Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen

Ach, wie schön ist es im Juni durch blühende Landschaften zu radeln! Mal geht es tief unten im Tal am Flusslauf entlang, mal oben am Hang mit herrlichem Blick in die Alpenlandschaft. Wir fahren durch alte überdachte Holzbrücken und durchqueren historische Dörfer. Wir hören die Kuhglocken läuten und das Pfeifen der Rhätischen Eisenbahn, die sich wie im Märklin-Wunderland ihren Weg über steile Brücken und durch dunkle Tunnel bahnt. Auf großen Schildern steht „Allegra!“, das ist rätoromanisch und heißt „Willkommen!“ Wir sind im Engadin im Kanton Graubünden. Ja, und da ist noch dieses kleine Motörchen unterm Hintern, das unsere Räder antreibt und uns diesen Hauch von Leichtigkeit verleiht.


Doch es gibt gute Gründe auf dieser Tour durch das Engadiner Land ab und an vom Rad zu steigen, um zu erkunden, was dieser Kulturlandschaft ihren besonderen Reiz verleiht. Hier sind sechs Stichworte.
1. Der Inn ist ein See!

Wo ist eigentlich der Inn? Diese Frage haben wir uns zu Beginn unserer Tour öfter gestellt. Denn der Wasserlauf des Inns, immerhin der wasserreichste Fluss der Alpen, ist im Oberengadin lange nicht zu sehen. Das Verwirrspiel beginnt schon damit, dass keiner so ganz genau verorten kann, aus welchem Bergloch der Inn eigentlich entspringt. Deshalb gilt der oberhalb von Maloja liegende Lunghinsee als seine Quelle. Von dort geht’s dann 700 Meter steil bergab in den auf 1800 Meter gelegenen Silser See. Dann ist der Inn erstmal wieder weg. Unsichtbar fließt er durch den Silvaplaner See, von dort in den Champfèrer See und schließlich durch den St. Moritzsee. Hinter St. Moritz, in der engen Schlucht nach Celerina, nehmen wir ihn erstmals als nun schon kraftvoll gurgelnden Gebirgsfluss wahr.
2. Sils Maria lockt kluge Köpfe!
Die Oberengadiner Seenplatte ist eine Landschaft, die begeistert – auch wenn es regnet und bis in den Sommer kalt sein kann. Sils Maria, zwischen dem Silser und Sivaplaner See gelegen, ist ein sympathischer kleiner Ort, der stolz ist auf die vielen großen Geister, die hier ihre Spuren hinterlassen haben. „Hier im Engadin ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden“, schrieb Friedrich Nietzsche im Juli 1881 an einen Freund. In Sils Maria hatte er viele Sommer verbracht. Die Wände seiner Schlaf- und Schreibkammer im Hause der Familie Durisch (heute das „Nietzsche-Haus“) ließ er zu seiner Inspiration grün anstreichen. Hier verfasste er Teile von „Also sprach Zarathustra“. Auch Theodor W. Adorno machte im Schweizer Exil Station in Sils. Wie viele andere Dichter und Denker wohnte er im legendären Hotel Waldhaus. Wir haben es inspiziert und uns dennoch für das Seglias Quartier entschieden, das völlig autofrei ist und alle motorisierten Fahrzeuge inklusive unserer E-Bikes in eine riesige Tiefgarage verbannt. Das ist beeindruckend, auch wenn man sich im Untergrund verlaufen kann.

Natürlich wollten wir auf unserem Weg entlang des Inns auch St. Moritz nicht links liegen lassen. Es liegt nur gute 10 km innabwärts von Sils und der Radweg führt am rechten Ufer des Silvaplaner Sees entlang. Auf dem See selbst flitzen die Kitesurfer auf ihren Foils bei jedem Wetter rauf und runter. Ein Insider hat uns anvertraut, dass die Windverhältnisse hier ausnehmend gut und konstant seien.
St. Moritz ist weltberühmt und liegt in wunderschöner Landschaft am Hang über dem St. Moritz See. Augenscheinlich herrscht kein Mangel an Luxushotels, und es findet sich auch eine gute Auswahl sündhaft teurer Modeboutiquen. Für einen Einblick in die Kulturgeschichte des Engadins lohnt indes eher der Besuch der Gemäldesammlung des Malers Giovanni Segantini und des Museums Engiadinais.
3. Große Kunst am Weg

Einer, der mit dazu beigetragen hat das Oberengadin weltberühmt zu machen, war der staatenlose Maler Giovanni Segantini. Aus bitterer Armut kommend beginnt er dennoch in den 1870er Jahren seine künstlerische Ausbildung in Mailand, zieht 20 Jahre später mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Bice Bugatti (aus der Künstler- und Designerfamilie Bugatti), 36-jährig nach Maloja. Schon fünf Jahre später stirbt er 1899 an einer Bauchfellentzündung. „Volgio vedere le mie montagne“ sollen die letzten Worte dieses unvergleichlichen Malers gewesen sein. Segantini hatte stets darauf bestanden, in jeder Jahreszeit im Freien zu malen. Sein Werk ist im Segantini Museum in St. Moritz zu bewundern, einschließlich der monumentalen Trilogie „Werden – Sein – Vergehen“, in der er die menschliche Existenz in der Schweizer Bergwelt thematisiert. Segantini geht als innovativer Naturalist und Symbolist in die europäische Kunstgeschichte ein. Mein persönlicher Favorit ist das Gemälde „Mittag in den Alpen“ (1891). Es zeigt eine blau gekleidete Schäferin in einer wunderschönen Alpenlandschaft und strahlt eine bemerkenswerte Ruhe aus.

Eine ganz andere Form des künstlerischen Ausdrucks findet man in dem kleinen Oberengadiner Ort Susch am Fusse des Fluela Passes. Wie überraschend, dass ausgerechnet hier eine polnische Kunstsammlerin namens Grazyna Kulczyk ein Museum für experimentelle Kunst von Frauen gegründet hat! Das Muzeum Susch – auf rätoromanisch mit z geschrieben – wurde erst 2019 gegründet und ist in den restaurierten Gemäuern eines alten Engadiner Klosters untergebracht. Die Öffnungszeiten sind zwar nicht besonders radlerfreundlich, aber die Zeit für einen Spaziergang über das Gelände sollte man sich unbedingt nehmen.


Der Weiler Susch selbst hat schon bessere Zeiten gesehen. Wir übernachten in der etwas herunter gekommenen Pension Garni Fluela. „Posso preparare spaghetti ho rösti com cervola se vuolete“ schreibt mir die hilfsbereite Wirtin auf rätoromanisch. Denn am Abend gibt es in Susch keine geöffnete Gaststätte mehr. Während wir also unsere Spaghetti und Schweizer Rösti vom Teller kratzen, schaut Betty etwa gelangweilt brasilianische Telenovelas an. So kommt heraus, dass sie Portugiesin ist und schon etliche Jahre im Engadin lebt. Diese portugiesische Migrationsgeschichte im rätoromanischen Kanton Graubünden ist kein Einzelfall. So hat z.B. in St. Moritz, aber auch in Zuoz, ein namhafter Anteil der Bevölkerung portugiesische Wurzeln.
4. Die destruktive Versuchung der Macht
Auf dem Weg von Sils Maria nach Susch machen wir Station im kleinen Oberengadiner Ort Zuoz. Unsere Radtaschen fühlen sich leicht an, denn bei Temperaturen von knapp über null Grad haben wir so ziemlich alle Klamotten an, die wir dabei haben.
Auf einem Feld unterhalb des Dorfes beobachten wir junge Männer, die Cricket spielen. Eigentlich ungewöhnlich in einem über 1700 m hoch gelegenen Schweizer Bergdorf, denken wir uns, denn Cricket ist vor allem in Commonwealth-Ländern populär. Wir radeln weiter hinauf in den Ort, der oberhalb des Inns am Hang gelegen ist.
Zuoz überrascht mit seinem bemerkenswert intakten historischen Ortskern. Wir sehen massiv gemauerte Häuser mit trichterförmigen Fenstern. Wohn- und Arbeitsbereiche, so haben wir im Museum Engiadinais gelernt, sind im Haus vereint. Das Heu wird direkt ins große gerundete Eingangstor eingefahren, das Vieh ist in den darunter liegenden Ställen untergebracht. Über fast allen Haupteingangstoren steht das Baujahr. So erfahren wir, dass viele Häuser im Ortskern von Zuoz in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts erbaut wurden. Das hat mit den blutigen Machtkämpfen jener Zeit zu tun.

Durch das Engadin führten wichtige Handelsrouten von Bayern und Tirol über die Alpen nach Italien. Wer diese Routen und Alpenpässe kontrollierte, hatte Macht und konnte seine territorialen Gebietsansprüche ausdehnen. Deshalb war das Engadin immer wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Besonders verheerend war der sogenannte Schwabenkrieg im Jahr 1499. Zwischen dem Haus Habsburg, unterstützt durch den Schwäbischen Bund auf der einen Seite und der Schweizerischen Eidgenossenschaft auf der anderen, ging es um die Vorherrschaft im habsburgisch-eidgenössischen Grenzgebiet.
Zuoz hat es im Schwabenkrieg böse erwischt. Von seinen Bewohnern ist überliefert, dass sie rechtzeitig vor dem Einmarsch der Habsburger Truppen ihre Häuser anzündeten und in die Berge flohen. Man muss sich das ganz praktisch vorstellen: Das eigene Haus abbrennen, um sein Leben zu retten. Aber mit diesem verzweifelten Schritt der verbrannten Erde zwangen die Zuozer Bürger die Angreifer zum Rückzug. Dann bauten sie ihre Häuser umso prächtiger wieder auf. Auffallend sind in Zuoz die kunstvollen Sgraffito-Verzierungen an Fenstern und Türen – eine in dieser Gegend zu hoher Kunstfertigkeit entwickelte Technik, bei der die Ornamente in übereinander liegende Putzschichten eingekratzt werden.

5. Das süße Erbe der Zuckerbäcker
Weil es nach unserer ausgedehnten Dorfrunde immer noch regnet, kehren wir in das Café im Hotel Klarer auf dem Marktplatz von Zuoz ein. Der Gastraum ist urgemütlich und mit kunstvollen Schnitzereien aus Arberholz vertäfelt. Die freundliche Wirtin des Traditionshauses hat uns sogleich als pudelnasse Radtouristen erkannt und bietet uns zum Café die berühmte Engadiner Nusstorte an. Doch da fällt mein Blick auf eine Schlagzeile der „Engadiner Post“. Das ist die auf Rätoromanisch und Deutsch erscheinende Lokalzeitung, in der alles Wichtige steht. Die Engadiner Nusstorte, so der Knaller, sei gar keine „echte“ Engadinerin. Das ist das Ergebnis einer mehrjährigen Forschungsarbeit! Die einheimische Nusstorte, so der Befund, sei der südfranzösischen Tarte au Noix du Perigord verdächtig ähnlich. Ist die Engadiner Nußtorte also ein Plagiat?

Aber die Geschichte hat dann doch noch einen versöhnlichen Ausgang. Denn die originäre südfranzösische Torte aus Nüssen und Karamell wurde im 18. Jahrhundert tatsächlich von Engadiner Auswanderern weiter entwickelt. Sie überzogen die Franzosentorte mit einem speziellem Teigdeckel, um sie fester und leichter transportierbar zu machen. So wurde aus der Französischen die Engadiner Nusstorte. Und das wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Engadiner Migrationsgeschichte.
Was brachte die Engadiner nach Südfrankreich? Die Lebensverhältnisse in den kargen Hochtälern Graubündens waren hart. Es reichte den Bauern hinten und vorne nicht, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb wurde der Nachwuchs in die Fremde geschickt, um Geld zu verdienen. Viele verdingten sich als Söldner in rivalisierenden Heeren, doch in einigen Orten des Engadins wurden die Jugendlichen als Zuckerbäcker ausgebildet und schwärmten mit diesem Wissen nach ganz Europa aus. Besonders erfolgreich waren die Engadiner Zuckerbäcker in Venedig. Das beschwor jedoch den Neid der örtlichen Zünfte herauf und führte schließlich im 18. Jahrhundert zu deren Ausweisung. Was hat das mit Zuoz und den Dörfern der Region zu tun? Nun, die erfolgreichen Zuckerbäcker kehrten nach harter Arbeit mit einigem Vermögen in ihre Heimat zurück und ließen sich in ihren Heimatgemeinden prächtige Häuser erbauen.
Kurz bevor wir Zuoz in Richtung Zernez verlassen, sehen wir einen eindrucksvollen Gebäudekomplex. Auf dem Eingangsschild steht: Lyceum Alpinum Zuoz – Swiss International Boarding School. Also keine ganz gewöhnliche Dorfschule, sondern ein internationales Internat. Das macht uns neugierig. Und siehe da: Laut Internetseite der Schule lernen hier 340 Schüler aus über 45 Nationen! Gegründet wurde das Internat 1904 unter maßgeblicher Beteiligung zurückgekehrter Zuckerbäcker. Die Kosten für ein Internats-Schuljahr sind hoch. Zu den Abgängern auf einer langen Liste von Promis gehören der Playboy Gunter Sachs, der VW Patriarch Ferdinand Piëch und der Fürst von Lichtenstein. Und dann kann man noch nachlesen, dass Cricket eines der Sportarten ist, die im Lyceum besonders gepflegt werden. Jetzt wissen wir, woher die Cricketspieler kommen!
6. Der Schellen-Ursli liebt Apfelstrudel
Wir strampeln von Westen her den Berg nach Guarda hinauf. Es liegt hoch über dem Inntal am Südhang des Silvretta-Gebirges. Kaum liegt das Engadiner Dorf in Sichtweite, da taucht die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke auf. Es gilt als eines der schönsten Dörfer der Schweiz und ist die Heimat des Schellen-Ursli.

Der Schellen-Ursli, die beliebte Schweizer Märchenfigur der Autorin Selina Chönz, treibt mit seinen Freunden alljährlich am 1. März mit lautem Glockengeläut den Winter aus. Der „Chalandermarz“ ist ein alter Brauch im rätoromanisch-sprachigen Engadin.

Man könnte meinen, dass in dieser Bergidylle die Welt noch in Ordnung ist. Doch auch Guarda hat seine Leidensgeschichte. Es liegt an der historischen Via Imperiala, einer Handelsroute zwischen Tirol und der Region um Como, und war deshalb gleich mehrmals Opfer zerstörerischer Machtkämpfe. Der Schwabenkrieg 1499 führte in Guarda wie schon in Zuoz zu einer ersten Zerstörungswelle. Während der sogenannten Bündner Wirren (1618-1639) kämpften Frankreich und Venedig gegen eine Koalition aus Spanien und Österreich. Guarda wurde ein zweites Mal niedergebrannt. Viele Häuser, die wir heute sehen, stammen aus der Zeit des Wiederaufbaus im 17. Jahrhundert.

Der Schellen-Ursli ist ein wahrer Schelm, denn er öffnet uns die Tür zum Hotel Meisser. Es hat dem Dorfhelden ein kleines Museum eingerichtet. Das gediegene Hotel hat eine wunderschöne Sonnenterrasse, an der man keinesfalls vorbei fahren sollte, denn von hier hat man eine fabelhafte Bergsicht und dazu wird ein köstlicher Apfelstrudel serviert.
Fast hätte ich es vergessen: Der Inn fließt ab seiner Quelle gute 100 km durch das Engadiner Land. Im Grenzort Martina geht’s weiter nach Tirol und Bayern. Wir haben den Fluss bis ins bayerische Wasserburg verfolgt. Bis dahin gibt es weitere gute Gründe, vom Rad abzusteigen. Wer das genauer wissen möchte, darf sich auf die Fortsetzung dieser Serie freuen.
Die Inn-Radroute im Engadin: Malojapass (1815m) – Sils Maria – Silvaplana – St. Moritz – Samedan – Zuoz – Zernez – Susch – Guarda – Ardez – Scuol – Martina (1035m), rd. 110 Radkilometer. Geteerte- und Feldwege, überwiegend abseits der Verkehrsstraße. Meist abwärts, aber steile Anstiege nach Guarda. Guter Radl-Führer: Bikeline, Inn-Radweg 1. Für Besuche einzelner Orte muss meist vom Innradweg abgewichen werden.