Valle Maira: Wanderung durch eine außergewöhnliche Kulturlandschaft im Piemont

Valle Maira, Blick vom Colle Serasin (2040 m) nach Westen, Bild: C. Sigrist

Im Juli 2025 haben wir die Stiefel geschnürt und sind in den Piemont gereist. Unser Ziel: das Valle Maira. Die Maira entspringt in den italienischen Westalpen am Fuße mehrerer Dreitausender, nahe an der Grenze zu Frankreich. Sie durchquert das gleichnamige Tal und mündet südlich von Turin in den Po. In sieben Tagen erkundeten wir auf einer Rundwanderung von rund 80 Kilometern das mittlere und obere Maira-Tal. In munterem Auf und Ab zwischen 900 und 2300 Höhenmetern durchquerten wir große und kleine Seitentäler der Maira und überschritten zahlreiche Pässe mit faszinierenden Ausblicken. Wir passierten verlassene oder kaum noch bewohnte Bergdörfer und wurden jeden Abend von freundlichen Gastgebern aufgenommen, die uns Köstlichkeiten aus der regionalen Küche servierten. Die Herbergen sind Teil eines Netzwerks von Unterkünften mit dem Ziel, sanften Tourismus zu fördern. Erfahrene Gastwirte aus bekannten Touristenregionen Italiens haben sich im Valle Maira neu angesiedelt, setzen auf Wandertourismus und hauchen den verlassenen Dörfern neues Leben ein. Liftanlagen und große Hotels gibt es nicht. Im Valle Maira sollen die Gäste Ruhe finden.  Für Wanderer gibt es Halbpension in Mehrbettzimmern, Lunchpakete für die Tagestouren sowie Gepäcktransport zur nächsten Unterkunft. Das alles macht das Wandern im Valle Maira zu einem entspannten Vergnügen und einer faszinierenden Entdeckungsreise durch eine jahrhundertealte Kulturlandschaft. Auch für Skitourengeher ist das Valle Maira inzwischen fast kein Geheimtipp mehr.

Fast allein im Tal: 7 Tage Wandern im Valle Maira. Karte: Komoot

Dem Himmel ganz nah
Zu unserem Ausgangsort geht es steil hinauf in die Berge. San Martino Inferiore ist ein adretter Weiler mit stilvoll renovierten Steinhäusern und liebevoll angelegten Gärten. „Der Erde verbunden – dem Himmel ganz nah“, das ist das Motto des Centro Culturale Borgata San Martino. Borgata bedeutet Bergweiler. Die Stimmung in San Martino Inferiore ist so einladend, dass wir den Alltag schnell vergessen. Elisa ist die gute Seele dieses charmanten Ortes und betreut seit zwanzig Jahren ihre Gäste.  Sie hat unsere Wandertour mit organisiert und schickt uns gleich am nächsten Morgen auf den Weg hinauf nach Elva Serre, unserem ersten Etappenziel. Ihre guten Wünsche hat sie in unserer Lunchbox versteckt. Eine nette kleine Geste!

Haarverkäufer von Elva Serre, Bild: Haarmuseum Elva

Wein und Haarhändler in Elva
Am Nachmittag unseres ersten Wandertages sind wir im Bergdorf Elva angekommen. Wir übernachten im Gasthaus Locanda di Elva und können es kaum erwarten, zum Abendessen die Weinkarte zu studieren. Doch wer kann die Vorzüge der roten Nebbiolo- von jener der Dolcetta-Traube unterscheiden? Und wie steht es um den Säuregehalt der Barbera-Rebe?  Gottlob haben wir Weinexperten im Wanderteam, so dass dieser und alle folgenden Abende nicht ganz trocken ausfallen. Piemont ist nun mal für seine guten Rotweine bekannt.

Unterdessen haben wir noch von einer ganz anderen Spezialität dieses Ortes erfahren. Stell Dir vor, liebe Leserin und lieber Leser, Du hast eine geliebte Tochter mit schönem langen Haar und Du schneidest es dem armen Kind jeden Herbst direkt am Haaransatz ab, um durch den Winter zu kommen. Das ist nicht schön. Und  doch war dies für die Einwohner von Elva im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine bittere Realität. Weil sie bettelarm waren, wurden die Elvaner erfinderisch und haben tatsächlich mit ihren Haaren gutes Geld verdient. Sie verkauften die Frauenhaare an wandernde Haarhändler, die sie wiederum an Perückenmacher in Venedig, Paris, London oder New York weiter vermarkteten. Die Deutschen, so erzählt ein Haarhändler, waren eher kleinliche Kunden: Ein Berliner Perückenhaus hatte in Elva eine große Sendung glattes Haar bestellt. Unglücklicherweise sind auch ein paar Locken mit hineingerutscht. Die ungehaltenen Berliner haben daraufhin das ganze Paket wieder zurückgeschickt. Erfahren haben wir diese und weitere Anekdoten in dem anschaulich eingerichteten kleinen Haarmuseum von Elva.

Ein Schmetterlingsparadies, Bild: C. Sigrist

Im Reich der Schmetterlinge 
Am zweiten Tag wandern wir über Wiesen und Felder bis nach Ussolo. Wir erfahren, dass früher auf dem terrassenförmig angelegten Gelände Getreide angebaut wurde. Diese Zeiten sind vorbei. Dafür begegnen wir Rinderherden. Es sind die hier typischen weißen Piemont-Rinder. Auf den Almen des Valle Maira ist jetzt Muttertierwirtschaft angesagt.  

Bemerkenswert ist die Artenvielfalt. Unser Wanderleiter lehrt uns, den gelben Enzian vom weißen Germer zu unterscheiden: Beide haben gelbliche Blüten und sind auch im Blattwerk verblüffend ähnlich. Der Enzian trägt seine Blätter jedoch stufenweise auf der gleichen Höhe, der Germer trägt sie versetzt. Kenner wissen zu schätzen, dass aus der Wurzel des gelben Enzians ein guter Schnaps gewonnen werden kann. Faszinierend ist auch die Insektenwelt. Sonne, Wärme und der trockene Boden scheinen dem wilden Lavendel besonders gut zu bekommen. Und wo der Lavendel blüht, sind auch Bienen und Schmetterlinge nicht weit. Selten haben wir eine solche Vielfalt von Wildbienen und Schmetterlingen erlebt.

In Ussolo übernachten wir bei Marta im Gasthaus La Carlina. Mit ansteckender Fröhlichkeit empfängt sie uns in ihrem kleinen Biergarten. Die gelernte Köchin hat zuvor in den Dolomiten gearbeitet. Ihre geschmackvoll renovierte Locanda hat sie erst 2024 von der Gemeinde gepachtet. Seit Marta mit ihrem Freund nach Ussolo gezogen ist, leben nun immerhin fünfzehn Menschen im Ort. Einer ihrer Nachbarn hat in Acceglio, unweit von hier, eine kleine Brauerei eröffnet. Unseren ausgetrockneten Kehlen kommt das lokale Bier gerade recht.

Sakrale Kunst ist im Valle Maira weit verbreitet. Hier die Fresken des flämischen Malens Hans Clemer aus dem 15. Jahrhundert in der Kirche Santa Maria Assunta in Elva. Bild: C. Sigrist

Überquerung der Maira
Auf dem Programm des dritten Tages steht die Besteigung eines kleinen Gipfels. Der Punta Culour ist 2068 Meter hoch, mehr Gras als Fels, dafür aber bequem und ungefährdet zu erreichen.  Dort treffen wir auf eine Jugendgruppe aus Varese. Die Mädchen und Jungen sind ausgelassen und genau wie wir zufrieden, dass sie es bis hier oben geschafft haben. Die Ausblicke von der Punta in die Westalpen sind fantastisch. „Mehr Berge geht nicht!“ sagt unser Wanderleiter.  Er wird sich in den nächsten Tagen mehrmals wiederholen müssen.  

Auf dem Abstieg nach Ponte Maira kommen wir an einem alten Bunker vorbei. Ein zunächst überraschender Anblick. Aber er erinnert uns daran, dass es auch in diesem abgelegenen Tal kriegerische Auseinandersetzungen gab. Am augenfälligsten sind die Gedenken an den Ersten Weltkrieg. An öffentlichen Gebäuden finden sich Tafeln mit den Namen der Männer, die in der italienischen Armee zwischen 1915 und 1918 gefallen sind. Wir sehen indes keine öffentlichen Erinnerungen an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs unter Mussolini und auch nicht an die Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer in der Zeit von 1943 bis 1945. Dabei sind die deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS insbesondere im Verlauf des Jahres 1944 von Dronero aus massiv gegen Partisanen sowie gegen die Zivilbevölkerung im Valle Maira vorgegangen. Rückblickend war der Zweite Weltkrieg für Italien eine ebenso schwierige wie umstrittene Zeit.

In Ponte Maira überqueren wir erstmals den Fluss, der diesem Tal seinen Namen gibt. Wir kommen in dem stilvollen kleinen Familienhotel Locanda Mistral unter und ziehen in die Mehrbettzimmer im Nebenhaus ein. So eine gemeinsame Schlafkammer kann mitunter recht musikalisch sein. Wer es des Nachts etwas gedämpfter haben möchte, sollte die Ohrstöpsel nicht vergessen.   

Im Mistral ist Manuela die Chefköchin. Sie serviert uns ein ausgefeiltes Mehr-Gänge-Menu. Manuela ist gebürtig aus Ponte Maira. Nach  Ausbildungs- und Wanderjahren kehrte sie nach Ponte Maira zurück und renovierte das alte Gasthaus von Grund auf. Ihr Partner kommt aus Südtirol und ist der Hüter des Weinkellers. Er empfiehlt uns die Arneis-Traube. Auch der Weißwein macht dem Piemont alle Ehre.  

Quellgebiet der Maira, Bild: C. Sigrist

Über den Colle Ciarbonet nach Chialvetta
Der lockere Aufstieg von Ponte Maira über das Quellgebiet der Maira und durch den lichten Lärchenwald bis zum 2206 Meter hohen Ciarbonet-Pass gehört zu den schönsten Wegstrecken unserer Tour. Auch an unserem vierten Wandertag könnte das Wetter nicht besser sein. Hier finden wir die Stille, die das Wandern im Valle Maira so erholsam macht.

Nach einem langen Abstieg in das Bergdorf Chialvetta ist wieder das lokale Bier und Cappucino angesagt. In der Osteria della Gardetta ist heute Rolando Comba unser Gastgeber. Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ein Meister seines Fachs. Seine Rigatoni an Tomaten-Pesto-Sauce zum Abendessen sind einfach die besten. Und dennoch, wir schaffen es nicht, die Nudelschüsseln zu leeren. Denn die sind erst der Anfang. Als Hauptspeise serviert Rolando Hasenragout mit Polenta.  Wieder so ein Volltreffer. Den Blattsalat hat er frisch aus seinem Garten geholt – und muss gleich für Nachschlag sorgen. Doch der rüstige Mittsiebziger hat noch weit mehr zu bieten als die gute Küche.    

Typisches Bergdorf im Valle Maira. Bild: C. Sigrist

Chialvetta liegt auf 1500 Meter Höhe in einem Seitental des Valle Maira. In den 1950er Jahren wurde Rolando Comba hier geboren und er hat hier auch die Dorfschule besucht. Zwanzig Jahre später übernahm er das Gasthaus seiner Eltern. Die hatten es schon 1935 gegründet. Damals war Chialvetta ein Bergdorf mit ein paar Hundert Einwohnern. In der Dorfkirche liegt ein Fotoalbum aus, das aus vergangenen Zeiten erzählt: Die Menschen lebten weitgehend in Autarkie. Die kargen Erträge ihrer Felder, die Milch, das Fleisch und der Käse ihrer Schafe und Ziegen reichten nur für das Allernötigste. Heute leben nur noch eine Handvoll Leute im Ort. Viele der alten Steinhäuser mit den charakteristischen Schieferdächern und Holzbalkonen sind verfallen, einige wurden saniert und dienen nun als Ferienwohnungen.

Chialvetta steht für viele Bergweiler im Valle Maira. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts fand eine massive Auswanderung aus dem Tal statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sie sich weiter. Denn „in der Ebene“, wie die Leute sagen, zum Beispiel bei Fiat in Turin, verdient man weit mehr als mit hausgemachtem Ziegenkäse. Deshalb zählen viele Bergweiler heute nur noch wenige Einwohner oder sind ganz ausgestorben.

Schusterwerkzeug in Rolando Combas ethnografischem Museum, Bild: C. Sigrist

Rolando stemmt sich gegen diesen Trend. Er möchte das Tal wiederbeleben. Das tut er, indem er die Jahrhunderte alte Kultur und die Traditionen seiner Heimat in Erinnerung ruft. Dafür hat er sein ganz persönliches ethnografisches Museum aufgebaut. Seit 1992, so erzählt er uns, sammelt er Kleidung, Möbel, Haushaltsgeräte, Werkzeuge, Maschinen, Jagdgeräte, Schlitten, Skier – also alles womit die Menschen in diesem Seitental der Maira gelebt und gearbeitet haben.  Zwei Stockwerke einer alten Scheune hat er damit schon gefüllt. Das „Haus, wie es einmal war“,  so könnte man den Museumsnamen übersetzen, ist eine faszinierende Zeitreise in die Vergangenheit des Maira-Tals.

Über den Pass nach Finello zum „Klimahotel“ Lou Pitavin
Am nächsten Morgen, es ist unser fünfter Wandertag,  brechen wir früh auf, denn es geht zum höchsten Punkt unserer Tour, dem Joch Soleglio Bue auf 2338 Meter Höhe. Der Aufstieg durch den Lärchenwald ist bisweilen steil und mühsam. Jenseits der Baumgrenze wird es sogar hochalpin.  Der Abstieg ist dagegen entspannt. Wir spazieren durch blühende Almwiesen. Wenn man das Ohr an die Grasnarbe hält, wird es vom munteren Zirpen, Trillern, Summen und Brummen der Insekten richtig laut! 

Nach ein paar mühsamen Kilometern auf der Landstraße erreichen wir endlich die Locanda Lou Pitavin (zu Deutsch: Der Specht). Diese Herberge mit ihren wunderschönen Gartenanlagen ist wieder so ein Traum.  Sie ist ein zertifiziertes Klima-Hotel und hat sich zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung verpflichtet. Hier sind auch die „billigen Plätze“, also die Mehrbettzimmer für die Wanderer, ebenso stilvoll wie das ganze Hotel eingerichtet. Auch beim Abendessen wird nicht gespart. Die Gastgeber dieses offenkundig gut besuchten Hauses haben alle Hände voll zu tun. Viel freie Zeit für andere Dinge bleibt da nicht. Beim Abschied gesteht uns der Chef mit einem Lächeln: „We live in a paradise, but at the same time in a prison!“

Sardellen in Salzfässern, ein verbreiteter Handel im 18. und 19. Jahrhundert. Bildquelle: Il Sale nelle Vene, Storie di Acciugai della Valle Maira, Dronero 2009

Vorletzte Etappe: Einsiedlermönch und Sardellenhändler
Wenig später werden wir einem Menschen begegnen, der das Valle Maira ebenfalls zu seinem Paradies erklärt hat.  Der hochgebildete Benediktinerpater Sergio hatte als 48-jähriger vom Kirchenbetrieb im Vatikan genug und zog 1978 in die Einsamkeit der Berge. Hier blieb er 36 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 2014.  In Alto di Marmora, auf 1580 Meter Höhe, in einem bescheidenen Haus unterhalb der sehenswerten Kirche San Massimo,  richtete er sich eine Bibliothek mit sage und schreibe 62 Tausend Büchern ein.

All dies erzählt uns Massimo, der Wächter der Bibliothek, der uns freudig hereinbittet. Stolz führt er uns durch die eng gestellten Bücherwände und erläutert, dass Pater Sergio seinen Bestand auf die Räume „Himmel“, „Hölle“ und „Fegefeuer“ aufgeteilt hat. Die Kriterien für dieses ungewöhnliche Ordnungsprinzip blieben sein Geheimnis. Pater Sergios kleines Kloster wurde inzwischen renoviert und dient als kulturelle Begegnungsstätte. Zum Abschied serviert uns Massimo Kaffee und wir sind um die Erkenntnis reicher, dass dieses Tal ganz besondere Menschen anzieht.

Palent ist sicherlich der einsamste Ort auf unserer Wegstrecke. Der Weiler liegt an einem steilen Nordhang, rundherum dichte Fichtenwälder. Palent besteht nur aus ein paar Häusern, viele davon sind verlassen und dem Verfall preisgegeben. Und wäre da nicht Gianni, unser Hüttenwirt der Locanda Palent, wir wären vermutlich gleich weitergezogen. Gianni wohnt in Turin und kommt nur, wenn er Gäste hat. Er freut sich schon, dass ihm Frau und Hund bald Gesellschaft in der Einsamkeit leisten werden.

In dieser Gegend des Tales gibt es sehr viel Holz. Früher wurden hier Fässer für den Salzhandel hergestellt. Einige geschäftstüchtige Bewohner des Tales hatten aber eine noch bessere Idee. Eine Version dieser Geschichte geht so: Weil der Salzhandel so hoch besteuert wurde, verkauften die Menschen stattdessen Sardellen. Die „Acciugai“, die Sardellenhändler, aber legten ihre Ware zur Konservierung in Salz ein. Der würzige kleine Fisch wurde an der Mittelmeerküste gefangen und in ganz Norditalien für gutes Geld verkauft. Ja, und das Salz wurde als unbesteuertes Nebenprodukt gleich mitgeliefert. 

Am Ziel in San Martino. Foto: C. Sigrist

Respekt
Unsere Wanderung neigt sich dem Ende zu. Noch einmal überqueren wir die Maira und stiefeln wieder hoch nach San Martino. Was bleibt uns in Erinnerung?  Eine beeindruckende Landschaft und beeindruckende Menschen, die seit Jahrhunderten versuchen, in diesem abgelegenen Tal das Beste aus ihrem Leben zu machen. Nach sieben Tagen Wanderung, vielen guten Gesprächen und informativer Lektüre ziehen wir den Hut und sagen: Respekt vor den Menschen in diesem Tal, alles Gute und auf Wiedersehen!

Die Tour durch das Valle Maira haben wir als Wandergruppe des Deutschen Alpenvereins, Sektion Hochtaunus Oberursel, in Kooperation mit ReNatour durchgeführt. Link:  Wandern im Piemont: Wanderreise im Valle Maira | ReNatour. Ein empfehlenswertes Wanderlesebuch ist: Ursula Bauer, Jürg Frischknecht, Antipasti und alte Wege. Valle Maira – Wandern im Piemont, 10. Auflage, Zürich 2024

Blüten, Sand und Störche – Eine Wanderung an Portugals Atlantikküste  

Unterwegs auf dem Fischerpfad

Rund 100 Treppenstufen sind es vom Klippenrand hinunter bis ans Wasser. Es ist Ebbe, der breite Sandstrand der Praia do Brejo Largo, hier und da durchbrochen durch Felsblöcke,  reicht bis fast an den Horizont. Schnell streifen wir die staubigen Wanderschuhe ab, laufen barfuß an der Brandung entlang und klettern in die nächste Bucht. Welch ein Glücksgefühl! Das Meerwasser reinigt den verschwitzten Körper, die Frühlingssonne wärmt die Glieder auf, die Atlantikbrise kühlt die Stirn. Ein Möwenschwarm lässt sich von unserem Freudentaumel nicht beeindrucken, kennt das alles schon länger, flattert nur kurz auf und setzt dann seine Muschelsuche fort.

Dünen, Klippen, Meer
Wir sind im südportugiesischen Alentejo auf unserer zweiten Etappe des „Fischerpfads“ – dem vielleicht schönsten Teil der „Rota Vicentina“ – unterwegs. Los ging es in Porto Covo, zwei Stunden Busfahrt südlich von Lissabon gelegen. Ziel unserer viertägigen Wanderung ist Odeceixe, ein Ort nahe der Mündung des Ceixe. Das Flüsschen bildet die Grenze zwischen dem Alentejo und der Algarve, Portugals bekanntester Urlaubsregion. Das Fernwanderwegenetz der „Rota Vicentina“ darf hingegen noch als Geheimtipp gehandelt werden, denn der Ausbau begann erst vor rund 10 Jahren. Bürgervereine in der Küstenregion des Alentejo haben sich vorgenommen, sanften Tourismus zu fördern. Das Projekt wird von der Europäischen Union großzügig unterstützt und von den Wandertouristen dankbar angenommen. So verläuft der Fischerpfad überwiegend durch den geschützten „Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina“. Rund 75 km mäandert der Weg durch Dünen, an Klippen hoch über dem Meer entlang, am Strand nahe der Brandung, durch Küstenwälder und bisweilen auch durch stacheliges Macchia-Gestrüpp. Gut die Hälfte der Strecke verläuft auf sandigen Wegen. Das ist mitunter mühsam. Doch wer Erholung ohne große Hotelanlagen, Fastfoodketten und Blechkarawanen sucht und zudem ein bisschen Anstrengung nicht scheut, ist hier richtig.

Jede Bucht ist anders

Das Wandern entlang der Küste wird zum Fest der Sinne:  Ständig haben wir das Rauschen der Brandung im Ohr, die salzhaltige Luft ist Labsal für die Nase, und die Wildblüten im Frühling sind eine wahre Augenweide. Die kleinen Küstendörfer mit ihren weiß getünchten Häusern, in denen wir am Abend Quartier finden, haben Charme, bieten hervorragende regionale Küche und werden fangfrisch von den örtlichen Fischern beliefert. 

Wildblumen soweit das Auge reicht

Rote Nelken für die Freiheit
Heute ist ein besonderer Tag, denn die Portugiesen feiern den 49. Geburtstag ihrer Nelkenrevolution. Der Aufstand begann just in unserer Wanderregion, im Alentejo, wo mittellose Landarbeiter gegen Großgrundbesitzer aufbegehrten. Am 25. April 1974 stürzten Offiziere den langjährigen Diktatur Antonio de Oliveira Salazar. Als die Putschisten Lissabon erreichten, steckten ihnen Frauen rote Nelken in die Gewehrläufe. Das war ansteckend, denn noch im gleichen Jahr wurde Griechenland (wieder) demokratisch, Spanien folgte drei Jahre später.

Was bedeutet den Menschen dieser Feiertag? Die Lissaboner Zeitung „Diário de Notícias“ schreibt, dass die Demokratie in Portugal auch nach fast 50 Jahren kein Selbstläufer sei.  Die Freiheit, so der Autor, ist ein Paradox, denn sie wird von denen bedroht, die sich die Freiheit nehmen, um sie zu bekämpfen. Somit muss sie beständig verteidigt werden.  

Auf der Suche nach einem besseren Leben
Als wir den Weiler Almograve erreichen, treffen wir auf auffallend viele junge Männer mit südasiatischen Gesichtszügen. Einige mit Turban, sie gehören offenbar der Glaubensgemeinschaft der Sikh an. Anders als wir tragen die Männer weder Rucksäcke, noch verschwitzte Wanderklamotten. Sie sitzen alleine oder in Gruppen zusammen, denn der 25. April ist auch für sie ein arbeitsfreier Tag. Viele telefonieren.

Wer sind diese Menschen, die hier offenkundig nicht zuhause sind?  Im Café „Sabores e Mar“, in dem sich am Nachmittag die Wanderer versammeln, bringt uns eine junge Frau, die nicht sehr portugiesisch aussieht, den Kaffee. Sie erzählt, dass sie gerade erst vor drei Wochen aus  Kathmandu eingetroffen sei. Der Kellner im „Mar Azul“, ein  nepalesisches Restaurant,  kommt aus dem südnepalesischem Chandrapur und hat dagegen schon vor acht Jahren im Restaurant seines Onkels angeheuert. Uns fällt auf, dass sich in den Dörfern auf unserem Weg etliche asiatische „Minimarkets“ angesiedelt haben. Hier stocken wir hier unsere Wanderverpflegung auf, doch das Warenangebot richtet sich eindeutig auch an eine asiatische Klientel. Was also machen die vielen Asiaten in dieser Gegend?

Arbeitsmigranten in Almograve

Der Kellner im Fischrestaurant „O Lavrador“ erzählt, dass die Männer in den „estufas“, den Gewächshäusern der Gegend, arbeiten.  Ein Blick auf Google Maps bestätigt, dass unweit vom Ort großflächig Tomaten, Obst und Waldbeeren angebaut werden. Nach ein paar weiteren Klicks im Internet wird klar: In Portugals Landwirtschaft arbeiten rund 50.000 Nepalesen und 200.000 Inder, viele davon im Alentejo, wo einheimische Arbeitskräfte fehlen. Hier entsteht eine neue Generation südasiatischer Landarbeiter, denn Portugals Früchteexport nach Nordeuropa – vor allem nach Deutschland – boomt. Der Strom der Zuwanderer in den Alentejo wird also weiter anschwellen. Begünstigt wird dies durch eine liberale portugiesische Einwanderungspolitik, aber auch durch Vermittler, die an den Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben mitverdienen. Der freundliche Ram hat seinen „Minimarket“ noch am späten Abend geöffnet. Ich frage den Nepalesen wie es ihm in Portugal gefällt. Er lächelt höflich und sagt, dass er mit seinen beiden Läden ein Auskommen habe. Risiken und Chancen der Arbeitsmigration liegen auch hier im Alentejo eng beieinander. Und ich weiß nun, wem ich die leckeren Heidelbeeren in meinem morgendlichen Müsli zu verdanken habe.    

Rüstige Rentner und Frauengruppen
Die Wanderung auf dem Fischerpfad ist ein multikulturelles Erlebnis.  Denn am Tage auf den Wegen und am Abend in den Cafés und Restaurants hören wir viel Munteres auf Italienisch, Englisch, Spanisch und natürlich auch auf Deutsch. Denn auch im Alentejo sind wir Deutschen die Wanderweltmeister. Holländisch hört man weniger, erst wieder in der Nähe der Campingplätze. Es sind, so scheint es uns, viele nette Leute unterwegs, junge Menschen, rüstige Rentner aus Nordeuropa, na klar, darunter viele Frauengruppen und Solowanderinnen. Und dann begegnen wir immer wieder der lachenden „Zeltstange“ und – wir nennen ihn einfach mal so – „Charles“. Die fröhliche Italienerin lässt ihre lässig im Rucksack verstaute Zeltstange weit in den Himmel ragen und jener eigenwillige Brite mit Rauschebart ist mit Bügelfaltenhose und Businesshemd unterwegs.  

Praia da Amália

Wer ist Amália?
An unserem vierten Wandertag sind wir irgendwo zwischen Zambujera do Mar und Odeceixe unterwegs. Hier an den Klippen an einem der schönsten Küstenabschnitte unserer Tour steht das Gästehaus Amália Rodrigues sowie ein Hinweisschild zur „Praia da Amália“.  Das hätte ich fast übersehen – ein schweres Versäumnis! Denn wir stehen vor dem Refugium der Sängerin Amália Rodrigues, für die Portugiesen die Ikone und Identifikationsfigur schlechthin. Amália – sie wird von Ihren Anhängern nur mit dem Vornamen genannt – wuchs in den 1920er und 1930er Jahren in ärmlichsten Verhältnissen in Lissabon auf und entwickelte sich mit ihrer einzigartigen Stimme zur bedeutendsten Fadosängerin des Landes. Sie wurde zum Vorbild für Generationen nachfolgender Künstlerinnen, die das Genre bis heute erfolgreich weiter entwickeln. Mariza, Ana Moura oder Cristina Branco, um nur einige zu nennen, nehmen mit ihren schönen melancholischen Stimmen die Menschen mit auf die Suche nach den Geheimnissen der menschlichen Seele.

Wir machen uns dagegen auf die Suche nach Amálias Strand. Durch dschungelartiges Gelände führt ein steiler Weg eine Schlucht hinab. Unten angekommen, erwartet uns eine wunderschöne und fast menschenleere Bucht. Wir spazieren über den Strand, tauchen ein in die eiskalten Wellen und spülen das Salz unter einem kleinen Wasserfall ab. Dann schnüren wir wieder die Wanderschuhe, erklimmen  die Klippen und laufen hoch oben über der Brandung weiter Richtung Süden.  Bis zum Leuchtturm des Cabo San Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas, sind es nur noch 50 Kilometer.

Störche nisten auf Klippen

Ciconia cinonia
„Den gibt‘s auch in Hessen“, wird uns später unsere neidische Nachbarin belehren. Die Rede ist vom großen Weißstorch, auch Klapperstorch genannt. Er nistet für gewöhnlich auf Schornsteinen oder Masten, seit ein paar Jahren auch wieder in deutschen Gefilden. An Portugals Atlantikküste aber bauen Störche ihre großen Nester auf Felsspitzen hoch über der Brandung, und das ist, wie Ornithologen versichern, einzigartig. Hier kann die Brut ungefährdet wachsen. Von Atlantikstürmen oder neugierigen Wander:innen lassen sich die großen Vögel nicht beeindrucken.

Ungebändigte Natur, Wind und Meeresrauschen – und die Freundlichkeit der Menschen, das sind die Highlights unserer Tour auf dem Fischerpfad. Es braucht nicht viel um zu begeistern. Die Macher der Rota Vicentina haben ihren Weg gefunden.

4-Tage-Wanderung von Porto Covo nach Odeceixe; Kartenquelle: Komoot

Informationen zu Wanderrouten, Unterkünften und Verpflegung finden sich u.a. hier: Rota Vicentina SW Portugal  sowie im Rother Wanderführer, Rota Vicentina, 2021

Einen Einstieg in die Welt der Fadomusik bietet die Dokumentation:  WDR KLASSIK: Wir alle haben Amália im Blut: Amália Rodrigues und die Fado-Szene | ARD Mediathek , 2022

Eine Reportage über asiatische Arbeitsmigranten in Portugal findet bei der Deutschen Welle: Arbeitsmigranten – asiatische Billigpflücker in Portugal | Global 3000 – Das Globalisierungsmagazin | DW | 25.04.2022