Vom Rollfeld in den Bunker: Eine Laufrunde um das Tempelhofer Feld

Tempelhof in der Abenddämmerung: Jogger auf dem Taxiway (alle Fotos C. Sigrist, sofern nicht anders gekennzeichnet.)

Mitten in Berlin: Ein riesiges Feld voller Geschichte

„Jogger, Radler, Skater, Hunde-, Grill- und Partyfreunde gegen Bebauung des Tempelhofer Felds!“ So ähnlich könnte eine Schlagzeile im Kulturkampf um die Berliner Wohnungsbaupolitik lauten. Und tatsächlich: Je tiefer man in die Debatte um die Nutzung des ehemaligen Flughafengeländes einsteigt, umso mehr Fragen tun sich auf.

Schon die Dimensionen sind gewaltig: Das Flughafengelände umfasst rund 355 Hektar, also knapp 500 Fußballfelder, und ist etwas größer als der New Yorker Central Park. Es ist eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt.

Dazu kommt die Geschichte: Tempelhof wurde 1923 als Verkehrsflughafen eröffnet, in den 1930er Jahren ließen die Nazis das Gelände zum größten Flughafen Europas ausbauen. 1948/49 landeten hier täglich Hunderte „Rosinenbomber“, um die Westberliner mit dem Nötigsten zu versorgen. Beendet wurde der Flugbetrieb erst im Oktober 2008.

Das riesige Flughafengebäude steht heute unter Denkmalschutz und wird u. a. für Messen und große Veranstaltungen genutzt, doch viele der über 7.000 Räume stehen leer. Seit 2015 werden hier Geflüchtete untergebracht, heute in Containern auf dem Vorfeld.

Seit 2020 gibt es ein Besucherzentrum, das unter dem Motto „Vom CHECK-IN zum TOWER“ Führungen durch das Gebäude sowie in die Bunker und Schutzräume anbietet. Buchungen unter www.thf-berlin.de.

Großkomplex Tempelhof: 1,2 km langes Halbrund von Hangar 1 bis 7

Tempelhof im Parteienstreit

Tempelhof steht im Brennpunkt der Diskussion um die Zukunft Berlins. Hier ist genügend Platz für den dringenden Bau neuer Wohnquartiere – sagen die einen. Nein, sagen die anderen, der Tempelhof muss in seiner Gesamtheit als Naherholungsgebiet erhalten bleiben. Und letztere sehen sich durch den Volksentscheid vom 25. Mai 2014 bestärkt, in dem 64,3 % für den Gesetzentwurf der Initiative „100% Tempelhofer Feld“ stimmten. Das wenig später verabschiedete „Gesetz zum Erhalt des Tempelhofer Felds“ sieht vor, dass das Feld „dauerhaft erhalten und vor gefährdenden oder verändernden Eingriffen geschützt werden“ soll.

Damit ist das politische Kräftemessen um die Nutzung des Feldes aber nicht beendet. Die CDU setzt sich für eine Randbebauung des Gebiets ein, Linke und Grüne sind dezidiert dagegen. Die SPD möchte lediglich das Flughafengebäude und dessen Umfeld für neue Nutzungen erschließen.

Nach den Zahlen des Senats von Juni 2026 decken die bislang identifizierten Wohnungsbaupotenziale in Berlin (213.000 Wohneinheiten) den prognostizierten Bedarf bis 2040 (211.000 Wohneinheiten) knapp ab. Die Bebauung des Tempelhofer Felds bleibt dabei außen vor. Offen ist, wie sich der neue Berliner Senat nach der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026 positionieren wird.

Ein Erkundungslauf

Was ist also dran am Tempelhofer Feld? Als Nicht-Berliner habe ich einen „Feld“-Versuch gemacht. Unter sachkundiger Begleitung bin ich gute sieben Kilometer rund um das Flughafenfeld gejoggt und in die Bunker des Flughafengebäudes hinabgestiegen.

Gegen den Uhrzeigersinn rund um das Tempelhofer Feld, 7,4 km. Links oben das ehemalige Flughafengebäude, rechts daneben die weißen Container der Flüchtlingsunterkünfte. In der Mitte des Feldes die beiden ehemaligen Start- und Landebahnen. Bildquelle: Google Maps

Auf dem Feld hat alles seine Ordnung!

Wir starten unseren Lauf im Westen des Feldes im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Es ist ein goldener Spätnachmittag im Oktober. Die Sonne hat sich nochmal richtig angestrengt und viele Menschen aufs Rollfeld gelockt.

Der erste Eindruck ist ernüchternd. Vor uns liegt eine riesige Fläche und sonst eigentlich nichts. Das Feld wirkt eben wie ein Bügelbrett (tatsächlich gibt es kleine Höhenunterschiede). Über die beiden Start- und Landebahnen geht es auf direktem Wege in zwei Kilometern nach Neukölln. Rechts und links führen die ehemaligen Taxiways rund ums Feld. Zwischen den Trassen kurzgeschorene und halb vertrocknete Wiese. Vermutlich ein Eldorado für Hasen und Karnickel.

Wir wählen den Bogen auf dem südlichen Taxiway und werden bald von ersten Rennradfahrern überholt. So allmählich fällt auf, dass hier alles seinen festen Platz hat: Ganz im Westen neben unserem Eingang steht das bunte Zelt des Theaterensembles Luftschloss, dann folgt der „Grillplatz Südwest“, wenig später der „Platz für akustische Musik“, auf dem tatsächlich ein einsamer Dudelsackpfeifer sein Instrument bearbeitet. Und so geht das wohl geordnet immer weiter.

Zirkuszelt auf Stoppelfeld

Inzwischen sind wir im Bezirk Neukölln auf der östlichen Seite des Tempelhofer Feldes angekommen. Die Skatermeile heißt hier etwas verwegen „Venice Beach Neukölln“. Und tatsächlich herrscht hier eine fast genauso coole Stimmung wie auf dem Original nahe bei Los Angeles. Jung und Alt umkurven im wilden Slalom bunte Hütchen auf dem Asphalt. Skateboarder hüpfen mit ihren Brettern um die Wette. Für reichlich Bewunderer ist ebenfalls gesorgt. Und genau wie am Pazifik geht jetzt im Westen des Feldes auch noch die Sonne als prächtiger Feuerball unter.

Auf der Neuköllner Seite haben sich am Rande des Flugfelds allerlei Schrebergärten angesiedelt, dazu das „MINT grüne Klassenzimmer“, eine Art Volksschule im Freien. An diesem Spätnachmittag herrscht offenkundig eine gute Stimmung unter den Menschen, die es sich als Familien oder Freunde auf den Europaletten-Sofas gemütlich machen.

Schon von weitem weht uns jetzt der Duft von frisch gegrilltem Lammfleisch entgegen. Am „Grillplatz Nord“ hat es sich eine kleine Familie gemütlich gemacht. Der Vater steht am Grill, die Mutter bereitet die Zutaten vor und zwei Buben kicken munter auf dem Asphalt bis alles fertig ist.

Wir würden hier gerne anhalten, haben aber noch ein paar Kilometer vor uns. Plötzlich überholt uns ein Moped, junger Mann am Lenker, junge Dame hinten drauf. Dürfen die hier überhaupt fahren? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Schon naht ein Streifenwagen und das Wachpersonal bedeutet dem Paar sehr bestimmt, den nächstgelegenen Ausgang aufzusuchen.

Wir haben die Runde jetzt auch bald geschafft und trotten zufrieden nach Hause.

Ehemalige Lounge der US Army: Den letzten Cheeseburger gab’s hier vor 33 Jahren.

Lost Places im Flughafengebäude

Das Flughafengebäude Tempelhof gilt als einer der größten Gebäudekomplexe Europas. Wir nehmen an der Führung „Verborgene Orte“ teil. Sie führt uns zunächst in den von den US-amerikanischen Streitkräften genutzten Westteil des Gebäudes. 48 Jahre, von 1945 bis 1993, waren hier rund 2.000 US-Militärangehörige stationiert. Der Stützpunkt war wie eine autarke Kleinstadt organisiert: Kindergarten, Schule, Kantine, Kino, Sportstätten und Geschäfte – alles nah beieinander in einem riesigen Compound. Wir durchschreiten eine voll eingerichtete Lounge mit Teppichboden, Holzvertäfelungen, Sitzecken, Deckenventilatoren. Die Heizung läuft noch.

Luftschutzbunker für 10.000 Menschen

Die Tour führt uns jetzt viele Treppen hinab in die Keller, bis ins 2. oder 3. Untergeschoss. Unser Führer schließt eine schwere Stahltür auf. Wir sind in einem Luftschutzbunker. Woran kann man das erkennen? Keiner weiß eine Antwort. Nun, so erklärt uns der Führer, die Tür auf der gegenüberliegenden Seite ist seitlich versetzt. Wenn die eine Tür durch Druckluft gesprengt wird, bleiben die zweite Tür und die dahinter liegenden Räume verschont.

In Tempelhof wurden Mitte der 1930er Jahre Luftschutzbunker für rund 10.000 Personen gebaut. 0,6 m² Platz pro Person. Kein Wasser, keine Toiletten, dafür aber eine gut funktionierende Lüftungsanlage. Nach dem damaligen Stand der Kriegstechnik ging man von kurzzeitigen Bombenangriffen aus.

Reste des ausgebrannten Luftbildarchivs der Nazis in einem Bunker in Tempelhof.

Geheimes Luftbildarchiv der Nazis

Unser Guide öffnet eine weitere Stahltür. Wir betreten einen schmalen Gang. Die Wände sind schwarz und voller Ruß. Wir sind im ehemaligen geheimen Luftbildarchiv der Nationalsozialisten. Die Nazis organisierten zur Vorbereitung ihrer Angriffskriege umfangreiche Aufklärungsflüge über ganz Europa bis hin zum Kaukasus. Dafür wurden Flugzeuge des Typs Junkers Ju 86 mit einschlägigen Kameras ausgerüstet und als zivile Maschinen der Deutschen Luft Hansa getarnt. So entstand ein riesiges Bildarchiv in mehreren Räumen dieses geheimen Bunkers. 1945, als die sowjetischen Truppen in Berlin einmarschierten, wurde das Archiv in Brand gesteckt und brannte lichterloh. Mutmaßlich wurde das Feuer von der Hansa Luftbild GmbH selbst gelegt, um die Spuren zu verwischen.

Zum Abschluss der Tour begeben wir uns in einen der Seitenflügel des Flughafengebäudes und steigen bis in die fünfte Etage hinauf. Von den Fluren gehen kleine fensterlose Zimmer ab, an den Türen akkurat angebrachte Türschilder, wie sie in deutschen Amtsstuben anzutreffen sind. Namen stehen hier keine mehr, aber immerhin werden ein Besenraum, die Teeküche und ein Abstellraum ordnungsgemäß angezeigt. Auch diese Räume stehen seit 33 Jahren leer. Unser Führer lenkt unsere Blicke auf die Flurdecke: Alles ist mit Kupferfolien ausgekleidet. Das macht diese Räume abhörsicher. Nach Kriegsende hat sich hier der amerikanische Militärgeheimdienst eingerichtet. Angeblich wurde hier die Telefonüberwachung West-Berlins koordiniert. Bestätigen will das bis heute keiner.

„Ein weites Feld“

So lautet der Titel einer sehenswerten Ausstellung im Besucherzentrum von Tempelhof. Die Geschichte des Flughafens spiegelt deutsche Geschichte in all ihren Facetten: In Tempelhof wurden während des Naziregimes schwere Kriegsverbrechen begangen, später wurde der Flughafen für West-Berlin zum „Tor zur freien Welt“. Angesichts der aktuellen Krisen dieser Welt ist der Streit um die Bebauung des Tempelhofer Feldes vielleicht doch nur eine Provinzposse.

Dennoch: Das Tempelhofer Feld hat – das hat unser Rundlauf gezeigt – seinen ganz eigenen Charakter, der sich allerdings erst auf den zweiten Blick erschließt. Den Menschen, die hier wohnen, ist es ein wertvolles Freizeitgebiet, eine Oase der Ruhe, der Bewegung oder der Unterhaltung. Würden Randbebauungen zur Linderung der Wohnungsnot den Erholungswert des Feldes schmälern? Wäre das womöglich, was manche befürchten, der Beginn einer Gentrifizierung und Verdrängung alteingesessener Kiezbewohner? Es bleiben viele Fragen offen. Sicher ist: Ein paar Bäume könnte das karge Feld gut vertragen. Denn im Sommer ist es hier richtig heiß.