Am Wellenschlag des Bodensees: Konstanz

Rundstrecke: Neugasse (Altstadt), Rosgartenstraße, über Marktstätte in die Tirolergasse, links in die Münzstraße, rechts in die Wessenbergstraße, im Uhrzeigersinn um das Münster herum, über Münsterplatz und in leichter Rechtskurve über Brückengasse auf die Konzilstraße. Den Rhein überqueren bis zum Sternenplatz. Rechts auf die Seestraße und immer am See entlang bis zur Bodenseetherme. Weiter auf dem Wendelgardweg bis zur Landspitze „Hörnle“. Zurück auf demselben Weg. Jenseits der Rheinbrücke über Stadtgarten, Imperia, Hafengelände und über die Gleise, Bodan- und Rosgartenstraße zurück in die Neugasse; 9,2 km.
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Wir starten vom kleinsten Haus in der Neugasse am südlichen Ende der Konstanzer Fußgängerzone. In nördlicher Richtung geht es auf der Rosgartenstraße und Tiroler Gasse mitten durch die Altstadt. Die schlauen Konstanzer haben im 2. Weltkrieg rechtzeitig vor den Bombern der Alliierten das Licht ausgemacht und erfreuen sich deshalb bis heute an einer fast intakten Altstadt, deren mittelalterlicher Gebäudebestand bis auf das 13. Jahrhundert zurückgeht.

In der Münzgasse werfen wir einen schnellen Blick in das Voglhaus.  Das Café besticht durch astreines Design, eine ansprechende Speisekarte und ein ansehnliches 33-Frauen-Team.  Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Münster, das allerdings nur Einer Lieben Frau gewidmet ist.  Im Uhrzeigersinn umrunden wir den mächtigen Sakralbau und gelangen über den Münsterplatz und durch die verwinkelte Brückengasse in die Niederburg, dem ältesten Teil der Stadt.  Auf der Konzilstrasse sind wir wieder im neuzeitlichen Verkehr angekommen,  obwohl der Straßenname an ein Jahrhunderte altes Kuriosum der Kirchengeschichte erinnert.  Von 1414 bis 1418 fand das sog.  Konzil von Konstanz statt, bei dem gleich drei miteinander streitende Päpste durch einen neuen Pontifex ersetzt werden mussten,  um die Einheit der  römischen Amtskirche wieder herzustellen.  Dass diese spirituelle Erneuerung  von handfesten Machtkämpfen begleitet wurde, verwundert Kenner der Kirche nicht.  Die ehrwürdigen Mitglieder des Konzils waren aber auch irdischen Ablenkungen gegenüber keineswegs abgeneigt. Darüber mokiert sich die üppige Kurtisane Imperia. Ihre Statue steht in der Hafeneinfahrt von Konstanz. Bei neun Metern Höhe und entsprechender Oberweite ist ihre erotische Ausstrahlung nicht zu überbieten.

Foto 06.01.17, 12 21 27Die Ränkespiele der Päpste lassen wir nun hinter uns und überqueren den noch jungen Rhein, der an dieser Stelle gleichsam aus dem Bodensee heraus gespült wird, um seinen 900 km langen Weg bis zur  Mündung in die Nordsee anzutreten.  Am Sternenplatz biegen wir rechts in die Seestraße ein und laufen nun gute drei Kilometer immer am Seeufer entlang bis zum sog. Hörnle, der östlichsten Landspitze von Konstanz.

Dieser Streckenabschnitt ist an Schönheit und Abwechslung schwer zu überbieten. Jenseits des dunkelblauen Seewassers erheben sich die verschneiten Schweizer Alpen, diesseits streiten sich Enten, Schwäne und Haubentaucher um die Brotkrumen einer gutmeinenden Dame. Herrschaftliche Häuser  aus der vorletzten Jahrhundertwende säumen die Uferstraße.  Die Platanen verharren im winterlichen Kurzhaarschnitt.  Wir passieren das Konstanzer Casino, die prächtige Jugendstilvilla des Riva Hotels, den Yachthafen, großzügige Seniorenresidenzen und postmoderne Neubauten. Fähren kreuzen, Hunde ziehen ihre Besitzer hinter sich her, ein Zeppelin schwebt vorbei. Auf dem Kieselstrand wärmen sich  Steinmandel in der Sonne, und der leichte Wellenschlag des Sees beruhigt auch die letzten noch unruhigen Gemüter.

Nach einer Linkskurve um den Stiegler Park taucht das großzügige Gelände der Bodenseetherme auf, Sommer wie Winter ein Wasserspass für  alle Altersklassen.  Wir laufen weiter auf dem Wendelgardweg, lassen das hübsche Schloss Seeheim links liegen und gelangen schließlich in das  weiträumige Strandbadgelände am Hörnle.

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An der äußersten Spitze der Landzunge verscheuchen wir eine Möwe, um dann auf unseren Spuren wieder zurück in die Altstadt von Konstanz zu traben. Noch bevor wir die Rheinbrücke überqueren,  sehen wir  in wundervoller Insellage direkt vor der Altstadt das prachtvolle Gemäuer eines ehemaligen Dominikanerklosters liegen. Hier hat sich jetzt das Steigenberger Hotel  einquartiert. Über den  Stadtgarten laufen wir in den Konstanzer Hafen, erweisen der barbusigen sich langsam im Kreis drehenden Imperia unsere Ehre, joggen die Hafenstrasse weiter und überqueren schließlich über eine Fußgängerbrücke die Bahngleise in die Schweiz.  Über Bodan- und Rosgartenstraße sind wir schnell wieder in der Neugasse angekommen.

 

 

Aufbruch in die Zukunft – Utrecht 2030

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Rundstrecke: Paramaribo Straat im Stadtteil Lombok – Keulsekade Kanal – über zwei Schleusen auf Kanalweeg – über zwei Brücken auf Leidseweg – Bahnhofsunterführung (Centraal Station) – über Catharijnesingel und Brücke in die Altstadt von Utrecht – gegen den Uhrzeigersinn auf Parkwegen entlang (oder nahe) der Stadsbuitengracht um den alten Stadtkern herum – über Knipstraat durch Bahnhofsunterführung – Moschee – Kanaalstraat – Makassarstraat – Paramaribostraat;  9,85 km.

Utrecht 1Jul2017 9,85 km

Viertelvorsieben – ein lauer Samstagabend in Utrecht. Der niederländische Sommer meint es gut mit uns. Das Thermometer zeigt über 20 Grad, die Regenwolken sind wie weggeblasen.

Alte Universitätsstadt
Wir laufen durch eine der schönsten Städte der Niederlande und erleben, wie die alte Universitätsstadt einen radikalen Aufbruch in die Zukunft unternimmt.  Wir starten in Lombok, westlich der Altstadt gelegen, am beschaulichen Keulsekade Kanal. Wasser zieht die Menschen  immer an. Wir treffen auf Spaziergänger, Jogger und Hundeausführer und laufen an den gepflegten kleinen Vorgärten traditioneller Hausboote vorbei. Nach der Überquerung mehrerer Schleusen und Brücken biegen wir links auf den Leidseweg, der wiederum entlang eines Seitenkanals Richtung Innenstadt führt.  An den Kaimauern liegen nun große zweistöckige Hausboote in schickem Design. Tatsächlich sind es aber gar keine Schiffe mehr, sondern Stadtvillen auf schwimmenden Betonplatten, die im hochpreisigen Segment des lokalen Immobilienmarktes gehandelt werden.  Wie zur Bestätigung sind in die Bürgersteige des Leidseweg stark vergrößerte Exemplare von Euromünzen eingelassen.  Eigentlich sind diese aber ein Hinweis darauf, dass wir gerade an der staatlichen Münzprägeanstalt, der Muntgebouw Utrecht, vorbeilaufen.

Aufbruch in die Zukunft
Am Ende des Leidseweg geraten wir in die vermutlich größte Baustelle der Niederlande. Denn die viertgrößte Stadt des Landes schickt sich an, mit dem gigantischen Bahnhofsneubauprojekt  „Utrecht Centraal 2030“ die Zukunft zu gestalten.  Utrecht ist der wichtigste Eisenbahnknotenpunkt des Landes.  Zugleich entsteht  in Leidsche Rijn, im Westen der Stadt, ein großes neues Wohnquartier, das mit einer Fahrradschnellstraße an den Bahnhof  angeschlossen wird. Das Bahnhofsprojekt versucht, die wichtigsten Verkehrsmedien der Zukunft – Schiene, Fahrrad, Wasser und Straße – intelligent miteinander zu verbinden.  Videoanimationen von „UC 2030“ zeigen, wie es einmal aussehen wird:  Die Stadsbuitengracht, ein teilweise zugeschütteter Kanal rund um die Altstadt, wird im Bahnhofsbereich wieder ausgebaggert.  Der traditionelle Wasserlauf wird in die moderne Architektur eingebunden werden und zum Teil unter Glasplatten verlaufen.

Utrecht BAhnhofDarüber entstehen auf mehreren Ebenen öffentliche Plätze, Fußgänger-, Einkaufs-,  Hotel- und Bürozonen sowie Konzertsäle. In den Untergeschossen des Bahnhofskomplexes wird mit 12.500 Stellplätzen der größte Fahrradparkplatz Europas gebaut werden. Radfahrer werden in die Tiefgaragen fahren, parken und direkt in öffentliche Verkehrsmittel umsteigen können. Das einzigartige Projekt soll bis 2030 fertig werden. Ein erster Bauabschnitt wurde bereits im April 2017 eingeweiht. (https://www.youtube.com/watch?v=ynIRAhoqoBc;    https://www.youtube.com/watch?v=lzNGdg4Y_gI)

Utrecht Fahrradparkplatz

Quer durch die Baustelle bahnen wir uns einen Weg durch den gegenwärtig  noch oberirdischen und  in seinen Ausmaßen jetzt schon beeindruckenden Fahrradparkplatz, laufen entlang der alten Durchgangsstraße, unterqueren die Zuggleise und gelangen schließlich über eine Brücke der hier wieder wasserführenden Stadsbuitengracht in die Altstadt von Utrecht.  Was für ein Gegensatz zum Megaprojekt am Bahnhof! Hier sieht die Stadt wieder so aus wie auf den Touristenprospekten.  Adrette Reihenhäuser entlang hübscher Grachten, ehrwürdige Universitätsgebäude, Straßen und Wege mit rotem Backstein, gepflastert in Fischgräten-muster. Und wo man auch läuft, immer sieht man den gotischen Kirchturm des Doms, mit 112 Metern das höchste kirchliche Bauwerk der Niederlande.

Entlang der Stadsbuitengracht
Wir biegen gleich rechts in südlicher Richtung auf den Parkweg Sterrenburg ein.  Er wird uns gut 5 km immer entlang oder nahe der Stadsbuitengracht rund um die Altstadt führen. Wir laufen vorbei an Resten der alten Stadtmauer und überqueren Oude und Nieuwe Gracht, also die  alte und neue Gracht,  die mitten durch die Altstadt führen. Wir treffen auf dem Spazierweg auf Kellner des Restaurants SYR, einer Initiative, die syrischen Flüchtlingen einen Wiedereinstieg ins Berufsleben ermöglicht.  Und wir werden von einer munteren Bootsparty überholt, die gemächlich durch die Gracht tuckert.  In den Grünanlagen tollen die Hunde, Grillfleischschwaden wehen um die Nase.

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In der weniger beschaulichen nordöstlichen Ecke der Altstadt passieren wir das ehemalige Gefängnis in der Wolfenstraat, in dessen  Zellen nun Kunstausstellungen stattfinden. Wir traben durch ein paar hübsche Gassen und haben plötzlich wieder das Ende der Stadsbuitengracht und den Beginn der Großbaustelle rund um den Bahnhof erreicht.

Moschee mit Kebab Factory
Die Knipstraat führt uns zum Fahrradtunnel  unter den Zuggleisen,  dann laufen wir direkt auf Ulu Camii, der 2014 aus rotem Stein und hellem Stahl erbauten Zentralmoschee von Utrecht, zu.  Wären da nicht die beiden Minarette, man glaubte, ein großes Einkaufszentrum vor sich zu sehen.  Es überrascht auf den ersten Blick,  dass im Erdgeschoss der Moschee ein Restaurant untergebracht ist.  Die Kebab Factory ist gut besucht,  die Tische auf dem Vorplatz sind fast alle besetzt.  So kommen die Menschen in die Moschee.

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Wir sind wieder im Stadtteil Lombok, dem türkisch-islamischen Viertel von Utrecht. Hier heißen die Straßen Sumatra-, Borneo-, oder Javastraat. Gemüsehändler bieten ihre Ware im orientalischen Kaftan an. Ein schwarzer Mercedes dröhnt mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit durch die Kanaalstraat. Das wirkt so, als wäre hier ein neureicher Drogendealer unterwegs. In den Seitenstraßen wechseln die  kleinen Briefchen wesentlich diskreter ihre Besitzer.  Auf dem Bürgersteig überholt uns ein Mopedfahrer.  Auf dem Gepäckträger befördert er eine viereckige Isolierbox. Die Essensbestellung per Online-dienst wird immer populärer.  In West-Lombok stoßen wir wieder auf den Keulsekade Kanal. Ein paar Meter weiter sind wir zufrieden an unserem Ziel in der Paramaribostraat angekommen.

Utrecht, im Juli 2017

 

Laufspass auf der Stadtautobahn: Brasilia trotzt der Krise

Laufstrecke am autofreien Sonntag: Vom Hotel Kubitschek Plaza im Sector Hoteleiro Norte über die Stadtautobahn Richtung Regierungsviertel (Eixo Monumental). Nach  900 m auf die  Stadtautobahn  Süd (Eixo Rodoviario Sul) wechseln. Vom zentralen Autobahnkreuz kann die Nord-Süd Achse in beide Richtungen rd. 8 km belaufen werden. Wir laufen ein Teilstück in südlicher Richtung und auf gleicher Strecke wieder zurück zum Hotel;  8,2  km.

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Dieser Sonntagslauf über eine sechsspurige Stadtautobahn hat eine besondere Qualität. Die Sonne scheint am wolkenlosen Himmel, der Asphalt reflektiert gnadenlos die Hitze und bei nur leichter Brise sind es gefühlte 30 Grad. Autofreie Sonntage haben in lateinamerikanischen Metropolen Konjunktur. Große Verkehrsadern werden für den Freizeitsport gesperrt. In Brasilia ist die sechsspurige Nord-Süd-Stadtautobahn  in  einer Länge von 16 km für Radler und Läufer geöffnet.

Wir starten vom Hotel Kubitschek. Es ist benannt nach jenem Präsidenten, der 1960 die auf dem Reißbrett geplante neue Hauptstadt Brasilia einweihte. Auf einem schmalen Pfad laufen wir am Rande der Stadtautobahn Richtung Zentrum. Bürgersteige gibt es in Brasilia eher selten,  denn Oscar Niemeyer und seine Mitstreiter hatten die neue Hauptstadt mitten im Urwald als Autostadt konzipiert. Der Stadtplan Brasilias, der sog. Plano Piloto, hat die Form eines Flugzeugs. Das Regierungsviertel entstand am vorderen Rumpf des Fliegers entlang der zentralen Achse – dem Eixo Monumental. Wohnen, Einkaufen und Dienstleistungen wurden in die Flügel verlegt. Den Sitz der drei Staatsgewalten platzierte man weise ins Cockpit.  Die Planer wähnten Brasilien am Beginn eines gewaltigen  Modernisierungsschubes, der den Menschen Demokratie, Freiheit und Wohlstand – und ein eigenes Auto bescheren sollte. Manches hat sich anders entwickelt und die Vorstellung von dem, was urbanes Leben ausmacht,  über die Jahre verändert.

Inzwischen sind wir in Brasilias geographischem Zentrum angekommen – ein gigantisches Autobahnkreuz mit unzähligen Fahrspuren, Brücken und Unterführungen und ganz nebenbei auch ein Eldorado für Graffiti-Künstler. Um uns die Orientierung zu erleichtern, laufen wir jetzt im Automodus, so als ob wir hinter dem eigenen Steuer säßen. Wir manövrieren uns in einer großen Linkskurve in eine Unterführung hinein und auf die Stadtautobahn Richtung Süden. Hier unten herrscht ohrenbetäubender Lärm. Gleich vier Schlagzeuger sind im Einsatz und feuern Läufer und Radler an. Dieses Spektakel findet Anklang. Da muss man einfach das Smartphone  zücken.

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Im Tunnel ist es dunkel und angenehm kühl, doch vor uns beginnt bereits wieder die steil ansteigende Passage ans Tageslicht. Einige Radler müssen schieben. Wieder oben angelangt, eröffnet sich eine spektakuläre Sicht über die markanten Punkte der Hauptstadt. Im Nordosten steht auf einem Hügel der Fernsehturm der Stadt, ein kleiner Cousin des Eiffelturms. Neben den Gebäuden der Ministerien liegt gleich zur Linken das Viertel öffentlicher Banken. Es ist viel Symbolik in den Bauten. Der stilisierte Blitz an der Fassade der Banco do Brasil vermitteln Spannung und Aufbruch. Der nüchterne Bau der Zentralbank suggeriert Stabilität, und das eigenwillig gerippte Rundgebäude der Sparkasse Caixa Económica Federal könnte ein Zahnrad sein, das die Wirtschaft am Laufen hält. Richtung Südwesten stehen die markanten Doppeltürme von Senat und Abgeordnetenhaus, daneben der Kuppelbau des Plenarsaals.  Dahinter der Palácio do Planalto, Amtssitz des Präsidenten.

Politischer Machtkampf
Während die Menschen hier friedlich joggen und radeln, tobt im Regierungsbezirk  ein erbitterter Machtkampf. Nach und nach wird das politische Spitzenpersonal in die Wüste geschickt.  Korruption und Wirtschaftskrise haben den Ruf der Politiker ruiniert. An Straßenlaternen kleben Plakate. In großen roten  Lettern steht dort „Fora Temer – Fora Golpistas“ geschrieben. Der neue Präsident Temer soll seinen Hut nehmen. Die Anhänger Dilma Rousseffs werten ihre Amtsenthebung als Staatsstreich.  Auf anderen Schildern steht  „Tschau Querida“. Tschüss, meine Liebe – tatsächlich aber weint Dilma kaum einer eine Träne nach.

Es ist heiß auf der Straße, und die Läufer sind durstig. Das wissen auch die Wasserverkäufer auf ihren ambulanten Dreirädern. Wo Not ist, lockt  das Geschäft. Und in den brasilianischen Tropen sind immer auch die Kokosnussverkäufer zur Stelle. Unter einen schattigen Jacarandabaum hat einer ein paar Plastikhocker aufgestellt. An der improvisierten Bar findet das eisgekühlte Kokoswasser guten Absatz.

Nach gut 3 Kilometern auf der Stadtautobahn Richtung Rio de Janeiro – bis dorthin wären es noch weitere 925 km – kehren wir wieder um. Knallgelb blühende Bäume vermitteln ein wenig Naturgefühl. Die Fassaden der Wohngebäude zur Autobahn hin aber wirken wie ausgestorben. Denn das eigentliche Leben findet in den Wohnvierteln tief im Innern der Flügel statt. Auf dem Rückweg zum Hotel überqueren wir noch einige Verkehrsstraßen. An den Zebrastreifen halten tatsächlich die Autos an. Diese Kuriosität erlebt man in Brasilien nur in Brasilia.  Am Hotelpool sonnen sich die Schönen. Es sind wohl  jene, die auch sonntags lieber mit dem Auto fahren.

 

Zwischen Wüste und Wasser: Lima im Winterklima

Strecke: Vom Hotel NM im Stadtteil San Isidro (Ecke Av. Pardo y Aliaga und Calle Agustin) in südöstlicher Richtung über die Calle St. Maria bis zur Kulturstätte Huaca Pucclana. Rechts vorbei über die Elias Aguirre und E. de Habich auf die Calle Arica. Diese 2 km Richtung Küste und jenseits der Querstraße  Jose Pardo weiter auf der Calle Bolognesi und über den gleichnamigen kleinen Park hinweg laufen. Am Parque del Amor zunächst links am Malecón entlang bis zum Centro Larcomar.  Von dort wieder zurück auf dem  Laufweg  2,5 km bis zum Parque Maria Reiche.  Von hier stadteinwärts durch den Stadtteil Miraflores.  Über die Calle Toribo Pacheco in leichtem Anstieg über die Av. Gral Cordoba hinweg durch den Parque Blume  und Parque Baden Powell  in die Calle Jose del Llano Zapata bis zur Av. Los Conquistadores.  Auf dieser links  weiter stadteinwärts und über die Calle Puerto de Palos rechts zum Parque Olívar. Im Olivenhain rechts halten und über Constancio Bollar, Calle Carolina Vargas de Vargas, Calle Mariano José de Arce bis zur Av. Sta. Cruz laufen. Diese rechts hinunter bis zur Av. Pardo y Aliaga. Rechts halten bis zum Hotel; 9,7 km.

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Unser Rundlauf am Samstagmorgen führt uns durch Limas beliebte Stadtviertel San Isidro und Miraflores und in die Parklandschaften der Steilküste zum Pazifik. Wir starten in San Isidro, gleich gegenüber des traditionsreichen katholischen Colegio Maria Reina Marianistas. In südöstlicher Richtung steuern wir zunächst die Ausgrabungsstätte von Huaca Pucllana an.  Das Volk der Lima hat hier vor rd. 1500 Jahren, also noch vor der Inkazeit, kleine Lehmziegel zu großen Pyramiden aufgehäuft.  Durch die Gitter sehen wir Lamas über das Gelände laufen.

Lima ist eine Wüstenstadt, in der es fast nie regnet. Doch die Straßen und Gärten sind von blühenden Bäumen und Sträuchern gesäumt. Gärtner wässern die Rasenflächen, Hausangestellte wischen Eisengitter blank. Arbeiter der Stadtreinigung kehren gewissenhaft die Straßen. Die Betonplatten der Bürgersteige sind so blitzblank, dass man fast die Schuhe ausziehen möchte. Die Wohnviertel  werden von Bungalows und Apartmenthäusern geprägt.  Kleine Parks sorgen für Frischluft. Hier wohnt Limas gehobene Mittelschicht.  Die Menschen schützen sich mit hohen Grundstücksmauern, Gittern, Alarmanlagen und Wachmännern. Doch draußen auf der Straße wirkt alles friedlich. Hunde werden ausgeführt, häufig von Hundeausführern, die ganze Rudel spazieren führen.

Entgegen der Fahrtrichtung laufen wir auf der Calle Arica und Calle Bolognesi  rd. 2 km bis zum Pazifik hinunter. Die Querstraßen heißen Roma, Berlin, Venezia oder Madrid und erinnern an die Heimatorte europäischer Einwanderer. Unter ihnen war auch ein jüdischer Arzt aus Deutschland. Sein Sohn ist heute Perus Präsident Pedro Pablo Kuczynski.  

Mittendrin im Straßengewirr finden sich die vielen kleinen Restaurants, deren einfallsreiche Fusionsküche Lima zur kulinarischen Hauptstadt Lateinamerikas gemacht hat.  Der Chefkoch Gastón Acúrio  war einer der ersten, der die ungemeine Vielfalt traditioneller Nahrungsmittel aus dem Hochland der Anden bis zu den Gewässern des Pazifiks mit Raffinesse und gutem Marketinggespür auf die Teller der Hauptstadtrestaurants gezaubert hat.

An der Küste bietet sich ein spektakuläres Bild. Der für Lima so typische Winternebel  taucht die Landschaft in ein diffuses Licht. Das Steilufer wird von Parks  gesäumt. Skulpturen zeitgenössischer  Künstler mischen sich unter die Palmen. Gut 50 Meter tiefer rauscht die Brandung auf den Kieselstrand.  Surfer, nur  als kleine Punkte im Wasser erkennbar,  warten auf die perfekte Welle.  Auf einem Steg im Meer steht La Rosa Náutica, ein traditionelles Fischrestaurant. Am südlichen Horizont zeichnet sich das Künstlerviertel Barranco ab. Richtung Innenstadt verliert sich der Blick im Häusermeer. Rd.  9 Millionen Limeños leben hier, knapp ein Drittel der Bevölkerung Perus.

Mit Tradition in die Moderne
Am Malecón, der Uferstraße,  herrscht munteres Treiben.  Im Parque del Amor umarmen sich zwei riesige Gestalten. „Besame“ steht auf den vom katalanischen Künstler Gaudi inspirierten Mosaikbänken. Und natürlich folgen die Liebespaare diesen  Anweisungen nur allzu gern. Eine Frau mit langen schwarzen Haaren und hautengen Stretch-Jeans aus der Fernsehwerbung scheint auf ihren Liebhaber zu warten. Vorerst muss sie mit ihrem Smartphone vorlieb nehmen.

Wir laufen weiter in südwestlicher Richtung bis zum Larcomar. Dieses Einkaufs- und Vergnügungszentrum wurde in die Klippen der Steilküste gebaut.  An schönen Tagen rauschen Gleitschirmflieger vorbei. Wir schauen noch schnell in die Schaufenster der  Alpaka-Läden  und joggen dann  2,5 km  in nordöstlicher Richtung am Steilufer entlang bis zum Parque Maria Reiche.  Am rot-weißen Leuchtturm La Marina übt eine Yogagruppe Simultanbewegungen. Ein Mädchen in coolem Designer-Sportdress  lächelt  in das Smartphone ihrer Begleiterin.  Auf Facebook werden die Aufnahmen ihre Wirkung nicht verfehlen.

In den angrenzenden Tennisanlagen ist Hochbetrieb. Balljungen heben die Bälle auf, eine bei uns aus der Mode gekommene Annehmlichkeit. Wir passieren einen Kinderspielplatz, auf  dem sich nur Hunde tummeln,  ein paar Ecken weiter tanzt eine Gruppe zu Salsa aus dem Kofferradio.  Schließlich passieren wir Blumenbeete, die in merkwürdigen Schlangenlinien angelegt sind.  Mit diesem Park wird an die  deutsche Archäologin und Mathematikerin Maria Reiche erinnert, die sich um die Erforschung  der riesigen Wüstenzeichnungen bei Nazca im Süden Perus  verdient gemacht hat.

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Wir verlassen den Pazifik und biegen nun rechts ab in die Calle Toribo Pacheco. In leichtem Anstieg laufen wir wieder in die Stadt hinein. Indios putzen die Glasfassaden eines Hochhauses. Sonst sieht man sie in diesen Stadtteilen Limas nicht. Und doch wirkt Miraflores hier ein Stück bodenständiger.  Kleine Läden an der Ecke, Handwerksbetriebe und Autowerkstätten prägen das Bild. Wir laufen quer durch einen Park, der nach dem Musiker Baden Powell benannt ist, obwohl brasilianische Rhythmen diesseits der Anden weniger populär sind. Auf der eleganten Avenida Los Conquistadores warten Designerläden und edle Haar- und Nagelstudios auf die zahlungskräftigere weibliche Kundschaft. Wie überall, sind auch in Lima die Frauen gerne schön.

Über die Calle Puerto de Palos gelangen wir schließlich in den Parque Olívar.  Mitten in der Stadt steht hier ein über 400 Jahre alter Olivenhain. Rentner und Jogger mögen die entspannte Atmosphäre des Parks.  Auf der Ave.  Sta. Cruz passieren wir stilvolle Stadtvillen. Davor parken schwarze Limousinen.  Mit Tradition und Elan geht Lima modernen Zeiten entgegen.

Edinburgh, Schottland: Machtkämpfe, Blut und Dudelsack

Rundstrecke: Nicholsons Square (Old Town), Marshallstreet, Potterrow und Lothian Street über Fußgängerweg, Bristo Place, Candlemaker Row, Grassmarket, über Treppen und Fußgängerweg hoch zum Edinburgh Castle, Royal Mile über 1,6 km den Hügel talwärts über Castlehill, Lawnmarket, High Street, Canongate, North Bridge bis zum Scottish Parliament, Abstecher zum Palace of Holyroodhouse, dann Fußgängerweg am Parlament rechts vorbei, Queens Drive am Fuße des Holyroodhouse Park, über einen Steig auf die St. Leonhards Lane und über Rankeillor Street, Clifford Park, Buccleuchstreet, über den Moscheeplatz zurück auf den Nicholson Square. 5,2 km, etliche Höhenmeter auf z.T. steilen Auf- und Abstiegen.
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Unser Lauf durch die Altstadt Edinburghs führt uns durch fast 500 Jahre wechselvoller Geschichte. Wir laufen steile Passagen auf und ab durch Ober- und Unterstadt und passieren Orte, die uns an Mord und Totschlag, Liebe und Eifersucht sowie an Macht- und Religionskämpfe erinnern. Wir erleben die Anfänge moderner Stadtentwicklung und begegnen Adam Smith, dem Autor von „Der Wohlstand der Nationen“.

Wir beginnen unseren Rundlauf am Nicholson Square in der Old Town, gleich neben dem „Aroma Cafe & Mosque Kitchen“ unweit der zentralen Moschee von Edinburgh.  Dies ist ein multikulturelles Viertel mit indischen, koreanischen, libanesischen, türkischen Kneipen, Läden von Lidl, der britischen Tesco Metro Kette und einem chinesischen Supermarkt.  „Ebony Ivory“ bietet Afro Hairstyling an und bei  „Eva’s Hair and Salon“ gibt’s die europäische Variante.

Über Potterrow , Lothian Street und Bristo Place laufen wir am Campus der University of Edinburgh und dem weitläufigen National Museum of Scotland vorbei.  Das Viertel atmet Tradition, auch wenn auf der Candlemaker Row heute keine Kerzen mehr gegossen werden. Dafür liegen in esoterischen Buchhandlungen Titel wie „Is Killing People Right?“ in den Schaufenstern.  Die Frage ist so abwegig nicht, denn in Schottlands Hauptstadt wurden Konflikte immer wieder blutig gelöst.  Notorisch war das  im 16. Jahrhundert.  Aus Schillers „Maria Stuart“ erinnern wir uns dunkel an die Hinrichtung der Mary Queen of Scots, nachdem sie den  Machtkampf mit ihrer Tante Elisabeth I., der Königin von England verloren hatte.  Lokale Chronisten berichten, dass der Scharfrichter mehrere Hiebe benötigte, bis der Kopf endlich rollte.  Aber auf unserem Lauf durch die Geschichte Edinburghs werden wir  erfahren, dass auch Mary kein Unschuldslamm war.  Die bisher letzte öffentliche Hinrichtung hat in Edinburgh übrigens vor gut 150 Jahren im Juni  1864 stattgefunden. Das lesen wir auf einer Gedenktafel auf dem Lawnmarket, einem zentralen Platz der Altstadt.

Maria Stuart kämpft
Die Candlemaker Row verläuft in einer leichten Linkskurve steil bergab in der Unterstadt bis auf den Grassmarket. Im Hintergrund eröffnet sich uns ein großartiger Blick auf das Edinburgh Castle. Es thront  hoch oben auf einem massiven Felsblock.  Wir laufen die Candlemaker Row hinunter und stehen nun  vor hohen Mauern aus unverputzten und  teils unbehauenen graubraunen Steinblöcken. Das wirkt wuchtig und ist bei regennassem nebligem Wetter auch ganz schön trist. Diese  fünf- bis sechsstöckigen Hochhäuser wurden schon im 17. Jahrhundert errichtet, um dem starken Bevölkerungszuwachs und den katastrophalen sanitären Verhältnissen Herr zu werden.  Edinburgh war  seinerzeit  eine der  am schnellsten wachsenden Städte Europas.

07 Hochhäuser

Heute reiht sich am Grassmarket eine Whisky-Kneipe an die andere. Am Abend muss man sich vor falschen Trinkfreunden in Acht nehmen. Denn viele missachten die goldene schottische Regel,  nach dem  10. Gläschen Schluss zu machen. Vom Grassmarket führt eine steile Treppe über die Castle Wynd South hoch hinauf zum Edinburgh Castle. Mehr keuchend als laufend gelangen wir auf den Vorplatz des Schlosses.  Näher kommen wir nicht heran, denn ein freundlicher Wachmann versperrt uns entschieden den Weg. Zu dieser Morgenstunde werden mit schweren Kränen die Tribünen für die Sommerfestivals aufgebaut.

Macht bestimmt Religion
Wir befinden uns nun am oberen Ende der sog. Royal Mile, die über 1,6 km vom Schloss bis hinunter  zum Palace of Holyroodhouse verläuft. Das ist jenes Schloss der Maria Stuart, in dem ihr eifersüchtiger Ehemann, der ehrwürdige Lord Darnley, ihren Privatsekretär und mutmaßlichen Liebhaber massakrieren ließ.  Die Rache blieb nicht lange aus, denn wenig später kam auch Darnley auf mysteriöse  Weise ums Leben.

Um diese morgendliche Zeit ist die Altstadt noch ruhig, und es ist augenscheinlich auch kein Blut geflossen. Die Schlösser und Museen haben noch  geschlossen und nur vereinzelte Tauben und Touristen trippeln  übers  nasse Kopfsteinpflaster. Wir laufen  auf der Royal Mile weiter den Hügel hinunter und genießen die frische Morgenluft und einen freien Lauf. Wenig später werden sich auf dem Lawnmarket zwischen den Statuen von David Hume und Adam Smith, Hunderte von Touristen vor Dudelsackspielern, Pantomimen, Schwertschluckern, japanischen Mandolinen Spielerinnen, Whiskyläden und Ständen mit karierten Kilts drängen.

Auf der Canongate verengt sich die Straße und wir stoßen regelrecht auf das alte Haus des streitbaren John Knox.   Der calvinistische Reformator setzte durch, dass der Presbyterianismus Staatsreligion in Schottland wurde. Damit war auch das Schicksal der Maria Stuart besiegelt. Denn Mary war katholisch und musste nun ihre Krone an ihren minderjährigen, aber nunmehr protestantischen Sohn abgeben.

Schottlands Denkerzellen 
Die Turmuhr der ehrwürdigen Toolboth Tavern, ein ehemaliges Zollhaus, zeigt inzwischen 8:15 Uhr.  Gleich daneben steht die Canongate Kirk. Rechts neben der Kirche das ehemalige Wohnhaus von Adam Smith, im Friedhof nebenan wurde der Moralphilosoph begraben. Ein paar hundert Meter weiter traben wir wieder in die Neuzeit  und stoßen auf den ultramodernen Bau des schottischen Parlaments. Seit dem unfreiwilligen Eintritt Schottlands  in das Vereinigte Königreich im Jahr 1707 sind sich Schotten und Engländer in herzlicher Abneigung verbunden. Doch erst 300 Jahre später haben sich die Kaledonier  jene Selbstbestimmungsrechte erkämpft, über die nun  im eigenen Parlament debattiert wird.  Der hinterlistige katalanische Architekt hat jedem Abgeordneten eine eigene Denkerzelle eingerichtet. Politische Entscheidungen wollen gut durchdacht sein.

02a Denkerzellen Parlament

Gleich hinter dem Parlament biegen wir rechts ab auf den Queen‘s Drive am Fuße des Holyrood Parks und laufen in leichter Steigung wieder Richtung Old Town. An den Abhängen des Hügels von Arthur‘s Seat blüht prächtiger gelber Ginster, doch der Felsgipfel bleibt im Nebel.  Am Queen‘s Drive ist an diesem Morgen viel Betrieb, die letzten Vorbereitungen für den  Edinburgh Marathon laufen auf Hochtouren. Außer Konkurrenz laufen wir fröhlich durch Start und Ziel, ermuntert durch lautstarke Rockmusik.  Nach einem knappen Kilometer auf dem Queen’s Drive erreichen wir  rechter Hand eine kleine Abzweigung und laufen über Treppen und Steige wieder in die Old Town hinauf. Ein paar Straßenecken weiter sind  wir wieder an der Edinburgh Moschee angelangt.  Es wirkt  friedlich in diesem bunten Altstadtviertel.  So als hätte es die ewigen Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen anglikanischer und schottischer Kirche nie gegeben.  Heute schlendert ein schwarzhäutiger Muslim über den Moscheevorplatz.

 

Reykjavik, Island: Kalter Wind, heiße Quellen, coole Kneipen

Rundstrecke: Der Lauf beginnt am östlichen Ende der Laugavegur, Reykjaviks zentraler Einkaufstrasse, Ecke Snorrabraut.  Auf der Laugavegur bis zur Skolavördustigur und dann links die Anhöhe hinauf zur Hallgrimskirkja Kirche. Von dort auf der Njardargata wieder hinunter bis zum Stadtpark. Im Park rechts stadteinwärts halten und über die Brücke (Skothusvegur) den Stadtweiher überqueren. Rechts auf der Tjarnargata und der Adalstraeti durch die Altstadt und dann halblinks auf der Tryggvagata bis zum alten Hafen laufen. Von hier aus rechts halten und den Fuß- und Radweg am Kai entlang bis zum Konferenzzentrum Harpa und weiter am Wasser entlang am Wikingerschiff vorbei bis zur Ecke mit Snorrabraut laufen. Von hier wieder stadteinwärts bis zur Laugavegur.  6,3 km.

  Reykjavik 6,3 km Stadtlauf

Wenn der Wind vom Polarkreis weht, wird es frostig auf Reykjaviks Straßen, auch, wenn die Sonne schon am frühen Morgen hoch am Himmel steht. Doch in der nördlichsten Hauptstadt der Welt bleibt die Innenstadt auch an Wintertagen schnee- und eisfrei, denn Häuser,  Straßen und Plätze werden ganzjährig mit erdwarmem Wasser beheizt. Vielerorts pufft heißer Dampf aus dem Boden. Island sitzt buchstäblich wie ein Kochtopf auf der Feuerstelle. Dank seiner Lage, genau auf dem Riff zwischen der euroasiatischen und amerikanischen Erdplatte, gibt es in Island mehr vulkanische Aktivität als irgendwo sonst auf der Welt – und damit unerschöpfliche Reserven geothermischer Energie.

Wir starten unseren Rundlauf durch die isländische Hauptstadt am östlichen Ende der Laugavegur,  Reykjaviks  zentraler Einkaufsstraße.  Zwei- und dreistöckige Häuser reihen sich aneinander, ansprechend gestrichen mit roter, grüner, blauer oder lavaschwarzer Farbe. Die Fensterrahmen sind in hübschem Farbkontrast gehalten. Street Art Künstler mischen das  Stadtbild auf. An einer Hauswand reitet eine attraktive Frauengestalt  im Kleinen Schwarzen auf hundeähnlichen Fabelwesen durch die Vollmondnacht. Auf Gitterstäben sind einzelne Handschuhe aufgespießt. Single gloves speed dating hat jemand dazu  geschrieben.  In den  Läden werden Lopapeysa, die typischen Islandpullover aus dunkler Lammwolle mit hellen Strickmustern verkauft.  Gefühlt jedes dritte Altstadthaus entpuppt sich später am Tag als Bar, Restaurant oder Musikkneipe. Kurz vor Mitternacht, wenn es allmählich dunkel wird, wird es hier richtig lebhaft.  Björk, Sigur Rós, Of Monsters and Men sind nur einige der isländischen Poplegenden, die ihre Karriere in den Altstadtkneipen von Reykjavik begonnen haben und heute über 100 Millionen Mal auf YouTube angeklickt werden.

Die Hälfte aller 330 Tausend Isländer lebt in Reykjavik. Ein kleines Land, das es zu beträchtlichem Wohlstand gebracht hat. Doch wir laufen auch an vereinzelten Bauruinen vorbei, die an die bitteren Jahre der Bankenkrise erinnern. Inzwischen erlebt Island dank einer boomenden  Tourismusindustrie einen beeindruckenden Wiederaufschwung.

 Raumfähre mit Orgelpfeifen
Nach einem knappen Kilometer auf der Laugavegur biegen wir links ab auf die Skolavördustigur und laufen den Hügel zur Hallgrimskirkja  hinauf. Diese weithin sichtbare Kirche ist das Wahrzeichen der Stadt.  Aus hellem  Stein erbaut, mutet sie wie eine Kreuzung aus NASA Raumfähre und spitz zulaufenden Orgelpfeifen an. Vor der Kirche steht die mächtige Statue des Leifur Eiricsson. Das ist jener Wikinger,  der bereits um 1000, also lange vor Kolumbus, amerikanisches Festland entdeckte und ihm den Namen Vínland gab. Vom Platz vor der Hallgrimskirkja gönnen wir uns einen wunderbaren Blick auf die Stadt. Die Luft ist so klar, dass wir weit über den Nordatlantik und die umliegenden schneebedecken Berge und Gletscher sehen können.

Auf der Njardargata laufen wir durch adrette Wohnviertel recht steil wieder den Hügel hinunter, durch den Stadtpark hindurch und an einem Weiher entlang wieder in die Altstadt. Der zentrale Austurvöllur  Platz war bis zum 18. Jhd. Schafweideland. Heute steht hier die sogenannte Kathedrale, ein einfacher Bau, der mit der Bescheidenheit einer Dorfkirche daherkommt.  Durch die Altstadt hindurch joggen wir auf der Adalstraeti an Reykjaviks ältestem Gebäude, einem bunt bemalten Holzhäuschen, vorbei. In wenigen hundert Metern sind wir dann am alten Hafen angelangt. Islands Fischereiflotte mit den umstrittenen Walfangbooten ankert längst außerhalb der Stadt. Aber hier am alten Kai bieten die Boote ganz harmlose Whale Watching Fahrten an.  Im Kneipengewirr des Old Harbour liegt auch die blaue Baracke des Café Haiti. Der Name wirkt am 64. nördlichen Breitengrad reichlich exotisch. Doch die Wirtin Elda hat sich in Reykjaviks Kneipenszene mit herausragendem Kaffee aus ihrer Heimat einen Namen gemacht.  Ihr isländischer Ehemann verkauft dazu heimische Fischsuppe mit Bier für 20 Euro. Das ist in Island kein überhöhter Preis. Doch zum Glück kann man auf der Insel alles – auch den Toilettenbesuch – mit Kreditkarte bezahlen.

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Gleich neben dem alten Hafen liegt das Harpa. Reykjaviks supermodernes Konferenz- und Konzertgebäude beeindruckt mit raffiniert ausgetüftelter Glasfassade, in der sich allabendlich bunte Lichter widerspiegeln.  Wir laufen weiter entlang des Fußgängerwegs an der Uferstraße namens Saebraut.  Noch ein paar hundert Meter weiter und wir gelangen zu einer besonderen Sehenswürdigkeit der Stadt:  Silbrig-gelb leuchtet ein metallenes stilisiertes Wikingerschiff in der Morgensonne. In der Ferne  stürzen Bergabhänge ins Meer.  Seevögel fliegen lautlos vorüber. Und ganz allmählich und unaufdringlich mischen sich die Geräusche des beginnenden Morgenverkehrs in das leise Klatschen der Nordmeerwellen.

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Washington D.C., USA: Auf der Suche nach dem besten Präsidenten

Rundstrecke: Vom Lafayette Square gegenüber dem Weißen Haus über die 15th Street bis zum Washington Monument auf der National Mall, rund um das Tidal Basin und an verschiedenen Gedenkstätten vorbei bis zum Lincoln Memorial. Über die 21th Street in nördlicher Richtung zum Außenministerium und zur George Washington Universität. Über die G Street  in die 19th Street und zwischen den Gebäuden von IWF und Weltbank hindurch. Über die H Street auf die Pennsylvania Avenue und zurück zum Weißen Haus und Lafayette Square. 8,2 km.

Washington DC Lauf 8,2km

Unser morgendlicher Lauf durch die Hauptstadt beginnt mit dem Blick auf den berühmten Regierungssitz und seinen weißen Säulen am Lafayette Square.  Es ist Mitte April. Die Temperaturen  liegen deutlich unter der Behaglichkeitsgrenze,  die man für gewöhnlich zu Zeiten der Kirschblüte antrifft.  Aber in der US-Hauptstadt  ist in diesen Tagen wenig  gewöhnlich.  Das Klima hat die japanischen Kirschbäume schon im März erblühen lassen und stattdessen im April den Schnee geschickt.  Und im Lande tobt ein Vorwahlkampf um die Präsidentschaft, der  angesichts der dargebotenen Geschmacklosigkeiten selbst langjährigen Beobachtern schlaflose Nächte bereitet.

Vier Männer und eine Frau streiten sich, wer im Januar 2017 als neuer Chef ins Weiße Haus einziehen darf.  Wird es der raubeinige Donald Trump, der gegen das Washingtoner Establishment Sturm läuft, aber gleichzeitig als Bauunternehmer das historische Postamt der Hauptstadt zu einem Hotel umbauen lässt?  Oder wird es die wenig beliebte,  aber  in Washington und an der Wall Street bestens vernetzte Hillary Clinton?

Die Pennsylvania Avenue ist vor dem  Amtssitz des noch amtierenden Präsidenten  aus Sicherheitsgründen für den Durchgangsverkehr gesperrt.  Jetzt sind hier nur Jogger und Sicherheitskräfte auf Fahrrädern unterwegs.  Ein einsamer  Friedensaktivist  harrt in seinem kleinen  Zelt  direkt gegenüber dem Präsidentensitz  aus.

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Am Weißen Haus und der Treasury  vorbei  laufen wir die  15. Straße hinunter.  Über einem wärmenden Belüftungsschacht schläft ein Obdachloser.  Bald  sind wir auf der National Mall  angekommen. In diesem weitläufigen Park inmitten des Regierungsviertels begegnen wir  den Gedenkstätten vieler großer Präsidenten.  Zunächst geht es auf eine Anhöhe in der Mitte der Mall  zum Washington Monument.  Der große weiße Obelisk  erinnert – ebenso wie der Name der Hauptstadt – an den ersten Präsidenten der USA.  Er  ist umringt von 50 US-Fahnen, eine für jeden Bundesstaat.  Das Bauwerk ist zugleich städtebauliche  Orientierungsmarke:  Kein  Gebäude der Hauptstadt darf höher als das Washington Monument  sein. Inzwischen biegen die ersten Morgenflieger  mit leisem Dröhnen in einer scharfen Linkskurve über der Mall zum National Airport ab. Der Hauptstadtflughafen wurde  nach dem Altpräsidenten Ronald Reagan benannt, der während seiner Amtszeit mit großem Glück ein Attentat unweit des Weißen Hauses überlebte.

Über dem Tidal Basin,  dem Teich zu Füßen des Jefferson Memorials,  nähern sich im Tiefflug zwei große Helikopter mit der Aufschrift United States of America.  In einem  könnte Barack Obama sitzen, denn mit dem Präsidenten sind  aus Sicherheitsgründen stets mehrere Transportmittel gleicher Bauart unterwegs.

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Ein ehrgeiziger Jogger hüpft mit zwei Beinen gleichzeitig die mächtigen Stufen zum Tempel des Lincoln Memorial hinauf.  Wir traben  dagegen weiter zum Vietnam Veterans Memorial. Schwarzpolierte Granitplatten sind  in der Form eines weit geöffneten  V  in den Boden eingelassen.  Auf dem Stein sind die Namen der  60 Tausend  in Vietnam  gefallenen  US-Soldaten eingraviert.  Plötzlich werden wir  von einem  Veteranen mit erhobenen Armen gestoppt. Er fordert uns  auf,  gemessenen Schrittes durch die Gedenkstätte   zu schreiten.  40 Jahre nach Kriegsende ist das Trauma immer noch da.

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Zurück zur Innenstadt laufen wir an der Albert Einstein Statue und über die 21. Straße  am Department of State vorbei.  Wir durchqueren das Viertel Foggy Bottom mit seinen schmucken roten Backsteinhäusern  und laufen durch den Gebäudekomplex der  George Washington Universität. Schließlich nähern wir uns  den Schwergewichten der Bretton Woods Institutionen beidseitig der 19. Straße. Hier der Glaspalast der Weltbank, dort der wuchtige Bau des Internationalen Währungsfonds.  Beide Häuser richten in diesen Tagen  ihre gemeinsame Frühjahrstagung  aus,  zu der die Finanzminister der fast  190 Mitgliedsländer  zusammen kommen.  Ein Taxifahrer wird später fragen,  ob es stimme, dass Weltbank und  IWF an allen Übeln der Welt schuld seien.  Für die Rolle des Sündenbocks sind beide Häuser tatsächlich gut geeignet.  Zu dumm, wenn es sie nicht mehr gäbe.

Washington, im April 2016

Nassau, Bahamas: Unter Touristen und Piraten

Strecke: Strandlauf an der Cable Beach bei Nassau, Providence Island, rd. 5 km

Auf der Insel New Providence mit der Hauptstadt Nassau, die ihren Namen einem englischen König aus Hessen-Nassau verdankt, leben die meisten der rd. 350.000 Menschen des Commonwealth of the Bahamas.  Sportsfreunde  wissen, dass der Inselstaat  auch unglaublich schnelle Läufer hervorbringt. Wenn man Glück hat, begegnet man ihnen beim morgendlichen Strandlauf, denn  bei Sonnenaufgang und gut 20 Grad Celsius herrschen dann die besten Laufbedingungen.

Niemand weiß genau, warum ausgerechnet die staubige Tiki Bikini Hut zu den touristischen Highlights  von Nassau gehört. Der Strandschuppen wirbt mit  dem Angebot von  „4 SANDS & 4 shots“, also je vier Gläser Bier und Schnaps für  9,99 Dollar. Karibik Songs mit Steeldrum Sound  dröhnen aus den Lautsprechern der Bar,  Touristen lümmeln sich in Liegenstühlen.  In Sichtweite ankern  die Ozeanriesen, die jeden Tag Tausende von sonnenhungrigen Touristen an Land spülen.

Kolumbus wusste übrigens nicht, dass er die Bahamas entdeckt hatte,  als er 1492 vor dem Eiland San Salvador die Anker warf.  Über Jahrhunderte haben die berüchtigten Piraten der Karibik die 700 Inseln  als Zuflucht  und Operationsbasis genutzt. Spätestens mit  dem  Einsatz von  Johnny Depp  ist dieser Berufszweig  salonfähig geworden. Im Museum  „Pirates of Nassau“  wird das  anschaulich  dargestellt. Tatsächlich gelten die Bahamas, unweit der Küste Floridas gelegen, bis heute  als wichtige Drehscheibe für den illegalen Waffen- und Drogenschmuggel  in die USA. Wer nicht schmuggelt, lebt vom Tourismus oder von anderen Dienstleistungen.  Denn die Steuerfreiheit  lockt auch viele Offshore Banken und Briefkastenfirmen auf die Inseln.  Und über allen thront die Queen.

Mein Laufrevier ist die Cable Beach, ein rd. 5 km langer Strandbogen, östlich von Nassau gelegen. Hier findet man die Karibik aus dem Bilderbuch.  Das helle Licht mit dem Spiel der Farben von Sand, Wasser, Himmel und Wolken, die Gerüche von Salzwasser und Tang,  angenehme Temperaturen und die sanften Geräusche der Wellen und Palmenblätter, die sich wie langes Haupthaar im Wind wiegen.

Doch Tourismus ist in Wahrheit ein knallhartes und hoch kompetitives Geschäft. Rund 5-6 Millionen Gäste kommen jährlich auf die Bahamas, die meisten  aus den USA.  Sie erwarten tadellose Hotels und durchgebratene Hamburger, entscheiden sich aber vielleicht schon morgen, das nächste Mal nach Kuba zu fahren.

Ich starte meinen Lauf am Strand vor dem Breezes Resort, ein bei  Springbreak Studenten besonders beliebtes Hotel.  Personal und Animateure verbreiten Tag und Nacht Partystimmung.  Gleich neben dem Breezes liegt das riesige Areal des neu erbauten Baha Mar Resort. Doch kurz vor Eröffnung  ist dem  Bauherrn das Geld ausgegangen.  Die chinesische Bank, die das Megaprojekt finanziert hat, sucht nun einen neuen Käufer. Auf dem Strand vor dem Baha Mar lässt jemand eine Drohne steigen.  Von da oben wird man ganz gut überblicken können,  wie viele Milliarden  in den Sand gesetzt wurden.

Das Meer hat Algen an den Strand geschwemmt. Strandläufer picken zwischen den Algenresten.  Mit  ihrem  braunschwarzen Gefieder laufen die kleinen Vögel  perfekt getarnt durch die Algenbündel.  Im Osten geht die Sonne langsam über den Türmen des Atlantis Resort auf Paradise Island auf.  Das Hotel erfüllt  viele Träume:  Palmenstrände, Vergnügungsparks und  Seewasserbecken, in denen man mit  Delphinen schmusen kann.  In den großen Kasinohallen  hat schon Sean Connery gepokert.  Doch an den Spieltischen kommt nicht wirklich James Bond Atmosphäre auf.  Die Gäste  zocken lieber in Shorts statt  im Smoking und schwenken zuckerfreie Cola statt Martini.

Am Horizont fährt ein Kreuzfahrtschiff in den Hafen von Nassau ein. Die Schiffe sind wie ein Fieberthermometer. Wenn sie ausbleiben, geht es der Wirtschaft schlecht. Doch wenn sie einlaufen, und das gleich mehrfach am Tag, dann füllen sich die Gassen und Läden und Kneipen, und das Urlaubsgeld sitzt locker.  Direkt am Kai lassen sich weißhäutige Frauen durch schwarzhäutige Frauen die für die Karibik typischen Haarfrisuren flechten.   Das Hard Rock Café Nassau ist  dagegen eher was für  Leute,  für die Klamotten mit dem  Aufdruck Hard Rock Café Nassau ein cooles Souvenir sind.

Das Laufen im weichen Sand ist anstrengend und schweißtreibend. Zeit zum Abtauchen ins türkisblaue  Wasser der Karibik.

Nassau, April 2016

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Amsterdam: Die offene Stadt der Brücken und Grachten

Rundstrecke:   Von dem „I amsterdam“  Schriftzug vor dem Rijksmuseum geht es über Paulus Potterstraat, Hobbemastraat, Stadhouderskade über die Brücke zum Leidseplein-Platz. Von hier rd. 700m stadteinwärts  zunächst links über die Lijnbaangracht und dann rechts über die Leidsegracht bis zur Herengracht. Nun links rd. 600m an der Herengracht entlang, dann rechts in die belebte Raadhuisstraat. Über Brücke und Ampel links in die Singelgracht und auf dieser rd. 400m entlang bis zum Blouwburgwal. Rechts ab über knapp 1 km durch das Gassengewirr der Altstadt: Durch den Lijnbaachsteeg bis zum Nieuwezijds Voorburgwal; über diese verkehrsreiche Straße hinweg in den Dirk van Hasselsteeg;  links auf die Einkaufsstraße Nieuwendijk und nach kurzer Strecke rechst in den Oudebrugsteeg;  auf dieser Gasse über die zentrale Verkehrsstraße Damrak hinweg bis zur Warmoesstraat und dann rechts durch die Lange Niezel  bis zur Ouderzijds Vorbugwal; links an der Gracht entlang bis zum Oudekerkplein und entgegen dem Uhrzeigersinn um die Oude Kerk herum. Dann wieder stadtauswärts auf dem Ouderzijds Vorbugwal rd. 600m bis zum Grimburgwal. Über diesen links herum über zwei Brücken und über die Binnengasthuisstraat durch das Gelände der Universität Amsterdam. Dann rechts auf die Nieuwe Doelenstraat und über die Rokinbrücke zum belebten Muntplein Platz. Über die Reguliersbreestraat auf den Rembrandtplein. Stadtauswärts über die Thorbeckplein bis zur Herengracht. Jenseits der Brücke rechts rd. 400m entlang der Herengracht und dann links in die  Nieuwe Spielgestraat. Nun in  gerader Strecke 800m Richtung Rijksmuseum, das Gebäude durchqueren und bis zu „I amsterdam“  durchlaufen.  Innenstadtstrecke über 6 km.

Amsterdam 6km Innenstadtlauf

Betreten ist ausdrücklich erlaubt. Der rot-weiße „I amsterdam“ Schriftzug  im Amsterdamer Museumsviertel ist das vielleicht beliebteste Fotomotiv der Stadt. Besucher dürfen nach Herzenslust auf  und zwischen den Buchstaben herum klettern und lassen sich dabei liebend gern fotografieren.  So tragen jedes Jahr  Millionen von Touristen aus aller Welt das liberale Image Amsterdams mit nach Hause. Ein wahrer Geniestreich der Leute vom Stadtmarketing!

Auch wir starten von hier aus unsere frühmorgendliche Joggingrunde durch die Amsterdamer Altstadt. Wir erleben eine Stadt, die es mit Gemeinsinn, Weltoffenheit und Toleranz  sowie mit beträchtlichem  Reichtum  aus dem Kolonialhandel geschafft hat,  das  Zusammenleben ihrer Einwohner  aus vieler Herren Länder über Generationen hinweg  friedlich zu gestalten und zwischen kulturellen und politischen Gegensätzen  immer wieder Brücken zu bauen.

Aus Südwesten nähern wir uns dem Grachtengürtel, der sich wie ein Spinnennetz um den Altstadtkern spannt. Der weitläufige Leidseplein-Platz, früher ein Pferdedroschkenplatz für Reisende aus Leiden, ist heute ein beliebtes Zentrum für Nachtschwärmer und Straßenkünstler.  Am Morgen aber bestimmen Müllabfuhrleute und Bierlieferanten das Geschehen.  Möwen picken an einem Müllsack.  Ein Trupp übernächtigter Männer  läuft schwankend durch die Straßen.  In bester Lage hat ein Applestore eröffnet, einer jener exklusiven,  ganz in weiß gehaltenen Verkaufsräume des Elektronikkonzerns aus Kalifornien. Gerade einmal  40 Jahre hat Apple gebraucht, um mit innovativer Datenverarbeitung zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufzusteigen.

Amsterdam blickt demgegenüber auf 400 Jahre Geschichte zurück.  Zu den reichsten Unternehmen des sogenannten Goldenen Zeitalters im  17. Jahrhundert  gehörten die Ost- und Westindischen Handelskompanien. Sie monopolisierten im berüchtigten Dreieckshandel den Güter- und Sklavenverkehr mit den Kolonialgebieten in Afrika, Asien und Amerika  und haben damit auch Amsterdam zur reichsten Stadt der Welt gemacht.

Über die Leidsegracht überqueren wir Prinzen- und Kaisergracht und gelangen in die Herrengracht,  seit je her Amsterdams beste Geschäftsadresse.  Augenfällig ist die variationsreiche Baukunst der Häuser. Auch die elegantesten Gebäude, drei- bis vierstöckig und auf engem  Raum in Reihenbauweise errichtet,  stehen mit großen einladenden Fenstern direkt an der Straße und wirken so für jedermann offen und  zugänglich.  Schützende Zäune, Mauern oder Vorgärten kennt man im Grachtenviertel  nicht.  Straßen und Bürgersteige  sind mit rotem Backstein gepflastert,  das feine Fischgrätenmuster begleitet uns durch die ganze Innenstadt.  Unzählige Fahrräder säumen den Weg. Findige Statistiker haben ermittelt, dass die Zahl der Räder jene der Einwohner bei weitem übersteigt und in keiner anderen Stadt so viele Hausboote vertäut in den Grachten liegen.

Ich laufe um ein großes Transportfahrrad herum und beobachte Arbeiter eines Umzugsunternehmens, die mit Hilfe von Sack und Seilwinde schweres Mobiliar durch ein schmales Fenster bugsieren.  Jogger kommen entgegen, Möwen kreischen über dem Wasser,  Mopeds  brummen vorüber,  auf der Raadhuisstraat quietscht eine Straßenbahn um die Kurve.

Wir laufen nun auf den massiven klassizistischen Bau des königlichen Palais zu. Gleich daneben die Nieuwe Kerk,  die Krönungskirche aus dem 15. Jahrhundert.  Weil sie für diesen Zweck nur selten genutzt wird, beherbergt sie Gemäldeausstellungen. Es gehört zum freiheitlichen Selbstverständnis dieses Landes, dass Kirchen auch weltlich genutzt oder gänzlich säkularisiert werden, wenn die Gläubigen ausbleiben.

Über die Singelgracht, einst mittelalterlicher Festungsgraben, joggen wir bis zum Blouwburgwal  und biegen in das Gewirr der Altstadtgassen ein. Hier stehen charmante Altbauten aus dem 16. Jhd. neben modernen Konsumtempeln,  wie sie in ihrer immer gleichen Aufmachung in jeder Großstadt anzutreffen sind.  Jenseits der Damrak Straße verdichtet sich das Angebot erotischer Unterhaltung. Die liberale Prostitutionspolitik hat in diesem ältesten Teil der Stadt eine ganze Industrie entstehen lassen. Das Ergebnis ist Geschmackssache. Kurz vor Ostern hocken scharenweise rosa Hasen mit erigiertem Penis in den Auslagen. Rund um die Oude Kerk, die  älteste Kirche der Stadt, stehen die schmalen  Schaufenster der käuflichen  Damen um diese Zeit dagegen noch leer.  Auf einem Schild steht „Creative space“. Aber morgens  ist tote Hose im Rotlichtmilieu. Von vier bis acht Uhr herrscht nämlich Prostitutionsverbot. Eine Frau lüftet ihr Bett. Gleich daneben öffnet ein kommunaler Kindergarten.

Auch die Coffeeshops, die dank liberaler Drogenpolitik Gras statt Getränke verkaufen, sind zu dieser Morgenstunde noch geschlossen. „The Bulldog“, ein Laden mit großflächiger Graffiti-Bemalung  in der Ouderzijds Vorbugwal, ist ein erfolgreicher Pionier dieser Branche. In den siebziger Jahren aus einem Sexshop heraus gegründet,  gibt es inzwischen etliche Bulldog-Filialen. Das Unternehmen bietet nun auch einschlägige Raucherprodukte über sein Online-Merchandising an.

Wir verlassen die Vergnügungsmeile und laufen entlang der Gracht am Ouderzijds Vorbugwal  in südlicher Richtung  bis zum Grimburgwal.  Hier stoßen gleich drei Kanäle aufeinander, was die Grachtenboote zu besonders vorsichtigen  Manövern zwingt. Jenseits des Wassers liegen die Gebäude der Universität von Amsterdam,  eine der ältesten und größten Lehrstätten der Niederlande. Studiert wird aber auch hier erst später am Tag. Durch das Unigelände hindurch gelangen wir auf den belebten Muntplein-Platz. Rad- und Autoverkehr werden dichter, Straßenbahnen klingeln sich den Weg frei. Am benachbarten Bloemenmarkt ziehen die Verkäufer die Rollläden hoch. Wer Tulpenzwiebeln kaufen will, ist hier richtig. Wer Marihuanasamen sucht, wird ebenfalls fündig.

Wir laufen am Tuschinski Filmpalast vorbei. In dem prächtigen Art-déco-Bau aus den 1920er Jahren kann man in eindrucksvoll plüschigem Ambiente Kino, Cola und Popcorn genießen. Durch das Spiegelquartier mit seinen anregenden Kunstgalerien und Antiquitätengeschäften geht es nun im bedächtigen Endspurt zurück zum schon aus der Ferne gut sichtbaren Gebäude des Reichsmuseums.

Die großen Buchstaben von „I amsterdam“ werden inzwischen von asiatischen Frühaufstehern in Beschlag genommen.  Die ersten Selfies sind im Kasten.  Die Blumenbeete sind an diesem kühlen Märzmorgen indes noch nicht  auf Touristen eingestellt. Erst später im April werden hier die Tulpen blühen.   Das Wort Tulpe kommt wegen der Form von Turban, und ihre Ursprungszwiebel  stammt aus der Türkei.  Es passt ins liberale Bild der Niederlande,  dass diese Königin aller holländischen Zwiebelgewächse einst eine Einwanderin war.

März 2016

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Rio de Janeiro, Brasilien: Körperkult an der Copacabana

Strecke: Ein guter Ausgangspunkt ist der Stadtteil Leme, am westlichen Ende der Copacabana Bucht gelegen. Die Laufroute führt über die gesamte Länge des sichelförmigen Strands. Hin und zurück über jeweils  4,5 km kann man diese Strecke  über den separat angelegten Fahrradweg oder am Strand selbst zurücklegen.  Ca. 60 Minuten, inkl. Dehnübungen.  Wer verlängern will, läuft weiter zum ebenso bekannten Ipanema Strand.

Wer mit Jet Lag aus Europa nach Rio kommt, dem fällt es nicht schwer,  sich morgens um 6 Uhr vom dumpfen Schlag der Wellen auf den Strand der Copacabana wecken zu lassen.  Im brasilianischen Winter geht  jetzt  die Sonne auf.  Bei  gutem Wetter und Temperaturen um 18 Grad Celsius herrschen perfekte Laufbedingungen.

Vom Stadtteil Leme hat man schnell die Avenida Atlántica erreicht. Die  Uferpromenade ist über  4,5 km  im berühmten schwarz-weißen Wellenmuster gepflastert.  Dies ist Rios roter Teppich,  hier heißt es sehen und gesehen werden.  Am frühen Morgen sehen sich vorwiegend  die Hundebesitzer.  Parallel  zur Promenade verläuft der Fahrrad- und Laufweg, reserviert für die schnellere Gangart.  Wer hier  in die Spur kommt,  dessen Läuferherz ist fast schon im 7. brasilianischen Himmel angekommen.

Schnell reihen wir uns wie auf einer Perlenschnur in die Läuferkette ein. Hier ist jeder unterwegs.  Jung und alt, dünn und beleibt, schwarz und weiß und kaffeebraun.  Grelle Laufshirts, knappe  Hosen. Brasilien ist ein farbenfrohes Land mit einem leichten Trend zur Fettleibigkeit.

Der breite Sandstrand ist blitzsauber und noch fast menschenleer. Schlaftrunkene Gestalten schälen sich aus ihren Decken, Sonnenanbeter machen den Morgengruß, Muskelfreunde üben Liegestützen. Sportsfreunde bereiten Netz und Bälle für die erste Partie Futevolei vor,  ein Spiel mit Kopf und Fuß. Trainer legen Turnmatten und Geräte für die ersten Fitnesseinheiten des Tages aus.  Junge Männer schieben schwere Karren mit Strandstühlen und Sonnenschirmen herbei.  Rund um die knallgelben Bierbuden werden knallgelbe Tische und Stühle aufgebaut. Später am Tag bekommt man alternativ zum Bier Kokosnüsse gereicht, frisch mit der Machete aufgeschlagen.

Wir passieren die berühmten Sandburgen der Copacabana. Sie huldigen der Stadt, dem Strand, der Olympiade 2016 und Damenpopos in knappen Tangas. Während ihre Bauherren noch unter Kartons schlafen, steht  ein Kasten für’s Trinkgeld bereit.  Viele Menschen erfreuen sich an diesem berühmtesten  aller Strände,  etliche brauchen ihn zum Überleben.

Inzwischen sind wir am östlichen Ende der Bucht angekommen.  Weil das Meer an dieser Stelle ruhiger ist, gehen hier die Surfbrett-Paddler aufs Wasser.  Eine Gruppe durchtrainierter Frauen und Männer krault für Olympia.

Wir blicken zurück, direkt der aufgehenden Sonne entgegen. Langsam steigt sie zwischen den Inseln auf, die Rio vorgelagert sind. Der Zuckerhut  ist  noch von Nebelschwaden umhüllt.  Die ersten Flugzeuge umrunden ihn auf dem Weg zum Stadtflughafen.

Die Sonne glitzert auf dem Strand, eben noch von einer Welle überspült.  Der Sand ist hart und  fest, so dass wir direkt am Wasser zurücklaufen. Der  700m hohe Corcovado Felsen  mit der berühmten Christusfigur  ragt jenseits der Favelas auf.  Glücklich all jene, die dort oben nicht nur ein Selfie geschossen,  sondern auch ohne Wolken den einzigartigen Blick über Rio genießen konnten.

Die letzten Kilometer laufen wir durch den Stadtteil Leme parallel zur Uferstraße.  Hier  nimmt der Alltag der Cariocas seinen Lauf.  Straßenfeger und Müllabfuhr sind schon unterwegs,  Lieferwagen liefern Nachschub für die vielen kleinen Läden.  Ältere Herrschaften erledigen den Einkauf.  Verspätete Schulkinder rennen zum Schulbus.  In den Bars zeigen die Fernseher die  Fußballspiele von gestern, Männer schlürfen  den ersten Kaffee des Tages  und  reden über die Welt von morgen.

Die Zeitungen am Kiosk verkünden die Morgennachrichten. Die Folha de São Paolo, Brasiliens FAZ,  schreibt über Lava Jato, den nicht enden wollenden  Petrobras – Korruptionsskandal,  die Sportblätter über Siege und Pleiten der brasilianischen Selecao. Armes Land – reiches Land.  Die Menschen in Leme wirken zufrieden.  Und die Wellen schlagen in immer gleichem Rhythmus auf den Strand der Copacabana.