Jeder für sich, keiner für alle: Jerusalem

001 Altstadt und FelsendomAltstadt Jerusalem

Rundstrecke: Yosef Navon Square, Hebron Road (Straße Nr. 60) talwärts bis Kreuzung Ma-ale HaShalom Street, Fußweg bergauf durch Bonei Yerushalayim Gärten zum Jaffator, außen entlang der Altstadtmauer über Tsahal Square bis Damaskustor, auf Sultan Suleyman Street vorbei am Herodestor, an nordöstlicher Ecke der Altstadtmauer über Treppe rechts durch arabischen Yeusefia Friedhof, über Löwentor in die Altstadt auf Via Dolorosa bis Grabeskirche Jesu, durch die Gassen Ha-Notsrim und David Street Richtung Jaffator, über Armenian Patriarchate Street durch das Zionstor aus der Altstadt heraus, Berg Zion vorbei an Davidsgrab und Holocaust Museum, über die Ma-ale HaShalom Street talwärts und Hebron Road wieder zum Ausgangspunkt; 6,6 km.

Jerusalem Altstadtlauf 29.9.2018_6,57 kmRundlauf von Süden im Uhrzeigersinn

 

Über die Frontlinien
Es ist Sabbat in Jerusalem, der Tag, an dem die Arbeit ruht und ultra-orthodoxe Juden alle elektronischen Geräte ausschalten. Und es ist der Sabbat am Ende des siebentägigen Sukkotfestes, zu dem viele gläubige Juden aus dem Ausland eigens nach Jerusalem gekommen sind. Sie feiern den Auszug der Israeliten aus Ägypten ins Gelobte Land.

Los geht‘s am Yosef Navon Square in Abu Tor, einem südlich der Altstadt gelegenen Viertel. Auf der Hebron Road, einer belebten Verkehrsader, die die Stadt in Ost- und Westjerusalem aufteilt, fahren deutlich weniger Autos als an Werktagen. Der israelische öffentliche Nahverkehr steht still. Lediglich die arabischen Busse mit den zwei grünen Streifen am Heck, die Jerusalem mit der Westbank verbinden, sind in Betrieb.

Entlang der Hebron Road laufe ich talwärts bis zur Kreuzung mit der Ma-ale HaShalom Street. Ein Schild erinnert an israelische Schützengräben aus dem Sechs-Tage-Krieg: Im Juni 1967 eroberte Israel von Jordanien die Ost-Jerusalemer Altstadt. Ich nehme einen Pfad, der in Spitzkehren bis oben an den Fuß der nördlichen Altstadtmauer und von dort bis zum Jaffator führt.

Das Jaffator ist der wichtigste Zugang von der westlichen Neu- in die Ost-Jerusalemer Altstadt. Er ist ein täglicher Sammelplatz für Touristen- und Pilgerscharen aus aller Welt, die je nach Kunst- oder konfessionellen Interessen hinter Fähnchen schwenkenden Führern in die engen Gassen ausschwärmen. Doch heute Morgen ist es am Jaffator fast menschenleer. Nur einige, augenscheinlich streng- orthodoxe jüdische Familien eilen zum Gebet an die Klagemauer: die Väter, bärtig, in schwarzem Anzug und weißem Hemd, und je nach konfessioneller Ausrichtung mit Schläfenlocken, Gebetsschal, Kippa, schwarzem Hut oder kreisrunder Fellmütze. Die Mütter in altmodisch wirkenden, über die Knie reichenden Kleidern, die Haare mit Tüchern umschlungen oder, wie sich bei näherem Hinschauen erweist, versteckt unter halblangen Perücken. Ein wenig erinnern sie an die Amish Frauen in Pennsylvania. Die zahlreichen Kinder, zum Teil noch auf dem Arm oder im Kinderwagen, tragen festliche Einheitskleidung.

010ec7db45b073660f7d31c06c96dad098015ad860Sultan Suleymans Altstadtmauer

Jerusalems Altstadt lasse ich zunächst rechts liegen und laufe in nordöstlicher Richtung an der mächtigen, bis zu 15 Meter hohen Stadtmauer entlang. In der heutigen Form stammt sie aus dem 16. Jahrhundert. Der osmanische Sultan Suleyman „der Prächtige“ ließ sie mit dem Wiederaufbau der Altstadt errichten.

Bewachte Ruhe am Damaskustor
Am Tsahal Square umrunde ich die inzwischen in fast jeder Großstadt anzutreffenden „I Love …“- Jerusalem – Buchstaben, dann geht es entlang der Waffenstillstandslinie von 1947 in lockerem Trab bergab zum Damaskus Tor. Hier ist arabisches Wohngebiet. Zwei Polizeiposten mit schwerbewaffneten jungen Frauen und Männern bewachen das Tor und greifen Zeitungsberichten zufolge sehr häufig in Auseinandersetzungen zwischen streitsuchenden Juden und Palästinensern ein. Heute, am Sabbat, ist es jedoch ruhig. Für die islamischen Araber ist normaler Werktag. Ihr Feiertag ist der Freitag, an dem sie quer durch die Altstadt und an verschiedenen Kontrollen vorbei zum Gebet in die Al-Aqsa Moschee auf den Tempelberg laufen. Heute aber bringen Mütter und Väter ihre Kinder in die Grundschulen der Nachbarschaft. Junge Burschen grüßen freundlich und laufen feixend ein paar Schritte neben mir her. Weitere Kommunikationsversuche gehen im Hupkonzert auf der Sultan Suleyman Street unter.

008 Yeusefiya CementaryYeusefia Friedhof

An der nordöstlichen Ecke der Altstadtmauer gelange ich über eine Treppe auf den arabischen Yeusefia Friedhof. Die Morgensonne wirft warmes Licht auf die kunstvollen Grabinschriften. Die friedvolle Würde dieses Ortes lässt mich unwillkürlich meine Schritte drosseln. Gleich gegenüber liegt der Ölberg und an seinen Hängen der größte jüdische Friedhof der Welt. Tote können nicht mehr streiten. Ich gehe weiter, und vor mir taucht hinter den Stadtmauern die goldene Kuppel des Felsendomes und das silberne Dach der Al-Aqsa Moschee auf dem Tempelberg auf.

Machtkampf in der Grabeskirche
Durch das östliche Löwentor gelange ich auf die Via Dolorosa. Ob der Kreuzweg Jesu tatsächlich durch das heutige muslimische Viertel der Altstadt verlief, ist historisch nicht verbürgt. Doch die arabischen Händler freuen sich auf die christlichen Pilgerströme und bieten ihnen eine reiche Palette unterschiedlichster Devotionalien an. Für alle ist etwas dabei: Marienbilder, Kreuze in allen Größen, Dornenkronen, Rosenkränze, Räucherstäbchen und Kerzen, aber auch jüdische Menora Leuchter, und Kippas aller Art. Einer preist mehrsprachig „Echte russische Ikonen“ an, ein anderer lockt mit Kaffee und frisch gepresstem Granatapfelsaft.

003 Grabeskirche mit Leiter_markiertGrabeskirche mit Leiter

Rund 1,3 km windet sich die Via Dolorosa mit ihren 14 Stationen in leichtem Anstieg bis zur Grabeskirche hinauf. Im Verlauf des Tages wird auf dem Vorplatz der Kirche ein wahres Gedränge der Pilger entstehen. Doch nur wenigen wird jene schlichte Holzleiter auffallen, die seit mehreren hundert Jahren unverrückt auf dem Sims schräg oberhalb des Eingangstors steht. Und doch ist diese Leiter ein Symbol für die Spaltung der Christenheit. Hüter der Grabeskirche sind die griechisch-orthodoxe, die armenisch-katholische sowie die römisch-katholische Kirche nebst weiteren christlichen Konfessionen. Jede Gruppe hat in den Mauern der Grabeskirche ihre eigene kleine Kirche oder Kapelle, die die diensthabenden Ordensleute mit der Strenge israelischer Grenzsoldaten vor einander und den Besuchern bewachen. Wem die Leiter gehört, lässt sich nicht mehr klären. Mitte des 18 Jhd. war der in Jerusalem herrschende Sultan Osman III der Streitereien so müde, dass er den Status Quo der Besitzverhältnisse in der Grabeskirche festschrieb und einer muslimischen Familie die Schlüsselgewalt über die wichtigste christliche Kirche des Abendlandes übergab.

In Laufkleidung betrete ich die Kirche nicht, auch wenn dies zwischen den vielen Besuchern nicht weiter auffallen würde. Doch durch die Eingangstür erspähe ich jene Felsplatte, auf der Jesus gemäß der Überlieferung nach seinem Tod am Kreuz einbalsamiert wurde. Ich sehe Pilger, die vor der Platte niederknien, beten, sie liebkosen und das Mysterium des Todes und der Auferstehung Christi physisch begreifen wollen.

Der weitere Weg durch die Altstadt führt mich durch nun schon belebtere Gassen. Die Souvenir-, Obst und Gemüsehändler machen allmählich ihre Pforten auf, und wie so häufig sind die Early Birds aus Asien als erste Besuchergruppen unterwegs.

Ein kleiner Abstecher von der David Street bringt mich über ein paar Treppenstufen hinauf auf die Dächer über der Altstadt. Hier liegt mehr oder weniger ihr geographisches Zentrum. Nach Süden blicke ich auf den Tempelberg. Juden und Muslime begreifen ihn gleichermaßen als ihre heiligste Stätte und werden nicht müde, auf ihrem Anspruch als einzig legitime Statthalter dieses Ortes zu beharren.

Über den DächernÜber den Dächern von Alt-Jerusalem

Links von mir liegen das christliche und muslimische, rechts das jüdische und christlich-armenische Viertel. Die drei großen Weltreligionen, die Jerusalem als ihre Heilige Stadt begreifen, verkünden fast gleichlautende Friedensbotschaften. Und doch sind sie in ewigem Streit miteinander verstrickt.

Streit statt Frieden
Über den Platz am Jaffator geht es weiter durch das armenische Viertel und schließlich durch das Zionstor aus der Altstadt heraus. Ich laufe über den Berg Zion, auf dem das Letzte Abendmahl stattgefunden haben soll, vorbei am angeblichen Grab des David, dem das Alte Testament die Eroberung Jerusalems um 1000 v. Chr. zuschreibt. Kein Mythos, sondern schreckliche Gewissheit ist der Holocaust, an den ein kleines Museum gleich auf der anderen Straßenseite erinnert. Mit der monumentalen Gedenkstätte Yad Vashem kann es allerdings nicht mithalten.

Über Ma-ale HaShalom Street und Hebron Road gelange ich wieder zum Ausgangspunkt. Den Rundlauf durch Jerusalem beende ich an einer markanten Aussichtsplattform südlich der Altstadt. Mein Blick schweift vom Berg Zion über Altstadt, Tempelberg und Ölberg, und schließlich in die Ferne nach Bethlehem im Westjordanland mit den Mauern um die Siedlungsgebiete. Alles ist ruhig, die Morgenluft erfrischend und klar, die Vögel zwitschern. Shalom, Salam alaikum, Frieden: In Jerusalem ist nichts schwerer als das.

Ein Kommentar

  1. Berthild Sigrist · November 4, 2018

    Schöne Fotos, die lang zurückliegende Erinnerungen wachrufen, vielen Dank.

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