Der Skitourenkurs

Der Bergführer spurt, die Gruppe folgt.

Es ist Freitagmorgen um viertel vor sieben. Heute wollen wir zu unserer dritten und letzten Skitour auf die Hänge des 2674 m hohen Punta Lago Nero ein paar Kilometer südöstlich von Livigno aufbrechen. Wir, das ist eine zusammengewürfelte Gruppe von zwei Frauen und sechs Männern aus Deutschland und ein Bergführer aus Südtirol. An diesem letzten Tag unseres Skitourenkurses[1] fühlen wir uns schon ziemlich routiniert – und werden doch wieder jede Menge neue Herausforderungen erleben.

Das geht schon beim Ökofrühstück im Speiseraum unserer Unterkunft los. Gut beraten ist, wer sich gleich als erstes an der Saftmaschine anstellt. Denn hier herrscht großer Andrang, weil für den morgendlichen Vitaminbooster gefühlt alle Gäste Möhren und Äpfel, Gurken und Fenchel, Bananen und Kiwis passgerecht für den schmalen Hals des großen Wundersafters zerkleinern wollen. Mit besonderer Hingabe bereiten einige junge Damen in körperbetonter Skiunterwäsche ihren Gesundheitstrunk vor.

Doch wer pünktlich auf Tour will, darf sich von solchen Nebensächlichkeiten nicht ablenken lassen. Denn jetzt gilt es zu packen und vor allem darauf zu achten, dass alle Sicherheitsinstrumente zuverlässig im ABS-Lawinenrucksack verstaut sind. In unseren blauen DAV-Rucksäcken sind Airbags installiert, die sich mit einem Zug am Sicherheitsgriff explosionsartig zu zwei flügelähnlichen Polstern aufblasen. Ob sie helfen, in einer niedergehenden Lawine an der Oberfläche zu bleiben, haben wir zum Glück nicht testen müssen. Stattdessen bot sich uns ein bühnenreifes Schauspiel, als sich die Airbags einer Kollegin in der Gruppe versehentlich von selbst öffneten.

Topografische Karten, Lawinenlagebericht und viel Erfahrung helfen bei der Tourenplanung.

Zur Grundausrüstung beim Tourengehen gehören auch Lawinenschaufel und -sonde. Letztere ähnelt einer zusammenklappbaren Campingstange. In unserer Rettungsübung am Vortag konnten wir damit gut zwei Meter tief in die Schneemassen eindringen und nach verschüttenden Kameraden suchen. Das funktioniert gut, wenn der Piepser (d.h. das Lawinenverschüttungssuchgerät LVS) des Suchenden auf Empfang geschaltet ist und damit sehr präzise die LVS-Signale des Verschütteten lokalisiert. Das überlebenswichtige Piepsgerät schnallen wir also sorgsam um die Schulter und stellen es schon vor Verlassen des Hauses auf Sendung. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, auch zu prüfen, ob noch genügend Saft in der Batterie ist.

Zurück zur heutigen Tour. Endlich geht es los. Die Autos haben wir in einem namenlosen Weiler in der Nähe des Örtchens Trepalle geparkt. Allen gelingt es inzwischen, die Tourenski im Vergleich zu den ersten Tagen relativ flott anzuschnallen – auch denjenigen unter uns, die mit der nicht sehr leichtgängigen Xenic 10 Tourenbindung von Fritschi unterwegs sind. „Beim Aufstieg sollen die Ski den Schnee streicheln“ rät uns der Bergführer. Denn jedes noch so kleine Anheben kostet unnötig Kraft.

Die Felle hatten wir schon zuvor in der Wärme des Skikellers aufgezogen. Auch das klappte schon viel besser als beim ersten Mal.  Denn die Felle müssen faltenfrei und passgenau auf die Laufflächen der Ski geklebt werden, so dass sie nach vorne gleiten und nach hinten das Abrutschen verhindern. Auch das „Abfellen“ am Berg verlangt ganz eigene Fertigkeiten. Das erlebten wir gleich am ersten Tourentag, als unser Bergführer am Ende eines eher gemächlichen Aufstiegs die steilste Stelle eines Hanges als Ziel- und Rastplatz auserkor. Beim Abziehen flatterten die Felle wild im eiskalten Wind durcheinander. Überall klebten sie fest, nur nicht auf der richtigen Stelle übereinander. Die Finger sind bei dieser Koordinationsübung viel schneller eingefroren, als man dies nach einer einschlägigen YouTube-Anweisung im temperierten Wohnzimmer für möglich gehalten hätte. „Auf Skitour gehen ist kein Badeurlaub“ sagte der Bergführer.

Wortlos setzt sich nun unser Führer in Bewegung. Er wird schon wissen, wo es lang geht, denken wir, und gleiten ihm ebenso wortlos hinterher. Doch schon nach ein paar Minuten gelangen wir in ein dichtes, steiles und scheinbar unpassierbares Waldstück. Nach dem sanftem Aufstieg vom Vortag steht heute offenbar eine Fortgeschrittenenprüfung auf dem Programm. Plötzlich spüren wir, wie die Kälte in uns hochkriecht und unsere Motivation auf die Probe stellt. Denn in diesem schattigen Nordhang auf über 2000m Höhe sind es sicher gute 10 Grad minus. Fühlen sich jetzt nicht auch die Druckstellen an den Füßen noch schmerzhafter an?

Doch dann erkundet unser Führer das Gelände und beschließt, eine deutlich angenehmere Route entlang eines Baches zu wählen. Kraft brauchen wir aber nun zur Überquerung des Baches. Denn dazu schnallen wir wieder ab und versinken prompt bis zu den Knien im Schnee, aber zum Glück nicht im eiskalten Wasser. „Ski bei extremer Hangneigung anschnallen“ könnte die nächste Übung heißen, denn bis wir alle wieder startklar sind, vergeht eine kleine Ewigkeit. Aber es kommt noch besser. Mit immer häufigeren Spitzkehren erklimmen wir jetzt einen ziemlich steilen Bergrücken. Was am flachen Hang so einfach erschien, wird jetzt zur Mühsal. Denn bei jeder Spitzkehre bergauf verfängt sich der nachgezogene Ski treffsicher im Hang. 

Direkt über uns entdecke ich jetzt eine bedrohlich überhängende Schneewechte. Schnell überprüfe ich, ob mein Airbagsystem wirklich entsichert ist und versuche zu rekapitulieren, was wir an den Vortagen zum Thema Lawinengefahr besprochen hatten. Aber nachdem wir alle Neune erfolgreich den Abhang herauf gekraxelt sind, entpuppt sich die Wechte als harmlos. Atemlos geht es weiter durch den kalten Morgen.

Sonne pur und verharschter Altschnee

Nach gut anderthalb Stunden Aufstieg schaffen es die ersten Sonnenstrahlen über den Berg. Zeit für eine erste Trinkpause und Entblätterung aus dem inzwischen viel zu warmen Zwiebellook. Unser wortkarger Bergführer ist offenbar mit unserer Leistung zufrieden, denn gut gelaunt erzählt er uns jetzt den klassischen Witz von der allein reisenden Ehefrau und dem gut aussehenden Skilehrer Kurt.

Nach rd. 700 Höhenmeter Aufstieg und Stunden später haben wir es endlich geschafft. Alle großen und kleinen Strapazen sind im Nu vergessen. Rundherum blicken wir bei strahlend blauem Himmel in ein winterliches Panorama der Schweizer, österreichischen und italienischen Alpen, das schöner nicht sein kann. „Berg Heil“ sagt unser Bergführer und fügt lakonisch hinzu, dass dieser Gipfelgruß längst aus der Mode gekommen sei. Denn heutzutage fragt man: „Hast Du Netz?“ Wie auf ein geheimes Kommando haben plötzlich alle ihre Smartphones in der Hand. „Schon über tausend Emails!“ klagt einer aus der Gruppe, obwohl das Jahr doch gerade erst angefangen hat. So einsam, wie es scheint, sind wir hier oben in der wilden Natur anscheinend doch nicht. Und als ob es einer weiteren Bestätigung bedurft hätte, knattert prompt ein Hubschrauber mit Heli-Skifahrern vorüber.

Blick auf die Berge um Livigno

Abwärts geht alles viel schneller. Am besten in der Falllinie. Doch wem das nicht so behagt, schafft es in den Steillagen auch mit Spitzkehre und Stemmbogen. Statt pulvrigem Neuschnee gibt es nur Altschnee, mal harschig festgeblasen, mal etwas lockerer. Und deshalb mutiert die Traumspur bisweilen zu einer breiten Ackerfurche.  

Doch keiner lässt sich davon die gute Laune verderben. Am Ende des Kurses sind wir froh, dass alle Knochen heil geblieben sind. Und am Abend, bei etlichen Flaschen guten Rotweins, reift die Erkenntnis, dass die nächste Skitour wieder von einem guten Bergführer angeführt werden sollte.


[1] Dieser Beitrag fasst die persönlichen Eindrücke des Autors von einem Tiefschnee- und Skitourenkurs des DAV Summit Club in Livigno im Januar 2020 zusammen.

Nützliche Infos zu Tourenvorbereitung und Lawinenkunde finden sich hier:

Klicke, um auf Panorama-6-2019-Tourenplanung-im-Winter_31229.pdf zuzugreifen


https://www.alpenverein.at/portal/news/aktuelle_news/2012_12_04_sicher-auf-skitour.php

Empfohlen werden Teil 1 und Teil 2.

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