiel: „Wie heißt der Trainer der US-amerikanischen Nationalmannschaft?“
Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, die Sommertemperaturen sind noch angenehm. Als ich am Wiener Hauptbahnhof in die D steige, ist der Waggon gut besetzt – nicht mit Touristen, sondern mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Ich fahre ein paar Stationen bis zum Schwarzenbergplatz. Von dort will ich zu meinem Lauf durch die Wiener Innenstadt starten. Die Strecke wird mich über die Ringstraße, an den Donaukanal, ins alte jüdische Viertel, vorbei an Spuren nationalsozialistischer Verbrechen, zum Stephansdom und schließlich über das Belvedere zurück zum Bahnhof führen. Gute neun Kilometer liegen vor mir. Ich bin gespannt auf eine Stadt mit langer Geschichte und sehr verschiedenen Gesichtern.

Ringstraße am Morgen
Ich starte am Schwarzenbergplatz und laufe im Uhrzeigersinn auf den Kärntnerring zu. Auch zu dieser frühen Stunde ist schon erstaunlich viel los auf den Straßen. Auf den ersten Kilometern geht es Schlag auf Schlag mit den großen Wiener Bauwerken: Staatsoper, Burggarten, Maria-Theresien-Platz, Heldenplatz, Hofburg. Dann folgt schon das Burgtheater, Parlament und Wiener Rathaus, Universität und schließlich die Börse am Schottenring. Ich bewege mich offenkundig durch ein städtebauliches Gesamtkunstwerk. Es wird höchste Zeit, die Geschichte dieser Straße gedanklich zu sortieren.
Die Ringstraße entstand im 19. Jahrhundert an der Stelle der alten Stadtmauern, die Wien einst gegen osmanische Angriffe schützen sollte. 1857 aber ordnete Kaiser Franz Joseph I. den Abriss der Schutzmauern an. Nun sollte ein repräsentativer Boulevard entstehen, der die historische Innenstadt mit den Wiener Vorstädten verband. In den folgenden Jahrzehnten entstanden an der Ringstraße einige der bedeutendsten Gebäude der Stadt. Der Boulevard war weit mehr als ein Verkehrsprojekt. Er wurde zum sichtbaren Ausdruck imperialen Selbstbewusstseins.
Auf die Schnelle: Habsburger für Jogger
Über 600 Jahre regierten die Habsburger Stadt und Land schufen sich durch Kriege, strategische Hochzeiten und kluge Diplomatie ein Weltreich. Zur Orientierung für meinen Morgenlauf genügt ein grober Überblick über die wichtigsten Regenten:
Karl V. steht für die größte Ausdehnung habsburgischer Macht im 16. Jahrhundert. Maria Theresia führt im 18. Jahrhundert wichtige Staatsreformen durch und steht für die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Franz Joseph I. besteigt Mitte des 19. Jahrhunderts den Thron und steht für den Bau der Ringstraße. Unter ihm wird Wien zur imperialen Bühne ausgebaut, deren Kulisse bis heute das Stadtbild prägt. Allein diese drei zusammengenommen haben das Habsburger Reich fast 150 Jahre lang regiert.
Und dann ist da noch Elisabeth von Österreich-Ungarn, die berühmte „Sisi“. Sie ist keine Regentin, sondern die Frau von Franz Josef I. Vermutlich ist sie die bekannteste Habsburgerin überhaupt. Dass Wien ihr ein eigenes Museum widmet, passt gut zu einer Stadt, die gern vom Mythos lebt.

Imperiale Tradition
Zurück zu meinem Lauf auf der Ringstraße. Mit diesem kleinen historischem Überblick verstehe ich nun besser, in welcher Tradition Franz Joseph I. dieses monumentale Bauprojekt anstieß. Auch der Maria-Theresia an zentraler Stelle gewidmete Monumentalbau wirkt nun folgerichtig. In ihre Regierungszeit fällt übrigens auch die Geburt Wolfgang Amadeus Mozarts, der später in Wien musikalisch brillierte. Während die Rasensprenger am frühen Morgen noch kreisen, entdecke ich im Burggarten zu seinen Ehren einen rosarot blühenden Violinschlüssel.

Rückkehr in die Barbarei
Nur wenige Schritte vom Maria-Theresien-Platz entfernt öffnet sich der Heldenplatz. Die großen grünen Rasenflächen liegen ganz unschuldig in der Morgensonne. Tatsächlich aber hat dieser Ort eine braune Vergangenheit. Vom Balkon der Neuen Burg verkündigte Hitler am 15. März 1938 den „Anschluss“ Österreichs an das Dritte Reich. Zehntausende Menschen hatten sich zu diesem Anlass auf dem Heldenplatz eingefunden und jubelten Hitler begeistert zu. Als junger Mann war Hitler in Wien zweimal an der Aufnahmeprüfung der Akademie der bildenden Künste gescheitert. Nun kehrte er als Triumphator zurück.

Gesellschaftliche Debatten werden schärfer
Geschichte wird in Wien sehr lebendig. Das zeigt sich nicht nur in Bauwerken und Denkmälern. Auch manche Debatten der Gegenwart spiegeln Vergangenes wider.
Nur wenige Schritte vom Heldenplatz entfernt steht das Burgtheater. Es feiert gegenwärtig seinen 250. Geburtstag und zählt zu den bedeutendsten Sprechtheatern Europas. Manche Schauspieler, wie z.B. Paula Wessely, Attila und Paul Hörbiger, genossen hier schon in der NS-Zeit Kultstatus – und behielten ihn auch danach. Genau diese Verdrängung der NS-Vergangenheit legt die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Burgtheater“ schonungslos offen. Ich hatte die Inszenierung ein paar Tage vor meinem Lauf gesehen und das Theater mit einigem Unbehagen wieder verlassen.

Auch in der Wiener Politik werden gesellschaftliche Fragen mit zunehmender Härte ausgetragen. Gleich gegenüber vom Burgtheater stehen Parlament und Rathaus. Im Nationalrat hat die rechtsgerichtete FPÖ (die „Blauen“) die meisten Sitze und provoziert mit rassistischen Tönen. Die Regierungsmehrheit im Nationalrat ist jedoch „Türkis-Rot-Pink“, also eine Koalition aus ÖVP (Volkspartei), SPÖ (Sozialdemokraten) und NEOs (Neues Österreich und liberales Forum) unter ÖVP-Bundeskanzler Christian Stocker. Im Rathaus regiert wiederum „Rot-Pink“, eine Koalition von SPÖ und NEOs. Weil Stadt und Land hochverschuldet sind, müssen alle Koalitionäre die Gürtel enger schnallen – Wasser auf die Mühlen der rechten Demagogen, die die Regierungsparteien der Unfähigkeit bezichtigen.

Graffiti und Frühsportler am Donaukanal
Jetzt aber geht es wieder weiter. Den imperialen Auftritt der Ringstraße lasse ich hinter mir und mache mich auf zum Donaukanal. Auf dem Schottenring passiere ich Universität und Börse und habe den Weg fast ganz für mich allein. Die morgendliche Ruhe tut nach so viel öffentlicher Machtdemonstration wirklich gut. Am nördlichen Ende der Ringstraße geht es auf steilen Treppen hinunter zum Donaukanal. Zwei freundliche Polizisten weisen mir den Weg.
Ich dachte immer, Wien liegt an der „wunderschönen blauen“ Donau. Doch so einfach ist das nicht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Verlauf der Donau nämlich reguliert. Der große Strom fließt nordöstlich durch die Vorstädte an Wien vorbei, der über 15 km lange Donaukanal aber wurde durch die Innenstadt geführt. Ich bin jetzt also am Kanal, und hier sind an diesem Morgen vor allem Jogger, Radler und Hunde-Gassi-Geher[1] unterwegs. An den Betonwänden wetteifern Grafitti-Künstler mit mehr oder weniger gelungenen Kreationen. Die vielen Bars und Strandlokale aber sind noch allesamt geschlossen. Vereinzelt schlafen Menschen zwischen den Stühlen. Schnell wird klar: Die Stunde des Donaukanals schlägt nicht am Morgen, sondern zur Happy Hour am Abend. Dann wird der Kanal zur populären Partymeile.
[1] Gemeint sind Menschen jeden Geschlechts.

Dunkle Erinnerungen im Jüdischen Viertel
Auf der Höhe der Salztorbrücke verlasse ich den Donaukanal und laufe zurück in die Innenstadt. Am Morzinplatz stand einst das elegante Hotel Metropol. 1938 wurde es von den Nazis enteignet und zur Wiener Gestapozentrale[1] umfunktioniert. Tausende Menschen wurden hier verhört, inhaftiert, misshandelt oder zur Deportation verurteilt. In den Kriegswirren des Jahres 1945 wurde das Haus zerstört. Heute erinnert ein Mahnmal eindringlich an die Opfer der Gestapo.
[1] Gestapo: Geheime Staatspolizei im nationalsozialistischen Deutschland
Über verwinkelte Gassen – eine trägt den schönen Namen „Stoß im Himmel“ – gelange ich zum Judenplatz. Ich bin jetzt im nordöstlichen Teil des 1. Wiener Bezirks. Ab dem 12. Jahrhundert entstand hier eine bedeutende jüdische Gemeinde. Ausgrabungen der damaligen Synagoge werde ich später im Untergeschoss des jüdischen Museums am Judenplatz besichtigen. Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts aber wurden die Juden unter Herzog Albrecht V. wieder vertrieben. Wiederansiedlungen und erneute Vertreibungen sollten folgen.

Der Judenplatz gehört heute zu den eindrucksvollsten Plätzen Wiens, weil sich hier Schönheit, Stille und historische Last auf engem Raum begegnen. An einem Ende des Platzes steht das Mahnmal für die 65.000 österreichischen jüdischen Opfer der Schoah. Der Stahlbetonkubus der britischen Künstlerin Rachel Whiteread stellt eine nach außen gekehrte, nicht begehbare Bibliothek dar. Unzählige steinerne Bücher stehen für die große Zahl der Opfer und ihrer Lebensgeschichten. Heute werden der Judenplatz, die beiden jüdischen Museen Wiens und die Synagoge von Soldaten des österreichischen Heeres bewacht.

Vor 1938 lebten in Wien bis zu 200.000 Juden, etwa zehn Prozent der Stadtbevölkerung. Die Stadt war eines der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in Europa. Namen wie Sigmund Freud, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Arnold Schönberg oder Theodor Herzl stehen nur beispielhaft für eine kulturelle und intellektuelle Welt, die diese Stadt wesentlich mitgestaltet hat. In der großartigen Dauerausstellung „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“ im Leopold Museum werden ihre Beiträge zu dieser Erneuerungsbewegung ausführlich dokumentiert.
Beliebte Tempel der Wiener Innenstadt
Vom jüdischen Viertel laufe ich nun weiter in die deutlich touristischer geprägte Innenstadt mit ihrer weitläufigen Fußgängerzone. Selbstverständlich muss ein Stadtlauf auch am Stephansdom vorbeiführen. Kurz nach sieben Uhr werden ich von prächtigem Glockengeläut empfangen. Der Platz ist noch weitgehend leer. Ich kann dieses beeindruckende Bauwerk mit seiner über 900 jährigen Geschichte daher ganz in Ruhe auf mich wirken lassen.

Später am Tag werden viele Besucher aus aller Welt den Stephansdom besuchen. Die Kutscher der eleganten Fiaker werden auf Kunden warten, und die Kaffeehäuser werden den ganzen Tag Wiener Melange oder Häferlkaffee, „crisp apple strudels“ oder „schnitzel with noodles“ [1] servieren.
Ich laufe ohne festen Plan durch die Fußgängerzone und komme am beliebten Restaurant „Zum Schwarzen Kameel“ in der Bognergasse vorbei. Am frühen Abend treffen sich hier die Wiener auf einen Drink, schnell bilden sich hier Warteschlangen.
[1] Liedzeilen aus dem berühmten Song „My favorite things“ aus dem Wiener Musical „The Sound of Music“ von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II.

Peter Friese, der Chef vom Kameel, hat sich zusammen mit Christoph Plachuta, einem Spross des bekannten Wiener Gastronomieimperiums, einen Traum erfüllt. Just während meines Wiener Aufenthaltes feierten die beiden die Wiedereröffnung des traditionsreichen „Café Bräunerhof“. Über viele Jahre hinweg hatte dieses Kaffeehaus einen prominenten Stammgast, den dort angeblich fast alles störte: Die Kellner, der Lärm, die Luft, die unbequemen Sitzbänke und nicht zuletzt das Publikum. Natürlich ist die Rede vom Schriftsteller Thomas Bernhard.
Die Wiener Kaffeehauskultur gehört längst zum immateriellen UNESCO Weltkulturerbe. Als Läufer habe ich jedoch nicht so viel Sitzfleisch wie vielleicht mancher Literat. Deshalb muss ich einige prominente Adressen links liegen lassen.

In der Fußgängerzone, genauer in der Kupferschmiedgasse an der Ecke Kärtnerstraße, stoße ich jedoch auf ein weiteres immaterielles Kulturerbe, dass hier unbedingt Erwähnung finden muss: Eine Wiener Würstelei, die den schönen Namen „Zum Goldenen Würstel“ trägt. Solche Stände findet man in Wien an vielen Ecken. Allerdings ist auch hier ein besonderes Wiener Vokabular vonnöten, um auf den richtigen Geschmack zu kommen. Später am Tag werde ich einen Selbstversuch machen und bestelle etwas unbeholfen „A Eitrige mit an Bugl und an Schoafn“. Das ist ein Käsekrainer, also eine Bratwurst mit Käseeinlage, die beim Anstechen aus der Wurst herausläuft, scharfem Senf und einem Stück Brot.

Ausklang am Belvedere
Allmählich führt mich die Strecke zurück zum Schwarzenbergplatz und weiter über die Prinz-Eugen-Straße zum Belvedere. Es ist schwer, sich der Schönheit dieses Barockensembles mit seinen perfekt gepflegten Parkanlagen zu entziehen. Hier, so erfahre ich, wurde 1955 der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet. Er besiegelte das Ende der Besatzung durch die vier Siegermächte USA, Sowjetunion, Vereinigtes Königreich und Frankreich. Österreich wurde nach der NS-Zeit wieder zu einer demokratischen Republik, freilich deutlich kleiner als zuvor.
Was bleibt hängen nach so einem Lauf durch die Stadt? Wien ist eine lebens- und liebenswerte Stadt mit voller Geschichte und tiefgreifenden Widersprüchen. Pracht und Niedertracht, Hochkultur und Barbarei, Weltoffenheit und Nationalismus, Kaffeehäuser und Würsteleien – all das lag und liegt in Wien nahe beieinander. In Wien kann man, so hat es der Schriftsteller Robert Musil einmal formuliert, „an einem Tag hundert Jahre zurücklegen“. Mein morgendlicher Lauf fühlt sich wie eine kleine Bestätigung an.