„No matter what“: Das Matterhorn  

Der schönste Berg der Welt?

Es gibt nur wenige Berge auf der Welt, die so intensive Träume auslösen wie das Matterhorn. Und zu viele davon enden mit dem Tod. Das galt schon für den Briten Edward Whimper und seine eilig zusammengewürfelte Truppe, die am 14. Juli 1875 erstmals den Gipfel erreichten. Whimper war im Wettbewerb mit einer italienischen Seilschaft nur etwas schneller. Doch die Freude währte kurz, denn beim Abstieg stürzten vier seiner Kollegen tödlich ab. Die Diskussion um das gerissene Sicherungsseil befeuert den Mythos Matterhorn bis heute. Das einst bettelarme Dorf Zermatt am Fuße des Berges wurde weltberühmt und erlebte den größten Alpentourismusboom aller Zeiten. Das mehrdeutige Motto der Macher von heute lautet: „Zermatt. No matter what“.

Unzählige Alpinisten haben sich inzwischen in das Gipfelbuch eingetragen. Auch Theodore Roosevelt und Winston Churchill haben es  in ihren jungen Jahren bis nach ganz oben geschafft. So wird es im Zermatlantis, dem Matterhorn Museum in Zermatt, erzählt. Und Luis Trenker, der Held des Filmklassikers „Der Berg ruft“, war natürlich auch schon oben. Heikel ist indes der Abstieg. Acht bis zehn Tote pro Jahr gehen auf das Konto des „Toblerone-Berges“. Das Matterhorn gehört zu den tödlichsten Bergen der Welt. Die Rettungsteams von Air Zermatt sind rund um die Uhr beschäftigt.[1] 

Der lange Weg zum Paradies
Auch wir haben uns einen Traum erfüllt, allerdings bequemer und mit respektvollem Abstand. Vom hübschen Ortsteil Winkelmatten mit seinen alten Heuschobern ist es nur ein kurzer Fußmarsch zur Talstation des Matterhorn Glacier Paradise Express. Der viel versprechende Name verfehlt seine Wirkung nicht. Mit deutlich erhöhtem Adrenalinspiegel steigen wir ein – und bei der Station Furi viel zu früh wieder aus. Erst allmählich dämmert uns Greenhorns, dass der Weg ins Paradies über zahlreiche Zwischenstationen verläuft. Dass wir zum Schutz vor Corona im Lift auf Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch aufgefordert werden, die mascherina, also den Mund-Nasenschutz, zu tragen, bereichert unseren Wortschatz, denn Corona wird uns weiter begleiten. Mit einer ultramodernen Glasgondel in der Größe eines Lieferwagens schweben wir schließlich hinauf auf das 3883 Meter hohe Kleine Matterhorn. Wir schauen hinüber nach Italien in ein fantastisches Bergpanorama. Das Große Matterhorn uns gegenüber sehen wir nun von hinten – in der italienischen Version als Monte Cervino.

Schutz vor Ratten: Steinplatten unter Heuschobern in Winkelmatten

Wir sind in dieser Vorweihnachtszeit nicht ganz allein mit unserem Traum. Ein nettes Paar aus Zürich sitzt mit uns in der Gondel zum Paradies. Auch für sie ist es erstmals zum Greifen nah.  Und sicher auch für die peruanische Familie, die die 360 Grad Aussicht vom Gornergrat auf die umliegenden Viertausender genießt.

Qualität hat ihren Preis
Ahat ist dagegen schon ein alter Hase. Ihn treffen wir im Sessellift auf dem Weg zum Rothorn, ein weiteres Skigebiet mit Traumblick auf das Matterhorn.  Ahat ist schon zum dritten Mal in Zermatt, zieht es kennerhaft dem französischen Topgebiet Courchevell vor und residiert mit seiner Familie im besten Hotel am Platze. Ahat ist zehn Jahre alt und kommt aus Dubai.

Auch die sehr blonde Dame mit der goldenen Daunenjacke und der Elton-John-Sonnenbrille scheint sich hier am rechten Platz zu fühlen. Sie sitzt im Café des Fünf-Sterne-Riffelalp-Resort-2222-Meter  und bearbeitet ihr Smartphone. Der Russe am Nebentisch hält sein Gesicht in die Sonne und sagt dabei „da, da, da“ zu seinem смартфон. Ohne Smartphone geht es tatsächlich nicht, sonst wüsste die Welt nicht wo frau/man gerade ist. Vor lauter Glotzen wird unser Kaffee allmählich kalt. Russen besuchen Zermatt übrigens vor allem im Winter, Asiaten dagegen lieber im Sommer. Briten und Deutsche sind immer da. Das hat der umtriebige „Verein Zermatt Tourismus“ herausgefunden und richtet sein Marketing entsprechend aus. Die mehrsprachige Matterhorn App ist so programmiert, dass man fortlaufend Superangebote erhält und blitzschnell buchen kann (und soll).

Für jeden Geschmack ist etwas dabei

Wie sieht die Zukunft aus?
Das Skigebiet Zermatt lockt mit 52 Liften, 358 km Pistenlänge und Sommerski auf dem Gletscher des Klein Matterhorns. Das ist faszinierend, und macht doch nachdenklich. Laufend werden neue Seilbahnen gebaut und Pisten erschlossen. Zu klein gewordene Gondeln bleiben wie Flaschenstöpsel in den alten Seilbahnstationen stecken. Die modernen Aufstiegshilfen ins Hochgebirge ermöglichen einem breiten Publikum den Zugang in alpines Gelände. Wir haben etliche ausprobiert: große und kleine Gondelbahnen, Sessellifte, ober- und unterirdische Zahnradbahnen. Über die zahlreichen Querverbindungen vom Glacier Paradise über den Gornergrat bis hin zum Rothorngebiet gelangen wir fast mühelos von einer Bergregion zur nächsten – und wieder zurück. Bei Traumwetter ist das ganz fraglos ein großartiges Naturerlebnis.

Doch wo geht diese Entwicklung hin? Wie sehen Zermatt und seine Bergwelt in 5 oder 10 Jahren  aus? Gibt es ein Stoppschild für die Eroberung der Natur? Zweifellos werden die Umweltauflagen strenger, doch die Eingriffe des Menschen sind nicht mehr rückgängig zu machen.

Mit der Gornergratbahn zur 360-Grad-Aussicht

Von der gemütlichen Berghütte auf dem Gipfel des Rothorns schauen wir hinüber auf den Findelgletscher. Ein Blick wie aus dem Bilderbuch, der umgehend mit dem Smartphone festgehalten wird. Auf den zweiten Blick sieht man die haushohen Moränen an seinen Rändern. Sie deuten an, wie weit der Gletscher schon abgeschmolzen ist. Wissenschaftler sagen, dass er seit Beginn der Messungen Mitte des 19. Jahrhunderts um über 2,5 km zurückgegangen ist. [2]

Abschmelzender Findelgletscher unterhalb des Monte Rosa Massivs

Im Ort Zermatt gibt man sich umweltbewusst und schwört auf eine nachhaltige Entwicklung. Mit widerstreitenden Interessen hat man offenkundig gelernt zu leben. Auf der Habenseite steht, dass der Ort Zermatt schon immer autofrei war. Bis ans Ende des schmalen Hochtals kommt man nur auf der Schiene mit der Matterhorn – Gotthard – Bahn. Private PKWs müssen im 5 km vorgelagerten Täsch abgestellt werden. Im Ort geht es zu Fuß, mit der Kutsche, dem E-Bus oder E-Taxi weiter. 70% des Strombedarfs werden mit Wasserkraft gedeckt. Auf der anderen Seite weist die Zermatt Touristik für das Jahr 2020/21 1,7 Millionen Logiernächte aus. In Vor-Corona-Zeiten waren es sogar bis zu 2,3 Millionen.[3] Und das in einem kleinen Bergdorf mit nur 5500 ständigen Einwohnern. Die Abwägung zwischen Erleben und Erhalten bleibt da schwierig.  

Der Alpinist Reinhold Messner, bekannt dafür, dass er Klartext redet, hat sein Urteil längst gefällt. Mit dem Run auf das Matterhorn, so sagt er, begann das Ende der alpinen Unschuld. Er mag die so wunderschön geschwungene Pyramide am liebsten aus der Ferne. „Je näher man diesem Berg kommt, umso unattraktiver wird er. Das Matterhorn ist ein stinkender Schutthaufen. Es stinkt tatsächlich nach Urin.“[4] Das wird sich so schnell nicht ändern. Der Mythos Matterhorn bleibt bestehen, no matter what.


[1 ]Die Bergretter in Zermatt – Leben retten in den Alpen | Doku | SRF Dok – YouTube

[2] Findelgletscher – Wikipedia

[3] ZT_Jahresbericht-2020+Version+20.01.21_Web_kl.pdf

[4] Reinhold Messner über die Faszination des Matterhorns (tz.de)



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