Mit dem Rad am Inn entlang: Von Pfunds nach Wasserburg (Teil 2)

Wer am Inn entlang radelt, erfreut sich an der großartigen Natur, den Dörfern, der Landschaft und seinen freundlichen Menschen. Wie im Film rauscht alles vorbei. Doch der eigentliche Reiz des Reisens liegt im Innehalten, an der Entdeckung des Neuen und manchmal auch des Unerwarteten. 

Auf unserer Innradtour geht es im zweiten Teil weiter aus dem Engadin nach Tirol und Bayern. Im ersten Teil hieß es: „Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen“. Wir werden nun wieder aus dem Sattel steigen und uns erneut sechs Besonderheiten anschauen.

1. Von Burgen, Fürsten und neuzeitlichen Helden   

Beim Grenzübertritt vom Engadin nach Tirol windet sich der Inn durch eine enge Schlucht.  Es ist so wenig Platz, dass wir Radler auf die verkehrsreiche Hauptstraße ausweichen müssen.  Doch dann öffnet sich das Tal: Die Höhenlagen des Engadins haben wir hinter uns gelassen, wir sind nun schon unter 1000 Meter. Das Klima ist milder,  der Löwenzahn ist längst verblüht, die Wiesen sind gemäht, und die Bauern nutzen die trockenen Tage und Stunden, um das Heu einzufahren. 

Der Inn ist nun schon ein breiter Strom und hat die für ihn typische graugrüne Farbe angenommen. Unzählige Gebirgsbäche aus den Schweizer Alpengletschern mit den verschiedensten Gesteinspartikeln und Mineralien hat er schon aufgenommen, viele Zuflüsse in Tirol und Bayern werden noch folgen. Im Sommer, wenn die Sonne gnadenlos auf das blanke Eis der Gletscher scheint, führt der Inn besonders viel Schmelzwasser.

Das Gasthaus zum Thurm an der Innbrücke in Pfunds

Am Abend sind wir nach langer Fahrt in Pfunds angekommen. Wir sind zwar schon in Tirol, aber auch dieser Ort ist wie das Engadin rätoromanisch geprägt. Den Wohlstand verdankt Pfunds seiner Lage, denn von den vielen Wegen, die nach Rom führen, passieren einige wichtige Routen auch diesen Ort. Denn Richtung Engadin geht es über die Schweizer Alpenpässe,  über den Reschenpass direkt nach Italien. Der Innradweg und die Radstrecke über die historische Via Claudia Augusta verlaufen beide über Pfunds. Auch die Motorradfahrer mit ihren schweren Maschinen machen hier gerne Station. In der Hotelgarage wird’s richtig eng.

Die Menschen hier sind freundlich.  Zum Beispiel der Mitarbeiter des Sporthauses Monz im Ortsteil Stuben. Er unterbricht sein Frühstück  und schickt sich sofort an, meinen platten Hinterreifen zu reparieren.  Oder Simone, unsere Wirtin, die uns in einem schönen historischen Stifterhaus unterbringt. Oder Pawel, der Kellner, der sich an diesem Abend noch Hoffnung macht, dass  Polen bei der Fußball-Europameisterschaft weiterkommt.  Entlang unseres Weges könnten wir viele weitere nennen.

In Sigmundsried, nicht weit von Pfunds, werden wir wieder an die wechselvolle Geschichte dieser Region erinnert. Nicht ohne Ironie erzählt eine Schautafel die Geschichte des Tiroler Landesfürsten Sigmund von Habsburg, der dem Weiler im 15. Jahrhundert seinen Namen gab.  Die Zinszahlungen seiner Untertanen investierte er in den Ausbau seines Jagdschlosses. Der „Münzreiche“ wurde er fortan genannt. Geholfen hat ihm der Wucher nicht. Denn schon bald war er pleite, und sein Schloss musste verpfändet werden.  Und auch, wenn dieser Sigmund schon gestorben ist, so leben solche Typen immer weiter. Auf unserem Weg sehen wir viele Burgen und Schlösser. Was die Schlossherren und ihre Damen umtrieb, wen sie ausbeuteten oder bekriegten oder was sie vielleicht auch Gutes im Sinn hatten, all das überlassen wir unserer Phantasie.  In Imst werden wir auf einen Mann treffen, der Gutes bewirken wollte und dabei tatsächlich Erstaunliches geschafft hat.    

Ruine Kronburg bei Landeck

2. Der Mann auf der Parkbank

In der Altstadt von Imst lassen wir die Räder stehen und machen uns auf, die Rosengartenschlucht zu erkunden. Sie liegt mitten im Ort. Durch diese Schlucht stürzt sich der Schinderbach 1,5 Kilometer den Berg hinab und fließt dann in den Inn. Der Aufstieg ist tatsächlich eine kleine Schinderei, lohnt aber, wenn man wassertosende Schluchten mag.  

Am Eingang zur Schlucht begegnen wir ihm leibhaftig. Ganz entspannt sitzt Hermann Gmeiner auf einer Bank in der Abendsonne. Imst ehrt seinen vielleicht berühmtesten Bürger mit gebotener Bescheidenheit. 1949 gründete der Philanthrop sein erstes SOS Kinderdorf in Imst. SOS stand zunächst für Societas Socialis, später für Save our Souls. Handlungsleitend waren für Gmeiner seine christlichen Überzeugungen. Geprägt wurde er durch seine eigenen Kindheits- und Kriegserfahrungen. Als sechstes von neun Kindern geboren, wurde er schon mit fünf Halbwaise. Seine ältere Schwester Elsa übernahm die Rolle der früh verstorbenen Mutter. Im Krieg diente er in der Wehrmacht im Angriffskrieg gegen Russland. Doch als es Gmeiner selbst an den Kragen ging, rettete ihn ausgerechnet ein russischer Junge. Das prägte ihn, wie er später berichtete.

Hermann Gmeiner in Imst (1919-1986)

Gegen manche Widerstände entstand in Imst das erste Heim für Waisenkinder. Der Grundgedanke war, dass Waisenhäuser von „Kinderdorfmüttern“ geleitet werden sollten.  Die Idee verbreitete sich zunächst in Österreich. Ein erstes SOS-Kinderdorf in Deutschland entstand 1955 in Dießen am Ammersee. Gemäß der Internetseite von „SOS-Kinderdörfer weltweit“ werden und wurden in 136 Ländern fast 300.000 Kinder betreut. Die Organisation SOS-Kinderdorf finanziert sich im Wesentlichen aus Spenden, Patenschaften oder Erbschaften. Sie trägt zwar das deutsche und österreichische Spenden-Gütesiegel, aber auch eine solche Organisation ist nicht frei von Makeln.  Es gab und gibt Vorwürfe von Kindesmissbrauch in Häusern der Organisation, denen – so die Berichte  – mehr oder weniger transparent nachgegangen wird.  

Nachtrag: 2025 und 2026 wurden schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs und körperlicher Misshandlungen gegen den 1986 verstorbenen Hermann Gmeiner öffentlich bekannt. Die Stadt Imst hat die im Bild gezeigte Gmeiner Statue inzwischen entfernen lassen.

3. Stift Stams und seine Skisprungschanze:  Auslauf- und Zukunftsmodell

Wir verlassen Imst bei herrlichem Sommerwetter. Die Luft ist noch kühl, der Himmel blau. Das Wasser des Inns hat inzwischen ordentlich Fahrt aufgenommen.  Das reizt die Freunde des Raftings, die nahe bei Imst ihre Schlauchboote zu Wasser lassen.  Alle Passagiere müssen, wie wir beobachten,  erstmal ins eiskalte Wasser steigen, bevor es an Bord geht. So wissen sie, was sie bei den Mann-über-Bord-Übungen erwartet. Die Strömung treibt die Boote fast genauso schnell an, wie wir unsere Räder, so dass wir die Rafter ein Stück weit am Ufer begleiten.   

Rafting auf dem Inn bei Imst

Wir radeln weiter durch lichte Kiefernwälder am Südhang der Mieminger Gebirgskette, manchmal auch ganz nah entlang der vielbefahrenden Autobahn A 12 nach Innsbruck, was weniger schön ist. Bei Mötz überqueren wir den Inn und erblicken schon bald eine vermutlich einzigartige Kombination zweier imposanter Bauwerke: Eine große Stiftskirche und direkt dahinter eine Skisprungschanze.  Die Kirche gehört zum Zisterzienserkloster Stams. Was es mit der Schanze auf sich hat, erfahren wir erst später.

Das Stift Stams, so erläutert uns ein junger Historiker, der uns durch das Areal führt, wurde 1273 vom Tiroler Landesfürsten Meinhard II. und seiner Ehefrau Elisabeth von Bayern gegründet. Heute könnte man etwas verkürzt sagen, dass die beiden sich einen Alterswohnsitz mit letzter Ruhestätte erbauen ließen. Überliefert ist aber auch, dass Elisabeth das Stift in Gedenken an ihren Sohn Konradin gründete. Dieser Konradin war der letzte Stauferkönig und wurde 1268 in Neapel enthauptet. Kein schönes Ende.  

Wie viele dieser Einrichtungen, durchlebte Stams eine wechselvolle Geschichte. Bekämpft, niedergebrannt, wiederaufgebaut, säkularisiert und als Kloster wieder belebt. Doch längst können die Mönche nicht mehr allen seelsorgerischen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Aufgaben des Ordens nachkommen. Denn es gibt offenkundige Nachwuchsprobleme.  Gegenwärtig leben in der großen Anlage nur noch 46 Mönche. Viele sind alt, manche schon über Neunzig. Das Kloster ist angezählt.

Leere Chorstühle in Stift Stams

Was jedoch bleibt, ist eine prachtvolle Anlage, der kunsthistorisch bedeutsame frühbarocke Lebensbaum-Altar des Weilheimer Künstlers Bartholomäus Steinle und eine benachbarte Einrichtung, die in Österreich und auf der Welt ihresgleichen sucht: Das Stift ist Ko-Träger des Ski Gymnasiums Stams. Es besteht seit über 50 Jahren, vermittelt sehr erfolgreich schulische Bildung sowie sportliche Exzellenz. Der Direktor erläutert in einer Dokumentation des österreichischen Fernsehens, dass alle Schülerinnen und Schüler das Zentralabitur bestehen müssen.  Dann erst kommt der Sport – und doch hat die Schule etliche Olympiasieger:innen  im Skisport hervorgebracht.  Auf der benachbarten Sprungschanze wird zu allen Jahreszeiten trainiert. Wer dort schon in jungen Jahren heruntersaust, der schafft es auch bis zur Vier-Schanzen-Tournee.

4. Innsbruck und der Reiz der Provinz

Natürlich ist Innsbruck eine Reise wert. Das wusste schon Napoleon, der die Stadt  nach langen Kämpfen 1809 einnahm. Noch heute erinnert die Vater-Sohn-Skulptur an der Ottoburg an dieses Ereignis:  Vater, so ruft der Sohn und zeigt auf die alte Brücke über den Inn, die Franzosen! Wo, fragt der ungläubige Vater, der vielleicht auch ein bisschen kurzsichtig ist. Doch da war es schon zu spät!  Innsbruck fiel ins Napoleonisch-Bayrische Einflussgebiet. Ja, und wie wir am Vortag erfahren mussten, ging auch das Kloster Stams in napoleonischen Flammen auf.

    

Innsbruck liegt offensichtlich am Inn

Heute ist Innsbruck seiner Zeit voraus. Entlang der Uferstraße führen knallrote Radwege, die Fußgängerzone bekommt eine neue Bepflasterung und an der futuristischen Bahnstation zum Alpenzoo gibt’s eine eigene Waschstation für Fahrräder.  Überhaupt pflegt das Land sein Image als „Fahrradland Tirol“. Mehrmals passieren wir elektronische Zählstellen für Radfahrer. Das kennen wir  bisher nur aus der Radfahrerhochburg Kopenhagen. Die Radwege in Tirol sind denn auch gut in Schuss. Das ist keine Kleinigkeit,  denn allein die Bergabschnitte des Innradwegs sind erheblicher Erosion ausgesetzt. Mehrmals umfahren wir Instandhaltungsbaustellen.    

Auf dem Weg nach Kufstein mäandert die Landschaft so vor sich hin. Wir sehen wieder Burgen und Schlösser, Land- und Holzwirtschaft sowie Feldarbeiter, die bei stechender Hitze Kohl und Salate ernten.  Die sehenswerte Altstadt von Hall, die einst mit dem Salzhandel reich geworden ist – wir werden dazu noch mehr erfahren – besuchen wir diesmal nicht. Auch Wattens und seine von André Heller geschaffenen Swarovski-Kristallwelten lassen wir links liegen.

Am Abend, in der schönen Altstadt von Kufstein angekommen, bewegt vor allem der Fußball die Gemüter.  Nach dem 2:0 der Deutschen gegen Ungarn wähnen wir die Welt noch in Ordnung. Julian Nagelsmann strahlt über die Bildschirme Zuversicht aus. Auch unsere Tiroler Kneipennachbarn sind gut drauf, denn auch Österreich liegt noch gut im Rennen.       

Gute Stimmung in Kufsteins Kneipen: Julian Nagelsmann zur Lage der Nation  

Wir verlassen Kufstein auf dem Tiroler Ufer des Inns. Der Weg ist nun fast eben und verläuft durch eine malerische Voralpenlandschaft. Gegenüber von uns liegt das deutsche Kiefersfelden, bundesweit bekannt durch die Staus beim Grenzübergang.

Festspieldorf Erl in Tirol: Passionsspiele seit 400 Jahren

Gute 15 Kilometer von Kufstein entfernt, steht plötzlich mitten im Kornfeld ein moderner mehrstöckiger Holzbau.  Auf einem Schild steht: Künstler:innenresidenz. Dann fallen uns zwei große Festspielhäuser ins Auge. Eines ist weiß getüncht und vermutlich aus den 1950er oder 1960er Jahren, das andere anthrazitfarben und hochmodern. Es ist halb Elf. Gemütlich schlendern junge Musiker mit Geigen, Bratschen und Celli von der Residenz hinüber zu den Festspielhäusern. Auf gut Glück sprechen wir einen jungen Cellisten an. Er kommt aus Mexiko. Im Juni, so erzählt er uns, proben hier Musiker:innen aus aller Welt für die Tiroler Festspiele. Auf dem Programm steht Wagners Ring der Nibelungen.  In Erl, einem Tiroler Dorf mit 1500 Einwohnern, ist wirklich was los! So stellt sich heraus, dass dieser Weiler der Ort mit den ältesten Passionsspielen im deutschsprachigen Raum ist.  Hier werden sie seit 400 Jahren aufgeführt, wie in Erl gerne betont wird,  (etwas) länger also als im bekannten Passionsort Oberammergau.  In Erl wird die Passion alle sechs Jahre aufgeführt. Das nächste Mal schon 2025.

Nußdorf am Inn: Ein bayerisches Kleinod

Nicht weit hinter Erl passieren wir die Grenze von Tirol nach Bayern.  Auf dem Radweg merkt man das nicht wirklich, außer man weiß, dass schon der nächste Ort am Inn Nußdorf heißt. Und Nußdorf gilt laut unserem Radführer als eines der schönsten Dörfer Deutschlands. Deshalb leisten wir uns einen Abstecher und finden tatsächlich viele gut erhaltene historische Bauernhöfe, adrett mit Geranien vorm Balkon und Hochbeet im Vorgarten. Es gibt Kunst am Mühlbach, eine bestens sortierte Bäckerei namens Café Leitner. Ja, und dann werden in Nußdorf auch die Betten besonders gut gelüftet.  

Schlafzimmerblick in Nußdorf

5. Zweieinhalb Atomkraftwerke

Auf unserer rund  370 km langen Reise entlang des Inns von Maloja nach Wasserburg passieren wir 20 Wasserkraftwerke. Die meisten befinden sich auf dem Tiroler und Bayrischen Flussabschnitt, wo der Inn zu einem breiten Strom herangewachsen ist.

Das Laufwasserkraftwerk Imst deckt 10% des Strombedarfs Tirols

Alle 10 bis 30 Kilometer kommt das nächste Kraftwerk. So wird der Fluss intensiv zur Stromgewinnung genutzt. Insbesondere in den Alpentälern der Schweiz und in Österreich sind die Kraftwerke besonders komplexe technische Anlagen. Das Wasser wird in Druckrohrleitungen aus vielen Kilometer entfernten Stauseen herangeführt oder aus steilen Fallrohren in die Turbinen geleitet. So entsteht Kraft. Die gesamte Stromerzeugungskapazität aller Wasserkraftwerke entlang des Inns beträgt 3.500 Megawatt. Im Vergleich: Jedes der drei letzten in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2, hatte eine Kapazität von 1.400 MW.  Der Inn hat also die Kraft von zweieinhalb Atomkraftwerken.

Eingefasster Innabschnitt zwischen Kufstein und Wasserburg

Wasserkraft ist eine günstige und dauerhaft verfügbare erneuerbare Energiequelle, die die Menschen schon seit Urzeiten nutzen. Zum Beispiel um Mühlen zu betreiben oder eben Elektrizität zu erzeugen. Doch wie jede Form der Stromversorgung, hat auch diese ihre Schattenseiten. Die Klimaveränderungen und extremen Wetterschwankungen der letzten Jahre haben zu Trockenheit oder im anderen Extrem zu Überschwemmungen geführt. Auch die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt hat gelitten. Die Flussbegradigungen des Inns haben diese Effekte verstärkt.  Jetzt werden entlang des Flusses wieder Auen angelegt und Überflutungsflächen ausgewiesen. Naturschützer freut das. Doch es regt sich auch Protest: „Kein Überschwemmungsgebiet in Radfeld!“ fordern Landwirte auf großen Schildern in dieser ländlichen Gemeinde zwischen Innsbruck und Kufstein. Sie fürchten um ihre Wiesen, auf denen das Futter für die Viehwirtschaft wächst. Es ist nicht einfach, allen und allem gerecht zu werden. 

6. Wasserburg: Wohl und Wehe einer Stadt am Fluss     

Die letzten Kilometer unserer Innradtour wären beinahe ins Wasser gefallen. Kurz vor Wasserburg verläuft der Weg über offene Felder und Hügel. Plötzlich zieht ein Gewitter auf.  Das Grollen kommt immer näher, wir spüren die ersten Regentropfen. Mächtig treten wir in die Pedalen, holen die letzten Reserven aus unseren Akkus heraus.  Dann haben wir es gerade noch geschafft.  Kaum sind wir in der Herberge angekommen, bricht das Gewitter richtig los.  

Wasserburg, das muss man wissen, liegt auf einer Halbinsel im Inn. Es ist die einzige Stadt am Inn, die auf so einer Flussschleife liegt.  In hügeligem Gelände, so berichtet eine Reportage des Bayrischen Rundfunks,  hat sich der Inn über die Jahrtausende gute siebzig Meter tief eingegraben. Der massive Burgfelsen der Wasserburg, die dem Ort den Namen gibt,  zwingt den Inn, über eine 270 Grad Schleife auszuweichen, und zwar mit erheblicher Kraft. Wie ein Formel 1-Fahrer, der zu spät bremst, reißt der Fluss in der Außenkurve jedes Jahr 60 Zentimeter Land mit sich. In der Innenkurve schwemmt der Inn im Gegenzug ständig Neuland auf. So wächst die Halbinsel Wasserburg Jahr für Jahr ein Stückchen weiter. Auf den Freiflächen ist ein Sportplatz entstanden. Der Spazierweg am Flussufer ist mit Kunstwerken garniert.

Blick auf Wasserburg  vom 60 m höher gelegenen Kellerberg (Foto: J. Jansen)  

Wasserburg war im Mittelalter eine reiche Stadt. Sie lebte vom Salz, das in großen Schiffsverbänden von Hall in Tirol (wir erinnern uns!) über Wasserburg bis hinunter nach Passau und über die Donau nach Wien transportiert wurde. Natürlich gab es damals noch keine Wasserkraftwerke, die den regen Schiffsverkehr auf dem Inn behindert hätten. Flussaufwärts zogen Pferde die Konvois von mehreren Schiffen, flussabwärts fuhren die flachen Kähne alleine. Wasserburg besaß ein wichtiges Privileg. Es durfte anordnen, dass die Salztransporte  in der Stadt gelagert und gehandelt werden. So wurde es zu einem bedeutendem Zentrum des Salzhandels und zog Kaufleute und Handwerker verschiedener Zünfte an.

Nahe der Innbrücke und rund um den zentralen Marienplatz sehen wir noch heute herrschaftliche Patrizierhäuser mit italienisch anmutenden Kolonnaden im Erdgeschoß.  Dahinter befinden sich dann in der Färbergasse und Lederzeile die bescheideneren Handwerkerhäuser. Schlicht wird die Bebauung  in der Gasse an der Stadtmauer, denn die grenzt an den Friedhof. So nah bei den Toten will eben keiner leben. Schon kurios wirkt die Hackordnung der Stände in der Stadtkirche St. Jakob. Historische Namensschilder auf den Kirchenbänken legten fest, wer wo sitzt. Vorne die Magistratsherren, dahinter die Handwerker und das gemeine Volk. Der Herr Doktor wurde übrigens hinter dem Metzgermeister platziert. Ein Nebeneffekt der Sitzordnung: Der Herr Pfarrer konnte aufs Beste kontrollieren, wer zum Gottesdienst kam und wer schwänzte.   

Bunte Häuser und schöne Kneipen in Wasserburg

Mit dem Aufkommen der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts war die Innschifffahrt beendet und damit auch die Blütezeit der Städte am Inn, die vom Handel auf der Wasserstraße profitierten. Auch Wasserburg verlor an Bedeutung. Heute ist Wasserburg ein munteres kleines Städtchen, das auf Tourismus setzt. Längst haben die Innradler die Innschiffer ersetzt. Wer Zeit und Muße mitbringt, wird in den lokalen Gastwirtschaften bestens versorgt und sollte sich Mittags um 12 Uhr Weißwürste servieren lassen.

Von Wasserburg führt einer der vielen Jakobswege weiter nach Santiago di Compostela. Diesen Weg heben wir uns für ein anderes Mal auf und steigen stattdessen in einen Zug der Bundesbahn.  Start- und Zielort unserer Tour ist Ehrwald/ Tirol.  Als wir dort ankommen, sind wir so zufrieden, dass wir der Bahn ausnahmsweise ihre notorische Verspätung nachsehen. 

Unsere Innradroute von der Schweizer Grenze über Tirol nach Bayern:  Martina (1035 m) – Pfunds – Landeck – Imst – Mötz – Stams – Telfs – Innsbruck – Jenbach – Kufstein – Erl – Nußdorf – Rosenheim – Wasserburg (423 m), rd. 265 km,  nützlicher Radführer: bikeline, Inn-Radweg 1 und 2. Alle Fotos sofern nicht anders markiert: C. Sigrist

Der Inn-Radweg durch das Engadin: Sechs gute Gründe vom Rad zu steigen 

Bergwiese im Engadin

Ach, wie schön ist es im Juni durch blühende Landschaften zu radeln! Mal geht es tief unten im Tal am Flusslauf entlang, mal oben am Hang mit herrlichem Blick in die Alpenlandschaft.  Wir fahren durch alte überdachte Holzbrücken und durchqueren historische Dörfer.  Wir hören die Kuhglocken läuten und das Pfeifen  der Rhätischen Eisenbahn, die sich wie im Märklin-Wunderland ihren Weg über steile Brücken und durch dunkle Tunnel bahnt. Auf großen Schildern steht „Allegra!“, das ist rätoromanisch und heißt „Willkommen!“ Wir sind im  Engadin im Kanton Graubünden.  Ja, und da ist noch dieses kleine Motörchen unterm Hintern, das unsere Räder antreibt und uns diesen Hauch von Leichtigkeit verleiht.  

Radeln bei Wind und Wetter…
…aber trocken über den Inn

Doch es gibt gute Gründe auf dieser Tour durch das Engadiner Land ab und an vom Rad zu steigen, um zu erkunden, was dieser Kulturlandschaft ihren besonderen Reiz verleiht. Hier sind sechs Stichworte.

1. Der Inn ist ein See!

Silser See im Oberengadin

Wo ist eigentlich der Inn? Diese Frage haben wir uns zu Beginn unserer Tour öfter gestellt. Denn der Wasserlauf des Inns, immerhin der wasserreichste Fluss der Alpen, ist im Oberengadin lange nicht zu sehen. Das Verwirrspiel beginnt schon damit, dass keiner so ganz genau verorten kann, aus welchem Bergloch der Inn eigentlich entspringt. Deshalb gilt der oberhalb von Maloja liegende Lunghinsee als seine Quelle. Von dort geht’s dann 700 Meter steil bergab in den auf 1800 Meter gelegenen Silser See. Dann ist der Inn erstmal wieder weg. Unsichtbar fließt er durch den Silvaplaner See, von dort in den Champfèrer See und schließlich durch den St. Moritzsee.  Hinter St. Moritz, in der engen Schlucht nach Celerina, nehmen wir ihn erstmals als nun schon kraftvoll gurgelnden Gebirgsfluss wahr.     

2. Sils Maria lockt kluge Köpfe! 

Die Oberengadiner Seenplatte ist eine Landschaft, die begeistert – auch wenn es regnet und bis in den Sommer kalt sein kann.  Sils Maria, zwischen dem Silser und Sivaplaner See gelegen,  ist ein sympathischer kleiner Ort, der stolz ist auf die vielen großen Geister, die hier ihre Spuren hinterlassen haben. „Hier im Engadin ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden“, schrieb Friedrich Nietzsche im Juli 1881 an einen Freund. In Sils Maria hatte er viele Sommer verbracht. Die Wände seiner Schlaf- und Schreibkammer im Hause der Familie  Durisch (heute das „Nietzsche-Haus“)  ließ er zu seiner Inspiration grün anstreichen. Hier verfasste er Teile von „Also sprach Zarathustra“. Auch Theodor W. Adorno machte im Schweizer Exil  Station in Sils. Wie viele andere Dichter und Denker wohnte er im legendären Hotel Waldhaus.  Wir haben es inspiziert und uns dennoch für das Seglias Quartier entschieden, das völlig autofrei ist und alle motorisierten Fahrzeuge inklusive unserer E-Bikes in eine riesige Tiefgarage verbannt. Das ist beeindruckend, auch wenn man sich im Untergrund verlaufen kann.

Kirchturm in Sils Maria

Natürlich wollten wir auf unserem Weg entlang des Inns auch St. Moritz nicht links liegen lassen. Es liegt nur gute 10 km innabwärts von Sils und der Radweg führt am rechten Ufer des Silvaplaner Sees entlang. Auf dem See selbst flitzen die Kitesurfer auf ihren Foils bei jedem Wetter rauf und runter. Ein Insider hat uns anvertraut, dass die Windverhältnisse hier ausnehmend gut und konstant seien.

St. Moritz ist weltberühmt und liegt in wunderschöner Landschaft am Hang über dem St. Moritz See. Augenscheinlich herrscht kein Mangel an Luxushotels, und es findet sich auch eine gute Auswahl sündhaft teurer Modeboutiquen.  Für einen Einblick in die Kulturgeschichte des Engadins lohnt indes eher der Besuch der Gemäldesammlung des Malers Giovanni Segantini und des Museums Engiadinais.

3. Große Kunst am Weg   

G. Segantini, Mezzogiorno sulle Alpi, 1891, Segantini Museum St. Moritz

Einer, der mit dazu beigetragen hat das Oberengadin weltberühmt zu machen, war der staatenlose Maler Giovanni Segantini. Aus bitterer Armut kommend beginnt er dennoch in  den 1870er Jahren seine künstlerische Ausbildung in Mailand, zieht 20 Jahre später mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Bice Bugatti (aus der Künstler- und Designerfamilie Bugatti), 36-jährig nach Maloja.  Schon fünf Jahre später stirbt er 1899 an einer Bauchfellentzündung.  „Volgio vedere le mie montagne“  sollen die letzten Worte dieses unvergleichlichen Malers gewesen sein. Segantini hatte stets darauf bestanden, in jeder Jahreszeit im Freien zu malen. Sein Werk ist im Segantini Museum in St. Moritz zu bewundern, einschließlich der monumentalen Trilogie „Werden – Sein – Vergehen“, in der er die menschliche Existenz in der Schweizer Bergwelt thematisiert. Segantini geht als innovativer Naturalist und Symbolist in die europäische Kunstgeschichte ein.  Mein persönlicher Favorit ist das Gemälde „Mittag in den Alpen“ (1891). Es zeigt eine blau gekleidete Schäferin in einer wunderschönen Alpenlandschaft und strahlt eine bemerkenswerte Ruhe aus. 

Kunstmuseum Susch in alten Klostergemäuern

Eine ganz andere Form des künstlerischen Ausdrucks findet man in dem kleinen Oberengadiner Ort Susch am Fusse des Fluela Passes. Wie überraschend, dass ausgerechnet hier eine polnische Kunstsammlerin namens Grazyna Kulczyk ein Museum für experimentelle Kunst von Frauen gegründet hat! Das Muzeum Susch – auf rätoromanisch mit z geschrieben – wurde erst 2019 gegründet und ist in den restaurierten Gemäuern eines alten Engadiner Klosters untergebracht.  Die Öffnungszeiten sind zwar nicht besonders radlerfreundlich, aber die Zeit für einen Spaziergang über das Gelände sollte man sich unbedingt nehmen.

Experimentelle Kunst in Susch

Der Weiler Susch selbst hat schon bessere Zeiten gesehen. Wir übernachten  in der etwas herunter gekommenen Pension Garni Fluela. „Posso preparare spaghetti ho rösti com cervola se vuolete“  schreibt mir die hilfsbereite Wirtin auf rätoromanisch. Denn am Abend gibt es in Susch keine geöffnete Gaststätte mehr. Während wir also unsere Spaghetti und Schweizer Rösti vom Teller kratzen, schaut Betty etwa gelangweilt brasilianische Telenovelas an. So kommt heraus, dass sie Portugiesin ist und schon etliche Jahre im Engadin lebt. Diese portugiesische Migrationsgeschichte im rätoromanischen Kanton Graubünden ist kein Einzelfall.  So hat z.B. in St. Moritz, aber auch in Zuoz, ein namhafter Anteil der Bevölkerung portugiesische Wurzeln.   

4. Die destruktive Versuchung der Macht  

Auf dem Weg von Sils Maria nach Susch machen wir Station im kleinen Oberengadiner Ort Zuoz.  Unsere Radtaschen fühlen sich leicht an, denn bei Temperaturen von knapp über null Grad haben wir so ziemlich alle Klamotten an, die wir dabei haben.  

Auf einem Feld unterhalb des Dorfes beobachten wir junge Männer, die Cricket spielen. Eigentlich ungewöhnlich in einem über 1700 m hoch gelegenen Schweizer Bergdorf, denken wir uns, denn Cricket ist vor allem in Commonwealth-Ländern populär.  Wir radeln weiter hinauf in den Ort, der oberhalb des Inns am Hang gelegen ist.

    Zuoz überrascht mit seinem bemerkenswert intakten historischen Ortskern. Wir sehen massiv gemauerte Häuser mit trichterförmigen Fenstern. Wohn- und Arbeitsbereiche, so haben wir im Museum Engiadinais gelernt,  sind im Haus vereint.  Das Heu wird direkt ins große gerundete Eingangstor eingefahren, das Vieh ist in den darunter liegenden Ställen untergebracht. Über fast allen Haupteingangstoren steht das Baujahr. So erfahren wir, dass viele Häuser im Ortskern von Zuoz in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts erbaut wurden.  Das hat mit den blutigen Machtkämpfen jener Zeit zu tun.

    Engadiner Höfe in Zuoz aus dem 16. Jahrhundert
     

    Durch das Engadin führten wichtige Handelsrouten von Bayern und Tirol über die Alpen nach Italien.  Wer diese Routen und Alpenpässe kontrollierte, hatte Macht und konnte seine territorialen Gebietsansprüche ausdehnen. Deshalb war das Engadin immer wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Besonders verheerend war der sogenannte Schwabenkrieg im Jahr 1499. Zwischen dem Haus Habsburg, unterstützt durch den Schwäbischen Bund auf der einen Seite und der Schweizerischen Eidgenossenschaft auf der anderen, ging es um die Vorherrschaft im habsburgisch-eidgenössischen Grenzgebiet. 

    Zuoz hat es im Schwabenkrieg böse erwischt. Von seinen Bewohnern ist überliefert, dass sie rechtzeitig vor dem Einmarsch der Habsburger Truppen ihre Häuser anzündeten und in die Berge flohen. Man muss sich das ganz praktisch vorstellen: Das eigene Haus abbrennen, um sein Leben zu retten.  Aber mit diesem verzweifelten Schritt der verbrannten Erde zwangen die Zuozer Bürger die Angreifer zum Rückzug. Dann bauten sie ihre Häuser umso prächtiger wieder auf. Auffallend sind in Zuoz die kunstvollen Sgraffito-Verzierungen an Fenstern und Türen – eine in dieser Gegend zu hoher Kunstfertigkeit entwickelte Technik, bei der die Ornamente in übereinander liegende Putzschichten eingekratzt werden.

    Sgraffito-Verzierungen an einem  Fenster in Zuoz

    5. Das süße Erbe der Zuckerbäcker

    Weil es nach unserer ausgedehnten Dorfrunde immer noch regnet, kehren wir in das Café im Hotel Klarer auf dem Marktplatz von Zuoz ein. Der Gastraum ist urgemütlich und mit kunstvollen Schnitzereien aus Arberholz vertäfelt. Die freundliche Wirtin des Traditionshauses hat uns sogleich als pudelnasse Radtouristen erkannt und bietet uns zum Café die berühmte Engadiner Nusstorte an. Doch da fällt mein Blick auf eine Schlagzeile der „Engadiner Post“.  Das ist die auf Rätoromanisch und Deutsch erscheinende Lokalzeitung, in der alles Wichtige steht. Die Engadiner Nusstorte, so der Knaller, sei gar keine „echte“ Engadinerin. Das ist das Ergebnis einer mehrjährigen Forschungsarbeit! Die einheimische Nusstorte, so der Befund, sei der  südfranzösischen Tarte au Noix du Perigord verdächtig ähnlich. Ist die Engadiner Nußtorte also ein Plagiat?

    Engadiner Nusstorte (Quelle: https://www.rezeptschachtel.de/engadiner_nusstorte.html)

    Aber die Geschichte hat dann doch noch einen versöhnlichen Ausgang. Denn die originäre südfranzösische Torte aus Nüssen und Karamell wurde im 18. Jahrhundert tatsächlich von Engadiner Auswanderern weiter entwickelt. Sie überzogen die Franzosentorte mit einem speziellem Teigdeckel, um sie fester und leichter transportierbar zu machen. So wurde aus der Französischen die Engadiner Nusstorte. Und das wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Engadiner Migrationsgeschichte.

    Was brachte die Engadiner nach Südfrankreich?  Die Lebensverhältnisse in den kargen Hochtälern Graubündens waren hart. Es reichte den Bauern hinten und vorne nicht, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb wurde der Nachwuchs in die Fremde geschickt, um Geld zu verdienen. Viele verdingten sich als Söldner in rivalisierenden Heeren, doch in einigen Orten des Engadins wurden die Jugendlichen als Zuckerbäcker ausgebildet und schwärmten mit diesem Wissen nach ganz Europa aus. Besonders erfolgreich waren die Engadiner Zuckerbäcker in Venedig. Das beschwor jedoch den Neid der örtlichen  Zünfte herauf und führte schließlich im 18.  Jahrhundert zu deren Ausweisung. Was hat das mit Zuoz und den Dörfern der Region zu tun?  Nun, die erfolgreichen Zuckerbäcker kehrten nach harter Arbeit mit einigem Vermögen in ihre Heimat zurück und ließen sich in ihren Heimatgemeinden prächtige Häuser erbauen.

    Kurz bevor wir Zuoz in Richtung Zernez verlassen, sehen wir einen eindrucksvollen Gebäudekomplex. Auf dem Eingangsschild steht:  Lyceum Alpinum Zuoz – Swiss International Boarding School. Also keine ganz gewöhnliche Dorfschule, sondern ein internationales Internat. Das macht uns neugierig. Und siehe da: Laut Internetseite der Schule lernen hier 340 Schüler aus über 45 Nationen! Gegründet wurde das Internat 1904 unter maßgeblicher Beteiligung zurückgekehrter Zuckerbäcker.  Die Kosten für ein Internats-Schuljahr sind hoch. Zu den Abgängern auf einer langen Liste von Promis gehören der Playboy Gunter Sachs, der VW Patriarch Ferdinand Piëch und der Fürst von Lichtenstein. Und dann kann man noch nachlesen, dass Cricket eines der Sportarten ist, die im Lyceum besonders gepflegt werden. Jetzt wissen wir, woher die Cricketspieler kommen!

    6. Der Schellen-Ursli liebt Apfelstrudel  

    Wir strampeln von Westen her den Berg nach Guarda hinauf. Es liegt hoch über dem Inntal am Südhang des Silvretta-Gebirges. Kaum liegt das Engadiner Dorf in Sichtweite, da taucht die Sonne hinter einer dicken Wolkendecke auf. Es gilt als eines der schönsten Dörfer der Schweiz und ist die Heimat des Schellen-Ursli. 

    Das Bergdorf Guarda ist die Heimat des Schellen-Ursli

    Der Schellen-Ursli, die beliebte Schweizer Märchenfigur der Autorin Selina Chönz, treibt mit seinen Freunden alljährlich am 1. März mit lautem Glockengeläut den Winter aus. Der „Chalandermarz“ ist ein alter Brauch im rätoromanisch-sprachigen Engadin.

    Straßenbild in Guarda

    Man könnte meinen, dass in dieser Bergidylle die Welt noch in Ordnung ist. Doch auch Guarda hat seine Leidensgeschichte. Es liegt an der historischen Via Imperiala, einer Handelsroute zwischen Tirol und der Region um Como,  und war deshalb gleich mehrmals Opfer zerstörerischer Machtkämpfe.  Der Schwabenkrieg 1499 führte in Guarda wie schon in  Zuoz zu einer ersten Zerstörungswelle. Während der sogenannten Bündner Wirren (1618-1639) kämpften Frankreich und Venedig gegen eine Koalition aus Spanien und Österreich. Guarda wurde ein zweites Mal niedergebrannt. Viele Häuser, die wir heute sehen,  stammen aus der Zeit des Wiederaufbaus im 17. Jahrhundert.

    Guardas Schellen-Ursli öffnet Türen (Bildquelle: Schellen-Ursli Museum Guarda)

    Der Schellen-Ursli ist ein wahrer Schelm, denn er öffnet uns die Tür zum Hotel Meisser. Es hat dem Dorfhelden ein kleines Museum eingerichtet.  Das gediegene Hotel hat eine wunderschöne Sonnenterrasse, an der man keinesfalls vorbei fahren sollte, denn von hier hat man eine fabelhafte Bergsicht und dazu wird ein köstlicher Apfelstrudel serviert.  

    Fast hätte ich es vergessen: Der Inn fließt ab seiner Quelle gute 100 km durch das Engadiner Land. Im Grenzort Martina geht’s weiter nach Tirol und Bayern. Wir haben den Fluss bis ins bayerische Wasserburg verfolgt. Bis dahin gibt es weitere gute Gründe, vom Rad abzusteigen. Wer das genauer wissen möchte, darf sich auf die Fortsetzung dieser Serie freuen.

    Die Inn-Radroute im Engadin:  Malojapass (1815m) – Sils Maria – Silvaplana – St. Moritz – Samedan – Zuoz – Zernez – Susch – Guarda – Ardez – Scuol – Martina (1035m), rd. 110 Radkilometer.  Geteerte- und Feldwege, überwiegend abseits der Verkehrsstraße. Meist abwärts, aber steile Anstiege nach Guarda. Guter Radl-Führer: Bikeline, Inn-Radweg 1. Für Besuche einzelner Orte muss meist vom Innradweg abgewichen werden.



    Mailand – Streifzüge mit Überraschungen 


    Unter dem Schutz der Madonnina
    Ich kann mich gar nicht satt sehen an den Mailänder Selfie-Schönheiten. Sie posieren so wunderbar selbstverliebt auf der großen Piazza vor der prächtigen Marmorfassade des Mailänder Doms. Frauen, Männer, Kinder, ganze Familien, augenscheinlich aus allen Teilen der Welt, haben sich an diesem schon kühlen Novemberwochenende ganz friedlich auf dem Domplatz zum Fotoshooting versammelt.

    Ausnahmsweise keine Ukraine-, Israel- oder Palästinenserdemo, sondern viele friedliche Menschen auf einem Fleck. Sicherheitshalber laufen auch ein paar Carabinieri in ihren feschen Uniformen herum, und in einer Ecke des Platzes zeigen Soldaten in Kampfuniform Präsenz. Die freundlichen jungen Männer sehen aber eher wie Models der italienischen  Armee aus, als dass sie ernsthaft jemandem ein Haar krümmen wollten.

    Über allen und allem schwebt hoch oben auf der Spitze des Domes die „Madonnina“, wie sie die Milanesi liebevoll nennen, die vergoldete Santa Maria Nascente, nach der auch der Dom benannt ist. Seit gut 250 Jahren fährt sie nun schon in den Himmel auf. Eigentlich sollte die Schutzpatronin der Stadt für alle Ewigkeiten die Höhe aller Mailänder Gebäude begrenzen, doch dann setzte auch in Mailand der Wolkenkratzerboom ein. Was tun, wenn die Hochhäuser nunmehr den Dom überragen? Der Allianz Tower im Mailänder CityLife Stadtteil ist inzwischen das höchste Gebäude der Stadt. Die Madonnina überragt er um mehr als hundert Meter. Die Architekten haben, so wird erzählt, eine „italienische“ Lösung gefunden. Sie haben eine Replika der Madonnina auf den Allianzturm platziert und so die alte Himmelsordnung wieder hergestellt.   

    Blick von den Domterrassen auf die Mailänder Skyline und Alpen

    Doch verweilen wir noch einen Moment im Dom. Ende des 14. Jahrhunderts wollte sich die einflussreiche Adelsfamilie der Viscontis mit dem Kirchenbau ein unübersehbares Denkmal setzen. Doch bis alles fertig war, hat es mehr als 500 Jahre gedauert. Deshalb diente der Dom auch späteren Machthabern als nützliche Bühne der Selbstinszenierung.  Napoleon Bonaparte nutzte den Dom zwar zunächst als Pferdestall für seine Invasionstruppen, ließ dann aber wichtige Bauarbeiten an der Kirche ausführen. 1805 krönte er sich schließlich im Dom zum König von Italien. Dafür beschaffte er sich eigens die legendäre „Eiserne Krone“ der Langobarden aus dem nahegelegenen Monza.

    Der Überlieferung nach wurde in dieser Krone ein eiserner Nagel von der Kreuzigung Christi verarbeitet, deshalb erfreute sich die Krone über Jahrhunderte größter Wertschätzung. Auch Karl der Große ließ sich im Jahr 774 die Eiserne Krone aufs Haupt setzen. Wie bei vielen Reliquien ist die Geschichte der Krone zu schön, um wahr zu sein. Italienische Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass der vermeintliche eiserne Christusnagel tatsächlich aus Silber und deutlich jüngeren Datums ist. Aber Reliquien haben oft wenig mit der Wahrheit zu tun. Man muss einfach an sie glauben. Und als Touristenmagnet sind sie seit ihrer Erfindung auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Darauf hat schon der Mailänder Schriftsteller und Semiotiker Umberto Eco mit feiner Ironie in seinem Roman Baudolino hingewiesen. 

    Es zieht sich durch die Geschichte des Abendlandes, dass weltliche Führer allzu gerne der Versuchung erliegen, ihren Machtanspruch mit kirchlichem Segen zu untermauern. Es überrascht deshalb nicht, dass auch Benito Mussolini – inzwischen sind wir im 20. Jahrhundert angekommen – den Mailänder Dom zu propagandistischen Zwecken nutzte. Während seiner Regierungszeit wurde die Domfassade im neo-gotischen Stil vollendet. Ihre ästhetische Vollkommenheit sollte auch die Einzigartigkeit des faschistischen Regimes unterstreichen.

    Kunstvolle Strebebögen sichern die Statik des Doms

    Heute ist der Mailänder Dom die drittgrößte Kirche der Welt. Ob man nun der Institution Kirche treu ist oder ihr kritisch gegenübersteht – der Kirchenbau ist ein gotisches Meisterwerk! Die Architekten haben es geschafft, die Statik scheinbar zu überlisten. Das lässt sich am besten bei einem Spaziergang auf dem Dach des Doms erkennen: In Abkehr von den klobigen Gemäuern und kleinen Fenstern romanischer Kirchen gelang es den Baumeistern mit Hilfe äußerer Stützpfeiler und Strebebögen große Kirchenfenster zu ermöglichen und den riesigen Kirchenraum mit natürlichem Licht durchfluten zu lassen. Das Spiel der Sonne mit den Glasmalereien biblischer Szenen erzeugt dabei eine besondere spirituelle Atmosphäre.

    Eleganz hat ihren Preis: Galleria Vittorio Emanuelle II

    Die Macht der Mode
    Kirche und Macht, das haben wir gesehen, ziehen sich gegenseitig an. Doch Mailand ist auch Wirtschaftsmetropole und Trendsetter in der Welt der Mode. Hier stehen weithin sichtbar die größten und höchsten Bankhäuser Italiens, aber wer weiß (in Deutschland) schon, dass das Bankhaus Intesa Sanpaolo nach der Bilanzsumme das größte italienische Kreditinstitut ist?  Die Modefirmen Armani, Gucci, Valentino oder Versace, um nur einige zu nennen,  aber kennen vermutlich alle, die gerne Schaufenstershoppen gehen und sich vom schönen Schein allzu gern verführen lassen.

    In Mailands Modeviertel sind alle großen Namen präsent. Wir schlendern durch die überdachte Passage der eleganten Galeria Vittorio Emanuele II und spielen das alte Spiel  „Wer hat das schönste Schaufenster“?  Ich entscheide mich für den jungen Herrn mit weißem Jackett und schwarzer Hose von Prada. Er sitzt ganz cool in einem silbrigen Trichter, der mich an ein Düsentriebwerk erinnert. Hoffentlich springt es nicht gleich an.

    Der Prada-Mann

    Man kann es auf dem Foto kaum erkennen, aber Mann trägt in Mailand nun Hosen, die eigentlich zu kurz sind. Wie bei den Damen kommen damit die männlichen Fesseln besser zur Geltung, deshalb sollte der Schuh elegant und gerne etwas hochpreisiger sein.  In Mailands Boutiquen findet sich dazu die richtige Auswahl. Ein paar Straßenecken weiter treffen wir passend zum Prada-Mann die im ähnlichen Outfit gekleidete Prada-Frau.  

    Wir wandern durch die eleganten Straßen rund um die Via Monte Napoleone und Via della Spiga. Hier reiht sich eine exquisite Modeboutique an die nächste. Es fällt auf, dass etliche Schaufenster gerade umgebaut werden. Es muss offenbar immer wieder etwas Neues her, denn der Wettbewerb unter den Modeschöpfern ist groß.

    Eher zufällig gelangen wir in den Innenhof eines ehemaligen bischöflichen Palazzos und erleben eine kleine Überraschung! Inmitten der Piazza Quadrilatero steht ein quadratischer fensterloser Tempel mit beigefarbenen Außenwänden. Neugierig laufen wir um das Gebäude herum und entdecken rechts und links vor dem Eingangsportal zwei Damen, gekleidet in beigefarbene Teddymäntel. Über der Tür steht der Firmenname. Jetzt begreifen wir, es sind die Türsteherinnen des Max Mara Tempels. Sie sehen so elegant aus, dass wir, eher rustikal bekleidet, uns nicht trauen einzutreten. Aber wir werden die Teddys wiedersehen!

    Wenn man so durchs Mailänder Modeviertel spazieren geht, drängt sich die Frage auf, wer im internationalen Modegeschäft eigentlich die Nase vorn hat?  Das Internet offenbart dazu ein paar Überraschungen. Weltweit wertvollstes Bekleidungsunternehmen ist der breit aufgestellte französische Luxuskonzern LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton mit einem Jahresumsatz von rd. 51 Milliarden USD (2020). Das ist keine Kleinigkeit!  Schon auf Platz drei folgt Adidas mit 22,6 Mrd. USD. Prada, das größte italienische Modeunternehmen, kommt auf „nur“ 3,3 Mrd. EUR.  Prada spielt wie Louis Vuitton oder Hermès in der Champions League. Das ist aber nicht zu vergleichen mit dem Massengeschäft.

    Mit billig hergestellter Ware wird richtig viel Geld verdient!  In Europa hat die vermutlich nur Fachleuten bekannte spanische Textilgruppe Inditex mit einem Jahresumsatz von 23,6 Mrd. EUR (2022)  und einem Gewinn von beachtlichen 4,1 Mrd. EUR mit großem Abstand die Nase vorn.  Dahinter verbergen sich Labels wie Zara, Massimo Dutti und Bershka. Die in Deutschland bekannten Marken H&M und Zalando folgen in dieser Statistik mit einigem Abstand auf den Plätzen 2 und 3.  „Fast Fashion“ erlebt derzeit einen Boom. Doch das Geschäft mit trendiger Massenware hat auch seine dunklen Seiten. Denn die Wertschöpfungsketten sind intransparent, die Arbeitsbedingungen in den Herstellungsländern häufig sehr prekär und die Umweltbelastungen der Wegwerfmode erheblich.   

    Doch zurück nach Mailand.  Am Abend sind wir im Ausgehviertel Brera unterwegs und gönnen uns in der bekannten „Jamaica Bar“ einen ersten Aperitif.  Um uns herum sind auffallend viele Duftboutiquen angesiedelt. Man kann sich hier alles Mögliche auf den Handrücken sprühen und hoffen, den richtigen Riecher zu haben. Vor einem Schaufenster bleibe ich wie gebannt stehen. Da ist er wieder, der beige Teddymantel! Die Dame in ihm testet ein Parfüm.  Ich bin jetzt doch neugierig und google wenig später nach dem Preis des Outfits: Für schlappe zwei bis dreitausend Euro ist das gute Stück schon zu haben. 

    Auf der Suche nach dem besten Duft

    Die Macht der Lust
    Sonntagmittag kommt die Sonne raus und deshalb machen wir uns auf den Weg zu den Navigli. Da steckt das Wort navigare drin: Es handelt sich um die Kanäle von Mailand. Sie durchzogen einst die gesamte Mailänder Innenstadt. Bis heute ist Mailand über solche Kanäle mit dem Lago Maggiore und dem Lago de Como verbunden, und früher waren sie wichtige Transport- und Handelsrouten.  Nicht zuletzt wurde der grau-rosa Marmor für den Bau des Mailänder Doms aus dem rd. 100 km entfernten Candoglia über diese Kanäle herbeigeschifft.

    Heute sind die Navigli ein munteres Ausgehviertel mit vielen Kneipen und Läden. Wir kehren auf gut Glück in der „La pizzeria Tradizionale“ am Naviglio Grande ein und sitzen gemütlich inmitten von  Mailänder Groß- und Kleinfamilien, denn sonntags bleibt bei der Mamma die Küche kalt. Auf dem Rückweg schlendern wir über den Corso di Porta Tricinese und auf der Via Torino, eine der älteren Einkaufsstraßen Mailands, zurück in die Innenstadt. Natürlich finden sich auch hier jede Menge sehenswerter Kirchen und Bauwerke, doch insgesamt hat diese Gegend wenig von der Noblesse des Modeviertels. Hier reihen sich Fastfoodketten und Billigoutlets für jeden Geschmack aneinander. 

    Auf dem Corso di Porta Ticinese wartet eine auffallend große Schlange junger Menschen auf Einlass in einen scheinbar unscheinbarem Laden. Ich schaue durchs Fenster und beobachte, wie junge Damen in weißen Schürzen mit sehr langen Fingernägeln und sehr langen Wimpern bunte Gebäckstücke verkaufen.  Der Laden heißt „Mr. Dick“ und versteht sich als „La prima sexy pasticceria en Italia con dolci piu cool del momento“. Frei übersetzt, werden hier die süßesten erotischen Leckereien von ganz Italien angepriesen. Der Renner sind Waffeln in Penisform und Vulvas, ausgebacken zu zarten rosa Cupcakes.  Das ist allerdings Geschmackssache.

    Mailänder Straßenkünstler

    Die Macht im Staat: Giorgia Meloni vs. Elly Shein
    Von Mailand aus haben wir unsere lombardische Verwandtschaft besucht. Und selbstverständlich wollten wir von ihnen wissen: Wie haltet ihr es mit Giorgia Meloni, der italienischen Ministerpräsidentin von der postfaschistischen Partei der Fratelli d‘Italia?  Ein gutes Jahr sei sie nun schon im Amt und habe ihre Drei-Parteien-Regierung relativ geräuschlos zusammen gehalten, wird uns berichtet. Bei so sperrigen Partnern wie Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega und Antonio Tajani von der konservativen Forza Italia sei das ein Erfolg, denn Regierungen in Italien halten im Schnitt nicht länger als 18 Monate. Nach einem Bericht von Bloomberg, einer US-Nachrichtenagentur, halten sich Melonis Zustimmungswerte, anders als bei ihren Vorgängern, auch nach 13 Monaten im Amt solide bei knapp 30%. Sie wird als self-made woman wahrgenommen, die niemandem außer sich selbst und engsten Beratern vertraue. Ihre Politik gilt als pragmatisch und ist trotz aller Wahlkampfrhetorik EU-freundlich, wohl auch, weil sie auf EU-Gelder angewiesen ist.  In der Migrationspolitik, das kann man auch in deutschen Zeitungen lesen,  folgt ihr inzwischen die gesamte EU auf dem Kurs, illegale Einwanderung stärker bekämpfen zu wollen.  Die Parteien der politischen Mitte, so sagen uns unsere Verwandten,  seien in Italien bedeutungslos geworden. Die linke 5-Sterne-Bewegung habe sich völlig diskreditiert. 

    Eine neue Hoffnungsträgerin der linken Mitte könnte indes Elly Shein werden. Die Juristin mit US-amerikanischen, schweizerischen und italienischem Pass, war seinerzeit Wahlkampfhelferin Barack Obamas und wurde vor kurzem zur Präsidentin der italienischen Sozialdemokraten gewählt. Die erst 38-jährige Shein wird in den italienischen Medien als Anti-Meloni hochstilisiert. Zwei Powerfrauen, von denen sicher noch viel zu hören sein wird. Das ist neu in der italienischen Politik. 

    Auf dem Weg zum Mailänder Flugplatz Linate steigen wir ein in die grüne Hölle. Die Wagen der kürzlich eröffneten U-Bahnlinie M 4  sind mit tropischen Dschungelbildern ausgeklebt.  Fai volare tuoi sogni, lass deine Träume fliegen, so lockt die Lufthansa und soll uns heute eigentlich ins gar nicht so tropische Frankfurt fliegen. Tatsächlich hat der Kranichflieger kürzlich den Kauf von zunächst 41% der ITA Airways beschlossen. Ziel ist offenbar, zahlungskräftige Mailänder Kundschaft über das Frankfurter Drehkreuz in alle Welt ausfliegen.  Mal schauen, ob das klappt.

    Über einen großen Mailänder haben wir leider überhaupt kein Wort verloren. Leonardo da Vinci liegt im Mailänder Dom begraben, doch sein Genie ragt über alle Madonninas hinaus. Um ihn angemessen zu würdigen, wäre ein viel gewichtigerer Streifzug als dieser hier vonnöten.

    Die weiße Diva zeigt sich gnädig – Eine Wanderung rund um den Mont Blanc

    Blick auf das Massiv des Mont Blanc (4810 m) von Südosten aus


    Dieser Bericht beschreibt eine Wanderung rund um den Mont Blanc im Juli 2023, die vom DAV Summit Club angeboten und begleitet wurde. Er gibt die persönliche Sicht des Verfassers wieder.


    Morgens um viertelvorsieben gibt’s am Frühstücksbuffet ein Gedränge wie an der Sektbar in der Theaterpause. Eine junge Dame mit sorgsam geflochtenen Zöpfen füllt sich bedächtig Joghurt in eine Schale, wendet sich dann den Müsliangeboten zu, nimmt hier ein Löffelchen und von dort noch ein Portiönchen und hinter ihr staut sich die Schlange der Wartenden bis auf den Flur. Die Auberge du Mont Blanc im Schweizer Bergdorf Trient ist mit über 60 Gästen ausgebucht. Es ist Hochsaison auf der Wanderroute rund um den Mont Blanc.

    Einmal Mount Everest und zurück
    Tags zuvor haben wir unsere Königsetappe geschafft. Über 1000 Höhenmeter geht es in hochalpinem Gelände steil hinauf zum 2665m hohen Joch des Fenêtre d’ Arpette, dann wieder 1400 m hinunter mit wunderbaren Blicken auf den Trientgletscher am Nordrand des Mont Blanc Massivs. Zehn Wanderstunden stehen am Ende auf dem Tageskonto. Drei Viertel der Rundstrecke liegen nun hinter uns.

    Die „Route du Mont Blanc“ – es stimmt schon, was überall geschrieben steht  – ist eine der schönsten und abwechslungsreichsten Fernwandertouren in den Alpen. Sie ist aber auch eine physische und mentale Herausforderung, denn nach dem Jo-Jo-Prinzip geht es jeden Tag meist mehr als 1000 Meter rauf und 1000 Meter wieder runter. Da hilft Bergerfahrung und Kondition, auch wenn die Wege – mit wenigen Ausnahmen – technisch nicht schwer zu laufen sind. Acht Wandertage dauert unsere Umrundung. Am Ende werden wir acht Pässe überquert und – alle Aufstiege zusammengenommen – einmal den Mount Everest erklommen haben. 

    Blick auf den Trientgletscher, im Hintergrund die Aiguille de Tour (3544m)
     

    Rustikale Unterkünfte und reichhaltiges Essen
    Zurück in die Auberge: Unsere Herbergsmutter hatte unserer Sechs-Frauen-und-vier-Männer-Truppe ein doppelstöckiges Matratzenlager zugewiesen, dazu gesellten sich noch ein Vater mit Tochter aus Kalifornien. Wenn zwölf Menschen erschöpft und auf engstem Raum ihre Rucksäcke auspacken, kann es recht kuschelig werden. Doch das erstklassige Käsefondue am Abend und die edlen Tropfen vom roten Gamay und weißen Fendant lassen unser Stimmungsbarometer schnell wieder auf stabile Höhenlagen ansteigen.

    Zudem ist unserem „Zimmerscout“ in der Gruppe auch an diesem Abend wieder ein Coup gelungen. Und das kam so: In größeren Hütten mit Matratzenlagern sind die Belegungen oftmals ungleich verteilt. Da lohnt es sich zu schauen, wo noch ein bisschen mehr Platz zum Schlafen ist. Im großen alten Haus der Auberge hat unser Scout tatsächlich noch ein freies Bettenlager entdeckt – und damit konnten wir unsere Frauenmannschaft von der männlichen Schnarch-Fraktion befreien! 

    Rund um den Mont Blanc: bis zu 170 km durch Frankreich, Italien und die Schweiz mit etlichen Varianten. Die MTB Seite  www.montourdumonblanc.com bietet gute Hinweise zu Unterkünften und Wanderrouten.

    Auf unserer Tour gegen den Uhrzeigersinn übernachten wir drei Mal in Frankreich und Italien und zwei Mal in der Schweiz. Jede Hütte hat ihre landestypischen Eigenarten. Italienischer Zwieback zum Frühstück führt schonmal zu leichtem Naserümpfen, das Lunchpaket ist dafür umso größer. Die Abendessen verdienen rundum sehr gute Noten, deutlich bessere als das Knarr-Konzert der hölzernen Doppelstockbetten. Am Morgen wundert man sich, dass es wider Erwarten doch gelungen ist, bis 5 Uhr zu schlafen. In den Sanitäranlagen kann es schonmal eng werden. „Du musst halt nachts gehen oder bis zur nächsten Hütte aushalten“, rät unser abgebrühter Bergführer.

    Wander*innen aus aller Welt
    Mehr als vierzig Unterkünfte liegen auf der Strecke, dazu etliche Campingplätze. Gut 1.500 bis 2.000 Wander*innen dürften sich in der Hochsaison täglich auf den Weg machen,  aufs Jahr gerechnet sicherlich zehn- bis zwanzigtausend. In der Hochsaison sind die Hütten voll,  aber auf den Wegen gibt es kein störendes Gedränge.

    Wir treffen gleichwohl immer wieder auf die nettesten und verrücktesten Leute.  Da ist die britische Familie mit Vater Max, dem Bodybuilder. Auf seinem Herkulesrücken ist der Familienstammbaum eintätowiert. Da kann man nachlesen, dass er mit Frau Monica und seinen drei Kindern unterwegs ist. Der Ire, nennen wir in Ian, packt gern andrer Leute Sonnenhüte ein, entpuppt sich aber sonst als feiner Kerl. Eine französische Mutter wandert mit ihrem halbwüchsigen Sohn. Der lässt seine Drohne über die Gletscher fliegen. Zwei Skandinavierinnen sind mit Zelt unterwegs. Sie schleppen 15 kg Gepäck mit sich herum, deshalb treffen wir sie bei jeder Pause wieder.  Eine Inderin aus Bangalore, die als IT-Fachfrau in Hamburg arbeitet, hat sich als Solowanderin aufgemacht. Sie meint, dass die TMB-Tour in Indien bekannter als in Deutschland sei. Und da sind auch noch die Wandergruppen aus Japan, Südkorea und China. Der Mont Blanc ist auch in Asien ein Begriff.

    Wir glauben, dass ohne Handy-Ladestationen nichts mehr geht!

    Wir begegnen Trailrunnern mit den dicken Sohlen unter den Laufschuhen. Sie wollen die Mont Blanc Runde beim bevorstehenden Ultramarathon in drei Tagen schaffen. Und hin und wieder wundern wir uns über Mountainbiker, die ihre Drahtesel über das unwegsame Gelände schieben.

    Der Mont Blanc ist ein weltweiter Publikumsmagnet. Im ehrwürdigen französischen Bergdorf Chamonix, dem Start- und Zielort unserer Tour,  ist Englisch längst zur Umgangssprache geworden. 

    Bedächtiger Aufstieg von Chapieux zum Col de Seigne

    Bergsteigerlegenden und schwindende Gletscher
    Die Spitze des Mont Blanc sehen wir nur selten, denn immer wieder schieben sich vorgelagerte Gipfel in die Blickachse.  Die beste Zeit zum Schauen ist frühmorgens und abends, tagsüber ziehen Wolkenschleier auf. Doch der erfahrene Bergführer weiß auch diese Befindlichkeit der weißen Diva zu deuten: „Trägt sie einen Hut, bleibt das Wetter gut!“

    Die Besteigung des Mont Blanc und seiner Nebenspitzen (Aiguilles) ist Stoff für reichlich Bergsteigerlegenden. Natürlich ist das nichts für Weicheier, lässt uns unser Bergführer unmissverständlich wissen. Er selbst, so erzählt er,  hat jedoch etliche Gipfel erklommen: Die Aiguilles zum „akklimatisieren“,  den besonders spitzen Dent du Géant (Zahn des Riesen), weil es eine „lustige Kletterei“ ist,  und als Höhepunkt der Aufstieg zur weißen Diva selbst. Auf den Karten zeigt mir unsere Wanderführerin (ja, wir werden abwechselnd von zwei Bergspezialist*innen geführt) die eng beieinander liegenden Höhenlinien auf den steilen Gletscherpassagen zum Gipfel. Das nötigt mir schon beim Hinschauen gehörigen Respekt ab. Und mit bloßem Auge erkenne ich auch aus der Ferne die enormen Gletscherspalten.  

    Glaubt man den einschlägigen Hochtourenanbietern, dann gehört die Besteigung des höchsten Bergs Zentraleuropas nach wie vor auf die „Must-Do-Liste eines jeden Bergsteigers und Abenteurers“.  Doch dieses alpine Businessmodell beginnt zu kippen. Gewiss ist, dass mit dem Klimawandel auch das Bergsteigen gefährlicher wird.  Der Permafrost, der die Felsen wie Kit zusammenhält, löst sich allmählich auf. Bei Niederschlag im Sommer liegt die Schneefallgrenze inzwischen so hoch, dass sich die Gletscher mangels Neuschnee nicht mehr regenerieren und das bläulich schimmernde Eis direkt der Sonne ausgesetzt ist. Inzwischen häufen sich die Nachrichten über Gletscher- und Felsabbrüche,  Expert*innen warnen vor weiteren Extremereignissen.   

    Noch birgt das Mont Blanc Gebiet ungeheure Gletschermassen. Das Mer de Glace (Eismeer), Frankreichs größter Gletscher, ist mehrere Hundert Meter dick. Doch die Schmelze ist auch hier nicht mehr aufzuhalten.

    Gletscherschmelze am Südosthang des Mont Blanc Massivs

    Genusswandern mit Aussicht
    Unsere Wandergruppe ist unterdessen mit der Umrundung statt der Besteigung des Mont Blanc bestens bedient. Wir erfreuen uns am überaus abwechslungsreichen Panorama, an sprudelnden Bächen und blühenden Bergwiesen,  beobachten Wildbienen und Schmetterlinge und laufen mutig an grasenden Rinderbullenherden vorbei – dem Elektrozaun sei gedankt.  

    Es sind ja oft die kleinen Zipperlein, die auf einer Bergtour die Stimmung heben oder kippen können: Wie begegne ich Rücken- und Schulterschmerzen? – Nun, der Rucksack sollte 8 bis 9 kg Gewicht, inkl. Tagesproviant und Wasser, nicht überschreiten. Rei in der Tube wiegt weniger als zu viel Wechselwäsche! Wie binde ich  meine Stiefel, damit die Blasen weniger schmerzen? – Einschlägige Videos auf YouTube zeigen es mir!  Wie bekomme ich meine angegriffene Verdauung in den Griff? – Gut, wenn die passende Arznei mit im Rucksack ist!  Wo kann ich mein Handy laden? –  Ein echter Engpass in den Berghütten! Ein Wirt macht doch tatsächlich den verwegenen Vorschlag: „Switch off your phone and enjoy the mountains!“ (Schalte dein Telefon aus und genieße die Bergwelt!).

    Locker und entspannt gehen, sagt die Bergwanderführerin.

    Gemeinsam geht es besser
    Wir erleben eine überaus positive Gruppendynamik, denn ein gemeinsames Ziel eint auch Menschen, die sich zuvor nicht kannten und aus den verschiedensten Himmelsrichtungen kommen. Schnell gewinnen wir Vertrauen zueinander, ermutigen uns in Schwächephasen und beglückwünschen uns am Ziel. Wir tauschen Anekdoten und Erfahrungen aus, finden das bereichernd und vergessen darüber die Anstrengungen des Tages.

      Blütenvielfalt am Wegesrand
    Adieu Mont Blanc

    Nach 120 km Wegstrecke, Muskelkater in den Beinen und Blasen an den Füßen steige ich in Chamonix hoch zufrieden wieder in den Mont-Blanc-Express auf den Weg nach Hause ein. Es wird erneut ein Zehn-Stunden-Tag werden, diesmal im Sitzen. Der Regen schlägt an die Fenster, der Zug rattert durch die Bergtunnel zurück ins Tal.

    Au revoir, arrividerci, adieu, Du weiße Diva, Du hast es gut mit uns gemeint.

    Die Runde um den Montblanc im Detail (entgegen dem Uhrzeigersinn) :
    Tag 1: Chamonix – Les Contamines Montjoie (Busfahrt), Notre Dame de la Gorge (1210m) – Col du Bon-homme – Col de la Croix du Bonhomme (2443m) – Chapieux, Auberge de la Nova (FRA, 1549m); 15,7 km
    Tag 2: Chapieux – Col de Seigne (2516m) – Refugio Elisabetta (ITA, 2207m); 14,6 km
    Tag 3: Rifugio Elisabetta – Col Chécrouit (1958m) – Courmayeur (1230m) – Rifugio Bertone (ITA, 1990m); 19,7 km
    Tag 4: Rifugio Bertone – Testa Bernarda (2535m) – Rifugio Elena (ITA, 2061m); 18,6 km
    Tag 5: Rifugio Elena – Col Ferret (2590m) – Ferret (1710m) – Champex-Lac (Busfahrt) – Relais d’ Arpette (CH, 1627m); 11,2 km
    Tag 6:  Rel. d‘ Arpette – Fenêtre d’ Arpette (2665m) – Trient, Auberge du Mont Blanc (CH, 1292m); 13,4 km
    Tag 7: Trient – Col de Balme (2204m) – Frasserands, Gite le Moulin (FRA, 1343m); 13 km
    Tag 8: Frasserands – Chamonix/ Les Moussous, La Chaumière Mountain Lodge (FRA, 1035m); 12 km

    Quellen:  DAV Summit Club (Tour du Montblanc: Rund um den höchsten Berg der Alpen (dav-summit-club.de);  Dank an Sieglinde Wirz für ihre Tourdaten; eigene Aufzeichnungen; Höhenangaben variieren je nach Quelle.

    Blüten, Sand und Störche – Eine Wanderung an Portugals Atlantikküste  

    Unterwegs auf dem Fischerpfad

    Rund 100 Treppenstufen sind es vom Klippenrand hinunter bis ans Wasser. Es ist Ebbe, der breite Sandstrand der Praia do Brejo Largo, hier und da durchbrochen durch Felsblöcke,  reicht bis fast an den Horizont. Schnell streifen wir die staubigen Wanderschuhe ab, laufen barfuß an der Brandung entlang und klettern in die nächste Bucht. Welch ein Glücksgefühl! Das Meerwasser reinigt den verschwitzten Körper, die Frühlingssonne wärmt die Glieder auf, die Atlantikbrise kühlt die Stirn. Ein Möwenschwarm lässt sich von unserem Freudentaumel nicht beeindrucken, kennt das alles schon länger, flattert nur kurz auf und setzt dann seine Muschelsuche fort.

    Dünen, Klippen, Meer
    Wir sind im südportugiesischen Alentejo auf unserer zweiten Etappe des „Fischerpfads“ – dem vielleicht schönsten Teil der „Rota Vicentina“ – unterwegs. Los ging es in Porto Covo, zwei Stunden Busfahrt südlich von Lissabon gelegen. Ziel unserer viertägigen Wanderung ist Odeceixe, ein Ort nahe der Mündung des Ceixe. Das Flüsschen bildet die Grenze zwischen dem Alentejo und der Algarve, Portugals bekanntester Urlaubsregion. Das Fernwanderwegenetz der „Rota Vicentina“ darf hingegen noch als Geheimtipp gehandelt werden, denn der Ausbau begann erst vor rund 10 Jahren. Bürgervereine in der Küstenregion des Alentejo haben sich vorgenommen, sanften Tourismus zu fördern. Das Projekt wird von der Europäischen Union großzügig unterstützt und von den Wandertouristen dankbar angenommen. So verläuft der Fischerpfad überwiegend durch den geschützten „Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina“. Rund 75 km mäandert der Weg durch Dünen, an Klippen hoch über dem Meer entlang, am Strand nahe der Brandung, durch Küstenwälder und bisweilen auch durch stacheliges Macchia-Gestrüpp. Gut die Hälfte der Strecke verläuft auf sandigen Wegen. Das ist mitunter mühsam. Doch wer Erholung ohne große Hotelanlagen, Fastfoodketten und Blechkarawanen sucht und zudem ein bisschen Anstrengung nicht scheut, ist hier richtig.

    Jede Bucht ist anders

    Das Wandern entlang der Küste wird zum Fest der Sinne:  Ständig haben wir das Rauschen der Brandung im Ohr, die salzhaltige Luft ist Labsal für die Nase, und die Wildblüten im Frühling sind eine wahre Augenweide. Die kleinen Küstendörfer mit ihren weiß getünchten Häusern, in denen wir am Abend Quartier finden, haben Charme, bieten hervorragende regionale Küche und werden fangfrisch von den örtlichen Fischern beliefert. 

    Wildblumen soweit das Auge reicht

    Rote Nelken für die Freiheit
    Heute ist ein besonderer Tag, denn die Portugiesen feiern den 49. Geburtstag ihrer Nelkenrevolution. Der Aufstand begann just in unserer Wanderregion, im Alentejo, wo mittellose Landarbeiter gegen Großgrundbesitzer aufbegehrten. Am 25. April 1974 stürzten Offiziere den langjährigen Diktatur Antonio de Oliveira Salazar. Als die Putschisten Lissabon erreichten, steckten ihnen Frauen rote Nelken in die Gewehrläufe. Das war ansteckend, denn noch im gleichen Jahr wurde Griechenland (wieder) demokratisch, Spanien folgte drei Jahre später.

    Was bedeutet den Menschen dieser Feiertag? Die Lissaboner Zeitung „Diário de Notícias“ schreibt, dass die Demokratie in Portugal auch nach fast 50 Jahren kein Selbstläufer sei.  Die Freiheit, so der Autor, ist ein Paradox, denn sie wird von denen bedroht, die sich die Freiheit nehmen, um sie zu bekämpfen. Somit muss sie beständig verteidigt werden.  

    Auf der Suche nach einem besseren Leben
    Als wir den Weiler Almograve erreichen, treffen wir auf auffallend viele junge Männer mit südasiatischen Gesichtszügen. Einige mit Turban, sie gehören offenbar der Glaubensgemeinschaft der Sikh an. Anders als wir tragen die Männer weder Rucksäcke, noch verschwitzte Wanderklamotten. Sie sitzen alleine oder in Gruppen zusammen, denn der 25. April ist auch für sie ein arbeitsfreier Tag. Viele telefonieren.

    Wer sind diese Menschen, die hier offenkundig nicht zuhause sind?  Im Café „Sabores e Mar“, in dem sich am Nachmittag die Wanderer versammeln, bringt uns eine junge Frau, die nicht sehr portugiesisch aussieht, den Kaffee. Sie erzählt, dass sie gerade erst vor drei Wochen aus  Kathmandu eingetroffen sei. Der Kellner im „Mar Azul“, ein  nepalesisches Restaurant,  kommt aus dem südnepalesischem Chandrapur und hat dagegen schon vor acht Jahren im Restaurant seines Onkels angeheuert. Uns fällt auf, dass sich in den Dörfern auf unserem Weg etliche asiatische „Minimarkets“ angesiedelt haben. Hier stocken wir hier unsere Wanderverpflegung auf, doch das Warenangebot richtet sich eindeutig auch an eine asiatische Klientel. Was also machen die vielen Asiaten in dieser Gegend?

    Arbeitsmigranten in Almograve

    Der Kellner im Fischrestaurant „O Lavrador“ erzählt, dass die Männer in den „estufas“, den Gewächshäusern der Gegend, arbeiten.  Ein Blick auf Google Maps bestätigt, dass unweit vom Ort großflächig Tomaten, Obst und Waldbeeren angebaut werden. Nach ein paar weiteren Klicks im Internet wird klar: In Portugals Landwirtschaft arbeiten rund 50.000 Nepalesen und 200.000 Inder, viele davon im Alentejo, wo einheimische Arbeitskräfte fehlen. Hier entsteht eine neue Generation südasiatischer Landarbeiter, denn Portugals Früchteexport nach Nordeuropa – vor allem nach Deutschland – boomt. Der Strom der Zuwanderer in den Alentejo wird also weiter anschwellen. Begünstigt wird dies durch eine liberale portugiesische Einwanderungspolitik, aber auch durch Vermittler, die an den Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben mitverdienen. Der freundliche Ram hat seinen „Minimarket“ noch am späten Abend geöffnet. Ich frage den Nepalesen wie es ihm in Portugal gefällt. Er lächelt höflich und sagt, dass er mit seinen beiden Läden ein Auskommen habe. Risiken und Chancen der Arbeitsmigration liegen auch hier im Alentejo eng beieinander. Und ich weiß nun, wem ich die leckeren Heidelbeeren in meinem morgendlichen Müsli zu verdanken habe.    

    Rüstige Rentner und Frauengruppen
    Die Wanderung auf dem Fischerpfad ist ein multikulturelles Erlebnis.  Denn am Tage auf den Wegen und am Abend in den Cafés und Restaurants hören wir viel Munteres auf Italienisch, Englisch, Spanisch und natürlich auch auf Deutsch. Denn auch im Alentejo sind wir Deutschen die Wanderweltmeister. Holländisch hört man weniger, erst wieder in der Nähe der Campingplätze. Es sind, so scheint es uns, viele nette Leute unterwegs, junge Menschen, rüstige Rentner aus Nordeuropa, na klar, darunter viele Frauengruppen und Solowanderinnen. Und dann begegnen wir immer wieder der lachenden „Zeltstange“ und – wir nennen ihn einfach mal so – „Charles“. Die fröhliche Italienerin lässt ihre lässig im Rucksack verstaute Zeltstange weit in den Himmel ragen und jener eigenwillige Brite mit Rauschebart ist mit Bügelfaltenhose und Businesshemd unterwegs.  

    Praia da Amália

    Wer ist Amália?
    An unserem vierten Wandertag sind wir irgendwo zwischen Zambujera do Mar und Odeceixe unterwegs. Hier an den Klippen an einem der schönsten Küstenabschnitte unserer Tour steht das Gästehaus Amália Rodrigues sowie ein Hinweisschild zur „Praia da Amália“.  Das hätte ich fast übersehen – ein schweres Versäumnis! Denn wir stehen vor dem Refugium der Sängerin Amália Rodrigues, für die Portugiesen die Ikone und Identifikationsfigur schlechthin. Amália – sie wird von Ihren Anhängern nur mit dem Vornamen genannt – wuchs in den 1920er und 1930er Jahren in ärmlichsten Verhältnissen in Lissabon auf und entwickelte sich mit ihrer einzigartigen Stimme zur bedeutendsten Fadosängerin des Landes. Sie wurde zum Vorbild für Generationen nachfolgender Künstlerinnen, die das Genre bis heute erfolgreich weiter entwickeln. Mariza, Ana Moura oder Cristina Branco, um nur einige zu nennen, nehmen mit ihren schönen melancholischen Stimmen die Menschen mit auf die Suche nach den Geheimnissen der menschlichen Seele.

    Wir machen uns dagegen auf die Suche nach Amálias Strand. Durch dschungelartiges Gelände führt ein steiler Weg eine Schlucht hinab. Unten angekommen, erwartet uns eine wunderschöne und fast menschenleere Bucht. Wir spazieren über den Strand, tauchen ein in die eiskalten Wellen und spülen das Salz unter einem kleinen Wasserfall ab. Dann schnüren wir wieder die Wanderschuhe, erklimmen  die Klippen und laufen hoch oben über der Brandung weiter Richtung Süden.  Bis zum Leuchtturm des Cabo San Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas, sind es nur noch 50 Kilometer.

    Störche nisten auf Klippen

    Ciconia cinonia
    „Den gibt‘s auch in Hessen“, wird uns später unsere neidische Nachbarin belehren. Die Rede ist vom großen Weißstorch, auch Klapperstorch genannt. Er nistet für gewöhnlich auf Schornsteinen oder Masten, seit ein paar Jahren auch wieder in deutschen Gefilden. An Portugals Atlantikküste aber bauen Störche ihre großen Nester auf Felsspitzen hoch über der Brandung, und das ist, wie Ornithologen versichern, einzigartig. Hier kann die Brut ungefährdet wachsen. Von Atlantikstürmen oder neugierigen Wander:innen lassen sich die großen Vögel nicht beeindrucken.

    Ungebändigte Natur, Wind und Meeresrauschen – und die Freundlichkeit der Menschen, das sind die Highlights unserer Tour auf dem Fischerpfad. Es braucht nicht viel um zu begeistern. Die Macher der Rota Vicentina haben ihren Weg gefunden.

    4-Tage-Wanderung von Porto Covo nach Odeceixe; Kartenquelle: Komoot

    Informationen zu Wanderrouten, Unterkünften und Verpflegung finden sich u.a. hier: Rota Vicentina SW Portugal  sowie im Rother Wanderführer, Rota Vicentina, 2021

    Einen Einstieg in die Welt der Fadomusik bietet die Dokumentation:  WDR KLASSIK: Wir alle haben Amália im Blut: Amália Rodrigues und die Fado-Szene | ARD Mediathek , 2022

    Eine Reportage über asiatische Arbeitsmigranten in Portugal findet bei der Deutschen Welle: Arbeitsmigranten – asiatische Billigpflücker in Portugal | Global 3000 – Das Globalisierungsmagazin | DW | 25.04.2022

    Bordeaux: Die gelbe Stadt am Fluss

    Zwei-Brücken-Laufrunde in Bordeaux

    Bordeaux’s Hebebrücke bei Sonnenaufgang

    Joggerherzen schlagen höher
    Die Morgensonne hüllt die Häuserzeilen am linken Garonne-Ufer in ein freundliches Sandsteingelb. Die heißen Sommertage sind vorbei, es ist erfrischend kühl an diesem Septembermorgen. Ich starte meinen Lauf am Quai des Chartrons, einst ein altes Hafengelände, heute Teil eines klassizistischen Gesamtkunstwerks am Sonnenufer der Garonne.  Die schönen Häuserfassaden von Bordeaux sind Weltkulturerbe. Hinter ihnen, in den tiefen Kellern des Chartrons-Viertels aber, lagert in großen Fässern jenes flüssige Gold, das die Stadt wirklich reich und weltbekannt gemacht hat: Bordeaux ist die Welthauptstadt des Weines.   

    Weniger bekannt ist, dass die Stadt inzwischen auch die Herzen der internationalen Jogger-Community erorbert hat. Denn Bordeaux hat sich in den letzten Jahren zum Fluss geöffnet: Das Ufer der Garonne wird von breiten Flaniermeilen umsäumt. Bordeaux’s erster grüner Bürgermeister, Pierre Hurmic, lässt dort weiträumige Parks und heimelige Gemüsegärten anlegen.  

    Der Lauf über die populäre „Zweibrückenrunde“ führt mich zunächst in nordöstlicher Richtung vorbei am sogenannten Bord’eau Village, einer etwas betonlastigen Galerie von Läden und Restaurants entlang des Garonne-Ufers.

    Zweibrückenrunde: Quai des Chartrons – Pont Jacques Chaban Delmas – Parc d’activités des Queyries – Parc aux Angéliques – Square Toussaint Louverture – Place Stalingrad – Pont de Pierre – Quai Richelieu – Place de la Bourse – Place des Quinconces – Musée d’art contemporain – Rue Notre Dame – Centre de Congrès Cité Mondiale – Musée du Vin – Rue de Borie – Quai des Chartrons, 7,5 km.

    Bürgermeister und Brückenbauer
    Von hier ist es nicht mehr weit zu der neuen Hebebrücke, die nach dem langjährigen Bürgermeister der Stadt, Jacques Chaban-Delmas benannt ist. Für die Durchfahrt der Kreuzfahrtschiffe und anderer Ozeanriesen wird die mittlere Fahrbahn über vier Stahlmasten senkrecht nach oben gezogen. Der Gaullist Chaban-Delmas – das ist manchen Lesern vielleicht noch in Erinnerung – war 1969-72 unter Präsident George Pompidou Frankreichs Premierminister. Dass er zugleich auch von 1947 bis 1995 Bürgermeister von Bordeaux und zwischenzeitlich auch noch Präsident der französischen Nationalversammlung war, ist eine besondere Eigenart der französischen Politik. 

    Jenseits der Hebebrücke glitzert am linken Ufer der Garonne der eigenwillige Rundbau der „Cité du Vin“ in der Morgensonne. Mit viel Phantasie könnte man in dem Bau die Form eines großen Wein-Dekanters erkennen.

    Geschichte, wo man hinsieht
    Von der „Cité du Vin“ lohnt sich ein Abstecher in das Viertel Bacalan.  Zum einen, weil hier aus einer alten Arbeitersiedlung ein ansprechendes Neubauviertel entsteht, dessen bunte Wohnhäuser im erfrischenden Gegensatz zum ehrwürdigen Klassizismus der Innenstadt stehen. Aber es gibt noch eine zweiten Grund Bacalan zu besuchen, denn inmitten des Viertels steht ein riesiger Betonbunker mit den Ausmaßen von mehr als fünf Fußballfeldern.  Anfang der 1940er Jahre, als die Nationalsozialisten Frankreich besetzt hielten, ließen sie von Zwangsarbeitern einen U-Bootbunker errichten. Er wurde zum Standort für die sogenannte 12. U-Boot-Flotille, die sich von hier aus über die Garonne schnellen Zugang zum Nordatlantik verschaffte. Dieses Kainsmal wird Bordeaux nun nicht mehr los. Weil die trostlose Bunkeranlage aufgrund ihrer Ausmaße praktisch nicht gesprengt werden kann, hat man sie jetzt mit beeindruckenden Lichtinstallationen zu neuem Leben erweckt.  

     Kunstillusionen im Bassin des Lumières, einem ehemaligen U-Boot-Bunker der Nazis

    Doch zurück zur Laufroute. Ich überquere nun die Hebebrücke. Im auffälligen Gegensatz zum repräsentativen linken Ufer der Garonne laufe ich auf ihrer rechten Seite durch eine Mischung von Parks, Industrieanlagen, neuen Wohnvierteln und Wohnwagenbehausungen. Und natürlich ist auch hier der Wein präsent. Bis 2030 sollen in diesem Areal großflächige öffentliche Grünanlagen entstehen, manches davon ist im Parc d’activités des Queyries und im Parc aux Angéliques schon zu sehen. Passionierte Läufer finden auf diesem knapp drei Kilometer langen Abschnitt ihr ganz eigenes Tempo, denn außer Joggern und Hundefreunden sind an diesem Morgen nicht viele Menschen unterwegs.

    Klare Ansage am rechten Ufer der Garonne

    Sklave und Freiheitskämpfer  
    Eine kurze Pause lege ich aber dann doch ein, als ich unvermittelt auf eine Büste von François-Dominique Toussaint Louverture treffe. Der in Cap-Haitien geborene ehemalige Sklave und Unabhängigkeitskämpfer griff die Ideen der französischen Revolution auf und versuchte sie auch in seinem Land zu verwirklichen. Er entwickelte sich zum begnadeten Feldherrn, warf Franzosen, Briten und Spanier aus Haiti raus, wurde dann aber von Napoleons Truppen deportiert und starb 1803 in französischer Gefangenschaft. 1804 wurde Haiti nach den Vereinigten Staaten als zweite ehemalige Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent unabhängig. Wer noch von Santana das 1971 veröffentlichte „third album“ im Plattenschrank stehen hat, weiß, dass die Hommage an „Toussaint L’Ouverture“ längst zu einem der Klassiker der Latin-Rock-Band geworden ist. Die Büste von Toussaint Louverture erinnert im Übrigen auch daran, dass Bordeaux einst wichtiger Umschlagplatz für den Sklavenhandel war.

    Freiheitskämpfer im Park: Der ehemalige Sklave Toussaint Louverture führte Haiti in die Unabhängigkeit

    Von Louverture‘s Büste bis zum Place de Stalingrad ist es noch ein knapper Kilometer. Nachdenklich schaue ich auf die Straßenschilder. In Frankreich gibt es etliche Stalingrad-Plätze oder Straßen.  Warum kommt Stalingrad im deutschen Straßenalphabet dagegen überhaupt nicht vor? Die Erinnerung an die Stadt, die heute Wolgograd heißt, ist auf das engste mit Hitlers Angriffskrieg auf Russland und Hunderttausenden von Opfern verbunden. Das ist gerade in neuerlichen Kriegszeiten kein angenehmer Gedanke, gehört aber zu unserer Geschichte mit dazu.  

    Napoleons Brücke
    Der nächste Streckenabschnitt ist ein weiteres Highlight auf der Tour, denn ich überquere jetzt die vielleicht schönste und älteste Brücke von Bordeaux: den Pont de pierre, die Steinbrücke. Wieder hatte Napoleon seine Hände mit im Spiel, denn angeblich gab er die Brücke in Auftrag. Eingeweiht wurde sie allerdings erst 1822, da war Napoleon schon längst in St. Helena im Exil.

    In 17 Bögen über die Garonne: Der Pont de pierre im Morgenlicht

    Am anderen Ende der Brücke bin ich wieder am linken Ufer der Garonne angekommen. Geradeaus geht es durch die Porte de Bourgogne direkt in die verwinkelte Altstadt, ich aber bleibe am Fluss und biege rechts ab auf den Quai Richelieu und laufe in Richtung Place de la Bourse weiter. Die Stadt ist inzwischen längst aufgewacht, die Menschen eilen zur Arbeit, zu Fuß, mit dem Rad, per Auto oder mit der Straßenbahn.  

    Bordeaux‘s Straßenbahn ist tatsächlich ein Phänomen, denn sie fährt ohne Oberleitung. Weit und breit sind keine Masten und Stromleitungen zu sehen. Doch wo kommt dann der Strom her?  Nun, aus einer in die Fahrspur eingelassenen Stromschiene. 2003 wurde diese neuartige sogenannte Alimentation par le sol (APS) von der Firma Alstom erstmals in Bordeaux’s Innenstadt eingesetzt. Die Idee dahinter: Die APS sollte eine freie Sicht auf das Stadtbild ermöglichen. 

    Die größte Attraktion am Place de la Bourse liegt heute Morgen noch trocken. Es ist der Mirroir d’Eau, eine riesige Steinplatte, die zum Spiegel wird, wenn man sie mit Wasser flutet.  Am Abend wirkt der hell erleuchtete Börsenplatz dann doppelt so groß. Am Tag ist es ein Heidenspaß für Kinder aller Altersklassen, weil das Wasser mal ganz glatt daliegt, mal wellenartig angerollt kommt oder plötzlich aus kleinen Fontänen spritzt.

    Am Place de la Bourse: Straßenbahn ohne Oberleitung

    Bordeaux hat mitten in der Stadt unendlich viel Platz, denn unweit des Börsenplatzes laufe ich nun über den Place des Quinconces, teils Freifläche, teils mit Bäumen bepflanzt. Laut Stadtmarketing ist es der größte Platz Europas. Bis auf ein paar Säulen und Brunnen ist er völlig leer und könnte es locker mit ein paar Fußballfeldern aufnehmen. Tatsächlich werden hier ab und zu Kirmes und andere Feste gefeiert. Dazu dürften dann auch die Weinfässer aus den Kellern des Chartrons-Viertel herangerollt werden.

    Leben im alten Chartrons-Viertel
    Ich verlasse jetzt den Fluss und mache noch einen Abstecher durch das Quartier des Chartrons, das alte Weinhändlerviertel. Die Rue Notre Dame verläuft quer hindurch und ist ein schönes Beispiel, wie schnell sich ein altes Viertel neu erfinden kann. Antiquitätenläden, hippe Boutiquen und edle Kneipen reihen sich aneinander. Bei „Les belles gueules“ (Die schönen Visagen) gibt‘s schicke Brillen, bei „La Patine du temps“ (Der Zahn der Zeit) gibt‘s alles aus alten Zeiten, bei Carrefour City gibt’s vor allem Wein und bei Chez Dupont ziemlich gutes Essen.  Offen hat heute Morgen allerdings nur der Bäcker, deshalb gibt’s auch nur dort eine lange Schlange.

    Ich kauf‘ mir ne Baguette.

    Die Lauftour durch Bordeaux ist jetzt fast geschafft. Bis zur schicken Wohnung unserer Gastgeberin am Quai des Chartrons ist es nicht mehr weit. Das Musée du Vin mit seinen gut gefüllten Kellergewölben in der Rue Borie lasse ich links liegen, denn sonst wird der Frühstückskaffee kalt.

    Budapest: Zurück zu alter Größe?

    Ungarns museales Parlamentsgebäude

    Laufrunde von Platz zu Platz in der Innenstadt von Pest: Kamermayer Karoly – Szervita – Vörösmarty – Vigadó – Széchenyi István – Holocaust Memorial am Donauufer – Kossuth Lajos (Parlamentsgebäude) – Mahnmal des Miteinanders – Szabadság (Freiheitsplatz) – Szent István (St. Stephans Basilika) – Ungarische Staatsoper – Székely Mihály (Jüdisches Viertel) – Synagoge Kazinczy Straße – Große Synagoge Dohány Straße – Astoria – Semmelweis – Kamermayer; 6,6 km

    Joggingroute durch Pest – (Karte ©Google Maps)

    Es ist kein Zufall, dass ich beim Frühstück im gemütlichen Gerloczy Café im V. Budapester Distrikt endlich Karoly Kamermayer höchstpersönlich treffe.  Denn zuvor bin ich ihm auf meinem Morgenlauf durch Budapest schon mehrmals auf die Spur gekommen. Kamermayer wurde 1873 zum ersten Bürgermeister Budapests gewählt und blieb 23 Jahre lang im Amt. Die Stadt entstand aus der Vereinigung der westlich und östlich der Donau gelegenen Ortschaften Buda, Obuda und Pest. Kamermayer galt als integer und weitsichtig und legte die Grundlagen für eine moderne Stadtentwicklung. Er sorgte für Trinkwasser und Abwasserentsorgung, ließ Krankenhäuser und Markthallen errichten, setzte die erste Metro auf dem europäischen Festland auf die Schiene und bereicherte das kulturelle Leben durch den Bau der ungarischen Staatsoper. Unter seiner Amtszeit wurde Budapest zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren Europas. Seine Statue steht wenige Meter vor meinem Frühstückstisch.

    Budapests Visionär

    Prächtige Theaterkulisse
    Doch nun zu meinem Lauf. Wer frühmorgens durch eine Großstadt joggt, trifft auf die üblichen Verdächtigen: Leute von der Stadtreinigung, Menschen, die zur Frühschicht eilen und ein paar ähnlich verrückte Sportler. In Budapest treffe ich an diesem Frühsommermorgen durch den Stadtteil Pest (ungarisch: Pescht) auf bemerkenswert viele Gassi-Geherinnen. Denn in Ungarn, dem Land der Hundefans, wohnt fast in jedem Haushalt ein Vierbeiner.  Aber Budapest hat natürlich mehr zu bieten.

    Wie eine Theaterkulisse breitet sich die Stadt vor mir aus. Der Vorhang ist aufgezogen, die Straßen sind noch fast leer. Auf der Bühne sehe ich großzügige Plätze, barocke Kirchen, kunstvoll dekorierte Paläste aus der Blütezeit der K.u.k.-Monarchie, schöne Jugendstilfassaden neben ultraschicken Glasbauten aus der EU-finanzierten Moderne. Und immer wieder etliche mit Holzbrettern vernagelte Fenster – bröckelnde Schönheiten aus vergangenen Zeiten.

    Early Birds vor der St. Stephans Basilika

    Über die Innenstadt laufe ich zum Donauufer und stolpere auf dem engen Uferweg beinahe über die Angelleinen der Fischer. Fast lautlos gleitet eines dieser unendlich langen Flusskreuzfahrtschiffe vorbei.  Auf der anderen Seite des Flusses glänzt das historische Burgviertel in der Morgensonne. Wiener Tor, Matthiaskirche, Königsschloss – alles repräsentative Bauten aus der K.u.k.-Zeit. Aus dem Burgviertel ragen auffallend viele Baukräne hervor. Denn seit Jahren wird hier saniert. Etliche Gebäude entstehen ganz neu im alten Glanz.  Es wird viel Aufwand in die Restauration gesteckt.

    Dann komme ich an die Stelle am Donauufer, wo die gusseisernen Schuhe stehen. Tags zuvor hatte ich Schulkinder beobachtet, wie sie versuchten mit ihren Füßen hineinzuschlüpfen. Dieses nette Bild entpuppt sich als Erinnerung an grausame Zeiten. Es sind Schuhe von Kindern, Frauen und Männern, die da am Donauufer stehen. Sie stehen für die Schuhe von Tausenden von Juden, die die Nazis 1944 zum Donauufer trieben und erschossen. Doch vorher mussten alle ihre Schuhe ausziehen.  

    Die Schuhe am Donauufer

    Erinnerungspolitik
    An dieser Stelle muss ich vorgreifen und über ein Holocaust-Denkmal sprechen, was ich auf meinem Lauf erst später erreichen werde. Denn dieses andere Denkmal ist höchst umstritten. Auf dem Siegesplatz mitten im Zentrum Budapests wurde zum 70. Jahrestag der deutschen Besatzung Ungarns am 19. März 1944 in einer Nacht-und-Nebel Aktion das „Mahnmal für die Opfer der deutschen Besatzung“ errichtet. Tags zuvor hatte der ungarische Touristenführer Ódor uns erklärt, was wir dort sehen sollen: In zentraler Position steht der Erzengel Gabriel mit dem Reichsapfel in der Hand. Gabriel symbolisiert das unschuldige Ungarn. Auf ihn herab stößt ein Höllenvogel mit brutalem Flügelschlag. Das ist der deutsche Reichsadler. Die Botschaft: Ungarn hat mit dem Einmarsch der Wehrmacht seine Souveränität verloren. Der ungarische Ministerpräsident Victor Orbán bezeichnete die Skulptur als „makelloses Kunstwerk“. In Ungarn und auch international gab es dagegen Proteste. Der Historiker György Dalos ist der Auffassung, dass mit dem Mahnmal versucht wird, die Geschichte umzuschreiben. [1]  Kritiker des Denkmals leugnen keineswegs die Kriegsverbrechen der Deutschen in Ungarn, doch die 500.000 ungarischen Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen, wurden unter dem damaligen Horthy-Regime auch mit tatkräftiger Hilfe der ungarischen Behörden und unter Duldung oder gar Mitwirkung breiter Bevölkerungsschichten vor Ort vertrieben und nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Aus Protest vor der Leugnung der ungarischen Kollaboration haben private Initiatoren vor dem offiziellen Denkmal authentische Gedenkstücke ermordeter Juden ausgestellt. Wir sehen Briefe und Fotografien, Koffer und vereinzelte Kleidungsstücke. Zwischen diesem und jenem Denkmal rauscht auf einer engen Durchgangsstraße alle paar Sekunden ein Auto durch – ein verstörender Gesamteindruck.


    [1] György Dalos, Das System Orbán. Die autoritäre Verwandlung Ungarns. München 2022

    Auf dem Siegesplatz: Erinnerungsstücke ermordeter Juden vor dem
    „Mahnmal für die Opfer der deutschen Besatzung“

    Das museale Parlament
    Auf dem Weg zum Siegesplatz bin ich zuvor um das riesige Parlamentsgebäude am Donauufer herumgelaufen. Das dauert eine Weile, denn das Hohe Haus ist so breit wie die Länge von zweieinhalb Fußballfeldern. Die Vertreter des Volkes agieren in einem wahrhaft prächtigen Bau, der im Stil und aufgrund seiner Lage am Fluss an das britische Westminster erinnert. Die Parkanlagen rund um das Gebäude sind wunderbar gepflegt und werden von Männern in olivgrünen Uniformen bewacht. Als ich frohgemut an ihnen vorbeilaufe, grüßen sie freundlich zurück. Ich erinnere mich, dass der Touristenführer Ódor erklärt hatte, dass das Gebäude ursprünglich für ein Großungarn in den Grenzen vor 1920 gebaut worden war. Denn nach verlorenem Erstem Weltkrieg und mit dem Vertrag von Trianon musste Ungarn rund zwei Drittel seiner Gebiete vor allem an Rumänien, Jugoslawien, Polen und die Tschechoslowakei abtreten. Über 100 Jahre später scheint das manchem nationalistisch gesinnten Politiker (wieder) zu schmerzen. So ist es kein Zufall, dass in der zentralen Sichtachse zum Parlamentsgebäude, in der Alkotmány Straße, Ministerpräsident Orbán erst vor zwei Jahren das „Denkmal der nationalen Zusammengehörigkeit“ einweihte. In der hundert Meter langen Steinrampe sind die Namen aller Ortschaften und Städte des einstigen Königreichs Ungarn in den Grenzen von 1913 eingemeißelt. Obwohl dieses Denkmal den gegenwärtigen Machthabern so wichtig ist, bin ich an der Rampe zunächst fast achtlos vorbeigelaufen, weil ich sie für die Einfahrt zu einer Tiefgarage hielt.  Erst beim näheren Hinsehen entdecke ich die über 12.000 Dorf- und Städtenamen.

    „Denkmal der nationalen Zusammengehörigkeit“ 

    Vom Ende der Rampe blicke ich zurück auf das Parlament und frage mich, wie es dort eigentlich im Innern zugeht. Nach meinem Lauf schaue ich mir deshalb die Ergebnisse der Wahlen vom April 2022 an.  Orbáns Fidesz-Partei, das steht für „Ungarischer Bürgerbund“, hat wiederum ihre Zwei-Drittel-Mehrheit behauptet, nun schon zum dritten Mal seit 2010.  Wie kriegt Orbán das immer wieder hin? Nun, er ist ein charismatischer Populist. Da kann ihm kaum einer das Wasser reichen. Er setzt auf die Stimmen in der Provinz. Nur in der Hauptstadt hat die Opposition die Nase vorn. Die öffentlichen Medien hat Orbán monopolisiert und die privaten Nachrichtenorgane unter die Kontrolle seiner politischen Freunde gebracht. Von Putin bekommt er für seine russlandfreundliche Politik billiges Gas und Erdöl und hält so die Energiepreise für die Bevölkerung niedrig. Der öffentliche Nahverkehr ist für Menschen ab 65 kostenlos. So bekommt er die Rentner:innen auf seine Seite.  

    Ich will es gleichwohl noch genauer wissen und suche eine Tankstelle. Ende Mai 2022 kostete der Liter Superbenzin an Tankstellen des teilstaatlichen MOL-Konzerns umgerechnet rd. 1,25 Euro – da hatten die Benzinpreise in Deutschland schon die 2 Euro-Marke überschritten.  Und trotzdem macht MOL mit seinem Gas- und Ölgeschäft immer noch satte Gewinne, weil es den Rohstoff zu sehr guten Konditionen aus Russland bezieht. Die Dividenden, 2021 laut Geschäftsbericht immerhin 610 Mio. Euro, werden an Fidesz-treue Bildungsinstitutionen ausgeschüttet. Diese wiederum fördern Fidesz-treue Anhänger, wie die New York Times berichtet.  Aus Brüssel bezieht Orbán trotz wiederkehrender Korruptionsvorwürfe weitere Subventionen, mit denen er seine Klientel bedient. So läuft das System Orbán wie geschmiert. Weil im EU-Rat das Einstimmigkeitsprinzip herrscht, hat auch dort Orbáns Stimme Gewicht. Im Streit um das EU-Ölembargo gegen Russland gelang es ihm fast nach Belieben Ausnahmeregelungen auszuhandeln.

    Zurück ins Parlament. Seit Fidesz über die Zwei-Drittel-Mehrheit verfügt, finden keine wirklichen parlamentarischen Auseinandersetzungen mehr statt. György Dalos berichtet, wie sich die Fidesz-Mehrheit mit allerlei Verfahrenstricks und dem gezielten Einsatz des Rechnungshofes die Opposition vom Leibe hält und die Abgeordneten nur noch zu wichtigen Abstimmungen im Hohen Haus erscheinen.  Es scheint, als wäre das Parlament nun auch im Innern zu dem geworden, wie es von außen aussieht: Das prächtige Wahrzeichen einer erstarrten Demokratie.  

    Zwei ungarische Helden: Szent István und Ferenc Puskás
     

    Die Helden der Basilika
    Kommen wir wieder zurück zum Freiheitsplatz, denn von dort ist es nur noch ein kurzer Lauf bis zur Stephans-Basilika. Besuchern werden gern zwei Geschichten erzählt. Die eine sagt, dass in der Kirche ein Stück Handknochen des Heiligen Stephan aufbewahrt wird.  Der Heilige Stephan, ungarisch: Szent István, wird als Staatsgründer Ungarns verehrt, weil er im 11. Jahrhundert erster König Ungarns war. Die zweite Reliquie ist der Leichnam des Ferenc Puskás. Dieser Name dürfte nicht allen Lesern geläufig sein. Puskás muss in einem Atemzug mit Namen wie Beckenbauer, Cruyff oder Di Stéfano genannt werden. Denn er gehörte in den 1950er und 1960er Jahren zu den besten Fußballspielern der Welt und war Kapitän der ungarischen „Goldenen Elf“. Am legendären 6:3 gegen England 1953 im Wembley-Stadion war er maßgeblich beteiligt. 1954 war er drauf und dran Weltmeister zu werden, wäre da nicht das „Wunder von Bern“ dazwischengekommen, als die deutsche Elf die Ungarn überraschend mit 3:2 besiegten. Puskás ruht in der Szent István-Basilika neben Heiligen und Königen und wird in Ungarn als Nationalheld verehrt. Als wäre das nicht Huldigung genug, ist auch das Budapester Fußballstadion nach ihm benannt. Im jüdischen Viertel von Pest entdecke ich zudem eine riesige Hauswand, auf der die Geschichte vom 6:3 verewigt ist.

    Auf einer Hauswand verewigt: Ungarns legendäres 6:3 gegen England 1953 im Wembley Stadium
     

    Kamermayers Vermächtnis
    Von der St. Stephans Basilika laufe ich jetzt durch enge Gassen nach Osten und komme zu zwei bedeutenden Bauwerken, die die Handschrift von Bürgermeister Karoly Kamermayer tragen. Die ungarische Staatsoper ist ein so prächtiger Neo-Renaissancebau, dass der österreichische Kaiser Franz Joseph I. bei ihrer Einweihung sauer war, weil sie ihm noch prunkvoller als das Wiener Opernhaus erschien. Zur Oper gelangt man übrigens, der Weitsicht Kamermayers sei es gedankt, mit der historischen U-Bahnlinie M1.  Auch als Jogger lohnt sich ein Abstecher in die nur weniger Meter unter der Straße liegende Station „Opera“.

    Station „Opera“ der ersten U-Bahn auf dem europäischen Festland

    Die Station ist blitzsauber. Die Wände sind geschmackvoll in weiß-schwarzem Muster gekachelt, die Ein- und Ausgangstüren aus schönem Holz geschnitzt, die Stahlträger kunstvoll ausgestattet.  

    Durch das jüdische Viertel
    Das jüdische Viertel liegt südlich der Staatsoper. Die Hauptstädter nennen es auch gerne das Elisabeth-Quartier. Denn der schönen Sissi, der Gemahlin von Franz Josef I. und ab 1867 auch gekrönte Königin von Ungarn, wird eine große Liebe zu den Magyaren nachgesagt. Ihre jüngste Tochter kam in Buda zur Welt. Kein Touristenführer versäumt es zu erwähnen, dass sich die Wittelsbacherin mit Erfolg bemühte, ungarisch zu lernen. 

     Sozialwohnung im Jüdischen Viertel

    Unter der Nazibesatzung unter der Führung von Adolf Eichmann wurde das Viertel zum Ghetto, mit dem Ziel, die jüdischen Anwohner in Vernichtungslager zu deportieren.  Kurz vor Kriegsende sah sich das Horthy Regime jedoch durch den wachsenden internationalen Druck und das aktive Engagement neutraler Staaten veranlasst, Deportationen aus dem Viertel zu stoppen.  Örtliche Diplomaten, wie der Schwede Raoul Wallenberg, gewährten vielen weiteren Personen Schutz. Heute bietet das Quartier ein gemischtes Bild. Die jüdische Gemeinde hat sich in drei verschiedene Glaubensrichtungen auseinanderentwickelt. Rund 60.000 bis 70.000 Juden leben in Budapest. Die Zahl der aktiv praktizierenden Juden ist deutlich kleiner. Es ist ein Trend zu beobachten, den man z.B. auch in Kazimierz, dem jüdischen Viertel von Krakau, beobachten kann. Das Elisabeth-Viertel wird zunehmend zum hippen Ausgehquartier, in die Abbruchhäuser nisten sich Kneipen ein, abends herrscht hier ein munteres Treiben. Doch etliche Einwohner wohnen in erbärmlichen Verhältnissen. Die Sozialwohnungen verfallen oder werden privaten Investoren überlassen. Die Gentrifizierung nimmt ihren Lauf.

    Die große Synagoge

    Fast schon am Ende meines Rundlaufs stehe ich vor der Großen Synagoge in der Dohány Straße. Mir gefällt, wie die filigrane Ornamentik dem Backsteinbau eine besondere Würde verleiht.  Gleich neben der Synagoge steht das Geburtshaus von Theodor Herzl, dem großen Zionisten und Wegbereiter eines eigenständigen jüdischen Staats. Ich laufe weiter, überquere den belebten Astoria Platz und biege in die Semmelweis-Straße ein. Der Name würdigt den ungarischen Gynäkologen, der Mitte des 19. Jahrhunderts die Ursachen des Kindbettfiebers entdeckte und vielen Müttern fortan das Leben rettete. Ignaz Semmelweis war nur ein paar Jahre älter als Karoly Kamermayer. Beide gehörten einer Generation an, die ihrem Land und ihrer Stadt durch ihr visionäres Schaffen besonderen Glanz verliehen. Budapest zehrt noch heute davon.

    „No matter what“: Das Matterhorn  

    Der schönste Berg der Welt?

    Es gibt nur wenige Berge auf der Welt, die so intensive Träume auslösen wie das Matterhorn. Und zu viele davon enden mit dem Tod. Das galt schon für den Briten Edward Whimper und seine eilig zusammengewürfelte Truppe, die am 14. Juli 1875 erstmals den Gipfel erreichten. Whimper war im Wettbewerb mit einer italienischen Seilschaft nur etwas schneller. Doch die Freude währte kurz, denn beim Abstieg stürzten vier seiner Kollegen tödlich ab. Die Diskussion um das gerissene Sicherungsseil befeuert den Mythos Matterhorn bis heute. Das einst bettelarme Dorf Zermatt am Fuße des Berges wurde weltberühmt und erlebte den größten Alpentourismusboom aller Zeiten. Das mehrdeutige Motto der Macher von heute lautet: „Zermatt. No matter what“.

    Unzählige Alpinisten haben sich inzwischen in das Gipfelbuch eingetragen. Auch Theodore Roosevelt und Winston Churchill haben es  in ihren jungen Jahren bis nach ganz oben geschafft. So wird es im Zermatlantis, dem Matterhorn Museum in Zermatt, erzählt. Und Luis Trenker, der Held des Filmklassikers „Der Berg ruft“, war natürlich auch schon oben. Heikel ist indes der Abstieg. Acht bis zehn Tote pro Jahr gehen auf das Konto des „Toblerone-Berges“. Das Matterhorn gehört zu den tödlichsten Bergen der Welt. Die Rettungsteams von Air Zermatt sind rund um die Uhr beschäftigt.[1] 

    Der lange Weg zum Paradies
    Auch wir haben uns einen Traum erfüllt, allerdings bequemer und mit respektvollem Abstand. Vom hübschen Ortsteil Winkelmatten mit seinen alten Heuschobern ist es nur ein kurzer Fußmarsch zur Talstation des Matterhorn Glacier Paradise Express. Der viel versprechende Name verfehlt seine Wirkung nicht. Mit deutlich erhöhtem Adrenalinspiegel steigen wir ein – und bei der Station Furi viel zu früh wieder aus. Erst allmählich dämmert uns Greenhorns, dass der Weg ins Paradies über zahlreiche Zwischenstationen verläuft. Dass wir zum Schutz vor Corona im Lift auf Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch aufgefordert werden, die mascherina, also den Mund-Nasenschutz, zu tragen, bereichert unseren Wortschatz, denn Corona wird uns weiter begleiten. Mit einer ultramodernen Glasgondel in der Größe eines Lieferwagens schweben wir schließlich hinauf auf das 3883 Meter hohe Kleine Matterhorn. Wir schauen hinüber nach Italien in ein fantastisches Bergpanorama. Das Große Matterhorn uns gegenüber sehen wir nun von hinten – in der italienischen Version als Monte Cervino.

    Schutz vor Ratten: Steinplatten unter Heuschobern in Winkelmatten

    Wir sind in dieser Vorweihnachtszeit nicht ganz allein mit unserem Traum. Ein nettes Paar aus Zürich sitzt mit uns in der Gondel zum Paradies. Auch für sie ist es erstmals zum Greifen nah.  Und sicher auch für die peruanische Familie, die die 360 Grad Aussicht vom Gornergrat auf die umliegenden Viertausender genießt.

    Qualität hat ihren Preis
    Ahat ist dagegen schon ein alter Hase. Ihn treffen wir im Sessellift auf dem Weg zum Rothorn, ein weiteres Skigebiet mit Traumblick auf das Matterhorn.  Ahat ist schon zum dritten Mal in Zermatt, zieht es kennerhaft dem französischen Topgebiet Courchevell vor und residiert mit seiner Familie im besten Hotel am Platze. Ahat ist zehn Jahre alt und kommt aus Dubai.

    Auch die sehr blonde Dame mit der goldenen Daunenjacke und der Elton-John-Sonnenbrille scheint sich hier am rechten Platz zu fühlen. Sie sitzt im Café des Fünf-Sterne-Riffelalp-Resort-2222-Meter  und bearbeitet ihr Smartphone. Der Russe am Nebentisch hält sein Gesicht in die Sonne und sagt dabei „da, da, da“ zu seinem смартфон. Ohne Smartphone geht es tatsächlich nicht, sonst wüsste die Welt nicht wo frau/man gerade ist. Vor lauter Glotzen wird unser Kaffee allmählich kalt. Russen besuchen Zermatt übrigens vor allem im Winter, Asiaten dagegen lieber im Sommer. Briten und Deutsche sind immer da. Das hat der umtriebige „Verein Zermatt Tourismus“ herausgefunden und richtet sein Marketing entsprechend aus. Die mehrsprachige Matterhorn App ist so programmiert, dass man fortlaufend Superangebote erhält und blitzschnell buchen kann (und soll).

    Für jeden Geschmack ist etwas dabei

    Wie sieht die Zukunft aus?
    Das Skigebiet Zermatt lockt mit 52 Liften, 358 km Pistenlänge und Sommerski auf dem Gletscher des Klein Matterhorns. Das ist faszinierend, und macht doch nachdenklich. Laufend werden neue Seilbahnen gebaut und Pisten erschlossen. Zu klein gewordene Gondeln bleiben wie Flaschenstöpsel in den alten Seilbahnstationen stecken. Die modernen Aufstiegshilfen ins Hochgebirge ermöglichen einem breiten Publikum den Zugang in alpines Gelände. Wir haben etliche ausprobiert: große und kleine Gondelbahnen, Sessellifte, ober- und unterirdische Zahnradbahnen. Über die zahlreichen Querverbindungen vom Glacier Paradise über den Gornergrat bis hin zum Rothorngebiet gelangen wir fast mühelos von einer Bergregion zur nächsten – und wieder zurück. Bei Traumwetter ist das ganz fraglos ein großartiges Naturerlebnis.

    Doch wo geht diese Entwicklung hin? Wie sehen Zermatt und seine Bergwelt in 5 oder 10 Jahren  aus? Gibt es ein Stoppschild für die Eroberung der Natur? Zweifellos werden die Umweltauflagen strenger, doch die Eingriffe des Menschen sind nicht mehr rückgängig zu machen.

    Mit der Gornergratbahn zur 360-Grad-Aussicht

    Von der gemütlichen Berghütte auf dem Gipfel des Rothorns schauen wir hinüber auf den Findelgletscher. Ein Blick wie aus dem Bilderbuch, der umgehend mit dem Smartphone festgehalten wird. Auf den zweiten Blick sieht man die haushohen Moränen an seinen Rändern. Sie deuten an, wie weit der Gletscher schon abgeschmolzen ist. Wissenschaftler sagen, dass er seit Beginn der Messungen Mitte des 19. Jahrhunderts um über 2,5 km zurückgegangen ist. [2]

    Abschmelzender Findelgletscher unterhalb des Monte Rosa Massivs

    Im Ort Zermatt gibt man sich umweltbewusst und schwört auf eine nachhaltige Entwicklung. Mit widerstreitenden Interessen hat man offenkundig gelernt zu leben. Auf der Habenseite steht, dass der Ort Zermatt schon immer autofrei war. Bis ans Ende des schmalen Hochtals kommt man nur auf der Schiene mit der Matterhorn – Gotthard – Bahn. Private PKWs müssen im 5 km vorgelagerten Täsch abgestellt werden. Im Ort geht es zu Fuß, mit der Kutsche, dem E-Bus oder E-Taxi weiter. 70% des Strombedarfs werden mit Wasserkraft gedeckt. Auf der anderen Seite weist die Zermatt Touristik für das Jahr 2020/21 1,7 Millionen Logiernächte aus. In Vor-Corona-Zeiten waren es sogar bis zu 2,3 Millionen.[3] Und das in einem kleinen Bergdorf mit nur 5500 ständigen Einwohnern. Die Abwägung zwischen Erleben und Erhalten bleibt da schwierig.  

    Der Alpinist Reinhold Messner, bekannt dafür, dass er Klartext redet, hat sein Urteil längst gefällt. Mit dem Run auf das Matterhorn, so sagt er, begann das Ende der alpinen Unschuld. Er mag die so wunderschön geschwungene Pyramide am liebsten aus der Ferne. „Je näher man diesem Berg kommt, umso unattraktiver wird er. Das Matterhorn ist ein stinkender Schutthaufen. Es stinkt tatsächlich nach Urin.“[4] Das wird sich so schnell nicht ändern. Der Mythos Matterhorn bleibt bestehen, no matter what.


    [1 ]Die Bergretter in Zermatt – Leben retten in den Alpen | Doku | SRF Dok – YouTube

    [2] Findelgletscher – Wikipedia

    [3] ZT_Jahresbericht-2020+Version+20.01.21_Web_kl.pdf

    [4] Reinhold Messner über die Faszination des Matterhorns (tz.de)



    Vom Glücksgefühl auf Radlerbrücken: Kopenhagen

    Cirkelbroen und „Schwarzer Diamant“

    Laufroute: Mit dem Rad aus dem Stadtteil Nørrebro bis zum Café la Pausa am nordöstlichen Ufer des Peblinge Sees, dann Laufstrecke am Seeufer, über Brücke Dronning Louises, Gothersgade, Kings Garden mit Schloss Rosenborg, Nyhavn, über die Brücke nach Christianshavn, Circle Bridge, Lille Langbro Brücke, DAC, Frederiksholm Kanal, Königspalast, Margstraede, Strøget, Købmagergade, Kultorvet, Nørreport, Orstedsparken, Seepavillon; 8,3 km.

    8 km Rundlauf im Uhrzeigersinn

    Als Brasilia 1960 zur neuen Hauptstadt des größten Landes Südamerikas gekürt wurde, war Jan Gehl begeistert von Oscar Niemeyers monumentaler Meisterleistung. Niemeyer und seine Mitstreiter hatten mitten im Urwald eine Stadt aus dem Boden gestampft, die den Menschen Wohlstand, Demokratie und Freiheit versprach – und ein eigenes Auto. Denn Fußwege und Bürgersteige sind in Brasilia bis heute Mangelware.[1]  Doch dann stellten sich der junge dänische Stadtplaner und seine Frau die Frage, was Architektur eigentlich mit den Menschen macht, die in ihr und um sie herum leben müssen. Sie gingen auf die Straßen und Plätze Kopenhagens und fragten bei den Einwohnern nach. So erzählt es jedenfalls Jan Gehl 2014 in einem Interview mit brandeins online.

    Menschenfreundliche Stadtplanung
    Kopenhagens Stadtverwaltung hatte mit dem sog. Fingerplan schon früh auf die Vernetzung von Stadtentwicklung mit Naherholungsgebieten gesetzt. Nun begleitete die Stadt die Forschungsarbeiten von Gehl und seiner Frau und setzte ihre Empfehlungen behutsam um. Der Erfolg ist offensichtlich: 1960 verpesteten Autoschlangen die Innenstadt Kopenhagens. Heute sind im Zentrum sämtliche Plätze autofrei. Parkplätze werden Zug um Zug reduziert, Radwege weiter ausgebaut. Mehr als ein Viertel aller Kopenhagener ist inzwischen mit dem Fahrrad unterwegs. Für viele Menschen ist das schlicht die schnellste und sicherste Form der Fortbewegung – und für die Stadtplaner ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaneutralität. Doch die Entwicklung wirft auch Schatten, denn die Mietpreise sind hoch und ältere Menschen ziehen sich aufs Land zurück.

    Wie fühlt sich das an, in einer den Menschen so zugewandten und lebensbejahenden Stadt unterwegs zu sein? Ich mache einen Selbstversuch, miete mir ein Fahrrad und radle und jogge im Juli 2021 kreuz und quer durch die Stadt.

    An einem schönen Sommermorgen fahre ich vom kulturell sehr abwechslungsreichen Stadtteil Nørrebro mit Harry, meinem Mietfahrrad, bis zum Café la Pausa, ein wunderbar gelegener Ort am Rande eines Seengürtels, der mitten durch die Stadt verläuft.  Schon das Morgenlicht über dem See wirkt euphorisierend. Und das ist gut so, denn meine nun beginnende acht Kilometer lange Laufrunde durch die Stadt erfordert Durchhaltevermögen.

    Morgenstimmung am Peblinge Sø

    An der Dronning Louises Brücke biege ich rechts ab in Richtung Innenstadt und laufe dann die Gothersgade knapp zwei Kilometer zum Nyhavn (Neuer Hafen) hinunter, mitten hinein in Kopenhagens touristische Puppenstube. Gothersgade bedeutet so viel wie „Straße der gotischen und wendischen Könige“, ein Titel, den das dänische Königshaus lange für sich beanspruchte. Königlich ist an der vielbefahrenen Straße mit etlichen Kneipen aber nur Schloss Rosenborg, das inmitten der Königlichen Gärten liegt. Ein Striplokal gegenüber wirbt damit, ausschließlich dänische Damen zu beschäftigen. Ist das womöglich eine Folge der restriktiven Einwanderungspolitik?

    Nyhavn ist ein im 17. Jahrhundert angelegter Kanal, der Kopenhagens Hafen mit dem Neuen Königsmarkt, ein zentraler Platz in der Altstadt, verbindet. Der Kanal mit seinen pittoresken Häusern aus dem 18. und 19.Jahrhundert entfaltet vor allem am frühen Morgen seinen besonderen Charme.  Tagsüber und abends jedoch, wenn die Menschen um die zahllosen Kneipen und Souvenirläden flanieren, gibt es kaum ein Durchkommen.

    Nyhavns Charme am Morgen

    Wenn Wasser zum Spielplatz wird
    Ich nähere mich jetzt der breiten Wasserstraße, die Kopenhagen mit der Ostsee verbindet. Die Einheimischen haben das blitzsaubere Wasser im Hafen längst als Schwimmbad und Vergnügungspark in ihren Alltag integriert. Die besucherfreundlichen Uferanlagen sind zugleich Strandbad, Treffpunkt, Liegewiese oder Partyfläche.

    Gleich hinter dem Nyhavn trabe ich über die Inderhavnsbroen, eine überaus elegant geschnittene Fußgänger- und Radfahrerbrücke, hinüber nach Christianshavn. Jenseits der Brücke liegt eine beliebtes Street Food Areal.  Das alternative Nachbarviertel – die in den 1970er Jahren gegründete Freistadt Christiania – lasse ich allerdings links liegen, denn wer sich dort auf der Pusher Street mit Rauschmitteln benebeln will, macht das lieber später am Tag.

    Ich hab’s mehr mit dänischer Architektur und blicke von der Inderhavens-Brücke auf das weit über das Wasser gebaute Schauspielhaus. Schräg gegenüber die Silhouette des Opernhauses  – zwei Stilikonen des modernen Kopenhagens.

    Theater über Wasser

    Der Ortsteil Christianshavn ist ebenfalls weitgehend Neubaugebiet. Von seiner Wasserfront hat man den besten Blick auf Kopenhagens Altstadt. Mein Favorit ist die Circle Bridge, eine Brückenkonstruktion für Fußgänger und Radler aus mehreren kreisrunden Plattformen. Sie liegt exakt gegenüber dem „Schwarzen Diamanten“, also der Dänischen Königlichen Bibliothek, eine überaus gelungene architektonische Symbiose von Alt und Neu. Die Lesesäle strahlen ein so einzigartiges Ambiente aus, dass bei den hier Studierenden – das ist empirisch belegt – unwillkürlich Glücksgefühle aufkommen.  

    Design kann glücklich machen
    Über die Lille Langebro, eine weitere elegant geschwungene Radbrücke über den Hafen, geht es wieder zurück in die Altstadt. Doch jenseits der Brücke laufe ich zunächst auf riesige, kreuz und quer aufeinander gestapelte anthrazitfarbene Legosteine zu – eine Verbeugung vor einem der weltgrößten Spielzeughersteller aus dem dänischen Billund. Im Innern des Gebäudes ist das Danish Architecture Center (DAC) untergebracht, in dem mit einer kleinen Prise Selbstbewusstsein die unbestreitbaren Errungenschaften dänischer Stadtplanung und Architektur gewürdigt werden. 

    Das DAC werde ich später besuchen. Deshalb laufe ich weiter und nähere mich entlang des Frederiksholm Kanals erneut königlichen Gefilden. Vor dem monumentalen Schloss Christiansborg thront Christian IX. auf hohem Ross, König von Dänemark von 1863 bis 1906. Er heiratete übrigens seine deutsche Cousine, eine Prinzessin von Hessen, was allerdings nicht den deutsch-dänischen Krieg von 1864 um die Herzogtümer von Schleswig und Holstein verhindern konnte. Immerhin gelang es dem Paar, ihre sechs Kinder allesamt in diversen Königshäusern unterzubringen. Das brachte Friedrich IX. den Ehrentitel „Schwiegervater Europas“ ein. Aus Schloss Christiansborg selbst ist die Königsfamilie inzwischen in das nahegelegene Schloss Amalienborg umgezogen. Das hat besonders viele Schornsteine, weil die amtierende Königin Margrethe II., so wird gewitzelt, Kettenraucherin ist. In Christiansborg sind unterdessen die heutigen drei Gewalten der dänischen Demokratie eingezogen: Exekutive, Legislative und Judikative walten allesamt unter einem, wenn auch sehr großen Dach.    

    Mein weiterer Laufweg führt mich durch die Margstraede, angeblich die älteste Straße der Stadt. Durch das Altstadtlabyrinth lande ich schließlich dort, wo die große Fußgängerstraße Strøget auf den Storchenbrunnen trifft. Hier könnte man sich wohlfühlen, wenn man nicht wüsste, dass die dänische Kriminalautorin Katrine Engberg in ihrem Thriller „Glasflügel“ ausgerechnet in diesem Brunnen eine Frauenleiche versenkt hat.

    Entlang der menschenleeren, tagsüber aber sehr belebten Købmagergade mit ihrem weißgrau-melierten Fußbodenbelag und der gelben Schlangenlinie in der Mitte passiere ich den berühmten Runden Turm von Kopenhagen. Im 17. Jhd. wurde er als Sternwarte erbaut und mit einem Wendelaufgang versehen, der auch zu Pferde bestiegen werden kann.

    Am Kultorvet-Platz plätschern am Morgen schon die Wasserspiele. Die Straßencafés haben geöffnet und drinnen schnaufen die Siebträgermaschinen. 

    Wasserspiele am Kultorvet Platz

    Nun ist es nicht mehr weit zu meinem Ausgangspunkt. Ich gönne mir noch einen Besuch auf dem Blumenmarkt am Bahnhof Nørreport sowie einen Abstecher in den idyllischen Orstedsparken, ein kleiner Stadtpark mit See, der am Morgen vor allem von älteren Hundeliebhabern frequentiert wird. Zurück amPeblinge Sø, hat sich schon eine Gruppe Jogger zu Dehnübungen am Seepavillon versammelt. Die Männer mit Tattoo machen es mit nacktem Oberkörper. Ein Bagger reinigt bedächtig den Seeboden. Auch für die Enten und Schwäne soll alles schön hyggelig sein.


    [1] Vgl. in dieser Serie: Laufspass auf der Stadtautobahn: Brasilia trotzt der Krise, November 2016 (laufspass auf der Stadtautobahn | Suchergebnisse | viertelvorsieben

    Abschied von gestern – ein Rundlauf am Rhein

    Alles, was keiner mehr will, kommt weg.

    Unterm Sitzpolster des Esszimmerstuhls hängen die Drahtfedern heraus.  Der Bezug ist abgewetzt und fleckig, die Ecken sind aufgeplatzt. Mit anderem Gerümpel steht er wie bestellt und nicht abgeholt im Wohnzimmer herum. 

    Vorsichtig nehme ich Platz, schnüre mir die Laufschuhe und verlasse das fast leere Haus. Der Schlüssel kommt unter die Mülltonne. Es ist meine Abschiedsrunde durch den Rheinauenpark. 

    Das Wetter ist an diesem frühen Samstagmorgen prächtig. Ich höre die Vögel richtig laut zwitschern und treffe auf der Straße ältere Menschen, die ihre gleichaltrigen Hunde ausführen. 

    Rundlauf durch den Bonner Rheinauenpark: Donatusstraße, Kennedyallee, Kolumbusring, Europastraße, Martin-Luther-King-Straße, Auensee, von-Sandt-Ufer (Rheinuferweg), St. Evergislus Friedhof, Auerhofstraße, Leonardusstraße, Donatusstraße; 5,9 km

    Der Parkplatz vor dem ALDI Supermarkt an der Kennedyallee ist praktisch leer. Auch der Behindertenparkplatz direkt vor dem Eingang sowie der Platz gegenüber sind frei. Der Pfahl mit dem Behindertenschild steht wieder aufrecht. Im Blumenbeet vor der Parkbucht sind keine Reifenspuren mehr erkennbar. Alles wirkt friedlich an diesem Morgen.

    Nilgänse, Baseball und Solarenergie
     Im Wohnpark jenseits der Kennedyallee hoppeln die Karnickel auf den feuchten Rasenflächen herum. Sie scheinen hier Hausrecht zu haben und lassen sich von mir nicht aus der Ruhe bringen. Die schmucken, aber bescheidenen Häuserzeilen aus den 50er und 60er Jahren gehören zur amerikanischen Siedlung in Plittersdorf.  Davon zeugen auch die Straßennamen: Kennedyallee, Kolumbusring, Martin-Luther-King-Straße. Ich weiß nicht, wie viele Amerikaner hier heute noch leben. Das Gebäude des amerikanischen Clubs, wo sich die Familien sonntags zum Brunch trafen, ist schon seit langem geschlossen und wegen Einsturzgefahr abgeriegelt. Die Wände sind mit Graffitis besprüht.

    Ein paar Erinnerungen an amerikanische Zeiten gibt es noch. Auf dem Platz, den jetzt eine wachsende Schar von Nilgänsen okkupiert, trainiert das Baseballteam der Bonn Capitals. Das Team entstand um die Wendezeit, gegründet von Freunden Amerikas. Inzwischen spielt es immerhin in der Champions League. Auf der Martin-Luther-King-Straße stoße ich auf einen bekannten Firmennamen, der nun auch schon Geschichte ist: Hinter hochgewachsenen Büschen liegt das ehemalige Hauptquartier der Solarworld AG. 2017 musste das einstige Bonner Vorzeigeunternehmen Insolvenz anmelden. Üppige Subventionen aus dem Energieeinspeisegesetz (EEG) hatten Solarworld einen privilegierten Platz an der Sonne verschafft. Dann aber holte die Konkurrenz aus China auf. 

    Die Nilgänse im Rheinauenpark vermehren sich schneller als die Karnickel.

    Inzwischen bin ich im Rheinauenpark angekommen. Auf dem Auensee breiten sich Seerosenblätter aus. 1979 wurde der Park für die Bundesgartenschau angelegt. Es wurden eigens Hügel aufgeschüttet, die die Silhouette des Siebengebirges auf der anderen Rheinseite widerspiegeln sollten. Damals sah das alles ziemlich künstlich und kahl aus. Gute vierzig Jahre später ist der Park wunderbar eingewachsen. Die großen Bäume verstecken auch eine mittendrin gelegene Kläranlage.

    Schwäne und Raver
    Nahe am Seeufer verläuft ein schöner Naturpfad, ideal zum Joggen. Es scheint so, als hätten sich heute Morgen die wenigen Parkbesucher die Flächen untereinander aufgeteilt. Hier die Nilgänse mit zahlreichem Nachwuchs. Dort die Schwanenkolonie. Die großen weißen Vögel demonstrieren Selbstbewusstsein. Jogger sollten besser Abstand halten.  

    Und dann sind da noch jene Gäste, deren wummernde Geräusche ich schon lange höre, bevor ich die jugendlichen Raver am Seeufer campieren sehe. Zum Cool-Sein gehört der Geräuschpegel einfach dazu. Und auch Hochprozentiges. Am Grillplatz stehen ziemlich viele leere Flaschen herum.

    Schwanengesang oder Morgengymnastik?

    Oben auf einem der Hügel liegt das Parkrestaurant Rheinaue. Wie häufig dort die Eltern über die Jahre mit Kindern, Enkeln, Urenkeln, Pflegerinnen und Pflegern zu Gast waren, hat keiner mitgezählt. Als der Vater, weit in den Neunzigern, nicht mehr konnte, zückte die Mutter ihre Scheckkarte, raunte dem Sohn für alle hörbar die Geheimnummer zu und ließ die Rechnung von ihm begleichen. Der Mann zahlt. Für sie gehörte sich das so.

    Hinter der Südbrücke ragt das alte Abgeordnetenhochhaus heraus. Es stammt aus der Zeit, als Deutschland noch aus Bonn regiert wurde. Inzwischen ist dort das UN-Klimasekretariat eingezogen. Bonn hat trotz des Umzugs der Hauptstadt dank des Bonn-Berlin-Gesetzes  einen beachtlichen Boom erlebt.  

    Rheinwasser an Friedhofsmauern
    Unterhalb der Südbrücke trabe ich zum Rhein hinunter und nehme den Uferweg nach Süden. Ein Kilometerstein für die Schifffahrt zeigt an, dass der Rhein hier schon 651 km lang ist. Ich laufe ein paar Kilometer stromaufwärts. Mit den langsameren Kähnen kann ich sogar Schritt halten. Das Wasser schwappt an die Böschung. Nach den vielen Regenfällen des Sommers führt der Fluss reichlich Wasser. Vor ein paar Jahren wuchsen auf dem austrocknenden Flussboden noch Tomatenpflanzen.  

    „Der Rhein hat wenig Wasser!“ pflegte die Mutter zu sagen. Was zunächst noch Small talk war, erstarrte später zur wiederkehrenden Floskel, ganz unabhängig vom Wasserstand. Als der Sohn den Vater vor ein paar Jahren am Rhein spazieren fuhr, reichte das Wasser noch bis knapp an die Friedhofsmauern der St. Evergislus Kirche. Der Rollstuhl drohte im Morast stecken zu bleiben.  

    Friedhofsmauern von St. Evergislus

    „St. Evergislus hat den einzigen Friedhof in Bonn mit Unterbodenreinigung“ scherzte später der Gemeindepfarrer über das wiederkehrende Hochwasser am Rhein. Er war zur letzten Ölung des Vaters herbei geeilt. Ich erkundigte mich, ob auf dem Friedhof noch Platz wäre. Denn die Friedhofsverwaltung hatte dem Vater früher einmal geraten, doch bitte „ein halbes Jahr vorher“ nochmal nachzufragen. Das „halbe Jahr“ war jetzt plötzlich vorbei. 

    Prunk am Abgrund
    Nach dem Unfalltod der Mutter auf dem ALDI Parkplatz waltete ein neuer Gemeindepfarrer seines Amtes. Und fristgerecht gab es auch noch ein Sechswochenamt in der Bonner St. Remigius Kirche. Der Zufall wollte es, dass an diesem Gedenksonntag auch ein Kölner Weihbischof zur Visitation in Bonn weilte. Und so geriet die Familie unfreiwillig mitten hinein in das Kölner Bistumsdebakel.

    Dem Bischof zu Ehren wurde in der Messe der ganze Prunk katholischer Hochämter aufgefahren. Selbst im Schlaf könnte ich die typischen Gerüche und Geräusche wieder erkennen: Weihrauch wird in alle Himmelsrichtungen geschwenkt, Räuchergefäß und Kette machen dabei dieses typisch scheppernde Geräusch. Von der Empore erschallen Orgel- und Trompetenklänge. Die zahlreichen Messdiener im rotweißen Gewande schreiten beim Einzug in die Kirche in Reih und Glied vor Pfarrer und Bischof einher. Ansonsten sieht man sie mal stehend, mal kniend neben dem Altar. Einer von ihnen aber muss höllisch aufpassen und an der richtigen Stelle klingeln, wenn in der Wandlung der Leib Christi präsentiert wird. Danach gilt es, die Klingel möglichst geräuschlos wieder abzustellen. Die ganze Gemeinde passt auf, dass das auch klappt. Eine Ordensschwester – tatsächlich tritt an dieser Stelle der Messe eine Frau auf – trägt in der Lesung einen Brief von Paulus an die Korinther (1 Kor 7, 32-35) vor. Paulus schreibt über das Verhältnis von Männern und Frauen und wie sie Gott, dem Herrn in rechter Weise dienen können. Der kurze Text geht – in Auszügen – so:

    Brüder! (…) Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.

    Der Weihbischoff predigt dazu mit ruhiger Bassstimme. Alles geschieht in Liebe und Dienerschaft zu Gott. Das überrascht aus seinem Munde nicht, aber hat er in Sachen Sexualität nicht ein zentrales Thema unerwähnt gelassen? Wenige Wochen später lässt der Bischoff sich im Zuge der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens im Erzbistum Köln und dem darin gemachten Vorwurf des pflichtwidrigen Umgangs mit sexualisierter Gewalt von seinen Aufgaben freistellen. Was er sich vorzuwerfen hat, wird – weiß Gott! – wohl sein Geheimnis bleiben.

    Auf dem Weg vom Rheinufer zum Elternhaus mache ich einen Umweg über den St. Evergislus Friedhof. Vor dem Grab der Eltern zu stehen, ist kein einfacher Moment.  Ich streiche den feinen Rindenmulch glatt, zupfe ein paar verwelkte Blüten aus dem Blumenschmuck. Zur Ablenkung denke ich an das nächste Rheinhochwasser. Es kommt so sicher wie das Amen in der Kirche und mit ihm dann auch die versprochene Unterbodenreinigung.

    Ein Cappuccino hilft immer weiter
    Das Haus ist angenehm kühl und still. An der großen Wohnzimmerwand hängt noch ein kleines Aquarell, das keiner mehr wollte. Alles, was keiner mehr wollte, hängt, steht oder liegt noch herum. Die Aufteilung der anderen Dinge folgte einer Dramaturgie, die nicht unbedingt weiter zu empfehlen ist. Ich hatte gedacht, Hinterbliebene wären gut beraten, zusammenzurücken. Tatsächlich scheinen die Fliehkräfte stärker zu sein.    

    Die Frühstückcroissants aus dem ALDI und der Cappuccino to go aus dem Café nebenan sind richtig lecker. Das Auto habe ich beim Einkauf etwas abseits geparkt.