Mit dem Rad am Inn entlang: Von Pfunds nach Wasserburg (Teil 2)

Wer am Inn entlang radelt, erfreut sich an der großartigen Natur, den Dörfern, der Landschaft und seinen freundlichen Menschen. Wie im Film rauscht alles vorbei. Doch der eigentliche Reiz des Reisens liegt im Innehalten, an der Entdeckung des Neuen und manchmal auch des Unerwarteten. 

Auf unserer Innradtour geht es im zweiten Teil weiter aus dem Engadin nach Tirol und Bayern. Im ersten Teil hieß es: „Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen“. Wir werden nun wieder aus dem Sattel steigen und uns erneut sechs Besonderheiten anschauen.

1. Von Burgen, Fürsten und neuzeitlichen Helden   

Beim Grenzübertritt vom Engadin nach Tirol windet sich der Inn durch eine enge Schlucht.  Es ist so wenig Platz, dass wir Radler auf die verkehrsreiche Hauptstraße ausweichen müssen.  Doch dann öffnet sich das Tal: Die Höhenlagen des Engadins haben wir hinter uns gelassen, wir sind nun schon unter 1000 Meter. Das Klima ist milder,  der Löwenzahn ist längst verblüht, die Wiesen sind gemäht, und die Bauern nutzen die trockenen Tage und Stunden, um das Heu einzufahren. 

Der Inn ist nun schon ein breiter Strom und hat die für ihn typische graugrüne Farbe angenommen. Unzählige Gebirgsbäche aus den Schweizer Alpengletschern mit den verschiedensten Gesteinspartikeln und Mineralien hat er schon aufgenommen, viele Zuflüsse in Tirol und Bayern werden noch folgen. Im Sommer, wenn die Sonne gnadenlos auf das blanke Eis der Gletscher scheint, führt der Inn besonders viel Schmelzwasser.

Das Gasthaus zum Thurm an der Innbrücke in Pfunds

Am Abend sind wir nach langer Fahrt in Pfunds angekommen. Wir sind zwar schon in Tirol, aber auch dieser Ort ist wie das Engadin rätoromanisch geprägt. Den Wohlstand verdankt Pfunds seiner Lage, denn von den vielen Wegen, die nach Rom führen, passieren einige wichtige Routen auch diesen Ort. Denn Richtung Engadin geht es über die Schweizer Alpenpässe,  über den Reschenpass direkt nach Italien. Der Innradweg und die Radstrecke über die historische Via Claudia Augusta verlaufen beide über Pfunds. Auch die Motorradfahrer mit ihren schweren Maschinen machen hier gerne Station. In der Hotelgarage wird’s richtig eng.

Die Menschen hier sind freundlich.  Zum Beispiel der Mitarbeiter des Sporthauses Monz im Ortsteil Stuben. Er unterbricht sein Frühstück  und schickt sich sofort an, meinen platten Hinterreifen zu reparieren.  Oder Simone, unsere Wirtin, die uns in einem schönen historischen Stifterhaus unterbringt. Oder Pawel, der Kellner, der sich an diesem Abend noch Hoffnung macht, dass  Polen bei der Fußball-Europameisterschaft weiterkommt.  Entlang unseres Weges könnten wir viele weitere nennen.

In Sigmundsried, nicht weit von Pfunds, werden wir wieder an die wechselvolle Geschichte dieser Region erinnert. Nicht ohne Ironie erzählt eine Schautafel die Geschichte des Tiroler Landesfürsten Sigmund von Habsburg, der dem Weiler im 15. Jahrhundert seinen Namen gab.  Die Zinszahlungen seiner Untertanen investierte er in den Ausbau seines Jagdschlosses. Der „Münzreiche“ wurde er fortan genannt. Geholfen hat ihm der Wucher nicht. Denn schon bald war er pleite, und sein Schloss musste verpfändet werden.  Und auch, wenn dieser Sigmund schon gestorben ist, so leben solche Typen immer weiter. Auf unserem Weg sehen wir viele Burgen und Schlösser. Was die Schlossherren und ihre Damen umtrieb, wen sie ausbeuteten oder bekriegten oder was sie vielleicht auch Gutes im Sinn hatten, all das überlassen wir unserer Phantasie.  In Imst werden wir auf einen Mann treffen, der Gutes bewirken wollte und dabei tatsächlich Erstaunliches geschafft hat.    

Ruine Kronburg bei Landeck

2. Der Mann auf der Parkbank

In der Altstadt von Imst lassen wir die Räder stehen und machen uns auf, die Rosengartenschlucht zu erkunden. Sie liegt mitten im Ort. Durch diese Schlucht stürzt sich der Schinderbach 1,5 Kilometer den Berg hinab und fließt dann in den Inn. Der Aufstieg ist tatsächlich eine kleine Schinderei, lohnt aber, wenn man wassertosende Schluchten mag.  

Am Eingang zur Schlucht begegnen wir ihm leibhaftig. Ganz entspannt sitzt Hermann Gmeiner auf einer Bank in der Abendsonne. Imst ehrt seinen vielleicht berühmtesten Bürger mit gebotener Bescheidenheit. 1949 gründete der Philanthrop sein erstes SOS Kinderdorf in Imst. SOS stand zunächst für Societas Socialis, später für Save our Souls. Handlungsleitend waren für Gmeiner seine christlichen Überzeugungen. Geprägt wurde er durch seine eigenen Kindheits- und Kriegserfahrungen. Als sechstes von neun Kindern geboren, wurde er schon mit fünf Halbwaise. Seine ältere Schwester Elsa übernahm die Rolle der früh verstorbenen Mutter. Im Krieg diente er in der Wehrmacht im Angriffskrieg gegen Russland. Doch als es Gmeiner selbst an den Kragen ging, rettete ihn ausgerechnet ein russischer Junge. Das prägte ihn, wie er später berichtete.

Hermann Gmeiner in Imst (1919-1986)

Gegen manche Widerstände entstand in Imst das erste Heim für Waisenkinder. Der Grundgedanke war, dass Waisenhäuser von „Kinderdorfmüttern“ geleitet werden sollten.  Die Idee verbreitete sich zunächst in Österreich. Ein erstes SOS-Kinderdorf in Deutschland entstand 1955 in Dießen am Ammersee. Gemäß der Internetseite von „SOS-Kinderdörfer weltweit“ werden und wurden in 136 Ländern fast 300.000 Kinder betreut. Die Organisation SOS-Kinderdorf finanziert sich im Wesentlichen aus Spenden, Patenschaften oder Erbschaften. Sie trägt zwar das deutsche und österreichische Spenden-Gütesiegel, aber auch eine solche Organisation ist nicht frei von Makeln.  Es gab und gibt Vorwürfe von Kindesmissbrauch in Häusern der Organisation, denen – so die Berichte  – mehr oder weniger transparent nachgegangen wird.  

Nachtrag: 2025 und 2026 wurden schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs und körperlicher Misshandlungen gegen den 1986 verstorbenen Hermann Gmeiner öffentlich bekannt. Die Stadt Imst hat die im Bild gezeigte Gmeiner Statue inzwischen entfernen lassen.

3. Stift Stams und seine Skisprungschanze:  Auslauf- und Zukunftsmodell

Wir verlassen Imst bei herrlichem Sommerwetter. Die Luft ist noch kühl, der Himmel blau. Das Wasser des Inns hat inzwischen ordentlich Fahrt aufgenommen.  Das reizt die Freunde des Raftings, die nahe bei Imst ihre Schlauchboote zu Wasser lassen.  Alle Passagiere müssen, wie wir beobachten,  erstmal ins eiskalte Wasser steigen, bevor es an Bord geht. So wissen sie, was sie bei den Mann-über-Bord-Übungen erwartet. Die Strömung treibt die Boote fast genauso schnell an, wie wir unsere Räder, so dass wir die Rafter ein Stück weit am Ufer begleiten.   

Rafting auf dem Inn bei Imst

Wir radeln weiter durch lichte Kiefernwälder am Südhang der Mieminger Gebirgskette, manchmal auch ganz nah entlang der vielbefahrenden Autobahn A 12 nach Innsbruck, was weniger schön ist. Bei Mötz überqueren wir den Inn und erblicken schon bald eine vermutlich einzigartige Kombination zweier imposanter Bauwerke: Eine große Stiftskirche und direkt dahinter eine Skisprungschanze.  Die Kirche gehört zum Zisterzienserkloster Stams. Was es mit der Schanze auf sich hat, erfahren wir erst später.

Das Stift Stams, so erläutert uns ein junger Historiker, der uns durch das Areal führt, wurde 1273 vom Tiroler Landesfürsten Meinhard II. und seiner Ehefrau Elisabeth von Bayern gegründet. Heute könnte man etwas verkürzt sagen, dass die beiden sich einen Alterswohnsitz mit letzter Ruhestätte erbauen ließen. Überliefert ist aber auch, dass Elisabeth das Stift in Gedenken an ihren Sohn Konradin gründete. Dieser Konradin war der letzte Stauferkönig und wurde 1268 in Neapel enthauptet. Kein schönes Ende.  

Wie viele dieser Einrichtungen, durchlebte Stams eine wechselvolle Geschichte. Bekämpft, niedergebrannt, wiederaufgebaut, säkularisiert und als Kloster wieder belebt. Doch längst können die Mönche nicht mehr allen seelsorgerischen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Aufgaben des Ordens nachkommen. Denn es gibt offenkundige Nachwuchsprobleme.  Gegenwärtig leben in der großen Anlage nur noch 46 Mönche. Viele sind alt, manche schon über Neunzig. Das Kloster ist angezählt.

Leere Chorstühle in Stift Stams

Was jedoch bleibt, ist eine prachtvolle Anlage, der kunsthistorisch bedeutsame frühbarocke Lebensbaum-Altar des Weilheimer Künstlers Bartholomäus Steinle und eine benachbarte Einrichtung, die in Österreich und auf der Welt ihresgleichen sucht: Das Stift ist Ko-Träger des Ski Gymnasiums Stams. Es besteht seit über 50 Jahren, vermittelt sehr erfolgreich schulische Bildung sowie sportliche Exzellenz. Der Direktor erläutert in einer Dokumentation des österreichischen Fernsehens, dass alle Schülerinnen und Schüler das Zentralabitur bestehen müssen.  Dann erst kommt der Sport – und doch hat die Schule etliche Olympiasieger:innen  im Skisport hervorgebracht.  Auf der benachbarten Sprungschanze wird zu allen Jahreszeiten trainiert. Wer dort schon in jungen Jahren heruntersaust, der schafft es auch bis zur Vier-Schanzen-Tournee.

4. Innsbruck und der Reiz der Provinz

Natürlich ist Innsbruck eine Reise wert. Das wusste schon Napoleon, der die Stadt  nach langen Kämpfen 1809 einnahm. Noch heute erinnert die Vater-Sohn-Skulptur an der Ottoburg an dieses Ereignis:  Vater, so ruft der Sohn und zeigt auf die alte Brücke über den Inn, die Franzosen! Wo, fragt der ungläubige Vater, der vielleicht auch ein bisschen kurzsichtig ist. Doch da war es schon zu spät!  Innsbruck fiel ins Napoleonisch-Bayrische Einflussgebiet. Ja, und wie wir am Vortag erfahren mussten, ging auch das Kloster Stams in napoleonischen Flammen auf.

    

Innsbruck liegt offensichtlich am Inn

Heute ist Innsbruck seiner Zeit voraus. Entlang der Uferstraße führen knallrote Radwege, die Fußgängerzone bekommt eine neue Bepflasterung und an der futuristischen Bahnstation zum Alpenzoo gibt’s eine eigene Waschstation für Fahrräder.  Überhaupt pflegt das Land sein Image als „Fahrradland Tirol“. Mehrmals passieren wir elektronische Zählstellen für Radfahrer. Das kennen wir  bisher nur aus der Radfahrerhochburg Kopenhagen. Die Radwege in Tirol sind denn auch gut in Schuss. Das ist keine Kleinigkeit,  denn allein die Bergabschnitte des Innradwegs sind erheblicher Erosion ausgesetzt. Mehrmals umfahren wir Instandhaltungsbaustellen.    

Auf dem Weg nach Kufstein mäandert die Landschaft so vor sich hin. Wir sehen wieder Burgen und Schlösser, Land- und Holzwirtschaft sowie Feldarbeiter, die bei stechender Hitze Kohl und Salate ernten.  Die sehenswerte Altstadt von Hall, die einst mit dem Salzhandel reich geworden ist – wir werden dazu noch mehr erfahren – besuchen wir diesmal nicht. Auch Wattens und seine von André Heller geschaffenen Swarovski-Kristallwelten lassen wir links liegen.

Am Abend, in der schönen Altstadt von Kufstein angekommen, bewegt vor allem der Fußball die Gemüter.  Nach dem 2:0 der Deutschen gegen Ungarn wähnen wir die Welt noch in Ordnung. Julian Nagelsmann strahlt über die Bildschirme Zuversicht aus. Auch unsere Tiroler Kneipennachbarn sind gut drauf, denn auch Österreich liegt noch gut im Rennen.       

Gute Stimmung in Kufsteins Kneipen: Julian Nagelsmann zur Lage der Nation  

Wir verlassen Kufstein auf dem Tiroler Ufer des Inns. Der Weg ist nun fast eben und verläuft durch eine malerische Voralpenlandschaft. Gegenüber von uns liegt das deutsche Kiefersfelden, bundesweit bekannt durch die Staus beim Grenzübergang.

Festspieldorf Erl in Tirol: Passionsspiele seit 400 Jahren

Gute 15 Kilometer von Kufstein entfernt, steht plötzlich mitten im Kornfeld ein moderner mehrstöckiger Holzbau.  Auf einem Schild steht: Künstler:innenresidenz. Dann fallen uns zwei große Festspielhäuser ins Auge. Eines ist weiß getüncht und vermutlich aus den 1950er oder 1960er Jahren, das andere anthrazitfarben und hochmodern. Es ist halb Elf. Gemütlich schlendern junge Musiker mit Geigen, Bratschen und Celli von der Residenz hinüber zu den Festspielhäusern. Auf gut Glück sprechen wir einen jungen Cellisten an. Er kommt aus Mexiko. Im Juni, so erzählt er uns, proben hier Musiker:innen aus aller Welt für die Tiroler Festspiele. Auf dem Programm steht Wagners Ring der Nibelungen.  In Erl, einem Tiroler Dorf mit 1500 Einwohnern, ist wirklich was los! So stellt sich heraus, dass dieser Weiler der Ort mit den ältesten Passionsspielen im deutschsprachigen Raum ist.  Hier werden sie seit 400 Jahren aufgeführt, wie in Erl gerne betont wird,  (etwas) länger also als im bekannten Passionsort Oberammergau.  In Erl wird die Passion alle sechs Jahre aufgeführt. Das nächste Mal schon 2025.

Nußdorf am Inn: Ein bayerisches Kleinod

Nicht weit hinter Erl passieren wir die Grenze von Tirol nach Bayern.  Auf dem Radweg merkt man das nicht wirklich, außer man weiß, dass schon der nächste Ort am Inn Nußdorf heißt. Und Nußdorf gilt laut unserem Radführer als eines der schönsten Dörfer Deutschlands. Deshalb leisten wir uns einen Abstecher und finden tatsächlich viele gut erhaltene historische Bauernhöfe, adrett mit Geranien vorm Balkon und Hochbeet im Vorgarten. Es gibt Kunst am Mühlbach, eine bestens sortierte Bäckerei namens Café Leitner. Ja, und dann werden in Nußdorf auch die Betten besonders gut gelüftet.  

Schlafzimmerblick in Nußdorf

5. Zweieinhalb Atomkraftwerke

Auf unserer rund  370 km langen Reise entlang des Inns von Maloja nach Wasserburg passieren wir 20 Wasserkraftwerke. Die meisten befinden sich auf dem Tiroler und Bayrischen Flussabschnitt, wo der Inn zu einem breiten Strom herangewachsen ist.

Das Laufwasserkraftwerk Imst deckt 10% des Strombedarfs Tirols

Alle 10 bis 30 Kilometer kommt das nächste Kraftwerk. So wird der Fluss intensiv zur Stromgewinnung genutzt. Insbesondere in den Alpentälern der Schweiz und in Österreich sind die Kraftwerke besonders komplexe technische Anlagen. Das Wasser wird in Druckrohrleitungen aus vielen Kilometer entfernten Stauseen herangeführt oder aus steilen Fallrohren in die Turbinen geleitet. So entsteht Kraft. Die gesamte Stromerzeugungskapazität aller Wasserkraftwerke entlang des Inns beträgt 3.500 Megawatt. Im Vergleich: Jedes der drei letzten in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2, hatte eine Kapazität von 1.400 MW.  Der Inn hat also die Kraft von zweieinhalb Atomkraftwerken.

Eingefasster Innabschnitt zwischen Kufstein und Wasserburg

Wasserkraft ist eine günstige und dauerhaft verfügbare erneuerbare Energiequelle, die die Menschen schon seit Urzeiten nutzen. Zum Beispiel um Mühlen zu betreiben oder eben Elektrizität zu erzeugen. Doch wie jede Form der Stromversorgung, hat auch diese ihre Schattenseiten. Die Klimaveränderungen und extremen Wetterschwankungen der letzten Jahre haben zu Trockenheit oder im anderen Extrem zu Überschwemmungen geführt. Auch die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt hat gelitten. Die Flussbegradigungen des Inns haben diese Effekte verstärkt.  Jetzt werden entlang des Flusses wieder Auen angelegt und Überflutungsflächen ausgewiesen. Naturschützer freut das. Doch es regt sich auch Protest: „Kein Überschwemmungsgebiet in Radfeld!“ fordern Landwirte auf großen Schildern in dieser ländlichen Gemeinde zwischen Innsbruck und Kufstein. Sie fürchten um ihre Wiesen, auf denen das Futter für die Viehwirtschaft wächst. Es ist nicht einfach, allen und allem gerecht zu werden. 

6. Wasserburg: Wohl und Wehe einer Stadt am Fluss     

Die letzten Kilometer unserer Innradtour wären beinahe ins Wasser gefallen. Kurz vor Wasserburg verläuft der Weg über offene Felder und Hügel. Plötzlich zieht ein Gewitter auf.  Das Grollen kommt immer näher, wir spüren die ersten Regentropfen. Mächtig treten wir in die Pedalen, holen die letzten Reserven aus unseren Akkus heraus.  Dann haben wir es gerade noch geschafft.  Kaum sind wir in der Herberge angekommen, bricht das Gewitter richtig los.  

Wasserburg, das muss man wissen, liegt auf einer Halbinsel im Inn. Es ist die einzige Stadt am Inn, die auf so einer Flussschleife liegt.  In hügeligem Gelände, so berichtet eine Reportage des Bayrischen Rundfunks,  hat sich der Inn über die Jahrtausende gute siebzig Meter tief eingegraben. Der massive Burgfelsen der Wasserburg, die dem Ort den Namen gibt,  zwingt den Inn, über eine 270 Grad Schleife auszuweichen, und zwar mit erheblicher Kraft. Wie ein Formel 1-Fahrer, der zu spät bremst, reißt der Fluss in der Außenkurve jedes Jahr 60 Zentimeter Land mit sich. In der Innenkurve schwemmt der Inn im Gegenzug ständig Neuland auf. So wächst die Halbinsel Wasserburg Jahr für Jahr ein Stückchen weiter. Auf den Freiflächen ist ein Sportplatz entstanden. Der Spazierweg am Flussufer ist mit Kunstwerken garniert.

Blick auf Wasserburg  vom 60 m höher gelegenen Kellerberg (Foto: J. Jansen)  

Wasserburg war im Mittelalter eine reiche Stadt. Sie lebte vom Salz, das in großen Schiffsverbänden von Hall in Tirol (wir erinnern uns!) über Wasserburg bis hinunter nach Passau und über die Donau nach Wien transportiert wurde. Natürlich gab es damals noch keine Wasserkraftwerke, die den regen Schiffsverkehr auf dem Inn behindert hätten. Flussaufwärts zogen Pferde die Konvois von mehreren Schiffen, flussabwärts fuhren die flachen Kähne alleine. Wasserburg besaß ein wichtiges Privileg. Es durfte anordnen, dass die Salztransporte  in der Stadt gelagert und gehandelt werden. So wurde es zu einem bedeutendem Zentrum des Salzhandels und zog Kaufleute und Handwerker verschiedener Zünfte an.

Nahe der Innbrücke und rund um den zentralen Marienplatz sehen wir noch heute herrschaftliche Patrizierhäuser mit italienisch anmutenden Kolonnaden im Erdgeschoß.  Dahinter befinden sich dann in der Färbergasse und Lederzeile die bescheideneren Handwerkerhäuser. Schlicht wird die Bebauung  in der Gasse an der Stadtmauer, denn die grenzt an den Friedhof. So nah bei den Toten will eben keiner leben. Schon kurios wirkt die Hackordnung der Stände in der Stadtkirche St. Jakob. Historische Namensschilder auf den Kirchenbänken legten fest, wer wo sitzt. Vorne die Magistratsherren, dahinter die Handwerker und das gemeine Volk. Der Herr Doktor wurde übrigens hinter dem Metzgermeister platziert. Ein Nebeneffekt der Sitzordnung: Der Herr Pfarrer konnte aufs Beste kontrollieren, wer zum Gottesdienst kam und wer schwänzte.   

Bunte Häuser und schöne Kneipen in Wasserburg

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts war die Innschifffahrt beendet und damit auch die Blütezeit der Städte am Inn, die vom Handel auf der Wasserstraße profitierten. Auch Wasserburg verlor an Bedeutung. Heute ist Wasserburg ein munteres kleines Städtchen, das auf Tourismus setzt. Längst haben die Innradler die Innschiffer ersetzt. Wer Zeit und Muße mitbringt, wird in den lokalen Gastwirtschaften bestens versorgt und sollte sich Mittags um 12 Uhr Weißwürste servieren lassen.

Von Wasserburg führt einer der vielen Jakobswege weiter nach Santiago di Compostela. Diesen Weg heben wir uns für ein anderes Mal auf und steigen stattdessen in einen Zug der Bundesbahn.  Start- und Zielort unserer Tour ist Ehrwald/ Tirol.  Als wir dort ankommen, sind wir so zufrieden, dass wir der Bahn ausnahmsweise ihre notorische Verspätung nachsehen. 

Unsere Innradroute von der Schweizer Grenze über Tirol nach Bayern:  Martina (1035 m) – Pfunds – Landeck – Imst – Mötz – Stams – Telfs – Innsbruck – Jenbach – Kufstein – Erl – Nußdorf – Rosenheim – Wasserburg (423 m), rd. 265 km,  nützlicher Radführer: bikeline, Inn-Radweg 1 und 2. Alle Fotos sofern nicht anders markiert: C. Sigrist

Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen 

Bergwiese im Engadin

Ach, wie schön ist es im Juni durch blühende Landschaften zu radeln! Mal geht es tief unten im Tal am Flusslauf entlang, mal oben am Hang mit herrlichem Blick in die Alpenlandschaft.  Wir fahren durch alte überdachte Holzbrücken und durchqueren historische Dörfer.  Wir hören die Kuhglocken läuten und das Pfeifen  der Rhätischen Eisenbahn, die sich wie im Märklin-Wunderland ihren Weg über steile Brücken und durch dunkle Tunnel bahnt. Auf großen Schildern steht „Allegra!“, das ist rätoromanisch und heißt „Willkommen!“ Wir sind im  Engadin im Kanton Graubünden.  Ja, und da ist noch dieses kleine Motörchen unterm Hintern, das unsere Räder antreibt und uns diesen Hauch von Leichtigkeit verleiht.  

Radeln bei Wind und Wetter…
…aber trocken über den Inn

Doch es gibt gute Gründe auf dieser Tour durch das Engadiner Land ab und an vom Rad zu steigen, um zu erkunden, was dieser Kulturlandschaft ihren besonderen Reiz verleiht. Hier sind sechs Stichworte.

1. Der Inn ist ein See!

Silser See im Oberengadin

Wo ist eigentlich der Inn? Diese Frage haben wir uns zu Beginn unserer Tour öfter gestellt. Denn der Wasserlauf des Inns, immerhin der wasserreichste Fluss der Alpen, ist im Oberengadin lange nicht zu sehen. Das Verwirrspiel beginnt schon damit, dass keiner so ganz genau verorten kann, aus welchem Bergloch der Inn eigentlich entspringt. Deshalb gilt der oberhalb von Maloja liegende Lunghinsee als seine Quelle. Von dort geht’s dann 700 Meter steil bergab in den auf 1800 Meter gelegenen Silser See. Dann ist der Inn erstmal wieder weg. Unsichtbar fließt er durch den Silvaplaner See, von dort in den Champfèrer See und schließlich durch den St. Moritzsee.  Hinter St. Moritz, in der engen Schlucht nach Celerina, nehmen wir ihn erstmals als nun schon kraftvoll gurgelnden Gebirgsfluss wahr.     

2. Sils Maria lockt kluge Köpfe! 

Die Oberengadiner Seenplatte ist eine Landschaft, die begeistert – auch wenn es regnet und bis in den Sommer kalt sein kann.  Sils Maria, zwischen dem Silser und Sivaplaner See gelegen,  ist ein sympathischer kleiner Ort, der stolz ist auf die vielen großen Geister, die hier ihre Spuren hinterlassen haben. „Hier im Engadin ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden“, schrieb Friedrich Nietzsche im Juli 1881 an einen Freund. In Sils Maria hatte er viele Sommer verbracht. Die Wände seiner Schlaf- und Schreibkammer im Hause der Familie  Durisch (heute das „Nietzsche-Haus“)  ließ er zu seiner Inspiration grün anstreichen. Hier verfasste er Teile von „Also sprach Zarathustra“. Auch Theodor W. Adorno machte im Schweizer Exil  Station in Sils. Wie viele andere Dichter und Denker wohnte er im legendären Hotel Waldhaus.  Wir haben es inspiziert und uns dennoch für das Seglias Quartier entschieden, das völlig autofrei ist und alle motorisierten Fahrzeuge inklusive unserer E-Bikes in eine riesige Tiefgarage verbannt. Das ist beeindruckend, auch wenn man sich im Untergrund verlaufen kann.

Kirchturm in Sils Maria

Natürlich wollten wir auf unserem Weg entlang des Inns auch St. Moritz nicht links liegen lassen. Es liegt nur gute 10 km innabwärts von Sils und der Radweg führt am rechten Ufer des Silvaplaner Sees entlang. Auf dem See selbst flitzen die Kitesurfer auf ihren Foils bei jedem Wetter rauf und runter. Ein Insider hat uns anvertraut, dass die Windverhältnisse hier ausnehmend gut und konstant seien.

St. Moritz ist weltberühmt und liegt in wunderschöner Landschaft am Hang über dem St. Moritz See. Augenscheinlich herrscht kein Mangel an Luxushotels, und es findet sich auch eine gute Auswahl sündhaft teurer Modeboutiquen.  Für einen Einblick in die Kulturgeschichte des Engadins lohnt indes eher der Besuch der Gemäldesammlung des Malers Giovanni Segantini und des Museums Engiadinais.

3. Große Kunst am Weg   

G. Segantini, Mezzogiorno sulle Alpi, 1891, Segantini Museum St. Moritz

Einer, der mit dazu beigetragen hat das Oberengadin weltberühmt zu machen, war der staatenlose Maler Giovanni Segantini. Aus bitterer Armut kommend beginnt er dennoch in  den 1870er Jahren seine künstlerische Ausbildung in Mailand, zieht 20 Jahre später mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Bice Bugatti (aus der Künstler- und Designerfamilie Bugatti), 36-jährig nach Maloja.  Schon fünf Jahre später stirbt er 1899 an einer Bauchfellentzündung.  „Volgio vedere le mie montagne“  sollen die letzten Worte dieses unvergleichlichen Malers gewesen sein. Segantini hatte stets darauf bestanden, in jeder Jahreszeit im Freien zu malen. Sein Werk ist im Segantini Museum in St. Moritz zu bewundern, einschließlich der monumentalen Trilogie „Werden – Sein – Vergehen“, in der er die menschliche Existenz in der Schweizer Bergwelt thematisiert. Segantini geht als innovativer Naturalist und Symbolist in die europäische Kunstgeschichte ein.  Mein persönlicher Favorit ist das Gemälde „Mittag in den Alpen“ (1891). Es zeigt eine blau gekleidete Schäferin in einer wunderschönen Alpenlandschaft und strahlt eine bemerkenswerte Ruhe aus. 

Kunstmuseum Susch in alten Klostergemäuern

Eine ganz andere Form des künstlerischen Ausdrucks findet man in dem kleinen Oberengadiner Ort Susch am Fusse des Fluela Passes. Wie überraschend, dass ausgerechnet hier eine polnische Kunstsammlerin namens Grazyna Kulczyk ein Museum für experimentelle Kunst von Frauen gegründet hat! Das Muzeum Susch – auf rätoromanisch mit z geschrieben – wurde erst 2019 gegründet und ist in den restaurierten Gemäuern eines alten Engadiner Klosters untergebracht.  Die Öffnungszeiten sind zwar nicht besonders radlerfreundlich, aber die Zeit für einen Spaziergang über das Gelände sollte man sich unbedingt nehmen.

Experimentelle Kunst in Susch

Der Weiler Susch selbst hat schon bessere Zeiten gesehen. Wir übernachten  in der etwas herunter gekommenen Pension Garni Fluela. „Posso preparare spaghetti ho rösti com cervola se vuolete“  schreibt mir die hilfsbereite Wirtin auf rätoromanisch. Denn am Abend gibt es in Susch keine geöffnete Gaststätte mehr. Während wir also unsere Spaghetti und Schweizer Rösti vom Teller kratzen, schaut Betty etwa gelangweilt brasilianische Telenovelas an. So kommt heraus, dass sie Portugiesin ist und schon etliche Jahre im Engadin lebt. Diese portugiesische Migrationsgeschichte im rätoromanischen Kanton Graubünden ist kein Einzelfall.  So hat z.B. in St. Moritz, aber auch in Zuoz, ein namhafter Anteil der Bevölkerung portugiesische Wurzeln.   

4. Die destruktive Versuchung der Macht  

Auf dem Weg von Sils Maria nach Susch machen wir Station im kleinen Oberengadiner Ort Zuoz.  Unsere Radtaschen fühlen sich leicht an, denn bei Temperaturen von knapp über null Grad haben wir so ziemlich alle Klamotten an, die wir dabei haben.  

Auf einem Feld unterhalb des Dorfes beobachten wir junge Männer, die Cricket spielen. Eigentlich ungewöhnlich in einem über 1700 m hoch gelegenen Schweizer Bergdorf, denken wir uns, denn Cricket ist vor allem in Commonwealth-Ländern populär.  Wir radeln weiter hinauf in den Ort, der oberhalb des Inns am Hang gelegen ist.

    Zuoz überrascht mit seinem bemerkenswert intakten historischen Ortskern. Wir sehen massiv gemauerte Häuser mit trichterförmigen Fenstern. Wohn- und Arbeitsbereiche, so haben wir im Museum Engiadinais gelernt,  sind im Haus vereint.  Das Heu wird direkt ins große gerundete Eingangstor eingefahren, das Vieh ist in den darunter liegenden Ställen untergebracht. Über fast allen Haupteingangstoren steht das Baujahr. So erfahren wir, dass viele Häuser im Ortskern von Zuoz in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts erbaut wurden.  Das hat mit den blutigen Machtkämpfen jener Zeit zu tun.

    Engadiner Höfe in Zuoz aus dem 16. Jahrhundert
     

    Durch das Engadin führten wichtige Handelsrouten von Bayern und Tirol über die Alpen nach Italien.  Wer diese Routen und Alpenpässe kontrollierte, hatte Macht und konnte seine territorialen Gebietsansprüche ausdehnen. Deshalb war das Engadin immer wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Besonders verheerend war der sogenannte Schwabenkrieg im Jahr 1499. Zwischen dem Haus Habsburg, unterstützt durch den Schwäbischen Bund auf der einen Seite und der Schweizerischen Eidgenossenschaft auf der anderen, ging es um die Vorherrschaft im habsburgisch-eidgenössischen Grenzgebiet. 

    Zuoz hat es im Schwabenkrieg böse erwischt. Von seinen Bewohnern ist überliefert, dass sie rechtzeitig vor dem Einmarsch der Habsburger Truppen ihre Häuser anzündeten und in die Berge flohen. Man muss sich das ganz praktisch vorstellen: Das eigene Haus abbrennen, um sein Leben zu retten.  Aber mit diesem verzweifelten Schritt der verbrannten Erde zwangen die Zuozer Bürger die Angreifer zum Rückzug. Dann bauten sie ihre Häuser umso prächtiger wieder auf. Auffallend sind in Zuoz die kunstvollen Sgraffito-Verzierungen an Fenstern und Türen – eine in dieser Gegend zu hoher Kunstfertigkeit entwickelte Technik, bei der die Ornamente in übereinander liegende Putzschichten eingekratzt werden.

    Sgraffito-Verzierungen an einem  Fenster in Zuoz

    5. Das süße Erbe der Zuckerbäcker

    Weil es nach unserer ausgedehnten Dorfrunde immer noch regnet, kehren wir in das Café im Hotel Klarer auf dem Marktplatz von Zuoz ein. Der Gastraum ist urgemütlich und mit kunstvollen Schnitzereien aus Arberholz vertäfelt. Die freundliche Wirtin des Traditionshauses hat uns sogleich als pudelnasse Radtouristen erkannt und bietet uns zum Café die berühmte Engadiner Nusstorte an. Doch da fällt mein Blick auf eine Schlagzeile der „Engadiner Post“.  Das ist die auf Rätoromanisch und Deutsch erscheinende Lokalzeitung, in der alles Wichtige steht. Die Engadiner Nusstorte, so der Knaller, sei gar keine „echte“ Engadinerin. Das ist das Ergebnis einer mehrjährigen Forschungsarbeit! Die einheimische Nusstorte, so der Befund, sei der  südfranzösischen Tarte au Noix du Perigord verdächtig ähnlich. Ist die Engadiner Nußtorte also ein Plagiat?

    Engadiner Nusstorte (Quelle: https://www.rezeptschachtel.de/engadiner_nusstorte.html)

    Aber die Geschichte hat dann doch noch einen versöhnlichen Ausgang. Denn die originäre südfranzösische Torte aus Nüssen und Karamell wurde im 18. Jahrhundert tatsächlich von Engadiner Auswanderern weiter entwickelt. Sie überzogen die Franzosentorte mit einem speziellem Teigdeckel, um sie fester und leichter transportierbar zu machen. So wurde aus der Französischen die Engadiner Nusstorte. Und das wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Engadiner Migrationsgeschichte.

    Was brachte die Engadiner nach Südfrankreich?  Die Lebensverhältnisse in den kargen Hochtälern Graubündens waren hart. Es reichte den Bauern hinten und vorne nicht, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb wurde der Nachwuchs in die Fremde geschickt, um Geld zu verdienen. Viele verdingten sich als Söldner in rivalisierenden Heeren, doch in einigen Orten des Engadins wurden die Jugendlichen als Zuckerbäcker ausgebildet und schwärmten mit diesem Wissen nach ganz Europa aus. Besonders erfolgreich waren die Engadiner Zuckerbäcker in Venedig. Das beschwor jedoch den Neid der örtlichen  Zünfte herauf und führte schließlich im 18.  Jahrhundert zu deren Ausweisung. Was hat das mit Zuoz und den Dörfern der Region zu tun?  Nun, die erfolgreichen Zuckerbäcker kehrten nach harter Arbeit mit einigem Vermögen in ihre Heimat zurück und ließen sich in ihren Heimatgemeinden prächtige Häuser erbauen.

    Kurz bevor wir Zuoz in Richtung Zernez verlassen, sehen wir einen eindrucksvollen Gebäudekomplex. Auf dem Eingangsschild steht:  Lyceum Alpinum Zuoz – Swiss International Boarding School. Also keine ganz gewöhnliche Dorfschule, sondern ein internationales Internat. Das macht uns neugierig. Und siehe da: Laut Internetseite der Schule lernen hier 340 Schüler aus über 45 Nationen! Gegründet wurde das Internat 1904 unter maßgeblicher Beteiligung zurückgekehrter Zuckerbäcker.  Die Kosten für ein Internats-Schuljahr sind hoch. Zu den Abgängern auf einer langen Liste von Promis gehören der Playboy Gunter Sachs, der VW Patriarch Ferdinand Piëch und der Fürst von Lichtenstein. Und dann kann man noch nachlesen, dass Cricket eines der Sportarten ist, die im Lyceum besonders gepflegt werden. Jetzt wissen wir, woher die Cricketspieler kommen!

    6. Der Schellen-Ursli liebt Apfelstrudel  

    Wir strampeln von Westen her den Berg nach Guarda hinauf. Es liegt hoch über dem Inntal am Südhang des Silvretta-Gebirges. Kaum liegt das Engadiner Dorf in Sichtweite, da taucht die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke auf. Es gilt als eines der schönsten Dörfer der Schweiz und ist die Heimat des Schellen-Ursli. 

    Das Bergdorf Guarda ist die Heimat des Schellen-Ursli

    Der Schellen-Ursli, die beliebte Schweizer Märchenfigur der Autorin Selina Chönz, treibt mit seinen Freunden alljährlich am 1. März mit lautem Glockengeläut den Winter aus. Der „Chalandermarz“ ist ein alter Brauch im rätoromanisch-sprachigen Engadin.

    Straßenbild in Guarda

    Man könnte meinen, dass in dieser Bergidylle die Welt noch in Ordnung ist. Doch auch Guarda hat seine Leidensgeschichte. Es liegt an der historischen Via Imperiala, einer Handelsroute zwischen Tirol und der Region um Como,  und war deshalb gleich mehrmals Opfer zerstörerischer Machtkämpfe.  Der Schwabenkrieg 1499 führte in Guarda wie schon in  Zuoz zu einer ersten Zerstörungswelle. Während der sogenannten Bündner Wirren (1618-1639) kämpften Frankreich und Venedig gegen eine Koalition aus Spanien und Österreich. Guarda wurde ein zweites Mal niedergebrannt. Viele Häuser, die wir heute sehen,  stammen aus der Zeit des Wiederaufbaus im 17. Jahrhundert.

    Guardas Schellen-Ursli öffnet Türen (Bildquelle: Schellen-Ursli Museum Guarda)

    Der Schellen-Ursli ist ein wahrer Schelm, denn er öffnet uns die Tür zum Hotel Meisser. Es hat dem Dorfhelden ein kleines Museum eingerichtet.  Das gediegene Hotel hat eine wunderschöne Sonnenterrasse, an der man keinesfalls vorbei fahren sollte, denn von hier hat man eine fabelhafte Bergsicht und dazu wird ein köstlicher Apfelstrudel serviert.  

    Fast hätte ich es vergessen: Der Inn fließt ab seiner Quelle gute 100 km durch das Engadiner Land. Im Grenzort Martina geht’s weiter nach Tirol und Bayern. Wir haben den Fluss bis ins bayerische Wasserburg verfolgt. Bis dahin gibt es weitere gute Gründe, vom Rad abzusteigen. Wer das genauer wissen möchte, darf sich auf die Fortsetzung dieser Serie freuen.

    Die Inn-Radroute im Engadin:  Malojapass (1815m) – Sils Maria – Silvaplana – St. Moritz – Samedan – Zuoz – Zernez – Susch – Guarda – Ardez – Scuol – Martina (1035m), rd. 110 Radkilometer.  Geteerte- und Feldwege, überwiegend abseits der Verkehrsstraße. Meist abwärts, aber steile Anstiege nach Guarda. Guter Radl-Führer: Bikeline, Inn-Radweg 1. Für Besuche einzelner Orte muss meist vom Innradweg abgewichen werden.



    Mailand – Streifzüge mit Überraschungen 


    Unter dem Schutz der Madonnina
    Ich kann mich gar nicht satt sehen an den Mailänder Selfie-Schönheiten. Sie posieren so wunderbar selbstverliebt auf der großen Piazza vor der prächtigen Marmorfassade des Mailänder Doms. Frauen, Männer, Kinder, ganze Familien, augenscheinlich aus allen Teilen der Welt, haben sich an diesem schon kühlen Novemberwochenende ganz friedlich auf dem Domplatz zum Fotoshooting versammelt.

    Ausnahmsweise keine Ukraine-, Israel- oder Palästinenserdemo, sondern viele friedliche Menschen auf einem Fleck. Sicherheitshalber laufen auch ein paar Carabinieri in ihren feschen Uniformen herum, und in einer Ecke des Platzes zeigen Soldaten in Kampfuniform Präsenz. Die freundlichen jungen Männer sehen aber eher wie Models der italienischen  Armee aus, als dass sie ernsthaft jemandem ein Haar krümmen wollten.

    Über allen und allem schwebt hoch oben auf der Spitze des Domes die „Madonnina“, wie sie die Milanesi liebevoll nennen, die vergoldete Santa Maria Nascente, nach der auch der Dom benannt ist. Seit gut 250 Jahren fährt sie nun schon in den Himmel auf. Eigentlich sollte die Schutzpatronin der Stadt für alle Ewigkeiten die Höhe aller Mailänder Gebäude begrenzen, doch dann setzte auch in Mailand der Wolkenkratzerboom ein. Was tun, wenn die Hochhäuser nunmehr den Dom überragen? Der Allianz Tower im Mailänder CityLife Stadtteil ist inzwischen das höchste Gebäude der Stadt. Die Madonnina überragt er um mehr als hundert Meter. Die Architekten haben, so wird erzählt, eine „italienische“ Lösung gefunden. Sie haben eine Replika der Madonnina auf den Allianzturm platziert und so die alte Himmelsordnung wieder hergestellt.   

    Blick von den Domterrassen auf die Mailänder Skyline und Alpen

    Doch verweilen wir noch einen Moment im Dom. Ende des 14. Jahrhunderts wollte sich die einflussreiche Adelsfamilie der Viscontis mit dem Kirchenbau ein unübersehbares Denkmal setzen. Doch bis alles fertig war, hat es mehr als 500 Jahre gedauert. Deshalb diente der Dom auch späteren Machthabern als nützliche Bühne der Selbstinszenierung.  Napoleon Bonaparte nutzte den Dom zwar zunächst als Pferdestall für seine Invasionstruppen, ließ dann aber wichtige Bauarbeiten an der Kirche ausführen. 1805 krönte er sich schließlich im Dom zum König von Italien. Dafür beschaffte er sich eigens die legendäre „Eiserne Krone“ der Langobarden aus dem nahegelegenen Monza.

    Der Überlieferung nach wurde in dieser Krone ein eiserner Nagel von der Kreuzigung Christi verarbeitet, deshalb erfreute sich die Krone über Jahrhunderte größter Wertschätzung. Auch Karl der Große ließ sich im Jahr 774 die Eiserne Krone aufs Haupt setzen. Wie bei vielen Reliquien ist die Geschichte der Krone zu schön, um wahr zu sein. Italienische Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass der vermeintliche eiserne Christusnagel tatsächlich aus Silber und deutlich jüngeren Datums ist. Aber Reliquien haben oft wenig mit der Wahrheit zu tun. Man muss einfach an sie glauben. Und als Touristenmagnet sind sie seit ihrer Erfindung auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Darauf hat schon der Mailänder Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco mit feiner Ironie in seinem Roman Baudolino hingewiesen. 

    Es zieht sich durch die Geschichte des Abendlandes, dass weltliche Führer allzu gerne der Versuchung erliegen, ihren Machtanspruch mit kirchlichem Segen zu untermauern. Es überrascht deshalb nicht, dass auch Benito Mussolini – inzwischen sind wir im 20. Jahrhundert angekommen – den Mailänder Dom zu propagandistischen Zwecken nutzte. Während seiner Regierungszeit wurde die Domfassade im neo-gotischen Stil vollendet. Ihre ästhetische Vollkommenheit sollte auch die Einzigartigkeit des faschistischen Regimes unterstreichen.

    Kunstvolle Strebebögen sichern die Statik des Doms

    Heute ist der Mailänder Dom die drittgrößte Kirche der Welt. Ob man nun der Institution Kirche treu ist oder ihr kritisch gegenübersteht – der Kirchenbau ist ein gotisches Meisterwerk! Die Architekten haben es geschafft, die Statik scheinbar zu überlisten. Das lässt sich am besten bei einem Spaziergang auf dem Dach des Doms erkennen: In Abkehr von den klobigen Gemäuern und kleinen Fenstern romanischer Kirchen gelang es den Baumeistern mit Hilfe äußerer Stützpfeiler und Strebebögen große Kirchenfenster zu ermöglichen und den riesigen Kirchenraum mit natürlichem Licht durchfluten zu lassen. Das Spiel der Sonne mit den Glasmalereien biblischer Szenen erzeugt dabei eine besondere spirituelle Atmosphäre.

    Eleganz hat ihren Preis: Galleria Vittorio Emanuelle II

    Die Macht der Mode
    Kirche und Macht, das haben wir gesehen, ziehen sich gegenseitig an. Doch Mailand ist auch Wirtschaftsmetropole und Trendsetter in der Welt der Mode. Hier stehen weithin sichtbar die größten und höchsten Bankhäuser Italiens, aber wer weiß (in Deutschland) schon, dass das Bankhaus Intesa Sanpaolo nach der Bilanzsumme das größte italienische Kreditinstitut ist?  Die Modefirmen Armani, Gucci, Valentino oder Versace, um nur einige zu nennen,  aber kennen vermutlich alle, die gerne Schaufenstershoppen gehen und sich vom schönen Schein allzu gern verführen lassen.

    In Mailands Modeviertel sind alle großen Namen präsent. Wir schlendern durch die überdachte Passage der eleganten Galeria Vittorio Emanuele II und spielen das alte Spiel  „Wer hat das schönste Schaufenster“?  Ich entscheide mich für den jungen Herrn mit weißem Jackett und schwarzer Hose von Prada. Er sitzt ganz cool in einem silbrigen Trichter, der mich an ein Düsentriebwerk erinnert. Hoffentlich springt es nicht gleich an.

    Der Prada-Mann

    Man kann es auf dem Foto kaum erkennen, aber Mann trägt in Mailand nun Hosen, die eigentlich zu kurz sind. Wie bei den Damen kommen damit die männlichen Fesseln besser zur Geltung, deshalb sollte der Schuh elegant und gerne etwas hochpreisiger sein.  In Mailands Boutiquen findet sich dazu die richtige Auswahl. Ein paar Straßenecken weiter treffen wir passend zum Prada-Mann die im ähnlichen Outfit gekleidete Prada-Frau.  

    Wir wandern durch die eleganten Straßen rund um die Via Monte Napoleone und Via della Spiga. Hier reiht sich eine exquisite Modeboutique an die nächste. Es fällt auf, dass etliche Schaufenster gerade umgebaut werden. Es muss offenbar immer wieder etwas Neues her, denn der Wettbewerb unter den Modeschöpfern ist groß.

    Eher zufällig gelangen wir in den Innenhof eines ehemaligen bischöflichen Palazzos und erleben eine kleine Überraschung! Inmitten der Piazza Quadrilatero steht ein quadratischer fensterloser Tempel mit beigefarbenen Außenwänden. Neugierig laufen wir um das Gebäude herum und entdecken rechts und links vor dem Eingangsportal zwei Damen, gekleidet in beigefarbene Teddymäntel. Über der Tür steht der Firmenname. Jetzt begreifen wir, es sind die Türsteherinnen des Max Mara Tempels. Sie sehen so elegant aus, dass wir, eher rustikal bekleidet, uns nicht trauen einzutreten. Aber wir werden die Teddys wiedersehen!

    Wenn man so durchs Mailänder Modeviertel spazieren geht, drängt sich die Frage auf, wer im internationalen Modegeschäft eigentlich die Nase vorn hat?  Das Internet offenbart dazu ein paar Überraschungen. Weltweit wertvollstes Bekleidungsunternehmen ist der breit aufgestellte französische Luxuskonzern LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton mit einem Jahresumsatz von rd. 51 Milliarden USD (2020). Das ist keine Kleinigkeit!  Schon auf Platz drei folgt Adidas mit 22,6 Mrd. USD. Prada, das größte italienische Modeunternehmen, kommt auf „nur“ 3,3 Mrd. EUR.  Prada spielt wie Louis Vuitton oder Hermès in der Champions League. Das ist aber nicht zu vergleichen mit dem Massengeschäft.

    Mit billig hergestellter Ware wird richtig viel Geld verdient!  In Europa hat die vermutlich nur Fachleuten bekannte spanische Textilgruppe Inditex mit einem Jahresumsatz von 23,6 Mrd. EUR (2022)  und einem Gewinn von beachtlichen 4,1 Mrd. EUR mit großem Abstand die Nase vorn.  Dahinter verbergen sich Labels wie Zara, Massimo Dutti und Bershka. Die in Deutschland bekannten Marken H&M und Zalando folgen in dieser Statistik mit einigem Abstand auf den Plätzen 2 und 3.  „Fast Fashion“ erlebt derzeit einen Boom. Doch das Geschäft mit trendiger Massenware hat auch seine dunklen Seiten. Denn die Wertschöpfungsketten sind intransparent, die Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern häufig sehr prekär und die Umweltbelastungen der Wegwerfmode erheblich.   

    Doch zurück nach Mailand.  Am Abend sind wir im Ausgehviertel Brera unterwegs und gönnen uns in der bekannten „Jamaica Bar“ einen ersten Aperitif.  Um uns herum sind auffallend viele Duftboutiquen angesiedelt. Man kann sich hier alles Mögliche auf den Handrücken sprühen und hoffen, den richtigen Riecher zu haben. Vor einem Schaufenster bleibe ich wie gebannt stehen. Da ist er wieder, der beige Teddymantel! Die Dame in ihm testet ein Parfüm.  Ich bin jetzt doch neugierig und google wenig später nach dem Preis des Outfits: Für schlappe zwei bis dreitausend Euro ist das gute Stück schon zu haben. 

    Auf der Suche nach dem besten Duft

    Die Macht der Lust
    Sonntagmittag kommt die Sonne raus und deshalb machen wir uns auf den Weg zu den Navigli. Da steckt das Wort navigare drin: Es handelt sich um die Kanäle von Mailand. Sie durchzogen einst die gesamte Mailänder Innenstadt. Bis heute ist Mailand über solche Kanäle mit dem Lago Maggiore und dem Lago de Como verbunden, und früher waren sie wichtige Transport- und Handelsrouten.  Nicht zuletzt wurde der grau-rosa Marmor für den Bau des Mailänder Doms aus dem rd. 100 km entfernten Candoglia über diese Kanäle herbeigeschifft.

    Heute sind die Navigli ein munteres Ausgehviertel mit vielen Kneipen und Läden. Wir kehren auf gut Glück in der „La pizzeria Tradizionale“ am Naviglio Grande ein und sitzen gemütlich inmitten von  Mailänder Groß- und Kleinfamilien, denn sonntags bleibt bei der Mamma die Küche kalt. Auf dem Rückweg schlendern wir über den Corso di Porta Tricinese und auf der Via Torino, eine der älteren Einkaufsstraßen Mailands, zurück in die Innenstadt. Natürlich finden sich auch hier jede Menge sehenswerter Kirchen und Bauwerke, doch insgesamt hat diese Gegend wenig von der Noblesse des Modeviertels. Hier reihen sich Fastfoodketten und Billigoutlets für jeden Geschmack aneinander. 

    Auf dem Corso di Porta Ticinese wartet eine auffallend große Schlange junger Menschen auf Einlass in einen scheinbar unscheinbarem Laden. Ich schaue durchs Fenster und beobachte, wie junge Damen in weißen Schürzen mit sehr langen Fingernägeln und sehr langen Wimpern bunte Gebäckstücke verkaufen.  Der Laden heißt „Mr. Dick“ und versteht sich als „La prima sexy pasticceria en Italia con dolci piu cool del momento“. Frei übersetzt, werden hier die süßesten erotischen Leckereien von ganz Italien angepriesen. Der Renner sind Waffeln in Penisform und Vulvas, ausgebacken zu zarten rosa Cupcakes.  Das ist allerdings Geschmackssache.

    Mailänder Straßenkünstler

    Die Macht im Staat: Giorgia Meloni vs. Elly Shein
    Von Mailand aus haben wir unsere lombardische Verwandtschaft besucht. Und selbstverständlich wollten wir von ihnen wissen: Wie haltet ihr es mit Giorgia Meloni, der italienischen Ministerpräsidentin von der postfaschistischen Partei der Fratelli d‘Italia?  Ein gutes Jahr sei sie nun schon im Amt und habe ihre Drei-Parteien-Regierung relativ geräuschlos zusammen gehalten, wird uns berichtet. Bei so sperrigen Partnern wie Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega und Antonio Tajani von der konservativen Forza Italia sei das ein Erfolg, denn Regierungen in Italien halten im Schnitt nicht länger als 18 Monate. Nach einem Bericht von Bloomberg, einer US-Nachrichtenagentur, halten sich Melonis Zustimmungswerte, anders als bei ihren Vorgängern, auch nach 13 Monaten im Amt solide bei knapp 30%. Sie wird als self-made woman wahrgenommen, die niemandem außer sich selbst und engsten Beratern vertraue. Ihre Politik gilt als pragmatisch und ist trotz aller Wahlkampfrhetorik EU-freundlich, wohl auch, weil sie auf EU-Gelder angewiesen ist.  In der Migrationspolitik, das kann man auch in deutschen Zeitungen lesen,  folgt ihr inzwischen die gesamte EU auf dem Kurs, illegale Einwanderung stärker bekämpfen zu wollen.  Die Parteien der politischen Mitte, so sagen uns unsere Verwandten,  seien in Italien bedeutungslos geworden. Die linke 5-Sterne-Bewegung habe sich völlig diskreditiert. 

    Eine neue Hoffnungsträgerin der linken Mitte könnte indes Elly Shein werden. Die Juristin mit US-amerikanischen, schweizerischen und italienischem Pass, war seinerzeit Wahlkampfhelferin Barack Obamas und wurde vor kurzem zur Präsidentin der italienischen Sozialdemokraten gewählt. Die erst 38-jährige Shein wird in den italienischen Medien als Anti-Meloni hochstilisiert. Zwei Powerfrauen, von denen sicher noch viel zu hören sein wird. Das ist neu in der italienischen Politik. 

    Auf dem Weg zum Mailänder Flugplatz Linate steigen wir ein in die grüne Hölle. Die Wagen der kürzlich eröffneten U-Bahnlinie M 4  sind mit tropischen Dschungelbildern ausgeklebt.  Fai volare tuoi sogni, lass deine Träume fliegen, so lockt die Lufthansa und soll uns heute eigentlich ins gar nicht so tropische Frankfurt fliegen. Tatsächlich hat der Kranichflieger kürzlich den Kauf von zunächst 41% der ITA Airways beschlossen. Ziel ist offenbar, zahlungskräftige Mailänder Kundschaft über das Frankfurter Drehkreuz in alle Welt ausfliegen.  Mal schauen, ob das klappt.

    Über einen großen Mailänder haben wir leider überhaupt kein Wort verloren. Leonardo da Vinci liegt im Mailänder Dom begraben, doch sein Genie ragt über alle Madonninas hinaus. Um ihn angemessen zu würdigen, wäre ein viel gewichtigerer Streifzug als dieser hier vonnöten.

    Die weiße Diva zeigt sich gnädig – Eine Wanderung rund um den Mont Blanc

    Blick auf das Massiv des Mont Blanc (4810 m) von Südosten aus


    Dieser Bericht beschreibt eine Wanderung rund um den Mont Blanc im Juli 2023, die vom DAV Summit Club angeboten und begleitet wurde. Er gibt die persönliche Sicht des Verfassers wieder.


    Morgens um viertelvorsieben gibt’s am Frühstücksbuffet ein Gedränge wie an der Sektbar in der Theaterpause. Eine junge Dame mit sorgsam geflochtenen Zöpfen füllt sich bedächtig Joghurt in eine Schale, wendet sich dann den Müsliangeboten zu, nimmt hier ein Löffelchen und von dort noch ein Portiönchen und hinter ihr staut sich die Schlange der Wartenden bis auf den Flur. Die Auberge du Mont Blanc im Schweizer Bergdorf Trient ist mit über 60 Gästen ausgebucht. Es ist Hochsaison auf der Wanderroute rund um den Mont Blanc.

    Einmal Mount Everest und zurück
    Tags zuvor haben wir unsere Königsetappe geschafft. Über 1000 Höhenmeter geht es in hochalpinem Gelände steil hinauf zum 2665m hohen Joch des Fenêtre d’ Arpette, dann wieder 1400 m hinunter mit wunderbaren Blicken auf den Trientgletscher am Nordrand des Mont Blanc Massivs. Zehn Wanderstunden stehen am Ende auf dem Tageskonto. Drei Viertel der Rundstrecke liegen nun hinter uns.

    Die „Route du Mont Blanc“ – es stimmt schon, was überall geschrieben steht  – ist eine der schönsten und abwechslungsreichsten Fernwandertouren in den Alpen. Sie ist aber auch eine physische und mentale Herausforderung, denn nach dem Jo-Jo-Prinzip geht es jeden Tag meist mehr als 1000 Meter rauf und 1000 Meter wieder runter. Da hilft Bergerfahrung und Kondition, auch wenn die Wege – mit wenigen Ausnahmen – technisch nicht schwer zu laufen sind. Acht Wandertage dauert unsere Umrundung. Am Ende werden wir acht Pässe überquert und – alle Aufstiege zusammengenommen – einmal den Mount Everest erklommen haben. 

    Blick auf den Trientgletscher, im Hintergrund die Aiguille de Tour (3544m)
     

    Rustikale Unterkünfte und reichhaltiges Essen
    Zurück in die Auberge: Unsere Herbergsmutter hatte unserer Sechs-Frauen-und-vier-Männer-Truppe ein doppelstöckiges Matratzenlager zugewiesen, dazu gesellten sich noch ein Vater mit Tochter aus Kalifornien. Wenn zwölf Menschen erschöpft und auf engstem Raum ihre Rucksäcke auspacken, kann es recht kuschelig werden. Doch das erstklassige Käsefondue am Abend und die edlen Tropfen vom roten Gamay und weißen Fendant lassen unser Stimmungsbarometer schnell wieder auf stabile Höhenlagen ansteigen.

    Zudem ist unserem „Zimmerscout“ in der Gruppe auch an diesem Abend wieder ein Coup gelungen. Und das kam so: In größeren Hütten mit Matratzenlagern sind die Belegungen oftmals ungleich verteilt. Da lohnt es sich zu schauen, wo noch ein bisschen mehr Platz zum Schlafen ist. Im großen alten Haus der Auberge hat unser Scout tatsächlich noch ein freies Bettenlager entdeckt – und damit konnten wir unsere Frauenmannschaft von der männlichen Schnarch-Fraktion befreien! 

    Rund um den Mont Blanc: bis zu 170 km durch Frankreich, Italien und die Schweiz mit etlichen Varianten. Die MTB Seite  www.montourdumonblanc.com bietet gute Hinweise zu Unterkünften und Wanderrouten.

    Auf unserer Tour gegen den Uhrzeigersinn übernachten wir drei Mal in Frankreich und Italien und zwei Mal in der Schweiz. Jede Hütte hat ihre landestypischen Eigenarten. Italienischer Zwieback zum Frühstück führt schonmal zu leichtem Naserümpfen, das Lunchpaket ist dafür umso größer. Die Abendessen verdienen rundum sehr gute Noten, deutlich bessere als das Knarr-Konzert der hölzernen Doppelstockbetten. Am Morgen wundert man sich, dass es wider Erwarten doch gelungen ist, bis 5 Uhr zu schlafen. In den Sanitäranlagen kann es schonmal eng werden. „Du musst halt nachts gehen oder bis zur nächsten Hütte aushalten“, rät unser abgebrühter Bergführer.

    Wander*innen aus aller Welt
    Mehr als vierzig Unterkünfte liegen auf der Strecke, dazu etliche Campingplätze. Gut 1.500 bis 2.000 Wander*innen dürften sich in der Hochsaison täglich auf den Weg machen,  aufs Jahr gerechnet sicherlich zehn- bis zwanzigtausend. In der Hochsaison sind die Hütten voll,  aber auf den Wegen gibt es kein störendes Gedränge.

    Wir treffen gleichwohl immer wieder auf die nettesten und verrücktesten Leute.  Da ist die britische Familie mit Vater Max, dem Bodybuilder. Auf seinem Herkulesrücken ist der Familienstammbaum eintätowiert. Da kann man nachlesen, dass er mit Frau Monica und seinen drei Kindern unterwegs ist. Der Ire, nennen wir in Ian, packt gern andrer Leute Sonnenhüte ein, entpuppt sich aber sonst als feiner Kerl. Eine französische Mutter wandert mit ihrem halbwüchsigen Sohn. Der lässt seine Drohne über die Gletscher fliegen. Zwei Skandinavierinnen sind mit Zelt unterwegs. Sie schleppen 15 kg Gepäck mit sich herum, deshalb treffen wir sie bei jeder Pause wieder.  Eine Inderin aus Bangalore, die als IT-Fachfrau in Hamburg arbeitet, hat sich als Solowanderin aufgemacht. Sie meint, dass die TMB-Tour in Indien bekannter als in Deutschland sei. Und da sind auch noch die Wandergruppen aus Japan, Südkorea und China. Der Mont Blanc ist auch in Asien ein Begriff.

    Wir glauben, dass ohne Handy-Ladestationen nichts mehr geht!

    Wir begegnen Trailrunnern mit den dicken Sohlen unter den Laufschuhen. Sie wollen die Mont Blanc Runde beim bevorstehenden Ultramarathon in drei Tagen schaffen. Und hin und wieder wundern wir uns über Mountainbiker, die ihre Drahtesel über das unwegsame Gelände schieben.

    Der Mont Blanc ist ein weltweiter Publikumsmagnet. Im ehrwürdigen französischen Bergdorf Chamonix, dem Start- und Zielort unserer Tour,  ist Englisch längst zur Umgangssprache geworden. 

    Bedächtiger Aufstieg von Chapieux zum Col de Seigne

    Bergsteigerlegenden und schwindende Gletscher
    Die Spitze des Mont Blanc sehen wir nur selten, denn immer wieder schieben sich vorgelagerte Gipfel in die Blickachse.  Die beste Zeit zum Schauen ist frühmorgens und abends, tagsüber ziehen Wolkenschleier auf. Doch der erfahrene Bergführer weiß auch diese Befindlichkeit der weißen Diva zu deuten: „Trägt sie einen Hut, bleibt das Wetter gut!“

    Die Besteigung des Mont Blanc und seiner Nebenspitzen (Aiguilles) ist Stoff für reichlich Bergsteigerlegenden. Natürlich ist das nichts für Weicheier, lässt uns unser Bergführer unmissverständlich wissen. Er selbst, so erzählt er,  hat jedoch etliche Gipfel erklommen: Die Aiguilles zum „akklimatisieren“,  den besonders spitzen Dent du Géant (Zahn des Riesen), weil es eine „lustige Kletterei“ ist,  und als Höhepunkt der Aufstieg zur weißen Diva selbst. Auf den Karten zeigt mir unsere Wanderführerin (ja, wir werden abwechselnd von zwei Bergspezialist*innen geführt) die eng beieinander liegenden Höhenlinien auf den steilen Gletscherpassagen zum Gipfel. Das nötigt mir schon beim Hinschauen gehörigen Respekt ab. Und mit bloßem Auge erkenne ich auch aus der Ferne die enormen Gletscherspalten.  

    Glaubt man den einschlägigen Hochtourenanbietern, dann gehört die Besteigung des höchsten Bergs Zentraleuropas nach wie vor auf die „Must-Do-Liste eines jeden Bergsteigers und Abenteurers“.  Doch dieses alpine Businessmodell beginnt zu kippen. Gewiss ist, dass mit dem Klimawandel auch das Bergsteigen gefährlicher wird.  Der Permafrost, der die Felsen wie Kit zusammenhält, löst sich allmählich auf. Bei Niederschlag im Sommer liegt die Schneefallgrenze inzwischen so hoch, dass sich die Gletscher mangels Neuschnee nicht mehr regenerieren und das bläulich schimmernde Eis direkt der Sonne ausgesetzt ist. Inzwischen häufen sich die Nachrichten über Gletscher- und Felsabbrüche,  Expert*innen warnen vor weiteren Extremereignissen.   

    Noch birgt das Mont Blanc Gebiet ungeheure Gletschermassen. Das Mer de Glace (Eismeer), Frankreichs größter Gletscher, ist mehrere Hundert Meter dick. Doch die Schmelze ist auch hier nicht mehr aufzuhalten.

    Gletscherschmelze am Südosthang des Mont Blanc Massivs

    Genusswandern mit Aussicht
    Unsere Wandergruppe ist unterdessen mit der Umrundung statt der Besteigung des Mont Blanc bestens bedient. Wir erfreuen uns am überaus abwechslungsreichen Panorama, an sprudelnden Bächen und blühenden Bergwiesen,  beobachten Wildbienen und Schmetterlinge und laufen mutig an grasenden Rinderbullenherden vorbei – dem Elektrozaun sei gedankt.  

    Es sind ja oft die kleinen Zipperlein, die auf einer Bergtour die Stimmung heben oder kippen können: Wie begegne ich Rücken- und Schulterschmerzen? – Nun, der Rucksack sollte 8 bis 9 kg Gewicht, inkl. Tagesproviant und Wasser, nicht überschreiten. Rei in der Tube wiegt weniger als zu viel Wechselwäsche! Wie binde ich  meine Stiefel, damit die Blasen weniger schmerzen? – Einschlägige Videos auf YouTube zeigen es mir!  Wie bekomme ich meine angegriffene Verdauung in den Griff? – Gut, wenn die passende Arznei mit im Rucksack ist!  Wo kann ich mein Handy laden? –  Ein echter Engpass in den Berghütten! Ein Wirt macht doch tatsächlich den verwegenen Vorschlag: „Switch off your phone and enjoy the mountains!“ (Schalte dein Telefon aus und genieße die Bergwelt!).

    Locker und entspannt gehen, sagt die Bergwanderführerin.

    Gemeinsam geht es besser
    Wir erleben eine überaus positive Gruppendynamik, denn ein gemeinsames Ziel eint auch Menschen, die sich zuvor nicht kannten und aus den verschiedensten Himmelsrichtungen kommen. Schnell gewinnen wir Vertrauen zueinander, ermutigen uns in Schwächephasen und beglückwünschen uns am Ziel. Wir tauschen Anekdoten und Erfahrungen aus, finden das bereichernd und vergessen darüber die Anstrengungen des Tages.

      Blütenvielfalt am Wegesrand
    Adieu Mont Blanc

    Nach 120 km Wegstrecke, Muskelkater in den Beinen und Blasen an den Füßen steige ich in Chamonix hoch zufrieden wieder in den Mont-Blanc-Express auf den Weg nach Hause ein. Es wird erneut ein Zehn-Stunden-Tag werden, diesmal im Sitzen. Der Regen schlägt an die Fenster, der Zug rattert durch die Bergtunnel zurück ins Tal.

    Au revoir, arrividerci, adieu, Du weiße Diva, Du hast es gut mit uns gemeint.

    Die Runde um den Montblanc im Detail (entgegen dem Uhrzeigersinn) :
    Tag 1: Chamonix – Les Contamines Montjoie (Busfahrt), Notre Dame de la Gorge (1210m) – Col du Bon-homme – Col de la Croix du Bonhomme (2443m) – Chapieux, Auberge de la Nova (FRA, 1549m); 15,7 km
    Tag 2: Chapieux – Col de Seigne (2516m) – Refugio Elisabetta (ITA, 2207m); 14,6 km
    Tag 3: Rifugio Elisabetta – Col Chécrouit (1958m) – Courmayeur (1230m) – Rifugio Bertone (ITA, 1990m); 19,7 km
    Tag 4: Rifugio Bertone – Testa Bernarda (2535m) – Rifugio Elena (ITA, 2061m); 18,6 km
    Tag 5: Rifugio Elena – Col Ferret (2590m) – Ferret (1710m) – Champex-Lac (Busfahrt) – Relais d’ Arpette (CH, 1627m); 11,2 km
    Tag 6:  Rel. d‘ Arpette – Fenêtre d’ Arpette (2665m) – Trient, Auberge du Mont Blanc (CH, 1292m); 13,4 km
    Tag 7: Trient – Col de Balme (2204m) – Frasserands, Gite le Moulin (FRA, 1343m); 13 km
    Tag 8: Frasserands – Chamonix/ Les Moussous, La Chaumière Mountain Lodge (FRA, 1035m); 12 km

    Quellen:  DAV Summit Club (Tour du Montblanc: Rund um den höchsten Berg der Alpen (dav-summit-club.de);  Dank an Sieglinde Wirz für ihre Tourdaten; eigene Aufzeichnungen; Höhenangaben variieren je nach Quelle.