30 Jahre später: Neues Leben an der Mauer

Mit dem Rad unterwegs auf dem Berliner Mauerweg

Mauer mit Durchblick: An der Gedenkstätte Bernauer Straße

Die Route: Radweg entlang der Stadtroute des Mauerwegs. Start: S-Bahn Station Frohnau im Norden Berlins, Ziel: S-Bahn Station Flughafen Schönefeld; ca. 55 km. Umfassende Informationen sowie Kartenmaterial zum Herunterladen finden sich auf den Webseiten des Berliner Senats:  https://www.berlin.de/mauer/mauerweg/.   

Ganz herum um das ehemalige West-Berlin sind es rd. 160 km.

Die Last der Meinungsfreiheit

An der Spreepromenade, direkt hinter dem Berliner Reichstag, wird Demokratie transparent gemacht. Auf 19 Glasplatten hat der israelische Künstler Dani Karavan Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes eingravieren lassen. Ich nähere mich der 5. Platte. Doch es fällt mir schwer, die kleinen weißen Buchstaben zu entziffern. Das Auge wird immer wieder abgelenkt. Denn hinter der Scheibe schimmern Gebäude und Bäume durch. Auf dem Glas sehe ich mein Spiegelbild, zusammen mit den Spiegelungen weiterer Passanten.

Gläsernes Grundgesetz vor dem Reichstag

Ist das der tiefere Sinn dieser Installation? Soll man sich mehr als nur einen Augenblick Zeit nehmen, um den Text zu entziffern?

Artikel 5: „Jeder hat das Recht, seine Meinung … frei zu äußern…“

Die heutige Tour entlang des Berliner Mauerwegs wird es bestätigen: Meinungsfreiheit muss erkämpft werden. Demokraten versuchen, sie um jeden Preis zu schützen. Autokraten scheuen keinen Aufwand, sie zu bekämpfen.  Das ist die Botschaft vom Bau und Fall der Berliner Mauer.

Doch gehen wir erst einmal an den Start auf unserem Weg entlang der Mauer.  An einem wunderschönen und – rückblickend – vergleichsweise harmlosen Corona-Sonntag im September 2020 radeln wir auf der Stadtroute des Mauerwegs von Norden nach Süden quer durch Berlin. Es wird eine Fahrt voller Gegensätze und Überraschungen.

Ich habe mir das zunächst ganz einfach vorgestellt: Rechts vom Weg liegt das ehemalige Westberlin und links das alte Ostberlin. Doch es zeigt sich schnell, dass die Mauer keineswegs geradlinig, sondern mit vielen Ecken und Kanten zwischen den ehemaligen Besatzungszonen der drei Westmächte und der Sowjets gezogen wurde. An vielen Stellen wurden an Häuserfronten nahe der Grenzlinie kurzerhand Türen und Fenster zugemauert.  Im Westen nannte man das Bauwerk „Schandmauer“, im Osten „antifaschistischer Schutzwall“. 28 Jahre lang wurde jedes Ereignis an der Mauer hüben wie drüben propagandistisch ausgeschlachtet. Eine Abstimmung mit den Füssen aber fand erst wieder am 9. November 1989 statt.

Wir starten im Ortsteil Frohnau. Das ist ehemaliges Westberliner Terrain und war schon immer eine gute Wohngegend. Wir fahren an der evangelischen Kirche vorbei und beobachten, wie die Gemeinde ihren Sonntagsgottesdienst wegen Corona ins Freie verlegt hat. Sehr schnell finden wir uns mal diesseits, mal jenseits der Landesgrenze Berlin – Brandenburg inmitten von Feldern und Moorwiesen wieder.

Kaum zu glauben, dass auf diesem Radweg früher der Todestreifen verlief. Jetzt heißt er „Grünes Band Berlin“. Längs des Weges haben sich Kleingartenvereine angesiedelt. Wir treffen auf Wandergruppen, meist rüstige Rentner. Und weil Sonntag ist, überholen wir Väter, die ihren Sprösslingen das Radfahren beibringen. Der Todesstreifen ist zu neuem Leben erwacht. Die Menschen haben ihn wieder in Besitz genommen. Selbst die Wildschweine scheuen sich nicht, des Nachts die frische Grasnarbe immer wieder umzugraben.

Sowjetisches Gedenken

Im Volkspark Schönholzer Heide besichtigen wir das große Sowjetische Ehrenmal. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von der DDR errichtet, ehrt es über 13.000 Angehörige der Roten Armee, die  im Kampf um Berlin gefallen sind. Rechts und links stehen zwei monumentale Mauerwerke, die spitz in den Himmel ragen. Wir stehen dazwischen und fühlen uns – absichtsvoll? – nichtig und klein. In Großbuchstaben steht auf dem Granit geschrieben:

EWIGER RUHM DEN KÄMPFERN DER SOWJETARMEE, DIE IHR LEBEN HINGEGEBEN HABEN IM KAMPF FÜR DIE BEFREIUNG DER MENSCHHEIT VON FASCHISTISCHER KNECHTSCHAFT

Das wirkt heute wie aus der Zeit gefallen. Hammer und Sichel sind stumpf geworden. Doch der Park ist frisch renoviert und Polizisten sorgen für Ordnung im Gelände. Sich öffentlich und frei erinnern zu können und zu dürfen – das ist auch eine Form der Meinungsfreiheit, die geschützt werden will. Aus Respekt vor der Gedenkstätte werden wir gebeten, unsere Räder zu schieben.   

Schauplatz des 9.11.1989: S-Bahnhof Bornholmer Straße

Schabowskis Pressekonferenz

Nur wenige Kilometer weiter stoßen wir auf den vielleicht wichtigsten Schauplatz der Mauergeschichte: Die Brücke am S-Bahnhof Bornholmer Straße. Um die Bedeutung dieser Brücke zu verstehen, müssen wir uns an den 9. November 1989 zurück erinnern. An diesem Tag hatte das SED Politbüro Mitglied Günter Schabowski seine ebenso legendäre wie fahrige Pressekonferenz zur neuen Reiseordnung für DDR Bürger abgehalten. Die ihn offenbar überrumpelnde Frage eines italienischen Reporters nach dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der Reiseordnung beantwortete er zunächst zögerlich, aber dann entschlossen und mit den historischen Worten:

 „… nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich.“[1]

Noch am gleichen Abend des 9. Novembers stürmten die Menschen über die Brücke am Grenzübergang Bornholmer Straße in den Westen. Dies war der Anfang vom Ende der Mauer. 

[1] Live klingt das bei Schabowski so: https://www.youtube.com/watch?v=cV0y0cO3K7w

Ringelpiez am Mauerpark

Inzwischen sind wir im Mauerpark angekommen. Zwischen Pankow und Prenzlauer Berg gelegen,  ist dort gleichermaßen für Unterhaltung wie für Kontroverse gesorgt. Flohmarkt, Karaoke, Künstler und  Musiker aus aller Welt sind über die Jahre zu Publikumsmagneten geworden. Wer nur kurz in die sozialen Medien schaut, erfährt schnell: „This is the place to be!“  Zehntausende von Besuchern leben sonntags im ehemaligen Todesstreifen ihre persönlichen Vorlieben aus  – und gehen dabei den Anwohnern mit Lärm und Dreck gehörig auf die Nerven. Jetzt wird nach Lösungen gesucht, und auch die Corona-Beschränkungen tragen zur Mäßigung bei: Als wir am Sonntagvormittag durch den Park radeln, hören wir leise Töne: Mauerpark unplugged.

Günter Litfin (1937-1961), der erste Mauertote

In der Kieler Straße, in der Nähe des Invalidenfriedhofs, passieren wir die Gedenkstätte für Günter Litfin. Sie ist in einem ehemaligen DDR Grenzwachturm untergebracht. Was hier passiert ist, will ich genauer wissen. Die beiden freundlichen Turmwärterinnen weisen mir den Weg über die steilen Stiegen hinauf zur Beobachtungsplattform im zweiten Stock. Hier oben  hat man einen guten Blick auf den Verbindungskanal zur Spree. Und ich lerne, dass die Wachtürme meist so angelegt wurden, dass es Sichtkontakt zum nächsten Turm gab.

Die Dokumente im Turm erläutern, warum und auf welchem Wege Günter Litfin fliehen wollte. Litfin lebte in östlichen Berliner Bezirk Weißensee und arbeitete als Schneider im westlichen Charlottenburg. Der Mauerbau am 13.8.1961 durchkreuzte seine Pläne, nach Westberlin umzuziehen. Deshalb entschloss er sich zur Flucht.

Ich versuche, die letzten Meter seiner Flucht ein Stück weit nachzuvollziehen. Hinter dem Invalidenfriedhof biege ich links vom Mauerradweg ab in das weitläufige Gelände des Charité-Campus. Die schmucken roten Backsteinbauten aus der vorletzten Jahrhundertwende strahlen eine friedliche Ruhe aus. Genau durch dieses Gelände lief der 24-Jährige Günter Litfin am 24.8.1961 und versuchte dann schwimmend durch den Verbindungskanal am Humboldthafen (nahe der Spree und dem heutigen Hauptbahnhof) die andere Seite zu erreichen. Doch bevor er am rettenden Westufer ankam, wurde er von DDR-Grenzsoldaten erschossen.[1]


[1]Eine Biographie Litfins findet sich hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Litfin


Chillen oder gedenken? „Weiße Kreuze“ vor dem Reichstag

In Berlins Mitte führt der Mauerweg am Spreebogen entlang mitten durch das Herz des neuen Regierungsviertels. Am Reichstagsufer flanieren Ausflügler, alle paar Minuten tuckert ein Ausflugsboot über die Spree. Nichts scheint mehr an die deutsche Teilung zu erinnern. Nur wer genau hinschaut, sieht drüben am Westufer acht kleine Kreuze stehen. Mit dem massiven Reichstagsgebäude im Hintergrund wirken sie wie verloren. Und doch stehen sie da, um an dieser zentralen Stelle an die weit über hundert  bekannten und unbekannten Berliner Mauertoten zu erinnern. 

High life am Brandenburger Tor

Wir sind inzwischen am Brandenburger Tor angelangt. Nachdem der Platz rund um das Tor 28 Jahre lang hermetisch abgeriegelt war, stellen die umher flanierenden Touristen vermutlich täglich neue Selfie-Rekorde auf.  Und es wird unermüdlich demonstriert. Für oder gegen alles, was den Menschen auf dem Herzen liegt. Meist sind es kleinere Gruppen, die ihre Meinungen kund tun, und das alles friedlich und ohne größere Folgen.

Heute sind die Reichsbürger da. Vor dem Hotel Adlon schwenken ein paar missmutig dreinschauende Gestalten die Reichsfahne. Aus einem Lautsprecher dröhnt Propaganda im pathetischen Tonfall der 1930er Jahre. Ein Schild erläutert: „Das Deutsche Reich ist ein Staat, also ist die BRD, logisch, kein Staat.“ So geht die schlichte Logik der Reichsbürger. Doch am Brandenburger Tor darf auch Unsinn verbreitet werden.  

Junggesellinnen-Abschied am Brandenburger Tor

Ganz unbekümmert zieht jetzt eine Gruppe fröhlicher Mädels vorbei, die Junggesellinnen-Abschied feiert. Wir wenden uns nur allzu gern von den knorrigen Reichsbürgern ab und spenden großzügig für das zukünftige Leben zu zweit.

Mittagsplausch am Kreuzberger Oranienplatz

Die East Side Gallery kommt in die Jahre

Keiner will die Mauer mehr haben, aber jeder will sie noch einmal sehen. An der Gedenkstätte Bernauer Straße bekommt man die Geschichte, an der East Side Gallery das Spektakel vom Bau und Niedergang der Mauer geboten. Hier wie dort stehen noch Mauerreste. Nach einem Zick Zack Kurs quer durch Kreuzberg und vorbei am Oranienplatz kommen wir zur Mühlenstraße. Direkt am Spreeufer zwischen Kreuzberg und Friedrichshain hat man im Jahre 1990 kurz nach der Öffnung ein paar hundert Meter der Berliner Mauer Street-Art Künstlern zur Illustration der Mauergeschichte übergeben. Berühmt geworden ist z.B. das Bild mit dem sozialistischen Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker. „Hilf mir diese tödliche Liebe zu überleben“ hat der Künstler darunter geschrieben. Ein neueres Bild erzählt von der nicht minder verblendeten Mauerliebe Donald Trumps.

East Side Spray Party

Es gibt hier viele künstlerische und parodistische Meisterleistungen. Doch was wir in der East Side Gallery sehen, ist amtlich bestellte Spraykunst. Das anarchistische Motiv, das Überraschungsmoment und das Vergängliche der Street-Art, das bewusste Aufbegehren gegen den gesellschaftlichen Mainstream, mithin also die radikale Inanspruchnahme des Artikel 5 Grundgesetz, das sieht man nicht in der East Side Gallery, dafür aber noch an vielen anderen Berliner Altbaumauern. Noch, muss man sagen, denn die sichtbaren Umbrüche der Wendezeit verschwinden nach und nach aus dem Berliner Straßenbild.

Chris Gueffroy (1968-1989), das letzte Maueropfer[1]

Südlich von Neukölln rollen wir gemütlich unserem Ziel, dem Schönefelder Flughafen, entgegen. Die Nachmittagssonne taucht unseren Weg in ein warmes Licht. Doch die Szenerie täuscht. Am sog. Britzer Verbindungskanal sehen wir am Ufer plötzlich eine Stele, die Chris Gueffroy gewidmet ist. Der 20 jährige gelernte Kellner war zum Grundwehrdienst eingezogen worden, wollte sich aber dem Dienst in der Nationalen Volksarmee entziehen. Am 5.2.1989 fand ein Staatsbesuch in Berlin statt. Irrtümlicherweise nahm Chris Gueffroy an, dass deshalb der Schießbefehl ausgesetzt worden sei. Auch er versuchte über das Wasser zu flüchten. Gueffroy war das letzte Maueropfer, das bei einem Fluchtversuch erschossen wurde. 9 Monate später fiel die Mauer.


[1] Biographie von Chris Gueffroy: https://de.wikipedia.org/wiki/Chris_Gueffroy

Eine Woche später
Ich radle wieder zum Brandenburger Tor. Schon von weitem bemerke ich, dass der Bär los ist. Überall Sicherheitskräfte. Neugierig nähere ich mich dem Geschehen. Doch unzählige Polizisten schirmen sowohl eine Großdemonstration vor dem Brandenburger Tor, als auch die Gegendemonstration auf der Straße des 17. Juni hermetisch ab. Spontan mit demonstrieren ginge gar nicht. Das können nur die, die pünktlich und angemeldet erscheinen. Auch Demos haben ihre Regeln.

Ein freundlicher Polizist erklärt mir, dass es sich bei der Großdemonstration um den jährlichen „Marsch für das Leben“ handelt. Über die Köpfe der Polizisten hinweg beobachte ich, wie ein katholischer Geistlicher (er gibt sich als Bischof zu erkennen) auf der großen Bühne mit salbungsvollen Worten über den Schutz ungeborenen Lebens predigt. Direkt vor mir streckt eine junge Demonstrantin ein Pappschild in die Luft. Unverblümt meint sie: „Wer vögelt, muss auch gebären!“

Demo und Gegendemo verlaufen geräuschvoll, aber friedlich. Art. 5 Grundgesetz hält, was er verspricht. Die Demonstranten dürfen ihre Meinung, zu Not auch unter Polizeischutz, äußern. Auch die Polizisten haben Glück: Für einige der Hundertschaften bleibt sogar noch Zeit für ein Nickerchen im Mannschaftswagen.

Ein Kommentar

  1. Reinhard · Oktober 13

    sehr schön!

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