Lanzarote: Rentnerparadies in der Wüste?

Viertel nach Sieben: An den Stränden von Puerto del Carmen geht die Sonne auf. Alle Photos: C. Sigrist

Ja, es stimmt, der Sand auf Lanzarote ist dunkler als auf Mallorca. Wird Lanzarote deshalb als „schwarze Insel“ der Kanaren bezeichnet?  Ich will es genauer wissen und beginne meine Erkundung mit einem morgendlichen Lauf entlang der beliebten Strände von Puerto del Carmen. Der Touristenort liegt im Südosten Lanzarotes. Dies ist die windgeschützte Seite der Insel. Die bisweilen kräftigen Passatwinde werden von den Bergen im Norden der Insel ausgebremst.

Vom Flughafen zum Fischerhafen
Gute sechs Kilometer Küstenlauf liegen vor mir. Ich starte im Osten von Puerto del Carmen in Sichtweite des Flughafens. Mein Ziel ist der Fischerhafen im westlichen und ältesten Teil der Stadt.

Ein Lauf von Ost nach West: 6,4 km entlang der Atlantikküste von Puerto del Carmen. Karte: Google Maps

Die Uhr schlägt Viertel nach Sieben.  Gerade erst ist die Sonne aufgegangen. Fantastisch, wie sie in ihrer ganzen Pracht aus den Tiefen des Meeres aufsteigt. Der Atlantik liegt jetzt ganz ruhig da, und wäre die Erde nicht rund, könnte ich bis nach Marokko hinüberschauen.

An diesem Morgen herrscht Ebbe. Das Meer hat sich weit zurückgezogen und einen breiten Strand freigelegt. Kleine Wellen gleiten sanft aus und  zeichnen kunstvolle Muster in den Sand. Vor mir liegen, wie Perlen auf der Schnur gereiht, die großen Sandstrände Playa Matagorda, Los Pocillos und Playa Grande. Sie sind bestens gepflegt, blaue Liegestühle und bunte Tretboote stehen in Reih und Glied. Zwischen den Sandstränden drängen sich kleinere Felsbuchten, die bei Tauchern beliebt sind.

Playa Grande am Morgen, im Hintergrund Vulkanberge.

Überall Vulkanberge
Noch sind nur ein paar Jogger und Spaziergänger unterwegs. Draußen im Wasser zieht ein Sportschwimmer mit roter Schwimmboje seine Bahnen. Ich laufe direkt am Wasser und genieße das fast unwirkliche Panorama. Vor mir der weite Sandstrand, gespickt mit kleinen schwarzen Lavasteinen, im Hintergrund die Ausläufer der Vulkanberge, die der Insel vor gar nicht so langer Zeit ein völlig neues Gesicht gegeben haben.  Verbirgt sich hier das Geheimnis der „schwarzen Insel“?

Am 1. September 1730 legte eine gewaltige Vulkaneruption weite Teile der Insel unter Schutt und Asche. Weitere Ausbrüche folgten. Erst sechs Jahre später kam die Erde wieder zur Ruhe. Knapp 100 Jahre später kam es zu erneuten Ausbrüchen. Anderentags schauen wir uns das genauer an und besuchen den Nationalpark Timanfaya, besser bekannt als Park der Feuerberge.  

Nur wenige Meter unter der Erdoberfläche herrschen hier Temperaturen von über 400 Grad Celsius.  Wie zum Beweis werfen Parkführer Heu in ein Erdloch. Es fängt sofort Feuer. Experten sagen, dies sei einer der heißesten Orte der Erde – nicht wegen der Lufttemperaturen, sondern weil hier ganz dicht unter den Fußsohlen Extremtemperaturen herrschen. Das ist außergewöhnlich, denn in anderen vulkanischen Gebieten, wie etwa in den südamerikanischen Anden, findet man solche Hitzetaschen erst in zwei- bis viertausend Meter Tiefe.

Lavawüste auf weiten Teilen der Insel: Es braucht mehr als hundert Jahre, bis das erste Grün wächst.

Vulkanausbrüche können Kulturlandschaften auf lange Zeit zerstören. So auch in Lanzarote. Es dauerte über hundert Jahre, bis sich erste Flechten auf dem Lavagestein bildeten und sich im Zusammenspiel von Wind und Wetter allmählich wieder Pflanzen und Kleingetiere ansiedelten.

Die Lava ist geblieben. In Lanzarote haben die Menschen aber aus der Not eine Tugend gemacht. Schwarzes Lavagestein wird zu Granulat verarbeitet und von Landwirten auf die Felder verbracht. Denn auf der sehr wasser- und regenarmen Insel speichern diese Schlackekörnchen besonders gut die Feuchtigkeit der Passatwinde und schützen so die Böden vor Austrocknung. Es ist ein sehr aufwendiges Verfahren. Doch die Weinbauern von Lanzarote haben es mit dieser mühsamen Technik zu bemerkenswerter Kunstfertigkeit gebracht. Der Weißwein aus der Rebsorte Malvasia Volcánica gehört zu den wenigen Exportprodukten der Insel.      

Weinanbau inmitten von Lavagestein.

Puerto del Carmen erwacht
Kehren wir zurück nach Puerto del Carmen. Nach gut zwei  Kilometern entspanntem Strandlauf wird es allmählich lebhafter. Am Strand von Los Pocillos höre ich schon von weitem rhythmische Musik. Gut gelaunte Damen betreiben dort ihre Morgengymnastik.

 Die Küste wird jetzt felsiger und deshalb wechsle ich vom Strand auf die Promenade. Fußgängerweg und Fahrradstreifen verlaufen hier säuberlich getrennt und sind in perfektem Zustand. Das bewährt sich, denn am Tage bis in die späten Nachstunden schwärmen die Touristen aus, zu Fuß, am Rollator oder auf Elektro-Seniorenmobilen, die man hier zielgruppengerecht mieten kann. Auch Radler und E-Roller kommen tagsüber auf Touren. Für alle zusammen wird es dann eng.   

Ich lauf eine kleine Anhöhe hinauf. Links der Atlantik, rechts die Avenida de las Playas. Auf der Landseite der Promenade reihen sich Läden, Restaurants, Cafés, Ferienhäuser, Hotels und Reklameschilder aneinander. Für jeden Geschmack und Geldbeutel ist etwas dabei, ein ästhetischer Blickfang ist es nicht.

Coole Ansichten auf der Avenida de las Playas.

Traumziel der Briten  
Ein Blick auf die Landkarte verrät, dass Puerto del Carmen sich über viele Kilometer entlang der Küste ausdehnt. Der Ort ist in kurzer Zeit schnell gewachsen: Zunächst rund um den kleinen Hafen im Westen, dann die Hügel hinauf, dann immer weiter nach Osten bis hin zum Flughafen. In den 1960er Jahren lebten hier zweitausend Menschen, heute sind es über zwölftausend Einwohner. Hinzukommen noch 35.000 Touristenbetten. Ganze Stadtviertel bestehen fast ausschließlich aus Ferienwohnungen. Der Tourismus regiert die Stadt.

Das milde Klima Lanzarotes zieht besonders viele Menschen von den britischen Inseln an. Vielleicht nicht repräsentativ, aber vielsagend:  An einem Tag Mitte November heben Flieger nach Großbritannien und Irland im Halbstundentakt ab. Das ist deutlich mehr als zu allen anderen Zielorten zusammengenommen. Die vielen Bierkneipen in Puerto del Carmen bestätigen diesen Eindruck. Auf den Großbildschirmen laufen vor allem Übertragungen von Fußballspielen der Premier League.  

Zur Versorgung der Touristen muss fast alles importiert werden. Nicht nur das Bier. Einer der  Lieferanten ist Stella Artois aus Belgien. Um die Auslieferung kümmern sich wiederum kolumbianische Gastarbeiter. Die sind gut drauf. Just als ich an Ihnen vorbei laufe, legen sie mit den schweren Fässern im Arm ein Salsa Tänzchen hin. 

Kolumbianer Gastarbeiter tanzen beim Bierausfahren Salsa.

Insel ohne Wasser
Eine besondere Problematik liegt in der Trinkwasserversorgung der Insel. Denn nach Lanzarote kommen jährlich über 3 Millionen Besucher, obwohl es hier fast keine natürlichen Trinkwasserquellen gibt.

Im 15. Jahrhundert, also in der Zeit, in der Kolonisatoren im Auftrag der Krone von Kastilien nach Lanzarote kamen und die Urbevölkerung versklavten, lebten auf der Insel etwa tausend bis zweitausend Menschen.  Das Trinkwasser wurde mühsam über Regenwasserzisternen und Brunnen gewonnen. Salinen dienten der Salzgewinnung,  um Lebensmittel zu konservieren. Heute sind die historischen Salinen längst verfallen. Der gesamte Trinkwasserbedarf der Insel wird über Meerwasserentsalzungsanlagen und Importe von Plastikflaschen gedeckt. Das ist aufgrund des hohen Energieverbrauchs der Anlagen, der notwendigen Entsorgung der konzentrierten Sole und des enormen Plastikabfalls umweltpolitisch höchst problematisch. Experten sprechen zudem von Wasserverlusten von bis zu 50% in den Leitungssystemen.[1]

Die Stadt kommt in die Jahre   
Bunte Plakate auf der Strandpromenade kündigen für das Jahr 2026 den 60. Geburtstag von Puerto del Carmen an. Bürgermeister José Juan Cruz übt sich in Zuversicht, denn augenscheinlich platzt der Ort aus allen Nähten.  Im Lokalblatt Tribuna de Canarias mahnt er die Modernisierung vieler Hotels an. Zudem müsse die städtische Infrastruktur – Wasser, Abwasser, Abfall, Verkehr – verbessert werden. [2]  Denn Touristenorte wie Puerto del Carmen stehen unter einem enormen Wettbewerbsdruck. Deswegen soll der Ort für Senioren attraktiv bleiben, aber auch jüngere Menschen anziehen. Insbesondere soll das Sportangebot weiter ausgebaut werden. Zielgruppe sind offenkundig zahlungskräftige middle ager.

Erste Schritte zur Entwicklung als Sportlerinsel wurden schon vor Jahren gemacht. Schon in den 1980er Jahren entstand auf der Nordwestseite der Insel die Clubanlage La Santa, die sich selbst als „weltweit größtes Ferien- und Aktivresort“ vermarket. Von hier kam auch die Idee, internationale Sportevents auf die Insel zu holen.  Auf der Avenida de las Playas begegne ich der überlebensgroßen Statue eines gewissen Kenneth Gasque. Der Däne wird in Lanzarote verehrt, weil er den Ironman auf die Insel gebracht hat. 1992 fiel der erste Startschuss[3]. Die Streckenführung ist attraktiv. Vor den weitläufigen Stränden von Puerto del Carmen herrschen in den Morgenstunden perfekte Bedingungen für den 3,8 km langen Schwimmauftakt. Die 180 km Radstrecke verläuft auf guten Straßen quer durch die sehenswerte Vulkanlandschaft, und der abschließende Marathon entlang der Küste führt in Teilen über meine Laufstrecke.


[1] “El agua del grifo es el alimento del que más seguros podemos estar” | Diario de Lanzarote

[2] https://tribunadecanarias.es/jose-juan-cruz-nuestro-fin-ultimo-es-fortalecer-puerto-del-carmen-como-un-destino-atractivo-no-solo-para-el-ocio-sino-tambien-para-la-practica-deportiva/   

[3] IRONMAN Lanzarote | IRONMAN

Form folgt Natur. Der Architekt César Manrique forderte angepasste Bauweisen.
 

Grenzen des Wachstums
Lanzarote braucht zum Überleben den Tourismus. Und jenseits der großen Touristenzentren gibt es auf dieser Insel Orte von seltener Schönheit. Die Vulkanberge im Süden und der wellen- und windumtoste Strand von Famara im Norden der Insel sind nur zwei Beispiele.

Doch es gibt zu der rasanten Tourismusentwicklung auch kritische Stimmen. Einer, der sich schon in den 1960er Jahren für einen behutsamen und nachhaltigen Ausbau des Tourismus einsetzte, war der auf der Insel hoch angesehene Künstler und Architekt César Manrique. Die Architektur, so forderte er, solle sich der Landschaft anpassen und traditionelle Bauformen aufgreifen. Sein Idealbild: Niedrige weiß getünchte Häuser, grün gestrichene Fenster und Türen, eingebettet in die Natur und das vulkanische Gestein. Man findet diesen ebenso schlichten wie eleganten Baustil vielerorts auf der Insel. Doch in den großen Touristenzentren entstanden eben auch etliche der berüchtigten Bettenburgen. Schon 1988 wetterte César Manrique, dass in Lanzarote mehr Zement pro Kopf verbaut werde,  als in der ganzen Welt. Kurzzeitig konnte er bei der Inselverwaltung einen Baustopp erwirken, einige Köpfe korrupter Beamter rollten, doch die zunehmende Kommerzialisierung des Massentourismus konnte auch César Manrique nicht verhindern. 1992 verstarb Manrique bei einem Autounfall. Sein Vermächtnis wirkt fort, er hat zahlreiche Bau- und Kunstwerke auf der Insel hinterlassen, auch der internationale Flughafen trägt seinen Namen.

Für Nachschub ist gesorgt: Touristenflieger im Anflug.

Tourismus: Fluch oder Segen?
Nach sechseinhalb Kilometern bin ich am alten Fischerhafen, dem Ziel meines Morgenlaufs angekommen. In der Nachbarschaft des Hafens steht die hübsche kleine Kirche Nuestra Señora del Carmen. Die „Jungfrau Maria vom Berge Karmel“, benannt nach einem Berg südlich von Haifa in Israel und Ursprung des Karmeliterordens, hat der Stadt ihren Namen gegeben. Maria wird hier als Schutzheilige der Seefahrer und Fischer verehrt.  Doch die spielen in Puerto del Carmen kaum noch eine Rolle. Längst ist der Flughafen zum wichtigsten Dreh- und Angelpunkt geworden.

Ich laufe ein paar Schritte den Hügel hinauf in die Siedlung Colina del Sol. Es ist eines der ersten Ferienquartiere der Stadt. In der geschmackvoll gestalteten Anlage reihen sich kleine Wohnungen aneinander. Der Blick von der Terrasse aufs Meer ist grandios. Auf der weißgetünchten Terrassenmauer liegen Erinnerungsstücke aus schwarzem Lavagestein.

Ich beobachte, wie ein Touristenflieger Kurs auf den internationalen Flughafen César Manrique nimmt. Fluch oder Segen für die Insel? Die Antwort ist weder schwarz noch weiß. Sie liegt irgendwo dazwischen. Die Papageien kümmert das alles nicht. Neugierig beobachten sie uns beim Frühstück von einer Palme herab. Ihr fröhliches Gekreische übertönt alles andere.         

Valle Maira: Wanderung durch eine außergewöhnliche Kulturlandschaft im Piemont

Valle Maira, Blick vom Colle Serasin (2040 m) nach Westen, Bild: C. Sigrist

Im Juli 2025 haben wir die Stiefel geschnürt und sind in den Piemont gereist. Unser Ziel: das Valle Maira. Die Maira entspringt in den italienischen Westalpen am Fuße mehrerer Dreitausender, nahe an der Grenze zu Frankreich. Sie durchquert das gleichnamige Tal und mündet südlich von Turin in den Po. In sieben Tagen erkundeten wir auf einer Rundwanderung von rund 80 Kilometern das mittlere und obere Maira-Tal. In munterem Auf und Ab zwischen 900 und 2300 Höhenmetern durchquerten wir große und kleine Seitentäler der Maira und überschritten zahlreiche Pässe mit faszinierenden Ausblicken. Wir passierten verlassene oder kaum noch bewohnte Bergdörfer und wurden jeden Abend von freundlichen Gastgebern aufgenommen, die uns Köstlichkeiten aus der regionalen Küche servierten. Die Herbergen sind Teil eines Netzwerks von Unterkünften mit dem Ziel, sanften Tourismus zu fördern. Erfahrene Gastwirte aus bekannten Touristenregionen Italiens haben sich im Valle Maira neu angesiedelt, setzen auf Wandertourismus und hauchen den verlassenen Dörfern neues Leben ein. Liftanlagen und große Hotels gibt es nicht. Im Valle Maira sollen die Gäste Ruhe finden.  Für Wanderer gibt es Halbpension in Mehrbettzimmern, Lunchpakete für die Tagestouren sowie Gepäcktransport zur nächsten Unterkunft. Das alles macht das Wandern im Valle Maira zu einem entspannten Vergnügen und einer faszinierenden Entdeckungsreise durch eine jahrhundertealte Kulturlandschaft. Auch für Skitourengeher ist das Valle Maira inzwischen fast kein Geheimtipp mehr.

Fast allein im Tal: 7 Tage Wandern im Valle Maira. Karte: Komoot

Dem Himmel ganz nah
Zu unserem Ausgangsort geht es steil hinauf in die Berge. San Martino Inferiore ist ein adretter Weiler mit stilvoll renovierten Steinhäusern und liebevoll angelegten Gärten. „Der Erde verbunden – dem Himmel ganz nah“, das ist das Motto des Centro Culturale Borgata San Martino. Borgata bedeutet Bergweiler. Die Stimmung in San Martino Inferiore ist so einladend, dass wir den Alltag schnell vergessen. Elisa ist die gute Seele dieses charmanten Ortes und betreut seit zwanzig Jahren ihre Gäste.  Sie hat unsere Wandertour mit organisiert und schickt uns gleich am nächsten Morgen auf den Weg hinauf nach Elva Serre, unserem ersten Etappenziel. Ihre guten Wünsche hat sie in unserer Lunchbox versteckt. Eine nette kleine Geste!

Haarverkäufer von Elva Serre, Bild: Haarmuseum Elva

Wein und Haarhändler in Elva
Am Nachmittag unseres ersten Wandertages sind wir im Bergdorf Elva angekommen. Wir übernachten im Gasthaus Locanda di Elva und können es kaum erwarten, zum Abendessen die Weinkarte zu studieren. Doch wer kann die Vorzüge der roten Nebbiolo- von jener der Dolcetta-Traube unterscheiden? Und wie steht es um den Säuregehalt der Barbera-Rebe?  Gottlob haben wir Weinexperten im Wanderteam, so dass dieser und alle folgenden Abende nicht ganz trocken ausfallen. Piemont ist nun mal für seine guten Rotweine bekannt.

Unterdessen haben wir noch von einer ganz anderen Spezialität dieses Ortes erfahren. Stell Dir vor, liebe Leserin und lieber Leser, Du hast eine geliebte Tochter mit schönem langen Haar und Du schneidest es dem armen Kind jeden Herbst direkt am Haaransatz ab, um durch den Winter zu kommen. Das ist nicht schön. Und  doch war dies für die Einwohner von Elva im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine bittere Realität. Weil sie bettelarm waren, wurden die Elvaner erfinderisch und haben tatsächlich mit ihren Haaren gutes Geld verdient. Sie verkauften die Frauenhaare an wandernde Haarhändler, die sie wiederum an Perückenmacher in Venedig, Paris, London oder New York weiter vermarkteten. Die Deutschen, so erzählt ein Haarhändler, waren eher kleinliche Kunden: Ein Berliner Perückenhaus hatte in Elva eine große Sendung glattes Haar bestellt. Unglücklicherweise sind auch ein paar Locken mit hineingerutscht. Die ungehaltenen Berliner haben daraufhin das ganze Paket wieder zurückgeschickt. Erfahren haben wir diese und weitere Anekdoten in dem anschaulich eingerichteten kleinen Haarmuseum von Elva.

Ein Schmetterlingsparadies, Bild: C. Sigrist

Im Reich der Schmetterlinge 
Am zweiten Tag wandern wir über Wiesen und Felder bis nach Ussolo. Wir erfahren, dass früher auf dem terrassenförmig angelegten Gelände Getreide angebaut wurde. Diese Zeiten sind vorbei. Dafür begegnen wir Rinderherden. Es sind die hier typischen weißen Piemont-Rinder. Auf den Almen des Valle Maira ist jetzt Muttertierwirtschaft angesagt.  

Bemerkenswert ist die Artenvielfalt. Unser Wanderleiter lehrt uns, den gelben Enzian vom weißen Germer zu unterscheiden: Beide haben gelbliche Blüten und sind auch im Blattwerk verblüffend ähnlich. Der Enzian trägt seine Blätter jedoch stufenweise auf der gleichen Höhe, der Germer trägt sie versetzt. Kenner wissen zu schätzen, dass aus der Wurzel des gelben Enzians ein guter Schnaps gewonnen werden kann. Faszinierend ist auch die Insektenwelt. Sonne, Wärme und der trockene Boden scheinen dem wilden Lavendel besonders gut zu bekommen. Und wo der Lavendel blüht, sind auch Bienen und Schmetterlinge nicht weit. Selten haben wir eine solche Vielfalt von Wildbienen und Schmetterlingen erlebt.

In Ussolo übernachten wir bei Marta im Gasthaus La Carlina. Mit ansteckender Fröhlichkeit empfängt sie uns in ihrem kleinen Biergarten. Die gelernte Köchin hat zuvor in den Dolomiten gearbeitet. Ihre geschmackvoll renovierte Locanda hat sie erst 2024 von der Gemeinde gepachtet. Seit Marta mit ihrem Freund nach Ussolo gezogen ist, leben nun immerhin fünfzehn Menschen im Ort. Einer ihrer Nachbarn hat in Acceglio, unweit von hier, eine kleine Brauerei eröffnet. Unseren ausgetrockneten Kehlen kommt das lokale Bier gerade recht.

Sakrale Kunst ist im Valle Maira weit verbreitet. Hier die Fresken des flämischen Malens Hans Clemer aus dem 15. Jahrhundert in der Kirche Santa Maria Assunta in Elva. Bild: C. Sigrist

Überquerung der Maira
Auf dem Programm des dritten Tages steht die Besteigung eines kleinen Gipfels. Der Punta Culour ist 2068 Meter hoch, mehr Gras als Fels, dafür aber bequem und ungefährdet zu erreichen.  Dort treffen wir auf eine Jugendgruppe aus Varese. Die Mädchen und Jungen sind ausgelassen und genau wie wir zufrieden, dass sie es bis hier oben geschafft haben. Die Ausblicke von der Punta in die Westalpen sind fantastisch. „Mehr Berge geht nicht!“ sagt unser Wanderleiter.  Er wird sich in den nächsten Tagen mehrmals wiederholen müssen.  

Auf dem Abstieg nach Ponte Maira kommen wir an einem alten Bunker vorbei. Ein zunächst überraschender Anblick. Aber er erinnert uns daran, dass es auch in diesem abgelegenen Tal kriegerische Auseinandersetzungen gab. Am augenfälligsten sind die Gedenken an den Ersten Weltkrieg. An öffentlichen Gebäuden finden sich Tafeln mit den Namen der Männer, die in der italienischen Armee zwischen 1915 und 1918 gefallen sind. Wir sehen indes keine öffentlichen Erinnerungen an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs unter Mussolini und auch nicht an die Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer in der Zeit von 1943 bis 1945. Dabei sind die deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS insbesondere im Verlauf des Jahres 1944 von Dronero aus massiv gegen Partisanen sowie gegen die Zivilbevölkerung im Valle Maira vorgegangen. Rückblickend war der Zweite Weltkrieg für Italien eine ebenso schwierige wie umstrittene Zeit.

In Ponte Maira überqueren wir erstmals den Fluss, der diesem Tal seinen Namen gibt. Wir kommen in dem stilvollen kleinen Familienhotel Locanda Mistral unter und ziehen in die Mehrbettzimmer im Nebenhaus ein. So eine gemeinsame Schlafkammer kann mitunter recht musikalisch sein. Wer es des Nachts etwas gedämpfter haben möchte, sollte die Ohrstöpsel nicht vergessen.   

Im Mistral ist Manuela die Chefköchin. Sie serviert uns ein ausgefeiltes Mehr-Gänge-Menu. Manuela ist gebürtig aus Ponte Maira. Nach  Ausbildungs- und Wanderjahren kehrte sie nach Ponte Maira zurück und renovierte das alte Gasthaus von Grund auf. Ihr Partner kommt aus Südtirol und ist der Hüter des Weinkellers. Er empfiehlt uns die Arneis-Traube. Auch der Weißwein macht dem Piemont alle Ehre.  

Quellgebiet der Maira, Bild: C. Sigrist

Über den Colle Ciarbonet nach Chialvetta
Der lockere Aufstieg von Ponte Maira über das Quellgebiet der Maira und durch den lichten Lärchenwald bis zum 2206 Meter hohen Ciarbonet-Pass gehört zu den schönsten Wegstrecken unserer Tour. Auch an unserem vierten Wandertag könnte das Wetter nicht besser sein. Hier finden wir die Stille, die das Wandern im Valle Maira so erholsam macht.

Nach einem langen Abstieg in das Bergdorf Chialvetta ist wieder das lokale Bier und Cappucino angesagt. In der Osteria della Gardetta ist heute Rolando Comba unser Gastgeber. Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ein Meister seines Fachs. Seine Rigatoni an Tomaten-Pesto-Sauce zum Abendessen sind einfach die besten. Und dennoch, wir schaffen es nicht, die Nudelschüsseln zu leeren. Denn die sind erst der Anfang. Als Hauptspeise serviert Rolando Hasenragout mit Polenta.  Wieder so ein Volltreffer. Den Blattsalat hat er frisch aus seinem Garten geholt – und muss gleich für Nachschlag sorgen. Doch der rüstige Mittsiebziger hat noch weit mehr zu bieten als die gute Küche.    

Typisches Bergdorf im Valle Maira. Bild: C. Sigrist

Chialvetta liegt auf 1500 Meter Höhe in einem Seitental des Valle Maira. In den 1950er Jahren wurde Rolando Comba hier geboren und er hat hier auch die Dorfschule besucht. Zwanzig Jahre später übernahm er das Gasthaus seiner Eltern. Die hatten es schon 1935 gegründet. Damals war Chialvetta ein Bergdorf mit ein paar Hundert Einwohnern. In der Dorfkirche liegt ein Fotoalbum aus, das aus vergangenen Zeiten erzählt: Die Menschen lebten weitgehend in Autarkie. Die kargen Erträge ihrer Felder, die Milch, das Fleisch und der Käse ihrer Schafe und Ziegen reichten nur für das Allernötigste. Heute leben nur noch eine Handvoll Leute im Ort. Viele der alten Steinhäuser mit den charakteristischen Schieferdächern und Holzbalkonen sind verfallen, einige wurden saniert und dienen nun als Ferienwohnungen.

Chialvetta steht für viele Bergweiler im Valle Maira. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts fand eine massive Auswanderung aus dem Tal statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sie sich weiter. Denn „in der Ebene“, wie die Leute sagen, zum Beispiel bei Fiat in Turin, verdient man weit mehr als mit hausgemachtem Ziegenkäse. Deshalb zählen viele Bergweiler heute nur noch wenige Einwohner oder sind ganz ausgestorben.

Schusterwerkzeug in Rolando Combas ethnografischem Museum, Bild: C. Sigrist

Rolando stemmt sich gegen diesen Trend. Er möchte das Tal wiederbeleben. Das tut er, indem er die Jahrhunderte alte Kultur und die Traditionen seiner Heimat in Erinnerung ruft. Dafür hat er sein ganz persönliches ethnografisches Museum aufgebaut. Seit 1992, so erzählt er uns, sammelt er Kleidung, Möbel, Haushaltsgeräte, Werkzeuge, Maschinen, Jagdgeräte, Schlitten, Skier – also alles womit die Menschen in diesem Seitental der Maira gelebt und gearbeitet haben.  Zwei Stockwerke einer alten Scheune hat er damit schon gefüllt. Das „Haus, wie es einmal war“,  so könnte man den Museumsnamen übersetzen, ist eine faszinierende Zeitreise in die Vergangenheit des Maira-Tals.

Über den Pass nach Finello zum „Klimahotel“ Lou Pitavin
Am nächsten Morgen, es ist unser fünfter Wandertag,  brechen wir früh auf, denn es geht zum höchsten Punkt unserer Tour, dem Joch Soleglio Bue auf 2338 Meter Höhe. Der Aufstieg durch den Lärchenwald ist bisweilen steil und mühsam. Jenseits der Baumgrenze wird es sogar hochalpin.  Der Abstieg ist dagegen entspannt. Wir spazieren durch blühende Almwiesen. Wenn man das Ohr an die Grasnarbe hält, wird es vom munteren Zirpen, Trillern, Summen und Brummen der Insekten richtig laut! 

Nach ein paar mühsamen Kilometern auf der Landstraße erreichen wir endlich die Locanda Lou Pitavin (zu Deutsch: Der Specht). Diese Herberge mit ihren wunderschönen Gartenanlagen ist wieder so ein Traum.  Sie ist ein zertifiziertes Klima-Hotel und hat sich zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung verpflichtet. Hier sind auch die „billigen Plätze“, also die Mehrbettzimmer für die Wanderer, ebenso stilvoll wie das ganze Hotel eingerichtet. Auch beim Abendessen wird nicht gespart. Die Gastgeber dieses offenkundig gut besuchten Hauses haben alle Hände voll zu tun. Viel freie Zeit für andere Dinge bleibt da nicht. Beim Abschied gesteht uns der Chef mit einem Lächeln: „We live in a paradise, but at the same time in a prison!“

Sardellen in Salzfässern, ein verbreiteter Handel im 18. und 19. Jahrhundert. Bildquelle: Il Sale nelle Vene, Storie di Acciugai della Valle Maira, Dronero 2009

Vorletzte Etappe: Einsiedlermönch und Sardellenhändler
Wenig später werden wir einem Menschen begegnen, der das Valle Maira ebenfalls zu seinem Paradies erklärt hat.  Der hochgebildete Benediktinerpater Sergio hatte als 48-jähriger vom Kirchenbetrieb im Vatikan genug und zog 1978 in die Einsamkeit der Berge. Hier blieb er 36 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2014.  In Alto di Marmora, auf 1580 Meter Höhe, in einem bescheidenen Haus unterhalb der sehenswerten Kirche San Massimo,  richtete er sich eine Bibliothek mit sage und schreibe 62 Tausend Büchern ein.

All dies erzählt uns Massimo, der Wächter der Bibliothek, der uns freudig hereinbittet. Stolz führt er uns durch die eng gestellten Bücherwände und erläutert, dass Pater Sergio seinen Bestand auf die Räume „Himmel“, „Hölle“ und „Fegefeuer“ aufgeteilt hat. Die Kriterien für dieses ungewöhnliche Ordnungsprinzip blieben sein Geheimnis. Pater Sergios kleines Kloster wurde inzwischen renoviert und dient als kulturelle Begegnungsstätte. Zum Abschied serviert uns Massimo Kaffee und wir sind um die Erkenntnis reicher, dass dieses Tal ganz besondere Menschen anzieht.

Palent ist sicherlich der einsamste Ort auf unserer Wegstrecke. Der Weiler liegt an einem steilen Nordhang, rundherum dichte Fichtenwälder. Palent besteht nur aus ein paar Häusern, viele davon sind verlassen und dem Verfall preisgegeben. Und wäre da nicht Gianni, unser Hüttenwirt der Locanda Palent, wir wären vermutlich gleich weitergezogen. Gianni wohnt in Turin und kommt nur, wenn er Gäste hat. Er freut sich schon, dass ihm Frau und Hund bald Gesellschaft in der Einsamkeit leisten werden.

In dieser Gegend des Tales gibt es sehr viel Holz. Früher wurden hier Fässer für den Salzhandel hergestellt. Einige geschäftstüchtige Bewohner des Tales hatten aber eine noch bessere Idee. Eine Version dieser Geschichte geht so: Weil der Salzhandel so hoch besteuert wurde, verkauften die Menschen stattdessen Sardellen. Die „Acciugai“, die Sardellenhändler, aber legten ihre Ware zur Konservierung in Salz ein. Der würzige kleine Fisch wurde an der Mittelmeerküste gefangen und in ganz Norditalien für gutes Geld verkauft. Ja, und das Salz wurde als unbesteuertes Nebenprodukt gleich mitgeliefert. 

Am Ziel in San Martino. Foto: C. Sigrist

Respekt
Unsere Wanderung neigt sich dem Ende zu. Noch einmal überqueren wir die Maira und stiefeln wieder hoch nach San Martino. Was bleibt uns in Erinnerung?  Eine beeindruckende Landschaft und beeindruckende Menschen, die seit Jahrhunderten versuchen, in diesem abgelegenen Tal das Beste aus ihrem Leben zu machen. Nach sieben Tagen Wanderung, vielen guten Gesprächen und informativer Lektüre ziehen wir den Hut und sagen: Respekt vor den Menschen in diesem Tal, alles Gute und auf Wiedersehen!

Die Tour durch das Valle Maira haben wir als Wandergruppe des Deutschen Alpenvereins, Sektion Hochtaunus Oberursel, in Kooperation mit ReNatour durchgeführt. Link:  Wandern im Piemont: Wanderreise im Valle Maira | ReNatour. Ein empfehlenswertes Wanderlesebuch ist: Ursula Bauer, Jürg Frischknecht, Antipasti und alte Wege. Valle Maira – Wandern im Piemont, 10. Auflage, Zürich 2024

Český Krumlov –  Ein Lauf durch Böhmens schönste Altstadt

Abendlicher Blick über die Altstadt hinüber zum Schloss

Zugegeben, Český Krumlov klang für mich zunächst wie Böhmische Dörfer.  Ich hatte keine Ahnung, dass es diesen Ort gibt, wo er liegt und welche historische Bedeutung er hat. Und zugegeben, ich weiß viel zu wenig über unser Nachbarland, der Tschechischen Republik.  

Nun, Český Krumlov oder zu Deutsch Böhmisch Krumau, ist ein südböhmisches Städtchen mit rund 13.000 Einwohnern und einer über 750 jährigen Geschichte.  Die Stadt ist seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe. Rund eine Millionen Touristen aus aller Welt kommen jährlich zu Besuch. Das sind ungefähr so viele Menschen, wie zum Märchenschloss von Ludwig II. nach Neuschwanstein pilgern.

Was macht Krumau so attraktiv? 

Die Stadt liegt am beliebten Moldau-Radweg und ist deshalb eine populäre Bikerstation. Auch wir sind mit einer Radlergruppe rüstiger Rentner durch den südlichen Böhmerwald nach Krumau gekommen. Ein schweißtreibendes Auf und Ab, das unsere tapferen Bioradler herausforderte und manchen E-Bike-Akku an seine Grenzen brachte.

Wir machen Station im Hotel Bellevue in der nördlichen Altstadt. Chinesen, Amerikaner, Deutsche – es ist erstaunlich, wie viele Menschen in diesem verwinkelten Hotel, das früher ein Kloster war,  Platz finden. Die freundliche Rezeptionistin aus Manila lässt den Touristentrubel mit philippinischer Gelassenheit über sich ergehen, verteilt Stadtpläne und gibt sachkundige Restaurantempfehlungen.   

Böhmisch Krumau – Ein Lauf mittendurch und rund um die mittelalterliche Stadt

Ein Blick auf die Karte zeigt: Das historische Krumau liegt in einem engen Tal des Moldau-Flusses, der auf Tschechisch Vltava heißt. Das Besondere: Die Moldau umkreist die Altstadt in drei Schleifen, so dass der Fluss allgegenwärtig ist.  Unten in der Stadt reihen sich die Häuser in engen Gassen aneinander. Oben auf einem mächtigen Fels über der Moldau steht eine riesige burgartige Schlossanlage. Daran schließt sich ein Park an, der fast so groß wie die ganze Altstadt ist. Das macht Eindruck und wirft die Frage auf, wer eigentlich die Schlossbewohner sind oder waren.

Am frühen Morgen mache ich mich auf zu einem Erkundungslauf (und forsche später noch etwas nach).  Den Wecker brauche ich nicht zu stellen, denn es ist einer der längsten Tage im Jahr. Die Sonne scheint schon um 5 Uhr durch das kleine Dachfenster meines Hotelzimmers.

Es ist noch ruhig in den Gassen von Krumau.  Akustisch begleitet werde ich nur von fröhlichem Vogelgezwitscher und meinen Laufschritten auf den Pflastersteinen. Ich begegne wenigen Frühaufstehern: Menschen, die sich um die Stadtreinigung kümmern, Gärtner, die wegen der Tageshitze schon früh ihre Pflanzen wässern, Handwerker, die die Morgenfrische ausnutzen. Und ich treffe ein paar asiatische Touristen, die genauso neugierig sind wie ich.

Schlosshof und Turm von Český Krumlov

Schloss Krumau – Machtzentrum und Ort wechselvoller europäischer Geschichte
Mein erstes Ziel ist das Schloss.  Der erste Schlosshof – weitere werden folgen – wird von einem Turm im Renaissance-Stil dominiert, von dem man die ganze Stadt im Blick hat. Ich laufe weiter in den Gebäudekomplex hinein und staune nicht schlecht, als ich im Burggraben zwei Braunbären erblicke. Diese Bärenanlage soll es schon seit dreihundert Jahren geben, einen besonders glücklichen Eindruck machen die aktuellen Bewohner allerdings nicht. 

Durch eine mit Holzplanken ausgelegte Einfahrt – wohl um den Lärm der Pferdekutschen zu dämmen – gelange ich in einen weiteren Hof.  Auf den ersten Blick wirken die Fassaden wie mit großen Steinen gemauert. Doch das ist ein trompe l’oeil, ein optisches Verwirrspiel,  denn die Steine wurden mit dreidimensionaler Perspektive auf die glatte Wand gemalt.  Durch ein weiteres Tor gelange ich zum nächsten Hof. Und so geht es immer weiter. Ich laufe noch bis zur Mantelbrücke, einem viaduktähnlichen Bauwerk, das eine tiefe Schlucht überspannt. Dann kehre ich um.   

Ein weiterer Schlosshof mit Renaissance-Bemalung

Insgesamt 40 Gebäude und fünf Höfe umfasst diese Anlage, deren Bau im 13. Jahrhundert begonnen und die bis ins 18. Jahrhundert ausgebaut wurde. War das Schloss Český Krumlov, nach der Prager Burg immerhin das zweitgrößte im Land,  womöglich Inspiration für Franz Kafkas Roman „Das Schloss“?  Experten verneinen das, Kafka sei nie dort gewesen. Gleichwohl kann so ein Schloss auf die Menschen bedrohlich wirken. Denn wer so etwas baut, will Macht ausüben.    

Mächtige Adelsgeschlechter
Tatsächlich war Schloss Krumau der Sitz mehrerer einflussreicher Adelsgeschlechter. Von ca. 1300 bis 1600 beherrschte die Familie der Rosenberger von hier aus weite Teile Südböhmens. Dann folgten für weitere 100 Jahre die Eggenberger, ein steirisches Adelsgeschlecht. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Krumau schließlich von der Familie Schwarzenberg, ein fränkischer Adel, beherrscht. Die Schwarzenbergs wurden durch Erbschaften, strategische Hochzeiten, gute Beziehungen zu politischen Amtsträgern sowie durch geschicktes Wirtschaften eine der reichsten Familien Europas.  Bekannt ist im Böhmerwald der über 50 km lange Schwarzenberger Schwemmkanal, der über technisch anspruchsvolle Tunnelbauten Gewässer über die europäische Wasserscheide hinweg in Richtung Schwarzes Meer umleitet. Die Schwarzenbergs waren in der Forstwirtschaft aktiv und beförderten über diesen Kanal bis ins frühe 20. Jahrhundert Brennholz zur Vermarktung im Donautal.  

Mantelbrücke von Schloss Krumau

Annexion und Vertreibung
Unmittelbar nach der Münchner Konferenz Ende September 1938, auf der Großbritannien, Frankreich und Italien Hitler weitreichende Konzessionen machten, marschierte Nazideutschland in der Tschechoslowakei ein und annektierte das Sudetenland. Der brutale Terror des „Stellvertretenden Reichsprotektors“, also des SS Obergruppenführers Reinhard Heydrich, im deutsch besetzten Teil der Tschechoslowakei ist gut dokumentiert. Wer die Ausstellung „Reinhard Heydrich. Karriere und Gewalt“ der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin sowie das Konzentrationslager Theresienstadt nördlich von Prag besucht hat, bekommt davon einen kleinen Eindruck.  
 
Český Krumlov blieb vom Nazi-Terror nicht verschont. Der Ort, dessen Bevölkerung überwiegend deutschsprachig war, wurde zu „Krumau an der Moldau“. Die tschechische Bevölkerung wurde unterdrückt.  Der gesamte Besitz der Schwarzenbergs, die Gegner der Nationalsozialisten waren,  wurde von den Nazis enteignet. Doch das Schloss blieb intakt, wurde teils Militärlager, teils Museum und avancierte zum „arischen Kulturerbe“.  Der letzte Schlossherr, Adolf Schwarzenberg, ging 1939 ins Exil. Nach dem 2. Weltkrieg  wurde Schloss Krumau nicht restituiert, sondern 1947 mit der sogenannten „Lex Schwarzenberg“ von der damaligen Tschechoslowakei verstaatlicht.  Auch für die Sudetendeutschen wendete sich das Schicksal. Nach der Befreiung des Landes durch die Siegermächte kam es zu massenhaften Vertreibungen der deutschsprachigen Bevölkerung. Krumau an der Moldau wurde wieder zu Český Krumlov.
 
Trotz einer wachsenden Zahl deutscher Besucher findet man an historischen Gedenkstätten oder touristischen Orten in Böhmen kaum deutsche Übersetzungen. Die Erinnerung an die Vergangenheit sitzt tief.   
Blick vom Schloss auf die mittelalterlich anmutende Stadt Krumau mit der St. Veit Kirche

Jetzt hat der Tourismus das Sagen  
Vom Schloss laufe ich hinunter in die Stadt. Mir fällt auf, wie aus vielen Altstadthäusern Touristenunterkünfte geworden sind. Auch zahlreiche Restaurants haben sich an die inzwischen international normierte Touristenabfütterung angepasst. Da nur wenige ausländische Besucher tschechische Speisekarten lesen können,  werden die Essensangebote auf Fotos präsentiert. Und weil die kalorienreiche böhmische Küche nicht allen gleichermaßen zusagt, werden vielerorts „Small Pizza“, „Sandwiches“ und natürlich „Draft Beer“ angeboten.
 
Souvenirangebot in Krumau: bunte Standardware

Auch das Souvenirangebot entspricht den Erwartungen: Preislich im Rahmen, halbwegs nützlich in der Verwendung und passend für das Handgepäck.  Mehr oder weniger geschmackvolle Trinkflaschen oder Tassen gibt’s in allen Variationen. Wer einen Hauch Landeskultur mit nach Hause nehmen will, packt noch CDs des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák  oder des Opernkomponisten Leoš Janáček dazu.  Schließlich gibt’s im Angebot auch noch Kuschelbären in allen Formaten. Sie sollen an die Bären im Schlossgraben erinnern.

Entlang einer Moldauschleife, in unmittelbarer Nachbarschaft das Egon Schiele Art Centrum

Egon Schieles schiefes Krumau
Zu gern hätte ich das Egon Schiele Art Centrum besucht. Immerhin laufe ich fast dran vorbei.  Schieles Mutter stammte aus Krumau. Daher kannte er den Ort aus seiner Kindheit.  1911 kam er wieder und verbrachte als 21 jähriger mit seiner Lebensgefährtin Wally Neuzil  ein Künstlerjahr in Krumau. Seine expressionistischen Stadtansichten sind berühmt geworden. Einige gute Beispiele finden sich unter dem Stichwort „Egon Schiele Krumau Bilder“ im Netz. Allerdings wurden seinerzeit seine „schiefen Häuser“ im konservativen Kleinstadtmilieu von Krumau ebenso wenig geschätzt, wie seine wilde Ehe mit Wally. Im Egon Schiele Art Centrum erfolgt nun eine Aufarbeitung.  Näheres hier:  Durch Krumau auf den Spuren des Malers Egon Schiele

Die Synagoge ist wieder renoviert
Ich laufe an einer Moldauschleife entlang und peile als nächstes Ziel die Synagoge an, deren Existenz mich angesichts der wechselvollen politischen Geschichte der Stadt überrascht.  Erwartungsgemäß gibt es in Krumau keine aktive jüdische Gemeinde mehr.  Mit dem Einmarsch der Nazis wurden die damaligen Mitglieder enteignet und verfolgt. Viele Juden flohen ins Ausland oder wurden in Konzentrationslager deportiert. Inzwischen ist die zerstörte Synagoge wieder aufgebaut und dient als Kultur- und Begegnungsstätte.  Das hübsche Gartencafé neben der Synagoge verspricht Entspannung, hat bei meinem Besuch allerdings noch geschlossen. 

Krumaus Marktplatz mit Mariensäule: gelungenes Ensemble mit stilistischer Vielfalt

Ich bin inzwischen auf Krumaus zentralem Marktplatz angekommen.  Es ist sieben Uhr morgens. Pünktlich läuten die Glocken der St. Veit Kirche.  Wie in einer Echokammer wird das Geläut über den gepflasterten Platz und die Häuserfassaden vielfach verstärkt. Es ist ein Weckruf, denn nun  kommt Leben in die Stadt. Cafés werden geöffnet. Erste Touristengruppen ziehen mit gezückten Handys über den Marktplatz.

Die schönsten Morgenstunden sind vorbei. Český Krumlov, Böhmens Bilderbuchstadt an der Vltava, wird wieder an seine Besucher übergeben. Wir hingegen müssen uns verabschieden. Wir wissen nun um die Bedeutung dieser Stadt, steigen zufrieden in die Pedalen und radeln weiter Richtung Prag.   

55 Tunnel und 196 Brücken – Eine Fahrt mit der höchsten Eisenbahn der Alpen  

Aus der Reihe: „viertelvorsieben für Omas und Opas“

Über den Bernina Pass (2253 m)

Reisegruppe mit 8 Pferden
Weil wir den Kopf zu weit aus dem Fenster gestreckt haben, hätten wir um ein Haar eine  gewischt bekommen! Mit Strohbesen auf Kopfhöhe macht die Rhätische Bahn (RhB)  ihre Gäste auf sympathisch unkonventionelle Art darauf aufmerksam, dass man bei Tunneleinfahrten besser den Kopf einzieht. Das ist kein schlechter Rat, denn immerhin fährt die RhB auf der knapp 160 km langen Strecke über die Alpen durch 55 Tunnel.  

Bei der Fahrt über die 196 Brücken und Viadukte ist es hingegen eine nette Sache, dass wir die Fenster weit öffnen und mit dem Fahrtwind in der Nase die imposanten Bauwerke in traumhafter Berglandschaft bewundern können.

Als Drei-Generationen-Reisegruppe sind wir Ende April mit der RhB von Chur nach Tirano unterwegs. Chur ist die älteste Stadt der Schweiz und Hauptstadt des Kantons Graubünden. Das mittelalterlich anmutende Tirano liegt auf der Alpensüdseite im italienischen Veltlin. Zwei Tage nehmen wir uns Zeit für die Hinfahrt, legen mehrere Stopps ein für Besichtigungen, Wanderungen und Übernachtungen und fahren am dritten Tag in einem Rutsch zurück.

Unsere Jüngste im Bunde hat darauf bestanden, ihre acht Pferde mit auf die Reise zu nehmen. Sabrina, Amadeus, Topsi, Felix, Nora, Max und Moritz sowie Schecki werden am Halfter, einem ausgemusterten blauen Wanderschnürsenkel, mitgeführt. Die Pferde benehmen sich während der Bahnfahrt bemerkenswert unauffällig, müssen jedoch regelmäßig  gefüttert werden, eine Aufgabe, die das hungrige Begleitpersonal angesichts der kulinarischen Verführungen auf der Strecke  gerne wahrnimmt.  Andere Fahrgäste werden durch das mitreisende Pferderudel nicht ernsthaft belästigt. Allenfalls sorgt das häufige Wiehern für Überraschungsmomente, an die man sich aber ebenso schnell gewöhnt wie an das laute Hupen der Bahn vor jeder Tunneleinfahrt. Ab und zu muss unsere Enkelin ihre Pferde beruhigen. „Gaaanz ruhig, Sabrina!  Gaaanz ruhig Amadeus!“ sagt sie leise und besänftigend.  Denn schließlich ist so eine Zugfahrt auch für Pferde eine aufregende Sache.

Bernina Express mit der Spiegelung des Palü Gletschers an der Station Alp Grüm

Weltkulturerbe: „Von den Gletschern zu den Palmen“
Mit dieser Losung wirbt die Rhätische Bahn für die einzigartige Zugfahrt über die höchste Bahnlinie der Alpen. Von Chur auf 593 Meter Höhe geht es hinauf zum Gletscher am 2253 Meter hohen Bernina Pass und dann steil wieder hinunter bis nach Tirano auf 429 Höhenmeter.

Ende April herrscht oben am Pass noch Eiseskälte. Doch unten in Tirano, wo wir den Aperol in der schönen Altstadt genießen,  blühen die Obstbäume. Die Weinreben an den Südhängen zeigen ihr erstes Grün. Palmen sind uns nicht ins Auge gefallen, vielleicht werden sie erst später aus den Gewächshäusern geholt.

Für Touristen aus aller Welt ist die Fahrt mit der roten Eisenbahn durch die Hochalpen ein einzigartiges Erlebnis. Der Reiseklassiker „1000 Places To See Before You Die“ beschreibt die Bernina-Linie als eine der schönsten Bahnstrecken der Alpen.

Die Linien der Rhätischen Bahn (RhB) im Überblick: Mit dem Albula-Express von Chur über Thusis nach Samedan, St. Moritz oder Pontresina und dann weiter mit dem Bernina-Express nach Tirano. Ausführliche Informationen über alle Angebote der RhB finden sich hier: www.rhb.ch

In 2 Stunden und 15 Minuten fährt der Bernina-Express von St. Moritz nach Tirano. Doch das geht nur mit Platzreservierung. Kostengünstiger und abwechslungsreicher ist die Fahrt mit dem Regionalzug, der fast stündlich fährt und zudem Reiseunterbrechungen ermöglicht.  Also folgen wir gern diesem Rat unseres Schweizer Familienzweiges und buchen die längere Tour über die Albula- und Bernina-Linien.   

Über das Landwasserviadukt
Wir beginnen unsere Fahrt von Chur aus entlang des Landwasserbachs, zunächst durch sanftes Hügelland, dann entlang steil abfallender Schluchten. Nahe der Ortschaft Filisur auf gut 1000 Meter Höhe überqueren wir die markanteste Eisenbahnbrücke der Schweiz, das Landwasserviadukt. Es führt über sechs bis zu 65 Meter hohe Bögen aus Kalksteinmauerwerk und wurde schon 1903 nach nur 18 Monaten Bauzeit in Betrieb genommen. Heute ist das Bauwerk das Wahrzeichen der Rhätischen Bahn.  Am süd-östlichen Ende mündet die Brücke direkt in den Landwassertunnel ein, wieder so ein Moment in dem wir unsere Köpfe ganz schnell aus den Fenstern einziehen.

Landwasserviadukt, 65 Meter hoch, 136 Meter lang

Museum für Spielkinder
Noch bevor wir bei Preda in den über 7 Kilometer langen Albula-Tunnel einfahren, machen wir einen ersten Stopp in Bergün. Im Bahnmuseum Albula erfährt man so ziemlich alles, was man über die Rhätische Eisenbahn wissen will.  Wir begeben uns sogleich in die Abteilung für  große und kleine Spielkinder, bauen mithilfe von Holzgerüsten Bahnviadukte nach und steuern in der Leitwarte die Signale auf der Bahnstrecke. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass auf der eingleisigen Strecke täglich über 60 Züge in beide Richtungen fahren. Gut, dass unser Einsatz nur Simulation geblieben ist, denn wir hätten durch unbedachte Fehlschaltungen gleich mehrere Frontalzusammenstöße verursacht…  

Gelernt haben wir auch, dass die Rhätische Bahn (RhB) und die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) zwei unabhängige Unternehmen sind. Ein Grund dafür ist, dass die Züge der RhB auf Schmalspurgleisen und ausschließlich im Kanton Graubünden verkehren. Die Fahrpläne beider Bahnunternehmen sind jedoch gut aufeinander abgestimmt. 

Pontresina, unser nächster Stopp, ist ein traditionsreicher Luftkurort auf 1800 Meter Höhe im Ober-Engadin. Das Dorf wirkt ein wenig verschlafen. Nach dem Genuss einer Engadiner Nusstorte behalten wir den Ort aber in guter Erinnerung. Durch Pontresina verläuft übrigens auch der legendäre Skimarathon, das größte Langlaufevent der Schweiz. Der nächste Startschuss fällt am 8. März 2026.  Näheres dazu hier:  Engadin Skimarathon • Der Engadiner Volkslauf.

Die Aussicht von Pontresina auf die umliegenden schneebedeckten Berge ist famos. Fast könnte man meinen, dass der Skibetrieb auf den Hochlagen über St. Moritz Ende April immer noch in vollem Gange ist.

Blick vom Ospizio Bernina auf 2253 Meter Höhe

Am nächsten Morgen wachen wir bei fabelhaftem Wetter im Hotel Ospizio Bernina am gleichnamigen Pass auf. Wir sind inzwischen auf über 2250 Meter Höhe angekommen. Vor uns liegt der mehrere Kilometer lange Lago Bianco, ein Stausee, der noch völlig vereist ist. Frühmorgens gleiten schon Langlauf-Skater elegant über den See. Im Hintergrund Dreitausender, an deren Abhängen wir Skitourengeher entdecken.

Kaffeepause am Palü-Gletscher
In Alp Grüm, nun schon auf der Abfahrt nach Italien, halten alle Züge solange an, bis der Kaffee auf der Terrasse des historischen Bahnhofsgebäudes ausgetrunken ist.  Das hat einen guten Grund, denn der Blick auf den Palü-Gletscher ist atemberaubend. Junge Männer, die in bester Laune, aber etwas erschöpft ihre Tourenski auf der Terrasse abstellen, erzählen, dass sie am Morgen über den Gletscher abgefahren sind und sich an den Felswänden abgeseilt haben. Wir sehen heute von solchen Abenteuern ab (wir haben ja schließlich 8 Pferde dabei) und beobachten stattdessen, wie ein vorbeifahrender Zug eine seiner kühnen Schleifen dreht.   

Bahnschleife bei Alp Grüm

Pferde saufen in Poschiavo
Unser nächster Halt ist Poschiavo auf 1014 Meter. Noch sind wir in Graubünden, allerdings wird hier bereits italienisch gesprochen. Die Schneegrenze haben wir längst verlassen, und mit jedem Höhenmeter, den wir hinunter fahren, nähern wir uns dem Frühling. Die Lärchen haben erste grüne Spitzen, auf den Wiesen blüht der Löwenzahn.

Im Altstadtviertel von Poschiavo stehen ansehnliche Renaissancebauten. Einige Bürger sind hier offenbar schon früh zu Reichtum gekommen. Auf dem Marktplatz vertreiben wir uns die Zeit mit einer leckeren Pizza, unsere Enkelin führt ihre Pferde derweil am Dorfbrunnen zum Saufen.

Beim Schlendern durch die Altstadt bemerken wir ein Schild an einem älteren Gebäude. Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der in den 1950er Jahren mit seinen satirischen Kurzgeschichten („Lieblose Legenden“, 1952)  bekannt wurde, hat offenbar auch die Reize dieser Landschaft erkannt. Bis zu seinem Tod 1991 lebte er 9 Jahre in Poschiavo.

Auf dem Weg nach Poschiavo, im Hintergrund der gleichnamige Stausee

Im See bei Poschiavo wird das Wasser zur Strom- und Trinkwasserversorgung aufgestaut. Der Pegelstand ist jedoch bemerkenswert niedrig. Ein Taxifahrer erzählt uns, dass die Niederschläge in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind. Trotzdem ist die Wanderung am Seeufer perfekt, um unsere Beine zu vertreten und der Enkelin mit ihren Pferden Auslauf zu verschaffen.

In der Station Miralago steigen wir wieder in den nächsten Zug ein. Auf den letzten Kilometern unserer Reise bis nach Tirano muss die Bahn noch einmal gut 500 Höhenmeter herunterfahren. Um das zu schaffen, wurde das berühmte Kreisviadukt von Brusio gebaut. Wir schrauben uns tatsächlich wie ein Segelflieger über eine volle 360 Grad Runde nach unten.   Es ist das reinste Bahnvergnügen, das ganze Abteil hängt an den Fenstern! Ich schätze, dass bei jeder Fahrt durch das Kreisviadukt tausend Handyfotos gemacht und in die ganze Welt verschickt werden. Bei 60 Bahndurchfahrten pro Tag dürfte Brusio inzwischen weltbekannt sein.   

Kreisviadukt bei Brusio

Mir kommen fast die Tränen in die Augen, denn was ich da sehe, weckt die schönsten Erinnerungen an meine gute alte Märklin-Eisenbahn-Welt. Der adrette rote Zug der RhB,  die wundervoll gemauerten Viadukte, die satt-grünen Wiesen, die alten Häuser, die sich so stilvoll in die fast schon mediterrane Landschaft schmiegen! Schöner kann es doch gar nicht mehr werden! Haben sich Märklin und der Modellbauer Faller von der Rhätischen Bahn inspirieren lassen?  Der Gedanke liegt nahe.  Ich forsche nach und siehe da, zwischen Märklin und der RhB gibt es eine langjährige Kooperation. Märklin hat verschiedene Sondermodelle von RhB-Zügen produziert und brachte auch die berühmte RhB-Krokodil-Lokomotive auf den Markt, der Traum eines jeden Modelleisenbahnfans. Ein Krokodil steht übrigens in Originalgröße vor dem Bahnmuseum in Bergün.

In Tirano fährt die Eisenbahn wie eine Straßenbahn mitten durch die Stadt bis zur Endhaltestelle. Zusammen mit vielen kleinen und großen Passagieren haben wir uns einen Traum erfüllt. Unsere Enkelin hat erfahren, wie schön es ist, wenn ihre Pferde sie auf der Reise begleiten und sie sich gegenseitig beschützen können. Mal schauen, welche blühenden Phantasien sie bei unserem nächsten gemeinsamen Ausflug entwickelt.

Georgien wählt am 26. Oktober 2024 ein neues Parlament:  Ein Lauf durch Tbilissi vor der Wahl  

Sonnenaufgang in Tbilissi

Ganz allein in Tbilissi
Die jung verliebte Tina möchte sich mit ihrem Freund Gega frühmorgens auf der Rustaveli Avenue treffen, damit sie dort ganz allein mit ihm die Zeit verbringen kann. Der schlaftrunkene Gega lässt sich nur widerwillig auf dieses unzeitige Rendez-vous ein. Doch seine Freundin plant schon den nächsten frühmorgendlichen Ausflug… So schildert es der georgische Autor Dato Turaschwili in seinem Roman „Westflug“. Georgier, so lernen wir, sind keine Frühaufsteher. 

Ende August geht die Sonne in Tbilissi um viertelvorsieben auf. Das ist eine wunderbare Zeit, um durch eine Stadt zu laufen, die eigentlich noch schläft und doch viel zu erzählen hat. Am Ende einer mehrwöchigen Reise durch Georgien gehört ein Lauf durch Tbilissis lebendige Geschichte zu meinem schönsten Pflichtprogramm. So früh am Morgen bin auch ich, wie Tina und Gega, (fast) allein unterwegs. Nur die fleißigen Straßenkehrerinnen in ihren grün-gelben Schutzwesten sind schon tätig.  Sie sorgen dafür, dass Tbilissis Straßen und Bürgersteige trotz vieler Schlaglöcher einen gepflegten Eindruck machen. 

Altstadtrunde durch Tbilissi: 4,5 km durch eine faszinierende Stadt; Karte: Google Maps

Die Rundstrecke: Nationalgalerie auf der Rustaveli Ave. – Parlament – Freedom Square – Sololaki Viertel – Kote Apkhazi Street – Maidan – Bäderviertel – Metekhi Bridge – Reki Park – Friedensbrücke – Rekele II und Ioane Shavteli Street – Nikoloz Baratashvili Street – Orbeliani Square – Revaz Tabukashvili Street – 9. April Park – Nationalgalerie  

Pirosmanis Erbe
Mein Lauf beginnt unter den großen Platanen vor dem Gebäude der Nationalgalerie. Im Museum wird an einen großartigen georgischen Maler erinnert, der die europäische Avantgarde um die Jahrhundertwende begeisterte, dann aber viele Jahre von der Bildfläche verschwunden ist. Sein bürgerlicher Name: Nikolos Pirosmanaschwili, geboren 1862 in Mirzaani, einem Dorf im Osten Georgiens, verstorben 1918 in ärmlichsten Verhältnissen in Tbilissi. Hundert Jahre später zählt Niko Pirosmani zu den ganz Großen seiner Zunft.

Niko Pirosmani, Ausschnitt aus: Ortachala Belles, Nationalgalerie Tbilissi
 

Versetzen wir uns für einen Moment in Pirosmanis Zeit und flanieren die Rustaveli Avenue entlang: 

„Zu beiden Seiten des Boulevards erstreckten sich herrliche Spaliere von Blumen und Zitronen, in denen unzählige Leute spazieren gingen, bildhübsche Damen in europäischen Kleidern, Offiziere in Uniform, in Fräcke gekleidete Aristokraten, Fürsten und Adlige aus der Provinz.  In den Straßen verkehrten die russische Straßenbahn und europäische Kutschen. Es gab die neuesten Modelle von Cadillac, Mercedes, Daimler, Peugeot und Studebaker zu kaufen, gleich nebenan Nähmaschinen von Singer.“[1] 

Sind wir in Paris, Berlin oder Moskau? Nein, das ist Tbilissi auf dem Weg ins 20. Jahrhundert, eine pulsierende Stadt im Russischen Zarenreich im Schnittpunkt wichtiger Handelsrouten.


[1] Giorgi Kakabadse, Der Mythos Niko Pirosmani, Wiesbaden, 2021; im Original 2010 in Tbilissi erschienen; S. 16-17, der Text ist gekürzt. 

Blutiger Freiheitskampf
Ich wechsle die Straßenseite und laufe die Rustaveli Avenue ein kurzes Stück Richtung Liberty Square.  Ich stehe nun vor einem mächtigen klassizistischen Säulenbau.  Vor dem Gebäude wehen Flaggen. Davor eine Freitreppe, rechts und links Springbrunnen. Auf der Treppe steht ein Kreuz.  Es wirkt zart und zerbrechlich, die beiden Querstreben neigen sich nach unten. Der Eingang zum Inneren des Gebäudes ist mit einer meterhohen Stahlwand verschlossen. Davor schiebt ein Polizist Wache. An einer Säule des Gebäudes sind Überwachungskameras installiert. Das wirft Fragen auf, denn der Platz wirkt eigentlich friedlich.  Auf dem Platz ist noch ein weiteres Monument. Es wirkt wie ein grob behauener Felsblock, umfasst von einem steinernen Rahmen. Ein Schriftzug in georgischer Sprache erinnert an einen 9. April. Was hat das alles zu bedeuten?  Später forsche ich nach: Dies ist das georgische Parlament, und dieser Platz hat eine lange, blutige Geschichte. 

Um das alles besser zu verstehen, müssen wir zurückblicken. Der Bau stammt aus einer Zeit, in der Georgien Teil des russischen Zarenreichs war. Er stand hier also schon zu Pirosmanis Zeiten. Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre wurde er weiter ausgebaut. Bemerkenswert daran ist, dass dies mit Hilfe deutscher Kriegsgefangener aus dem Zweiten Weltkrieg geschah. Denn von den über zwei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, wurden rd. 40.000 in georgischen Arbeitslagern festgehalten. Noch heute hört man anerkennend, dass sie trotz widrigster Haftbedingungen maßgeblich am Bau wichtiger Gebäude, Straßen und Brücken beteiligt waren.

Das zarte Kreuzmotiv wirkt vor dem mächtigen Parlamentsbau ein wenig verloren. Aber es hat eine wichtige symbolische Bedeutung, denn es wird der Heiligen Nino zugeschrieben, auf deren segensreiches Wirken im frühen 14. Jahrhundert die Christianisierung des Landes zurückgeht. Als Kreuz trug sie übereinandergelegte Rebenzweige, Zeichen des Friedens. Doch warum dann all diese strengen Sicherheitsvorkehrungen?

Nino-Kreuz, Stahlwand und Überwachungskameras vor dem georgischen Parlament

Wir erinnern uns, im Frühjahr 2024 demonstrierten vor diesem Parlamentsgebäude Tausende von Menschen gegen das sogenannte Gesetz über die Transparenz ausländischen Einflusses. Kritiker des Gesetzes befürchten, dass damit zivilgesellschaftliche Organisationen, die aus dem Ausland unterstützt werden, einer willkürlichen Kontrolle unterworfen oder gar verboten werden könnten. Argwohn erweckt zudem, dass der Text jenem des russischen Gesetzes über „ausländische Agenten“ gleicht, mit dem der Kreml aktiv kritische Stimmen unterdrückt. Der Widerstand ist in der Gesellschaft weit verbreitet. In den Straßen von Tbilissi finden sich Graffiti mit der Losung: „NO RUSSIAN LAW !!!“ oder noch expliziter: „RUSSIA is a KILLER State“.

Der kleine Satellitenstaat Georgien – er ist nicht größer als Bayern –  hat mit Russland in der Tat selten gute Erfahrungen gemacht. Daran erinnert auch jenes steinerne Mahnmal auf dem Parlamentsplatz. Der 9. April steht nämlich für ein Ereignis, das tiefe Wunden in das kollektive Gedächtnis der Menschen gerissen hat. In den ersten Apriltagen 1989, Georgien war damals noch Teil der Sowjetunion, demonstrierten Menschen friedlich gegen die sowjetische Herrschaft und forderten die Unabhängigkeit Georgiens.  Am 9. April wurden die Menschen auf dem Parlamentsplatz schließlich von sowjetischen Truppen brutal mit Tränengas, Schlagstöcken und scharfen Militärspaten niedergemetzelt. Es gab über 20 Tote und hunderte Verletzte. All dies passierte in einer Zeit, als auch die Menschen in der DDR friedlich auf die Straßen gingen. Zwei Jahre später, wiederum am 9. April 1991, erklärte Georgien seine Unabhängigkeit.  

35 Jahre früher gab es an gleicher Stelle schon einmal ein Massaker, wiederum ausgeführt von sowjetischen Truppen. Diesmal gab es Kritik an Chruschtschows Entstalinisierungspolitik. Denn Stalin stand damals besonders bei jungen Demonstranten hoch im Kurs. Das Blutbad von 1956 forderte über hundert Tote und viele Verletzte.

Viele Georgier, so hören wir, haben bis heute ein ambivalentes Verhältnis zu Stalin. Denn Josef Stalin war ein Landsmann, geboren in Gori, und er hatte es bis an die Spitze der Sowjetunion geschafft. Dafür wird er bewundert und verehrt. Auf unserer Fahrt durch das Land sehen wir immer wieder Stalinbüsten. Aber er war auch ein Diktator und Massenmörder. Seine Grausamkeiten werden jedoch seinem Handlanger und Geheimdienstchef Lawrenti Beria angelastet. Auch er war ein Georgier, der aber aufgrund seiner skrupellosen Säuberungsaktionen gegenüber Regimegegnern bis heute im Land verhasst ist. Nach Stalins Tod 1953 wollte Beria seine Nachfolge antreten. Nikita Chruschtschow wusste das zu verhindern und ließ Beria noch im gleichen Jahr hinrichten.  

Noch kein Verkehr am Freedom Square 

Der Zahn der Zeit nagt im Sololaki Viertel
Kehren wir zurück zum morgendlichen Lauf durch Tbilissi. Inzwischen habe ich den Freedom Square erreicht. Ein großer Platz, in der Mitte eine hohe Säule mit dem vergoldeten Sankt Georg,  dem Namenspatron Georgiens. Auch hier ruht noch der Verkehr. Von hier aus laufe ich ins Sololaki-Viertel, das vielleicht interessanteste Stadtquartier Tbilissis. Auf der Georgi Leonidze Straße geht es leicht bergauf, denn das Viertel liegt an den Hängen des Matsminda-Berges. Sololaki erlebte seine Blütezeit Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Davon zeugen die prächtigen Fassaden alter Patrizierhäuser. Hier lebte das wohlhabende Bürgertum Tbilissis, darunter Kaufleute und Intellektuelle. Heute präsentiert sich das Quartier in einer charmant morbiden Mischung aus altem Baubestand, Verfall, Restaurierung und ultramodernen Neubauten. Manche Häuser sind inzwischen so baufällig, dass ihr Zusammensturz nurmehr mit Stahlträgern aufgehalten werden kann. Neben hippen Kneipen, Cafés, Hotels und Ferienwohnungen finden sich noch viele Tante-Emma-Läden und improvisierte Obst- und Gemüsestände, die das Quartier menschlich zusammenhalten und darüber hinaus mit dem Nötigsten versorgen. Wir verlassen die Gassen und Hinterhöfe Sololakis und laufen wieder Richtung Liberty Square.

Altes Wohngebäude in Sololaki
Restaurierter Stadtteil mit Blick auf die Statue der „Mutter Georgiens“

EU oder Russland?
In einem großen Eckhaus auf der Apkhazi Straße nahe am Liberty Square fällt das sogenannte „Information Center on NATO und EU“ ins Auge.  Es dient, so die Selbstbeschreibung, als Ort des Dialogs über den Europäischen und Euro-Atlantischen Integrationsprozess Georgiens. 

In den Straßen Tbilissis fordern tatsächlich viele Wandbilder den Beitritt Georgiens zur Europäischen Union. Neben jeder georgischen Flagge weht auch die blaue europäische Fahne mit den 12 gelben Sternen. Die EU veröffentlicht Umfragen, nach denen eine klare Mehrheit der Georgier der EU positiv gegenüber stehen. Seit 2016 besteht mit der EU ein Assoziierungsabkommen, 2022 reichte die georgische Regierung  infolge des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine ein Beitrittsgesuch ein, Ende 2023 verlieh die EU Georgien den Beitrittskandidatenstatus. Viele Millionen Euro Finanzhilfe sind bisher aus Brüssel nach Tbilissi geflossen. Ist die Westanbindung Georgiens also nicht mehr aufzuhalten? 

Die Macht der Geographie   
Die Realität ist vielschichtig, und wir müssen das ganze Land betrachten. Blicken wir zunächst auf die Landkarte. Georgien ist weit weg von der EU. Auch jene Mitgliedsländer, die Georgien geographisch am nächsten liegen, sind  über 1000 km entfernt. Nur das NATO-Land Türkei ist unmittelbarer Nachbar. Ein EU-Beitritt der Türkei aber ist nicht abzusehen. Stattdessen stehen Russlands Truppen buchstäblich mit dem Fuß in der Haustür. Nach mehreren militärischen Konflikten in der jüngeren Vergangenheit, die Georgien allesamt verloren hat, hält Russland mit den Regionen Abchasien und Südossetien 20% der Landesfläche Georgiens besetzt. Fährt man von Tbilissi nach Westen, führt die Straße in Sichtweite zum Grenzzaun zu Südossetien vorbei. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete unlängst, dass die Russen den Stacheldrahtzaun Stück für Stück auf georgisches Gebiet versetzen.    

Abchasien und Südossetien sind russisch besetzte Gebiete in Georgien; Bildquelle: Zeit Online 
 

Wir haben viele Menschen gefragt, wie sie zur EU und zu Russland stehen. Es ist ein Thema, das mit großer Leidenschaft diskutiert wird. Die Jüngeren verorten sich klar im Westen, die Älteren sind russlandfreundlicher oder einfach nur zurückhaltend gegenüber neuen Allianzen. Auch mit unserem Gastwirt in Ushguli, ein Ort in der Bergregion Swanetien mit UNESCO Weltkulturerbe Status, sprechen wir über einen möglichen EU-Beitritt. Er freut sich zwar über die zahlungskräftigen Wandertouristen aus der EU, möchte aber unbedingt seine kulturelle Identität bewahren. Manche Georgier befürchten, dass mit der EU-Anbindung ein Wertewandel einhergeht, der nicht zu ihrem Lebensumfeld passt. Gleichzeitig verspüren aber auch viele Menschen den kalten Atem des nördlichen Nachbarn im Nacken.

16 Kilometer nördlich von Stepantsminda, einem Touristenort am Fuße des Kasbek Berges,  liegt die Grenze zu Russland. Hier ist der Kaukasus wild und schroff, hoch oben über den Schluchten kreisen die Geier. In einem Jugendcamp, fast in Sichtweite der Grenze, kommen wir mit zwei Studentinnen ins Gespräch. Ihr bemerkenswert gutes Englisch haben sie, wie sie lachend erzählen, beim Anschauen amerikanischer Serien gelernt. Sie träumen von Erasmusstipendien für Wien oder Italien. Aber sie haben Angst, dass russische Truppen jederzeit wieder in kriegerischer Absicht die georgische Grenze überschreiten könnten. Viele russische Touristen, so beklagen sie, sprechen in Georgien wie selbstverständlich Russisch, so als ob das Land noch immer oder schon wieder Teil der ehemaligen Sowjetunion wäre.   

Handel (ver)bindet
Unterdessen passieren Tag für Tag in beide Richtungen Hunderte von Lastwagen den georgisch-russischen Grenzposten in der Darial-Schlucht. Wir fahren hin und schauen uns das an. Die Bergstraße ist eine der ganz wenigen Passagen über den großen Kaukasus. Wir beobachten Lastwagen mit russischen, georgischen, türkischen, armenischen, aserbaidschanischen oder kirgisischen Kennzeichen. Sie scheinen ohne große Verzögerungen die Grenze zu passieren. Und wir sehen, wie viele deutsche Luxuslimousinen ganz ohne Kennzeichen auf einem großen Parkplatz herumstehen. Experten, die die Handelsstatistiken in der Region analysieren,  hegen Zweifel, dass Georgien die westlichen Ausfuhrbeschränkungen für Militär- und Dual-Use-Güter nach Russland konsequent einhält.  Ein Kuriosum am Rande sind die vielen Lastwagen mit deutschen Aufschriften. Sie sind in Deutschland jedoch längst ausgemustert und werden nun von regionalen Spediteuren eingesetzt.  

In Deutschland ausgemusterte Lastzüge auf dem steilen Weg durch den Kaukasus nach Russland

Russland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern Georgiens. So werden Wein und Mineralwasser in großen Mengen nach Russland verkauft. Von dort kommen vor allem Ölprodukte und Gemüse sowie ein Fünftel der Erdgasimporte. Jährlich reisen rund 1,5 Millionen russische Touristen nach Georgien. In Tbilissis Wechselstuben ist der Rubel neben dem Euro und dem US-Dollar die wichtigste Währung. Georgien profitiert zudem von erheblichen Transferzahlungen aus Russland[1]. Wenn Russland also –  wie in der Vergangenheit geschehen – die Grenzen dicht macht, hat vor allem Georgien ein Problem.

Eine Richtungswahl?
All diese Aspekte stehen ganz oben auf der politischen Agenda. Denn am 26. Oktober 2024 wird in Georgien ein neues Parlament gewählt. Politisch hat sich Georgien zuletzt stärker Russland zugewandt.  Viele zeigen dabei auf Bidsina Iwanischwili. Das ist der reichste Mann Georgiens und der eigentliche Chef der Regierungspartei. Er hat sein Milliardenvermögen in Russland gemacht und bestimmt, so hören wir, den neuen Kurs. Im Juni 2024, nachdem die Regierungspartei „Georgischer Traum“ im Parlament auch das Veto der Präsidentin Georgiens zum Transparenzgesetz überstimmt hatte, legte die EU Georgiens Beitrittsprozess vorerst auf Eis.

Hat das europafreundliche Wahlbündnis der Opposition eine faire Chance, die Weichen neu zu stellen?  Bis in die erste Septemberwoche hinein sehen wir auf den Straßen Tbilissis ausschließlich Wahlplakate der regierenden Partei „Georgischer Traum“. Auch sie wirbt öffentlich für Europa, manche Beobachter halten das jedoch für irreführend. Das Internetportal „Civil Georgia“, herausgegeben von der UN Association of Georgia,  zeigt sich besorgt über die zunehmende Polarisierung im Land und berichtet von Schikanen gegenüber regierungskritischen Nicht-Regierungsorganisationen und Oppositionellen.

Auf dem Weg zum Maidan  
Es ist nützlich, auch als Tourist die geostrategische Gemengelage zu kennen. Manches lässt sich besser einordnen. In solchen Gedanken versunken, habe ich auf meinem Lauf unterdessen die unterirdischen Ladenpassagen des Liberty Square erkundet und setze meine Runde nun oberirdisch fort. Am besagtem Information Center biege ich jetzt ab in die Kote Apkhazi Straße und laufe hinunter zum Fluss und in den ältesten Teil der Stadt.

Tagsüber ist die Apkhazi Straße eine beliebte Touristenmeile, am Morgen jedoch das Terrain der Straßenhunde. Die Straße beeindruckt durch ein buntes Nebeneinander alter und neuer Gebäude. Verschiedene Religionsgemeinschaften pflegen hier offenbar ein tolerantes Nebeneinander, denn in enger Nachbarschaft befinden sich christlich-orthodoxe Kirchen, eine Moschee und eine Synagoge. 


[1] https://transparency.ge/en/blog/georgias-economic-dependence-russia-summary-2023

Hunde bestimmen das morgendliche Bild auf der Kote Apkhazi Street 

Ich nähere mich dem Maidan. Das ist einer der ältesten Plätze in Tbilissis Altstadt. Er wird deshalb auch nach dem Stadtgründer Vakhtang Gorgassali, einem König aus dem 5. Jahrhundert, benannt. Einst war dies der Platz der Händler und Handwerker, heute ist es ein Ort, in dem der Tourismus deutliche Spuren hinterlässt. Die Souvenirhändler wurden in die Katakomben unterhalb des Platzes verbannt, oben preisen unzählige Autovermieter ihre Wagen an. Wer will, kann sich mit Auto und Chauffeur in alle Himmelsrichtungen, nach Jerewan im Süden, Kazbegi im Norden, Batumi im Westen an der Schwarzmeerküste oder vielleicht sogar bis nach Baku im Osten ans Kaspische Meer fahren lassen.

Vom Maidan mache ich einen kurzen Abstecher ins Bäderviertel.  Die Geologie hat Tbilissi reich mit Thermalquellen beschenkt. Den Schwefelbädern wird sowohl heilende als auch desinfizierende Wirkung nachgesagt. Einst wuschen sich hier die durchreisenden Händler, Männer verhandelten Geschäfte oder ließen Kupplerinnen in den nach Geschlechtern  getrennten Badehäusern auf (Ganzkörper-) Brautschau gehen. Heute kann man hier die üblichen Spa-Anwendungen buchen.

Der mühsame Weg in die Moderne  
Über die Metekhi Brücke überquere ich nun den Mtkvari. Das ist der Fluss, der quer durch Tbilissi fließt. Jenseits des Flusses, am Europa-Platz, steht ein Stück Berliner Mauer. Ein „Geschenk des deutschen Volkes an das georgische Volk“, steht auf der Inschrift. Was steckt dahinter? Nun, die Berliner Mauer fiel am 9. November 1989, exakt 17 Monate später, am 9. April 1991, erklärte Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Doch mit der neuen Freiheit ging ein schwerer wirtschaftlicher Einbruch einher. Menschen, die sich noch allzu gut daran erinnern können, sprechen über diese Zeit von blankem Chaos, Anarchie und ausufernder Korruption. Die Schriftstellerin Nino Haratischwili schildert die Auswüchse dieser Zeit eindrücklich in ihrem Roman „Das mangelnde Licht“. Erst mit der Reformpolitik in der Präsidentschaft von Michael Saakaschwili ab 2004 begann sich das Land allmählich zu stabilisieren.

Wenn man vom Europa-Platz die Metekhi Straße ein Stück hinaufläuft, eröffnet sich der Blick auf das moderne Tbilissi. Die Wirren der 1990er Jahre scheinen vergessen zu sein. Aus dem hübsch angelegten Reki Park führt eine Seilbahn hinauf zur Statue der „Mutter Georgiens“.  Eine kurzweilige Fahrt für Ausflügler, die den Blick vom Matsminda Berg auf die Stadt genießen wollen.  Auch der Flug mit dem Gasballon der Wohnungsbaufirma m² erfreut sich großer Beliebtheit. Die Friedensbrücke mit dem elegant geschwungenen Glasdach ist auch so ein Publikumsmagnet, denn am Abend gibt es auf der  Brücke eine raffinierte Lightshow, so dass schnell Partystimmung aufkommt. Am Morgen aber überquere ich die Friedensbrücke allein. Fast allein. Ein Straßenhund ist mir ein treuer Begleiter.  

Das moderne Tbilissi:  Freizeitvergnügen im Reki Park

Mitten durchs Touristenviertel
Parallel zum Fluss laufe ich nun in nördlicher Richtung durch die Altstadt. Auf der Erekle II. und der Shavteli Straße werden sich später am Tag die Touristen drängen,  die Kneipen um die Kunden buhlen und die Teppichhändler ihre Ware ausbreiten. Zur vollen Stunde tanzen Marionetten aus einer Turmuhr heraus, unzählige Smartphone Kameras zeichnen das Spektakel auf und verbreiten es per Social Media in die Welt. Ich aber laufe hier allein und entspannt und schaue mir ganz ohne Gedränge die beeindruckende Anchiskhati-Kirche an. Sie stammt aus dem 6. Jahrhundert und gilt als das älteste Bauwerk in Tbilissi.  Es lohnt sich, am Nachmittag noch einmal vorbeizukommen, denn dann stehen die Chancen gut, vor der Kirche eine georgische Hochzeitsgesellschaft zu erleben.

Hochzeitsgesellschaft live vor der Anchiskhati-Kirche
 

Ich überquere nun die vierspurige Nikoloz Baratashvili Straße, die von großen Wohnungsbauten aus der Sowjetzeit gesäumt wird. Inzwischen hat der morgendliche Berufsverkehr eingesetzt.  Ruhiger wird es erst wieder auf dem Blumenmarkt am Orbeliani Platz.  Über die Revaz Tabukashvili Straße, die parallel zur Rustaveli Avenue verläuft, gelange ich nun schnell an mein Ziel im Park hinter der Nationalgalerie. Es ist der Park des 9. April.  Dieses Datum ist wirklich allgegenwärtig in Tbilissi.

Nachspiel
Ein paar Tage später spielt die georgische Fußballnationalmannschaft in einem Heimspiel gegen Tschechien.  Es ist der erste Spieltag in der Europäischen Nations League. Auf einem großen Platz am Ende der Rustaveli Avenue findet ein Public Viewing statt. Der Platz ist voller Menschen,  Fahnen werden geschwenkt und Bierflaschen geleert. Die Stimmung ist gut. Georgien führt. In der Halbzeitpause bemerken wir eine kleine dunkelhaarige Frau, die von Bodyguards umringt wird. Gut gelaunt steht sie inmitten der fußballbegeisterten Menge. Es ist die Präsidentin Georgiens, Salome Surabischwili. Warum mischt sie sich hier unters Volk und sitzt nicht neben dem Ministerpräsidenten Irakli Kobachidse in der VIP Loge des heimischen Stadiums?  Längst hat die Präsidentin zur eigenen Regierungspartei politisch Abstand genommen. Im Wahlkampf unterstützt die ehemalige Diplomatin die pro-europäischen Kräfte. Das Fußballspiel hat Georgien übrigens 4:1 gewonnen. Wer wird am 26. Oktober 2024 bei der Parlamentswahl die Nase vorn haben?   

Georgiens Präsidentin Salome Surabischwili mischt sich unter die Fußballfans

Willkommen im georgischen Bergdorf Adischi!

Eine Wanderung durch ein Land im Umbruch

Blick auf Adischi in Swanetien/ Georgien

Es sind Elvis Presley Songs, die da aus dem Tal zu uns herauf schallen. Heartbreak Hotel, Jailhouse Rock und noch ein paar andere von seinen rockigen Hits. Ein überraschender Willkommensgruß aus Adischi, dem Ziel der heutigen Etappe auf unserer fünftägigen Wanderung durch den Großen Kaukasus.  

Wir sind unterwegs in den Bergen von Swanetien, im Nordwesten Georgiens. Das Land liegt zentral zwischen Europa und Asien, dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer und zwei hohen Gebirgszügen des Kaukasus. Es ist kleiner als Bayern, aber ungewöhnlich facettenreich. Die Berge sind über 5000 Meter hoch, Wälder bedecken 40% der Landfläche. Bedingt durch die geographische und klimatische Vielfalt gehört Georgien zu den Biodiversitäts-Hotspots der Welt. Die Georgier sind stolz auf ihre über 8000 Jahre alte Weinkultur. Noch im Anflug auf die Hauptstadt Tbilissi erklärt unser georgischer Sitznachbar: Egal, was Du in den fruchtbaren Ebenen in den Boden steckst – es wächst!

Auch politisch ist Georgien ein Hotspot. Das Land war immer wieder Beute mächtiger Nachbarn und Eroberer. Seit 1801 war Georgien zunächst unter russischer, mit kurzer Unterbrechung dann unter sowjetischer Herrschaft. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde Georgien 1991 wieder unabhängig. Doch seit erneuten Konflikten mit Russland sind Abchasien und Südossetien, also 20% seiner Staatsfläche, von russischen Truppen besetzt. Die Bevölkerung befürwortet mehrheitlich einen EU-Beitritt, doch die gegenwärtige Regierung steuert in eine andere Richtung.  

Vittorio Sella, Betcho’s doyens gathered on funeral reception, September 1890, Bildquelle: National Archives of Georgia

Doch kehren wir zurück nach Swanetien. Ein Blick in die wertvollen Sammlungen georgischer Museen zeigt: Swanetien war – und ist vielleicht bis heute – Georgiens Goldkammer. Schon im Mittelalter wurde hier das gelbe Metall gefunden und kunstvoll verarbeitet. Doch wo die besten Schürfstellen sind, darüber schweigen sich die Swanen aus. Ihr Land ist bis heute eine nur schwer zugängliche  Bergregion. Nur wenige Straßen führen dorthin und die sind gefährlich, denn Erdrutsche und Lawinen machen sie immer wieder unpassierbar.

Die Swanen sprechen ihre eigene Sprache und pflegen eigene Traditionen. Sie leben in einer rauhen, aber wunderschönen Bergwelt, die ihnen zum Überleben viel abverlangt.  Viele Reisende hat das neugierig gemacht. Der italienische Photograph und Bergsteiger Vittorio Sella hat Swanetien Ende des 19. Jahrhunderts besucht und eine beeindruckende Fotodokumentation hinterlassen.[1] 1996 wurde  Uschguli  zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Es steht beispielhaft für viele mittelalterlich anmutende swanische Dörfer mit ihren markanten Wehrtürmen.

Heute gehören Wandertouristen zu den neuen Pionieren. Wir treffen auf unserem Trek viele junge Menschen mit Zelten und Schlafsack. Wer es bequemer haben will, dem bieten Gasthäuser familiäre Unterkünfte. Einschlägige Reiseunternehmen bieten zudem gute Lösungen für die mühsame Anreise und den Gepäcktransport an.  

Der Wandertourismus nimmt stetig zu. Auf den Wegen treffen wir Russen, Chinesen, Amerikaner, Japaner, Australier, Israelis, Tschechen und natürlich auch Deutsche. Alle suchen das ursprüngliche, unberührte Swanetien. Noch hat dieses schöne Fleckchen Erde seinen besonderen Charme nicht verloren. Die Swanen leben ganz überwiegend in bescheidenen Verhältnissen. Der Tourismus ist noch überschaubar. Wanderer erwarten hier keine Luxushotels, sondern freuen sich, wenn sie in einfachen Unterkünften mit großer Gastfreundschaft empfangen werden. Wie lange geht das noch gut?

Von Betscho nach Maseri über den Baki Pass (2416 m)

[1] Die Dokumentation wird derzeit im Svaneti Museum of History and Ethnography in Mestia, der Bezirkshauptstadt Swanetiens gezeigt. Einige der beeindruckenden Fotografien finden sich auch hier: Vittorio Sella – National Archives of Georgia

Auf unserem Weg nach Adischi regnet es in Strömen. Wir sind klatschnass, aber bester Laune, weil Wandern auch bei Regen Spaß machen kann. Es ist der dritte Tag unserer fünftägigen Tour. Aufgebrochen sind wir im Weiler Betscho, haben die Bezirkshauptstadt Mestia und das Dorf Schabeschi hinter uns gelassen, die Etappenziele Iprali und Uschguli liegen noch vor uns. Die Wege sind gut ausgeschildert, meist auf georgisch und englisch, manchmal auch auf swanisch. Bleibt man auf den Routen, kann nicht viel passieren. Trittsicherheit ist von Vorteil, Kondition und gute Wanderschuhe mehren das Vergnügen. Denn wir laufen in Höhenlagen zwischen 1600 und 2700 Metern, jeden Tag geht es bis zu 1000 Meter rauf und wieder runter. Unsere Tagesetappen sind zwischen 11 und 17 km lang,  nach gut 7 Stunden sind wir meist am Ziel.

Die Landschaft ist atemberaubend, viele der höchsten Berge des Nordkaukasus – Uschba, Tetnuldi, Schchara – liegen in Sichtweite, Flora und Fauna sind außerordentlich artenreich. Wir bewundern die vielen endemischen Pflanzen, versuchen die bunten Schmetterlinge (mit der Linse) einzufangen, sehen (mit etwas Glück) mächtige Geier über uns kreisen. Auf kaukasische Braunbären treffen wir nicht, dafür auf Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen und ganze Schweinefamilien. Sie alle laufen frei herum und finden sich dann doch irgendwann wieder in ihren heimischen Ställen ein.

Kaukasische Wildbienen

Von einer Anhöhe blicken wir auf Adischi herab. Dieser kleine Weiler auf 2128 m Höhe ist eines der höchst gelegenen Dörfer Europas. Wir sehen die für Swanetien so typischen alten Wehrtürme, erbaut aus groben Natursteinen, wundern uns über die vielen eingestürzten Häuser und fragen uns, wie die Menschen in diesem gottverlassenen Fleckchen Erde, zu dem nur eine schlecht ausgebaute Schotterpiste führt,  überleben können. Und wie so oft auf unserer Reise durch Georgien, werden wir auch hier wieder eines Besseren belehrt. 

Zu Gast bei Marexu und Tato
Als wir im Weiler ankommen, begegnen uns als erstes die neugierigen Dorfhunde. Georgische Hirtenhunde sind große beeindruckende Tiere und nehmen ihre Aufgabe ernst. Im Reiseführer wird davor gewarnt, dass wir ihnen draußen auf Wiesen und Feldern, wo sie die Schaf- und Ziegenherden bewachen, nicht zu nahe kommen sollten. Doch die Hunde, denen wir hier begegnen, erweisen sich als freundliche und anhängliche Zeitgenossen. Vierbeiner, so erleben wir es, werden in Georgien so akzeptiert wie sind. Sie werden weder getreten, noch weggescheucht und erhalten die Essensreste vom Familientisch.  Tage später haben wir in Stepantsminda, einer georgischen Kleinstadt nahe der russischen Grenze, erlebt, wie ein großer Hirtenhund seelenruhig in der Eingangstür eines Supermarktes ruhte und alle Kunden mit großen Schritten über ihn hinweg stiegen, um in den Laden zu gelangen. Gestört hat das offenbar niemanden. Nur in der Nacht, da werden die Hunde laut. Und so ein mehrstimmiges und andauerndes Hundegeheul kann ein ganzes Dorf – oder nur uns Wandertouristen? – schon mal um den Schlaf bringen. 

Keti, unsere georgische Führerin, spricht fließend Deutsch und vermittelt uns mit großer Empathie und Sachkenntnis die Eigenheiten der swanischen Kultur. Sie kennt die Trekkingrouten wie ihre Westentasche und führt uns nun zielsicher durch das Gassengewirr von Adischi. Die Wege im Dorf  sind nicht befestigt und vom Regen matschig. Wir müssen aufpassen, nicht in aufgeweichten Kuhmist zu treten. Unsere heutige Unterkunft ist das Hotel Stone House, ein kleines zweistöckiges Haus, zum Teil aus rohen Steinen errichtet.  Weil unsere Gruppe recht groß ist, werden wir aufgeteilt und auch noch bei Verwandten in der Nachbarschaft untergebracht.

Zu Gast bei Marexu und Tato im Hotel Stonehouse

Nachdem wir unsere vollständige Bekleidung des Tages zum Trocknen auf die Wäscheleinen verteilt haben, finden wir uns im Wohnzimmer der Gastgeberfamilie ein. Das ist ein kleiner gemütlicher Raum, von einem Holzofen angenehm erwärmt. Das Wohnzimmer ist alles in einem: Küche, Esszimmer und Aufenthaltsraum für Familie und Gäste.  Die beiden Kinder, acht und zehn Jahre alt, vergnügen sich mit dem Smartphone der Mutter, manchmal dringt ein Gekicher aus der hinteren Ecke des großen Sofas. Wir wissen nicht, mit welcher App sie sich gerade amüsieren,  entscheidend ist für die Kinder aber,  dass das Internet funktioniert. In den Bergen fällt der Strom manchmal aus,  dann gibt es Kerzenlicht und ein freudiges Ooooh, wenn das Licht wieder brennt. Wir Erwachsenen können der Versuchung nicht widerstehen, tippen schnell das Wifi-Password ein, um auf unseren kleinen Bildschirmen zu erfahren, wie es unseren Lieben in der Ferne geht und was draußen in der Welt passiert.    

Unsere Gastmutter knetet Brotteig

Marexus Welt ist derzeit ganz greifbar in der Küche. Denn während wir warmen Tee und Kaffee schlürfen, jeder für sich die wichtigsten Infos einholt und wir dann gemeinsam den Tag Revue passieren lassen, bereitet sie das Abendessen für uns alle vor: 15 Gäste und 4 Familienmitglieder.  Wie sie das in ihrer kleinen Kochnische hinkriegt, ist ein kleines Wunder. Denn was sie später auf den Tisch bringen wird, lässt keine Wünsche offen.

Seit Tagen schon erleben wir Georgiens köstliche Küche. Alles kommt auf den Tisch, in kleinen Portionen, fast wie spanische Tapas, und in einer verblüffenden Vielfalt. Georgischer Salat aus Tomaten und Gurken, dazu ein Dressing mit Kräutern und kleingehackten Walnüssen, das ist einer der Klassiker. Auberginen, rote Beete, Bohnen, Kartoffeln, Erbsen und alles was sonst noch der Gemüsegarten hergibt (oder Marexus‘ Mann Tato mit dem Geländewagen mühsam herbeigeschafft hat). Alles wird gekocht oder gebraten, angerichtet mit Zwiebeln, Petersilie, Dill, Koriander, abgeschmeckt mit der leckeren swanischen Salzmischung. Dann die verschiedensten Suppen mit Gemüse-, Hühnchen-, Schweine- oder Rindfleischeinlage, die uns nach den langen Wandertagen besonders gut schmecken. Dazu das noch warme frischgebackene Brot,  dessen Teig Marexu noch vor ein paar Stunden geknetet hat.

Georgisches Abendessen, Teilansicht

Kein gutes Essen ohne wohlwollende Trinksprüche! Das Glas Wein oder das Gläschen Chacha, ein selbstgebrannter Schnaps – das gebietet die Höflichkeit – wird erst nach einem Trinkspruch und einer angemessenen Erwiderung erhoben. Dazu wird ein Tamada, ein Zeremonienmeister ernannt, der lobende Worte über die Gastgeber und die teilnehmenden Gäste spricht und den Anwesenden Gutes wünscht. Georgier, so erfahren wir, behandeln auch ärgste Feinde am Tisch mit ausgesuchter Gastfreundschaft, es fällt kein böses Wort, es gibt keine ironischen Spitzen. Das ist eine anspruchsvolle Vorgabe! Zum Glück haben wir in unseren Reihen eine Vielzahl von Schriftgelehrten (so viele zusammen gewürfelte Germanisten haben wir lange nicht mehr auf einem Fleck erlebt!), so dass wir schnell einen trinkfesten Sprecher berufen können. Unsere Gastgeberin hält eloquent die Antwortrede. Das ist zwar eigentlich Männersache, doch Tato, der inzwischen mit den beiden Kindern im schönen holzgeschnitzten Chefstuhl des Hauses Platz genommen hat, räumt seiner Frau freimütig das Feld.  

Unsere Führerin Keti übersetzt unermüdlich, und so kommen wir ins Plaudern und erfahren von dem Leben unserer Wirtsleute.  Tato erzählt von seinen Ausbauplänen für das Gasthaus, von den fünf Kühen, einem Stier und zwei Pferden, die er zu versorgen hat.  Wir hören, dass die Familie nur in den Sommermonaten in Adischi lebt, denn in dieser Zeit läuft das Geschäft mit den Wandertouristen. Mitte September, wenn die Schule wieder beginnt, fährt die Mutter mit den Kindern in ihre kleine Wohnung nach Tbilissi zurück. Im Herbst und Winter hält der Vater die Stellung, bleibt in Adischi und versorgt das Vieh. Das ist eine harte und einsame Zeit, denn im Winter wird es hier in den Bergen bitter kalt, und der Schnee macht die Zufahrtswege bisweilen unpassierbar.

Swanisches Haus mit Wehrturm in Adischi

Der Schutz der Wehrtürme
Wir machen einen Rundgang durch den Ort.  Vor ein paar Jahren hatte eine verheerende Lawine viele Häuser des Orts zerstört, sie stehen als Ruinen da. Viele Einwohner haben seitdem den Ort verlassen.  Auch einige der Wehrtürme haben Schaden genommen. Immerhin stehen sie hier schon seit fast einem Jahrtausend.  Etwa ab dem 11. Jahrhundert  begannen die Menschen in Swanetien Wehrtürme zu bauen. Sie wollten sich vor fremden Eindringlingen schützen. Denn in der Tat eroberten ab dem 13. Jahrhundert Mongolen, Perser und Osmanen das Land. Auch der Schutz vor Lawinen war ein wichtiger Beweggrund für den Bau der Wehrtürme. Deshalb wurden viele Türme mit den Mauerecken zum Berg hin gebaut. Swanische Wehrtürme sind 4 bis 5 Stockwerke hoch. Sie haben jedoch keinen ebenerdigen Türen, vielmehr klettern die Menschen mit Leitern in hoch gelegte Eingänge und ziehen dann zu ihrem Schutz die Leitern ein. 

Bisweilen war es auch geboten, die eigenen Familien und deren Hab und Gut vor unliebsamen Nachbarn zu schützen. Denn nicht immer ging es freundlich zu zwischen den verschiedenen Großfamilien. Verletzte jemand die traditionellen Regeln im Umgang miteinander, sei es bei der Nutzung der Weiden,  beim Holzeinschlag, oder bei unerwünschten Liebschaften junger Menschen, wurde Rache genommen, und das konnte blutig ausgehen. Ein Ehrenmord führte über Generationen hinweg zu immer neuen Blutrachen zwischen verfeindeten Clans.  Der preisgekrönte Film „Dede“ der Regisseurin Mariam Khatchvani aus dem Jahr 2017 zeigt eindrucksvoll, wie diese Traditionen bis in die Neuzeit nachwirken.  Er wird derzeit täglich in kleinen Sälen in Mestia und Uschguli gezeigt. 

Der heilige Georg  
Keti führt uns zu einer kleinen Kapelle am Rande des Dorfes. Sie ist den Heiligen Georg und Thomas geweiht. Der Heilige Georg ist der Schutzpatron Georgiens. Wie die Wehrtürme, ist auch die Kapelle schon Jahrhunderte alt. Häufig wurden solche kleinen Gebetshäuser von den Clans als Familienkapelle erbaut. Manchmal nutzen die Dorfältesten sie auch als Ort der Gerichtsbarkeit, um im Angesicht der gesegneten Ikonen Frieden zwischen streitenden Parteien zu stiften. An der Außenwand der Kapelle sehen wir ein Fresko mit Georg und seiner Lanze. Diesem Motiv begegnen wir in Swanetien häufiger – mit einer bemerkenswerten Besonderheit:  Aus der mitteleuropäischen Kunstgeschichte ist uns der Heilige Georg gemeinhin als Drachentöter bekannt.  In swanischen Darstellungen sehen wir jedoch,  wie er mit der Lanze den Kaiser Diocletian ersticht. Das spielt auf die blutigen Christenverfolgungen des römischen Kaisers zum Ende des 3. Jahrhunderts an. Georg, so die Legende, war ein christlicher Soldat im Heer des Kaisers, weigerte sich jedoch seinem Glauben abzuschwören und musste deshalb sterben. In ihren Georgsdarstellungen nehmen die Swanen Rache an seinem Tod. Das ist ihre ganz eigene Märtyrergeschichte. Im ethnografischen Museum von Mestia sehen wir eine besonders kunstvolle Darstellung dieser Version der Geschichte.

St. Georg ersticht den römischen Kaiser Diocletian; Arbeit auf Holz und vergoldetem Silber, 11. Jahrhundert, Svaneti Museum of History and Ethnography,  Mestia/ Georgien

Die Geschichte der Heiligen Nino
Auf unsere Reise durch Georgien erleben wir in berührender Weise wie die Religion den Menschen Halt gibt und Trost spendet. Kirchen, Kapellen und Ikonen werden hoch verehrt. Die Menschen bekreuzigen sich mehrmals vor jeder Kirche, beten vor den Ikonen, berühren und küssen sie. Manchmal stimmen sie auch Psalmen an. Immer werden Honigwachskerzen angezündet. Diese sehr intensive Gottverbundenheit ist für uns Mitteleuropäer oft ungewohnt, aber sie nötigt Respekt ab.  

Vielleicht liegt diese Religiosität auch an der Geschichte der georgischen Christianisierung. Georgien wurde sehr früh, fast zeitgleich mit Armenien christlich. Jede Georgierin und jeder Georgier scheint die Geschichte der Heiligen Nino zu kennen. Nino  – so die Überlieferung – kam als junges Mädchen im frühen 4. Jahrhundert aus Kappadokien (heute Türkei) nach Ostgeorgien. Sie verkündete die frohe Botschaft Jesu und heilte in der damaligen Hauptstadt Mtskheta (unweit vom heutigen Tbilissi) viele Kranke und insbesondere die Königin Nana, die Frau des damaligen georgischen Königs Mirian III.  Eine Kirche auf einem Hügel über Mtskheta erinnert an diese Begebenheit. König Mirian III., von der Heilung seiner Frau zutiefst beeindruckt, machte das Christentum alsbald zur Staatsreligion Georgiens. Heute ziert die Nationalflagge Georgiens ein großes rotes Kreuz auf weißem Grund, in den Ecken vier kleinere Kreuze.  Im Mittelalter war diese Flagge ein Symbol für das georgische Königreich. 2004, nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurde sie erneut eingeführt. Das ist bemerkenswert, denn wenn auch über 80% der Bevölkerung der Georgisch-Orthodoxen Kirche angehören, sind rd. 10-15 % Muslime oder Angehörige anderer Glaubensrichtungen. Doch Georgiens Verfassung garantiert die Glaubensfreiheit.

Mit dem Pferd über den Gletscherfluss unterhalb des Tetnuldi  (4858 m)

Auf einen Chacha im Café Tetnuldi
In Adischi hat der Regen unterdessen eine Pause eingelegt und wir machen uns auf zur angesagtesten Kneipe des Ortes, das Café Tetnuldi. Das Freiluftcafé bietet alles, was ein Touristenmensch vermeintlich braucht: Je nach Wetterlage ein Regen- oder Sonnendach über dem Kopf, einen wärmenden Holzofen, Tee, Bier und Schnaps sowie einen großen Flachbildschirm. Der findige Wirt, der mit seiner beeindruckenden Soundanlage das ganze Dorf bereits mit Elvis-Songs beschallt hatte,  will bei uns deutschen Wanderern nun mit der Übertragung der Bundesliga punkten. Das gelingt zwar nicht, dafür gibt es Herbert Grönemeyer und Chacha-Schnaps. Es ist kalt und deshalb verzichten wir diesmal auf längere Ansprachen.  Prost, Gaumarjos, Jos, Jos!

Das Café Tetnuldi bietet auch Pferdetaxis an. Was es damit auf sich hat, begreifen wir erst am nächsten Morgen. Denn da steht nach einer guten Stunde Fußmarsch die Überquerung eines Bergflusses an. Das Wasser kommt direkt aus dem mächtigen Gletscher des Tetnuldi. Wegen der Regenfälle der letzten Tage ist die Strömung besonders stark. Wer nicht durch das eiskalte Wasser waten möchte, macht das lieber auf dem Pferderücken. An der Furt treffen ein letztes Mal auf Tato. Auch er ist mit seinem Pferdetaxi gekommen, um die Wanderer überzusetzen. 25 Lari kostet der Ritt, gute 7 Euro, das ist es wert und gut für Tatos Familienkasse.

Noch zwei Tage bis Uschguli.  Immer wieder treffen wir auf freundliche Menschen wie Marexu und Tato mit ihren Kindern.  Wir wissen nicht, was ihnen die Zukunft bringt, aber an ihre Herzlichkeit werden wir uns dankbar erinnern.   

Klosteranlage in Uschguli mit Blick auf das Bergmassiv des Schchara (5200 m); alle Fotos von C. Sigrist, sofern nicht anders vermerkt.

Die Trekkingtour durch Swanetien wurde organisiert von Georgia Insight (GEORGIEN Reisen – individuell & exklusiv (georgia-insight.eu)), einem georgisch-deutschen Reiseveranstalter, der dank seiner ausgezeichneten einheimischen Führerinnen und Führer Wander- und Kulturreisen auf anregende Weise miteinander verknüpft.

Mit dem Rad am Inn entlang: Von Pfunds nach Wasserburg (Teil 2)

Wer am Inn entlang radelt, erfreut sich an der großartigen Natur, den Dörfern, der Landschaft und seinen freundlichen Menschen. Wie im Film rauscht alles vorbei. Doch der eigentliche Reiz des Reisens liegt im Innehalten, an der Entdeckung des Neuen und manchmal auch des Unerwarteten. 

Auf unserer Innradtour geht es im zweiten Teil weiter aus dem Engadin nach Tirol und Bayern. Im ersten Teil hieß es: „Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen“. Wir werden nun wieder aus dem Sattel steigen und uns erneut sechs Besonderheiten anschauen.

1. Von Burgen, Fürsten und neuzeitlichen Helden   

Beim Grenzübertritt vom Engadin nach Tirol windet sich der Inn durch eine enge Schlucht.  Es ist so wenig Platz, dass wir Radler auf die verkehrsreiche Hauptstraße ausweichen müssen.  Doch dann öffnet sich das Tal: Die Höhenlagen des Engadins haben wir hinter uns gelassen, wir sind nun schon unter 1000 Meter. Das Klima ist milder,  der Löwenzahn ist längst verblüht, die Wiesen sind gemäht, und die Bauern nutzen die trockenen Tage und Stunden, um das Heu einzufahren. 

Der Inn ist nun schon ein breiter Strom und hat die für ihn typische graugrüne Farbe angenommen. Unzählige Gebirgsbäche aus den Schweizer Alpengletschern mit den verschiedensten Gesteinspartikeln und Mineralien hat er schon aufgenommen, viele Zuflüsse in Tirol und Bayern werden noch folgen. Im Sommer, wenn die Sonne gnadenlos auf das blanke Eis der Gletscher scheint, führt der Inn besonders viel Schmelzwasser.

Das Gasthaus zum Thurm an der Innbrücke in Pfunds

Am Abend sind wir nach langer Fahrt in Pfunds angekommen. Wir sind zwar schon in Tirol, aber auch dieser Ort ist wie das Engadin rätoromanisch geprägt. Den Wohlstand verdankt Pfunds seiner Lage, denn von den vielen Wegen, die nach Rom führen, passieren einige wichtige Routen auch diesen Ort. Denn Richtung Engadin geht es über die Schweizer Alpenpässe,  über den Reschenpass direkt nach Italien. Der Innradweg und die Radstrecke über die historische Via Claudia Augusta verlaufen beide über Pfunds. Auch die Motorradfahrer mit ihren schweren Maschinen machen hier gerne Station. In der Hotelgarage wird’s richtig eng.

Die Menschen hier sind freundlich.  Zum Beispiel der Mitarbeiter des Sporthauses Monz im Ortsteil Stuben. Er unterbricht sein Frühstück  und schickt sich sofort an, meinen platten Hinterreifen zu reparieren.  Oder Simone, unsere Wirtin, die uns in einem schönen historischen Stifterhaus unterbringt. Oder Pawel, der Kellner, der sich an diesem Abend noch Hoffnung macht, dass  Polen bei der Fußball-Europameisterschaft weiterkommt.  Entlang unseres Weges könnten wir viele weitere nennen.

In Sigmundsried, nicht weit von Pfunds, werden wir wieder an die wechselvolle Geschichte dieser Region erinnert. Nicht ohne Ironie erzählt eine Schautafel die Geschichte des Tiroler Landesfürsten Sigmund von Habsburg, der dem Weiler im 15. Jahrhundert seinen Namen gab.  Die Zinszahlungen seiner Untertanen investierte er in den Ausbau seines Jagdschlosses. Der „Münzreiche“ wurde er fortan genannt. Geholfen hat ihm der Wucher nicht. Denn schon bald war er pleite, und sein Schloss musste verpfändet werden.  Und auch, wenn dieser Sigmund schon gestorben ist, so leben solche Typen immer weiter. Auf unserem Weg sehen wir viele Burgen und Schlösser. Was die Schlossherren und ihre Damen umtrieb, wen sie ausbeuteten oder bekriegten oder was sie vielleicht auch Gutes im Sinn hatten, all das überlassen wir unserer Phantasie.  In Imst werden wir auf einen Mann treffen, der Gutes bewirken wollte und dabei tatsächlich Erstaunliches geschafft hat.    

Ruine Kronburg bei Landeck

2. Der Mann auf der Parkbank

In der Altstadt von Imst lassen wir die Räder stehen und machen uns auf, die Rosengartenschlucht zu erkunden. Sie liegt mitten im Ort. Durch diese Schlucht stürzt sich der Schinderbach 1,5 Kilometer den Berg hinab und fließt dann in den Inn. Der Aufstieg ist tatsächlich eine kleine Schinderei, lohnt aber, wenn man wassertosende Schluchten mag.  

Am Eingang zur Schlucht begegnen wir ihm leibhaftig. Ganz entspannt sitzt Hermann Gmeiner auf einer Bank in der Abendsonne. Imst ehrt seinen vielleicht berühmtesten Bürger mit gebotener Bescheidenheit. 1949 gründete der Philanthrop sein erstes SOS Kinderdorf in Imst. SOS stand zunächst für Societas Socialis, später für Save our Souls. Handlungsleitend waren für Gmeiner seine christlichen Überzeugungen. Geprägt wurde er durch seine eigenen Kindheits- und Kriegserfahrungen. Als sechstes von neun Kindern geboren, wurde er schon mit fünf Halbwaise. Seine ältere Schwester Elsa übernahm die Rolle der früh verstorbenen Mutter. Im Krieg diente er in der Wehrmacht im Angriffskrieg gegen Russland. Doch als es Gmeiner selbst an den Kragen ging, rettete ihn ausgerechnet ein russischer Junge. Das prägte ihn, wie er später berichtete.

Hermann Gmeiner in Imst (1919-1986)

Gegen manche Widerstände entstand in Imst das erste Heim für Waisenkinder. Der Grundgedanke war, dass Waisenhäuser von „Kinderdorfmüttern“ geleitet werden sollten.  Die Idee verbreitete sich zunächst in Österreich. Ein erstes SOS-Kinderdorf in Deutschland entstand 1955 in Dießen am Ammersee. Gemäß der Internetseite von „SOS-Kinderdörfer weltweit“ werden und wurden in 136 Ländern fast 300.000 Kinder betreut. Die Organisation SOS-Kinderdorf finanziert sich im Wesentlichen aus Spenden, Patenschaften oder Erbschaften. Sie trägt zwar das deutsche und österreichische Spenden-Gütesiegel, aber auch eine solche Organisation ist nicht frei von Makeln.  Es gab und gibt Vorwürfe von Kindesmissbrauch in Häusern der Organisation, denen – so die Berichte  – mehr oder weniger transparent nachgegangen wird.  

3. Stift Stams und seine Skisprungschanze:  Auslauf- und Zukunftsmodell

Wir verlassen Imst bei herrlichem Sommerwetter. Die Luft ist noch kühl, der Himmel blau. Das Wasser des Inns hat inzwischen ordentlich Fahrt aufgenommen.  Das reizt die Freunde des Raftings, die nahe bei Imst ihre Schlauchboote zu Wasser lassen.  Alle Passagiere müssen, wie wir beobachten,  erstmal ins eiskalte Wasser steigen, bevor es an Bord geht. So wissen sie, was sie bei den Mann-über-Bord-Übungen erwartet. Die Strömung treibt die Boote fast genauso schnell an, wie wir unsere Räder, so dass wir die Rafter ein Stück weit am Ufer begleiten.   

Rafting auf dem Inn bei Imst

Wir radeln weiter durch lichte Kiefernwälder am Südhang der Mieminger Gebirgskette, manchmal auch ganz nah entlang der vielbefahrenden Autobahn A 12 nach Innsbruck, was weniger schön ist. Bei Mötz überqueren wir den Inn und erblicken schon bald eine vermutlich einzigartige Kombination zweier imposanter Bauwerke: Eine große Stiftskirche und direkt dahinter eine Skisprungschanze.  Die Kirche gehört zum Zisterzienserkloster Stams. Was es mit der Schanze auf sich hat, erfahren wir erst später.

Das Stift Stams, so erläutert uns ein junger Historiker, der uns durch das Areal führt, wurde 1273 vom Tiroler Landesfürsten Meinhard II. und seiner Ehefrau Elisabeth von Bayern gegründet. Heute könnte man etwas verkürzt sagen, dass die beiden sich einen Alterswohnsitz mit letzter Ruhestätte erbauen ließen. Überliefert ist aber auch, dass Elisabeth das Stift in Gedenken an ihren Sohn Konradin gründete. Dieser Konradin war der letzte Stauferkönig und wurde 1268 in Neapel enthauptet. Kein schönes Ende.  

Wie viele dieser Einrichtungen, durchlebte Stams eine wechselvolle Geschichte. Bekämpft, niedergebrannt, wiederaufgebaut, säkularisiert und als Kloster wieder belebt. Doch längst können die Mönche nicht mehr allen seelsorgerischen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Aufgaben des Ordens nachkommen. Denn es gibt offenkundige Nachwuchsprobleme.  Gegenwärtig leben in der großen Anlage nur noch 46 Mönche. Viele sind alt, manche schon über Neunzig. Das Kloster ist angezählt.

Leere Chorstühle in Stift Stams

Was jedoch bleibt, ist eine prachtvolle Anlage, der kunsthistorisch bedeutsame frühbarocke Lebensbaum-Altar des Weilheimer Künstlers Bartholomäus Steinle und eine benachbarte Einrichtung, die in Österreich und auf der Welt ihresgleichen sucht: Das Stift ist Ko-Träger des Ski Gymnasiums Stams. Es besteht seit über 50 Jahren, vermittelt sehr erfolgreich schulische Bildung sowie sportliche Exzellenz. Der Direktor erläutert in einer Dokumentation des österreichischen Fernsehens, dass alle Schülerinnen und Schüler das Zentralabitur bestehen müssen.  Dann erst kommt der Sport – und doch hat die Schule etliche Olympiasieger:innen  im Skisport hervorgebracht.  Auf der benachbarten Sprungschanze wird zu allen Jahreszeiten trainiert. Wer dort schon in jungen Jahren heruntersaust, der schafft es auch bis zur Vier-Schanzen-Tournee.

4. Innsbruck und der Reiz der Provinz

Natürlich ist Innsbruck eine Reise wert. Das wusste schon Napoleon, der die Stadt  nach langen Kämpfen 1809 einnahm. Noch heute erinnert die Vater-Sohn-Skulptur an der Ottoburg an dieses Ereignis:  Vater, so ruft der Sohn und zeigt auf die alte Brücke über den Inn, die Franzosen! Wo, fragt der ungläubige Vater, der vielleicht auch ein bisschen kurzsichtig ist. Doch da war es schon zu spät!  Innsbruck fiel ins Napoleonisch-Bayrische Einflussgebiet. Ja, und wie wir am Vortag erfahren mussten, ging auch das Kloster Stams in napoleonischen Flammen auf.

    

Innsbruck liegt offensichtlich am Inn

Heute ist Innsbruck seiner Zeit voraus. Entlang der Uferstraße führen knallrote Radwege, die Fußgängerzone bekommt eine neue Bepflasterung und an der futuristischen Bahnstation zum Alpenzoo gibt’s eine eigene Waschstation für Fahrräder.  Überhaupt pflegt das Land sein Image als „Fahrradland Tirol“. Mehrmals passieren wir elektronische Zählstellen für Radfahrer. Das kennen wir  bisher nur aus der Radfahrerhochburg Kopenhagen. Die Radwege in Tirol sind denn auch gut in Schuss. Das ist keine Kleinigkeit,  denn allein die Bergabschnitte des Innradwegs sind erheblicher Erosion ausgesetzt. Mehrmals umfahren wir Instandhaltungsbaustellen.    

Auf dem Weg nach Kufstein mäandert die Landschaft so vor sich hin. Wir sehen wieder Burgen und Schlösser, Land- und Holzwirtschaft sowie Feldarbeiter, die bei stechender Hitze Kohl und Salate ernten.  Die sehenswerte Altstadt von Hall, die einst mit dem Salzhandel reich geworden ist – wir werden dazu noch mehr erfahren – besuchen wir diesmal nicht. Auch Wattens und seine von André Heller geschaffenen Swarovski-Kristallwelten lassen wir links liegen.

Am Abend, in der schönen Altstadt von Kufstein angekommen, bewegt vor allem der Fußball die Gemüter.  Nach dem 2:0 der Deutschen gegen Ungarn wähnen wir die Welt noch in Ordnung. Julian Nagelsmann strahlt über die Bildschirme Zuversicht aus. Auch unsere Tiroler Kneipennachbarn sind gut drauf, denn auch Österreich liegt noch gut im Rennen.       

Gute Stimmung in Kufsteins Kneipen: Julian Nagelsmann zur Lage der Nation  

Wir verlassen Kufstein auf dem Tiroler Ufer des Inns. Der Weg ist nun fast eben und verläuft durch eine malerische Voralpenlandschaft. Gegenüber von uns liegt das deutsche Kiefersfelden, bundesweit bekannt durch die Staus beim Grenzübergang.

Festspieldorf Erl in Tirol: Passionsspiele seit 400 Jahren

Gute 15 Kilometer von Kufstein entfernt, steht plötzlich mitten im Kornfeld ein moderner mehrstöckiger Holzbau.  Auf einem Schild steht: Künstler:innenresidenz. Dann fallen uns zwei große Festspielhäuser ins Auge. Eines ist weiß getüncht und vermutlich aus den 1950er oder 1960er Jahren, das andere anthrazitfarben und hochmodern. Es ist halb Elf. Gemütlich schlendern junge Musiker mit Geigen, Bratschen und Celli von der Residenz hinüber zu den Festspielhäusern. Auf gut Glück sprechen wir einen jungen Cellisten an. Er kommt aus Mexiko. Im Juni, so erzählt er uns, proben hier Musiker:innen aus aller Welt für die Tiroler Festspiele. Auf dem Programm steht Wagners Ring der Nibelungen.  In Erl, einem Tiroler Dorf mit 1500 Einwohnern, ist wirklich was los! So stellt sich heraus, dass dieser Weiler der Ort mit den ältesten Passionsspielen im deutschsprachigen Raum ist.  Hier werden sie seit 400 Jahren aufgeführt, wie in Erl gerne betont wird,  (etwas) länger also als im bekannten Passionsort Oberammergau.  In Erl wird die Passion alle sechs Jahre aufgeführt. Das nächste Mal schon 2025.

Nußdorf am Inn: Ein bayerisches Kleinod

Nicht weit hinter Erl passieren wir die Grenze von Tirol nach Bayern.  Auf dem Radweg merkt man das nicht wirklich, außer man weiß, dass schon der nächste Ort am Inn Nußdorf heißt. Und Nußdorf gilt laut unserem Radführer als eines der schönsten Dörfer Deutschlands. Deshalb leisten wir uns einen Abstecher und finden tatsächlich viele gut erhaltene historische Bauernhöfe, adrett mit Geranien vorm Balkon und Hochbeet im Vorgarten. Es gibt Kunst am Mühlbach, eine bestens sortierte Bäckerei namens Café Leitner. Ja, und dann werden in Nußdorf auch die Betten besonders gut gelüftet.  

Schlafzimmerblick in Nußdorf

5. Zweieinhalb Atomkraftwerke

Auf unserer rund  370 km langen Reise entlang des Inns von Maloja nach Wasserburg passieren wir 20 Wasserkraftwerke. Die meisten befinden sich auf dem Tiroler und Bayrischen Flussabschnitt, wo der Inn zu einem breiten Strom herangewachsen ist.

Das Laufwasserkraftwerk Imst deckt 10% des Strombedarfs Tirols

Alle 10 bis 30 Kilometer kommt das nächste Kraftwerk. So wird der Fluss intensiv zur Stromgewinnung genutzt. Insbesondere in den Alpentälern der Schweiz und in Österreich sind die Kraftwerke besonders komplexe technische Anlagen. Das Wasser wird in Druckrohrleitungen aus vielen Kilometer entfernten Stauseen herangeführt oder aus steilen Fallrohren in die Turbinen geleitet. So entsteht Kraft. Die gesamte Stromerzeugungskapazität aller Wasserkraftwerke entlang des Inns beträgt 3.500 Megawatt. Im Vergleich: Jedes der drei letzten in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2, hatte eine Kapazität von 1.400 MW.  Der Inn hat also die Kraft von zweieinhalb Atomkraftwerken.

Eingefasster Innabschnitt zwischen Kufstein und Wasserburg

Wasserkraft ist eine günstige und dauerhaft verfügbare erneuerbare Energiequelle, die die Menschen schon seit Urzeiten nutzen. Zum Beispiel um Mühlen zu betreiben oder eben Elektrizität zu erzeugen. Doch wie jede Form der Stromversorgung, hat auch diese ihre Schattenseiten. Die Klimaveränderungen und extremen Wetterschwankungen der letzten Jahre haben zu Trockenheit oder im anderen Extrem zu Überschwemmungen geführt. Auch die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt hat gelitten. Die Flussbegradigungen des Inns haben diese Effekte verstärkt.  Jetzt werden entlang des Flusses wieder Auen angelegt und Überflutungsflächen ausgewiesen. Naturschützer freut das. Doch es regt sich auch Protest: „Kein Überschwemmungsgebiet in Radfeld!“ fordern Landwirte auf großen Schildern in dieser ländlichen Gemeinde zwischen Innsbruck und Kufstein. Sie fürchten um ihre Wiesen, auf denen das Futter für die Viehwirtschaft wächst. Es ist nicht einfach, allen und allem gerecht zu werden. 

6. Wasserburg: Wohl und Wehe einer Stadt am Fluss     

    Die letzten Kilometer unserer Innradtour wären beinahe ins Wasser gefallen. Kurz vor Wasserburg verläuft der Weg über offene Felder und Hügel. Plötzlich zieht ein Gewitter auf.  Das Grollen kommt immer näher, wir spüren die ersten Regentropfen. Mächtig treten wir in die Pedalen, holen die letzten Reserven aus unseren Akkus heraus.  Dann haben wir es gerade noch geschafft.  Kaum sind wir in der Herberge angekommen, bricht das Gewitter richtig los.  

    Wasserburg, das muss man wissen, liegt auf einer Halbinsel im Inn. Es ist die einzige Stadt am Inn, die auf so einer Flussschleife liegt.  In hügeligem Gelände, so berichtet eine Reportage des Bayrischen Rundfunks,  hat sich der Inn über die Jahrtausende gute siebzig Meter tief eingegraben. Der massive Burgfelsen der Wasserburg, die dem Ort den Namen gibt,  zwingt den Inn, über eine 270 Grad Schleife auszuweichen, und zwar mit erheblicher Kraft. Wie ein Formel 1-Fahrer, der zu spät bremst, reißt der Fluss in der Außenkurve jedes Jahr 60 Zentimeter Land mit sich. In der Innenkurve schwemmt der Inn im Gegenzug ständig Neuland auf. So wächst die Halbinsel Wasserburg Jahr für Jahr ein Stückchen weiter. Auf den Freiflächen ist ein Sportplatz entstanden. Der Spazierweg am Flussufer ist mit Kunstwerken garniert.

    Blick auf Wasserburg  vom 60 m höher gelegenen Kellerberg (Foto: J. Jansen)  

    Wasserburg war im Mittelalter eine reiche Stadt. Sie lebte vom Salz, das in großen Schiffsverbänden von Hall in Tirol (wir erinnern uns!) über Wasserburg bis hinunter nach Passau und über die Donau nach Wien transportiert wurde. Natürlich gab es damals noch keine Wasserkraftwerke, die den regen Schiffsverkehr auf dem Inn behindert hätten. Flussaufwärts zogen Pferde die Konvois von mehreren Schiffen, flussabwärts fuhren die flachen Kähne alleine. Wasserburg besaß ein wichtiges Privileg. Es durfte anordnen, dass die Salztransporte  in der Stadt gelagert und gehandelt werden. So wurde es zu einem bedeutendem Zentrum des Salzhandels und zog Kaufleute und Handwerker verschiedener Zünfte an.

    Nahe der Innbrücke und rund um den zentralen Marienplatz sehen wir noch heute herrschaftliche Patrizierhäuser mit italienisch anmutenden Kolonnaden im Erdgeschoß.  Dahinter befinden sich dann in der Färbergasse und Lederzeile die bescheideneren Handwerkerhäuser. Schlicht wird die Bebauung  in der Gasse an der Stadtmauer, denn die grenzt an den Friedhof. So nah bei den Toten will eben keiner leben. Schon kurios wirkt die Hackordnung der Stände in der Stadtkirche St. Jakob. Historische Namensschilder auf den Kirchenbänken legten fest, wer wo sitzt. Vorne die Magistratsherren, dahinter die Handwerker und das gemeine Volk. Der Herr Doktor wurde übrigens hinter dem Metzgermeister platziert. Ein Nebeneffekt der Sitzordnung: Der Herr Pfarrer konnte aufs Beste kontrollieren, wer zum Gottesdienst kam und wer schwänzte.   

    Bunte Häuser und schöne Kneipen in Wasserburg

    Mit dem Aufkommen der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts war die Innschifffahrt beendet und damit auch die Blütezeit der Städte am Inn, die vom Handel auf der Wasserstraße profitierten. Auch Wasserburg verlor an Bedeutung. Heute ist Wasserburg ein munteres kleines Städtchen, das auf Tourismus setzt. Längst haben die Innradler die Innschiffer ersetzt. Wer Zeit und Muße mitbringt, wird in den lokalen Gastwirtschaften bestens versorgt und sollte sich Mittags um 12 Uhr Weißwürste servieren lassen.

    Von Wasserburg führt einer der vielen Jakobswege weiter nach Santiago di Compostela. Diesen Weg heben wir uns für ein anderes Mal auf und steigen stattdessen in einen Zug der Bundesbahn.  Start- und Zielort unserer Tour ist Ehrwald/ Tirol.  Als wir dort ankommen, sind wir so zufrieden, dass wir der Bahn ausnahmsweise ihre notorische Verspätung nachsehen. 

    Unsere Innradroute von der Schweizer Grenze über Tirol nach Bayern:  Martina (1035 m) – Pfunds – Landeck – Imst – Mötz – Stams – Telfs – Innsbruck – Jenbach – Kufstein – Erl – Nußdorf – Rosenheim – Wasserburg (423 m), rd. 265 km,  nützlicher Radführer: bikeline, Inn-Radweg 1 und 2. Alle Fotos sofern nicht anders markiert: C. Sigrist

    Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen 

    Bergwiese im Engadin

    Ach, wie schön ist es im Juni durch blühende Landschaften zu radeln! Mal geht es tief unten im Tal am Flusslauf entlang, mal oben am Hang mit herrlichem Blick in die Alpenlandschaft.  Wir fahren durch alte überdachte Holzbrücken und durchqueren historische Dörfer.  Wir hören die Kuhglocken läuten und das Pfeifen  der Rhätischen Eisenbahn, die sich wie im Märklin-Wunderland ihren Weg über steile Brücken und durch dunkle Tunnel bahnt. Auf großen Schildern steht „Allegra!“, das ist rätoromanisch und heißt „Willkommen!“ Wir sind im  Engadin im Kanton Graubünden.  Ja, und da ist noch dieses kleine Motörchen unterm Hintern, das unsere Räder antreibt und uns diesen Hauch von Leichtigkeit verleiht.  

    Radeln bei Wind und Wetter…
    …aber trocken über den Inn

    Doch es gibt gute Gründe auf dieser Tour durch das Engadiner Land ab und an vom Rad zu steigen, um zu erkunden, was dieser Kulturlandschaft ihren besonderen Reiz verleiht. Hier sind sechs Stichworte.

    1. Der Inn ist ein See!

    Silser See im Oberengadin

    Wo ist eigentlich der Inn? Diese Frage haben wir uns zu Beginn unserer Tour öfter gestellt. Denn der Wasserlauf des Inns, immerhin der wasserreichste Fluss der Alpen, ist im Oberengadin lange nicht zu sehen. Das Verwirrspiel beginnt schon damit, dass keiner so ganz genau verorten kann, aus welchem Bergloch der Inn eigentlich entspringt. Deshalb gilt der oberhalb von Maloja liegende Lunghinsee als seine Quelle. Von dort geht’s dann 700 Meter steil bergab in den auf 1800 Meter gelegenen Silser See. Dann ist der Inn erstmal wieder weg. Unsichtbar fließt er durch den Silvaplaner See, von dort in den Champfèrer See und schließlich durch den St. Moritzsee.  Hinter St. Moritz, in der engen Schlucht nach Celerina, nehmen wir ihn erstmals als nun schon kraftvoll gurgelnden Gebirgsfluss wahr.     

    2. Sils Maria lockt kluge Köpfe! 

    Die Oberengadiner Seenplatte ist eine Landschaft, die begeistert – auch wenn es regnet und bis in den Sommer kalt sein kann.  Sils Maria, zwischen dem Silser und Sivaplaner See gelegen,  ist ein sympathischer kleiner Ort, der stolz ist auf die vielen großen Geister, die hier ihre Spuren hinterlassen haben. „Hier im Engadin ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden“, schrieb Friedrich Nietzsche im Juli 1881 an einen Freund. In Sils Maria hatte er viele Sommer verbracht. Die Wände seiner Schlaf- und Schreibkammer im Hause der Familie  Durisch (heute das „Nietzsche-Haus“)  ließ er zu seiner Inspiration grün anstreichen. Hier verfasste er Teile von „Also sprach Zarathustra“. Auch Theodor W. Adorno machte im Schweizer Exil  Station in Sils. Wie viele andere Dichter und Denker wohnte er im legendären Hotel Waldhaus.  Wir haben es inspiziert und uns dennoch für das Seglias Quartier entschieden, das völlig autofrei ist und alle motorisierten Fahrzeuge inklusive unserer E-Bikes in eine riesige Tiefgarage verbannt. Das ist beeindruckend, auch wenn man sich im Untergrund verlaufen kann.

    Kirchturm in Sils Maria

    Natürlich wollten wir auf unserem Weg entlang des Inns auch St. Moritz nicht links liegen lassen. Es liegt nur gute 10 km innabwärts von Sils und der Radweg führt am rechten Ufer des Silvaplaner Sees entlang. Auf dem See selbst flitzen die Kitesurfer auf ihren Foils bei jedem Wetter rauf und runter. Ein Insider hat uns anvertraut, dass die Windverhältnisse hier ausnehmend gut und konstant seien.

    St. Moritz ist weltberühmt und liegt in wunderschöner Landschaft am Hang über dem St. Moritz See. Augenscheinlich herrscht kein Mangel an Luxushotels, und es findet sich auch eine gute Auswahl sündhaft teurer Modeboutiquen.  Für einen Einblick in die Kulturgeschichte des Engadins lohnt indes eher der Besuch der Gemäldesammlung des Malers Giovanni Segantini und des Museums Engiadinais.

    3. Große Kunst am Weg   

    G. Segantini, Mezzogiorno sulle Alpi, 1891, Segantini Museum St. Moritz

    Einer, der mit dazu beigetragen hat das Oberengadin weltberühmt zu machen, war der staatenlose Maler Giovanni Segantini. Aus bitterer Armut kommend beginnt er dennoch in  den 1870er Jahren seine künstlerische Ausbildung in Mailand, zieht 20 Jahre später mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Bice Bugatti (aus der Künstler- und Designerfamilie Bugatti), 36-jährig nach Maloja.  Schon fünf Jahre später stirbt er 1899 an einer Bauchfellentzündung.  „Volgio vedere le mie montagne“  sollen die letzten Worte dieses unvergleichlichen Malers gewesen sein. Segantini hatte stets darauf bestanden, in jeder Jahreszeit im Freien zu malen. Sein Werk ist im Segantini Museum in St. Moritz zu bewundern, einschließlich der monumentalen Trilogie „Werden – Sein – Vergehen“, in der er die menschliche Existenz in der Schweizer Bergwelt thematisiert. Segantini geht als innovativer Naturalist und Symbolist in die europäische Kunstgeschichte ein.  Mein persönlicher Favorit ist das Gemälde „Mittag in den Alpen“ (1891). Es zeigt eine blau gekleidete Schäferin in einer wunderschönen Alpenlandschaft und strahlt eine bemerkenswerte Ruhe aus. 

    Kunstmuseum Susch in alten Klostergemäuern

    Eine ganz andere Form des künstlerischen Ausdrucks findet man in dem kleinen Oberengadiner Ort Susch am Fusse des Fluela Passes. Wie überraschend, dass ausgerechnet hier eine polnische Kunstsammlerin namens Grazyna Kulczyk ein Museum für experimentelle Kunst von Frauen gegründet hat! Das Muzeum Susch – auf rätoromanisch mit z geschrieben – wurde erst 2019 gegründet und ist in den restaurierten Gemäuern eines alten Engadiner Klosters untergebracht.  Die Öffnungszeiten sind zwar nicht besonders radlerfreundlich, aber die Zeit für einen Spaziergang über das Gelände sollte man sich unbedingt nehmen.

    Experimentelle Kunst in Susch

    Der Weiler Susch selbst hat schon bessere Zeiten gesehen. Wir übernachten  in der etwas herunter gekommenen Pension Garni Fluela. „Posso preparare spaghetti ho rösti com cervola se vuolete“  schreibt mir die hilfsbereite Wirtin auf rätoromanisch. Denn am Abend gibt es in Susch keine geöffnete Gaststätte mehr. Während wir also unsere Spaghetti und Schweizer Rösti vom Teller kratzen, schaut Betty etwa gelangweilt brasilianische Telenovelas an. So kommt heraus, dass sie Portugiesin ist und schon etliche Jahre im Engadin lebt. Diese portugiesische Migrationsgeschichte im rätoromanischen Kanton Graubünden ist kein Einzelfall.  So hat z.B. in St. Moritz, aber auch in Zuoz, ein namhafter Anteil der Bevölkerung portugiesische Wurzeln.   

    4. Die destruktive Versuchung der Macht  

    Auf dem Weg von Sils Maria nach Susch machen wir Station im kleinen Oberengadiner Ort Zuoz.  Unsere Radtaschen fühlen sich leicht an, denn bei Temperaturen von knapp über null Grad haben wir so ziemlich alle Klamotten an, die wir dabei haben.  

    Auf einem Feld unterhalb des Dorfes beobachten wir junge Männer, die Cricket spielen. Eigentlich ungewöhnlich in einem über 1700 m hoch gelegenen Schweizer Bergdorf, denken wir uns, denn Cricket ist vor allem in Commonwealth-Ländern populär.  Wir radeln weiter hinauf in den Ort, der oberhalb des Inns am Hang gelegen ist.

      Zuoz überrascht mit seinem bemerkenswert intakten historischen Ortskern. Wir sehen massiv gemauerte Häuser mit trichterförmigen Fenstern. Wohn- und Arbeitsbereiche, so haben wir im Museum Engiadinais gelernt,  sind im Haus vereint.  Das Heu wird direkt ins große gerundete Eingangstor eingefahren, das Vieh ist in den darunter liegenden Ställen untergebracht. Über fast allen Haupteingangstoren steht das Baujahr. So erfahren wir, dass viele Häuser im Ortskern von Zuoz in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts erbaut wurden.  Das hat mit den blutigen Machtkämpfen jener Zeit zu tun.

      Engadiner Höfe in Zuoz aus dem 16. Jahrhundert
       

      Durch das Engadin führten wichtige Handelsrouten von Bayern und Tirol über die Alpen nach Italien.  Wer diese Routen und Alpenpässe kontrollierte, hatte Macht und konnte seine territorialen Gebietsansprüche ausdehnen. Deshalb war das Engadin immer wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Besonders verheerend war der sogenannte Schwabenkrieg im Jahr 1499. Zwischen dem Haus Habsburg, unterstützt durch den Schwäbischen Bund auf der einen Seite und der Schweizerischen Eidgenossenschaft auf der anderen, ging es um die Vorherrschaft im habsburgisch-eidgenössischen Grenzgebiet. 

      Zuoz hat es im Schwabenkrieg böse erwischt. Von seinen Bewohnern ist überliefert, dass sie rechtzeitig vor dem Einmarsch der Habsburger Truppen ihre Häuser anzündeten und in die Berge flohen. Man muss sich das ganz praktisch vorstellen: Das eigene Haus abbrennen, um sein Leben zu retten.  Aber mit diesem verzweifelten Schritt der verbrannten Erde zwangen die Zuozer Bürger die Angreifer zum Rückzug. Dann bauten sie ihre Häuser umso prächtiger wieder auf. Auffallend sind in Zuoz die kunstvollen Sgraffito-Verzierungen an Fenstern und Türen – eine in dieser Gegend zu hoher Kunstfertigkeit entwickelte Technik, bei der die Ornamente in übereinander liegende Putzschichten eingekratzt werden.

      Sgraffito-Verzierungen an einem  Fenster in Zuoz

      5. Das süße Erbe der Zuckerbäcker

      Weil es nach unserer ausgedehnten Dorfrunde immer noch regnet, kehren wir in das Café im Hotel Klarer auf dem Marktplatz von Zuoz ein. Der Gastraum ist urgemütlich und mit kunstvollen Schnitzereien aus Arberholz vertäfelt. Die freundliche Wirtin des Traditionshauses hat uns sogleich als pudelnasse Radtouristen erkannt und bietet uns zum Café die berühmte Engadiner Nusstorte an. Doch da fällt mein Blick auf eine Schlagzeile der „Engadiner Post“.  Das ist die auf Rätoromanisch und Deutsch erscheinende Lokalzeitung, in der alles Wichtige steht. Die Engadiner Nusstorte, so der Knaller, sei gar keine „echte“ Engadinerin. Das ist das Ergebnis einer mehrjährigen Forschungsarbeit! Die einheimische Nusstorte, so der Befund, sei der  südfranzösischen Tarte au Noix du Perigord verdächtig ähnlich. Ist die Engadiner Nußtorte also ein Plagiat?

      Engadiner Nusstorte (Quelle: https://www.rezeptschachtel.de/engadiner_nusstorte.html)

      Aber die Geschichte hat dann doch noch einen versöhnlichen Ausgang. Denn die originäre südfranzösische Torte aus Nüssen und Karamell wurde im 18. Jahrhundert tatsächlich von Engadiner Auswanderern weiter entwickelt. Sie überzogen die Franzosentorte mit einem speziellem Teigdeckel, um sie fester und leichter transportierbar zu machen. So wurde aus der Französischen die Engadiner Nusstorte. Und das wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Engadiner Migrationsgeschichte.

      Was brachte die Engadiner nach Südfrankreich?  Die Lebensverhältnisse in den kargen Hochtälern Graubündens waren hart. Es reichte den Bauern hinten und vorne nicht, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb wurde der Nachwuchs in die Fremde geschickt, um Geld zu verdienen. Viele verdingten sich als Söldner in rivalisierenden Heeren, doch in einigen Orten des Engadins wurden die Jugendlichen als Zuckerbäcker ausgebildet und schwärmten mit diesem Wissen nach ganz Europa aus. Besonders erfolgreich waren die Engadiner Zuckerbäcker in Venedig. Das beschwor jedoch den Neid der örtlichen  Zünfte herauf und führte schließlich im 18.  Jahrhundert zu deren Ausweisung. Was hat das mit Zuoz und den Dörfern der Region zu tun?  Nun, die erfolgreichen Zuckerbäcker kehrten nach harter Arbeit mit einigem Vermögen in ihre Heimat zurück und ließen sich in ihren Heimatgemeinden prächtige Häuser erbauen.

      Kurz bevor wir Zuoz in Richtung Zernez verlassen, sehen wir einen eindrucksvollen Gebäudekomplex. Auf dem Eingangsschild steht:  Lyceum Alpinum Zuoz – Swiss International Boarding School. Also keine ganz gewöhnliche Dorfschule, sondern ein internationales Internat. Das macht uns neugierig. Und siehe da: Laut Internetseite der Schule lernen hier 340 Schüler aus über 45 Nationen! Gegründet wurde das Internat 1904 unter maßgeblicher Beteiligung zurückgekehrter Zuckerbäcker.  Die Kosten für ein Internats-Schuljahr sind hoch. Zu den Abgängern auf einer langen Liste von Promis gehören der Playboy Gunter Sachs, der VW Patriarch Ferdinand Piëch und der Fürst von Lichtenstein. Und dann kann man noch nachlesen, dass Cricket eines der Sportarten ist, die im Lyceum besonders gepflegt werden. Jetzt wissen wir, woher die Cricketspieler kommen!

      6. Der Schellen-Ursli liebt Apfelstrudel  

      Wir strampeln von Westen her den Berg nach Guarda hinauf. Es liegt hoch über dem Inntal am Südhang des Silvretta-Gebirges. Kaum liegt das Engadiner Dorf in Sichtweite, da taucht die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke auf. Es gilt als eines der schönsten Dörfer der Schweiz und ist die Heimat des Schellen-Ursli. 

      Das Bergdorf Guarda ist die Heimat des Schellen-Ursli

      Der Schellen-Ursli, die beliebte Schweizer Märchenfigur der Autorin Selina Chönz, treibt mit seinen Freunden alljährlich am 1. März mit lautem Glockengeläut den Winter aus. Der „Chalandermarz“ ist ein alter Brauch im rätoromanisch-sprachigen Engadin.

      Straßenbild in Guarda

      Man könnte meinen, dass in dieser Bergidylle die Welt noch in Ordnung ist. Doch auch Guarda hat seine Leidensgeschichte. Es liegt an der historischen Via Imperiala, einer Handelsroute zwischen Tirol und der Region um Como,  und war deshalb gleich mehrmals Opfer zerstörerischer Machtkämpfe.  Der Schwabenkrieg 1499 führte in Guarda wie schon in  Zuoz zu einer ersten Zerstörungswelle. Während der sogenannten Bündner Wirren (1618-1639) kämpften Frankreich und Venedig gegen eine Koalition aus Spanien und Österreich. Guarda wurde ein zweites Mal niedergebrannt. Viele Häuser, die wir heute sehen,  stammen aus der Zeit des Wiederaufbaus im 17. Jahrhundert.

      Guardas Schellen-Ursli öffnet Türen (Bildquelle: Schellen-Ursli Museum Guarda)

      Der Schellen-Ursli ist ein wahrer Schelm, denn er öffnet uns die Tür zum Hotel Meisser. Es hat dem Dorfhelden ein kleines Museum eingerichtet.  Das gediegene Hotel hat eine wunderschöne Sonnenterrasse, an der man keinesfalls vorbei fahren sollte, denn von hier hat man eine fabelhafte Bergsicht und dazu wird ein köstlicher Apfelstrudel serviert.  

      Fast hätte ich es vergessen: Der Inn fließt ab seiner Quelle gute 100 km durch das Engadiner Land. Im Grenzort Martina geht’s weiter nach Tirol und Bayern. Wir haben den Fluss bis ins bayerische Wasserburg verfolgt. Bis dahin gibt es weitere gute Gründe, vom Rad abzusteigen. Wer das genauer wissen möchte, darf sich auf die Fortsetzung dieser Serie freuen.

      Die Inn-Radroute im Engadin:  Malojapass (1815m) – Sils Maria – Silvaplana – St. Moritz – Samedan – Zuoz – Zernez – Susch – Guarda – Ardez – Scuol – Martina (1035m), rd. 110 Radkilometer.  Geteerte- und Feldwege, überwiegend abseits der Verkehrsstraße. Meist abwärts, aber steile Anstiege nach Guarda. Guter Radl-Führer: Bikeline, Inn-Radweg 1. Für Besuche einzelner Orte muss meist vom Innradweg abgewichen werden.



      Mailand – Streifzüge mit Überraschungen 


      Unter dem Schutz der Madonnina
      Ich kann mich gar nicht satt sehen an den Mailänder Selfie-Schönheiten. Sie posieren so wunderbar selbstverliebt auf der großen Piazza vor der prächtigen Marmorfassade des Mailänder Doms. Frauen, Männer, Kinder, ganze Familien, augenscheinlich aus allen Teilen der Welt, haben sich an diesem schon kühlen Novemberwochenende ganz friedlich auf dem Domplatz zum Fotoshooting versammelt.

      Ausnahmsweise keine Ukraine-, Israel- oder Palästinenserdemo, sondern viele friedliche Menschen auf einem Fleck. Sicherheitshalber laufen auch ein paar Carabinieri in ihren feschen Uniformen herum, und in einer Ecke des Platzes zeigen Soldaten in Kampfuniform Präsenz. Die freundlichen jungen Männer sehen aber eher wie Models der italienischen  Armee aus, als dass sie ernsthaft jemandem ein Haar krümmen wollten.

      Über allen und allem schwebt hoch oben auf der Spitze des Domes die „Madonnina“, wie sie die Milanesi liebevoll nennen, die vergoldete Santa Maria Nascente, nach der auch der Dom benannt ist. Seit gut 250 Jahren fährt sie nun schon in den Himmel auf. Eigentlich sollte die Schutzpatronin der Stadt für alle Ewigkeiten die Höhe aller Mailänder Gebäude begrenzen, doch dann setzte auch in Mailand der Wolkenkratzerboom ein. Was tun, wenn die Hochhäuser nunmehr den Dom überragen? Der Allianz Tower im Mailänder CityLife Stadtteil ist inzwischen das höchste Gebäude der Stadt. Die Madonnina überragt er um mehr als hundert Meter. Die Architekten haben, so wird erzählt, eine „italienische“ Lösung gefunden. Sie haben eine Replika der Madonnina auf den Allianzturm platziert und so die alte Himmelsordnung wieder hergestellt.   

      Blick von den Domterrassen auf die Mailänder Skyline und Alpen

      Doch verweilen wir noch einen Moment im Dom. Ende des 14. Jahrhunderts wollte sich die einflussreiche Adelsfamilie der Viscontis mit dem Kirchenbau ein unübersehbares Denkmal setzen. Doch bis alles fertig war, hat es mehr als 500 Jahre gedauert. Deshalb diente der Dom auch späteren Machthabern als nützliche Bühne der Selbstinszenierung.  Napoleon Bonaparte nutzte den Dom zwar zunächst als Pferdestall für seine Invasionstruppen, ließ dann aber wichtige Bauarbeiten an der Kirche ausführen. 1805 krönte er sich schließlich im Dom zum König von Italien. Dafür beschaffte er sich eigens die legendäre „Eiserne Krone“ der Langobarden aus dem nahegelegenen Monza.

      Der Überlieferung nach wurde in dieser Krone ein eiserner Nagel von der Kreuzigung Christi verarbeitet, deshalb erfreute sich die Krone über Jahrhunderte größter Wertschätzung. Auch Karl der Große ließ sich im Jahr 774 die Eiserne Krone aufs Haupt setzen. Wie bei vielen Reliquien ist die Geschichte der Krone zu schön, um wahr zu sein. Italienische Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass der vermeintliche eiserne Christusnagel tatsächlich aus Silber und deutlich jüngeren Datums ist. Aber Reliquien haben oft wenig mit der Wahrheit zu tun. Man muss einfach an sie glauben. Und als Touristenmagnet sind sie seit ihrer Erfindung auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Darauf hat schon der Mailänder Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco mit feiner Ironie in seinem Roman Baudolino hingewiesen. 

      Es zieht sich durch die Geschichte des Abendlandes, dass weltliche Führer allzu gerne der Versuchung erliegen, ihren Machtanspruch mit kirchlichem Segen zu untermauern. Es überrascht deshalb nicht, dass auch Benito Mussolini – inzwischen sind wir im 20. Jahrhundert angekommen – den Mailänder Dom zu propagandistischen Zwecken nutzte. Während seiner Regierungszeit wurde die Domfassade im neo-gotischen Stil vollendet. Ihre ästhetische Vollkommenheit sollte auch die Einzigartigkeit des faschistischen Regimes unterstreichen.

      Kunstvolle Strebebögen sichern die Statik des Doms

      Heute ist der Mailänder Dom die drittgrößte Kirche der Welt. Ob man nun der Institution Kirche treu ist oder ihr kritisch gegenübersteht – der Kirchenbau ist ein gotisches Meisterwerk! Die Architekten haben es geschafft, die Statik scheinbar zu überlisten. Das lässt sich am besten bei einem Spaziergang auf dem Dach des Doms erkennen: In Abkehr von den klobigen Gemäuern und kleinen Fenstern romanischer Kirchen gelang es den Baumeistern mit Hilfe äußerer Stützpfeiler und Strebebögen große Kirchenfenster zu ermöglichen und den riesigen Kirchenraum mit natürlichem Licht durchfluten zu lassen. Das Spiel der Sonne mit den Glasmalereien biblischer Szenen erzeugt dabei eine besondere spirituelle Atmosphäre.

      Eleganz hat ihren Preis: Galleria Vittorio Emanuelle II

      Die Macht der Mode
      Kirche und Macht, das haben wir gesehen, ziehen sich gegenseitig an. Doch Mailand ist auch Wirtschaftsmetropole und Trendsetter in der Welt der Mode. Hier stehen weithin sichtbar die größten und höchsten Bankhäuser Italiens, aber wer weiß (in Deutschland) schon, dass das Bankhaus Intesa Sanpaolo nach der Bilanzsumme das größte italienische Kreditinstitut ist?  Die Modefirmen Armani, Gucci, Valentino oder Versace, um nur einige zu nennen,  aber kennen vermutlich alle, die gerne Schaufenstershoppen gehen und sich vom schönen Schein allzu gern verführen lassen.

      In Mailands Modeviertel sind alle großen Namen präsent. Wir schlendern durch die überdachte Passage der eleganten Galeria Vittorio Emanuele II und spielen das alte Spiel  „Wer hat das schönste Schaufenster“?  Ich entscheide mich für den jungen Herrn mit weißem Jackett und schwarzer Hose von Prada. Er sitzt ganz cool in einem silbrigen Trichter, der mich an ein Düsentriebwerk erinnert. Hoffentlich springt es nicht gleich an.

      Der Prada-Mann

      Man kann es auf dem Foto kaum erkennen, aber Mann trägt in Mailand nun Hosen, die eigentlich zu kurz sind. Wie bei den Damen kommen damit die männlichen Fesseln besser zur Geltung, deshalb sollte der Schuh elegant und gerne etwas hochpreisiger sein.  In Mailands Boutiquen findet sich dazu die richtige Auswahl. Ein paar Straßenecken weiter treffen wir passend zum Prada-Mann die im ähnlichen Outfit gekleidete Prada-Frau.  

      Wir wandern durch die eleganten Straßen rund um die Via Monte Napoleone und Via della Spiga. Hier reiht sich eine exquisite Modeboutique an die nächste. Es fällt auf, dass etliche Schaufenster gerade umgebaut werden. Es muss offenbar immer wieder etwas Neues her, denn der Wettbewerb unter den Modeschöpfern ist groß.

      Eher zufällig gelangen wir in den Innenhof eines ehemaligen bischöflichen Palazzos und erleben eine kleine Überraschung! Inmitten der Piazza Quadrilatero steht ein quadratischer fensterloser Tempel mit beigefarbenen Außenwänden. Neugierig laufen wir um das Gebäude herum und entdecken rechts und links vor dem Eingangsportal zwei Damen, gekleidet in beigefarbene Teddymäntel. Über der Tür steht der Firmenname. Jetzt begreifen wir, es sind die Türsteherinnen des Max Mara Tempels. Sie sehen so elegant aus, dass wir, eher rustikal bekleidet, uns nicht trauen einzutreten. Aber wir werden die Teddys wiedersehen!

      Wenn man so durchs Mailänder Modeviertel spazieren geht, drängt sich die Frage auf, wer im internationalen Modegeschäft eigentlich die Nase vorn hat?  Das Internet offenbart dazu ein paar Überraschungen. Weltweit wertvollstes Bekleidungsunternehmen ist der breit aufgestellte französische Luxuskonzern LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton mit einem Jahresumsatz von rd. 51 Milliarden USD (2020). Das ist keine Kleinigkeit!  Schon auf Platz drei folgt Adidas mit 22,6 Mrd. USD. Prada, das größte italienische Modeunternehmen, kommt auf „nur“ 3,3 Mrd. EUR.  Prada spielt wie Louis Vuitton oder Hermès in der Champions League. Das ist aber nicht zu vergleichen mit dem Massengeschäft.

      Mit billig hergestellter Ware wird richtig viel Geld verdient!  In Europa hat die vermutlich nur Fachleuten bekannte spanische Textilgruppe Inditex mit einem Jahresumsatz von 23,6 Mrd. EUR (2022)  und einem Gewinn von beachtlichen 4,1 Mrd. EUR mit großem Abstand die Nase vorn.  Dahinter verbergen sich Labels wie Zara, Massimo Dutti und Bershka. Die in Deutschland bekannten Marken H&M und Zalando folgen in dieser Statistik mit einigem Abstand auf den Plätzen 2 und 3.  „Fast Fashion“ erlebt derzeit einen Boom. Doch das Geschäft mit trendiger Massenware hat auch seine dunklen Seiten. Denn die Wertschöpfungsketten sind intransparent, die Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern häufig sehr prekär und die Umweltbelastungen der Wegwerfmode erheblich.   

      Doch zurück nach Mailand.  Am Abend sind wir im Ausgehviertel Brera unterwegs und gönnen uns in der bekannten „Jamaica Bar“ einen ersten Aperitif.  Um uns herum sind auffallend viele Duftboutiquen angesiedelt. Man kann sich hier alles Mögliche auf den Handrücken sprühen und hoffen, den richtigen Riecher zu haben. Vor einem Schaufenster bleibe ich wie gebannt stehen. Da ist er wieder, der beige Teddymantel! Die Dame in ihm testet ein Parfüm.  Ich bin jetzt doch neugierig und google wenig später nach dem Preis des Outfits: Für schlappe zwei bis dreitausend Euro ist das gute Stück schon zu haben. 

      Auf der Suche nach dem besten Duft

      Die Macht der Lust
      Sonntagmittag kommt die Sonne raus und deshalb machen wir uns auf den Weg zu den Navigli. Da steckt das Wort navigare drin: Es handelt sich um die Kanäle von Mailand. Sie durchzogen einst die gesamte Mailänder Innenstadt. Bis heute ist Mailand über solche Kanäle mit dem Lago Maggiore und dem Lago de Como verbunden, und früher waren sie wichtige Transport- und Handelsrouten.  Nicht zuletzt wurde der grau-rosa Marmor für den Bau des Mailänder Doms aus dem rd. 100 km entfernten Candoglia über diese Kanäle herbeigeschifft.

      Heute sind die Navigli ein munteres Ausgehviertel mit vielen Kneipen und Läden. Wir kehren auf gut Glück in der „La pizzeria Tradizionale“ am Naviglio Grande ein und sitzen gemütlich inmitten von  Mailänder Groß- und Kleinfamilien, denn sonntags bleibt bei der Mamma die Küche kalt. Auf dem Rückweg schlendern wir über den Corso di Porta Tricinese und auf der Via Torino, eine der älteren Einkaufsstraßen Mailands, zurück in die Innenstadt. Natürlich finden sich auch hier jede Menge sehenswerter Kirchen und Bauwerke, doch insgesamt hat diese Gegend wenig von der Noblesse des Modeviertels. Hier reihen sich Fastfoodketten und Billigoutlets für jeden Geschmack aneinander. 

      Auf dem Corso di Porta Ticinese wartet eine auffallend große Schlange junger Menschen auf Einlass in einen scheinbar unscheinbarem Laden. Ich schaue durchs Fenster und beobachte, wie junge Damen in weißen Schürzen mit sehr langen Fingernägeln und sehr langen Wimpern bunte Gebäckstücke verkaufen.  Der Laden heißt „Mr. Dick“ und versteht sich als „La prima sexy pasticceria en Italia con dolci piu cool del momento“. Frei übersetzt, werden hier die süßesten erotischen Leckereien von ganz Italien angepriesen. Der Renner sind Waffeln in Penisform und Vulvas, ausgebacken zu zarten rosa Cupcakes.  Das ist allerdings Geschmackssache.

      Mailänder Straßenkünstler

      Die Macht im Staat: Giorgia Meloni vs. Elly Shein
      Von Mailand aus haben wir unsere lombardische Verwandtschaft besucht. Und selbstverständlich wollten wir von ihnen wissen: Wie haltet ihr es mit Giorgia Meloni, der italienischen Ministerpräsidentin von der postfaschistischen Partei der Fratelli d‘Italia?  Ein gutes Jahr sei sie nun schon im Amt und habe ihre Drei-Parteien-Regierung relativ geräuschlos zusammen gehalten, wird uns berichtet. Bei so sperrigen Partnern wie Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega und Antonio Tajani von der konservativen Forza Italia sei das ein Erfolg, denn Regierungen in Italien halten im Schnitt nicht länger als 18 Monate. Nach einem Bericht von Bloomberg, einer US-Nachrichtenagentur, halten sich Melonis Zustimmungswerte, anders als bei ihren Vorgängern, auch nach 13 Monaten im Amt solide bei knapp 30%. Sie wird als self-made woman wahrgenommen, die niemandem außer sich selbst und engsten Beratern vertraue. Ihre Politik gilt als pragmatisch und ist trotz aller Wahlkampfrhetorik EU-freundlich, wohl auch, weil sie auf EU-Gelder angewiesen ist.  In der Migrationspolitik, das kann man auch in deutschen Zeitungen lesen,  folgt ihr inzwischen die gesamte EU auf dem Kurs, illegale Einwanderung stärker bekämpfen zu wollen.  Die Parteien der politischen Mitte, so sagen uns unsere Verwandten,  seien in Italien bedeutungslos geworden. Die linke 5-Sterne-Bewegung habe sich völlig diskreditiert. 

      Eine neue Hoffnungsträgerin der linken Mitte könnte indes Elly Shein werden. Die Juristin mit US-amerikanischen, schweizerischen und italienischem Pass, war seinerzeit Wahlkampfhelferin Barack Obamas und wurde vor kurzem zur Präsidentin der italienischen Sozialdemokraten gewählt. Die erst 38-jährige Shein wird in den italienischen Medien als Anti-Meloni hochstilisiert. Zwei Powerfrauen, von denen sicher noch viel zu hören sein wird. Das ist neu in der italienischen Politik. 

      Auf dem Weg zum Mailänder Flugplatz Linate steigen wir ein in die grüne Hölle. Die Wagen der kürzlich eröffneten U-Bahnlinie M 4  sind mit tropischen Dschungelbildern ausgeklebt.  Fai volare tuoi sogni, lass deine Träume fliegen, so lockt die Lufthansa und soll uns heute eigentlich ins gar nicht so tropische Frankfurt fliegen. Tatsächlich hat der Kranichflieger kürzlich den Kauf von zunächst 41% der ITA Airways beschlossen. Ziel ist offenbar, zahlungskräftige Mailänder Kundschaft über das Frankfurter Drehkreuz in alle Welt ausfliegen.  Mal schauen, ob das klappt.

      Über einen großen Mailänder haben wir leider überhaupt kein Wort verloren. Leonardo da Vinci liegt im Mailänder Dom begraben, doch sein Genie ragt über alle Madonninas hinaus. Um ihn angemessen zu würdigen, wäre ein viel gewichtigerer Streifzug als dieser hier vonnöten.

      Die weiße Diva zeigt sich gnädig – Eine Wanderung rund um den Mont Blanc

      Blick auf das Massiv des Mont Blanc (4810 m) von Südosten aus


      Dieser Bericht beschreibt eine Wanderung rund um den Mont Blanc im Juli 2023, die vom DAV Summit Club angeboten und begleitet wurde. Er gibt die persönliche Sicht des Verfassers wieder.


      Morgens um viertelvorsieben gibt’s am Frühstücksbuffet ein Gedränge wie an der Sektbar in der Theaterpause. Eine junge Dame mit sorgsam geflochtenen Zöpfen füllt sich bedächtig Joghurt in eine Schale, wendet sich dann den Müsliangeboten zu, nimmt hier ein Löffelchen und von dort noch ein Portiönchen und hinter ihr staut sich die Schlange der Wartenden bis auf den Flur. Die Auberge du Mont Blanc im Schweizer Bergdorf Trient ist mit über 60 Gästen ausgebucht. Es ist Hochsaison auf der Wanderroute rund um den Mont Blanc.

      Einmal Mount Everest und zurück
      Tags zuvor haben wir unsere Königsetappe geschafft. Über 1000 Höhenmeter geht es in hochalpinem Gelände steil hinauf zum 2665m hohen Joch des Fenêtre d’ Arpette, dann wieder 1400 m hinunter mit wunderbaren Blicken auf den Trientgletscher am Nordrand des Mont Blanc Massivs. Zehn Wanderstunden stehen am Ende auf dem Tageskonto. Drei Viertel der Rundstrecke liegen nun hinter uns.

      Die „Route du Mont Blanc“ – es stimmt schon, was überall geschrieben steht  – ist eine der schönsten und abwechslungsreichsten Fernwandertouren in den Alpen. Sie ist aber auch eine physische und mentale Herausforderung, denn nach dem Jo-Jo-Prinzip geht es jeden Tag meist mehr als 1000 Meter rauf und 1000 Meter wieder runter. Da hilft Bergerfahrung und Kondition, auch wenn die Wege – mit wenigen Ausnahmen – technisch nicht schwer zu laufen sind. Acht Wandertage dauert unsere Umrundung. Am Ende werden wir acht Pässe überquert und – alle Aufstiege zusammengenommen – einmal den Mount Everest erklommen haben. 

      Blick auf den Trientgletscher, im Hintergrund die Aiguille de Tour (3544m)
       

      Rustikale Unterkünfte und reichhaltiges Essen
      Zurück in die Auberge: Unsere Herbergsmutter hatte unserer Sechs-Frauen-und-vier-Männer-Truppe ein doppelstöckiges Matratzenlager zugewiesen, dazu gesellten sich noch ein Vater mit Tochter aus Kalifornien. Wenn zwölf Menschen erschöpft und auf engstem Raum ihre Rucksäcke auspacken, kann es recht kuschelig werden. Doch das erstklassige Käsefondue am Abend und die edlen Tropfen vom roten Gamay und weißen Fendant lassen unser Stimmungsbarometer schnell wieder auf stabile Höhenlagen ansteigen.

      Zudem ist unserem „Zimmerscout“ in der Gruppe auch an diesem Abend wieder ein Coup gelungen. Und das kam so: In größeren Hütten mit Matratzenlagern sind die Belegungen oftmals ungleich verteilt. Da lohnt es sich zu schauen, wo noch ein bisschen mehr Platz zum Schlafen ist. Im großen alten Haus der Auberge hat unser Scout tatsächlich noch ein freies Bettenlager entdeckt – und damit konnten wir unsere Frauenmannschaft von der männlichen Schnarch-Fraktion befreien! 

      Rund um den Mont Blanc: bis zu 170 km durch Frankreich, Italien und die Schweiz mit etlichen Varianten. Die MTB Seite  www.montourdumonblanc.com bietet gute Hinweise zu Unterkünften und Wanderrouten.

      Auf unserer Tour gegen den Uhrzeigersinn übernachten wir drei Mal in Frankreich und Italien und zwei Mal in der Schweiz. Jede Hütte hat ihre landestypischen Eigenarten. Italienischer Zwieback zum Frühstück führt schonmal zu leichtem Naserümpfen, das Lunchpaket ist dafür umso größer. Die Abendessen verdienen rundum sehr gute Noten, deutlich bessere als das Knarr-Konzert der hölzernen Doppelstockbetten. Am Morgen wundert man sich, dass es wider Erwarten doch gelungen ist, bis 5 Uhr zu schlafen. In den Sanitäranlagen kann es schonmal eng werden. „Du musst halt nachts gehen oder bis zur nächsten Hütte aushalten“, rät unser abgebrühter Bergführer.

      Wander*innen aus aller Welt
      Mehr als vierzig Unterkünfte liegen auf der Strecke, dazu etliche Campingplätze. Gut 1.500 bis 2.000 Wander*innen dürften sich in der Hochsaison täglich auf den Weg machen,  aufs Jahr gerechnet sicherlich zehn- bis zwanzigtausend. In der Hochsaison sind die Hütten voll,  aber auf den Wegen gibt es kein störendes Gedränge.

      Wir treffen gleichwohl immer wieder auf die nettesten und verrücktesten Leute.  Da ist die britische Familie mit Vater Max, dem Bodybuilder. Auf seinem Herkulesrücken ist der Familienstammbaum eintätowiert. Da kann man nachlesen, dass er mit Frau Monica und seinen drei Kindern unterwegs ist. Der Ire, nennen wir in Ian, packt gern andrer Leute Sonnenhüte ein, entpuppt sich aber sonst als feiner Kerl. Eine französische Mutter wandert mit ihrem halbwüchsigen Sohn. Der lässt seine Drohne über die Gletscher fliegen. Zwei Skandinavierinnen sind mit Zelt unterwegs. Sie schleppen 15 kg Gepäck mit sich herum, deshalb treffen wir sie bei jeder Pause wieder.  Eine Inderin aus Bangalore, die als IT-Fachfrau in Hamburg arbeitet, hat sich als Solowanderin aufgemacht. Sie meint, dass die TMB-Tour in Indien bekannter als in Deutschland sei. Und da sind auch noch die Wandergruppen aus Japan, Südkorea und China. Der Mont Blanc ist auch in Asien ein Begriff.

      Wir glauben, dass ohne Handy-Ladestationen nichts mehr geht!

      Wir begegnen Trailrunnern mit den dicken Sohlen unter den Laufschuhen. Sie wollen die Mont Blanc Runde beim bevorstehenden Ultramarathon in drei Tagen schaffen. Und hin und wieder wundern wir uns über Mountainbiker, die ihre Drahtesel über das unwegsame Gelände schieben.

      Der Mont Blanc ist ein weltweiter Publikumsmagnet. Im ehrwürdigen französischen Bergdorf Chamonix, dem Start- und Zielort unserer Tour,  ist Englisch längst zur Umgangssprache geworden. 

      Bedächtiger Aufstieg von Chapieux zum Col de Seigne

      Bergsteigerlegenden und schwindende Gletscher
      Die Spitze des Mont Blanc sehen wir nur selten, denn immer wieder schieben sich vorgelagerte Gipfel in die Blickachse.  Die beste Zeit zum Schauen ist frühmorgens und abends, tagsüber ziehen Wolkenschleier auf. Doch der erfahrene Bergführer weiß auch diese Befindlichkeit der weißen Diva zu deuten: „Trägt sie einen Hut, bleibt das Wetter gut!“

      Die Besteigung des Mont Blanc und seiner Nebenspitzen (Aiguilles) ist Stoff für reichlich Bergsteigerlegenden. Natürlich ist das nichts für Weicheier, lässt uns unser Bergführer unmissverständlich wissen. Er selbst, so erzählt er,  hat jedoch etliche Gipfel erklommen: Die Aiguilles zum „akklimatisieren“,  den besonders spitzen Dent du Géant (Zahn des Riesen), weil es eine „lustige Kletterei“ ist,  und als Höhepunkt der Aufstieg zur weißen Diva selbst. Auf den Karten zeigt mir unsere Wanderführerin (ja, wir werden abwechselnd von zwei Bergspezialist*innen geführt) die eng beieinander liegenden Höhenlinien auf den steilen Gletscherpassagen zum Gipfel. Das nötigt mir schon beim Hinschauen gehörigen Respekt ab. Und mit bloßem Auge erkenne ich auch aus der Ferne die enormen Gletscherspalten.  

      Glaubt man den einschlägigen Hochtourenanbietern, dann gehört die Besteigung des höchsten Bergs Zentraleuropas nach wie vor auf die „Must-Do-Liste eines jeden Bergsteigers und Abenteurers“.  Doch dieses alpine Businessmodell beginnt zu kippen. Gewiss ist, dass mit dem Klimawandel auch das Bergsteigen gefährlicher wird.  Der Permafrost, der die Felsen wie Kit zusammenhält, löst sich allmählich auf. Bei Niederschlag im Sommer liegt die Schneefallgrenze inzwischen so hoch, dass sich die Gletscher mangels Neuschnee nicht mehr regenerieren und das bläulich schimmernde Eis direkt der Sonne ausgesetzt ist. Inzwischen häufen sich die Nachrichten über Gletscher- und Felsabbrüche,  Expert*innen warnen vor weiteren Extremereignissen.   

      Noch birgt das Mont Blanc Gebiet ungeheure Gletschermassen. Das Mer de Glace (Eismeer), Frankreichs größter Gletscher, ist mehrere Hundert Meter dick. Doch die Schmelze ist auch hier nicht mehr aufzuhalten.

      Gletscherschmelze am Südosthang des Mont Blanc Massivs

      Genusswandern mit Aussicht
      Unsere Wandergruppe ist unterdessen mit der Umrundung statt der Besteigung des Mont Blanc bestens bedient. Wir erfreuen uns am überaus abwechslungsreichen Panorama, an sprudelnden Bächen und blühenden Bergwiesen,  beobachten Wildbienen und Schmetterlinge und laufen mutig an grasenden Rinderbullenherden vorbei – dem Elektrozaun sei gedankt.  

      Es sind ja oft die kleinen Zipperlein, die auf einer Bergtour die Stimmung heben oder kippen können: Wie begegne ich Rücken- und Schulterschmerzen? – Nun, der Rucksack sollte 8 bis 9 kg Gewicht, inkl. Tagesproviant und Wasser, nicht überschreiten. Rei in der Tube wiegt weniger als zu viel Wechselwäsche! Wie binde ich  meine Stiefel, damit die Blasen weniger schmerzen? – Einschlägige Videos auf YouTube zeigen es mir!  Wie bekomme ich meine angegriffene Verdauung in den Griff? – Gut, wenn die passende Arznei mit im Rucksack ist!  Wo kann ich mein Handy laden? –  Ein echter Engpass in den Berghütten! Ein Wirt macht doch tatsächlich den verwegenen Vorschlag: „Switch off your phone and enjoy the mountains!“ (Schalte dein Telefon aus und genieße die Bergwelt!).

      Locker und entspannt gehen, sagt die Bergwanderführerin.

      Gemeinsam geht es besser
      Wir erleben eine überaus positive Gruppendynamik, denn ein gemeinsames Ziel eint auch Menschen, die sich zuvor nicht kannten und aus den verschiedensten Himmelsrichtungen kommen. Schnell gewinnen wir Vertrauen zueinander, ermutigen uns in Schwächephasen und beglückwünschen uns am Ziel. Wir tauschen Anekdoten und Erfahrungen aus, finden das bereichernd und vergessen darüber die Anstrengungen des Tages.

        Blütenvielfalt am Wegesrand
      Adieu Mont Blanc

      Nach 120 km Wegstrecke, Muskelkater in den Beinen und Blasen an den Füßen steige ich in Chamonix hoch zufrieden wieder in den Mont-Blanc-Express auf den Weg nach Hause ein. Es wird erneut ein Zehn-Stunden-Tag werden, diesmal im Sitzen. Der Regen schlägt an die Fenster, der Zug rattert durch die Bergtunnel zurück ins Tal.

      Au revoir, arrividerci, adieu, Du weiße Diva, Du hast es gut mit uns gemeint.

      Die Runde um den Montblanc im Detail (entgegen dem Uhrzeigersinn) :
      Tag 1: Chamonix – Les Contamines Montjoie (Busfahrt), Notre Dame de la Gorge (1210m) – Col du Bon-homme – Col de la Croix du Bonhomme (2443m) – Chapieux, Auberge de la Nova (FRA, 1549m); 15,7 km
      Tag 2: Chapieux – Col de Seigne (2516m) – Refugio Elisabetta (ITA, 2207m); 14,6 km
      Tag 3: Rifugio Elisabetta – Col Chécrouit (1958m) – Courmayeur (1230m) – Rifugio Bertone (ITA, 1990m); 19,7 km
      Tag 4: Rifugio Bertone – Testa Bernarda (2535m) – Rifugio Elena (ITA, 2061m); 18,6 km
      Tag 5: Rifugio Elena – Col Ferret (2590m) – Ferret (1710m) – Champex-Lac (Busfahrt) – Relais d’ Arpette (CH, 1627m); 11,2 km
      Tag 6:  Rel. d‘ Arpette – Fenêtre d’ Arpette (2665m) – Trient, Auberge du Mont Blanc (CH, 1292m); 13,4 km
      Tag 7: Trient – Col de Balme (2204m) – Frasserands, Gite le Moulin (FRA, 1343m); 13 km
      Tag 8: Frasserands – Chamonix/ Les Moussous, La Chaumière Mountain Lodge (FRA, 1035m); 12 km

      Quellen:  DAV Summit Club (Tour du Montblanc: Rund um den höchsten Berg der Alpen (dav-summit-club.de);  Dank an Sieglinde Wirz für ihre Tourdaten; eigene Aufzeichnungen; Höhenangaben variieren je nach Quelle.