Die wahre Geschichte vom Corona-Marathon

Die Schlacht bei Marathon, Bildquelle: Die Welt, picture-alliance/ Mary Evens Pi

Der tapfere Pheidippides
Je länger die Krise andauert, desto häufiger wird in der öffentlichen Debatte das Bild vom Marathonlauf bemüht. Doch hilft uns diese Metapher wirklich weiter? Sind wir nach 42,1 Kilometern tatsächlich schon am Ziel? Historiker vermuten schon länger, dass der Tageläufer Pheidippides 490 Jahre vor Christus weit mehr als nur die knapp 40 Kilometer von Marathon nach Athen gelaufen ist, um den Sieg über die Perser zu verkünden. Denn es war wohl nur die letzte Etappe eines Ultramarathonlaufes, der ihn zunächst von Athen auf den Peloponnes nach Sparta (220 km) führte, um die Spartaner im Kampf gegen die Perser zu Hilfe zu rufen. Von Sparta lief Pheidippides wieder zurück zum Schlachtfeld bei Marathon (250 km). Von dort schleppte er sich schlussendlich nach Athen (33 km), wo er mit der Verkündigung des Sieges vor Erschöpfung tot zusammenbrach. So erzählt es die Legende. Wird so auch unser Corona-Marathon enden?  

2500 Jahre später lohnt es sich, an die vollständige Geschichte des Marathonlaufs zu erinnern. Denn die Ausdauer eines Pheidippides könnte uns in diesen unübersichtlichen Zeiten zum Vorbild gereichen. Wie wir heute wissen, bedurfte es im Frühjahr 2020 eben nicht nur 42 Tage eines Lockdowns, um aus der Krise wieder herauszukommen. Wenn wir die Infektions- und Todeszahlen von damals mit jenen von heute vergleichen, dann könnten sie, wie der zynische Herr Bolsonaro einst spottete, tatsächlich wie ein „kleines Grippchen“ erscheinen.

Mehr als 2,6 Millionen Corona-Tote
Zwölf Monate nachdem die WHO den Ausbruch des Coronavirus zur Pandemie und damit zu einer weltweiten Bedrohung erklärt hat, dokumentierte die New York Times am 19. März 2021 folgende Zahlen: Weltweit haben sich nachweislich mehr als 121 Millionen Menschen mit COVID 19 infiziert. Mehr als 2,6 Millionen sind mit und an der Infektion verstorben – über 600 Mal mehr als im März 2020, bis dahin waren es „nur“ 4300 Tote.

Wie die folgende Graphik zeigt, steigt die Kurve der 7-Tage-Inzidenzen seit Februar 2021 weltweit wieder spürbar an. Die Hoffnung auf eine Wende nach dem Höchststand um die Jahreswende 2020/21 ist verflogen. Wir sind am Beginn einer dritten Corona-Welle. Wird es diesmal die letzte sein, bevor wir das Virus endlich unter Kontrolle bekommen?  Wir erinnern uns (vielleicht) an die spanische Grippe. Diese letzte große Pandemie kam in drei Wellen. Zwischen 1918 und 1920 forderte sie laut WHO rd. 45 Millionen Menschenleben.[1]   Von diesen Zahlen sind wir heute noch weit entfernt.

Quelle: New York Times online vom 19.3.2021

Jede Impfung ist eine gute Impfung
Zurück ins antike Griechenland: Wie hat es Pheidippides geschafft, dass die Spartaner den Athenern noch rechtzeitig zur Hilfe eilten? Übertragen auf heute stellt sich die nicht eben triviale Frage: Werden wir in der Lage sein, rechtzeitig genügend wirksame Impfstoffe zu produzieren und zu verabreichen, damit die Zahl der Corona-Toten nicht weiter ansteigt? Seit Dezember werden uns jeden Abend Bilder entblößter Oberarme gezeigt. Dann kommt die Spritze mit der lebensrettenden Injektion. Wie oft werden wir uns das noch anschauen müssen, bis wir endlich selber dran sind?

In Deutschland sind wir stolz, dass der erste Impfstoff ausgerechnet an einem Ort mit der verheißungsvollen Mainzer Adresse „An der Goldgrube 12“ entwickelt wurde. Mehr als 400 Millionen Impfungen wurden laut Datenbank der NYT vom 18.3.2021 inzwischen weltweit getätigt, die meisten davon mit dem Stoff von BionTech Pfizer. Im weltweiten Schnitt sind das 5,2 Impfdosen pro 100 Einwohner.

Absolut betrachtet ist das ein riesiger Fortschritt, relativ aber noch viel zu wenig.  Die bekannten Impf-Spitzenreiter sind Israel, die Seychellen, die Vereinigten Arabischen Emirate und Chile. Doch auch in großen Flächenstaaten wie in Großbritannien (27 Mio. Impfungen) oder den USA (113 Mio.) schreiten die Impfkampagnen erkennbar voran. Deutschland liegt derzeit mit 9,9 Mio. Impfungen und 12 Dosen pro 100 Einwohner auf Platz 38. Die Regionen Asien, Afrika und Ozeanien liegen dagegen deutlich unter dem weltweiten Durchschnitt. In über 35 Ländern wurde bisher erst weniger als 1 Prozent der Bevölkerung geimpft.  

Ein lebenslanger Kampf
Rd. 70 (Doppel-) Impfungen pro 100 Einwohner bräuchte es – so die Experten – um Herdenimmunität zu erreichen. Nicht nur bei uns, sondern grenzüberschreitend überall. Bezogen auf die Weltbevölkerung müssten also in einer ersten Impfrunde rd. 5 Milliarden Menschen versorgt werden, je nachdem, ab welchem Alter Kinder ebenfalls geimpft werden müssen.  Zudem festigt sich die Erkenntnis, dass die immer neuen Mutanten mit hoher Wahrscheinlichkeit jährliche Auffrischungsimpfungen erforderlich machen. Bei stetig wachsender Weltbevölkerung bedürfte es also 5-6 Milliarden Impfungen jährlich. Das ist eine Herkulesaufgabe. Wir werden also das Virus und seine Mutanten ein Leben lang bekämpfen müssen. Gut möglich, dass noch weitere, heute noch unbekannte tödliche Viren hinzukommen. Da mutet der Lauf des Pheidippides schon fast wie ein Sonntagspaziergang an.

Gut organisiertes Testzentrum am Frankfurter Flughafen, Quelle: Sigrist

Wir werden ungeduldig…
Ungeachtet dieser Herausforderungen haben viele Menschen hierzulande schon längst die Geduld verloren. Zugegeben: Es ist bequemer, in den Chor der Missmutigen einzustimmen, als den anstrengenden Blick auf die noch vor uns liegende Wegstrecke zu richten.

Im Fernsehen sehen wir immer wieder diese himmelblaue Rückwand des Pressesaals im Kanzleramt mit den vier leeren Stühlen davor. Anfang März 2021 immerhin schon zum 19. Mal. Haben sich die verantwortlichen Politiker alle klammheimlich davongeschlichen? Doch dann kommt Frau Merkel zu später Stunde doch noch aus der Konferenz mit den Ministerpräsident*innen heraus und erklärt uns mit nicht mehr ganz frischer Miene, wie es mit Deutschland weitergeht. Danach dürfen der Herr Söder mit schon wildem Haupthaar und der etwas strenge Herr Müller aus Berlin als Vertreter der Länder auch noch etwas sagen, damit eben alles von allen gesagt wurde. Bis alle fertig geredet haben, bin ich schon über meinem Weinglas eingeschlafen. So versacken wir nach 12 Monaten Pandemie in unserem abendlichen Corona-Ritual.

… und suchen Sündenböcke
Wie konnte es so weit kommen? Es hatte doch alles so gut angefangen. Wir hatten scheinbar alles im Griff und niedrigere Inzidenz- und Todeszahlen als unsere zögernden Nachbarn. Damals sind wir brav zuhause geblieben, als die Zahlen noch niedrig waren. Jetzt haben wir uns daran gewöhnt, drängen raus und unterschätzen die ungleich höheren Risiken der Mutanten. Trotzig erfreuen wir uns an den unmaskierten Salsa-Tänzern im Frankfurter Ostpark und ärgern uns über ständig beschlagene Brillengläser, wenn wir beim Bäcker das Kleingeld zählen. Und während wir noch vor kurzem nicht ohne Häme über den Atlantik geschaut haben, registrieren wir erstaunt, dass dort jetzt alles viel schneller geht. In den USA sind inzwischen 11 Mal mehr Menschen als in Deutschland geimpft worden.  

Schade, dass Donald nicht mehr da ist! Denn über ihn konnten wir nach Belieben schimpfen, ohne über die eigenen Fehler zu stolpern. Jetzt aber, wo der nette Herr Biden Präsident ist (aber unter Berufung auf den „Defense Production Act“ ebenso entschlossen amerikanische Interessen verfolgt), müssen wir uns neue Blitzableiter suchen. Dazu haben wir uns wahlweise Gesundheitsminister Spahn oder die EU oder beide zusammen auserkoren. Alles was schief läuft, bekommen sie aufs Butterbrot geschmiert: Die verschleppte Digitalisierung in Deutschland, die dazu führt, dass manche Gesundheitsämter lieber das Faxgerät als die Software für die Übermittlung der Inzidenzzahlen nutzen, die Lieferengpässe bei den Impfstoffen und Selbsttests oder die Versäumnisse auf Länderebene bei ihrer Verteilung. Wir sind eben genervt und suchen Sündenböcke.

Von Bazookas und Wasserpistolen
Weltweit haben Regierungen seit März 2020 unvorstellbare Summen an Hilfsgeldern bereitgestellt, um betroffenen Menschen unter die Arme zu greifen und die Wirtschaft nicht zum Erliegen zu bringen. Die Aktienmärkte haben einen ebenso unvorstellbaren Boom erlebt. Doch trotz aller Hilfen sind viele Menschen in ernste Schwierigkeiten geraten. Nicht krisenfeste Strukturen haben sich als besonders anfällig erwiesen. In Deutschland wird die viel zitierte Bazooka von Finanzminister Scholz von manchen als Wasserpistole verhöhnt, weil sie an falschen Stellschrauben ansetze. Die in Krisenzeiten gern geforderten „schnellen und unbürokratischen“ Hilfen kommen – eben weil sie möglichst einfach strukturiert wurden  – bei vielen, aber nicht bei allen mit den erwünschten Wirkungen an. Eine belastbare Bilanz des Corona-Managements werden wir wohl erst in ein paar Jahren ziehen können.  

Ist unser Corona-Leben schon normal?
Unterdessen geht unser Corona-Leben scheinbar ganz normal weiter. Bei den Antigentests ertragen wir tapfer das Herumstochern in unseren Nasenlöchern. Wir melden unsere alten Eltern, Tanten oder Onkel bei den Impfzentren an, bekommen mehr oder weniger schnell Termine zugewiesen und sind beeindruckt von den überaus freundlichen Mitarbeiter*innen vor Ort.  Doch anderntags werden Impftermine auch wieder abgesagt, weil plötzlich der AstraZeneca Impfstoff vom Markt genommen wird. Beim Discounter ALDI sind die neuen Selbsttests ständig ausverkauft, obwohl täglich neue Lieferungen in die Regale kommen. Unsere selbst genähten Alltagsmasken nutzen wir jetzt als Augenbinden für den Mittagsschlaf. Die nunmehr vorgeschriebenen FFP 2 Masken entsorgen wir aus Nachlässigkeit erst, wenn der Grauschleier unübersehbar geworden ist. Reisepläne machen wir schon lange nicht mehr, und wenn, dann erfordern sie stundenlange Recherchen nach den gerade gültigen Ein- und Ausreise-, Beherbergungs- und Quarantäneregeln. Theaterbesuche kennen wir nur noch aus der Erinnerung, und unsere Kontakte mit der Außenwelt finden überwiegend digital statt. Persönliche Verabredungen stehen jetzt immer unter Corona-Vorbehalt.

Doch allmählich, wenn das Leben immer eingeengter wird und die Aussicht auf einen befreienden Impfpass wächst, wird wohl auch die Zahl der Impfgegner sinken. Man muss die Pferde nur zum Wasser bringen…

Da wollen wir (fast) alle hin, Quelle: Sigrist

Ich habe Freunde aus aller Welt gefragt, wie sie die Pandemie erleben. Ein Freund in Arizona freut sich, dass er seine Kinder endlich wieder in die Schule bringen kann. Eine Freundin auf den Philippinen schreibt, dass ihre 13-jährige Tochter überhaupt nicht mehr aus dem Haus darf. Ein Freund in Belgien beklagt die fortgesetzten Freiheitsbeschränkungen und ein Vetter aus Italien berichtet, wie sich ganze Freundesgruppen über den Umweg einer Übernachtungsbuchung in Hotelrestaurants zum Feiern treffen. Überall ist die Unsicherheit groß, schwindet das Vertrauen in die Politik. Der um sich greifende Unmut beflügelt die Suche nach Schlupflöchern.

Kraft tanken für den Ultramarathon
Der Kampf der Athener gegen die Perser dauerte übrigens mehrere Jahrzehnte. Doch anders als bei unserem Helden Pheidippides, der in Athen nach Verkündung des Siegs tot zusammenbrach, stehen die Chancen gut, dass wir in unseren Breiten mit einem blauen Auge ins Ziel kommen. Das schmälert nicht die Trauer über die Toten und die Sorge über die Spätfolgen überstandener Infektionen. Wir haben das Virus und seine Varianten zweifellos unterschätzt und werden es nun lebenslang in Schach halten müssen.

Für Milliarden Menschen aber, die schlechteren Zugang zu Impfungen haben oder unter Regierungsversagen leiden, ist der Corona-Marathon noch lange nicht vorbei. Deshalb müssen die internationalen Impfkampagnen entschieden weiter ausgebaut werden. Das ist der eigentliche Kraftakt, der noch bevorsteht. Er verlangt unsere ganze Solidarität, liegt aber auch im Eigeninteresse, sofern wir eines Tages wieder über unseren Tellerrand schauen wollen.  Das Durchhaltevermögen eines Pheidippides könnte uns dabei anspornen.


[1] Pandemien – Todesfälle ausgewählter Krankheitsausbrüche | Statista

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