Morgens in Oslo: 7,6 Kilometer zwischen Fjord, Festung und Königshaus

Die Oper am Oslofjord ist alles in einem: Kulturtempel, Gletscherlandschaft, Fußgängerparadies (alle Fotos: C. Sigrist, sofern nicht anders ausgezeichnet)

Wer einen Lauf durch Oslo machen will, folgt am besten den einheimischen Joggern. Eine beliebte Strecke verläuft entlang des Oslofjords. Die Osloer nennen es die Hafenpromenade, und die ist 9 km lang. Eine zweite Route führt entlang der Karl Johans gate vom Hauptbahnhof über das Parlamentsgebäude bis zum Königsschloss.  Das ist überwiegend Fußgängerzone und so etwas wie die gute Stube von Norwegens Hauptstadt.

Heute ist ein freundlicher Tag im August. Die Luft ist noch feucht vom Regen der Nacht, doch die Sonne scheint fest entschlossen zu sein, die noch verbliebenen Wolken zu vertreiben.

Ich habe mir vorgenommen, die beiden Laufstrecken zu einem morgendlichen Entdeckungslauf zu kombinieren. Wie wir noch sehen werden, wird dieser Lauf so viel Anregung bieten, dass wir in der Folge die Stadt mehrere Tage lang erkunden und dabei Erstaunliches entdecken werden.

Rundlauf durch Oslo:  Grønland-Viertel, Barcode-Viertel, Bjørvika-Viertel, Munch-Museum, Opernhaus, Festung Akershus, Aker Brygge, Tjuvholmen-Halbinsel, Rathaus, Nationaltheater, Universität, Karl Johans gate, Storting (Parlament), Bahnhof, Grønland;  7,6 km; Kartenquelle: Google Maps

Oslo – eine multikulturelle Stadt

Los geht’s mit dem Morgenlauf im Stadtteil Grønland. Der liegt im Südosten der Stadt und war früher ein Arbeiterviertel. Das Viertel wirkt nicht sehr skandinavisch. Vielmehr finden sich hier orientalische Lebensmittelgeschäfte, afrikanische Restaurants und Moscheen. Die Menschen, die hier leben, haben ihre Wurzeln in vielen Ländern dieser Welt. So multikulturell hatte ich mir Norwegens Hauptstadt nicht vorgestellt. Die Zahlen von Statistics Norway aber sind eindeutig: Im Januar 2026 hatten 40% aller Einwohner Oslos einen Migrationshintergrund, in etwa so viele wie in Berlin. Die norwegische Einwanderungspolitik ist zwar restriktiver geworden, unterstützt die Integration jedoch mit umfangreichen Fördermaßnahmen. Das scheint zu funktionieren. Denn Arbeitsmigranten werden gebraucht und die sind weiterhin sehr willkommen.


Über die Akrobatenbrücke ins Barcode-Viertel

Über eine sehr stylische Fußgängerbrücke überquere ich die Bahngleise und werde schon wieder überrascht. Denn nun bin ich im Barcode-Viertel angekommen. Barcode? So heißen doch die Strichmuster, die an der Supermarktkasse eingescannt werden. Von weitem sieht die Häuserreihe tatsächlich ein wenig danach aus. Doch in Oslos Hochhausviertel stehen die Häuser nicht so einfallslos wie schwarze Striche nebeneinander. Oslos Architekten haben Mut: Jedes Hochhaus hat hier sein ganz eigenes exquisites Design.

Oslos Visitenkarte am Fjord: Oper, Riesenrad, MUNCH-Museum. Im Hintergrund das Barcode-Viertel. 

Edvard Munch schaut den Menschen in die Seele

Mut haben auch die Macher des MUNCH-Museums im Bjørvika-Viertel bewiesen. Gewidmet ist das Museum dem wohl berühmtesten Künstler Norwegens. Das markante Hochhaus liegt direkt am Wasser und sieht aus wie ein Jenga-Turm kurz vor dem Zusammenbruch. Es beheimatet die weltweit größte Sammlung der Werke Edvard Munchs.

Später werden wir das Museum besuchen und haben uns dafür viel Zeit genommen. Nicht nur wegen der spektakulären Sicht vom obersten Stockwerk und der leckeren Fischteller in der Cafeteria im Erdgeschoss. Auch wegen der sehr umfassenden und vielseitig präsentierten Werkschau des Künstlers.

Natürlich hängt im Museum auch das Bild  „Der Schrei“.  Manche kennen dieses bekannteste Werk des norwegischen Künstlers als Emoji: 

Wer jedoch das Original sehen will, ist dabei nicht ganz allein. Denn viele Besucher, darunter viele Kreuzfahrttouristen, pilgern geradewegs in den vierten Stock des Museums. Vor dem Gemälde kommt es daher schnell zu einem ordentlichen Gedränge. Denn alle wollen den „Schrei“ in ihrem Smartphone mitnehmen, wo er dann allerdings schnell seinen Schrecken verliert. 

Munchs außergewöhnliche Gabe, angst- oder freudenerfüllte Seelenzustände des Menschen auf die Leinwand zu bannen, begreift man allerdings erst in der Gesamtschau seines Werkes.

Edvard Munch (1863-1944), Abend auf der Karl Johan gate, Kunstmuseum KODE, Rasmus Meyer Sammlung, Bergen: Eine gespenstige Menschenmenge mit Angst vor dem, was kommen mag?

Rundlauf auf dem Opernhaus

In unmittelbarer Nachbarschaft zum MUNCH-Museum liegt die Osloer Oper. Die überrascht ihre Besucher auf ganz andere Art und Weise, nämlich mit der Einladung zu einem Dachspaziergang. In sanfter Schräglage bildet das weißgraue Marmordach eine norwegische Gletscherlandschaft ab, aber ohne die gefährlichen Spalten. Daher lege ich jetzt eine kleine Bergwertung ein,  jogge eine Runde über das Opernhausdach und genieße den großartigen Blick auf die Stadt und über den Fjord. Über der Stadt liegt eine wohltuende Ruhe. Am lautesten ist das Gekreische der Möwen.

Energie, Macht, Wohlstand 

Ich laufe weiter entlang der Fjordpromenade in Richtung Akershus Festung. Der Morgenverkehr hat zwar schon etwas Fahrt aufgenommen. Doch man hört ihn kaum, und die Luft ist rein.  In diesem Land fahren immer mehr Autos mit Elektromotor. Blickt man auf die Stadtkarte (siehe oben), könnte man meinen, dass mitten durch Oslo eine Autobahn verläuft. Doch auch davon sieht und hört man nichts. Denn diese Schnellstraße verläuft unterirdisch, sehr tief unter der Erde, noch unterhalb des Fjords. Oben die herausgeputzte Stadt, unten die moderne Verkehrsinfrastruktur.

Wie kriegt Norwegen das hin, was anderenorts nicht so gut gelingt? Nun, das Land nutzt günstigen Strom aus der Wasserkraft, und die Elektromobilität wird mit Steueranreizen und konsequenter Regulierung gefördert. Und dann ist da noch dieser legendäre Staatsfonds, der weltweit größte seiner Art. Er wird aus den Erträgen der Öl- und Gasförderung gespeist. Die Mittel werden für die Zeit gespart, wenn es kein Öl und Gas mehr gibt. Durch kluge Anlagen an den Kapitalmärkten wächst der Fonds stetig weiter. Die Verwendung dieser Mittel ist streng geregelt. Jeder Finanzminister wäre heilfroh, wenn er auch nur einen kleinen Teil der Rendite für seinen Haushalt einplanen könnte. In Norwegen wird über die Erträge des Fonds rund ein Viertel der Staatsausgaben finanziert.

Auch Deutschland profitiert erheblich von den Öl- und Gasvorräten in der Nordsee. Norwegen deckt inzwischen über 40 Prozent der deutschen Gasimporte ab und ist damit Deutschlands wichtigster Energielieferant. 

Akershus Festung über dem Oslofjord

Akershus Festung: Schutzburg, Mahnmal und Grabstätte der Königsfamilie 

Zurück zum Morgenlauf. Die Hafenpromenade verläuft direkt am Wasser unterhalb der Akershus Festung.

Wer die Festung besucht, bemerkt schnell, dass sie mehr ist als ein restauriertes Gemäuer. Akershus ist ein nationales Symbol, denn die Festung diente der Verteidigung des Königreichs gegen nicht immer freundlich gesinnte Nachbarstaaten.  Hier befindet sich zudem die königliche Grabkapelle. Der nur wenige Wochen nach meinem Lauf verstorbene und sehr beliebte König Harald V. hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden. 

Die Stadtführer in Oslo erzählen gerne, dass Akershus militärisch nie eingenommen, aber einmal kampflos übergeben worden sei. Und da horcht man als deutscher Besucher auf, denn diese Übergabe erfolgte an Nazideutschland, das Norwegen im Zweiten Weltkrieg von 1940 bis 1945 besetzte. Hitlers imperiales Interesse galt dem schwedischen Eisenerz, das über den nord-norwegischen Hafen Narvik nach Deutschland verschifft wurde. Nach dem Blitzangriff der Wehrmacht im April 1940 brach der Widerstand der Norweger, zunächst noch unterstützt von den Alliierten, schnell zusammen. Zeitweise waren über 400.000 deutsche Soldaten im Land stationiert. Hitler setzte Josef Terboven als deutschen Reichskommissar mit diktatorischen Vollmachten ein. Der norwegische Nationalsozialist Vidkun Quisling wurde ihm als Ministerpräsident einer Kollaborationsregierung untergeordnet. Quisling wurde nach Kriegsende als Verräter hingerichtet.

Besetzung Norwegens durch Nazi-Deutschland. Quelle: Norwegisches Widerstandsmuseum

In der Akershus Festung wird in einer gut dokumentierten Ausstellung des Norwegischen Heimatfrontmuseums die Geschichte der deutschen Besetzung sowie der norwegischen Widerstandsbewegung aufgearbeitet. Über 40.000 Norweger wurden während des Krieges inhaftiert, viele davon in deutsche Konzentrationslager deportiert.

Willy Brandt floh 1933 als junger Mann aus Nazi-Deutschland nach Oslo, unterstützte als Journalist den norwegischen Widerstand und musste nach der deutschen Invasion weiter nach Schweden fliehen.  1971 erhielt er, nur ein paar Hundert Meter von der Akershus Festung entfernt, als bisher einziger deutscher Nachkriegspolitiker den Friedensnobelpreis.

Kunst und Architektur beeindrucken im Tjuvholmen-Quartier

Aker Brygge: Oslos Flaniermeile

Von Akershus ist es nicht mehr weit bis Aker Brygge. Der alte Hafen war das Eingangstor nach Kristiania, wie Oslo früher genannt wurde. Geblieben sind die Anlegestellen für den maritimen öffentlichen Nahverkehr und hinzugekommen sind jede Menge  Restaurants, Geschäfte, Cafés und flanierende Menschen aus aller Welt. Am Kai ankern schwimmende Holzofensaunas. Wer will, kann sich beim Schwitzen über den Fjord tuckern lassen. Die ehemalige Hafen- und Werftlandschaft ist zu einem der beliebtesten Viertel der Stadt geworden.

Tjuvholmen, so heißt das hier neu erbaute Quartier,  ist ein Juwel avantgardistischer Architektur. Wasserflächen, moderne Gebäude und Kunst verbinden sich zu einem Viertel, das wie ein Freiluftmuseum wirkt.

In Oslo beliebt: Holzofensaunas mit Abkühlung im Fjord

Henrik Ibsens Schnaps

Nach der Runde durch Tjuvholmen verlasse ich die Fjordpromenade und laufe in die Innenstadt.

Mein Ziel ist das Nationaltheater an der Karl  Johans gate.  Von Aker Brygge ist das nur ein Katzensprung. Ich laufe vorbei an dem klobigen Rathaus aus roten Backsteinen, über dessen Ästhetik in Oslo lebhaft gestritten wird. Der Bau ist jedoch geopolitisch von Bedeutung, weil hier regelmäßig am 10. Dezember der Friedensnobelpreis verliehen wird. 

Das Osloer Nationaltheater ehrt drei herausragende Dramatiker und Schriftsteller

Die Namen an der Fassade des Nationaltheaters erinnern daran, dass Norwegen einige Schriftsteller von Weltruhm hervorgebracht hat. Aus deutschen Theatern kennen wir vor allem Inszenierungen von Werken Henrik Ibsens, denn der gilt als einer der wichtigsten Begründer des modernen Theaters.

Vom Nationaltheater bis zum Parlamentsgebäude – die Norweger nennen es Storting – wird die Karl Johans gate von einem hübschen Park gesäumt. Gleich neben dem Parlament liegt das Grand Hotel, in dem traditionell die Friedensnobelpreisträger untergebracht werden. Im Fußweg durch den Park sind Zitate aus den Werken Ibsens eingelassen. Sie folgen genau dem Weg, den der große Dramatiker täglich über viele Jahre hinweg von seiner Wohnung bis zum Grand Hotel beschritten hat. Gern wird Besuchern erzählt, was sich hier dann zugetragen hat. Jeden Mittag um Punkt zwölf Uhr betrat Henrik Ibsen das ehrwürdige Grand Café im Erdgeschoss des Grand Hotels, nahm in dem eigens für ihn reservierten Sessel Platz und bestellte sich Bier und Schnaps. Dazu las er ausgiebig norwegische und ausländische Zeitungen. Ansonsten blieb er wortkarg.

Das alles geschah vor über hundert Jahren, also um die vorletzte Jahrhundertwende. Ibsen war damals schon weltberühmt. Mit seinen regelmäßigen Besuchen nährte er seinen Kultstatus, und das Grand Café wurde zu einem begehrten Wallfahrtsort.  

Diese Geschichte hat übrigens auffällige Ähnlichkeiten mit der Angewohnheit des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard. Der hielt sich über viele Jahre zeitungslesend im Wiener Café Bräunerhof auf.[1]

Im Park vor dem Parlament stehen drei auffällige Pavillons in blauer, weißer und roter Farbe, dazu die Losungen der französischen Revolution: liberté, egalité, fraternité. Was hat das zu bedeuten?  Nun, die Pavillons sind ein Geschenk Frankreichs. Das Land sieht sich als Teil der damaligen alliierten Streitkräfte als Befreier Norwegens von den Nazis. Damit das nicht in Vergessenheit gerät, wurden vor dem Parlamentsgebäude die Pavillons in den französischen Nationalfarben aufgestellt. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um öffentliche Toiletten. Doch, hélas, die wurden – so erzählt uns ein Stadtführer – mit so ausgefeilter Spültechnik ausgestattet, dass sie häufiger en panne sind.  


[1] Siehe dazu  Morgens in Wien: Historische Laufstrecke durch die Stadt   vom Juni 2026 in diesem Blog.

Frankreichs Geschenk an das norwegische Volk 

Noch ein Promi

Vom Storting bis zum Bahnhof Oslos ist die Karl Johans gate eine ziemlich gewöhnliche Geschäftsstraße mit mehr oder weniger edlen Geschäften.  Das ist nicht weiter erwähnenswert, würde man nicht wiederholt auf ein Gesicht stoßen, das jedem Fußballfan und, nach der für Norwegen überaus erfolgreichen Fußballweltmeisterschaft, sogar weltweit bekannt sein dürfte. Erling Haaland, Stürmer bei Manchester City und auch in der norwegischen Nationalmannschaft, wirbt für exklusive Brillen. Der Clou: Die lange blonde Mähne ist längst abrasiert, Erling trägt mittlerweile Glatze.  Doch das dürfte den meisten Fans egal sein – solange er weiter Tore schießt.    

Der Held: Erling Haaland hat einen schicken Werbevertrag

Was bleibt hängen? 

Oslo präsentiert sich als weltoffene, moderne Kulturmetropole mit futuristischer Architektur und langer Geschichte – zu der auch die brutale deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkriegs gehört. Die Menschen sind freundlich, wirken gelassen und schätzen die Ruhe. Das Land tut viel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, und man gewinnt den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger trotz aller Herausforderungen pragmatisch und mit ruhiger Hand regieren.

Für morgendliche Jogger ist Oslo sehr attraktiv, und für alle ein Ort, in dem es mit etwas Zeit und Ruhe sehr viel zu Entdecken und zum Verweilen gibt.   

Joggen ist eine schöne Freiluftbeschäftigung. Aber im Winter sind die Tage kurz.  Als Alternative lädt Oslo in seine außergewöhnliche öffentliche Bibliothek direkt neben der Oper ein. Dieses moderne fünfstöckige Gebäude ist buchstäblich für alle da. Wir treffen hier auf Studierende in den Leseecken, junge Eltern mit Babys auf der Familienetage, rüstige Rentner in der Cafeteria und Leute, die mit ihren Smartphones in den Sesseln chillen. Denn das Motto der Bibliothek lautet:

„There is a lot you can do at Deichmann Bjørvika – including nothing at all. Here you are welcome to just relax, meet friends, or take a break from everyday life.“

Eine freundlichere Einladung nach Oslo gibt es nicht.