Georgien wählt am 26. Oktober 2024 ein neues Parlament:  Ein Lauf durch Tbilissi vor der Wahl  

Sonnenaufgang in Tbilissi

Ganz allein in Tbilissi
Die jung verliebte Tina möchte sich mit ihrem Freund Gega frühmorgens auf der Rustaveli Avenue treffen, damit sie dort ganz allein mit ihm die Zeit verbringen kann. Der schlaftrunkene Gega lässt sich nur widerwillig auf dieses unzeitige Rendez-vous ein. Doch seine Freundin plant schon den nächsten frühmorgendlichen Ausflug… So schildert es der georgische Autor Dato Turaschwili in seinem Roman „Westflug“. Georgier, so lernen wir, sind keine Frühaufsteher. 

Ende August geht die Sonne in Tbilissi um viertelvorsieben auf. Das ist eine wunderbare Zeit, um durch eine Stadt zu laufen, die eigentlich noch schläft und doch viel zu erzählen hat. Am Ende einer mehrwöchigen Reise durch Georgien gehört ein Lauf durch Tbilissis lebendige Geschichte zu meinem schönsten Pflichtprogramm. So früh am Morgen bin auch ich, wie Tina und Gega, (fast) allein unterwegs. Nur die fleißigen Straßenkehrerinnen in ihren grün-gelben Schutzwesten sind schon tätig.  Sie sorgen dafür, dass Tbilissis Straßen und Bürgersteige trotz vieler Schlaglöcher einen gepflegten Eindruck machen. 

Altstadtrunde durch Tbilissi: 4,5 km durch eine faszinierende Stadt; Karte: Google Maps

Die Rundstrecke: Nationalgalerie auf der Rustaveli Ave. – Parlament – Freedom Square – Sololaki Viertel – Kote Apkhazi Street – Maidan – Bäderviertel – Metekhi Bridge – Reki Park – Friedensbrücke – Rekele II und Ioane Shavteli Street – Nikoloz Baratashvili Street – Orbeliani Square – Revaz Tabukashvili Street – 9. April Park – Nationalgalerie  

Pirosmanis Erbe
Mein Lauf beginnt unter den großen Platanen vor dem Gebäude der Nationalgalerie. Im Museum wird an einen großartigen georgischen Maler erinnert, der die europäische Avantgarde um die Jahrhundertwende begeisterte, dann aber viele Jahre von der Bildfläche verschwunden ist. Sein bürgerlicher Name: Nikolos Pirosmanaschwili, geboren 1862 in Mirzaani, einem Dorf im Osten Georgiens, verstorben 1918 in ärmlichsten Verhältnissen in Tbilissi. Hundert Jahre später zählt Niko Pirosmani zu den ganz Großen seiner Zunft.

Niko Pirosmani, Ausschnitt aus: Ortachala Belles, Nationalgalerie Tbilissi
 

Versetzen wir uns für einen Moment in Pirosmanis Zeit und flanieren die Rustaveli Avenue entlang: 

„Zu beiden Seiten des Boulevards erstreckten sich herrliche Spaliere von Blumen und Zitronen, in denen unzählige Leute spazieren gingen, bildhübsche Damen in europäischen Kleidern, Offiziere in Uniform, in Fräcke gekleidete Aristokraten, Fürsten und Adlige aus der Provinz.  In den Straßen verkehrten die russische Straßenbahn und europäische Kutschen. Es gab die neuesten Modelle von Cadillac, Mercedes, Daimler, Peugeot und Studebaker zu kaufen, gleich nebenan Nähmaschinen von Singer.“[1] 

Sind wir in Paris, Berlin oder Moskau? Nein, das ist Tbilissi auf dem Weg ins 20. Jahrhundert, eine pulsierende Stadt im Russischen Zarenreich im Schnittpunkt wichtiger Handelsrouten.


[1] Giorgi Kakabadse, Der Mythos Niko Pirosmani, Wiesbaden, 2021; im Original 2010 in Tbilissi erschienen; S. 16-17, der Text ist gekürzt. 

Blutiger Freiheitskampf
Ich wechsle die Straßenseite und laufe die Rustaveli Avenue ein kurzes Stück Richtung Liberty Square.  Ich stehe nun vor einem mächtigen klassizistischen Säulenbau.  Vor dem Gebäude wehen Flaggen. Davor eine Freitreppe, rechts und links Springbrunnen. Auf der Treppe steht ein Kreuz.  Es wirkt zart und zerbrechlich, die beiden Querstreben neigen sich nach unten. Der Eingang zum Inneren des Gebäudes ist mit einer meterhohen Stahlwand verschlossen. Davor schiebt ein Polizist Wache. An einer Säule des Gebäudes sind Überwachungskameras installiert. Das wirft Fragen auf, denn der Platz wirkt eigentlich friedlich.  Auf dem Platz ist noch ein weiteres Monument. Es wirkt wie ein grob behauener Felsblock, umfasst von einem steinernen Rahmen. Ein Schriftzug in georgischer Sprache erinnert an einen 9. April. Was hat das alles zu bedeuten?  Später forsche ich nach: Dies ist das georgische Parlament, und dieser Platz hat eine lange, blutige Geschichte. 

Um das alles besser zu verstehen, müssen wir zurückblicken. Der Bau stammt aus einer Zeit, in der Georgien Teil des russischen Zarenreichs war. Er stand hier also schon zu Pirosmanis Zeiten. Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre wurde er weiter ausgebaut. Bemerkenswert daran ist, dass dies mit Hilfe deutscher Kriegsgefangener aus dem Zweiten Weltkrieg geschah. Denn von den über zwei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion, wurden rd. 40.000 in georgischen Arbeitslagern festgehalten. Noch heute hört man anerkennend, dass sie trotz widrigster Haftbedingungen maßgeblich am Bau wichtiger Gebäude, Straßen und Brücken beteiligt waren.

Das zarte Kreuzmotiv wirkt vor dem mächtigen Parlamentsbau ein wenig verloren. Aber es hat eine wichtige symbolische Bedeutung, denn es wird der Heiligen Nino zugeschrieben, auf deren segensreiches Wirken im frühen 14. Jahrhundert die Christianisierung des Landes zurückgeht. Als Kreuz trug sie übereinandergelegte Rebenzweige, Zeichen des Friedens. Doch warum dann all diese strengen Sicherheitsvorkehrungen?

Nino-Kreuz, Stahlwand und Überwachungskameras vor dem georgischen Parlament

Wir erinnern uns, im Frühjahr 2024 demonstrierten vor diesem Parlamentsgebäude Tausende von Menschen gegen das sogenannte Gesetz über die Transparenz ausländischen Einflusses. Kritiker des Gesetzes befürchten, dass damit zivilgesellschaftliche Organisationen, die aus dem Ausland unterstützt werden, einer willkürlichen Kontrolle unterworfen oder gar verboten werden könnten. Argwohn erweckt zudem, dass der Text jenem des russischen Gesetzes über „ausländische Agenten“ gleicht, mit dem der Kreml aktiv kritische Stimmen unterdrückt. Der Widerstand ist in der Gesellschaft weit verbreitet. In den Straßen von Tbilissi finden sich Graffiti mit der Losung: „NO RUSSIAN LAW !!!“ oder noch expliziter: „RUSSIA is a KILLER State“.

Der kleine Satellitenstaat Georgien – er ist nicht größer als Bayern –  hat mit Russland in der Tat selten gute Erfahrungen gemacht. Daran erinnert auch jenes steinerne Mahnmal auf dem Parlamentsplatz. Der 9. April steht nämlich für ein Ereignis, das tiefe Wunden in das kollektive Gedächtnis der Menschen gerissen hat. In den ersten Apriltagen 1989, Georgien war damals noch Teil der Sowjetunion, demonstrierten Menschen friedlich gegen die sowjetische Herrschaft und forderten die Unabhängigkeit Georgiens.  Am 9. April wurden die Menschen auf dem Parlamentsplatz schließlich von sowjetischen Truppen brutal mit Tränengas, Schlagstöcken und scharfen Militärspaten niedergemetzelt. Es gab über 20 Tote und hunderte Verletzte. All dies passierte in einer Zeit, als auch die Menschen in der DDR friedlich auf die Straßen gingen. Zwei Jahre später, wiederum am 9. April 1991, erklärte Georgien seine Unabhängigkeit.  

35 Jahre früher gab es an gleicher Stelle schon einmal ein Massaker, wiederum ausgeführt von sowjetischen Truppen. Diesmal gab es Kritik an Chruschtschows Entstalinisierungspolitik. Denn Stalin stand damals besonders bei jungen Demonstranten hoch im Kurs. Das Blutbad von 1956 forderte über hundert Tote und viele Verletzte.

Viele Georgier, so hören wir, haben bis heute ein ambivalentes Verhältnis zu Stalin. Denn Josef Stalin war ein Landsmann, geboren in Gori, und er hatte es bis an die Spitze der Sowjetunion geschafft. Dafür wird er bewundert und verehrt. Auf unserer Fahrt durch das Land sehen wir immer wieder Stalinbüsten. Aber er war auch ein Diktator und Massenmörder. Seine Grausamkeiten werden jedoch seinem Handlanger und Geheimdienstchef Lawrenti Beria angelastet. Auch er war ein Georgier, der aber aufgrund seiner skrupellosen Säuberungsaktionen gegenüber Regimegegnern bis heute im Land verhasst ist. Nach Stalins Tod 1953 wollte Beria seine Nachfolge antreten. Nikita Chruschtschow wusste das zu verhindern und ließ Beria noch im gleichen Jahr hinrichten.  

Noch kein Verkehr am Freedom Square 

Der Zahn der Zeit nagt im Sololaki Viertel
Kehren wir zurück zum morgendlichen Lauf durch Tbilissi. Inzwischen habe ich den Freedom Square erreicht. Ein großer Platz, in der Mitte eine hohe Säule mit dem vergoldeten Sankt Georg,  dem Namenspatron Georgiens. Auch hier ruht noch der Verkehr. Von hier aus laufe ich ins Sololaki-Viertel, das vielleicht interessanteste Stadtquartier Tbilissis. Auf der Georgi Leonidze Straße geht es leicht bergauf, denn das Viertel liegt an den Hängen des Matsminda-Berges. Sololaki erlebte seine Blütezeit Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Davon zeugen die prächtigen Fassaden alter Patrizierhäuser. Hier lebte das wohlhabende Bürgertum Tbilissis, darunter Kaufleute und Intellektuelle. Heute präsentiert sich das Quartier in einer charmant morbiden Mischung aus altem Baubestand, Verfall, Restaurierung und ultramodernen Neubauten. Manche Häuser sind inzwischen so baufällig, dass ihr Zusammensturz nurmehr mit Stahlträgern aufgehalten werden kann. Neben hippen Kneipen, Cafés, Hotels und Ferienwohnungen finden sich noch viele Tante-Emma-Läden und improvisierte Obst- und Gemüsestände, die das Quartier menschlich zusammenhalten und darüber hinaus mit dem Nötigsten versorgen. Wir verlassen die Gassen und Hinterhöfe Sololakis und laufen wieder Richtung Liberty Square.

Altes Wohngebäude in Sololaki
Restaurierter Stadtteil mit Blick auf die Statue der „Mutter Georgiens“

EU oder Russland?
In einem großen Eckhaus auf der Apkhazi Straße nahe am Liberty Square fällt das sogenannte „Information Center on NATO und EU“ ins Auge.  Es dient, so die Selbstbeschreibung, als Ort des Dialogs über den Europäischen und Euro-Atlantischen Integrationsprozess Georgiens. 

In den Straßen Tbilissis fordern tatsächlich viele Wandbilder den Beitritt Georgiens zur Europäischen Union. Neben jeder georgischen Flagge weht auch die blaue europäische Fahne mit den 12 gelben Sternen. Die EU veröffentlicht Umfragen, nach denen eine klare Mehrheit der Georgier der EU positiv gegenüber stehen. Seit 2016 besteht mit der EU ein Assoziierungsabkommen, 2022 reichte die georgische Regierung  infolge des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine ein Beitrittsgesuch ein, Ende 2023 verlieh die EU Georgien den Beitrittskandidatenstatus. Viele Millionen Euro Finanzhilfe sind bisher aus Brüssel nach Tbilissi geflossen. Ist die Westanbindung Georgiens also nicht mehr aufzuhalten? 

Die Macht der Geographie   
Die Realität ist vielschichtig, und wir müssen das ganze Land betrachten. Blicken wir zunächst auf die Landkarte. Georgien ist weit weg von der EU. Auch jene Mitgliedsländer, die Georgien geographisch am nächsten liegen, sind  über 1000 km entfernt. Nur das NATO-Land Türkei ist unmittelbarer Nachbar. Ein EU-Beitritt der Türkei aber ist nicht abzusehen. Stattdessen stehen Russlands Truppen buchstäblich mit dem Fuß in der Haustür. Nach mehreren militärischen Konflikten in der jüngeren Vergangenheit, die Georgien allesamt verloren hat, hält Russland mit den Regionen Abchasien und Südossetien 20% der Landesfläche Georgiens besetzt. Fährt man von Tbilissi nach Westen, führt die Straße in Sichtweite zum Grenzzaun zu Südossetien vorbei. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete unlängst, dass die Russen den Stacheldrahtzaun Stück für Stück auf georgisches Gebiet versetzen.    

Abchasien und Südossetien sind russisch besetzte Gebiete in Georgien; Bildquelle: Zeit Online 
 

Wir haben viele Menschen gefragt, wie sie zur EU und zu Russland stehen. Es ist ein Thema, das mit großer Leidenschaft diskutiert wird. Die Jüngeren verorten sich klar im Westen, die Älteren sind russlandfreundlicher oder einfach nur zurückhaltend gegenüber neuen Allianzen. Auch mit unserem Gastwirt in Ushguli, ein Ort in der Bergregion Swanetien mit UNESCO Weltkulturerbe Status, sprechen wir über einen möglichen EU-Beitritt. Er freut sich zwar über die zahlungskräftigen Wandertouristen aus der EU, möchte aber unbedingt seine kulturelle Identität bewahren. Manche Georgier befürchten, dass mit der EU-Anbindung ein Wertewandel einhergeht, der nicht zu ihrem Lebensumfeld passt. Gleichzeitig verspüren aber auch viele Menschen den kalten Atem des nördlichen Nachbarn im Nacken.

16 Kilometer nördlich von Stepantsminda, einem Touristenort am Fuße des Kasbek Berges,  liegt die Grenze zu Russland. Hier ist der Kaukasus wild und schroff, hoch oben über den Schluchten kreisen die Geier. In einem Jugendcamp, fast in Sichtweite der Grenze, kommen wir mit zwei Studentinnen ins Gespräch. Ihr bemerkenswert gutes Englisch haben sie, wie sie lachend erzählen, beim Anschauen amerikanischer Serien gelernt. Sie träumen von Erasmusstipendien für Wien oder Italien. Aber sie haben Angst, dass russische Truppen jederzeit wieder in kriegerischer Absicht die georgische Grenze überschreiten könnten. Viele russische Touristen, so beklagen sie, sprechen in Georgien wie selbstverständlich Russisch, so als ob das Land noch immer oder schon wieder Teil der ehemaligen Sowjetunion wäre.   

Handel (ver)bindet
Unterdessen passieren Tag für Tag in beide Richtungen Hunderte von Lastwagen den georgisch-russischen Grenzposten in der Darial-Schlucht. Wir fahren hin und schauen uns das an. Die Bergstraße ist eine der ganz wenigen Passagen über den großen Kaukasus. Wir beobachten Lastwagen mit russischen, georgischen, türkischen, armenischen, aserbaidschanischen oder kirgisischen Kennzeichen. Sie scheinen ohne große Verzögerungen die Grenze zu passieren. Und wir sehen, wie viele deutsche Luxuslimousinen ganz ohne Kennzeichen auf einem großen Parkplatz herumstehen. Experten, die die Handelsstatistiken in der Region analysieren,  hegen Zweifel, dass Georgien die westlichen Ausfuhrbeschränkungen für Militär- und Dual-Use-Güter nach Russland konsequent einhält.  Ein Kuriosum am Rande sind die vielen Lastwagen mit deutschen Aufschriften. Sie sind in Deutschland jedoch längst ausgemustert und werden nun von regionalen Spediteuren eingesetzt.  

In Deutschland ausgemusterte Lastzüge auf dem steilen Weg durch den Kaukasus nach Russland

Russland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern Georgiens. So werden Wein und Mineralwasser in großen Mengen nach Russland verkauft. Von dort kommen vor allem Ölprodukte und Gemüse sowie ein Fünftel der Erdgasimporte. Jährlich reisen rund 1,5 Millionen russische Touristen nach Georgien. In Tbilissis Wechselstuben ist der Rubel neben dem Euro und dem US-Dollar die wichtigste Währung. Georgien profitiert zudem von erheblichen Transferzahlungen aus Russland[1]. Wenn Russland also –  wie in der Vergangenheit geschehen – die Grenzen dicht macht, hat vor allem Georgien ein Problem.

Eine Richtungswahl?
All diese Aspekte stehen ganz oben auf der politischen Agenda. Denn am 26. Oktober 2024 wird in Georgien ein neues Parlament gewählt. Politisch hat sich Georgien zuletzt stärker Russland zugewandt.  Viele zeigen dabei auf Bidsina Iwanischwili. Das ist der reichste Mann Georgiens und der eigentliche Chef der Regierungspartei. Er hat sein Milliardenvermögen in Russland gemacht und bestimmt, so hören wir, den neuen Kurs. Im Juni 2024, nachdem die Regierungspartei „Georgischer Traum“ im Parlament auch das Veto der Präsidentin Georgiens zum Transparenzgesetz überstimmt hatte, legte die EU Georgiens Beitrittsprozess vorerst auf Eis.

Hat das europafreundliche Wahlbündnis der Opposition eine faire Chance, die Weichen neu zu stellen?  Bis in die erste Septemberwoche hinein sehen wir auf den Straßen Tbilissis ausschließlich Wahlplakate der regierenden Partei „Georgischer Traum“. Auch sie wirbt öffentlich für Europa, manche Beobachter halten das jedoch für irreführend. Das Internetportal „Civil Georgia“, herausgegeben von der UN Association of Georgia,  zeigt sich besorgt über die zunehmende Polarisierung im Land und berichtet von Schikanen gegenüber regierungskritischen Nicht-Regierungsorganisationen und Oppositionellen.

Auf dem Weg zum Maidan  
Es ist nützlich, auch als Tourist die geostrategische Gemengelage zu kennen. Manches lässt sich besser einordnen. In solchen Gedanken versunken, habe ich auf meinem Lauf unterdessen die unterirdischen Ladenpassagen des Liberty Square erkundet und setze meine Runde nun oberirdisch fort. Am besagtem Information Center biege ich jetzt ab in die Kote Apkhazi Straße und laufe hinunter zum Fluss und in den ältesten Teil der Stadt.

Tagsüber ist die Apkhazi Straße eine beliebte Touristenmeile, am Morgen jedoch das Terrain der Straßenhunde. Die Straße beeindruckt durch ein buntes Nebeneinander alter und neuer Gebäude. Verschiedene Religionsgemeinschaften pflegen hier offenbar ein tolerantes Nebeneinander, denn in enger Nachbarschaft befinden sich christlich-orthodoxe Kirchen, eine Moschee und eine Synagoge. 


[1] https://transparency.ge/en/blog/georgias-economic-dependence-russia-summary-2023

Hunde bestimmen das morgendliche Bild auf der Kote Apkhazi Street 

Ich nähere mich dem Maidan. Das ist einer der ältesten Plätze in Tbilissis Altstadt. Er wird deshalb auch nach dem Stadtgründer Vakhtang Gorgassali, einem König aus dem 5. Jahrhundert, benannt. Einst war dies der Platz der Händler und Handwerker, heute ist es ein Ort, in dem der Tourismus deutliche Spuren hinterlässt. Die Souvenirhändler wurden in die Katakomben unterhalb des Platzes verbannt, oben preisen unzählige Autovermieter ihre Wagen an. Wer will, kann sich mit Auto und Chauffeur in alle Himmelsrichtungen, nach Jerewan im Süden, Kazbegi im Norden, Batumi im Westen an der Schwarzmeerküste oder vielleicht sogar bis nach Baku im Osten ans Kaspische Meer fahren lassen.

Vom Maidan mache ich einen kurzen Abstecher ins Bäderviertel.  Die Geologie hat Tbilissi reich mit Thermalquellen beschenkt. Den Schwefelbädern wird sowohl heilende als auch desinfizierende Wirkung nachgesagt. Einst wuschen sich hier die durchreisenden Händler, Männer verhandelten Geschäfte oder ließen Kupplerinnen in den nach Geschlechtern  getrennten Badehäusern auf (Ganzkörper-) Brautschau gehen. Heute kann man hier die üblichen Spa-Anwendungen buchen.

Der mühsame Weg in die Moderne  
Über die Metekhi Brücke überquere ich nun den Mtkvari. Das ist der Fluss, der quer durch Tbilissi fließt. Jenseits des Flusses, am Europa-Platz, steht ein Stück Berliner Mauer. Ein „Geschenk des deutschen Volkes an das georgische Volk“, steht auf der Inschrift. Was steckt dahinter? Nun, die Berliner Mauer fiel am 9. November 1989, exakt 17 Monate später, am 9. April 1991, erklärte Georgien seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Doch mit der neuen Freiheit ging ein schwerer wirtschaftlicher Einbruch einher. Menschen, die sich noch allzu gut daran erinnern können, sprechen über diese Zeit von blankem Chaos, Anarchie und ausufernder Korruption. Die Schriftstellerin Nino Haratischwili schildert die Auswüchse dieser Zeit eindrücklich in ihrem Roman „Das mangelnde Licht“. Erst mit der Reformpolitik in der Präsidentschaft von Michael Saakaschwili ab 2004 begann sich das Land allmählich zu stabilisieren.

Wenn man vom Europa-Platz die Metekhi Straße ein Stück hinaufläuft, eröffnet sich der Blick auf das moderne Tbilissi. Die Wirren der 1990er Jahre scheinen vergessen zu sein. Aus dem hübsch angelegten Reki Park führt eine Seilbahn hinauf zur Statue der „Mutter Georgiens“.  Eine kurzweilige Fahrt für Ausflügler, die den Blick vom Matsminda Berg auf die Stadt genießen wollen.  Auch der Flug mit dem Gasballon der Wohnungsbaufirma m² erfreut sich großer Beliebtheit. Die Friedensbrücke mit dem elegant geschwungenen Glasdach ist auch so ein Publikumsmagnet, denn am Abend gibt es auf der  Brücke eine raffinierte Lightshow, so dass schnell Partystimmung aufkommt. Am Morgen aber überquere ich die Friedensbrücke allein. Fast allein. Ein Straßenhund ist mir ein treuer Begleiter.  

Das moderne Tbilissi:  Freizeitvergnügen im Reki Park

Mitten durchs Touristenviertel
Parallel zum Fluss laufe ich nun in nördlicher Richtung durch die Altstadt. Auf der Erekle II. und der Shavteli Straße werden sich später am Tag die Touristen drängen,  die Kneipen um die Kunden buhlen und die Teppichhändler ihre Ware ausbreiten. Zur vollen Stunde tanzen Marionetten aus einer Turmuhr heraus, unzählige Smartphone Kameras zeichnen das Spektakel auf und verbreiten es per Social Media in die Welt. Ich aber laufe hier allein und entspannt und schaue mir ganz ohne Gedränge die beeindruckende Anchiskhati-Kirche an. Sie stammt aus dem 6. Jahrhundert und gilt als das älteste Bauwerk in Tbilissi.  Es lohnt sich, am Nachmittag noch einmal vorbeizukommen, denn dann stehen die Chancen gut, vor der Kirche eine georgische Hochzeitsgesellschaft zu erleben.

Hochzeitsgesellschaft live vor der Anchiskhati-Kirche
 

Ich überquere nun die vierspurige Nikoloz Baratashvili Straße, die von großen Wohnungsbauten aus der Sowjetzeit gesäumt wird. Inzwischen hat der morgendliche Berufsverkehr eingesetzt.  Ruhiger wird es erst wieder auf dem Blumenmarkt am Orbeliani Platz.  Über die Revaz Tabukashvili Straße, die parallel zur Rustaveli Avenue verläuft, gelange ich nun schnell an mein Ziel im Park hinter der Nationalgalerie. Es ist der Park des 9. April.  Dieses Datum ist wirklich allgegenwärtig in Tbilissi.

Nachspiel
Ein paar Tage später spielt die georgische Fußballnationalmannschaft in einem Heimspiel gegen Tschechien.  Es ist der erste Spieltag in der Europäischen Nations League. Auf einem großen Platz am Ende der Rustaveli Avenue findet ein Public Viewing statt. Der Platz ist voller Menschen,  Fahnen werden geschwenkt und Bierflaschen geleert. Die Stimmung ist gut. Georgien führt. In der Halbzeitpause bemerken wir eine kleine dunkelhaarige Frau, die von Bodyguards umringt wird. Gut gelaunt steht sie inmitten der fußballbegeisterten Menge. Es ist die Präsidentin Georgiens, Salome Surabischwili. Warum mischt sie sich hier unters Volk und sitzt nicht neben dem Ministerpräsidenten Irakli Kobachidse in der VIP Loge des heimischen Stadiums?  Längst hat die Präsidentin zur eigenen Regierungspartei politisch Abstand genommen. Im Wahlkampf unterstützt die ehemalige Diplomatin die pro-europäischen Kräfte. Das Fußballspiel hat Georgien übrigens 4:1 gewonnen. Wer wird am 26. Oktober 2024 bei der Parlamentswahl die Nase vorn haben?   

Georgiens Präsidentin Salome Surabischwili mischt sich unter die Fußballfans

Willkommen im georgischen Bergdorf Adischi!

Eine Wanderung durch ein Land im Umbruch

Blick auf Adischi in Swanetien/ Georgien

Es sind Elvis Presley Songs, die da aus dem Tal zu uns herauf schallen. Heartbreak Hotel, Jailhouse Rock und noch ein paar andere von seinen rockigen Hits. Ein überraschender Willkommensgruß aus Adischi, dem Ziel der heutigen Etappe auf unserer fünftägigen Wanderung durch den Großen Kaukasus.  

Wir sind unterwegs in den Bergen von Swanetien, im Nordwesten Georgiens. Das Land liegt zentral zwischen Europa und Asien, dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer und zwei hohen Gebirgszügen des Kaukasus. Es ist kleiner als Bayern, aber ungewöhnlich facettenreich. Die Berge sind über 5000 Meter hoch, Wälder bedecken 40% der Landfläche. Bedingt durch die geographische und klimatische Vielfalt gehört Georgien zu den Biodiversitäts-Hotspots der Welt. Die Georgier sind stolz auf ihre über 8000 Jahre alte Weinkultur. Noch im Anflug auf die Hauptstadt Tbilissi erklärt unser georgischer Sitznachbar: Egal, was Du in den fruchtbaren Ebenen in den Boden steckst – es wächst!

Auch politisch ist Georgien ein Hotspot. Das Land war immer wieder Beute mächtiger Nachbarn und Eroberer. Seit 1801 war Georgien zunächst unter russischer, mit kurzer Unterbrechung dann unter sowjetischer Herrschaft. Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde Georgien 1991 wieder unabhängig. Doch seit erneuten Konflikten mit Russland sind Abchasien und Südossetien, also 20% seiner Staatsfläche, von russischen Truppen besetzt. Die Bevölkerung befürwortet mehrheitlich einen EU-Beitritt, doch die gegenwärtige Regierung steuert in eine andere Richtung.  

Vittorio Sella, Betcho’s doyens gathered on funeral reception, September 1890, Bildquelle: National Archives of Georgia

Doch kehren wir zurück nach Swanetien. Ein Blick in die wertvollen Sammlungen georgischer Museen zeigt: Swanetien war – und ist vielleicht bis heute – Georgiens Goldkammer. Schon im Mittelalter wurde hier das gelbe Metall gefunden und kunstvoll verarbeitet. Doch wo die besten Schürfstellen sind, darüber schweigen sich die Swanen aus. Ihr Land ist bis heute eine nur schwer zugängliche  Bergregion. Nur wenige Straßen führen dorthin und die sind gefährlich, denn Erdrutsche und Lawinen machen sie immer wieder unpassierbar.

Die Swanen sprechen ihre eigene Sprache und pflegen eigene Traditionen. Sie leben in einer rauhen, aber wunderschönen Bergwelt, die ihnen zum Überleben viel abverlangt.  Viele Reisende hat das neugierig gemacht. Der italienische Photograph und Bergsteiger Vittorio Sella hat Swanetien Ende des 19. Jahrhunderts besucht und eine beeindruckende Fotodokumentation hinterlassen.[1] 1996 wurde  Uschguli  zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Es steht beispielhaft für viele mittelalterlich anmutende swanische Dörfer mit ihren markanten Wehrtürmen.

Heute gehören Wandertouristen zu den neuen Pionieren. Wir treffen auf unserem Trek viele junge Menschen mit Zelten und Schlafsack. Wer es bequemer haben will, dem bieten Gasthäuser familiäre Unterkünfte. Einschlägige Reiseunternehmen bieten zudem gute Lösungen für die mühsame Anreise und den Gepäcktransport an.  

Der Wandertourismus nimmt stetig zu. Auf den Wegen treffen wir Russen, Chinesen, Amerikaner, Japaner, Australier, Israelis, Tschechen und natürlich auch Deutsche. Alle suchen das ursprüngliche, unberührte Swanetien. Noch hat dieses schöne Fleckchen Erde seinen besonderen Charme nicht verloren. Die Swanen leben ganz überwiegend in bescheidenen Verhältnissen. Der Tourismus ist noch überschaubar. Wanderer erwarten hier keine Luxushotels, sondern freuen sich, wenn sie in einfachen Unterkünften mit großer Gastfreundschaft empfangen werden. Wie lange geht das noch gut?

Von Betscho nach Maseri über den Baki Pass (2416 m)

[1] Die Dokumentation wird derzeit im Svaneti Museum of History and Ethnography in Mestia, der Bezirkshauptstadt Swanetiens gezeigt. Einige der beeindruckenden Fotografien finden sich auch hier: Vittorio Sella – National Archives of Georgia

Auf unserem Weg nach Adischi regnet es in Strömen. Wir sind klatschnass, aber bester Laune, weil Wandern auch bei Regen Spaß machen kann. Es ist der dritte Tag unserer fünftägigen Tour. Aufgebrochen sind wir im Weiler Betscho, haben die Bezirkshauptstadt Mestia und das Dorf Schabeschi hinter uns gelassen, die Etappenziele Iprali und Uschguli liegen noch vor uns. Die Wege sind gut ausgeschildert, meist auf georgisch und englisch, manchmal auch auf swanisch. Bleibt man auf den Routen, kann nicht viel passieren. Trittsicherheit ist von Vorteil, Kondition und gute Wanderschuhe mehren das Vergnügen. Denn wir laufen in Höhenlagen zwischen 1600 und 2700 Metern, jeden Tag geht es bis zu 1000 Meter rauf und wieder runter. Unsere Tagesetappen sind zwischen 11 und 17 km lang,  nach gut 7 Stunden sind wir meist am Ziel.

Die Landschaft ist atemberaubend, viele der höchsten Berge des Nordkaukasus – Uschba, Tetnuldi, Schchara – liegen in Sichtweite, Flora und Fauna sind außerordentlich artenreich. Wir bewundern die vielen endemischen Pflanzen, versuchen die bunten Schmetterlinge (mit der Linse) einzufangen, sehen (mit etwas Glück) mächtige Geier über uns kreisen. Auf kaukasische Braunbären treffen wir nicht, dafür auf Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen und ganze Schweinefamilien. Sie alle laufen frei herum und finden sich dann doch irgendwann wieder in ihren heimischen Ställen ein.

Kaukasische Wildbienen

Von einer Anhöhe blicken wir auf Adischi herab. Dieser kleine Weiler auf 2128 m Höhe ist eines der höchst gelegenen Dörfer Europas. Wir sehen die für Swanetien so typischen alten Wehrtürme, erbaut aus groben Natursteinen, wundern uns über die vielen eingestürzten Häuser und fragen uns, wie die Menschen in diesem gottverlassenen Fleckchen Erde, zu dem nur eine schlecht ausgebaute Schotterpiste führt,  überleben können. Und wie so oft auf unserer Reise durch Georgien, werden wir auch hier wieder eines Besseren belehrt. 

Zu Gast bei Marexu und Tato
Als wir im Weiler ankommen, begegnen uns als erstes die neugierigen Dorfhunde. Georgische Hirtenhunde sind große beeindruckende Tiere und nehmen ihre Aufgabe ernst. Im Reiseführer wird davor gewarnt, dass wir ihnen draußen auf Wiesen und Feldern, wo sie die Schaf- und Ziegenherden bewachen, nicht zu nahe kommen sollten. Doch die Hunde, denen wir hier begegnen, erweisen sich als freundliche und anhängliche Zeitgenossen. Vierbeiner, so erleben wir es, werden in Georgien so akzeptiert wie sind. Sie werden weder getreten, noch weggescheucht und erhalten die Essensreste vom Familientisch.  Tage später haben wir in Stepantsminda, einer georgischen Kleinstadt nahe der russischen Grenze, erlebt, wie ein großer Hirtenhund seelenruhig in der Eingangstür eines Supermarktes ruhte und alle Kunden mit großen Schritten über ihn hinweg stiegen, um in den Laden zu gelangen. Gestört hat das offenbar niemanden. Nur in der Nacht, da werden die Hunde laut. Und so ein mehrstimmiges und andauerndes Hundegeheul kann ein ganzes Dorf – oder nur uns Wandertouristen? – schon mal um den Schlaf bringen. 

Keti, unsere georgische Führerin, spricht fließend Deutsch und vermittelt uns mit großer Empathie und Sachkenntnis die Eigenheiten der swanischen Kultur. Sie kennt die Trekkingrouten wie ihre Westentasche und führt uns nun zielsicher durch das Gassengewirr von Adischi. Die Wege im Dorf  sind nicht befestigt und vom Regen matschig. Wir müssen aufpassen, nicht in aufgeweichten Kuhmist zu treten. Unsere heutige Unterkunft ist das Hotel Stone House, ein kleines zweistöckiges Haus, zum Teil aus rohen Steinen errichtet.  Weil unsere Gruppe recht groß ist, werden wir aufgeteilt und auch noch bei Verwandten in der Nachbarschaft untergebracht.

Zu Gast bei Marexu und Tato im Hotel Stonehouse

Nachdem wir unsere vollständige Bekleidung des Tages zum Trocknen auf die Wäscheleinen verteilt haben, finden wir uns im Wohnzimmer der Gastgeberfamilie ein. Das ist ein kleiner gemütlicher Raum, von einem Holzofen angenehm erwärmt. Das Wohnzimmer ist alles in einem: Küche, Esszimmer und Aufenthaltsraum für Familie und Gäste.  Die beiden Kinder, acht und zehn Jahre alt, vergnügen sich mit dem Smartphone der Mutter, manchmal dringt ein Gekicher aus der hinteren Ecke des großen Sofas. Wir wissen nicht, mit welcher App sie sich gerade amüsieren,  entscheidend ist für die Kinder aber,  dass das Internet funktioniert. In den Bergen fällt der Strom manchmal aus,  dann gibt es Kerzenlicht und ein freudiges Ooooh, wenn das Licht wieder brennt. Wir Erwachsenen können der Versuchung nicht widerstehen, tippen schnell das Wifi-Password ein, um auf unseren kleinen Bildschirmen zu erfahren, wie es unseren Lieben in der Ferne geht und was draußen in der Welt passiert.    

Unsere Gastmutter knetet Brotteig

Marexus Welt ist derzeit ganz greifbar in der Küche. Denn während wir warmen Tee und Kaffee schlürfen, jeder für sich die wichtigsten Infos einholt und wir dann gemeinsam den Tag Revue passieren lassen, bereitet sie das Abendessen für uns alle vor: 15 Gäste und 4 Familienmitglieder.  Wie sie das in ihrer kleinen Kochnische hinkriegt, ist ein kleines Wunder. Denn was sie später auf den Tisch bringen wird, lässt keine Wünsche offen.

Seit Tagen schon erleben wir Georgiens köstliche Küche. Alles kommt auf den Tisch, in kleinen Portionen, fast wie spanische Tapas, und in einer verblüffenden Vielfalt. Georgischer Salat aus Tomaten und Gurken, dazu ein Dressing mit Kräutern und kleingehackten Walnüssen, das ist einer der Klassiker. Auberginen, rote Beete, Bohnen, Kartoffeln, Erbsen und alles was sonst noch der Gemüsegarten hergibt (oder Marexus‘ Mann Tato mit dem Geländewagen mühsam herbeigeschafft hat). Alles wird gekocht oder gebraten, angerichtet mit Zwiebeln, Petersilie, Dill, Koriander, abgeschmeckt mit der leckeren swanischen Salzmischung. Dann die verschiedensten Suppen mit Gemüse-, Hühnchen-, Schweine- oder Rindfleischeinlage, die uns nach den langen Wandertagen besonders gut schmecken. Dazu das noch warme frischgebackene Brot,  dessen Teig Marexu noch vor ein paar Stunden geknetet hat.

Georgisches Abendessen, Teilansicht

Kein gutes Essen ohne wohlwollende Trinksprüche! Das Glas Wein oder das Gläschen Chacha, ein selbstgebrannter Schnaps – das gebietet die Höflichkeit – wird erst nach einem Trinkspruch und einer angemessenen Erwiderung erhoben. Dazu wird ein Tamada, ein Zeremonienmeister ernannt, der lobende Worte über die Gastgeber und die teilnehmenden Gäste spricht und den Anwesenden Gutes wünscht. Georgier, so erfahren wir, behandeln auch ärgste Feinde am Tisch mit ausgesuchter Gastfreundschaft, es fällt kein böses Wort, es gibt keine ironischen Spitzen. Das ist eine anspruchsvolle Vorgabe! Zum Glück haben wir in unseren Reihen eine Vielzahl von Schriftgelehrten (so viele zusammen gewürfelte Germanisten haben wir lange nicht mehr auf einem Fleck erlebt!), so dass wir schnell einen trinkfesten Sprecher berufen können. Unsere Gastgeberin hält eloquent die Antwortrede. Das ist zwar eigentlich Männersache, doch Tato, der inzwischen mit den beiden Kindern im schönen holzgeschnitzten Chefstuhl des Hauses Platz genommen hat, räumt seiner Frau freimütig das Feld.  

Unsere Führerin Keti übersetzt unermüdlich, und so kommen wir ins Plaudern und erfahren von dem Leben unserer Wirtsleute.  Tato erzählt von seinen Ausbauplänen für das Gasthaus, von den fünf Kühen, einem Stier und zwei Pferden, die er zu versorgen hat.  Wir hören, dass die Familie nur in den Sommermonaten in Adischi lebt, denn in dieser Zeit läuft das Geschäft mit den Wandertouristen. Mitte September, wenn die Schule wieder beginnt, fährt die Mutter mit den Kindern in ihre kleine Wohnung nach Tbilissi zurück. Im Herbst und Winter hält der Vater die Stellung, bleibt in Adischi und versorgt das Vieh. Das ist eine harte und einsame Zeit, denn im Winter wird es hier in den Bergen bitter kalt, und der Schnee macht die Zufahrtswege bisweilen unpassierbar.

Swanisches Haus mit Wehrturm in Adischi

Der Schutz der Wehrtürme
Wir machen einen Rundgang durch den Ort.  Vor ein paar Jahren hatte eine verheerende Lawine viele Häuser des Orts zerstört, sie stehen als Ruinen da. Viele Einwohner haben seitdem den Ort verlassen.  Auch einige der Wehrtürme haben Schaden genommen. Immerhin stehen sie hier schon seit fast einem Jahrtausend.  Etwa ab dem 11. Jahrhundert  begannen die Menschen in Swanetien Wehrtürme zu bauen. Sie wollten sich vor fremden Eindringlingen schützen. Denn in der Tat eroberten ab dem 13. Jahrhundert Mongolen, Perser und Osmanen das Land. Auch der Schutz vor Lawinen war ein wichtiger Beweggrund für den Bau der Wehrtürme. Deshalb wurden viele Türme mit den Mauerecken zum Berg hin gebaut. Swanische Wehrtürme sind 4 bis 5 Stockwerke hoch. Sie haben jedoch keinen ebenerdigen Türen, vielmehr klettern die Menschen mit Leitern in hoch gelegte Eingänge und ziehen dann zu ihrem Schutz die Leitern ein. 

Bisweilen war es auch geboten, die eigenen Familien und deren Hab und Gut vor unliebsamen Nachbarn zu schützen. Denn nicht immer ging es freundlich zu zwischen den verschiedenen Großfamilien. Verletzte jemand die traditionellen Regeln im Umgang miteinander, sei es bei der Nutzung der Weiden,  beim Holzeinschlag, oder bei unerwünschten Liebschaften junger Menschen, wurde Rache genommen, und das konnte blutig ausgehen. Ein Ehrenmord führte über Generationen hinweg zu immer neuen Blutrachen zwischen verfeindeten Clans.  Der preisgekrönte Film „Dede“ der Regisseurin Mariam Khatchvani aus dem Jahr 2017 zeigt eindrucksvoll, wie diese Traditionen bis in die Neuzeit nachwirken.  Er wird derzeit täglich in kleinen Sälen in Mestia und Uschguli gezeigt. 

Der heilige Georg  
Keti führt uns zu einer kleinen Kapelle am Rande des Dorfes. Sie ist den Heiligen Georg und Thomas geweiht. Der Heilige Georg ist der Schutzpatron Georgiens. Wie die Wehrtürme, ist auch die Kapelle schon Jahrhunderte alt. Häufig wurden solche kleinen Gebetshäuser von den Clans als Familienkapelle erbaut. Manchmal nutzen die Dorfältesten sie auch als Ort der Gerichtsbarkeit, um im Angesicht der gesegneten Ikonen Frieden zwischen streitenden Parteien zu stiften. An der Außenwand der Kapelle sehen wir ein Fresko mit Georg und seiner Lanze. Diesem Motiv begegnen wir in Swanetien häufiger – mit einer bemerkenswerten Besonderheit:  Aus der mitteleuropäischen Kunstgeschichte ist uns der Heilige Georg gemeinhin als Drachentöter bekannt.  In swanischen Darstellungen sehen wir jedoch,  wie er mit der Lanze den Kaiser Diocletian ersticht. Das spielt auf die blutigen Christenverfolgungen des römischen Kaisers zum Ende des 3. Jahrhunderts an. Georg, so die Legende, war ein christlicher Soldat im Heer des Kaisers, weigerte sich jedoch seinem Glauben abzuschwören und musste deshalb sterben. In ihren Georgsdarstellungen nehmen die Swanen Rache an seinem Tod. Das ist ihre ganz eigene Märtyrergeschichte. Im ethnografischen Museum von Mestia sehen wir eine besonders kunstvolle Darstellung dieser Version der Geschichte.

St. Georg ersticht den römischen Kaiser Diocletian; Arbeit auf Holz und vergoldetem Silber, 11. Jahrhundert, Svaneti Museum of History and Ethnography,  Mestia/ Georgien

Die Geschichte der Heiligen Nino
Auf unsere Reise durch Georgien erleben wir in berührender Weise wie die Religion den Menschen Halt gibt und Trost spendet. Kirchen, Kapellen und Ikonen werden hoch verehrt. Die Menschen bekreuzigen sich mehrmals vor jeder Kirche, beten vor den Ikonen, berühren und küssen sie. Manchmal stimmen sie auch Psalmen an. Immer werden Honigwachskerzen angezündet. Diese sehr intensive Gottverbundenheit ist für uns Mitteleuropäer oft ungewohnt, aber sie nötigt Respekt ab.  

Vielleicht liegt diese Religiosität auch an der Geschichte der georgischen Christianisierung. Georgien wurde sehr früh, fast zeitgleich mit Armenien christlich. Jede Georgierin und jeder Georgier scheint die Geschichte der Heiligen Nino zu kennen. Nino  – so die Überlieferung – kam als junges Mädchen im frühen 4. Jahrhundert aus Kappadokien (heute Türkei) nach Ostgeorgien. Sie verkündete die frohe Botschaft Jesu und heilte in der damaligen Hauptstadt Mtskheta (unweit vom heutigen Tbilissi) viele Kranke und insbesondere die Königin Nana, die Frau des damaligen georgischen Königs Mirian III.  Eine Kirche auf einem Hügel über Mtskheta erinnert an diese Begebenheit. König Mirian III., von der Heilung seiner Frau zutiefst beeindruckt, machte das Christentum alsbald zur Staatsreligion Georgiens. Heute ziert die Nationalflagge Georgiens ein großes rotes Kreuz auf weißem Grund, in den Ecken vier kleinere Kreuze.  Im Mittelalter war diese Flagge ein Symbol für das georgische Königreich. 2004, nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurde sie erneut eingeführt. Das ist bemerkenswert, denn wenn auch über 80% der Bevölkerung der Georgisch-Orthodoxen Kirche angehören, sind rd. 10-15 % Muslime oder Angehörige anderer Glaubensrichtungen. Doch Georgiens Verfassung garantiert die Glaubensfreiheit.

Mit dem Pferd über den Gletscherfluss unterhalb des Tetnuldi  (4858 m)

Auf einen Chacha im Café Tetnuldi
In Adischi hat der Regen unterdessen eine Pause eingelegt und wir machen uns auf zur angesagtesten Kneipe des Ortes, das Café Tetnuldi. Das Freiluftcafé bietet alles, was ein Touristenmensch vermeintlich braucht: Je nach Wetterlage ein Regen- oder Sonnendach über dem Kopf, einen wärmenden Holzofen, Tee, Bier und Schnaps sowie einen großen Flachbildschirm. Der findige Wirt, der mit seiner beeindruckenden Soundanlage das ganze Dorf bereits mit Elvis-Songs beschallt hatte,  will bei uns deutschen Wanderern nun mit der Übertragung der Bundesliga punkten. Das gelingt zwar nicht, dafür gibt es Herbert Grönemeyer und Chacha-Schnaps. Es ist kalt und deshalb verzichten wir diesmal auf längere Ansprachen.  Prost, Gaumarjos, Jos, Jos!

Das Café Tetnuldi bietet auch Pferdetaxis an. Was es damit auf sich hat, begreifen wir erst am nächsten Morgen. Denn da steht nach einer guten Stunde Fußmarsch die Überquerung eines Bergflusses an. Das Wasser kommt direkt aus dem mächtigen Gletscher des Tetnuldi. Wegen der Regenfälle der letzten Tage ist die Strömung besonders stark. Wer nicht durch das eiskalte Wasser waten möchte, macht das lieber auf dem Pferderücken. An der Furt treffen ein letztes Mal auf Tato. Auch er ist mit seinem Pferdetaxi gekommen, um die Wanderer überzusetzen. 25 Lari kostet der Ritt, gute 7 Euro, das ist es wert und gut für Tatos Familienkasse.

Noch zwei Tage bis Uschguli.  Immer wieder treffen wir auf freundliche Menschen wie Marexu und Tato mit ihren Kindern.  Wir wissen nicht, was ihnen die Zukunft bringt, aber an ihre Herzlichkeit werden wir uns dankbar erinnern.   

Klosteranlage in Uschguli mit Blick auf das Bergmassiv des Schchara (5200 m); alle Fotos von C. Sigrist, sofern nicht anders vermerkt.

Die Trekkingtour durch Swanetien wurde organisiert von Georgia Insight (GEORGIEN Reisen – individuell & exklusiv (georgia-insight.eu)), einem georgisch-deutschen Reiseveranstalter, der dank seiner ausgezeichneten einheimischen Führerinnen und Führer Wander- und Kulturreisen auf anregende Weise miteinander verknüpft.