Über den Pass

Manaslu im Morgenlicht

Zwölf Tage durch Nepals ursprüngliche Bergwelt rund um den Manaslu

Strecke und Tagesetappen: Mit dem Bus von Kathmandu nach Soti Khola (730 Höhenmeter, Start), Machhakholagaon (930 m), Jagat (1410 m), Dyang (1800 m), Namrung (2660 m), Lhogaon (3180 m),Samagaon (3530 m), Manaslu Basecamp (4400 m), Samdo (3690 m), Dharmashala (4470 m), Larke Bhanyang (Pass, 5106 m), Bimtang (3720 m), Gho (2560 m), Dharapani (1860 m, Ziel), mit Jeeps und Bus zurück nach Kathmandu.

Der folgende Beitrag beschreibt persönliche Eindrücke einer Trekking Tour mit dem DAV Summit Club rund um den Achttausender Manaslu in Nepal im März/April 2019.

Beim frühen Abendessen im unbeheizten Speiseraum des Bergcamps von Dharmashala erklärt uns unser Bergführer Ram Bahadur Lama den Ablauf der bevorstehenden Überquerung des 5106 m hohen Larke Passes. Es wird unsere Königsetappe werden.  Erst 900 Meter Aufstieg, dann 1700 Meter Abstieg in den Weiler Bimtang. Ein langer und anstrengender Weg, zu dem wir um 4 Uhr morgens aufbrechen wollen. Das bedeutet: Um 3 Uhr aufstehen, Rucksack packen, frühstücken.  Dann, so betont Ram  immer wieder aufs Neue, werden wir in langsamem, sehr langsamem Tempo  losgehen. Es ist Mittwoch, der 3. April 2019 und zugleich der 10. Tag unserer Trekkingtour rund um das Manaslu Massiv in Zentral-Nepal. 

Über schmale Wege und Hängebrücken hinauf durch die Budhi Gandaki Schlucht

Am 25. März begann die Tour in dem Weiler Soti Khola am Budhi Gandaki Fluss. Der Ort liegt noch in einer subtropischen Klimazone und ist der vorläufige Endpunkt einer gerade noch mit Bussen befahrbaren Straße. In gut zehn durchgerüttelten Stunden sind wir aus Kathmandu angereist. Nun tauchen wir in die Welt der Maultier-Karawanen und Lastenträger ein, die in diesen Regionen ohne Straßen seit jeher den Warenverkehr sicherstellen. Neun Tage werden wir immer flussaufwärts, mal bergauf, mal bergab,  durch die beeindruckenden Schluchten des Budhi Bandaki Flusses, über abenteuerlich schwankende Hängebrücken und durch idyllische Dörfer der Gurung Bauern wandern.  Immer begleitet vom heftigen Rauschen des Gebirgswassers und dem kräftigen Odem der Maultiere.  Unsere Führer mahnen, beim Vorbeizug der Karawanen immer bergseitig zu warten. Denn manch einen hat so ein Maultier mit seiner Last schon mal in die Tiefe geschubst. „Bleib niemals hinter dem letzten Esel zurück!“  könnte ein weiteres nepalesisches Sprichwort lauten. Denn auch in diesem abgeschiedenen Tal hält die Moderne allmählich Einzug und jeder will daran Anteil haben. Bautrupps fräsen derzeit eine Straße Kilometer für Kilometer in die steilen Felsen der Budhi Gandaki Schlucht hinein. Manche sagen, dass der Fahrweg einmal bis nach Tibet führen soll.

Maultierkarawanen erledigen den Warenverkehr

Der Buddhismus prägt das Leben
In den subtropischen  Zonen bis rd. 2000 Höhenmeter begegnen wir Affen, Bananenbäumen und Ananasstauden. Weiter bergan blühen tiefrot die Rhododendronbäume. Wir treffen auf tibetisch-stämmige Bauern, die ihre Felder traditionell mit Ochsen und Pflugscharen bestellen und auf einen zornigen alten Mann, dem sein Yakbulle ausgebüchst ist. Tief sind die Menschen in ihrer buddhistischen Welt verwurzelt. Bunte pagodenähnliche Torchörten, häufig versehen mit den stilisierten Augen Buddhas, zieren die Dorfeingänge. Wir lernen, immer links an den Gebetsmühlen und den Mani-Mauern, die  mit Buddha-Darstellungen und uralten Sanskritfragmenten verziert sind, vorbei zu laufen. In alten eindrucksvollen Klöstern auf den  umliegenden Hügeln wird der Mönchsnachwuchs ausgebildet. Auf über 3000 Höhenmeter treffen wir auf Yaks,  Ziegen- und Hühnerhaltung. Frauen kümmern sich um die Haustiere und Feldfrüchte. Männer sind für das Führen der Transporttiere in den Güterkarawanen zuständig.   



Hoffen auf die Trekkingtouristen
Doch die größte Hoffnung auf ein besseres Leben scheint auf den Trekkingtouristen zu ruhen. Noch gilt die Route rund um den Manaslu als Geheimtyp. Denn hier sind noch deutlich weniger Wanderer unterwegs als etwa auf der populären Annapurna-Runde oder auf dem Weg zum Everest Base Camp. In den Dörfern auf unserer Strecke werden immer neue Unterkünfte gebaut. Hubschrauber fliegen das schwere Baumaterial aus dem Tal herauf. Vielleicht ist die Ursprünglichkeit dieser Gegend bald  schon Vergangenheit.  

Ankunft in Samagaon (3530 m)

All diese Eindrücke liegen am 3. April schon hinter uns. Jetzt sind wir auf 4470 m Höhe, alleine inmitten der weißen Riesen. Alle ahnen, dass die bevorstehende Nacht  nur ein kurzes Ausruhen erlauben wird. Die chinesischen Biwakhütten aus Wellblech halten die kalten Winde zwar ganz gut ab, doch über dem Fußboden aus blankem Fels rinnt Schmelzwasser. Vor kurzem hatte es hier noch kräftig geschneit. Schneehaufen drücken gegen die Rückwände der Hütten. Da bieten auch die als Schlafunterlagen lose auf den Fels gelegten Holzplanken wenig Schutz. Die Schlafmatten aus dünnem Schaumstoff haben die Feuchtigkeit dankbar aufgesogen und sind klammkalt und nass.

Die Nacht vor dem Pass
In Anbetracht der Kälte wird das abendliche Zähneputzen kurzerhand gestrichen, doch der unvermeidbare Gang zum Klohäuschen bleibt ein erhöhtes Risiko. Die kurze Wegstrecke durch vereisten Schnee ist schlecht geräumt und rutschig,  die Standfläche über dem Abortloch spiegelglatt wie eine frisch abgezogene Eisbahn. Etwas verkrampft klammere ich mich am unbehauenen Mauerwerk fest.

Die Daunenschlafsäcke sind nun unser letzter warmer Zufluchtsort.  Gut, dass ich beim Einkauf nicht gespart habe.  In den subtropischen Nächten war der Schlafsack noch viel zu warm.  Doch hier oben, bei Temperaturen von deutlich unter null Grad Celsius, bin ich für jede Daunenfeder dankbar. Und dennoch ist nicht an Schlaf zu denken, denn die ersten Mitglieder unserer  Trekkinggruppe haben bereits zum mehrstimmigen Schnarchkonzert angehoben. Meine Ohrstöpsel versagen, ob es an der Höhe liegt?  

Doch dann ist es plötzlich Mitternacht geworden. Drei Stunden sind irgendwie vergangen. Jetzt drückt die Blase. Nachts rächt sich das viele Trinken, das in dieser Höhe doch so wichtig ist. Mindestens drei  Liter am Tag, dazu rät auch Jürgen, unser Arzt in der Gruppe, der alle bestens mit Rat und Tat versorgt. Noch drei Stunden bis zum Aufstehen. Zu lang! Da hilft nur entschiedenes Handeln.  Schnell raus aus dem Schlafsack, Stirnlampe über den Kopf gezogen, warme Jacke übergestreift, in die  klammen Wanderstiefel geschlüpft und hinaus in die Kälte.  Nur zwei, drei Schritte, weitere wären zu gefährlich. Der Schnee schmilzt im Schein der Stirnlampe. Die Nacht ist eiskalt und sternenklar, der Mond nur eine schmale Sichel. Die Eisriesen rundherum wirken wie dunkle Schatten.  Der kalte Wind zieht unangenehm durch die Beine. Die gute Nachricht: Für unseren Aufbruch in ein paar Stunden werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit klares Wetter haben.  

Kurzatmig krieche ich zurück in den Schlafsack. Immer schön auf dem Rücken liegen,  sage ich mir vor,  tief und ruhig in den Brustkorb atmen, wie in der Yogastunde. Allmählich wird der Atem flacher. Zufrieden denke ich an unseren Trainingsaufstieg  am Nachmittag zurück. „Hoch gehen, tief  schlafen“  lautet ein bewährtes Mittel  gegen die Höhenkrankheit.

Wenig später weckt mich ein Kläffen.  Erst weiter entfernt, dann immer näher. Ich halte mir die Ohren zu, doch es hört einfach nicht auf.  Kann der verdammte Köter nicht einfach mal die Schnauze halten!  Auch in die Schlafsäcke neben mir kommt Bewegung.  Vielleicht warnt der Hund uns ja vor einem Schneeleoparden?  Schließlich leben die seltenen Wildkatzen genau in diesen ausgesetzten Bergregionen, lassen sich aber nur äußerst selten blicken. Das wäre doch eine gute Schlagzeile: „Hund warnt deutsche Trekker vor Schneeleoparden!“  Doch es war kein wildes Tier, das den treuen Vierbeiner in Hab Acht-Stellung versetzt hat. Es waren wir selbst, die furchterregend schnarchenden, aber unsichtbaren Schläfer,  die das gute Tier beunruhigt haben!

Um drei Uhr morgens sind schon alle wach, bevor der erste Wecker geklingelt hat.  Jetzt geht es um die richtige Bekleidung für den Aufstieg. Jemand hat auf seinem Thermometer Außentemperaturen von minus 10 Grad Celsius gemessen.  Also ist Zwiebellook angesagt. Nicht zu kalt, aber auch nicht zu warm, damit man nach einer halbe Stunde Marsch nicht gleich ins Schwitzen kommt.

Lustlos schlürfen wir im eiskalten Speiseraum Porridge und schwarzen Tee. Nicht gerade ein Gourmetfrühstück, aber die Vernunft hilft nach.  Um kurz vor vier ist es noch stockdunkel. Die Träger sind  mit dem schweren Gepäck schon voran gegangen. Die Gruppe steht vollzählig mit geschnallten Rucksäcken, leuchtenden Stirnlampen und erhöhtem Adrenalinspiegel  zum Abmarsch bereit.

Die Weisheit der Bergführer
„Okay, okay!“  Endlich ertönt das erlösende Startsignal von Bhai Kazi Gurung, unserem zweiten Wanderführer, der immer als Schrittmacher voran geht. Bhai Kazi ist wie seine Führerkollegen ein überaus freundlicher Mensch, der diese Tour schon viele Male gemacht hat.  Für  ihn und die gesamte Begleitmannschaft scheint die anspruchsvolle Manaslu-Umrundung wie ein besserer Spaziergang zu sein. Wenn er merkt, dass wir schlapp machen, stimmt er wie beiläufig ein Lied an. Sein lang gezogenes  „Okaaaayyyyy, okaaaayyyyy!“  ist längst zum Markenzeichen der ganzen Gruppe geworden.  Wenn er ruft, antwortet sogleich ein vielstimmiges Echo. Dann sagt Bhai Kazi regelmäßig auch noch: „Pause, Pippi machen, Trinken!“  Und mit diesen wenigen Worten und einem nicht enden wollenden Vorrat an guter Laune bringt Bhai Kazi  eine Frau und zwölf Männer zwischen 30 und 70 Jahren  aus dem fernen Deutschland, jede und jeder mit ganz unterschiedlichen Erwartungen und Befindlichkeiten, sicher und zufrieden durch das Hochgebirge.  

Wie auch die anderen Bergwanderführer hat der Endvierziger Bhai Kazi eine typisch nepalesische Karriere hinter sich. Begonnen hat er in jungen Jahren als Lastenträger, dann betreute er als Koch Zelt-Trekkingtouren. Schließlich wurde er zum zweiten Führer berufen und arbeitet seitdem häufig im Team von Ram, unserem Ersten Führer. Die sog. Ersten Führer stellen sich i.d.R.  ihr gesamtes Träger- und Führerteam selbst zusammen und tragen somit die Gesamtverantwortung für den Erfolg einer Trekking -Tour. Ram erzählt gerne, dass er schon seit 25 Jahren als Führer für den DAV Summit Club arbeitet. Deutsch hat er unter anderem bei seinen Sommerhospitationen auf der Ybbstaler Hütte in Niederösterreich gelernt. Das Bergführerzeugnis hat er nach einem 45-tägigen Lehrgang erhalten.

Gute Bergführer und Lastenträger verdienen kein Vermögen, aber mehr als die arme Landbevölkerung, durch deren Gebiete sie die Wandertouristen begleiten.  Manch einer mag sich fragen, ob es in Ordnung geht, dass die Träger den Löwenanteil unseres Gepäcks schultern. Doch der Beruf des Lastenträgers ist in diesem Bergland fest etabliert und eine wichtige Einkommensquelle. Bezahlt wird i.d.R. nach Gewicht. Maximal 13 kg Gepäck dürfen wir Trekker an die Träger abgeben. Diese tragen dann jeweils zwei Taschen, zusätzlich zum eigenen Gepäck.  Da kommt man schnell auf 30 kg. Getragen wird auf dem Rücken. Ein Band über der Stirn hält alles zusammen.

Mit 5 bis 6 Trekkingtouren pro Jahr während der monsunfreien  Herbst- und Frühjahrsmonate können Führer und Träger ihre Familien halbwegs über die Runden bringen. Großzügiges Trinkgeld der Touristen ist ein wichtiger Bestandteil dieses Kalküls. Viele junge Nepalesen ziehen den Lastenträgerberuf den ungewissen Gastarbeiterschicksalen auf den Baustellen im Nahen Osten vor.  Einige unserer Träger kennen auch beide Welten. Am Flughafen von Kathmandu werde ich auf eine Gruppe junger Männer treffen, die mit kleinem Gepäck und großer Ungewissheit am Schalter von Qatar Airways ansteht. Sie sprechen kaum ein Wort Englisch und radebrechen, dass sie für „two or three months“  ausreisen wollen.   

Es geht los!
Endlich setzt sich unsere Trekkinggruppe in Bewegung. Bhai Kazi läuft wirklich im Zeitlupentempo voran.  In den hinteren Rängen gerät unser Trek deshalb immer wieder ins Stocken. In aller Ruhe kann ich da im Schein meiner Stirnlampe die Sohlenabdrücke meines Vordermanns im Schnee studieren. Meine Füße sind unterdessen eiskalt. Ich werde ungeduldig, denn bei diesem Schneckentempo, so denke ich,  werden wir nie auf Betriebstemperatur kommen. Doch irgendwann findet unser Trek dann doch in einen gleichmäßigen Trott. In gemächlicher Steigung  laufen wir immer in westlicher Richtung den Hang am Rande eine Moräne hinauf. Meter für Meter, Minute für Minute gewinnen wir an Höhe.  

In der ersten Pause ist es noch stockdunkel. Der Sternenhimmel sieht fantastisch aus.  Ab 5 Uhr bekommt die Landschaft um uns herum allmählich Konturen.  In unserem Rücken geht langsam die Sonne auf. Längst können wir die Stirnlampen ausschalten, weil der nur schwach erleuchtete Himmel schon viel mehr Licht reflektiert als unsere kleinen Batterieleuchten. Immer wieder queren wir steile Schneefelder, die unsere volle Konzentration erfordern. Doch der Schnee ist angenehm trittfest, und glücklicherweise sinken wir nur an wenigen Stellen tiefer ein.

Um  6:15 Uhr haben es die ersten Sonnenstrahlen endlich über die Gipfel der Eisriesen in unserem Rücken geschafft. Das ist der Moment der Photographen. Die Spitzen der zahllosen Fünf-, Sechs-, Siebentausender um uns herum glänzen im ersten Sonnenlicht. Ein Schauspiel, das wir so schnell nicht wieder erleben werden!   Hinter uns, im Osten, sehen wir die Bergriesen an der Grenze zu Tibet,  links von uns die Gletscher des Larke und Manaslu Massivs und rechts unzählige Sechstausender, von denen es in Nepal so viele gibt, dass sie keine eigenen Namen haben.

Geschafft!

Über den Pass
Nach einer kleinen Anhöhe wird der Weg flacher. Vermeintlich erspähen wir am Horizont schon den Larke-Pass.  Doch tatsächlich türmen sich vor uns immer wieder neue Möranenhügel auf. Die Luft wird allmählich wärmer, doch der kühle Wind rät uns,  die Jacken anzubehalten. Wir machen nun in kürzeren Abständen Pause, so dass alle im Trek genügend Zeit zum Verschnaufen haben.  Kurz vor 10 Uhr sehen  wir dann den Pass endlich vor uns liegen. Über ein paar aufgetürmten Steinen flattern die bunten tibetischen Gebetsfahnen.  Wenig später haben wir es dann endlich geschafft. Das Etappenziel ist erreicht. Ich schwanke zwischen Kotz- und Glücksgefühlen. Erschöpft fallen wir uns in die Arme. Und mit dem unverzichtbaren Gruppenfoto ist die Anstrengung schnell wieder vergessen.

Jenseits des Larke-Passes ist das Panorama überwältigend. Wir blicken nun in das Annapurna Gebiet mit seinen gewaltigen Eisspitzen und Gletschern.  Die Sicht reicht schier unendlich weit, der Himmel ist tiefblau, und es ist keine Wolke am Himmel. Perfekter geht es nicht.  Doch unsere Führer drängen zum Aufbruch.  Lange und steile Abstiege über unwegsame Schnee- und Geröllfelder stehen uns noch bevor. Die Wanderstöcke bieten den Knien jetzt hilfreiche Entlastung.  Mit jedem Schritt bergab atmen wir etwas mehr Sauerstoff ein.  Als wir den ersten langen Steilhang endlich hinter uns haben, gibt Bhai Kazi spürbar Gas.  Gegen  4 Uhr nachmittags, also 12 Stunden nach unserem Aufbruch,  treffen wir müde, erschöpft, aber hoch zufrieden in der  Pontkar Mountain Lodge in Bimtang ein.  

Hot Shower und Wifi,  Dal Bhat und Gorkha Bier
Die sogenannte warme Dusche haben wir schnell entdeckt. Auch hier tritt sie wieder in ihrer Inkarnation als „Bucket Shower“ auf:  Im Hof steht ein großer Wasserkessel über einer Feuerstelle. Daneben eine Blechschüssel mit  Schöpfkelle.  „Wifi“  gibt es laut Werbeschild natürlich auch. Nur funktioniert es gerade heute mal wieder nicht. Doch auf manche Dinge ist bei dieser Tour immer Verlass:  Getreidefladen am Morgen, Gemüsenudelsuppe am Mittag, Dal Bhat, das wunderbare nepalesische Nationalgericht aus Reis, Linsen, Currykartoffeln, Gemüse am Abend und das unübertroffene Gorkha Bier. Dazu die unermüdliche Fürsorge unserer Führer und Träger und das wunderbare Gefühl, es am Ende geschafft zu haben!   Noch zwei  abwechslungsreiche Wandertage durch Wald- und Moränenlandschaften, und wir sind am Ziel in Dharapani am Marsyangdi Fluss angekommen.

The Nonstop City – Tel Aviv

Sechs Kilometer Strandvergnügen

 Rundlauf: Vom Carmel Market in Tel Aviv-Mitte in südlicher Richtung durch das Newe Sedeq Viertel über Shefer, Mohiliver, Ha-hermon, Kinneret und Shabazi Street bis Alma Beach vor Old Jaffa. In nördlicher Richtung entlang der Uferpromenade bis Jerusalem Beach.  Am Ha-Knesset Square rechts auf Allenby Street bis Magen David Square. In Fußgängerzone über Nahalat Benjamin oder über Markt auf Ha-Carmel Street zurück zum Ausgangspunkt;  5,5 km.

Rundlauf vom Carmel Market  

In Tel Aviv ist der Sonntag nichts für Langschläfer.  Schon am frühen Morgen setzen die ersten Düsenjets quer über die Innenstadt  zur  Landung auf dem Ben Gurion Flughafen an.  In der Nachbarschaft wird schweres Baugerät in Bewegung gesetzt, und der Verkehr verdichtet sich schnell zur morgendlichen Rush Hour.  Im Judentum ist der Sonntag nicht frei, sondern der erste Wochenarbeitstag.

Alte Viertel werden neu
Ich laufe vom Carmel  Market, wo gerade die ersten Marktstände öffnen, quer durch das Newe Sedeq Viertel auf die Shabazi Street. Sie führt mich in südwestlicher Richtung bis hinunter an die Uferpromenade der Altstadt von Jaffa.

Sonnenschirme am Suzanne Dellal Center for Dance and Theater 

Niedrige Ziegelbauten  aus der Gründerzeit des späten 19. Jahrhunderts stehen in direkter Nachbarschaft zu ultramodernen Hochhäusern und Apartments.  Die engen Straßen werden immer wieder von Baufahrzeugen zugestellt. Heruntergekommene Häuser werden abgerissen, modernisiert oder aufgestockt. Manch alte Gemäuer ziert noch ein Graffiti, ein paar Meter weiter haben bereits Kunstgalerien, Boutiquen und Cafés eröffnet. Der Prozess der Gentrifizierung  ist in diesem lange vernachlässigten Viertel in vollem Gange. Die Shabazi Street ist ihr attraktivstes Aushängeschild. Aber Veränderung hat auch ihren Preis. 

Körperkult am Morgen
Ich durchquere einen kleinen Park und gelange schnell auf die Uferpromenade. An der Alma Beach ist bereits Hochbetrieb.  Viele haben ihr Surfbrett, andere ihre Hunde mitgebracht und ein paar haben sogar beides auf ihre Fahrradanhänger geschnallt.  Yogis, Jogger und Radler gesellen sich dazu. Jeder sucht die beste Welle,  den morgendlichen Adrenalinstoß  oder empfindet einfach nur Freude am eigenen Körper.    

Von Süden nach Norden eröffnet sich mir ein wunderbarer Blick auf die morgendliche Uferskyline von Tel Aviv. Sechs Kilometer feinster Mittelmeerstrand und 24/7 Möglichkeiten zum Feiern:  Von  den Straßenkneipen in Jaffas Altstadt  über die populären Strände der Innenstadt bis hin zu den angesagten Techno Clubs im Norden – das hat schon was!   „The Nonstop City“  hat jemand in bunten Farben auf eine Strandbude gepinselt.  Die Leute vom Stadtmarketing haben genau diese Losung zum Branding von Tel Aviv gemacht.  Eine Metropole, die offen, tolerant und kreativ sein will. Ein Ort des beständigen Wandels und der Innovation. Aber auch eine Stadt, an dem der Geldbeutel nicht zu klein ausfallen sollte, weil Tel Aviv  gegenwärtig auf Platz 9 der teuersten Städte der Welt rangiert.

Weiter geht es in Richtung Innenstadt auf der runderneuerten Uferpromenade.  Ist es ein Zufall, dass die schwarz-weißen Wellen im Bodenbelag so aussehen wie die an der Copacabana in Rio? 

Tel Aviv aus der Fischerperspektive 

Ich passiere Banana Beach und Jerusalem Beach, wo die Leute bis zur Ektase kleine Gummibälle mit Holzschlägern hin und her klackern.  Für ein paar Momente mache ich mich an den Fitnessgeräten für  ambitionierte Muskelmänner und rüstige Rentner  zu schaffen und biege dann am Ha-Knesset Platz rechts ab auf die Allenby Street und hinein in die Innenstadt.

Von Dessau nach Tel Aviv
Die Straße scheint von Imbissbuden und Billigläden zu leben. Erst beim zweiten Hinsehen entdecke ich Strukturen alter Bauhausgebäude aus den 30er Jahren. Doch die einst weißen Fassaden sind schmutzig grau geworden, und viele der großen schattenspendenden Balkone wurden mit Fensterverblendungen zugebaut. So sieht man auf der Allenby Street nur noch Spuren jener „weißen Stadt“,  für die Tel Aviv  als Weltkulturerbe geehrt wurde.

Innovative Mobilität
In flottem Tempo werde ich an der Steigung zum Magen David Square von jungen Frauen und Männern auf Elektro-Bikes und  E-Rollern überholt. Wenn später am Tag die Autoschlangen immer länger werden, erweisen sich diese populären  Flitzer als attraktive und saubere Alternative für den Großstadtverkehr.

Banksy mahnt in Tel Aviv 

Nun laufe ich noch ein paar Meter in der Fußgängerzone die Nahalat Benjamin Street hinunter. Hier haben sich Stoffhändler mit Street-Art Künstlern zusammengetan. Jede Ladenfassade hat ihr eigenes farbenfrohes Motiv. Doch dann hat einer doch noch in die Suppe gespuckt. Der Graffiti-Künstler Banksy erinnert mit seinen provokativen Werken an Konflikte, die in dieser heiteren Stadt scheinbar mühelos verdrängt werden. Denn das ahnte auch schon Bert Brecht: Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.  

Jeder für sich, keiner für alle: Jerusalem

001 Altstadt und FelsendomAltstadt Jerusalem

Rundstrecke: Yosef Navon Square, Hebron Road (Straße Nr. 60) talwärts bis Kreuzung Ma-ale HaShalom Street, Fußweg bergauf durch Bonei Yerushalayim Gärten zum Jaffator, außen entlang der Altstadtmauer über Tsahal Square bis Damaskustor, auf Sultan Suleyman Street vorbei am Herodestor, an nordöstlicher Ecke der Altstadtmauer über Treppe rechts durch arabischen Yeusefia Friedhof, über Löwentor in die Altstadt auf Via Dolorosa bis Grabeskirche Jesu, durch die Gassen Ha-Notsrim und David Street Richtung Jaffator, über Armenian Patriarchate Street durch das Zionstor aus der Altstadt heraus, Berg Zion vorbei an Davidsgrab und Holocaust Museum, über die Ma-ale HaShalom Street talwärts und Hebron Road wieder zum Ausgangspunkt; 6,6 km.

Jerusalem Altstadtlauf 29.9.2018_6,57 kmRundlauf von Süden im Uhrzeigersinn

 

Über die Frontlinien
Es ist Sabbat in Jerusalem, der Tag, an dem die Arbeit ruht und ultra-orthodoxe Juden alle elektronischen Geräte ausschalten. Und es ist der Sabbat am Ende des siebentägigen Sukkotfestes, zu dem viele gläubige Juden aus dem Ausland eigens nach Jerusalem gekommen sind. Sie feiern den Auszug der Israeliten aus Ägypten ins Gelobte Land.

Los geht‘s am Yosef Navon Square in Abu Tor, einem südlich der Altstadt gelegenen Viertel. Auf der Hebron Road, einer belebten Verkehrsader, die die Stadt in Ost- und Westjerusalem aufteilt, fahren deutlich weniger Autos als an Werktagen. Der israelische öffentliche Nahverkehr steht still. Lediglich die arabischen Busse mit den zwei grünen Streifen am Heck, die Jerusalem mit der Westbank verbinden, sind in Betrieb.

Entlang der Hebron Road laufe ich talwärts bis zur Kreuzung mit der Ma-ale HaShalom Street. Ein Schild erinnert an israelische Schützengräben aus dem Sechs-Tage-Krieg: Im Juni 1967 eroberte Israel von Jordanien die Ost-Jerusalemer Altstadt. Ich nehme einen Pfad, der in Spitzkehren bis oben an den Fuß der nördlichen Altstadtmauer und von dort bis zum Jaffator führt.

Das Jaffator ist der wichtigste Zugang von der westlichen Neu- in die Ost-Jerusalemer Altstadt. Er ist ein täglicher Sammelplatz für Touristen- und Pilgerscharen aus aller Welt, die je nach Kunst- oder konfessionellen Interessen hinter Fähnchen schwenkenden Führern in die engen Gassen ausschwärmen. Doch heute Morgen ist es am Jaffator fast menschenleer. Nur einige, augenscheinlich streng- orthodoxe jüdische Familien eilen zum Gebet an die Klagemauer: die Väter, bärtig, in schwarzem Anzug und weißem Hemd, und je nach konfessioneller Ausrichtung mit Schläfenlocken, Gebetsschal, Kippa, schwarzem Hut oder kreisrunder Fellmütze. Die Mütter in altmodisch wirkenden, über die Knie reichenden Kleidern, die Haare mit Tüchern umschlungen oder, wie sich bei näherem Hinschauen erweist, versteckt unter halblangen Perücken. Ein wenig erinnern sie an die Amish Frauen in Pennsylvania. Die zahlreichen Kinder, zum Teil noch auf dem Arm oder im Kinderwagen, tragen festliche Einheitskleidung.

010ec7db45b073660f7d31c06c96dad098015ad860Sultan Suleymans Altstadtmauer

Jerusalems Altstadt lasse ich zunächst rechts liegen und laufe in nordöstlicher Richtung an der mächtigen, bis zu 15 Meter hohen Stadtmauer entlang. In der heutigen Form stammt sie aus dem 16. Jahrhundert. Der osmanische Sultan Suleyman „der Prächtige“ ließ sie mit dem Wiederaufbau der Altstadt errichten.

Bewachte Ruhe am Damaskustor
Am Tsahal Square umrunde ich die inzwischen in fast jeder Großstadt anzutreffenden „I Love …“- Jerusalem – Buchstaben, dann geht es entlang der Waffenstillstandslinie von 1947 in lockerem Trab bergab zum Damaskus Tor. Hier ist arabisches Wohngebiet. Zwei Polizeiposten mit schwerbewaffneten jungen Frauen und Männern bewachen das Tor und greifen Zeitungsberichten zufolge sehr häufig in Auseinandersetzungen zwischen streitsuchenden Juden und Palästinensern ein. Heute, am Sabbat, ist es jedoch ruhig. Für die islamischen Araber ist normaler Werktag. Ihr Feiertag ist der Freitag, an dem sie quer durch die Altstadt und an verschiedenen Kontrollen vorbei zum Gebet in die Al-Aqsa Moschee auf den Tempelberg laufen. Heute aber bringen Mütter und Väter ihre Kinder in die Grundschulen der Nachbarschaft. Junge Burschen grüßen freundlich und laufen feixend ein paar Schritte neben mir her. Weitere Kommunikationsversuche gehen im Hupkonzert auf der Sultan Suleyman Street unter.

008 Yeusefiya CementaryYeusefia Friedhof

An der nordöstlichen Ecke der Altstadtmauer gelange ich über eine Treppe auf den arabischen Yeusefia Friedhof. Die Morgensonne wirft warmes Licht auf die kunstvollen Grabinschriften. Die friedvolle Würde dieses Ortes lässt mich unwillkürlich meine Schritte drosseln. Gleich gegenüber liegt der Ölberg und an seinen Hängen der größte jüdische Friedhof der Welt. Tote können nicht mehr streiten. Ich gehe weiter, und vor mir taucht hinter den Stadtmauern die goldene Kuppel des Felsendomes und das silberne Dach der Al-Aqsa Moschee auf dem Tempelberg auf.

Machtkampf in der Grabeskirche
Durch das östliche Löwentor gelange ich auf die Via Dolorosa. Ob der Kreuzweg Jesu tatsächlich durch das heutige muslimische Viertel der Altstadt verlief, ist historisch nicht verbürgt. Doch die arabischen Händler freuen sich auf die christlichen Pilgerströme und bieten ihnen eine reiche Palette unterschiedlichster Devotionalien an. Für alle ist etwas dabei: Marienbilder, Kreuze in allen Größen, Dornenkronen, Rosenkränze, Räucherstäbchen und Kerzen, aber auch jüdische Menora Leuchter, und Kippas aller Art. Einer preist mehrsprachig „Echte russische Ikonen“ an, ein anderer lockt mit Kaffee und frisch gepresstem Granatapfelsaft.

003 Grabeskirche mit Leiter_markiertGrabeskirche mit Leiter

Rund 1,3 km windet sich die Via Dolorosa mit ihren 14 Stationen in leichtem Anstieg bis zur Grabeskirche hinauf. Im Verlauf des Tages wird auf dem Vorplatz der Kirche ein wahres Gedränge der Pilger entstehen. Doch nur wenigen wird jene schlichte Holzleiter auffallen, die seit mehreren hundert Jahren unverrückt auf dem Sims schräg oberhalb des Eingangstors steht. Und doch ist diese Leiter ein Symbol für die Spaltung der Christenheit. Hüter der Grabeskirche sind die griechisch-orthodoxe, die armenisch-katholische sowie die römisch-katholische Kirche nebst weiteren christlichen Konfessionen. Jede Gruppe hat in den Mauern der Grabeskirche ihre eigene kleine Kirche oder Kapelle, die die diensthabenden Ordensleute mit der Strenge israelischer Grenzsoldaten vor einander und den Besuchern bewachen. Wem die Leiter gehört, lässt sich nicht mehr klären. Mitte des 18 Jhd. war der in Jerusalem herrschende Sultan Osman III der Streitereien so müde, dass er den Status Quo der Besitzverhältnisse in der Grabeskirche festschrieb und einer muslimischen Familie die Schlüsselgewalt über die wichtigste christliche Kirche des Abendlandes übergab.

In Laufkleidung betrete ich die Kirche nicht, auch wenn dies zwischen den vielen Besuchern nicht weiter auffallen würde. Doch durch die Eingangstür erspähe ich jene Felsplatte, auf der Jesus gemäß der Überlieferung nach seinem Tod am Kreuz einbalsamiert wurde. Ich sehe Pilger, die vor der Platte niederknien, beten, sie liebkosen und das Mysterium des Todes und der Auferstehung Christi physisch begreifen wollen.

Der weitere Weg durch die Altstadt führt mich durch nun schon belebtere Gassen. Die Souvenir-, Obst und Gemüsehändler machen allmählich ihre Pforten auf, und wie so häufig sind die Early Birds aus Asien als erste Besuchergruppen unterwegs.

Ein kleiner Abstecher von der David Street bringt mich über ein paar Treppenstufen hinauf auf die Dächer über der Altstadt. Hier liegt mehr oder weniger ihr geographisches Zentrum. Nach Süden blicke ich auf den Tempelberg. Juden und Muslime begreifen ihn gleichermaßen als ihre heiligste Stätte und werden nicht müde, auf ihrem Anspruch als einzig legitime Statthalter dieses Ortes zu beharren.

Über den DächernÜber den Dächern von Alt-Jerusalem

Links von mir liegen das christliche und muslimische, rechts das jüdische und christlich-armenische Viertel. Die drei großen Weltreligionen, die Jerusalem als ihre Heilige Stadt begreifen, verkünden fast gleichlautende Friedensbotschaften. Und doch sind sie in ewigem Streit miteinander verstrickt.

Streit statt Frieden
Über den Platz am Jaffator geht es weiter durch das armenische Viertel und schließlich durch das Zionstor aus der Altstadt heraus. Ich laufe über den Berg Zion, auf dem das Letzte Abendmahl stattgefunden haben soll, vorbei am angeblichen Grab des David, dem das Alte Testament die Eroberung Jerusalems um 1000 v. Chr. zuschreibt. Kein Mythos, sondern schreckliche Gewissheit ist der Holocaust, an den ein kleines Museum gleich auf der anderen Straßenseite erinnert. Mit der monumentalen Gedenkstätte Yad Vashem kann es allerdings nicht mithalten.

Über Ma-ale HaShalom Street und Hebron Road gelange ich wieder zum Ausgangspunkt. Den Rundlauf durch Jerusalem beende ich an einer markanten Aussichtsplattform südlich der Altstadt. Mein Blick schweift vom Berg Zion über Altstadt, Tempelberg und Ölberg, und schließlich in die Ferne nach Bethlehem im Westjordanland mit den Mauern um die Siedlungsgebiete. Alles ist ruhig, die Morgenluft erfrischend und klar, die Vögel zwitschern. Shalom, Salam alaikum, Frieden: In Jerusalem ist nichts schwerer als das.

Inmitten von 20 Millionen: Durch Mexikos historische Altstadt

 

Catedral metropolitana MexicoCatedral Metropolitana 

Rundstrecke: Centro Histórico, Fußgängerzone Ecke Calle de Bolivar und Ave. Francisco I. Madero – Plaza de la Constitución / Zócalo – 16 de Septiembre – Gante – Madero – Av. Juarez – Palacio de Bellas Artes – Parque Alameda Central – Ave .Juarez – Casa de los Azulejos – Madero/ Bolivar; 3,4 km.

Mexiko-Stadt 3,44 km April2017

Der schlangenverzehrende Adler ruht
Morgens um viertelnachsieben haben die Polizisten im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt noch Zeit, WhatsApp Nachrichten auszutauschen. Die kleine Fußgängerzone im historischen Zentrum ist fast menschenleer. Gerade erst öffnen die ersten Frühstückscafés. Die Bürgersteige werden geschrubbt. Die größte spanischsprachige Stadt der Welt putzt sich zum Sonnenaufgang blitzblank heraus.

Ich laufe auf der Madero bis zum Zócalo hinunter, Mexikos geographisches und politisches Zentrum. Auf die Plaza de la Constitución, eine der größten Plätze Lateinamerikas, passen locker sieben Fußballfelder. Die riesige grün-weiß-rote Staatsflagge mit dem schlangenverzehrenden Adler im Zentrum des Platzes verlangt Ehrerbietung. Jetzt hängt sie schlaff am Mast herunter. Noch herrscht gemächliche Ruhe. Der Morgenverkehr kreist gemütlich um die Fahne herum, ein Schuhputzer nimmt sich Zeit zum frühstücken, ein Zeitungshändler blättert in seinen Zeitungen. Im Uhrzeigersinn laufe ich um den Zócalo herum und benötige eine ganze Weile, bis ich auf der Nordseite des Platzes die breite Front der Stadtkathedrale abgelaufen habe. Begonnen wurde der Bau schon im 16. Jahrhundert. In nicht ganz unbescheidener Demut nannten die spanischen Kolonisatoren ihre Kirche fortan Catedral Metropolitana de la Asunción de la Santísima Virgen María a los Cielos de la Ciudad de México und vereinnahmten damit die Jungfrau Maria für eine Ehrenloge im mexikanischen Hauptstadthimmel. Dass die größte Kirche Lateinamerikas tatsächlich auf dem Fundament und mit den Steinen eines aztekischen Tempels erbaut wurde, löste bei den Eroberern keine Skrupel aus.

Über die ganze östliche Breite des Zócalo erstreckt sich der mächtige Präsidentenpalast. Das sieht sehr streng aus, denn der Palast wurde aus grauschwarzem Lavagestein erbaut. Im Innern birgt er die wunderbaren Wandgemälde des Diego Rivera, dem Mann Frida Kahlos. Die turbulente Ehe dieses berühmten Künstlerpaares ist Stoff genug für eine ganz eigene Geschichte.

DSCF3275Parque Alameda mit Torre de las Américas

Dreiundachtzig Kirchen und Kapellen
Vom Zócalo biege ich in die Ave. 16 de Septiembre (dem Tag der mexikanischen Unabhängigkeit) ein und laufe auf einem breiten Fußgängerstreifen in Richtung Alameda Park. Mächtige klassizistische Regierungsgebäude, reich verzierte Kirchenfassaden, zerfallene Stadthäuser und neu entstandene Luxustempel säumen den Weg. Mexikos Altstadt ist Weltkulturerbe und befindet sich mitten im Umbruch. Alte Kirchen und Kapellen, und davon gibt es im Centro Histórico immerhin 83 (!), stehen metertief unter dem Straßenniveau. Mit dem Grundwasser sind sie über die Jahrhunderte abgesunken. Mancher Glockenturm nimmt es inzwischen mit dem Turm von Pisa auf.

Über die Straßen Gante und Madera in der Fußgängerzone erreiche ich den Parque Alameda Central, Mexikos grüne Oase inmitten der Stadt. Hier steht der große, aber nicht unbedingt schöne Palast der schönen Künste und bietet ansprechendes Kulturprogramm, wie zum Beispiel seit über 60 Jahren die äußerst sehenswerten Aufführungen des Ballet Folklórico de México. Nicht weit davon entfernt taucht plötzlich Beethoven auf. 1921 stiftete die deutsch-mexikanische Community die Büste zur hundertjährigen Unabhängigkeit. Rund um Beethoven herum hat ein Künstler moderne Plastiken gruppiert. Es bleibt offen, in welcher Beziehung die etwas zerknautschten Figuren zum großen Komponisten stehen.

Während ich noch über Beethoven und seine Groupies nachdenke, fällt mein Blick auf den Torre de las Américas. Er war einst Mexikos Wahrzeichen, höchstes Gebäude der Stadt und wurde als eines der ersten Hochhäuser erdbebensicher erbaut. An der Turmspitze leuchten abwechselnd die Nationalfarben und eine digitale Zeitanzeige auf. Das wirkte einmal modern, doch die verblichenen Gardinen und windschiefen Rollos in den Fenstern bestätigen, dass die großen Zeiten des Gebäudes vorbei sind. Heute prägen die weitaus eleganteren Wolkenkratzer im Geschäftsviertel an der Reforma die Silhouette der Stadt.

Beethoven und Humboldt atmen Höhenluft
Der Alameda Park erfreut den Besucher mit den glockenförmigen purpurfarbenen Blüten der Jacaranda Bäume. Bänke rund um die Springbrunnen laden zum Verweilen ein. Doch morgens treffen sich hier vor allem die Frühsportler. Einige tragen Atemschutz über Mund und Nase, denn in der dünnen Höhenluft beißen die Abgase der Millionenstadt zuweilen spürbar in der Nase.

Auf der Madera MexicoAuf der Ave. Francisco I. Madero

Nachdem ich am äußersten Ende des Parks eine Statue Alexander von Humboldts – der Forscher bereiste Mexiko vor gut 200 Jahren – umrundet habe, laufe ich wieder in die Altstadt zurück. Gleich zu Beginn der Fußgängerzone in der Madero steht die einzigartige Casa de los Azulejos, ein Haus, das vollständig mit blau bemalten Kacheln getäfelt ist. Das Café darin ist gut besucht. Der Tag ist erwacht. Auf den Straßen und Wegen von Mexiko-Stadt ist jetzt nur noch Schritttempo möglich.

Weiße Villen an blauem Wasser: Rund um die Hamburger Außenalster

Aussenalster 1

Zugang zur Außenalster über S-Bahnhof Hamburg Dammtor und Alsterterasse. Rundlauf am Uferweg entgegen dem Uhrzeigersinn: Restaurante Portonovo – Kennedybrücke – An der Alster – Schwanenwijk – Schöne Aussicht – Fährhausstraße – Herbert -Weichmann-Straße – Langenzugbrücke – Bellevue – Fernsicht – Bobby Reich – Krugkoppelbrücke – Westuferweg – AlsterCliff – Alsterufer – Dammtor; 8,2 km.

Hamburg aussenalster Juli 2018 8,2 km

 

Schönste Laufstrecke in Hamburg
Der Lauf um die Außenalster gilt als einer der schönsten in der Hansestadt. Doch wer hier joggt, ist selten allein. Da laufen Paare und Gruppen, und wer ohne Kompagnon ist, hat sich diese weißen Stöpsel in die Ohren gesteckt. Manche aus der 50+ Generation laufen indes noch mit freiem Gehörgang herum. Das lohnt sich durchaus, denn die einzigartige Lage dieser wunderschönen Seenlandschaft inmitten der Großstadt hat einen abwechslungsreichen Soundpotpourri von flatternden Segeln im Wind, knirschendem Kies unter den Füßen, fröhlichen-schreienden Kindern auf den Spielplätzen, schnatternden Gänsen und brummenden Motoren zu bieten.
Ich starte den Rundlauf an einem für diesen warmen Sommer ungewöhnlich kühlen Sonntagnachmittag. Der Uferweg ist nur mäßig bevölkert, Slalomläufe durch Fußgängergruppen, wie an sonnigeren Tagen, stehen heute nicht auf dem Programm.
Entgegen dem Uhrzeigersinn jogge ich vom südöstlichen Zipfel der Außenalster und überquere als ersten markanten Orientierungspunkt die Kennedybrücke, welche Binnen- und Außenalster voneinander trennt. Hinter der Brücke nähere ich mich schnellen Schrittes dem bekanntesten Hotel Hamburgs, weil hier ein Altrocker seit Jahren sein Quartier aufgeschlagen hat. Für diese Langzeitwerbung hat Udo Lindenberg mit dem Hotel Atlantic sicherlich Sonderkonditionen ausgehandelt, denn der Listenpreis für die Zimmer dürfte seine Tantiemen auf Dauer belasten. Am Ostufer passiere ich den Hamburger Segel-Club. Etliche Boote sind auf dem Wasser, denn der Wind hat ordentlich aufgefrischt. Auf der nahegelegenen Picknickwiese ist dagegen nicht viel los. Statt Grillgäste lümmeln hier Nilgänse herum.

Trinkstation

Am Schwanenwijk erreiche ich die Markierung für die offizielle Hälfte des Rundlaufs. Die Hamburger Wasserwerke haben hier freundlicherweise eine gern genutzte Trinkstation eingerichtet. 3,8 km weiter, am gegenüberliegenden westlichen Ufer, gleich neben dem Café AlsterCliff, steht die offizielle Start- und Zielmarke des Alsterrundweges, gestiftet vom Generalkonsulat der Republik Kroatien, auch hier wieder mit Trinkstation. So macht man sich mit guter Werbung Freunde.

An der Fährhausstraße gelange ich zu dem Punkt, an dem man sich nicht verlaufen darf. Denn gleich hinter der Moschee des „Islamischen Zentrums Hamburg“ geht es nach rechts von der Alster weg, um wenig später links, über die Brücke, den Langenzugkanal zu überqueren und zum Uferweg zurückzukommen.
Träume in Weiß
Die Bürgerhäuser rund um die Außenalster sind von schlichter hanseatischer Eleganz und in Weiß gehalten. Die ansehnlichen Karossen, die davor parken, haben in der Regel keine Kratzer im Lack. Weiß wird ja manchmal als die Farbe der Unschuld bezeichnet. Und so wirbt auch Helene Fischer großflächig von jeder Litfaßsäule in weißem Outfit für ihr bevorstehendes Konzert im Volksparkstadium.

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In bester Lage an der Nordspitze der Alster hat sich Bobby Reich mit Café und Bootssteg angesiedelt. Wer mit Leihkanus in den Alsterkanälen an schmucken Villen vorbeipaddeln und anschließend ein Magnum-Mandel-Eis mit traumhaftem Seeblick knuspern will, kommt an dieser Hamburger Institution nicht vorbei.

Freizeit für alle
Die 2,5 Laufkilometer am Westufer lassen an Abwechslungen nichts zu wünschen übrig: Cafés, Fitnessgeräte und Toiletten, Spielwiesen für Menschen und Hunde (eine „Hundeauslaufzone“ ist nach Hundegesetz § 6, Absatz 3, Satz 1 akkurat ausgewiesen!), Parklandschaften und Seerosenteiche. Auch die Ruderer kommen mit den pfeilschnellen und gerade einmal zwei Hände breiten Rennbooten auf ihre Kosten. Ein tolles Freizeitangebot für alle Hamburger! Schon fast am Ziel und wieder zurück in der Innenstadt passiere ich schließlich den großen Gebäudekomplex des US-Konsulats. Auch dieses Anwesen ist ganz in Weiß gehalten und in diesen stürmischen Tagen der transatlantischen Freundschaft wahrscheinlich noch ein bisschen strenger als sonst bewacht.

 

Zwischen den Fronten: Tallinn, Estland

403 (2)Altstadt Tallinn

Rundlauf durch die mittelalterliche Unter- und Oberstadt: Kuninga 1 – gegen Uhrzeigersinn in nordöstlicher Richtung auf Vana turg und Viru – links an der Stadtmauer entlang in Müürivahe – Munga – Vene – Bremeni kalk – aus Altstadt heraus durch Stadtmauer auf Uus – hinein in Altstadt durch Stadttor „dicke Margarete“ – Pikk – rechts an der Stadtmauer entlang – Lai – Laboratooriomi – Kooli – Gümnaasiumi – Väike-Kloostri – auf Nunne rechts aus der Stadt heraus – Toompark – Hirvepark – Tompea – Alexander Nevski Kathedrale – Parlament – Tomkirik – Aussichtsplattform Patkuli – zurück über Lossi plats – Lühike jalg – Dunkri – Raekoja Plats (Rathausplatz) – Vana turg – Kuninga; 4,3 km.

Tallinn Mai 2018 4,3 km

Immer an der Mauer 
Im Grunde ist es egal, ob man im mittelalterlichen Tallinn links oder rechts herum, innerhalb oder außerhalb der noch weitgehend intakten Stadtmauern joggt. Der Gesamteindruck bleibt überwältigend. Denn es mutet an, als habe die Stadt, die früher Reval hieß, ihre Blüte aus dem 14. Jahrhundert bis in die Neuzeit hinüber gerettet. Dabei ist der mittelalterliche Charme der von der UNESCO zum Kulturerbe der Menschheit dekorierten Altstadt durchaus trügerisch. Tallinn ist in seiner langen Geschichte immer wieder zwischen die Fronten der benachbarten Mächte geraten. Im frühen 13. Jhd. eroberten dänische Truppen mit päpstlichen Segen die Stadt, kurz darauf setzte der Deutsche Orden die Missionsarbeit fort und verband dies mit guten Geschäften. Die Kirchenleute richteten sich fürstlich auf dem Domberg in der Oberstadt ein. Heute residieren Diplomaten in den schmucken Palästen. Kaufleute und Handwerker, viele davon Söldner aus deutschen Hansestädten, ließen sich in der Unterstadt nieder. Tallinn wurde prosperierende Hansestadt und gab sich selbstbewusst das Lübecker Stadtrecht.
Tallinn liegt strategisch günstig am südlichen Ausgang des Golfs von Finnland. Wer hier seine Kanonen platziert, kontrolliert den Seeweg nach St. Petersburg. Da wundert es nicht, dass mit den Zeitläuften auf der einen Seite das zaristische Russland, die Sowjets und Putins Reich und auf der anderen Seite Dänen und Schweden, deutsche Ritter-, Reichs- und Nazitruppen, EU und NATO immer wieder danach trachteten, das kleine Juwel unter ihren Herrschafts- und Einflussbereich zu bringen. Weil Kriege dem Wohlstand aber auf Dauer abträglich sind, verlor Tallinn als Handelsstadt zusehends an Bedeutung. Aus touristischer Sicht ist das erfreulich, denn die Altstadt hat ihren spätmittelalterlichen Charakter bis heute fast gänzlich erhalten.

DSCF4246Die Drei Schwestern

Software und leckeres Essen
Wir beginnen unseren Morgenlauf inmitten der Altstadt vor dem ehemaligen Bischofssitz in der Kuninga 1, also der Königstraße. Schräg gegenüber liegt das Restaurant Olde Hansa, in dem mittelalterlich gekleidete Kellner ebensolche Speisen darbieten. Wir lassen diese „must go when you are in Tallin – location“ links liegen und traben bei angenehmen frühsommerlichen Temperaturen auf der Einkaufsstraße Viru auf das gleichnamige östliche Stadttor zu. Kurz vor den mächtigen Rundtürmen biegen wir links ab in die kleine Gasse Müürivase, was ein bisschen nach Mauer klingt und tatsächlich auch an dieser entlang führt. Die roten Lämpchen eines einschlägigen Etablissements in den Mauernischen sind am Morgen erloschen. Ein kurzer Abstecher führt uns in die St. Katharinengasse, mit ihren Lädchen und Gewölben eine kleine Idylle. Nach ein paar weiteren Ecken durchqueren wir auf der Bremeni kalk die Stadtmauer und biegen links auf die Uus Gasse. An der äußeren Stadtmauer findet sich das „Rest ja Aed“, erwähnenswert wegen seiner besonders guten estnischen Küche. Östlich der Altstadt blicken wir auf das futuristische Rotermann-Quartier. Hier zeigt sich das moderne Tallinn, und wir beginnen zu verstehen, warum das längst im Digitalzeitalter angekommene Estland zu den Tigerstaaten der Europäischen Union gehört. Die Software zu Skype, mit der die Videotelefonie ermöglicht wurde, wurde übrigens in Estland geschrieben.
Gute Adressen
Nun ist die „dicke Margarete“ nicht mehr zu übersehen, und genau dies war die Absicht ihrer Erbauer. Mauerstärke und Schießscharten lassen keinen Zweifel an der Verteidigungsbereitschaft der Stadt aufkommen, denn der mächtige kreisrunde Geschützturm im Norden der Altstadt bewacht die „große Strandpforte“. Wie damals die Händler, die ihre Waren vom Ostseehafen Revals auf die Märkte der Stadt brachten, laufen auch wir durch die Strandpforte wieder in die Altstadt hinein. Von hier gelangt man auf die Hauptstraßen Pikk und Lai, damals wie heute gute Adressen, wie die vielen spitzgiebeligen Handels- und Bruderschaftshäuser sowie die Luxuslimousinen am Straßenrand belegen. Passanten erkennen den Status der Hausbewohner bereits an den kunstvollen Schnitzereien der hölzernen Eingangstore. Wir aber nehmen eine Nebengasse, und auf den groben alten Kopfsteinpflastern hüpfen wir geradezu weiter an der Stadtmauer in südwestlicher Richtung entlang. Die Straßen heißen hier Laboratooriumi und Gümnaasiumi. Man ahnt, was sich hinter der estnisch-ugurischen Version dieser vertrauten Wörter verbirgt.

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Haus und Wappen der Schwarzkopf-Bruderschaft

An der Öffnung der Stadtmauer bei Nunne laufen wir aus der Altstadt hinaus und durch die adretten Grünanlagen von Dom- und Hirvepark. Am frühen Morgen arbeitet hier schon ein Filmteam. Hauptdarsteller ist ein halbnackter Yoga-Mann in Baumhaltung.
Allerbeste Freunde
Auf der Südseite der Stadt angelangt, keuchen wir nun die Tompea-Straße hinauf auf den Domberg und direkt auf die russisch-orthodoxe Alexander Nevski Kathedrale zu. Russland hat diesen Prachtbau mit List direkt vor die Domburg und das später dort eingezogene estnische Parlament erbauen lassen. So vergisst man nie, dass der Anspruch der Esten auf Unabhängigkeit, den sie erstmals 1918 formulierten, immer von der mehr oder weniger wohlwollenden Haltung des übermächtigen Nachbars im Osten abhängig war (und wohl immer noch ist).

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Gotisches Rathaus

Wir lassen die Politik jedoch links liegen und traben durch die Oberstadt an der alten Domkirche vorbei bis zur beliebten Aussichtsplattform Patkuli. Auf dem Postkartenblick in die Unterstadt besticht die nicht enden wollende Spitze des Turms der St. Olai Kirche, angeblich einmal der höchste Kirchturm der Welt. Aber der Blick schweift auch jenseits der Altstadt über Plattenbauten aus der Sowjetzeit.

Über Lossi plats und vorbei an der schmucken Residenz des deutschen Botschafters gelangen wir über die Treppen des Lühike Jalg zurück in die Unterstadt und auf den Raekoja plats, mit seinem bestens erhaltenen gotischen Rathaus aus dem frühen 15. Jahrhundert. Die Marktstände werden gerade aufgebaut. Ein neuer schöner Tag beginnt.

Von Bibern und Bergspitzen in der Zugspitzarena: Ehrwald/ Tirol

Zugspitze

Rundstrecke:  Lische 13 im Ortsteil Hof – Pfeffermühle – Gaisbachbrücke – Altmühlensteig – Tennisplatz – Innsbrucker Straße – Weidach – Ehrwalder Becken – Loisachbrücke – Biberwier – Ehrwalder Straße – Römerstraße – Tummebichl-Hügel – Modellflugplatz – Golfplatz – Loisachbrücke – Ehrwald – Kirchplatz – Martinsplatz  – Hölzli – Ganghoferstraße – Haag – Pitztaler Hof;  9,5 km.

Ehrwald, 9,5 km April 2017

Großes Alpenkino
„Hohe Wand, Breitenkopf, Igelskopf, Tajakopf, Sonnenspitze, Wampeter Schrofen, Handschuhspitzen, Wannig,  Grubigstein, Bleispitze,  Daniel, Zugspitze, Schneeferner Kopf…“  Als Bub konnte ich alle Berge und Gipfelhöhen rund um das Ehrwalder Becken auswendig daher sagen.  Bei unserem heutigen Lauf erleben wir dieses grandiose  Alpenpanorama wie in einem 360-Grad-Kino aufs Neue.  Im Tal blühen die Sumpfdotterblumen, auf den Bergspitzen liegt der Osterschnee.

Wir starten unseren Lauf im Oberdorf und traben an einigen der ältesten Höfe des Dorfes vorbei.  Bis ins 20. Jahrhundert hinein lebten die Menschen in Ehrwald von der Vieh- und Almwirtschaft.  Ihre Vorfahren bauten Fassdauben für den lukrativen Salzhandel oder schufteten in den Silberminen  hoch oben in den Mieminger Bergen. In den letzten Jahrzehnten ist der Tourismus zur neuen Lebensader des Dorfes geworden.  In den Nachkriegsjahren nannte man das noch „Fremdenverkehr“.

Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland
An der Straße zur Ehrwalder Alm passieren wir ein Haus, in dem einst die Gaststätte „Pfeffermühle“ betrieben wurde.  Sie erinnert an das gleichnamige Kabarett im München der 1930er Jahre. Weil es mit der Machtergreifung Hitlers schließen musste, gehörte Erika Mann, die älteste Tochter von Vater Thomas, zu den ersten „Fremden“, die in jener Zeit aus Deutschland in das grenznahe Ehrwald flüchteten.

Wir überqueren den Gaisbach, ein eiskaltes Gebirgsgewässer. Parallel zum Bach führt der Altmühlensteig rechts hinunter in den Talkessel.  Ein breiter werdendes Wiesenstück diente einst als Landeplatz der Ehrwalder Sprungschanze. In den 1930er Jahren wurden Ehrwalder Skispringer mit Weiten bis zu 40 Meter österreichische Meister. Bis in die 1960er Jahre hinein schmiegte sich das in die Jahre gekommene Holzgerüst zwischen Fichten und Lerchen an den Berghang.

Vorbei an Tennisplätzen und Eislaufbahn folgen wir dem Gaisbach bis zu einem geräumigen Rückhaltebecken, das die Anwohner des Ortsteils Weidach vor Überschwemmungen schützt. Ein Feldweg  führt mitten hinein in das Ehrwalder Moos. Hier eröffnet sich ein einzigartiger Rundblick auf die bis zu 3000 Meter hohe Bergkulisse. Wir sehen die Mieminger Kette mit der steil aufragenden Sonnenspitze im Süden, die Ausläufer der Lechtaler und Ammergauer Alpen mit Grubigstein und Daniel im Westen und den Zugspitzgipfel am nordöstlichen Rand des gewaltigen Wettersteinmassivs.

Mieminger Kette

Zahlreiche Gewässer haben den Talboden zum Feuchtgebiet gemacht, weshalb ein Provinzfürst einmal den kühnen Plan hegte, die Loisach samt ihrer Zuflüsse zu einem See zu stauen. Daraus wurde nichts. Stattdessen wurde das „Moos“ in den 1990er Jahren wegen seiner einzigartigen Flora und Fauna unter Naturschutz gestellt.

Wir laufen entlang der noch jungen Loisach flußaufwärts in Richtung Biberwier. Glasklar mäandert der Bach zwischen halbhohen Kiefern. Forellen stehen scheinbar reglos gegen die Fließrichtung im Wasser. Einen Augenblick später sind sie blitzartig verschwunden. Hoch oben kreist ein Rotmilan. Die Hochspannungsleitungen scheinen ihn bei der Mäusejagd nicht zu stören. In Biberwier biegen wir rechts in die Römerstraße ein. Das ist die bei Fernradlern beliebte Via Claudia Augusta, jene alte römische Verbindung von der Adria bis zur Donau. Um das unwegsame Ehrwalder Moos zu durchqueren, bauten die Römer einst mit Tausenden von Baustämmen eine schwimmende Wegbefestigung. Heute ist die Römerstraße ein geteerter Landwirtschaftsweg und schmückt sich zudem als Außerferner Jakobsweg mit dem Zeichen der gelben Muschel.  In jüngster Zeit ist nun auch noch eine Lamaherde an die Römerstraße gezogen. Unklar bleibt, wer wenn intensiver anglotzt, die Lamas die Passanten oder umgekehrt?

 Die Biber sind da
Wir trotten links um den Tummebichl-Hügel, der noch aus der Eiszeit stehen geblieben ist. Wie aus einer vergangenen Zeit  stehen auf den Wiesen ein paar alte Heustadel. Denn inzwischen werden auch hier die Heuballen in Plastik verpackt.  Am Loisachufer findet man immer mehr Bäume, deren Stämme kunstvoll in Form einer Sanduhr eingekerbt sind.  Untrügliches Zeichen, dass sich hier wieder Biber angesiedelt haben. Nicht jeder mag indes die putzigen Nagetiere. Denn die eifrigen Tunnelbauer untergraben gern die benachbarten Wiesen und Felder.

Am Golfplatz  überqueren wir wieder die Loisach und laufen Richtung Ehrwald zurück.  Die Christuskreuze am Wege sind mit Tüchern verhangen, wie es der Brauch in der Karwoche gebietet.

Martinsplatz

In steilem  Anstieg laufen wir ins Dorf hinein, passieren die Traditionsgaststätte „Grüner Baum“, joggen am Schuhladen des Ignaz Guem und am Restaurant „Castagno“ vorbei, überqueren den Kirchplatz und gelangen schließlich auf den Martinsplatz. Von alten Bauernhäusern aus dem vorletzten Jahrhundert umsäumt, ist dies der schönste Dorfanger im Außerfern. Meist hört man hier nur das Plätschern der Brunnen. Doch alljährlich am 1. Mai blöken die Schafe auf dem traditionsreichen Viehmarkt.  Und im Juni/ Juli folgt dann der Startschuss für die Ultratrail-Läufer, die rd. 100 Kilometer rund um das Zugspitzmassiv laufen. Wir traben unterdessen nur noch ein paar Hundert Meter durch das  Hölzli-Viertel und gelangen über verwinkelte Fußwege wieder hinauf ins Oberdorf. Am Pitztaler Hof sind wir am Ziel.

 

Am Wellenschlag des Bodensees: Konstanz

Rundstrecke: Neugasse (Altstadt), Rosgartenstraße, über Marktstätte in die Tirolergasse, links in die Münzstraße, rechts in die Wessenbergstraße, im Uhrzeigersinn um das Münster herum, über Münsterplatz und in leichter Rechtskurve über Brückengasse auf die Konzilstraße. Den Rhein überqueren bis zum Sternenplatz. Rechts auf die Seestraße und immer am See entlang bis zur Bodenseetherme. Weiter auf dem Wendelgardweg bis zur Landspitze „Hörnle“. Zurück auf demselben Weg. Jenseits der Rheinbrücke über Stadtgarten, Imperia, Hafengelände und über die Gleise, Bodan- und Rosgartenstraße zurück in die Neugasse; 9,2 km.
Konstanz 9,2 km Mai16_Jan17 Karte2

Wir starten vom kleinsten Haus in der Neugasse am südlichen Ende der Konstanzer Fußgängerzone. In nördlicher Richtung geht es auf der Rosgartenstraße und Tiroler Gasse mitten durch die Altstadt. Die schlauen Konstanzer haben im 2. Weltkrieg rechtzeitig vor den Bombern der Alliierten das Licht ausgemacht und erfreuen sich deshalb bis heute an einer fast intakten Altstadt, deren mittelalterlicher Gebäudebestand bis auf das 13. Jahrhundert zurückgeht.

In der Münzgasse werfen wir einen schnellen Blick in das Voglhaus.  Das Café besticht durch astreines Design, eine ansprechende Speisekarte und ein ansehnliches 33-Frauen-Team.  Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Münster, das allerdings nur Einer Lieben Frau gewidmet ist.  Im Uhrzeigersinn umrunden wir den mächtigen Sakralbau und gelangen über den Münsterplatz und durch die verwinkelte Brückengasse in die Niederburg, dem ältesten Teil der Stadt.  Auf der Konzilstrasse sind wir wieder im neuzeitlichen Verkehr angekommen,  obwohl der Straßenname an ein Jahrhunderte altes Kuriosum der Kirchengeschichte erinnert.  Von 1414 bis 1418 fand das sog.  Konzil von Konstanz statt, bei dem gleich drei miteinander streitende Päpste durch einen neuen Pontifex ersetzt werden mussten,  um die Einheit der  römischen Amtskirche wieder herzustellen.  Dass diese spirituelle Erneuerung  von handfesten Machtkämpfen begleitet wurde, verwundert Kenner der Kirche nicht.  Die ehrwürdigen Mitglieder des Konzils waren aber auch irdischen Ablenkungen gegenüber keineswegs abgeneigt. Darüber mokiert sich die üppige Kurtisane Imperia. Ihre Statue steht in der Hafeneinfahrt von Konstanz. Bei neun Metern Höhe und entsprechender Oberweite ist ihre erotische Ausstrahlung nicht zu überbieten.

Foto 06.01.17, 12 21 27Die Ränkespiele der Päpste lassen wir nun hinter uns und überqueren den noch jungen Rhein, der an dieser Stelle gleichsam aus dem Bodensee heraus gespült wird, um seinen 900 km langen Weg bis zur  Mündung in die Nordsee anzutreten.  Am Sternenplatz biegen wir rechts in die Seestraße ein und laufen nun gute drei Kilometer immer am Seeufer entlang bis zum sog. Hörnle, der östlichsten Landspitze von Konstanz.

Dieser Streckenabschnitt ist an Schönheit und Abwechslung schwer zu überbieten. Jenseits des dunkelblauen Seewassers erheben sich die verschneiten Schweizer Alpen, diesseits streiten sich Enten, Schwäne und Haubentaucher um die Brotkrumen einer gutmeinenden Dame. Herrschaftliche Häuser  aus der vorletzten Jahrhundertwende säumen die Uferstraße.  Die Platanen verharren im winterlichen Kurzhaarschnitt.  Wir passieren das Konstanzer Casino, die prächtige Jugendstilvilla des Riva Hotels, den Yachthafen, großzügige Seniorenresidenzen und postmoderne Neubauten. Fähren kreuzen, Hunde ziehen ihre Besitzer hinter sich her, ein Zeppelin schwebt vorbei. Auf dem Kieselstrand wärmen sich  Steinmandel in der Sonne, und der leichte Wellenschlag des Sees beruhigt auch die letzten noch unruhigen Gemüter.

Nach einer Linkskurve um den Stiegler Park taucht das großzügige Gelände der Bodenseetherme auf, Sommer wie Winter ein Wasserspass für  alle Altersklassen.  Wir laufen weiter auf dem Wendelgardweg, lassen das hübsche Schloss Seeheim links liegen und gelangen schließlich in das  weiträumige Strandbadgelände am Hörnle.

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An der äußersten Spitze der Landzunge verscheuchen wir eine Möwe, um dann auf unseren Spuren wieder zurück in die Altstadt von Konstanz zu traben. Noch bevor wir die Rheinbrücke überqueren,  sehen wir  in wundervoller Insellage direkt vor der Altstadt das prachtvolle Gemäuer eines ehemaligen Dominikanerklosters liegen. Hier hat sich jetzt das Steigenberger Hotel  einquartiert. Über den  Stadtgarten laufen wir in den Konstanzer Hafen, erweisen der barbusigen sich langsam im Kreis drehenden Imperia unsere Ehre, joggen die Hafenstrasse weiter und überqueren schließlich über eine Fußgängerbrücke die Bahngleise in die Schweiz.  Über Bodan- und Rosgartenstraße sind wir schnell wieder in der Neugasse angekommen.

 

 

Aufbruch in die Zukunft – Utrecht 2030

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Rundstrecke: Paramaribo Straat im Stadtteil Lombok – Keulsekade Kanal – über zwei Schleusen auf Kanalweeg – über zwei Brücken auf Leidseweg – Bahnhofsunterführung (Centraal Station) – über Catharijnesingel und Brücke in die Altstadt von Utrecht – gegen den Uhrzeigersinn auf Parkwegen entlang (oder nahe) der Stadsbuitengracht um den alten Stadtkern herum – über Knipstraat durch Bahnhofsunterführung – Moschee – Kanaalstraat – Makassarstraat – Paramaribostraat;  9,85 km.

Utrecht 1Jul2017 9,85 km

Viertelvorsieben – ein lauer Samstagabend in Utrecht. Der niederländische Sommer meint es gut mit uns. Das Thermometer zeigt über 20 Grad, die Regenwolken sind wie weggeblasen.

Alte Universitätsstadt
Wir laufen durch eine der schönsten Städte der Niederlande und erleben, wie die alte Universitätsstadt einen radikalen Aufbruch in die Zukunft unternimmt.  Wir starten in Lombok, westlich der Altstadt gelegen, am beschaulichen Keulsekade Kanal. Wasser zieht die Menschen  immer an. Wir treffen auf Spaziergänger, Jogger und Hundeausführer und laufen an den gepflegten kleinen Vorgärten traditioneller Hausboote vorbei. Nach der Überquerung mehrerer Schleusen und Brücken biegen wir links auf den Leidseweg, der wiederum entlang eines Seitenkanals Richtung Innenstadt führt.  An den Kaimauern liegen nun große zweistöckige Hausboote in schickem Design. Tatsächlich sind es aber gar keine Schiffe mehr, sondern Stadtvillen auf schwimmenden Betonplatten, die im hochpreisigen Segment des lokalen Immobilienmarktes gehandelt werden.  Wie zur Bestätigung sind in die Bürgersteige des Leidseweg stark vergrößerte Exemplare von Euromünzen eingelassen.  Eigentlich sind diese aber ein Hinweis darauf, dass wir gerade an der staatlichen Münzprägeanstalt, der Muntgebouw Utrecht, vorbeilaufen.

Aufbruch in die Zukunft
Am Ende des Leidseweg geraten wir in die vermutlich größte Baustelle der Niederlande. Denn die viertgrößte Stadt des Landes schickt sich an, mit dem gigantischen Bahnhofsneubauprojekt  „Utrecht Centraal 2030“ die Zukunft zu gestalten.  Utrecht ist der wichtigste Eisenbahnknotenpunkt des Landes.  Zugleich entsteht  in Leidsche Rijn, im Westen der Stadt, ein großes neues Wohnquartier, das mit einer Fahrradschnellstraße an den Bahnhof  angeschlossen wird. Das Bahnhofsprojekt versucht, die wichtigsten Verkehrsmedien der Zukunft – Schiene, Fahrrad, Wasser und Straße – intelligent miteinander zu verbinden.  Videoanimationen von „UC 2030“ zeigen, wie es einmal aussehen wird:  Die Stadsbuitengracht, ein teilweise zugeschütteter Kanal rund um die Altstadt, wird im Bahnhofsbereich wieder ausgebaggert.  Der traditionelle Wasserlauf wird in die moderne Architektur eingebunden werden und zum Teil unter Glasplatten verlaufen.

Utrecht BAhnhofDarüber entstehen auf mehreren Ebenen öffentliche Plätze, Fußgänger-, Einkaufs-,  Hotel- und Bürozonen sowie Konzertsäle. In den Untergeschossen des Bahnhofskomplexes wird mit 12.500 Stellplätzen der größte Fahrradparkplatz Europas gebaut werden. Radfahrer werden in die Tiefgaragen fahren, parken und direkt in öffentliche Verkehrsmittel umsteigen können. Das einzigartige Projekt soll bis 2030 fertig werden. Ein erster Bauabschnitt wurde bereits im April 2017 eingeweiht. (https://www.youtube.com/watch?v=ynIRAhoqoBc;    https://www.youtube.com/watch?v=lzNGdg4Y_gI)

Utrecht Fahrradparkplatz

Quer durch die Baustelle bahnen wir uns einen Weg durch den gegenwärtig  noch oberirdischen und  in seinen Ausmaßen jetzt schon beeindruckenden Fahrradparkplatz, laufen entlang der alten Durchgangsstraße, unterqueren die Zuggleise und gelangen schließlich über eine Brücke der hier wieder wasserführenden Stadsbuitengracht in die Altstadt von Utrecht.  Was für ein Gegensatz zum Megaprojekt am Bahnhof! Hier sieht die Stadt wieder so aus wie auf den Touristenprospekten.  Adrette Reihenhäuser entlang hübscher Grachten, ehrwürdige Universitätsgebäude, Straßen und Wege mit rotem Backstein, gepflastert in Fischgräten-muster. Und wo man auch läuft, immer sieht man den gotischen Kirchturm des Doms, mit 112 Metern das höchste kirchliche Bauwerk der Niederlande.

Entlang der Stadsbuitengracht
Wir biegen gleich rechts in südlicher Richtung auf den Parkweg Sterrenburg ein.  Er wird uns gut 5 km immer entlang oder nahe der Stadsbuitengracht rund um die Altstadt führen. Wir laufen vorbei an Resten der alten Stadtmauer und überqueren Oude und Nieuwe Gracht, also die  alte und neue Gracht,  die mitten durch die Altstadt führen. Wir treffen auf dem Spazierweg auf Kellner des Restaurants SYR, einer Initiative, die syrischen Flüchtlingen einen Wiedereinstieg ins Berufsleben ermöglicht.  Und wir werden von einer munteren Bootsparty überholt, die gemächlich durch die Gracht tuckert.  In den Grünanlagen tollen die Hunde, Grillfleischschwaden wehen um die Nase.

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In der weniger beschaulichen nordöstlichen Ecke der Altstadt passieren wir das ehemalige Gefängnis in der Wolfenstraat, in dessen  Zellen nun Kunstausstellungen stattfinden. Wir traben durch ein paar hübsche Gassen und haben plötzlich wieder das Ende der Stadsbuitengracht und den Beginn der Großbaustelle rund um den Bahnhof erreicht.

Moschee mit Kebab Factory
Die Knipstraat führt uns zum Fahrradtunnel  unter den Zuggleisen,  dann laufen wir direkt auf Ulu Camii, der 2014 aus rotem Stein und hellem Stahl erbauten Zentralmoschee von Utrecht, zu.  Wären da nicht die beiden Minarette, man glaubte, ein großes Einkaufszentrum vor sich zu sehen.  Es überrascht auf den ersten Blick,  dass im Erdgeschoss der Moschee ein Restaurant untergebracht ist.  Die Kebab Factory ist gut besucht,  die Tische auf dem Vorplatz sind fast alle besetzt.  So kommen die Menschen in die Moschee.

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Wir sind wieder im Stadtteil Lombok, dem türkisch-islamischen Viertel von Utrecht. Hier heißen die Straßen Sumatra-, Borneo-, oder Javastraat. Gemüsehändler bieten ihre Ware im orientalischen Kaftan an. Ein schwarzer Mercedes dröhnt mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit durch die Kanaalstraat. Das wirkt so, als wäre hier ein neureicher Drogendealer unterwegs. In den Seitenstraßen wechseln die  kleinen Briefchen wesentlich diskreter ihre Besitzer.  Auf dem Bürgersteig überholt uns ein Mopedfahrer.  Auf dem Gepäckträger befördert er eine viereckige Isolierbox. Die Essensbestellung per Online-dienst wird immer populärer.  In West-Lombok stoßen wir wieder auf den Keulsekade Kanal. Ein paar Meter weiter sind wir zufrieden an unserem Ziel in der Paramaribostraat angekommen.

Utrecht, im Juli 2017

 

Laufspass auf der Stadtautobahn: Brasilia trotzt der Krise

Laufstrecke am autofreien Sonntag: Vom Hotel Kubitschek Plaza im Sector Hoteleiro Norte über die Stadtautobahn Richtung Regierungsviertel (Eixo Monumental). Nach  900 m auf die  Stadtautobahn  Süd (Eixo Rodoviario Sul) wechseln. Vom zentralen Autobahnkreuz kann die Nord-Süd Achse in beide Richtungen rd. 8 km belaufen werden. Wir laufen ein Teilstück in südlicher Richtung und auf gleicher Strecke wieder zurück zum Hotel;  8,2  km.

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Dieser Sonntagslauf über eine sechsspurige Stadtautobahn hat eine besondere Qualität. Die Sonne scheint am wolkenlosen Himmel, der Asphalt reflektiert gnadenlos die Hitze und bei nur leichter Brise sind es gefühlte 30 Grad. Autofreie Sonntage haben in lateinamerikanischen Metropolen Konjunktur. Große Verkehrsadern werden für den Freizeitsport gesperrt. In Brasilia ist die sechsspurige Nord-Süd-Stadtautobahn  in  einer Länge von 16 km für Radler und Läufer geöffnet.

Wir starten vom Hotel Kubitschek. Es ist benannt nach jenem Präsidenten, der 1960 die auf dem Reißbrett geplante neue Hauptstadt Brasilia einweihte. Auf einem schmalen Pfad laufen wir am Rande der Stadtautobahn Richtung Zentrum. Bürgersteige gibt es in Brasilia eher selten,  denn Oscar Niemeyer und seine Mitstreiter hatten die neue Hauptstadt mitten im Urwald als Autostadt konzipiert. Der Stadtplan Brasilias, der sog. Plano Piloto, hat die Form eines Flugzeugs. Das Regierungsviertel entstand am vorderen Rumpf des Fliegers entlang der zentralen Achse – dem Eixo Monumental. Wohnen, Einkaufen und Dienstleistungen wurden in die Flügel verlegt. Den Sitz der drei Staatsgewalten platzierte man weise ins Cockpit.  Die Planer wähnten Brasilien am Beginn eines gewaltigen  Modernisierungsschubes, der den Menschen Demokratie, Freiheit und Wohlstand – und ein eigenes Auto bescheren sollte. Manches hat sich anders entwickelt und die Vorstellung von dem, was urbanes Leben ausmacht,  über die Jahre verändert.

Inzwischen sind wir in Brasilias geographischem Zentrum angekommen – ein gigantisches Autobahnkreuz mit unzähligen Fahrspuren, Brücken und Unterführungen und ganz nebenbei auch ein Eldorado für Graffiti-Künstler. Um uns die Orientierung zu erleichtern, laufen wir jetzt im Automodus, so als ob wir hinter dem eigenen Steuer säßen. Wir manövrieren uns in einer großen Linkskurve in eine Unterführung hinein und auf die Stadtautobahn Richtung Süden. Hier unten herrscht ohrenbetäubender Lärm. Gleich vier Schlagzeuger sind im Einsatz und feuern Läufer und Radler an. Dieses Spektakel findet Anklang. Da muss man einfach das Smartphone  zücken.

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Im Tunnel ist es dunkel und angenehm kühl, doch vor uns beginnt bereits wieder die steil ansteigende Passage ans Tageslicht. Einige Radler müssen schieben. Wieder oben angelangt, eröffnet sich eine spektakuläre Sicht über die markanten Punkte der Hauptstadt. Im Nordosten steht auf einem Hügel der Fernsehturm der Stadt, ein kleiner Cousin des Eiffelturms. Neben den Gebäuden der Ministerien liegt gleich zur Linken das Viertel öffentlicher Banken. Es ist viel Symbolik in den Bauten. Der stilisierte Blitz an der Fassade der Banco do Brasil vermitteln Spannung und Aufbruch. Der nüchterne Bau der Zentralbank suggeriert Stabilität, und das eigenwillig gerippte Rundgebäude der Sparkasse Caixa Económica Federal könnte ein Zahnrad sein, das die Wirtschaft am Laufen hält. Richtung Südwesten stehen die markanten Doppeltürme von Senat und Abgeordnetenhaus, daneben der Kuppelbau des Plenarsaals.  Dahinter der Palácio do Planalto, Amtssitz des Präsidenten.

Politischer Machtkampf
Während die Menschen hier friedlich joggen und radeln, tobt im Regierungsbezirk  ein erbitterter Machtkampf. Nach und nach wird das politische Spitzenpersonal in die Wüste geschickt.  Korruption und Wirtschaftskrise haben den Ruf der Politiker ruiniert. An Straßenlaternen kleben Plakate. In großen roten  Lettern steht dort „Fora Temer – Fora Golpistas“ geschrieben. Der neue Präsident Temer soll seinen Hut nehmen. Die Anhänger Dilma Rousseffs werten ihre Amtsenthebung als Staatsstreich.  Auf anderen Schildern steht  „Tschau Querida“. Tschüss, meine Liebe – tatsächlich aber weint Dilma kaum einer eine Träne nach.

Es ist heiß auf der Straße, und die Läufer sind durstig. Das wissen auch die Wasserverkäufer auf ihren ambulanten Dreirädern. Wo Not ist, lockt  das Geschäft. Und in den brasilianischen Tropen sind immer auch die Kokosnussverkäufer zur Stelle. Unter einen schattigen Jacarandabaum hat einer ein paar Plastikhocker aufgestellt. An der improvisierten Bar findet das eisgekühlte Kokoswasser guten Absatz.

Nach gut 3 Kilometern auf der Stadtautobahn Richtung Rio de Janeiro – bis dorthin wären es noch weitere 925 km – kehren wir wieder um. Knallgelb blühende Bäume vermitteln ein wenig Naturgefühl. Die Fassaden der Wohngebäude zur Autobahn hin aber wirken wie ausgestorben. Denn das eigentliche Leben findet in den Wohnvierteln tief im Innern der Flügel statt. Auf dem Rückweg zum Hotel überqueren wir noch einige Verkehrsstraßen. An den Zebrastreifen halten tatsächlich die Autos an. Diese Kuriosität erlebt man in Brasilien nur in Brasilia.  Am Hotelpool sonnen sich die Schönen. Es sind wohl  jene, die auch sonntags lieber mit dem Auto fahren.