55 Tunnel und 196 Brücken – Eine Fahrt mit der höchsten Eisenbahn der Alpen  

Aus der Reihe: „viertelvorsieben für Omas und Opas“

Über den Bernina Pass (2253 m)

Reisegruppe mit 8 Pferden
Weil wir den Kopf zu weit aus dem Fenster gestreckt haben, hätten wir um ein Haar eine  gewischt bekommen! Mit Strohbesen auf Kopfhöhe macht die Rhätische Bahn (RhB)  ihre Gäste auf sympathisch unkonventionelle Art darauf aufmerksam, dass man bei Tunneleinfahrten besser den Kopf einzieht. Das ist kein schlechter Rat, denn immerhin fährt die RhB auf der knapp 160 km langen Strecke über die Alpen durch 55 Tunnel.  

Bei der Fahrt über die 196 Brücken und Viadukte ist es hingegen eine nette Sache, dass wir die Fenster weit öffnen und mit dem Fahrtwind in der Nase die imposanten Bauwerke in traumhafter Berglandschaft bewundern können.

Als Drei-Generationen-Reisegruppe sind wir Ende April mit der RhB von Chur nach Tirano unterwegs. Chur ist die älteste Stadt der Schweiz und Hauptstadt des Kantons Graubünden. Das mittelalterlich anmutende Tirano liegt auf der Alpensüdseite im italienischen Veltlin. Zwei Tage nehmen wir uns Zeit für die Hinfahrt, legen mehrere Stopps ein für Besichtigungen, Wanderungen und Übernachtungen und fahren am dritten Tag in einem Rutsch zurück.

Unsere Jüngste im Bunde hat darauf bestanden, ihre acht Pferde mit auf die Reise zu nehmen. Sabrina, Amadeus, Topsi, Felix, Nora, Max und Moritz sowie Schecki werden am Halfter, einem ausgemusterten blauen Wanderschnürsenkel, mitgeführt. Die Pferde benehmen sich während der Bahnfahrt bemerkenswert unauffällig, müssen jedoch regelmäßig  gefüttert werden, eine Aufgabe, die das hungrige Begleitpersonal angesichts der kulinarischen Verführungen auf der Strecke  gerne wahrnimmt.  Andere Fahrgäste werden durch das mitreisende Pferderudel nicht ernsthaft belästigt. Allenfalls sorgt das häufige Wiehern für Überraschungsmomente, an die man sich aber ebenso schnell gewöhnt wie an das laute Hupen der Bahn vor jeder Tunneleinfahrt. Ab und zu muss unsere Enkelin ihre Pferde beruhigen. „Gaaanz ruhig, Sabrina!  Gaaanz ruhig Amadeus!“ sagt sie leise und besänftigend.  Denn schließlich ist so eine Zugfahrt auch für Pferde eine aufregende Sache.

Bernina Express mit der Spiegelung des Palü Gletschers an der Station Alp Grüm

Weltkulturerbe: „Von den Gletschern zu den Palmen“
Mit dieser Losung wirbt die Rhätische Bahn für die einzigartige Zugfahrt über die höchste Bahnlinie der Alpen. Von Chur auf 593 Meter Höhe geht es hinauf zum Gletscher am 2253 Meter hohen Bernina Pass und dann steil wieder hinunter bis nach Tirano auf 429 Höhenmeter.

Ende April herrscht oben am Pass noch Eiseskälte. Doch unten in Tirano, wo wir den Aperol in der schönen Altstadt genießen,  blühen die Obstbäume. Die Weinreben an den Südhängen zeigen ihr erstes Grün. Palmen sind uns nicht ins Auge gefallen, vielleicht werden sie erst später aus den Gewächshäusern geholt.

Für Touristen aus aller Welt ist die Fahrt mit der roten Eisenbahn durch die Hochalpen ein einzigartiges Erlebnis. Der Reiseklassiker „1000 Places To See Before You Die“ beschreibt die Bernina-Linie als eine der schönsten Bahnstrecken der Alpen.

Die Linien der Rhätischen Bahn (RhB) im Überblick: Mit dem Albula-Express von Chur über Thusis nach Samedan, St. Moritz oder Pontresina und dann weiter mit dem Bernina-Express nach Tirano. Ausführliche Informationen über alle Angebote der RhB finden sich hier: www.rhb.ch

In 2 Stunden und 15 Minuten fährt der Bernina-Express von St. Moritz nach Tirano. Doch das geht nur mit Platzreservierung. Kostengünstiger und abwechslungsreicher ist die Fahrt mit dem Regionalzug, der fast stündlich fährt und zudem Reiseunterbrechungen ermöglicht.  Also folgen wir gern diesem Rat unseres Schweizer Familienzweiges und buchen die längere Tour über die Albula- und Bernina-Linien.   

Über das Landwasserviadukt
Wir beginnen unsere Fahrt von Chur aus entlang des Landwasserbachs, zunächst durch sanftes Hügelland, dann entlang steil abfallender Schluchten. Nahe der Ortschaft Filisur auf gut 1000 Meter Höhe überqueren wir die markanteste Eisenbahnbrücke der Schweiz, das Landwasserviadukt. Es führt über sechs bis zu 65 Meter hohe Bögen aus Kalksteinmauerwerk und wurde schon 1903 nach nur 18 Monaten Bauzeit in Betrieb genommen. Heute ist das Bauwerk das Wahrzeichen der Rhätischen Bahn.  Am süd-östlichen Ende mündet die Brücke direkt in den Landwassertunnel ein, wieder so ein Moment in dem wir unsere Köpfe ganz schnell aus den Fenstern einziehen.

Landwasserviadukt, 65 Meter hoch, 136 Meter lang

Museum für Spielkinder
Noch bevor wir bei Preda in den über 7 Kilometer langen Albula-Tunnel einfahren, machen wir einen ersten Stopp in Bergün. Im Bahnmuseum Albula erfährt man so ziemlich alles, was man über die Rhätische Eisenbahn wissen will.  Wir begeben uns sogleich in die Abteilung für  große und kleine Spielkinder, bauen mithilfe von Holzgerüsten Bahnviadukte nach und steuern in der Leitwarte die Signale auf der Bahnstrecke. Das ist keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass auf der eingleisigen Strecke täglich über 60 Züge in beide Richtungen fahren. Gut, dass unser Einsatz nur Simulation geblieben ist, denn wir hätten durch unbedachte Fehlschaltungen gleich mehrere Frontalzusammenstöße verursacht…  

Gelernt haben wir auch, dass die Rhätische Bahn (RhB) und die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) zwei unabhängige Unternehmen sind. Ein Grund dafür ist, dass die Züge der RhB auf Schmalspurgleisen und ausschließlich im Kanton Graubünden verkehren. Die Fahrpläne beider Bahnunternehmen sind jedoch gut aufeinander abgestimmt. 

Pontresina, unser nächster Stopp, ist ein traditionsreicher Luftkurort auf 1800 Meter Höhe im Ober-Engadin. Das Dorf wirkt ein wenig verschlafen. Nach dem Genuss einer Engadiner Nusstorte behalten wir den Ort aber in guter Erinnerung. Durch Pontresina verläuft übrigens auch der legendäre Skimarathon, das größte Langlaufevent der Schweiz. Der nächste Startschuss fällt am 8. März 2026.  Näheres dazu hier:  Engadin Skimarathon • Der Engadiner Volkslauf.

Die Aussicht von Pontresina auf die umliegenden schneebedeckten Berge ist famos. Fast könnte man meinen, dass der Skibetrieb auf den Hochlagen über St. Moritz Ende April immer noch in vollem Gange ist.

Blick vom Ospizio Bernina auf 2253 Meter Höhe

Am nächsten Morgen wachen wir bei fabelhaftem Wetter im Hotel Ospizio Bernina am gleichnamigen Pass auf. Wir sind inzwischen auf über 2250 Meter Höhe angekommen. Vor uns liegt der mehrere Kilometer lange Lago Bianco, ein Stausee, der noch völlig vereist ist. Frühmorgens gleiten schon Langlauf-Skater elegant über den See. Im Hintergrund Dreitausender, an deren Abhängen wir Skitourengeher entdecken.

Kaffeepause am Palü-Gletscher
In Alp Grüm, nun schon auf der Abfahrt nach Italien, halten alle Züge solange an, bis der Kaffee auf der Terrasse des historischen Bahnhofsgebäudes ausgetrunken ist.  Das hat einen guten Grund, denn der Blick auf den Palü-Gletscher ist atemberaubend. Junge Männer, die in bester Laune, aber etwas erschöpft ihre Tourenski auf der Terrasse abstellen, erzählen, dass sie am Morgen über den Gletscher abgefahren sind und sich an den Felswänden abgeseilt haben. Wir sehen heute von solchen Abenteuern ab (wir haben ja schließlich 8 Pferde dabei) und beobachten stattdessen, wie ein vorbeifahrender Zug eine seiner kühnen Schleifen dreht.   

Bahnschleife bei Alp Grüm

Pferde saufen in Poschiavo
Unser nächster Halt ist Poschiavo auf 1014 Meter. Noch sind wir in Graubünden, allerdings wird hier bereits italienisch gesprochen. Die Schneegrenze haben wir längst verlassen, und mit jedem Höhenmeter, den wir hinunter fahren, nähern wir uns dem Frühling. Die Lärchen haben erste grüne Spitzen, auf den Wiesen blüht der Löwenzahn.

Im Altstadtviertel von Poschiavo stehen ansehnliche Renaissancebauten. Einige Bürger sind hier offenbar schon früh zu Reichtum gekommen. Auf dem Marktplatz vertreiben wir uns die Zeit mit einer leckeren Pizza, unsere Enkelin führt ihre Pferde derweil am Dorfbrunnen zum Saufen.

Beim Schlendern durch die Altstadt bemerken wir ein Schild an einem älteren Gebäude. Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der in den 1950er Jahren mit seinen satirischen Kurzgeschichten („Lieblose Legenden“, 1952)  bekannt wurde, hat offenbar auch die Reize dieser Landschaft erkannt. Bis zu seinem Tod 1991 lebte er 9 Jahre in Poschiavo.

Auf dem Weg nach Poschiavo, im Hintergrund der gleichnamige Stausee

Im See bei Poschiavo wird das Wasser zur Strom- und Trinkwasserversorgung aufgestaut. Der Pegelstand ist jedoch bemerkenswert niedrig. Ein Taxifahrer erzählt uns, dass die Niederschläge in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind. Trotzdem ist die Wanderung am Seeufer perfekt, um unsere Beine zu vertreten und der Enkelin mit ihren Pferden Auslauf zu verschaffen.

In der Station Miralago steigen wir wieder in den nächsten Zug ein. Auf den letzten Kilometern unserer Reise bis nach Tirano muss die Bahn noch einmal gut 500 Höhenmeter herunterfahren. Um das zu schaffen, wurde das berühmte Kreisviadukt von Brusio gebaut. Wir schrauben uns tatsächlich wie ein Segelflieger über eine volle 360 Grad Runde nach unten.   Es ist das reinste Bahnvergnügen, das ganze Abteil hängt an den Fenstern! Ich schätze, dass bei jeder Fahrt durch das Kreisviadukt tausend Handyfotos gemacht und in die ganze Welt verschickt werden. Bei 60 Bahndurchfahrten pro Tag dürfte Brusio inzwischen weltbekannt sein.   

Kreisviadukt bei Brusio

Mir kommen fast die Tränen in die Augen, denn was ich da sehe, weckt die schönsten Erinnerungen an meine gute alte Märklin-Eisenbahn-Welt. Der adrette rote Zug der RhB,  die wundervoll gemauerten Viadukte, die satt-grünen Wiesen, die alten Häuser, die sich so stilvoll in die fast schon mediterrane Landschaft schmiegen! Schöner kann es doch gar nicht mehr werden! Haben sich Märklin und der Modellbauer Faller von der Rhätischen Bahn inspirieren lassen?  Der Gedanke liegt nahe.  Ich forsche nach und siehe da, zwischen Märklin und der RhB gibt es eine langjährige Kooperation. Märklin hat verschiedene Sondermodelle von RhB-Zügen produziert und brachte auch die berühmte RhB-Krokodil-Lokomotive auf den Markt, der Traum eines jeden Modelleisenbahnfans. Ein Krokodil steht übrigens in Originalgröße vor dem Bahnmuseum in Bergün.

In Tirano fährt die Eisenbahn wie eine Straßenbahn mitten durch die Stadt bis zur Endhaltestelle. Zusammen mit vielen kleinen und großen Passagieren haben wir uns einen Traum erfüllt. Unsere Enkelin hat erfahren, wie schön es ist, wenn ihre Pferde sie auf der Reise begleiten und sie sich gegenseitig beschützen können. Mal schauen, welche blühenden Phantasien sie bei unserem nächsten gemeinsamen Ausflug entwickelt.

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