Bordeaux: Die gelbe Stadt am Fluss

Bordeaux’s Hebebrücke bei Sonnenaufgang

Joggerherzen schlagen höher
Die Morgensonne hüllt die Häuserzeilen am linken Garonne-Ufer in ein freundliches Sandsteingelb. Die heißen Sommertage sind vorbei, es ist erfrischend kühl an diesem Septembermorgen. Ich starte meinen Lauf am Quai des Chartrons, einst ein altes Hafengelände, heute Teil eines klassizistischen Gesamtkunstwerks am Sonnenufer der Garonne.  Die schönen Häuserfassaden von Bordeaux sind Weltkulturerbe. Hinter ihnen, in den tiefen Kellern des Chartrons-Viertels aber, lagert in großen Fässern jenes flüssige Gold, das die Stadt wirklich reich und weltbekannt gemacht hat: Bordeaux ist die Welthauptstadt des Weines.   

Weniger bekannt ist, dass die Stadt inzwischen auch die Herzen der internationalen Jogger-Community erorbert hat. Denn Bordeaux hat sich in den letzten Jahren zum Fluss geöffnet: Das Ufer der Garonne wird von breiten Flaniermeilen umsäumt. Bordeaux’s erster grüner Bürgermeister, Pierre Hurmic, lässt dort weiträumige Parks und heimelige Gemüsegärten anlegen.  

Der Lauf über die populäre „Zweibrückenrunde“ führt mich zunächst in nordöstlicher Richtung vorbei am sogenannten Bord’eau Village, einer etwas betonlastigen Galerie von Läden und Restaurants entlang des Garonne-Ufers.

Zweibrückenrunde: Quai des Chartrons – Pont Jacques Chaban Delmas – Parc d’activités des Queyries – Parc aux Angéliques – Square Toussaint Louverture – Place Stalingrad – Pont de Pierre – Quai Richelieu – Place de la Bourse – Place des Quinconces – Musée d’art contemporain – Rue Notre Dame – Centre de Congrès Cité Mondiale – Musée du Vin – Rue de Borie – Quai des Chartrons, 7,5 km.

Bürgermeister und Brückenbauer
Von hier ist es nicht mehr weit zu der neuen Hebebrücke, die nach dem langjährigen Bürgermeister der Stadt, Jacques Chaban-Delmas benannt ist. Für die Durchfahrt der Kreuzfahrtschiffe und anderer Ozeanriesen wird die mittlere Fahrbahn über vier Stahlmasten senkrecht nach oben gezogen. Der Gaullist Chaban-Delmas – das ist manchen Lesern vielleicht noch in Erinnerung – war 1969-72 unter Präsident George Pompidou Frankreichs Premierminister. Dass er zugleich auch von 1947 bis 1995 Bürgermeister von Bordeaux und zwischenzeitlich auch noch Präsident der französischen Nationalversammlung war, ist eine besondere Eigenart der französischen Politik. 

Jenseits der Hebebrücke glitzert am linken Ufer der Garonne der eigenwillige Rundbau der „Cité du Vin“ in der Morgensonne. Mit viel Phantasie könnte man in dem Bau die Form eines großen Wein-Dekanters erkennen.

Geschichte, wo man hinsieht
Von der „Cité du Vin“ lohnt sich ein Abstecher in das Viertel Bacalan.  Zum einen, weil hier aus einer alten Arbeitersiedlung ein ansprechendes Neubauviertel entsteht, dessen bunte Wohnhäuser im erfrischenden Gegensatz zum ehrwürdigen Klassizismus der Innenstadt stehen. Aber es gibt noch eine zweiten Grund Bacalan zu besuchen, denn inmitten des Viertels steht ein riesiger Betonbunker mit den Ausmaßen von mehr als fünf Fußballfeldern.  Anfang der 1940er Jahre, als die Nationalsozialisten Frankreich besetzt hielten, ließen sie von Zwangsarbeitern einen U-Bootbunker errichten. Er wurde zum Standort für die sogenannte 12. U-Boot-Flotille, die sich von hier aus über die Garonne schnellen Zugang zum Nordatlantik verschaffte. Dieses Kainsmal wird Bordeaux nun nicht mehr los. Weil die trostlose Bunkeranlage aufgrund ihrer Ausmaße praktisch nicht gesprengt werden kann, hat man sie jetzt mit beeindruckenden Lichtinstallationen zu neuem Leben erweckt.  

 Kunstillusionen im Bassin des Lumières, einem ehemaligen U-Boot-Bunker der Nazis

Doch zurück zur Laufroute. Ich überquere nun die Hebebrücke. Im auffälligen Gegensatz zum repräsentativen linken Ufer der Garonne laufe ich auf ihrer rechten Seite durch eine Mischung von Parks, Industrieanlagen, neuen Wohnvierteln und Wohnwagenbehausungen. Und natürlich ist auch hier der Wein präsent. Bis 2030 sollen in diesem Areal großflächige öffentliche Grünanlagen entstehen, manches davon ist im Parc d’activités des Queyries und im Parc aux Angéliques schon zu sehen. Passionierte Läufer finden auf diesem knapp drei Kilometer langen Abschnitt ihr ganz eigenes Tempo, denn außer Joggern und Hundefreunden sind an diesem Morgen nicht viele Menschen unterwegs.

Klare Ansage am rechten Ufer der Garonne

Sklave und Freiheitskämpfer  
Eine kurze Pause lege ich aber dann doch ein, als ich unvermittelt auf eine Büste von François-Dominique Toussaint Louverture treffe. Der in Cap-Haitien geborene ehemalige Sklave und Unabhängigkeitskämpfer griff die Ideen der französischen Revolution auf und versuchte sie auch in seinem Land zu verwirklichen. Er entwickelte sich zum begnadeten Feldherrn, warf Franzosen, Briten und Spanier aus Haiti raus, wurde dann aber von Napoleons Truppen deportiert und starb 1803 in französischer Gefangenschaft. 1804 wurde Haiti nach den Vereinigten Staaten als zweite ehemalige Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent unabhängig. Wer noch von Santana das 1971 veröffentlichte „third album“ im Plattenschrank stehen hat, weiß, dass die Hommage an „Toussaint L’Ouverture“ längst zu einem der Klassiker der Latin-Rock-Band geworden ist. Die Büste von Toussaint Louverture erinnert im Übrigen auch daran, dass Bordeaux einst wichtiger Umschlagplatz für den Sklavenhandel war.

Freiheitskämpfer im Park: Der ehemalige Sklave Toussaint Louverture führte Haiti in die Unabhängigkeit

Von Louverture‘s Büste bis zum Place de Stalingrad ist es noch ein knapper Kilometer. Nachdenklich schaue ich auf die Straßenschilder. In Frankreich gibt es etliche Stalingrad-Plätze oder Straßen.  Warum kommt Stalingrad im deutschen Straßenalphabet dagegen überhaupt nicht vor? Die Erinnerung an die Stadt, die heute Wolgograd heißt, ist auf das engste mit Hitlers Angriffskrieg auf Russland und Hunderttausenden von Opfern verbunden. Das ist gerade in neuerlichen Kriegszeiten kein angenehmer Gedanke, gehört aber zu unserer Geschichte mit dazu.  

Napoleons Brücke
Der nächste Streckenabschnitt ist ein weiteres Highlight auf der Tour, denn ich überquere jetzt die vielleicht schönste und älteste Brücke von Bordeaux: den Pont de pierre, die Steinbrücke. Wieder hatte Napoleon seine Hände mit im Spiel, denn angeblich gab er die Brücke in Auftrag. Eingeweiht wurde sie allerdings erst 1822, da war Napoleon schon längst in St. Helena im Exil.

In 17 Bögen über die Garonne: Der Pont de pierre im Morgenlicht

Am anderen Ende der Brücke bin ich wieder am linken Ufer der Garonne angekommen. Geradeaus geht es durch die Porte de Bourgogne direkt in die verwinkelte Altstadt, ich aber bleibe am Fluss und biege rechts ab auf den Quai Richelieu und laufe in Richtung Place de la Bourse weiter. Die Stadt ist inzwischen längst aufgewacht, die Menschen eilen zur Arbeit, zu Fuß, mit dem Rad, per Auto oder mit der Straßenbahn.  

Bordeaux‘s Straßenbahn ist tatsächlich ein Phänomen, denn sie fährt ohne Oberleitung. Weit und breit sind keine Masten und Stromleitungen zu sehen. Doch wo kommt dann der Strom her?  Nun, aus einer in die Fahrspur eingelassenen Stromschiene. 2003 wurde diese neuartige sogenannte Alimentation par le sol (APS) von der Firma Alstom erstmals in Bordeaux’s Innenstadt eingesetzt. Die Idee dahinter: Die APS sollte eine freie Sicht auf das Stadtbild ermöglichen. 

Die größte Attraktion am Place de la Bourse liegt heute Morgen noch trocken. Es ist der Mirroir d’Eau, eine riesige Steinplatte, die zum Spiegel wird, wenn man sie mit Wasser flutet.  Am Abend wirkt der hell erleuchtete Börsenplatz dann doppelt so groß. Am Tag ist es ein Heidenspaß für Kinder aller Altersklassen, weil das Wasser mal ganz glatt daliegt, mal wellenartig angerollt kommt oder plötzlich aus kleinen Fontänen spritzt.

Am Place de la Bourse: Straßenbahn ohne Oberleitung

Bordeaux hat mitten in der Stadt unendlich viel Platz, denn unweit des Börsenplatzes laufe ich nun über den Place des Quinconces, teils Freifläche, teils mit Bäumen bepflanzt. Laut Stadtmarketing ist es der größte Platz Europas. Bis auf ein paar Säulen und Brunnen ist er völlig leer und könnte es locker mit ein paar Fußballfeldern aufnehmen. Tatsächlich werden hier ab und zu Kirmes und andere Feste gefeiert. Dazu dürften dann auch die Weinfässer aus den Kellern des Chartrons-Viertel herangerollt werden.

Leben im alten Chartrons-Viertel
Ich verlasse jetzt den Fluss und mache noch einen Abstecher durch das Quartier des Chartrons, das alte Weinhändlerviertel. Die Rue Notre Dame verläuft quer hindurch und ist ein schönes Beispiel, wie schnell sich ein altes Viertel neu erfinden kann. Antiquitätenläden, hippe Boutiquen und edle Kneipen reihen sich aneinander. Bei „Les belles gueules“ (Die schönen Visagen) gibt‘s schicke Brillen, bei „La Patine du temps“ (Der Zahn der Zeit) gibt‘s alles aus alten Zeiten, bei Carrefour City gibt’s vor allem Wein und bei Chez Dupont ziemlich gutes Essen.  Offen hat heute Morgen allerdings nur der Bäcker, deshalb gibt’s auch nur dort eine lange Schlange.

Ich kauf‘ mir ne Baguette.

Die Lauftour durch Bordeaux ist jetzt fast geschafft. Bis zur schicken Wohnung unserer Gastgeberin am Quai des Chartrons ist es nicht mehr weit. Das Musée du Vin mit seinen gut gefüllten Kellergewölben in der Rue Borie lasse ich links liegen, denn sonst wird der Frühstückskaffee kalt.

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