Alpenüberquerung für Ü-65: Durch grandiose Natur und faszinierende Kulturgeschichte

Abendlicher Blick vom Brunnenkogelhaus auf die Ötztaler Alpen  (alle Fotos von C. Sigrist, sofern nicht anders vermerkt)

Ein Traum wird wahr!

Einmal die Alpen von Norden nach Süden überqueren – ein lang gehegter Traum, den wir uns im Juli 2026 erfüllt haben. Doch zuerst stand die Frage im Raum: Kriegen wir das als „Ü-65er“ überhaupt noch hin?  Ein Artikel im DAV Magazin Panorama vom März 2025 hat uns Mut gemacht: Eine Gruppe von Krebserkrankten ganz unterschiedlichen Alters hat es geschafft. Und siehe da, es geht: Mit etwas Training, viel Wanderfreude, gelegentlichem Zwicken im Knie und einer ordentlichen Portion Muskelkater.

Also machen wir uns auf den Weg  – in acht Tagen von Reutte in Tirol nach Sterzing in Südtirol. Über die Lechtaler Alpen, das Ötztal, die Stubaier Alpen, über das Timmelsjoch ins Passeier Tal und schließlich über das einst größte europäische Bergwerk am Schneeberg hinunter ins Ridnauntal in Südtirol. 78 Kilometer zu Fuß,  gute 5.200 Meter Auf- und 5.600 Meter Abstieg, ein schöner Gipfel, etliche Passüberquerungen und ein paar Teilstrecken mit öffentlichen Verkehrsmitteln.  

Unser Weg verbindet eindrucksvolle Gebirgslandschaften mit einer überraschend reichen Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Wir lernen überaus engagierte Wirtinnen und Wirte auf den Berghütten und nette Menschen in den Gaststuben kennen.  Alle haben ihre ganz eigenen Geschichten. Mensch und Natur, das wird uns wieder deutlich, sind  in den Alpen seit Jahrhunderten eng miteinander verbunden.

Zu Fuß und mit Öffis von Reutte nach Sterzing; Bildquelle: Komoot

Die Wanderroute im Detail

Lechtaler Alpen

1. Tag: Anfahrt Reutte – Stanzach – Namlos  mit Bus und Taxi; Namlos (1.215m) – Faselfeiljöchel – Anhalter Hütte (2.040m):  9 km,  ↑841m  ↓50m
2. Tag: Anhalter H. – Teilanstieg Namloser Wetterspitze und zurück: 6,5 km, ↑532m ↓553m;  Anhalter H. – Tschachaun Gipfel (2.338m) und zurück: 4,2 km, ↑306m  ↓306m
3. Tag: Anhalter H. – Steinjöchle – Hahntennjoch – Scharnitzsattel – Guggersattel – Muttekopfhütte –  Bergstation Imster Bergbahnen:  9,4 km, ↑850m ↓875m;  mit Bahn bis Talstation;  über Rosengartenschlucht nach Imst (795m): 2,4 km, ↑21m  ↓244m

Ötztaler/ Stubaier Alpen

4. Tag: Imst – Sölden mit Bus;  Sölden (1.353m) – Fiegl‘s Hütte/ Windachalm (1.962m): 6 km, ↑586m  ↓11m
5. Tag: Fiegl’s H. – Brunnenkogelhaus (2.735m): 6,2 km, ↑843m  ↓53m

Über das Timmelsjoch ins Passeiertal (Südtirol)

6. Tag: Brunnenkogel H. – Zwieselstein (1.468m): 8,4 km,  ↑57m  ↓1.322m;  mit Bus zum Timmelsjoch (2.476m);  Timmelsjoch – Gasthof Hochfirst (1.825m): 5,3 km, ↑111m  ↓705m
7. Tag: Hochfirst – Obere Gost Alm – Schneeberg Schutzhütte (2.360m): 8,2 km, ↑708m  ↓172m

Vom Passeiertal ins Ridnauntal

8. Tag: Schneeberg –  Kaindlscharte – Moarer Bergalm – Stadlalm- Maiern (1.423m): 12,3 km,  ↑370m  ↓1.287m;  mit Bus hinunter nach Sterzing (948m). Gesamte Wanderstrecke: 78 km,  ↑5230m, ↓5580m;  Tagesdurchschnitt:  knapp 10 km, 650 – 700 Meter auf- und abwärts.

Orchidee mit Baum-Weißling an der Namloser Wetterspitze

Glücksmomente in der Einsamkeit

Wir starten im kleinen Tiroler Bergdorf Namlos. Als Trio durchwandern wir zunächst die Lechtaler Alpen bis nach Imst. Von dort geht es nach Sterzing in Südtirol im Duo weiter. Anfangs sind wir ziemlich allein unterwegs. Nur die Schumpen sind schon da. Teilnahmslos glotzen uns die jungen Rinder an. Wir sind nicht von ihrer Welt.

Es dauert eine Weile, bis wir mit unseren sieben Sachen auf dem Rücken unseren ganz persönlichen Flow finden und doch in der Gruppe aufeinander achten. Dann erst kommt dieses ganz besondere Glücksgefühl beim Wandern auf.

Schnell ist der Alltag vergessen. Das fällt uns erst auf, als wir plötzlich wieder mitten drin sind im geräuschvollen Leben der Autofahrer und Biker. So bei der Querung der Passstraße am Hahntennjoch, die Imst mit dem Lechtal verbindet,  oder am Timmelsjoch, über das wir die Grenze nach Südtirol überschreiten. Da ist es dann allerdings auch schön, einen Cappuccino an der Straßenbude oder ein warmes Mittagessen im Rasthaus serviert zu bekommen.   

Auf den Höhen der Berge ist es kühl, erst gegen Mittag wärmt uns die Sonne auf. Kein Vergleich mit den zurückliegenden extremen Hitzetagen in Südwestdeutschland!  Wir bemerken, dass es gut ist, die Tour im Frühsommer zu starten. Die Berghütten sind nicht überfüllt, und vor allem: Die Botanik zeigt sich in voller Schönheit.

Natürlich gibt es auf der Tour auch Schreckmomente. Gleich im ersten Aufstieg ist plötzlich ein Handy verschwunden, am nächsten Tag verlieren wir einander spurlos im Nebel. Rücken und Knie melden Malaisen an. Kleine Warnschüsse mit letztlich gutem Ausgang. Die Berge sind eben kein Ponyhof.

Unsere drei Wander-Highlights

Jeder Tag unserer Wanderung eröffnet uns neue Perspektiven auf die Bergwelt und bietet auf den Gipfeln und Jochüberquerungen herrliche Ausblicke. Drei Streckenabschnitte haben wir zu unseren Highlights erkoren.

Der Tschachaun ist ein Grasberg oberhalb der Anhalter Hütte in den Lechtaler Alpen.  Er ist nicht schwer zu besteigen. Von der Hütte sind wir in einer guten Stunde am Gipfel.  Auf dem Weg begegnen wir unzähligen Murmeltieren, die ziemlich unerschrocken vor ihren Bauten die Sonne genießen.  Deshalb ist der Weg auch bei Familien mit Kindern beliebt. Besonders beeindruckend ist die Flora. Der ganze Berg scheint in voller Blüte zu stehen.  Ein Paradies für Botaniker.

Tschachaun mit Anhalter Hütte. Foto: F. Schmidt


Blütenpracht am Gipfel des Tschachaun (2.334m)

Ein besonderer landschaftlicher und bergsteigerischer Höhepunkt ist die Überschreitung des 2.441m hohen Scharnitzsattels auf dem Weg von der Anhalter zur Muttekopfhütte. Der Steig wird zusehends und ausgesetzter. Kurz unterhalb des Sattels führt er über steile Felsstufen und Eisenleitern. Dieser Streckenabschnitt entspricht der Schwierigkeitsstufe T 5 auf der 6-teiligen Alpinwanderskala. Mit reichlich Adrenalinausstoß schaffen wir es bis zum Joch und stellen dabei jedoch fest,  dass wir nicht mehr ganz schwindelfrei sind.

Aufstieg zum Scharnitzsattel in den Lechtaler Alpen

Im Ötztal und in den Stubaier Alpen verändert sich das Landschaftsbild. Wir sind jetzt mitten drin in den Hochalpen. Mit dem Linienbus sind wir aus Imst nach Sölden gekommen. Den Touristenort verlassen wir schnell wieder und wandern auf alten Fahrwegen und entlang der schon vor Jahrhunderten angelegten Bewässerungsrinnen in gemütlichem Tempo bis zu unserem Quartier in der Fiegl’s Hütte auf der Windachalm. 

Abwechslungsreicher Aufstieg zum Brunnenkogelhaus in den Stubaier Alpen

Der Aufstieg am nächsten Tag zum Brunnenkogelhaus gehört zu den schönsten Abschnitten unserer Wandertour.  Die Hütte wurde tollkühn mitten auf einer Bergspitze auf 2.738 m erbaut. Der Weg führt durch uralte Zirbenbestände, deren langsam wachsendes Holz zu den wertvollsten Baumarten der Alpen zählt. Oberhalb der Waldgrenze bestimmen Alpenrosen, Zwergweiden, Schafherden und schließlich schroffe Felsen die Landschaft. Von der Berghütte belohnt uns ein 360 Grad Rundumblick auf die umliegenden Gipfel und Täler, wie wir ihn so noch nicht erlebt haben. 

Blick vom Brunnenkogelhaus nach Südwesten Richtung Vent, rechts oben die Wildspitze, Tirols höchster Berg (3.468m)



Menschen und Berghütten

So beeindruckend die Landschaft der Alpen ist, die Begegnungen mit den Menschen entlang des Weges bleiben in ebenso guter Erinnerung. Die Anhalter Hütte präsentiert sich als moderne und generalsanierte Alpenvereinshütte mit zeitgemäßer Energie- und Abwassertechnik. Hüttenwirt Sebastian und seine Familie führen das Haus mit großer Herzlichkeit. Vor dem Haus liegt Spielzeug herum, zwei Kaninchen dienen als Streichelzoo. DAV und ÖAV haben das Haus als familienfreundliche Hütte gekennzeichnet. Sebastian sorgt dafür, dass Familien nach Möglichkeit eigene Zimmer bekommen.

In der Gaststube gibt es viele neue Bekanntschaften und anregende Gespräche. Wir treffen Harry aus London, der von seinen Wandertouren in Schottland erzählt, die Musikerin Karin aus Rinteln, die für Skitouren und Klettern schwärmt, ihre Schwester Anke aus Köln, die es etwas lockerer angehen lassen will.

Auf der Fiegl’s Hütte lernen wir Aga und Jasmin kennen. Die Wirtsleute betreiben das Haus nun schon in dritter Generation. Beide haben ein Faible für religiöse Tattoos und tragen sie in Form kunstvoller Heiligenbilder auf den Waden. Heiligenbilder finden wir auch an den Wänden unseres kleinen Zimmers. Auf der Anrichte steht eine Waschschüssel mit Wasserkanne im Retrolook. Jasmin zeigt uns aber auch die warme Dusche!  Aga verwöhnt uns mit Schnaps aus den Wurzeln vom gelben Enzian. Als wir uns selbst so halb vom Fach ausgeben, lässt sich Aga immer mehr Details aus seiner Schnapsbrennerei entlocken.  

Am steilen Fels gegenüber vom Haus hat ein Bartgeierpaar sein Nest aufgeschlagen. Aga weist uns auf die weißen Kotflecken am Fels hin. Bald müsste der Nachwuchs ausfliegen, erklärt er uns. Mit seinem großen Fernrohr hat Aga das Geschehen stets gut im Blick.  
 
Mühsamer Transport zur Versorgung der Berghütten; Foto: Fiegl’s Hütte

Im Brunnenkogelhaus begrüßt uns die freundliche Selina, eine junge Frau aus Regensburg. Den Sommerjob in der Alpenhütte hat sie über eine Facebookseite gefunden. Zusammen mit einer Kollegin assistiert sie dem Hüttenwirt Martin und managt im Grunde den ganzen Betrieb. 24 Schlafplätze hat die kleine Hütte auf der Bergkuppe.  Alle drei Wochen kommt ein Hubschrauber und bringt frischen Proviant. So eine Bestellung will gut vorbereitet werden. 

Früher war das deutlich mühsamer. Judith, die allererste Hüttenwirtin, war 26 Jahre lang von 1926 -1952 hier oben aktiv. Dabei brachte sie immerhin zwölf Kinder zur Welt. Keines der Kinder, so steht es im Hüttenbuch, ist trotz der ausgesetzten Lage je zu Schaden gekommen.  Rosa, eine der Töchter, übernahm dann von der Mutter. Was zum Leben benötigt wurde, musste aus dem Tal hochgeschafft werden. 1.300 Meter runter und wieder rauf.  Mit etwas Glück hatte man Esel zur Hilfe.  

Moderne Transportlogistik: Viele Hütten werden heute mit Hubschraubern beliefert.

Auch die Schneeberghütte im Passeiertal wird heute mit dem Hubschrauber beliefert. Doch die Südtiroler Landesverwaltung als Eigentümerin testet nun den Einsatz von Transportdrohnen.  Der Hüttenwirt rechnet uns vor, dass auch er mit spitzem Bleistift kalkulieren muss: Ein Hubschrauber kann bis zu 600 kg Ware transportieren.  Eine Drohne aber schafft pro Flug nur 60 kg, muss also zehnmal so oft fliegen. Und da wird es dann wieder teuer. Wer also häufiger frischen Salat und Obst per Drohne auf der Hütte haben will, muss tiefer in die Tasche greifen.

Schnell bestellen wir noch ein frisch gezapftes Bier, mit dem neuen Bewusstsein, welch aufwendige  Logistik dahinter steckt. 

Schneeberg: Einst Europas größtes Bergwerk und Zentrum europäischer Wirtschaftsgeschichte  

Das Dorf St. Martin am Schneeberg: 150 km Stollen im Berg

Am vorletzten Tag unserer Wanderung, wir sind inzwischen im Südtiroler Passeiertal unterwegs, gelangen wir an einen Ort, den man sich eigentlich nicht vorstellen kann. Und deshalb muss die Geschichte vom Schneeberg ausführlich erzählt werden.  

Die Schneeberg-Schutzhütte haben wir für eine letzte Übernachtung vor dem Abstieg nach Maiern im Ridnauntal vorgesehen. Doch was uns erwartet, sind Bauten und Ruinen eines ganzen Bergbaudorfs auf 2.355 m Meereshöhe.  Über 700 Jahre, vom 13. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre hinein, wurden hier Eisenerze abgebaut. Die Ortschaft St. Martin, in deren hübscher Kapelle heute noch Hochzeiten gefeiert werden,  ist eine Mischung aus Freilichtmuseum, Eisenschrottplatz und riesigen Abraumhalden. Geschürft wurde nach Silber, Blei und später auch Zink.  In den Hochzeiten arbeiteten in diesem höchstgelegenen Dorf Europas über 1.000 Knappen, Männer und Frauen, in bis zu 150 km langen Stollen.

Gleisanlage eines ehemaligen „Wassertonnenaufzugs“ am Bergwerk Schönberg. Damit wurden die Erze über steilste Hänge nach oben gezogen bzw. nach unten gebremst.  

Im 15. und 16. Jahrhundert wurden die Rohstoffe aus Schneeberg zu einem wichtigen Instrument europäischer Machtpolitik:  Der Tiroler Erzherzog Sigmund „der Münzreiche“ (!) ließ die Minen am Schneeberg in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts ausbauen, um Silbermünzen zu prägen. Das Geld machte ihn mächtig, bewahrte ihn jedoch nicht vor Misswirtschaft. Sein Nachfolger Maximilian I. musste deshalb die Augsburger Fugger, seinerzeit eine der bedeutendsten Kaufmannsfamilien Europas, als kapitalstarke Privatinvestoren mit ins Boot holen und ihnen Schürfrechte überlassen. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden die Fugger am Schönberg zum größten Grubenbesitzer.

Dank der Erträge aus den Tiroler Silberminen am Schneeberg, in Schwaz (nahe Innsbruck) sowie aus den Bergbaurevieren in Ehrwald und Biberwier im Außerfern, erweiterten die Fugger ihr Wirtschaftsimperium. Sie verfügten über ausreichende finanzielle Mittel, um auch mit der Habsburger Monarchie Geschäfte zu machen.  Karl V., einer der mächtigsten Habsburger, nahm für seine Wahl zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1519 in Frankfurt am Main bei den Fuggern einen großen Kredit auf, um seine Mitbewerber um die Kaiserkrone aus dem Rennen zu werfen und die ihm zugeneigten Kurfürsten entsprechend zu belohnen.   

In der Altstadt von Sterzing steht heute noch das 600 Jahre alte Fuggerhaus, einst eine Filiale des Augsburger Firmensitzes. Sterzing trägt stolz den Beinamen „Fuggerstadt“, weil die Augsburger Unternehmerfamilie im 15. und 16. Jahrhundert entscheidend zur wirtschaftlichen Blüte der Stadt beitrug.  Bemerkenswert ist zudem, dass die Fugger für ihre Minenarbeiter am Schneeberg erstmals soziale Sicherungssysteme einführten.

Was hat das alles mit unserer Wanderung zu tun? Nun, im Innenhof des Fuggerhauses in Sterzing findet sich die „Pizzeria Kolping“. In Angedenken der Fugger lassen wir unsere Alpenüberquerung bei Pizza und Wein etwas erschöpft, aber bei bester Laune ausklingen.

Unser Fazit

Unsere Ü-65 Alpenüberquerung ist weit mehr als eine Unternehmung ambitionierter Pensionisten.  Sie verbindet eindrucksvolle Naturerlebnisse mit großer Gastfreundschaft und spannenden Begegnungen und führt zugleich durch Jahrhunderte europäischer Geschichte.

Unser letzter Pass: Kaindl (Schneeberg) Scharte (2.700 m) mit Übergang vom Passeier ins Ridnauntal

Von den blumenreichen Bergen der Lechtaler Alpen über die Zirbenwälder der Stubaier Alpen, die Almwiesen im Passeier bis zur einzigartigen Bergbauregion des Schneebergs zeigt sich die Vielfalt der Alpen in beeindruckender Weise. Gleichzeitig werden wir daran erinnert, dass diese Landschaft seit Jahrhunderten von Menschen geprägt wurde – durch Alpwirtschaft, Hüttenwesen und Bergbau.

Besonders der Schneeberg hinterlässt bei uns einen nachhaltigen Eindruck. Kaum ein anderer Ort verbindet Natur, Technik und Geschichte der frühen Industrialisierung so eindrucksvoll miteinander. Wer den Wegen unserer Alpenüberquerung folgt,  erlebt nicht nur eine abwechslungsreiche Hochgebirgswanderung, sondern begegnet zugleich einem bedeutenden Kapitel der europäischen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte.

Berg Heil!

55 Tunnel und 196 Brücken – Eine Fahrt mit der höchsten Eisenbahn der Alpen  

Aus der Reihe: „viertelvorsieben für Omas und Opas“

Über den Bernina Pass (2253 m)

Reisegruppe mit 8 Pferden
Weil wir den Kopf zu weit aus dem Fenster gestreckt haben, hätten wir um ein Haar eine  gewischt bekommen! Mit Strohbesen auf Kopfhöhe macht die Rhätische Bahn (RhB)  ihre Gäste auf sympathisch unkonventionelle Art darauf aufmerksam, dass man bei Tunneleinfahrten besser den Kopf einzieht. Das ist kein schlechter Rat, denn immerhin fährt die RhB auf der knapp 160 km langen Strecke über die Alpen durch 55 Tunnel.  

Bei der Fahrt über die 196 Brücken und Viadukte ist es hingegen eine nette Sache, dass wir die Fenster weit öffnen und mit dem Fahrtwind in der Nase die imposanten Bauwerke in traumhafter Berglandschaft bewundern können.

Als Drei-Generationen-Reisegruppe sind wir Ende April mit der RhB von Chur nach Tirano unterwegs. Chur ist die älteste Stadt der Schweiz und Hauptstadt des Kantons Graubünden. Das mittelalterlich anmutende Tirano liegt auf der Alpensüdseite im italienischen Veltlin. Zwei Tage nehmen wir uns Zeit für die Hinfahrt, legen mehrere Stopps ein für Besichtigungen, Wanderungen und Übernachtungen und fahren am dritten Tag in einem Rutsch zurück.

Unsere Jüngste im Bunde hat darauf bestanden, ihre acht Pferde mit auf die Reise zu nehmen. Sabrina, Amadeus, Topsi, Felix, Nora, Max und Moritz sowie Schecki werden am Halfter, einem ausgemusterten blauen Wanderschnürsenkel, mitgeführt. Die Pferde benehmen sich während der Bahnfahrt bemerkenswert unauffällig, müssen jedoch regelmäßig  gefüttert werden, eine Aufgabe, die das hungrige Begleitpersonal angesichts der kulinarischen Verführungen auf der Strecke  gerne wahrnimmt.  Andere Fahrgäste werden durch das mitreisende Pferderudel nicht ernsthaft belästigt. Allenfalls sorgt das häufige Wiehern für Überraschungsmomente, an die man sich aber ebenso schnell gewöhnt wie an das laute Hupen der Bahn vor jeder Tunneleinfahrt. Ab und zu muss unsere Enkelin ihre Pferde beruhigen. „Gaaanz ruhig, Sabrina!  Gaaanz ruhig Amadeus!“ sagt sie leise und besänftigend.  Denn schließlich ist so eine Zugfahrt auch für Pferde eine aufregende Sache.

Bernina Express mit der Spiegelung des Palü Gletschers an der Station Alp Grüm

Weltkulturerbe: „Von den Gletschern zu den Palmen“
Mit dieser Losung wirbt die Rhätische Bahn für die einzigartige Zugfahrt über die höchste Bahnlinie der Alpen. Von Chur auf 593 Meter Höhe geht es hinauf zum Gletscher am 2253 Meter hohen Bernina Pass und dann steil wieder hinunter bis nach Tirano auf 429 Höhenmeter.

Ende April herrscht oben am Pass noch Eiseskälte. Doch unten in Tirano, wo wir den Aperol in der schönen Altstadt genießen,  blühen die Obstbäume. Die Weinreben an den Südhängen zeigen ihr erstes Grün. Palmen sind uns nicht ins Auge gefallen, vielleicht werden sie erst später aus den Gewächshäusern geholt.

Für Touristen aus aller Welt ist die Fahrt mit der roten Eisenbahn durch die Hochalpen ein einzigartiges Erlebnis. Der Reiseklassiker „1000 Places To See Before You Die“ beschreibt die Bernina-Linie als eine der schönsten Bahnstrecken der Alpen.

Die Linien der Rhätischen Bahn (RhB) im Überblick: Mit dem Albula-Express von Chur über Thusis nach Samedan, St. Moritz oder Pontresina und dann weiter mit dem Bernina-Express nach Tirano. Ausführliche Informationen über alle Angebote der RhB finden sich hier: www.rhb.ch

In 2 Stunden und 15 Minuten fährt der Bernina-Express von St. Moritz nach Tirano. Doch das geht nur mit Platzreservierung. Kostengünstiger und abwechslungsreicher ist die Fahrt mit dem Regionalzug, der fast stündlich fährt und zudem Reiseunterbrechungen ermöglicht.  Also folgen wir gern diesem Rat unseres Schweizer Familienzweiges und buchen die längere Tour über die Albula- und Bernina-Linien.   

Über das Landwasserviadukt
Wir beginnen unsere Fahrt von Chur aus entlang des Landwasserbachs, zunächst durch sanftes Hügelland, dann entlang steil abfallender Schluchten. Nahe der Ortschaft Filisur auf gut 1000 Meter Höhe überqueren wir die markanteste Eisenbahnbrücke der Schweiz, das Landwasserviadukt. Es führt über sechs bis zu 65 Meter hohe Bögen aus Kalksteinmauerwerk und wurde schon 1903 nach nur 18 Monaten Bauzeit in Betrieb genommen. Heute ist das Bauwerk das Wahrzeichen der Rhätischen Bahn.  Am süd-östlichen Ende mündet die Brücke direkt in den Landwassertunnel ein, wieder so ein Moment in dem wir unsere Köpfe ganz schnell aus den Fenstern einziehen.

Landwasserviadukt, 65 Meter hoch, 136 Meter lang

Museum für Spielkinder
Noch bevor wir bei Preda in den über 7 Kilometer langen Albula-Tunnel einfahren, machen wir einen ersten Stopp in Bergün. Im Bahnmuseum Albula erfährt man so ziemlich alles, was man über die Rhätische Eisenbahn wissen will.  Wir begeben uns sogleich in die Abteilung für  große und kleine Spielkinder, bauen mithilfe von Holzgerüsten Bahnviadukte nach und steuern in der Leitwarte die Signale auf der Bahnstrecke. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass auf der eingleisigen Strecke täglich über 60 Züge in beide Richtungen fahren. Gut, dass unser Einsatz nur Simulation geblieben ist, denn wir hätten durch unbedachte Fehlschaltungen gleich mehrere Frontalzusammenstöße verursacht…  

Gelernt haben wir auch, dass die Rhätische Bahn (RhB) und die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) zwei unabhängige Unternehmen sind. Ein Grund dafür ist, dass die Züge der RhB auf Schmalspurgleisen und ausschließlich im Kanton Graubünden verkehren. Die Fahrpläne beider Bahnunternehmen sind jedoch gut aufeinander abgestimmt. 

Pontresina, unser nächster Stopp, ist ein traditionsreicher Luftkurort auf 1800 Meter Höhe im Ober-Engadin. Das Dorf wirkt ein wenig verschlafen. Nach dem Genuss einer Engadiner Nusstorte behalten wir den Ort aber in guter Erinnerung. Durch Pontresina verläuft übrigens auch der legendäre Skimarathon, das größte Langlaufevent der Schweiz. Der nächste Startschuss fällt am 8. März 2026.  Näheres dazu hier:  Engadin Skimarathon • Der Engadiner Volkslauf.

Die Aussicht von Pontresina auf die umliegenden schneebedeckten Berge ist famos. Fast könnte man meinen, dass der Skibetrieb auf den Hochlagen über St. Moritz Ende April immer noch in vollem Gange ist.

Blick vom Ospizio Bernina auf 2253 Meter Höhe

Am nächsten Morgen wachen wir bei fabelhaftem Wetter im Hotel Ospizio Bernina am gleichnamigen Pass auf. Wir sind inzwischen auf über 2250 Meter Höhe angekommen. Vor uns liegt der mehrere Kilometer lange Lago Bianco, ein Stausee, der noch völlig vereist ist. Frühmorgens gleiten schon Langlauf-Skater elegant über den See. Im Hintergrund Dreitausender, an deren Abhängen wir Skitourengeher entdecken.

Kaffeepause am Palü-Gletscher
In Alp Grüm, nun schon auf der Abfahrt nach Italien, halten alle Züge solange an, bis der Kaffee auf der Terrasse des historischen Bahnhofsgebäudes ausgetrunken ist.  Das hat einen guten Grund, denn der Blick auf den Palü-Gletscher ist atemberaubend. Junge Männer, die in bester Laune, aber etwas erschöpft ihre Tourenski auf der Terrasse abstellen, erzählen, dass sie am Morgen über den Gletscher abgefahren sind und sich an den Felswänden abgeseilt haben. Wir sehen heute von solchen Abenteuern ab (wir haben ja schließlich 8 Pferde dabei) und beobachten stattdessen, wie ein vorbeifahrender Zug eine seiner kühnen Schleifen dreht.   

Bahnschleife bei Alp Grüm

Pferde saufen in Poschiavo
Unser nächster Halt ist Poschiavo auf 1014 Meter. Noch sind wir in Graubünden, allerdings wird hier bereits italienisch gesprochen. Die Schneegrenze haben wir längst verlassen, und mit jedem Höhenmeter, den wir hinunter fahren, nähern wir uns dem Frühling. Die Lärchen haben erste grüne Spitzen, auf den Wiesen blüht der Löwenzahn.

Im Altstadtviertel von Poschiavo stehen ansehnliche Renaissancebauten. Einige Bürger sind hier offenbar schon früh zu Reichtum gekommen. Auf dem Marktplatz vertreiben wir uns die Zeit mit einer leckeren Pizza, unsere Enkelin führt ihre Pferde derweil am Dorfbrunnen zum Saufen.

Beim Schlendern durch die Altstadt bemerken wir ein Schild an einem älteren Gebäude. Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der in den 1950er Jahren mit seinen satirischen Kurzgeschichten („Lieblose Legenden“, 1952)  bekannt wurde, hat offenbar auch die Reize dieser Landschaft erkannt. Bis zu seinem Tod 1991 lebte er 9 Jahre in Poschiavo.

Auf dem Weg nach Poschiavo, im Hintergrund der gleichnamige Stausee

Im See bei Poschiavo wird das Wasser zur Strom- und Trinkwasserversorgung aufgestaut. Der Pegelstand ist jedoch bemerkenswert niedrig. Ein Taxifahrer erzählt uns, dass die Niederschläge in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind. Trotzdem ist die Wanderung am Seeufer perfekt, um unsere Beine zu vertreten und der Enkelin mit ihren Pferden Auslauf zu verschaffen.

In der Station Miralago steigen wir wieder in den nächsten Zug ein. Auf den letzten Kilometern unserer Reise bis nach Tirano muss die Bahn noch einmal gut 500 Höhenmeter herunterfahren. Um das zu schaffen, wurde das berühmte Kreisviadukt von Brusio gebaut. Wir schrauben uns tatsächlich wie ein Segelflieger über eine volle 360 Grad Runde nach unten.   Es ist das reinste Bahnvergnügen, das ganze Abteil hängt an den Fenstern! Ich schätze, dass bei jeder Fahrt durch das Kreisviadukt tausend Handyfotos gemacht und in die ganze Welt verschickt werden. Bei 60 Bahndurchfahrten pro Tag dürfte Brusio inzwischen weltbekannt sein.   

Kreisviadukt bei Brusio

Mir kommen fast die Tränen in die Augen, denn was ich da sehe, weckt die schönsten Erinnerungen an meine gute alte Märklin-Eisenbahn-Welt. Der adrette rote Zug der RhB,  die wundervoll gemauerten Viadukte, die satt-grünen Wiesen, die alten Häuser, die sich so stilvoll in die fast schon mediterrane Landschaft schmiegen! Schöner kann es doch gar nicht mehr werden! Haben sich Märklin und der Modellbauer Faller von der Rhätischen Bahn inspirieren lassen?  Der Gedanke liegt nahe.  Ich forsche nach und siehe da, zwischen Märklin und der RhB gibt es eine langjährige Kooperation. Märklin hat verschiedene Sondermodelle von RhB-Zügen produziert und brachte auch die berühmte RhB-Krokodil-Lokomotive auf den Markt, der Traum eines jeden Modelleisenbahnfans. Ein Krokodil steht übrigens in Originalgröße vor dem Bahnmuseum in Bergün.

In Tirano fährt die Eisenbahn wie eine Straßenbahn mitten durch die Stadt bis zur Endhaltestelle. Zusammen mit vielen kleinen und großen Passagieren haben wir uns einen Traum erfüllt. Unsere Enkelin hat erfahren, wie schön es ist, wenn ihre Pferde sie auf der Reise begleiten und sie sich gegenseitig beschützen können. Mal schauen, welche blühenden Phantasien sie bei unserem nächsten gemeinsamen Ausflug entwickelt.