Český Krumlov – Ein Lauf durch Böhmens schönste Altstadt

Abendlicher Blick über die Altstadt hinüber zum Schloss
Zugegeben, Český Krumlov klang für mich zunächst wie Böhmische Dörfer. Ich hatte keine Ahnung, dass es diesen Ort gibt, wo er liegt und welche historische Bedeutung er hat. Und zugegeben, ich weiß viel zu wenig über unser Nachbarland, der Tschechischen Republik.
Nun, Český Krumlov oder zu Deutsch Böhmisch Krumau, ist ein südböhmisches Städtchen mit rund 13.000 Einwohnern und einer über 750 jährigen Geschichte. Die Stadt ist seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe. Rund eine Millionen Touristen aus aller Welt kommen jährlich zu Besuch. Das sind ungefähr so viele Menschen, wie zum Märchenschloss von Ludwig II. nach Neuschwanstein pilgern.
Was macht Krumau so attraktiv?
Die Stadt liegt am beliebten Moldau-Radweg und ist deshalb eine populäre Bikerstation. Auch wir sind mit einer Radlergruppe rüstiger Rentner durch den südlichen Böhmerwald nach Krumau gekommen. Ein schweißtreibendes Auf und Ab, das unsere tapferen Bioradler herausforderte und manchen E-Bike-Akku an seine Grenzen brachte.
Wir machen Station im Hotel Bellevue in der nördlichen Altstadt. Chinesen, Amerikaner, Deutsche – es ist erstaunlich, wie viele Menschen in diesem verwinkelten Hotel, das früher ein Kloster war, Platz finden. Die freundliche Rezeptionistin aus Manila lässt den Touristentrubel mit philippinischer Gelassenheit über sich ergehen, verteilt Stadtpläne und gibt sachkundige Restaurantempfehlungen.

Ein Blick auf die Karte zeigt: Das historische Krumau liegt in einem engen Tal des Moldau-Flusses, der auf Tschechisch Vltava heißt. Das Besondere: Die Moldau umkreist die Altstadt in drei Schleifen, so dass der Fluss allgegenwärtig ist. Unten in der Stadt reihen sich die Häuser in engen Gassen aneinander. Oben auf einem mächtigen Fels über der Moldau steht eine riesige burgartige Schlossanlage. Daran schließt sich ein Park an, der fast so groß wie die ganze Altstadt ist. Das macht Eindruck und wirft die Frage auf, wer eigentlich die Schlossbewohner sind oder waren.
Am frühen Morgen mache ich mich auf zu einem Erkundungslauf (und forsche später noch etwas nach). Den Wecker brauche ich nicht zu stellen, denn es ist einer der längsten Tage im Jahr. Die Sonne scheint schon um 5 Uhr durch das kleine Dachfenster meines Hotelzimmers.
Es ist noch ruhig in den Gassen von Krumau. Akustisch begleitet werde ich nur von fröhlichem Vogelgezwitscher und meinen Laufschritten auf den Pflastersteinen. Ich begegne wenigen Frühaufstehern: Menschen, die sich um die Stadtreinigung kümmern, Gärtner, die wegen der Tageshitze schon früh ihre Pflanzen wässern, Handwerker, die die Morgenfrische ausnutzen. Und ich treffe ein paar asiatische Touristen, die genauso neugierig sind wie ich.

Schloss Krumau – Machtzentrum und Ort wechselvoller europäischer Geschichte
Mein erstes Ziel ist das Schloss. Der erste Schlosshof – weitere werden folgen – wird von einem Turm im Renaissance-Stil dominiert, von dem man die ganze Stadt im Blick hat. Ich laufe weiter in den Gebäudekomplex hinein und staune nicht schlecht, als ich im Burggraben zwei Braunbären erblicke. Diese Bärenanlage soll es schon seit dreihundert Jahren geben, einen besonders glücklichen Eindruck machen die aktuellen Bewohner allerdings nicht.
Durch eine mit Holzplanken ausgelegte Einfahrt – wohl um den Lärm der Pferdekutschen zu dämmen – gelange ich in einen weiteren Hof. Auf den ersten Blick wirken die Fassaden wie mit großen Steinen gemauert. Doch das ist ein trompe l’oeil, ein optisches Verwirrspiel, denn die Steine wurden mit dreidimensionaler Perspektive auf die glatte Wand gemalt. Durch ein weiteres Tor gelange ich zum nächsten Hof. Und so geht es immer weiter. Ich laufe noch bis zur Mantelbrücke, einem viaduktähnlichen Bauwerk, das eine tiefe Schlucht überspannt. Dann kehre ich um.

Insgesamt 40 Gebäude und fünf Höfe umfasst diese Anlage, deren Bau im 13. Jahrhundert begonnen und die bis ins 18. Jahrhundert ausgebaut wurde. War das Schloss Český Krumlov, nach der Prager Burg immerhin das zweitgrößte im Land, womöglich Inspiration für Franz Kafkas Roman „Das Schloss“? Experten verneinen das, Kafka sei nie dort gewesen. Gleichwohl kann so ein Schloss auf die Menschen bedrohlich wirken. Denn wer so etwas baut, will Macht ausüben.
Mächtige Adelsgeschlechter
Tatsächlich war Schloss Krumau der Sitz mehrerer einflussreicher Adelsgeschlechter. Von ca. 1300 bis 1600 beherrschte die Familie der Rosenberger von hier aus weite Teile Südböhmens. Dann folgten für weitere 100 Jahre die Eggenberger, ein steirisches Adelsgeschlecht. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Krumau schließlich von der Familie Schwarzenberg, ein fränkischer Adel, beherrscht. Die Schwarzenbergs wurden durch Erbschaften, strategische Hochzeiten, gute Beziehungen zu politischen Amtsträgern sowie durch geschicktes Wirtschaften eine der reichsten Familien Europas. Bekannt ist im Böhmerwald der über 50 km lange Schwarzenberger Schwemmkanal, der über technisch anspruchsvolle Tunnelbauten Gewässer über die europäische Wasserscheide hinweg in Richtung Schwarzes Meer umleitet. Die Schwarzenbergs waren in der Forstwirtschaft aktiv und beförderten über diesen Kanal bis ins frühe 20. Jahrhundert Brennholz zur Vermarktung im Donautal.

Annexion und Vertreibung
Unmittelbar nach der Münchner Konferenz Ende September 1938, auf der Großbritannien, Frankreich und Italien Hitler weitreichende Konzessionen machten, marschierte Nazideutschland in der Tschechoslowakei ein und annektierte das Sudetenland. Der brutale Terror des „Stellvertretenden Reichsprotektors“, also des SS Obergruppenführers Reinhard Heydrich, im deutsch besetzten Teil der Tschechoslowakei ist gut dokumentiert. Wer die Ausstellung „Reinhard Heydrich. Karriere und Gewalt“ der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin sowie das Konzentrationslager Theresienstadt nördlich von Prag besucht hat, bekommt davon einen kleinen Eindruck.
Český Krumlov blieb vom Nazi-Terror nicht verschont. Der Ort, dessen Bevölkerung überwiegend deutschsprachig war, wurde zu „Krumau an der Moldau“. Die tschechische Bevölkerung wurde unterdrückt. Der gesamte Besitz der Schwarzenbergs, die Gegner der Nationalsozialisten waren, wurde von den Nazis enteignet. Doch das Schloss blieb intakt, wurde teils Militärlager, teils Museum und avancierte zum „arischen Kulturerbe“. Der letzte Schlossherr, Adolf Schwarzenberg, ging 1939 ins Exil. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Schloss Krumau nicht restituiert, sondern 1947 mit der sogenannten „Lex Schwarzenberg“ von der damaligen Tschechoslowakei verstaatlicht. Auch für die Sudetendeutschen wendete sich das Schicksal. Nach der Befreiung des Landes durch die Siegermächte kam es zu massenhaften Vertreibungen der deutschsprachigen Bevölkerung. Krumau an der Moldau wurde wieder zu Český Krumlov.
Trotz einer wachsenden Zahl deutscher Besucher findet man an historischen Gedenkstätten oder touristischen Orten in Böhmen kaum deutsche Übersetzungen. Die Erinnerung an die Vergangenheit sitzt tief.

Jetzt hat der Tourismus das Sagen
Vom Schloss laufe ich hinunter in die Stadt. Mir fällt auf, wie aus vielen Altstadthäusern Touristenunterkünfte geworden sind. Auch zahlreiche Restaurants haben sich an die inzwischen international normierte Touristenabfütterung angepasst. Da nur wenige ausländische Besucher tschechische Speisekarten lesen können, werden die Essensangebote auf Fotos präsentiert. Und weil die kalorienreiche böhmische Küche nicht allen gleichermaßen zusagt, werden vielerorts „Small Pizza“, „Sandwiches“ und natürlich „Draft Beer“ angeboten.

Auch das Souvenirangebot entspricht den Erwartungen: Preislich im Rahmen, halbwegs nützlich in der Verwendung und passend für das Handgepäck. Mehr oder weniger geschmackvolle Trinkflaschen oder Tassen gibt’s in allen Variationen. Wer einen Hauch Landeskultur mit nach Hause nehmen will, packt noch CDs des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák oder des Opernkomponisten Leoš Janáček dazu. Schließlich gibt’s im Angebot auch noch Kuschelbären in allen Formaten. Sie sollen an die Bären im Schlossgraben erinnern.

Egon Schieles schiefes Krumau
Zu gern hätte ich das Egon Schiele Art Centrum besucht. Immerhin laufe ich fast dran vorbei. Schieles Mutter stammte aus Krumau. Daher kannte er den Ort aus seiner Kindheit. 1911 kam er wieder und verbrachte als 21 jähriger mit seiner Lebensgefährtin Wally Neuzil ein Künstlerjahr in Krumau. Seine expressionistischen Stadtansichten sind berühmt geworden. Einige gute Beispiele finden sich unter dem Stichwort „Egon Schiele Krumau Bilder“ im Netz. Allerdings wurden seinerzeit seine „schiefen Häuser“ im konservativen Kleinstadtmilieu von Krumau ebenso wenig geschätzt, wie seine wilde Ehe mit Wally. Im Egon Schiele Art Centrum erfolgt nun eine Aufarbeitung. Näheres hier: Durch Krumau auf den Spuren des Malers Egon Schiele.
Die Synagoge ist wieder renoviert
Ich laufe an einer Moldauschleife entlang und peile als nächstes Ziel die Synagoge an, deren Existenz mich angesichts der wechselvollen politischen Geschichte der Stadt überrascht. Erwartungsgemäß gibt es in Krumau keine aktive jüdische Gemeinde mehr. Mit dem Einmarsch der Nazis wurden die damaligen Mitglieder enteignet und verfolgt. Viele Juden flohen ins Ausland oder wurden in Konzentrationslager deportiert. Inzwischen ist die zerstörte Synagoge wieder aufgebaut und dient als Kultur- und Begegnungsstätte. Das hübsche Gartencafé neben der Synagoge verspricht Entspannung, hat bei meinem Besuch allerdings noch geschlossen.

Ich bin inzwischen auf Krumaus zentralem Marktplatz angekommen. Es ist sieben Uhr morgens. Pünktlich läuten die Glocken der St. Veit Kirche. Wie in einer Echokammer wird das Geläut über den gepflasterten Platz und die Häuserfassaden vielfach verstärkt. Es ist ein Weckruf, denn nun kommt Leben in die Stadt. Cafés werden geöffnet. Erste Touristengruppen ziehen mit gezückten Handys über den Marktplatz.
Die schönsten Morgenstunden sind vorbei. Český Krumlov, Böhmens Bilderbuchstadt an der Vltava, wird wieder an seine Besucher übergeben. Wir hingegen müssen uns verabschieden. Wir wissen nun um die Bedeutung dieser Stadt, steigen zufrieden in die Pedalen und radeln weiter Richtung Prag.
































































