Abschied von gestern – ein Rundlauf am Rhein

Alles, was keiner mehr will, kommt weg.

Unterm Sitzpolster des Esszimmerstuhls hängen die Drahtfedern heraus.  Der Bezug ist abgewetzt und fleckig, die Ecken sind aufgeplatzt. Mit anderem Gerümpel steht er wie bestellt und nicht abgeholt im Wohnzimmer herum. 

Vorsichtig nehme ich Platz, schnüre mir die Laufschuhe und verlasse das fast leere Haus. Der Schlüssel kommt unter die Mülltonne. Es ist meine Abschiedsrunde durch den Rheinauenpark. 

Das Wetter ist an diesem frühen Samstagmorgen prächtig. Ich höre die Vögel richtig laut zwitschern und treffe auf der Straße ältere Menschen, die ihre gleichaltrigen Hunde ausführen. 

Rundlauf durch den Bonner Rheinauenpark: Donatusstraße, Kennedyallee, Kolumbusring, Europastraße, Martin-Luther-King-Straße, Auensee, von-Sandt-Ufer (Rheinuferweg), St. Evergislus Friedhof, Auerhofstraße, Leonardusstraße, Donatusstraße; 5,9 km

Der Parkplatz vor dem ALDI Supermarkt an der Kennedyallee ist praktisch leer. Auch der Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang sowie der Platz gegenüber sind frei. Der Pfahl mit dem Behindertenschild steht wieder aufrecht. Im Blumenbeet vor der Parkbucht sind keine Reifenspuren mehr erkennbar. Alles wirkt friedlich an diesem Morgen.

Nilgänse, Baseball und Solarenergie
 Im Wohnpark jenseits der Kennedyallee hoppeln die Karnickel auf den feuchten Rasenflächen herum. Sie scheinen hier Hausrecht zu haben und lassen sich von mir nicht aus der Ruhe bringen. Die schmucken, aber bescheidenen Häuserzeilen aus den 50er und 60er Jahren gehören zur amerikanischen Siedlung in Plittersdorf.  Davon zeugen auch die Straßennamen: Kennedyallee, Kolumbusring, Martin-Luther-King-Straße. Ich weiß nicht, wie viele Amerikaner hier heute noch leben. Das Gebäude des amerikanischen Clubs, wo sich die Familien sonntags zum Brunch trafen, ist schon seit langem geschlossen und wegen Einsturzgefahr abgeriegelt. Die Wände sind mit Graffitis besprüht.

Ein paar Erinnerungen an amerikanische Zeiten gibt es noch. Auf dem Platz, den jetzt eine wachsende Schar von Nilgänsen okkupiert, trainiert das Baseballteam der Bonn Capitals. Das Team entstand um die Wendezeit, gegründet von Freunden Amerikas. Inzwischen spielt es immerhin in der Champions League. Auf der Martin-Luther-King-Straße stoße ich auf einen bekannten Firmennamen, der nun auch schon Geschichte ist: Hinter hochgewachsenen Büschen liegt das ehemalige Hauptquartier der Solarworld AG. 2017 musste das einstige Bonner Vorzeigeunternehmen Insolvenz anmelden. Üppige Subventionen aus dem Energieeinspeisegesetz (EEG) hatten Solarworld einen privilegierten Platz an der Sonne verschafft. Dann aber holte die Konkurrenz aus China auf. 

Die Nilgänse im Rheinauenpark vermehren sich schneller als die Karnickel.

Inzwischen bin ich im Rheinauenpark angekommen. Auf dem Auensee breiten sich Seerosenblätter aus. 1979 wurde der Park für die Bundesgartenschau angelegt. Es wurden eigens Hügel aufgeschüttet, die die Silhouette des Siebengebirges auf der anderen Rheinseite widerspiegeln sollten. Damals sah das alles ziemlich künstlich und kahl aus. Gute vierzig Jahre später ist der Park wunderbar eingewachsen. Die großen Bäume verstecken auch eine mittendrin gelegene Kläranlage.

Schwäne und Raver
Nahe am Seeufer verläuft ein schöner Naturpfad, ideal zum Joggen. Es scheint so, als hätten sich heute Morgen die wenigen Parkbesucher die Flächen untereinander aufgeteilt. Hier die Nilgänse mit zahlreichem Nachwuchs. Dort die Schwanenkolonie. Die großen weißen Vögel demonstrieren Selbstbewusstsein. Jogger sollten besser Abstand halten.  

Und dann sind da noch jene Gäste, deren wummernde Geräusche ich schon lange höre, bevor ich die jugendlichen Raver am Seeufer campieren sehe. Zum Cool-Sein gehört der Geräuschpegel einfach dazu. Und auch Hochprozentiges. Am Grillplatz stehen ziemlich viele leere Flaschen herum.

Schwanengesang oder Morgengymnastik?

Oben auf einem der Hügel liegt das Parkrestaurant Rheinaue. Wie häufig dort die Eltern über die Jahre mit Kindern, Enkeln, Urenkeln, Pflegerinnen und Pflegern zu Gast waren, hat keiner mitgezählt. Als der Vater, weit in den Neunzigern, nicht mehr konnte, zückte die Mutter ihre Scheckkarte, raunte dem Sohn für alle hörbar die Geheimnummer zu und ließ die Rechnung von ihm begleichen. Der Mann zahlt. Für sie gehörte sich das so.

Hinter der Südbrücke ragt das alte Abgeordnetenhochhaus heraus. Es stammt aus der Zeit, als Deutschland noch aus Bonn regiert wurde. Inzwischen ist dort das UN-Klimasekretariat eingezogen. Bonn hat trotz des Umzugs der Hauptstadt dank des Bonn-Berlin-Gesetzes  einen beachtlichen Boom erlebt.  

Rheinwasser an Friedhofsmauern
Unterhalb der Südbrücke trabe ich zum Rhein hinunter und nehme den Uferweg nach Süden. Ein Kilometerstein für die Schifffahrt zeigt an, dass der Rhein hier schon 651 km lang ist. Ich laufe ein paar Kilometer stromaufwärts. Mit den langsameren Kähnen kann ich sogar Schritt halten. Das Wasser schwappt an die Böschung. Nach den vielen Regenfällen des Sommers führt der Fluss reichlich Wasser. Vor ein paar Jahren wuchsen auf dem austrocknenden Flussboden noch Tomatenpflanzen.  

„Der Rhein hat wenig Wasser!“ pflegte die Mutter zu sagen. Was zunächst noch Small talk war, erstarrte später zur wiederkehrenden Floskel, ganz unabhängig vom Wasserstand. Als der Sohn den Vater vor ein paar Jahren am Rhein spazieren fuhr, reichte das Wasser noch bis knapp an die Friedhofsmauern der St. Evergislus Kirche. Der Rollstuhl drohte im Morast stecken zu bleiben.  

Friedhofsmauern von St. Evergislus

„St. Evergislus hat den einzigen Friedhof in Bonn mit Unterbodenreinigung“ scherzte später der Gemeindepfarrer über das wiederkehrende Hochwasser am Rhein. Er war zur letzten Ölung des Vaters herbei geeilt. Ich erkundigte mich, ob auf dem Friedhof noch Platz wäre. Denn die Friedhofsverwaltung hatte dem Vater früher einmal geraten, doch bitte „ein halbes Jahr vorher“ nochmal nachzufragen. Das „halbe Jahr“ war jetzt plötzlich vorbei. 

Prunk am Abgrund
Nach dem Unfalltod der Mutter auf dem ALDI Parkplatz waltete ein neuer Gemeindepfarrer seines Amtes. Und fristgerecht gab es auch noch ein Sechswochenamt in der Bonner St. Remigius Kirche. Der Zufall wollte es, dass an diesem Gedenksonntag auch ein Kölner Weihbischof zur Visitation in Bonn weilte. Und so geriet die Familie unfreiwillig mitten hinein in das Kölner Bistumsdebakel.

Dem Bischof zu Ehren wurde in der Messe der ganze Prunk katholischer Hochämter aufgefahren. Selbst im Schlaf könnte ich die typischen Gerüche und Geräusche wieder erkennen: Weihrauch wird in alle Himmelsrichtungen geschwenkt, Räuchergefäß und Kette machen dabei dieses typisch scheppernde Geräusch. Von der Empore erschallen Orgel- und Trompetenklänge. Die zahlreichen Messdiener im rotweißen Gewande schreiten beim Einzug in die Kirche in Reih und Glied vor Pfarrer und Bischof einher. Ansonsten sieht man sie mal stehend, mal kniend neben dem Altar. Einer von ihnen aber muss höllisch aufpassen und an der richtigen Stelle klingeln, wenn in der Wandlung der Leib Christi präsentiert wird. Danach gilt es, die Klingel möglichst geräuschlos wieder abzustellen. Die ganze Gemeinde passt auf, dass das auch klappt. Eine Ordensschwester – tatsächlich tritt an dieser Stelle der Messe eine Frau auf – trägt in der Lesung einen Brief von Paulus an die Korinther (1 Kor 7, 32-35) vor. Paulus schreibt über das Verhältnis von Männern und Frauen und wie sie Gott, dem Herrn in rechter Weise dienen können. Der kurze Text geht – in Auszügen – so:

Brüder! (…) Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.

Der Weihbischoff predigt dazu mit ruhiger Bassstimme. Alles geschieht in Liebe und Dienerschaft zu Gott. Das überrascht aus seinem Munde nicht, aber hat er in Sachen Sexualität nicht ein zentrales Thema unerwähnt gelassen? Wenige Wochen später lässt der Bischoff sich im Zuge der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum Köln und dem darin gemachten Vorwurf des pflichtwidrigen Umgangs mit sexualisierter Gewalt von seinen Aufgaben freistellen. Was er sich vorzuwerfen hat, wird – weiß Gott! – wohl sein Geheimnis bleiben.

Auf dem Weg vom Rheinufer zum Elternhaus mache ich einen Umweg über den St. Evergislus Friedhof. Vor dem Grab der Eltern zu stehen, ist kein einfacher Moment.  Ich streiche den feinen Rindenmulch glatt, zupfe ein paar verwelkte Blüten aus dem Blumenschmuck. Zur Ablenkung denke ich an das nächste Rheinhochwasser. Es kommt so sicher wie das Amen in der Kirche und mit ihm dann auch die versprochene Unterbodenreinigung.

Ein Cappuccino hilft immer weiter
Das Haus ist angenehm kühl und still. An der großen Wohnzimmerwand hängt noch ein kleines Aquarell, das keiner mehr wollte. Alles, was keiner mehr wollte, hängt, steht oder liegt noch herum. Die Aufteilung der anderen Dinge folgte einer Dramaturgie, die nicht unbedingt weiter zu empfehlen ist. Ich hatte gedacht, Hinterbliebene wären gut beraten, zusammenzurücken. Tatsächlich scheinen die Fliehkräfte stärker zu sein.    

Die Frühstückcroissants aus dem ALDI und der Cappuccino to go aus dem Café nebenan sind richtig lecker. Das Auto habe ich beim Einkauf etwas abseits geparkt.

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