Zwischen Wüste und Wasser: Lima im Winterklima

Strecke: Vom Hotel NM im Stadtteil San Isidro (Ecke Av. Pardo y Aliaga und Calle Agustin) in südöstlicher Richtung über die Calle St. Maria bis zur Kulturstätte Huaca Pucclana. Rechts vorbei über die Elias Aguirre und E. de Habich auf die Calle Arica. Diese 2 km Richtung Küste und jenseits der Querstraße  Jose Pardo weiter auf der Calle Bolognesi und über den gleichnamigen kleinen Park hinweg laufen. Am Parque del Amor zunächst links am Malecón entlang bis zum Centro Larcomar.  Von dort wieder zurück auf dem  Laufweg  2,5 km bis zum Parque Maria Reiche.  Von hier stadteinwärts durch den Stadtteil Miraflores.  Über die Calle Toribo Pacheco in leichtem Anstieg über die Av. Gral Cordoba hinweg durch den Parque Blume  und Parque Baden Powell  in die Calle Jose del Llano Zapata bis zur Av. Los Conquistadores.  Auf dieser links  weiter stadteinwärts und über die Calle Puerto de Palos rechts zum Parque Olívar. Im Olivenhain rechts halten und über Constancio Bollar, Calle Carolina Vargas de Vargas, Calle Mariano José de Arce bis zur Av. Sta. Cruz laufen. Diese rechts hinunter bis zur Av. Pardo y Aliaga. Rechts halten bis zum Hotel; 9,7 km.

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Unser Rundlauf am Samstagmorgen führt uns durch Limas beliebte Stadtviertel San Isidro und Miraflores und in die Parklandschaften der Steilküste zum Pazifik. Wir starten in San Isidro, gleich gegenüber des traditionsreichen katholischen Colegio Maria Reina Marianistas. In südöstlicher Richtung steuern wir zunächst die Ausgrabungsstätte von Huaca Pucllana an.  Das Volk der Lima hat hier vor rd. 1500 Jahren, also noch vor der Inkazeit, kleine Lehmziegel zu großen Pyramiden aufgehäuft.  Durch die Gitter sehen wir Lamas über das Gelände laufen.

Lima ist eine Wüstenstadt, in der es fast nie regnet. Doch die Straßen und Gärten sind von blühenden Bäumen und Sträuchern gesäumt. Gärtner wässern die Rasenflächen, Hausangestellte wischen Eisengitter blank. Arbeiter der Stadtreinigung kehren gewissenhaft die Straßen. Die Betonplatten der Bürgersteige sind so blitzblank, dass man fast die Schuhe ausziehen möchte. Die Wohnviertel  werden von Bungalows und Apartmenthäusern geprägt.  Kleine Parks sorgen für Frischluft. Hier wohnt Limas gehobene Mittelschicht.  Die Menschen schützen sich mit hohen Grundstücksmauern, Gittern, Alarmanlagen und Wachmännern. Doch draußen auf der Straße wirkt alles friedlich. Hunde werden ausgeführt, häufig von Hundeausführern, die ganze Rudel spazieren führen.

Entgegen der Fahrtrichtung laufen wir auf der Calle Arica und Calle Bolognesi  rd. 2 km bis zum Pazifik hinunter. Die Querstraßen heißen Roma, Berlin, Venezia oder Madrid und erinnern an die Heimatorte europäischer Einwanderer. Unter ihnen war auch ein jüdischer Arzt aus Deutschland. Sein Sohn ist heute Perus Präsident Pedro Pablo Kuczynski.  

Mittendrin im Straßengewirr finden sich die vielen kleinen Restaurants, deren einfallsreiche Fusionsküche Lima zur kulinarischen Hauptstadt Lateinamerikas gemacht hat.  Der Chefkoch Gastón Acúrio  war einer der ersten, der die ungemeine Vielfalt traditioneller Nahrungsmittel aus dem Hochland der Anden bis zu den Gewässern des Pazifiks mit Raffinesse und gutem Marketinggespür auf die Teller der Hauptstadtrestaurants gezaubert hat.

An der Küste bietet sich ein spektakuläres Bild. Der für Lima so typische Winternebel  taucht die Landschaft in ein diffuses Licht. Das Steilufer wird von Parks  gesäumt. Skulpturen zeitgenössischer  Künstler mischen sich unter die Palmen. Gut 50 Meter tiefer rauscht die Brandung auf den Kieselstrand.  Surfer, nur  als kleine Punkte im Wasser erkennbar,  warten auf die perfekte Welle.  Auf einem Steg im Meer steht La Rosa Náutica, ein traditionelles Fischrestaurant. Am südlichen Horizont zeichnet sich das Künstlerviertel Barranco ab. Richtung Innenstadt verliert sich der Blick im Häusermeer. Rd.  9 Millionen Limeños leben hier, knapp ein Drittel der Bevölkerung Perus.

Mit Tradition in die Moderne
Am Malecón, der Uferstraße,  herrscht munteres Treiben.  Im Parque del Amor umarmen sich zwei riesige Gestalten. „Besame“ steht auf den vom katalanischen Künstler Gaudi inspirierten Mosaikbänken. Und natürlich folgen die Liebespaare diesen  Anweisungen nur allzu gern. Eine Frau mit langen schwarzen Haaren und hautengen Stretch-Jeans aus der Fernsehwerbung scheint auf ihren Liebhaber zu warten. Vorerst muss sie mit ihrem Smartphone vorlieb nehmen.

Wir laufen weiter in südwestlicher Richtung bis zum Larcomar. Dieses Einkaufs- und Vergnügungszentrum wurde in die Klippen der Steilküste gebaut.  An schönen Tagen rauschen Gleitschirmflieger vorbei. Wir schauen noch schnell in die Schaufenster der  Alpaka-Läden  und joggen dann  2,5 km  in nordöstlicher Richtung am Steilufer entlang bis zum Parque Maria Reiche.  Am rot-weißen Leuchtturm La Marina übt eine Yogagruppe Simultanbewegungen. Ein Mädchen in coolem Designer-Sportdress  lächelt  in das Smartphone ihrer Begleiterin.  Auf Facebook werden die Aufnahmen ihre Wirkung nicht verfehlen.

In den angrenzenden Tennisanlagen ist Hochbetrieb. Balljungen heben die Bälle auf, eine bei uns aus der Mode gekommene Annehmlichkeit. Wir passieren einen Kinderspielplatz, auf  dem sich nur Hunde tummeln,  ein paar Ecken weiter tanzt eine Gruppe zu Salsa aus dem Kofferradio.  Schließlich passieren wir Blumenbeete, die in merkwürdigen Schlangenlinien angelegt sind.  Mit diesem Park wird an die  deutsche Archäologin und Mathematikerin Maria Reiche erinnert, die sich um die Erforschung  der riesigen Wüstenzeichnungen bei Nazca im Süden Perus  verdient gemacht hat.

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Wir verlassen den Pazifik und biegen nun rechts ab in die Calle Toribo Pacheco. In leichtem Anstieg laufen wir wieder in die Stadt hinein. Indios putzen die Glasfassaden eines Hochhauses. Sonst sieht man sie in diesen Stadtteilen Limas nicht. Und doch wirkt Miraflores hier ein Stück bodenständiger.  Kleine Läden an der Ecke, Handwerksbetriebe und Autowerkstätten prägen das Bild. Wir laufen quer durch einen Park, der nach dem Musiker Baden Powell benannt ist, obwohl brasilianische Rhythmen diesseits der Anden weniger populär sind. Auf der eleganten Avenida Los Conquistadores warten Designerläden und edle Haar- und Nagelstudios auf die zahlungskräftigere weibliche Kundschaft. Wie überall, sind auch in Lima die Frauen gerne schön.

Über die Calle Puerto de Palos gelangen wir schließlich in den Parque Olívar.  Mitten in der Stadt steht hier ein über 400 Jahre alter Olivenhain. Rentner und Jogger mögen die entspannte Atmosphäre des Parks.  Auf der Ave.  Sta. Cruz passieren wir stilvolle Stadtvillen. Davor parken schwarze Limousinen.  Mit Tradition und Elan geht Lima modernen Zeiten entgegen.

Edinburgh, Schottland: Machtkämpfe, Blut und Dudelsack

Rundstrecke: Nicholsons Square (Old Town), Marshallstreet, Potterrow und Lothian Street über Fußgängerweg, Bristo Place, Candlemaker Row, Grassmarket, über Treppen und Fußgängerweg hoch zum Edinburgh Castle, Royal Mile über 1,6 km den Hügel talwärts über Castlehill, Lawnmarket, High Street, Canongate, North Bridge bis zum Scottish Parliament, Abstecher zum Palace of Holyroodhouse, dann Fußgängerweg am Parlament rechts vorbei, Queens Drive am Fuße des Holyroodhouse Park, über einen Steig auf die St. Leonhards Lane und über Rankeillor Street, Clifford Park, Buccleuchstreet, über den Moscheeplatz zurück auf den Nicholson Square. 5,2 km, etliche Höhenmeter auf z.T. steilen Auf- und Abstiegen.
01 Laufstrecke Edinburgh Mai 2016

Unser Lauf durch die Altstadt Edinburghs führt uns durch fast 500 Jahre wechselvoller Geschichte. Wir laufen steile Passagen auf und ab durch Ober- und Unterstadt und passieren Orte, die uns an Mord und Totschlag, Liebe und Eifersucht sowie an Macht- und Religionskämpfe erinnern. Wir erleben die Anfänge moderner Stadtentwicklung und begegnen Adam Smith, dem Autor von „Der Wohlstand der Nationen“.

Wir beginnen unseren Rundlauf am Nicholson Square in der Old Town, gleich neben dem „Aroma Cafe & Mosque Kitchen“ unweit der zentralen Moschee von Edinburgh.  Dies ist ein multikulturelles Viertel mit indischen, koreanischen, libanesischen, türkischen Kneipen, Läden von Lidl, der britischen Tesco Metro Kette und einem chinesischen Supermarkt.  „Ebony Ivory“ bietet Afro Hairstyling an und bei  „Eva’s Hair and Salon“ gibt’s die europäische Variante.

Über Potterrow , Lothian Street und Bristo Place laufen wir am Campus der University of Edinburgh und dem weitläufigen National Museum of Scotland vorbei.  Das Viertel atmet Tradition, auch wenn auf der Candlemaker Row heute keine Kerzen mehr gegossen werden. Dafür liegen in esoterischen Buchhandlungen Titel wie „Is Killing People Right?“ in den Schaufenstern.  Die Frage ist so abwegig nicht, denn in Schottlands Hauptstadt wurden Konflikte immer wieder blutig gelöst.  Notorisch war das  im 16. Jahrhundert.  Aus Schillers „Maria Stuart“ erinnern wir uns dunkel an die Hinrichtung der Mary Queen of Scots, nachdem sie den  Machtkampf mit ihrer Tante Elisabeth I., der Königin von England verloren hatte.  Lokale Chronisten berichten, dass der Scharfrichter mehrere Hiebe benötigte, bis der Kopf endlich rollte.  Aber auf unserem Lauf durch die Geschichte Edinburghs werden wir  erfahren, dass auch Mary kein Unschuldslamm war.  Die bisher letzte öffentliche Hinrichtung hat in Edinburgh übrigens vor gut 150 Jahren im Juni  1864 stattgefunden. Das lesen wir auf einer Gedenktafel auf dem Lawnmarket, einem zentralen Platz der Altstadt.

Maria Stuart kämpft
Die Candlemaker Row verläuft in einer leichten Linkskurve steil bergab in der Unterstadt bis auf den Grassmarket. Im Hintergrund eröffnet sich uns ein großartiger Blick auf das Edinburgh Castle. Es thront  hoch oben auf einem massiven Felsblock.  Wir laufen die Candlemaker Row hinunter und stehen nun  vor hohen Mauern aus unverputzten und  teils unbehauenen graubraunen Steinblöcken. Das wirkt wuchtig und ist bei regennassem nebligem Wetter auch ganz schön trist. Diese  fünf- bis sechsstöckigen Hochhäuser wurden schon im 17. Jahrhundert errichtet, um dem starken Bevölkerungszuwachs und den katastrophalen sanitären Verhältnissen Herr zu werden.  Edinburgh war  seinerzeit  eine der  am schnellsten wachsenden Städte Europas.

07 Hochhäuser

Heute reiht sich am Grassmarket eine Whisky-Kneipe an die andere. Am Abend muss man sich vor falschen Trinkfreunden in Acht nehmen. Denn viele missachten die goldene schottische Regel,  nach dem  10. Gläschen Schluss zu machen. Vom Grassmarket führt eine steile Treppe über die Castle Wynd South hoch hinauf zum Edinburgh Castle. Mehr keuchend als laufend gelangen wir auf den Vorplatz des Schlosses.  Näher kommen wir nicht heran, denn ein freundlicher Wachmann versperrt uns entschieden den Weg. Zu dieser Morgenstunde werden mit schweren Kränen die Tribünen für die Sommerfestivals aufgebaut.

Macht bestimmt Religion
Wir befinden uns nun am oberen Ende der sog. Royal Mile, die über 1,6 km vom Schloss bis hinunter  zum Palace of Holyroodhouse verläuft. Das ist jenes Schloss der Maria Stuart, in dem ihr eifersüchtiger Ehemann, der ehrwürdige Lord Darnley, ihren Privatsekretär und mutmaßlichen Liebhaber massakrieren ließ.  Die Rache blieb nicht lange aus, denn wenig später kam auch Darnley auf mysteriöse  Weise ums Leben.

Um diese morgendliche Zeit ist die Altstadt noch ruhig, und es ist augenscheinlich auch kein Blut geflossen. Die Schlösser und Museen haben noch  geschlossen und nur vereinzelte Tauben und Touristen trippeln  übers  nasse Kopfsteinpflaster. Wir laufen  auf der Royal Mile weiter den Hügel hinunter und genießen die frische Morgenluft und einen freien Lauf. Wenig später werden sich auf dem Lawnmarket zwischen den Statuen von David Hume und Adam Smith, Hunderte von Touristen vor Dudelsackspielern, Pantomimen, Schwertschluckern, japanischen Mandolinen Spielerinnen, Whiskyläden und Ständen mit karierten Kilts drängen.

Auf der Canongate verengt sich die Straße und wir stoßen regelrecht auf das alte Haus des streitbaren John Knox.   Der calvinistische Reformator setzte durch, dass der Presbyterianismus Staatsreligion in Schottland wurde. Damit war auch das Schicksal der Maria Stuart besiegelt. Denn Mary war katholisch und musste nun ihre Krone an ihren minderjährigen, aber nunmehr protestantischen Sohn abgeben.

Schottlands Denkerzellen 
Die Turmuhr der ehrwürdigen Toolboth Tavern, ein ehemaliges Zollhaus, zeigt inzwischen 8:15 Uhr.  Gleich daneben steht die Canongate Kirk. Rechts neben der Kirche das ehemalige Wohnhaus von Adam Smith, im Friedhof nebenan wurde der Moralphilosoph begraben. Ein paar hundert Meter weiter traben wir wieder in die Neuzeit  und stoßen auf den ultramodernen Bau des schottischen Parlaments. Seit dem unfreiwilligen Eintritt Schottlands  in das Vereinigte Königreich im Jahr 1707 sind sich Schotten und Engländer in herzlicher Abneigung verbunden. Doch erst 300 Jahre später haben sich die Kaledonier  jene Selbstbestimmungsrechte erkämpft, über die nun  im eigenen Parlament debattiert wird.  Der hinterlistige katalanische Architekt hat jedem Abgeordneten eine eigene Denkerzelle eingerichtet. Politische Entscheidungen wollen gut durchdacht sein.

02a Denkerzellen Parlament

Gleich hinter dem Parlament biegen wir rechts ab auf den Queen‘s Drive am Fuße des Holyrood Parks und laufen in leichter Steigung wieder Richtung Old Town. An den Abhängen des Hügels von Arthur‘s Seat blüht prächtiger gelber Ginster, doch der Felsgipfel bleibt im Nebel.  Am Queen‘s Drive ist an diesem Morgen viel Betrieb, die letzten Vorbereitungen für den  Edinburgh Marathon laufen auf Hochtouren. Außer Konkurrenz laufen wir fröhlich durch Start und Ziel, ermuntert durch lautstarke Rockmusik.  Nach einem knappen Kilometer auf dem Queen’s Drive erreichen wir  rechter Hand eine kleine Abzweigung und laufen über Treppen und Steige wieder in die Old Town hinauf. Ein paar Straßenecken weiter sind  wir wieder an der Edinburgh Moschee angelangt.  Es wirkt  friedlich in diesem bunten Altstadtviertel.  So als hätte es die ewigen Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen anglikanischer und schottischer Kirche nie gegeben.  Heute schlendert ein schwarzhäutiger Muslim über den Moscheevorplatz.

 

Reykjavik, Island: Kalter Wind, heiße Quellen, coole Kneipen

Rundstrecke: Der Lauf beginnt am östlichen Ende der Laugavegur, Reykjaviks zentraler Einkaufstrasse, Ecke Snorrabraut.  Auf der Laugavegur bis zur Skolavördustigur und dann links die Anhöhe hinauf zur Hallgrimskirkja Kirche. Von dort auf der Njardargata wieder hinunter bis zum Stadtpark. Im Park rechts stadteinwärts halten und über die Brücke (Skothusvegur) den Stadtweiher überqueren. Rechts auf der Tjarnargata und der Adalstraeti durch die Altstadt und dann halblinks auf der Tryggvagata bis zum alten Hafen laufen. Von hier aus rechts halten und den Fuß- und Radweg am Kai entlang bis zum Konferenzzentrum Harpa und weiter am Wasser entlang am Wikingerschiff vorbei bis zur Ecke mit Snorrabraut laufen. Von hier wieder stadteinwärts bis zur Laugavegur.  6,3 km.

  Reykjavik 6,3 km Stadtlauf

Wenn der Wind vom Polarkreis weht, wird es frostig auf Reykjaviks Straßen, auch, wenn die Sonne schon am frühen Morgen hoch am Himmel steht. Doch in der nördlichsten Hauptstadt der Welt bleibt die Innenstadt auch an Wintertagen schnee- und eisfrei, denn Häuser,  Straßen und Plätze werden ganzjährig mit erdwarmem Wasser beheizt. Vielerorts pufft heißer Dampf aus dem Boden. Island sitzt buchstäblich wie ein Kochtopf auf der Feuerstelle. Dank seiner Lage, genau auf dem Riff zwischen der euroasiatischen und amerikanischen Erdplatte, gibt es in Island mehr vulkanische Aktivität als irgendwo sonst auf der Welt – und damit unerschöpfliche Reserven geothermischer Energie.

Wir starten unseren Rundlauf durch die isländische Hauptstadt am östlichen Ende der Laugavegur,  Reykjaviks  zentraler Einkaufsstraße.  Zwei- und dreistöckige Häuser reihen sich aneinander, ansprechend gestrichen mit roter, grüner, blauer oder lavaschwarzer Farbe. Die Fensterrahmen sind in hübschem Farbkontrast gehalten. Street Art Künstler mischen das  Stadtbild auf. An einer Hauswand reitet eine attraktive Frauengestalt  im Kleinen Schwarzen auf hundeähnlichen Fabelwesen durch die Vollmondnacht. Auf Gitterstäben sind einzelne Handschuhe aufgespießt. Single gloves speed dating hat jemand dazu  geschrieben.  In den  Läden werden Lopapeysa, die typischen Islandpullover aus dunkler Lammwolle mit hellen Strickmustern verkauft.  Gefühlt jedes dritte Altstadthaus entpuppt sich später am Tag als Bar, Restaurant oder Musikkneipe. Kurz vor Mitternacht, wenn es allmählich dunkel wird, wird es hier richtig lebhaft.  Björk, Sigur Rós, Of Monsters and Men sind nur einige der isländischen Poplegenden, die ihre Karriere in den Altstadtkneipen von Reykjavik begonnen haben und heute über 100 Millionen Mal auf YouTube angeklickt werden.

Die Hälfte aller 330 Tausend Isländer lebt in Reykjavik. Ein kleines Land, das es zu beträchtlichem Wohlstand gebracht hat. Doch wir laufen auch an vereinzelten Bauruinen vorbei, die an die bitteren Jahre der Bankenkrise erinnern. Inzwischen erlebt Island dank einer boomenden  Tourismusindustrie einen beeindruckenden Wiederaufschwung.

 Raumfähre mit Orgelpfeifen
Nach einem knappen Kilometer auf der Laugavegur biegen wir links ab auf die Skolavördustigur und laufen den Hügel zur Hallgrimskirkja  hinauf. Diese weithin sichtbare Kirche ist das Wahrzeichen der Stadt.  Aus hellem  Stein erbaut, mutet sie wie eine Kreuzung aus NASA Raumfähre und spitz zulaufenden Orgelpfeifen an. Vor der Kirche steht die mächtige Statue des Leifur Eiricsson. Das ist jener Wikinger,  der bereits um 1000, also lange vor Kolumbus, amerikanisches Festland entdeckte und ihm den Namen Vínland gab. Vom Platz vor der Hallgrimskirkja gönnen wir uns einen wunderbaren Blick auf die Stadt. Die Luft ist so klar, dass wir weit über den Nordatlantik und die umliegenden schneebedecken Berge und Gletscher sehen können.

Auf der Njardargata laufen wir durch adrette Wohnviertel recht steil wieder den Hügel hinunter, durch den Stadtpark hindurch und an einem Weiher entlang wieder in die Altstadt. Der zentrale Austurvöllur  Platz war bis zum 18. Jhd. Schafweideland. Heute steht hier die sogenannte Kathedrale, ein einfacher Bau, der mit der Bescheidenheit einer Dorfkirche daherkommt.  Durch die Altstadt hindurch joggen wir auf der Adalstraeti an Reykjaviks ältestem Gebäude, einem bunt bemalten Holzhäuschen, vorbei. In wenigen hundert Metern sind wir dann am alten Hafen angelangt. Islands Fischereiflotte mit den umstrittenen Walfangbooten ankert längst außerhalb der Stadt. Aber hier am alten Kai bieten die Boote ganz harmlose Whale Watching Fahrten an.  Im Kneipengewirr des Old Harbour liegt auch die blaue Baracke des Café Haiti. Der Name wirkt am 64. nördlichen Breitengrad reichlich exotisch. Doch die Wirtin Elda hat sich in Reykjaviks Kneipenszene mit herausragendem Kaffee aus ihrer Heimat einen Namen gemacht.  Ihr isländischer Ehemann verkauft dazu heimische Fischsuppe mit Bier für 20 Euro. Das ist in Island kein überhöhter Preis. Doch zum Glück kann man auf der Insel alles – auch den Toilettenbesuch – mit Kreditkarte bezahlen.

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Gleich neben dem alten Hafen liegt das Harpa. Reykjaviks supermodernes Konferenz- und Konzertgebäude beeindruckt mit raffiniert ausgetüftelter Glasfassade, in der sich allabendlich bunte Lichter widerspiegeln.  Wir laufen weiter entlang des Fußgängerwegs an der Uferstraße namens Saebraut.  Noch ein paar hundert Meter weiter und wir gelangen zu einer besonderen Sehenswürdigkeit der Stadt:  Silbrig-gelb leuchtet ein metallenes stilisiertes Wikingerschiff in der Morgensonne. In der Ferne  stürzen Bergabhänge ins Meer.  Seevögel fliegen lautlos vorüber. Und ganz allmählich und unaufdringlich mischen sich die Geräusche des beginnenden Morgenverkehrs in das leise Klatschen der Nordmeerwellen.

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Washington D.C., USA: Auf der Suche nach dem besten Präsidenten

Rundstrecke: Vom Lafayette Square gegenüber dem Weißen Haus über die 15th Street bis zum Washington Monument auf der National Mall, rund um das Tidal Basin und an verschiedenen Gedenkstätten vorbei bis zum Lincoln Memorial. Über die 21th Street in nördlicher Richtung zum Außenministerium und zur George Washington Universität. Über die G Street  in die 19th Street und zwischen den Gebäuden von IWF und Weltbank hindurch. Über die H Street auf die Pennsylvania Avenue und zurück zum Weißen Haus und Lafayette Square. 8,2 km.

Washington DC Lauf 8,2km

Unser morgendlicher Lauf durch die Hauptstadt beginnt mit dem Blick auf den berühmten Regierungssitz und seinen weißen Säulen am Lafayette Square.  Es ist Mitte April. Die Temperaturen  liegen deutlich unter der Behaglichkeitsgrenze,  die man für gewöhnlich zu Zeiten der Kirschblüte antrifft.  Aber in der US-Hauptstadt  ist in diesen Tagen wenig  gewöhnlich.  Das Klima hat die japanischen Kirschbäume schon im März erblühen lassen und stattdessen im April den Schnee geschickt.  Und im Lande tobt ein Vorwahlkampf um die Präsidentschaft, der  angesichts der dargebotenen Geschmacklosigkeiten selbst langjährigen Beobachtern schlaflose Nächte bereitet.

Vier Männer und eine Frau streiten sich, wer im Januar 2017 als neuer Chef ins Weiße Haus einziehen darf.  Wird es der raubeinige Donald Trump, der gegen das Washingtoner Establishment Sturm läuft, aber gleichzeitig als Bauunternehmer das historische Postamt der Hauptstadt zu einem Hotel umbauen lässt?  Oder wird es die wenig beliebte,  aber  in Washington und an der Wall Street bestens vernetzte Hillary Clinton?

Die Pennsylvania Avenue ist vor dem  Amtssitz des noch amtierenden Präsidenten  aus Sicherheitsgründen für den Durchgangsverkehr gesperrt.  Jetzt sind hier nur Jogger und Sicherheitskräfte auf Fahrrädern unterwegs.  Ein einsamer  Friedensaktivist  harrt in seinem kleinen  Zelt  direkt gegenüber dem Präsidentensitz  aus.

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Am Weißen Haus und der Treasury  vorbei  laufen wir die  15. Straße hinunter.  Über einem wärmenden Belüftungsschacht schläft ein Obdachloser.  Bald  sind wir auf der National Mall  angekommen. In diesem weitläufigen Park inmitten des Regierungsviertels begegnen wir  den Gedenkstätten vieler großer Präsidenten.  Zunächst geht es auf eine Anhöhe in der Mitte der Mall  zum Washington Monument.  Der große weiße Obelisk  erinnert – ebenso wie der Name der Hauptstadt – an den ersten Präsidenten der USA.  Er  ist umringt von 50 US-Fahnen, eine für jeden Bundesstaat.  Das Bauwerk ist zugleich städtebauliche  Orientierungsmarke:  Kein  Gebäude der Hauptstadt darf höher als das Washington Monument  sein. Inzwischen biegen die ersten Morgenflieger  mit leisem Dröhnen in einer scharfen Linkskurve über der Mall zum National Airport ab. Der Hauptstadtflughafen wurde  nach dem Altpräsidenten Ronald Reagan benannt, der während seiner Amtszeit mit großem Glück ein Attentat unweit des Weißen Hauses überlebte.

Über dem Tidal Basin,  dem Teich zu Füßen des Jefferson Memorials,  nähern sich im Tiefflug zwei große Helikopter mit der Aufschrift United States of America.  In einem  könnte Barack Obama sitzen, denn mit dem Präsidenten sind  aus Sicherheitsgründen stets mehrere Transportmittel gleicher Bauart unterwegs.

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Ein ehrgeiziger Jogger hüpft mit zwei Beinen gleichzeitig die mächtigen Stufen zum Tempel des Lincoln Memorial hinauf.  Wir traben  dagegen weiter zum Vietnam Veterans Memorial. Schwarzpolierte Granitplatten sind  in der Form eines weit geöffneten  V  in den Boden eingelassen.  Auf dem Stein sind die Namen der  60 Tausend  in Vietnam  gefallenen  US-Soldaten eingraviert.  Plötzlich werden wir  von einem  Veteranen mit erhobenen Armen gestoppt. Er fordert uns  auf,  gemessenen Schrittes durch die Gedenkstätte   zu schreiten.  40 Jahre nach Kriegsende ist das Trauma immer noch da.

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Zurück zur Innenstadt laufen wir an der Albert Einstein Statue und über die 21. Straße  am Department of State vorbei.  Wir durchqueren das Viertel Foggy Bottom mit seinen schmucken roten Backsteinhäusern  und laufen durch den Gebäudekomplex der  George Washington Universität. Schließlich nähern wir uns  den Schwergewichten der Bretton Woods Institutionen beidseitig der 19. Straße. Hier der Glaspalast der Weltbank, dort der wuchtige Bau des Internationalen Währungsfonds.  Beide Häuser richten in diesen Tagen  ihre gemeinsame Frühjahrstagung  aus,  zu der die Finanzminister der fast  190 Mitgliedsländer  zusammen kommen.  Ein Taxifahrer wird später fragen,  ob es stimme, dass Weltbank und  IWF an allen Übeln der Welt schuld seien.  Für die Rolle des Sündenbocks sind beide Häuser tatsächlich gut geeignet.  Zu dumm, wenn es sie nicht mehr gäbe.

Washington, im April 2016

Nassau, Bahamas: Unter Touristen und Piraten

Strecke: Strandlauf an der Cable Beach bei Nassau, Providence Island, rd. 5 km

Auf der Insel New Providence mit der Hauptstadt Nassau, die ihren Namen einem englischen König aus Hessen-Nassau verdankt, leben die meisten der rd. 350.000 Menschen des Commonwealth of the Bahamas.  Sportsfreunde  wissen, dass der Inselstaat  auch unglaublich schnelle Läufer hervorbringt. Wenn man Glück hat, begegnet man ihnen beim morgendlichen Strandlauf, denn  bei Sonnenaufgang und gut 20 Grad Celsius herrschen dann die besten Laufbedingungen.

Niemand weiß genau, warum ausgerechnet die staubige Tiki Bikini Hut zu den touristischen Highlights  von Nassau gehört. Der Strandschuppen wirbt mit  dem Angebot von  „4 SANDS & 4 shots“, also je vier Gläser Bier und Schnaps für  9,99 Dollar. Karibik Songs mit Steeldrum Sound  dröhnen aus den Lautsprechern der Bar,  Touristen lümmeln sich in Liegenstühlen.  In Sichtweite ankern  die Ozeanriesen, die jeden Tag Tausende von sonnenhungrigen Touristen an Land spülen.

Kolumbus wusste übrigens nicht, dass er die Bahamas entdeckt hatte,  als er 1492 vor dem Eiland San Salvador die Anker warf.  Über Jahrhunderte haben die berüchtigten Piraten der Karibik die 700 Inseln  als Zuflucht  und Operationsbasis genutzt. Spätestens mit  dem  Einsatz von  Johnny Depp  ist dieser Berufszweig  salonfähig geworden. Im Museum  „Pirates of Nassau“  wird das  anschaulich  dargestellt. Tatsächlich gelten die Bahamas, unweit der Küste Floridas gelegen, bis heute  als wichtige Drehscheibe für den illegalen Waffen- und Drogenschmuggel  in die USA. Wer nicht schmuggelt, lebt vom Tourismus oder von anderen Dienstleistungen.  Denn die Steuerfreiheit  lockt auch viele Offshore Banken und Briefkastenfirmen auf die Inseln.  Und über allen thront die Queen.

Mein Laufrevier ist die Cable Beach, ein rd. 5 km langer Strandbogen, östlich von Nassau gelegen. Hier findet man die Karibik aus dem Bilderbuch.  Das helle Licht mit dem Spiel der Farben von Sand, Wasser, Himmel und Wolken, die Gerüche von Salzwasser und Tang,  angenehme Temperaturen und die sanften Geräusche der Wellen und Palmenblätter, die sich wie langes Haupthaar im Wind wiegen.

Doch Tourismus ist in Wahrheit ein knallhartes und hoch kompetitives Geschäft. Rund 5-6 Millionen Gäste kommen jährlich auf die Bahamas, die meisten  aus den USA.  Sie erwarten tadellose Hotels und durchgebratene Hamburger, entscheiden sich aber vielleicht schon morgen, das nächste Mal nach Kuba zu fahren.

Ich starte meinen Lauf am Strand vor dem Breezes Resort, ein bei  Springbreak Studenten besonders beliebtes Hotel.  Personal und Animateure verbreiten Tag und Nacht Partystimmung.  Gleich neben dem Breezes liegt das riesige Areal des neu erbauten Baha Mar Resort. Doch kurz vor Eröffnung  ist dem  Bauherrn das Geld ausgegangen.  Die chinesische Bank, die das Megaprojekt finanziert hat, sucht nun einen neuen Käufer. Auf dem Strand vor dem Baha Mar lässt jemand eine Drohne steigen.  Von da oben wird man ganz gut überblicken können,  wie viele Milliarden  in den Sand gesetzt wurden.

Das Meer hat Algen an den Strand geschwemmt. Strandläufer picken zwischen den Algenresten.  Mit  ihrem  braunschwarzen Gefieder laufen die kleinen Vögel  perfekt getarnt durch die Algenbündel.  Im Osten geht die Sonne langsam über den Türmen des Atlantis Resort auf Paradise Island auf.  Das Hotel erfüllt  viele Träume:  Palmenstrände, Vergnügungsparks und  Seewasserbecken, in denen man mit  Delphinen schmusen kann.  In den großen Kasinohallen  hat schon Sean Connery gepokert.  Doch an den Spieltischen kommt nicht wirklich James Bond Atmosphäre auf.  Die Gäste  zocken lieber in Shorts statt  im Smoking und schwenken zuckerfreie Cola statt Martini.

Am Horizont fährt ein Kreuzfahrtschiff in den Hafen von Nassau ein. Die Schiffe sind wie ein Fieberthermometer. Wenn sie ausbleiben, geht es der Wirtschaft schlecht. Doch wenn sie einlaufen, und das gleich mehrfach am Tag, dann füllen sich die Gassen und Läden und Kneipen, und das Urlaubsgeld sitzt locker.  Direkt am Kai lassen sich weißhäutige Frauen durch schwarzhäutige Frauen die für die Karibik typischen Haarfrisuren flechten.   Das Hard Rock Café Nassau ist  dagegen eher was für  Leute,  für die Klamotten mit dem  Aufdruck Hard Rock Café Nassau ein cooles Souvenir sind.

Das Laufen im weichen Sand ist anstrengend und schweißtreibend. Zeit zum Abtauchen ins türkisblaue  Wasser der Karibik.

Nassau, April 2016

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Amsterdam: Die offene Stadt der Brücken und Grachten

Rundstrecke:   Von dem „I amsterdam“  Schriftzug vor dem Rijksmuseum geht es über Paulus Potterstraat, Hobbemastraat, Stadhouderskade über die Brücke zum Leidseplein-Platz. Von hier rd. 700m stadteinwärts  zunächst links über die Lijnbaangracht und dann rechts über die Leidsegracht bis zur Herengracht. Nun links rd. 600m an der Herengracht entlang, dann rechts in die belebte Raadhuisstraat. Über Brücke und Ampel links in die Singelgracht und auf dieser rd. 400m entlang bis zum Blouwburgwal. Rechts ab über knapp 1 km durch das Gassengewirr der Altstadt: Durch den Lijnbaachsteeg bis zum Nieuwezijds Voorburgwal; über diese verkehrsreiche Straße hinweg in den Dirk van Hasselsteeg;  links auf die Einkaufsstraße Nieuwendijk und nach kurzer Strecke rechst in den Oudebrugsteeg;  auf dieser Gasse über die zentrale Verkehrsstraße Damrak hinweg bis zur Warmoesstraat und dann rechts durch die Lange Niezel  bis zur Ouderzijds Vorbugwal; links an der Gracht entlang bis zum Oudekerkplein und entgegen dem Uhrzeigersinn um die Oude Kerk herum. Dann wieder stadtauswärts auf dem Ouderzijds Vorbugwal rd. 600m bis zum Grimburgwal. Über diesen links herum über zwei Brücken und über die Binnengasthuisstraat durch das Gelände der Universität Amsterdam. Dann rechts auf die Nieuwe Doelenstraat und über die Rokinbrücke zum belebten Muntplein Platz. Über die Reguliersbreestraat auf den Rembrandtplein. Stadtauswärts über die Thorbeckplein bis zur Herengracht. Jenseits der Brücke rechts rd. 400m entlang der Herengracht und dann links in die  Nieuwe Spielgestraat. Nun in  gerader Strecke 800m Richtung Rijksmuseum, das Gebäude durchqueren und bis zu „I amsterdam“  durchlaufen.  Innenstadtstrecke über 6 km.

Amsterdam 6km Innenstadtlauf

Betreten ist ausdrücklich erlaubt. Der rot-weiße „I amsterdam“ Schriftzug  im Amsterdamer Museumsviertel ist das vielleicht beliebteste Fotomotiv der Stadt. Besucher dürfen nach Herzenslust auf  und zwischen den Buchstaben herum klettern und lassen sich dabei liebend gern fotografieren.  So tragen jedes Jahr  Millionen von Touristen aus aller Welt das liberale Image Amsterdams mit nach Hause. Ein wahrer Geniestreich der Leute vom Stadtmarketing!

Auch wir starten von hier aus unsere frühmorgendliche Joggingrunde durch die Amsterdamer Altstadt. Wir erleben eine Stadt, die es mit Gemeinsinn, Weltoffenheit und Toleranz  sowie mit beträchtlichem  Reichtum  aus dem Kolonialhandel geschafft hat,  das  Zusammenleben ihrer Einwohner  aus vieler Herren Länder über Generationen hinweg  friedlich zu gestalten und zwischen kulturellen und politischen Gegensätzen  immer wieder Brücken zu bauen.

Aus Südwesten nähern wir uns dem Grachtengürtel, der sich wie ein Spinnennetz um den Altstadtkern spannt. Der weitläufige Leidseplein-Platz, früher ein Pferdedroschkenplatz für Reisende aus Leiden, ist heute ein beliebtes Zentrum für Nachtschwärmer und Straßenkünstler.  Am Morgen aber bestimmen Müllabfuhrleute und Bierlieferanten das Geschehen.  Möwen picken an einem Müllsack.  Ein Trupp übernächtigter Männer  läuft schwankend durch die Straßen.  In bester Lage hat ein Applestore eröffnet, einer jener exklusiven,  ganz in weiß gehaltenen Verkaufsräume des Elektronikkonzerns aus Kalifornien. Gerade einmal  40 Jahre hat Apple gebraucht, um mit innovativer Datenverarbeitung zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufzusteigen.

Amsterdam blickt demgegenüber auf 400 Jahre Geschichte zurück.  Zu den reichsten Unternehmen des sogenannten Goldenen Zeitalters im  17. Jahrhundert  gehörten die Ost- und Westindischen Handelskompanien. Sie monopolisierten im berüchtigten Dreieckshandel den Güter- und Sklavenverkehr mit den Kolonialgebieten in Afrika, Asien und Amerika  und haben damit auch Amsterdam zur reichsten Stadt der Welt gemacht.

Über die Leidsegracht überqueren wir Prinzen- und Kaisergracht und gelangen in die Herrengracht,  seit je her Amsterdams beste Geschäftsadresse.  Augenfällig ist die variationsreiche Baukunst der Häuser. Auch die elegantesten Gebäude, drei- bis vierstöckig und auf engem  Raum in Reihenbauweise errichtet,  stehen mit großen einladenden Fenstern direkt an der Straße und wirken so für jedermann offen und  zugänglich.  Schützende Zäune, Mauern oder Vorgärten kennt man im Grachtenviertel  nicht.  Straßen und Bürgersteige  sind mit rotem Backstein gepflastert,  das feine Fischgrätenmuster begleitet uns durch die ganze Innenstadt.  Unzählige Fahrräder säumen den Weg. Findige Statistiker haben ermittelt, dass die Zahl der Räder jene der Einwohner bei weitem übersteigt und in keiner anderen Stadt so viele Hausboote vertäut in den Grachten liegen.

Ich laufe um ein großes Transportfahrrad herum und beobachte Arbeiter eines Umzugsunternehmens, die mit Hilfe von Sack und Seilwinde schweres Mobiliar durch ein schmales Fenster bugsieren.  Jogger kommen entgegen, Möwen kreischen über dem Wasser,  Mopeds  brummen vorüber,  auf der Raadhuisstraat quietscht eine Straßenbahn um die Kurve.

Wir laufen nun auf den massiven klassizistischen Bau des königlichen Palais zu. Gleich daneben die Nieuwe Kerk,  die Krönungskirche aus dem 15. Jahrhundert.  Weil sie für diesen Zweck nur selten genutzt wird, beherbergt sie Gemäldeausstellungen. Es gehört zum freiheitlichen Selbstverständnis dieses Landes, dass Kirchen auch weltlich genutzt oder gänzlich säkularisiert werden, wenn die Gläubigen ausbleiben.

Über die Singelgracht, einst mittelalterlicher Festungsgraben, joggen wir bis zum Blouwburgwal  und biegen in das Gewirr der Altstadtgassen ein. Hier stehen charmante Altbauten aus dem 16. Jhd. neben modernen Konsumtempeln,  wie sie in ihrer immer gleichen Aufmachung in jeder Großstadt anzutreffen sind.  Jenseits der Damrak Straße verdichtet sich das Angebot erotischer Unterhaltung. Die liberale Prostitutionspolitik hat in diesem ältesten Teil der Stadt eine ganze Industrie entstehen lassen. Das Ergebnis ist Geschmackssache. Kurz vor Ostern hocken scharenweise rosa Hasen mit erigiertem Penis in den Auslagen. Rund um die Oude Kerk, die  älteste Kirche der Stadt, stehen die schmalen  Schaufenster der käuflichen  Damen um diese Zeit dagegen noch leer.  Auf einem Schild steht „Creative space“. Aber morgens  ist tote Hose im Rotlichtmilieu. Von vier bis acht Uhr herrscht nämlich Prostitutionsverbot. Eine Frau lüftet ihr Bett. Gleich daneben öffnet ein kommunaler Kindergarten.

Auch die Coffeeshops, die dank liberaler Drogenpolitik Gras statt Getränke verkaufen, sind zu dieser Morgenstunde noch geschlossen. „The Bulldog“, ein Laden mit großflächiger Graffiti-Bemalung  in der Ouderzijds Vorbugwal, ist ein erfolgreicher Pionier dieser Branche. In den siebziger Jahren aus einem Sexshop heraus gegründet,  gibt es inzwischen etliche Bulldog-Filialen. Das Unternehmen bietet nun auch einschlägige Raucherprodukte über sein Online-Merchandising an.

Wir verlassen die Vergnügungsmeile und laufen entlang der Gracht am Ouderzijds Vorbugwal  in südlicher Richtung  bis zum Grimburgwal.  Hier stoßen gleich drei Kanäle aufeinander, was die Grachtenboote zu besonders vorsichtigen  Manövern zwingt. Jenseits des Wassers liegen die Gebäude der Universität von Amsterdam,  eine der ältesten und größten Lehrstätten der Niederlande. Studiert wird aber auch hier erst später am Tag. Durch das Unigelände hindurch gelangen wir auf den belebten Muntplein-Platz. Rad- und Autoverkehr werden dichter, Straßenbahnen klingeln sich den Weg frei. Am benachbarten Bloemenmarkt ziehen die Verkäufer die Rollläden hoch. Wer Tulpenzwiebeln kaufen will, ist hier richtig. Wer Marihuanasamen sucht, wird ebenfalls fündig.

Wir laufen am Tuschinski Filmpalast vorbei. In dem prächtigen Art-déco-Bau aus den 1920er Jahren kann man in eindrucksvoll plüschigem Ambiente Kino, Cola und Popcorn genießen. Durch das Spiegelquartier mit seinen anregenden Kunstgalerien und Antiquitätengeschäften geht es nun im bedächtigen Endspurt zurück zum schon aus der Ferne gut sichtbaren Gebäude des Reichsmuseums.

Die großen Buchstaben von „I amsterdam“ werden inzwischen von asiatischen Frühaufstehern in Beschlag genommen.  Die ersten Selfies sind im Kasten.  Die Blumenbeete sind an diesem kühlen Märzmorgen indes noch nicht  auf Touristen eingestellt. Erst später im April werden hier die Tulpen blühen.   Das Wort Tulpe kommt wegen der Form von Turban, und ihre Ursprungszwiebel  stammt aus der Türkei.  Es passt ins liberale Bild der Niederlande,  dass diese Königin aller holländischen Zwiebelgewächse einst eine Einwanderin war.

März 2016

amsterdam mit laufschuhen 4

Rio de Janeiro, Brasilien: Körperkult an der Copacabana

Strecke: Ein guter Ausgangspunkt ist der Stadtteil Leme, am westlichen Ende der Copacabana Bucht gelegen. Die Laufroute führt über die gesamte Länge des sichelförmigen Strands. Hin und zurück über jeweils  4,5 km kann man diese Strecke  über den separat angelegten Fahrradweg oder am Strand selbst zurücklegen.  Ca. 60 Minuten, inkl. Dehnübungen.  Wer verlängern will, läuft weiter zum ebenso bekannten Ipanema Strand.

Wer mit Jet Lag aus Europa nach Rio kommt, dem fällt es nicht schwer,  sich morgens um 6 Uhr vom dumpfen Schlag der Wellen auf den Strand der Copacabana wecken zu lassen.  Im brasilianischen Winter geht  jetzt  die Sonne auf.  Bei  gutem Wetter und Temperaturen um 18 Grad Celsius herrschen perfekte Laufbedingungen.

Vom Stadtteil Leme hat man schnell die Avenida Atlántica erreicht. Die  Uferpromenade ist über  4,5 km  im berühmten schwarz-weißen Wellenmuster gepflastert.  Dies ist Rios roter Teppich,  hier heißt es sehen und gesehen werden.  Am frühen Morgen sehen sich vorwiegend  die Hundebesitzer.  Parallel  zur Promenade verläuft der Fahrrad- und Laufweg, reserviert für die schnellere Gangart.  Wer hier  in die Spur kommt,  dessen Läuferherz ist fast schon im 7. brasilianischen Himmel angekommen.

Schnell reihen wir uns wie auf einer Perlenschnur in die Läuferkette ein. Hier ist jeder unterwegs.  Jung und alt, dünn und beleibt, schwarz und weiß und kaffeebraun.  Grelle Laufshirts, knappe  Hosen. Brasilien ist ein farbenfrohes Land mit einem leichten Trend zur Fettleibigkeit.

Der breite Sandstrand ist blitzsauber und noch fast menschenleer. Schlaftrunkene Gestalten schälen sich aus ihren Decken, Sonnenanbeter machen den Morgengruß, Muskelfreunde üben Liegestützen. Sportsfreunde bereiten Netz und Bälle für die erste Partie Futevolei vor,  ein Spiel mit Kopf und Fuß. Trainer legen Turnmatten und Geräte für die ersten Fitnesseinheiten des Tages aus.  Junge Männer schieben schwere Karren mit Strandstühlen und Sonnenschirmen herbei.  Rund um die knallgelben Bierbuden werden knallgelbe Tische und Stühle aufgebaut. Später am Tag bekommt man alternativ zum Bier Kokosnüsse gereicht, frisch mit der Machete aufgeschlagen.

Wir passieren die berühmten Sandburgen der Copacabana. Sie huldigen der Stadt, dem Strand, der Olympiade 2016 und Damenpopos in knappen Tangas. Während ihre Bauherren noch unter Kartons schlafen, steht  ein Kasten für’s Trinkgeld bereit.  Viele Menschen erfreuen sich an diesem berühmtesten  aller Strände,  etliche brauchen ihn zum Überleben.

Inzwischen sind wir am östlichen Ende der Bucht angekommen.  Weil das Meer an dieser Stelle ruhiger ist, gehen hier die Surfbrett-Paddler aufs Wasser.  Eine Gruppe durchtrainierter Frauen und Männer krault für Olympia.

Wir blicken zurück, direkt der aufgehenden Sonne entgegen. Langsam steigt sie zwischen den Inseln auf, die Rio vorgelagert sind. Der Zuckerhut  ist  noch von Nebelschwaden umhüllt.  Die ersten Flugzeuge umrunden ihn auf dem Weg zum Stadtflughafen.

Die Sonne glitzert auf dem Strand, eben noch von einer Welle überspült.  Der Sand ist hart und  fest, so dass wir direkt am Wasser zurücklaufen. Der  700m hohe Corcovado Felsen  mit der berühmten Christusfigur  ragt jenseits der Favelas auf.  Glücklich all jene, die dort oben nicht nur ein Selfie geschossen,  sondern auch ohne Wolken den einzigartigen Blick über Rio genießen konnten.

Die letzten Kilometer laufen wir durch den Stadtteil Leme parallel zur Uferstraße.  Hier  nimmt der Alltag der Cariocas seinen Lauf.  Straßenfeger und Müllabfuhr sind schon unterwegs,  Lieferwagen liefern Nachschub für die vielen kleinen Läden.  Ältere Herrschaften erledigen den Einkauf.  Verspätete Schulkinder rennen zum Schulbus.  In den Bars zeigen die Fernseher die  Fußballspiele von gestern, Männer schlürfen  den ersten Kaffee des Tages  und  reden über die Welt von morgen.

Die Zeitungen am Kiosk verkünden die Morgennachrichten. Die Folha de São Paolo, Brasiliens FAZ,  schreibt über Lava Jato, den nicht enden wollenden  Petrobras – Korruptionsskandal,  die Sportblätter über Siege und Pleiten der brasilianischen Selecao. Armes Land – reiches Land.  Die Menschen in Leme wirken zufrieden.  Und die Wellen schlagen in immer gleichem Rhythmus auf den Strand der Copacabana.

 

Melbourne, Australien: Herbstmorgen am Yarra-River und Victoria Harbour, Abendstimmung am Strand von St. Kilda

 

Strecke: Rundstrecke im Stadtteil Melbourne Central District, South Bank; Melbourne Convention and Exhibition Center (MCEC), Yarra Promenade (South Bank), South Bank Promenade, Capital City Trail, rund um die Royal Botanic Gardens, zurück am Yarra Ufer,  rd. 60 Minuten;  Varianten: MCEC, Webb Bridge über den Yarra River, Docklands Park zum Victoria Harbour und zurück, rd. 45 Minuten; in der Abenddämmerung entlang der Strandpromenade in St. Kilda zum historischen Leuchtturm.

Um 6:20 Uhr morgens ist Melbourne längst erwacht. Die Morgendämmerung an diesem schönen Frühherbsttag kämpft noch gegen die Nacht. Die letzten Nachtschwärmer verlassen das angesagte Kneipenviertel Fitzroy.  Die ersten Frühaufsteher sind schon auf dem Weg zur Arbeit. Vom Melbourne Convention and Exhibition Center kommend  geselle ich mich zu den Fahrradfahrern und Joggern, die nun die Wege entlang des Yarra Flusses, der die Stadt von Ost nach West durchquert, bevölkern.  Es ist genug Platz, doch ich stoße auf beharrlichen Gegenverkehr. Bis ich mich endlich als Geisterjogger entlarve und auf die linke Seite ausweiche. Denn in Australien gilt auch beim Joggen Linksverkehr. Hier an der South Bank ist das Ufer des Yarra gesäumt von Straßencafés und Restaurants, jetzt noch leer, doch später  gut besucht.

Nun kommt Leben in die Bootshäuser.  Behutsam werden Zweier-, Vierer- und Achterruderboote zu Wasser gelassen. Ein Mittfünfziger entschuldigt sich höflich, dass sein Boot den Laufweg versperrt. Jemand ruft Anweisungen durch ein Megafon: Ein Trainer treibt seine Bootsmannschaft den Fluss hinauf und radelt am Ufer nebenher. Auf der anderen Seite des Flusses liegt die Rod-Laver-Arena. Sie erinnert an den australischen Tennisspieler, der in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts zweimal alle Grand-Slam-Turniere gewann. Im Januar, wenn es in Europa zu kalt und in Melbourne richtig warm ist, werden hier die Australian Open ausgetragen.  In Deutschland hat man sich jüngst wieder daran erinnert. Denn für viele überraschend hat im Januar 2016 Angelique Kerber die begehrte Tennistrophäe gewonnen.

Vom Capital City Trail geht es jetzt rechts ab zu Melbournes beliebtester Joggingstrecke: 3,5 km rund um die Royal Botanic Gardens.  Nachts mit Beleuchtung. Elektronische Uhren zeigen wie schnell man ist.  Und Trinkanlagen retten vorm Verdursten. Auf dem Rückweg taucht auf der Nordseite des Yarra das Melbourne Sea Aquarium auf.  Hier sind einige der gefährlichen Krokodile zuhause, die an Australiens Küsten etliche Surfer auf dem Gewissen haben.

Melbourne hat seine erste Blütezeit dem Goldgräberboom des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Damals galten die Rechte der Aborigines, die seit vielen tausend Jahren diese Gegend bevölkerten, nicht viel angesichts der kolonialen Interessen der britischen Krone.  In den letzten Jahrzehnten hat die Stadt eine neue, diesmal asiatische Einwanderungswelle erlebt.  Um die kommunalen Einnahmen muss es gut stehen, denn die Stadt entwickelt attraktive Wohngebiete, stellt Kunst auf öffentlichen Flächen aus und fordert zur kostenlosen Nutzung des innerstädtischen Straßenbahnnetzes auf.

Es ist 6:20 Uhr am Abend. Die Sonne senkt sich in den Südpazifik. Die Kite Surfer am Strand von St. Kilda rollen ihre Schirme ein, die letzten Sonnenstrahlen spiegeln sich in den Hochhäusern von Melbourne wieder.  An der Mole unterm historischen Leuchtturm kommen die Zwergpinguine von ihren Tagesausflügen zurück.  Einer hat sich nicht rechtzeitig verkrochen. Über zwanzig Objektive sind gnadenlos wie Maschinengewehre auf ihn gerichtet. Ratatatatatat. Der kleine Zwergpinguin flattert aufgeregt mit den kleinen Flügeln. Er dreht sich auf der Stelle und weiß nicht wohin. Seine Kumpel haben sich schon längst unter dem  Holzsteg vor den neugierigen Touristen in Sicherheit gebracht.

Santiago de Chile: Ein Lauf durch die Großstadt hinter den Anden

Rundstrecke: Von der Plaza Baquedano durch den Parque Forestal parallel zum Rio Mapocho talwärts in Richtung Stadtzentrum bis zum Museo de Bellas Arte. Von dort Abstecher auf der Straße J.M. de la Barra zum Cerro Sta Lucia mit schönem Blick über Stadt und Anden (der Sta Lucia Park öffnet erst ab 9 Uhr). Durch den Parque Forestal wieder zurück zum Plaza Baquedano und weiter ansteigend parallel zum Rio Mapocho im Parque Balmaceda bis zur Av. Huelen (von hier kann der Lauf flussaufwärts beliebig weiter in die Stadtviertel Providencia und Las Condes verlängert werden.) Von der Av. Huelen wieder zurück zur Plaza Baquedano. Von hier führt eine weitere Variante in südlicher Richtung in den Parque Bustamante. Einfache Rundstrecke: rd. 45 Minuten.

Im Herzen von Chiles Hauptstadt Santiago geht es rauf oder runter. Entweder bergauf Richtung Anden oder hinunter ins Tal Richtung Pazifik. Autofahrer nutzen die nach dem Staatsgründer benannte zentrale Verkehrsader Bernardo O’Higgins. Fußgänger, Läufer und Radfahrer orientieren sich indes am Rio Mapocho, der von den Anden herunter quer durch die Stadt fließt. Mit dem Gefälle von den Anden zum Pazifik verändern sich die Stadt und ihre Sozialstruktur. Oben moderne Wolkenkratzer, Shoppingcenter und vornehme Wohnviertel, unten Altstadt, Markthallen und Sozialwohnungen.  Wer oben residiert, hat andere Sorgen als die Menschen unten.

Wir starten unseren Lauf auf mittlerer Höhe – sozial und geographisch. Von der Plaza Baquedano (besser bekannt als Plaza Italia) kommend  traben wir zunächst talwärts  einen guten Kilometer durch den schön angelegten Parque Forestal, dem zentralen Stadtpark Santiagos. Gleich zu Beginn stoßen wir auf die Fuente Alemana. 1912 wurde die große Brunnenskulptur  von deutschen Einwanderern anlässlich des 100. Jahrestages der Unabhängigkeit Chiles gestiftet. Begleitet von einem mächtigen Adler segelt ein muskulöser Germane über die Wellen und trifft auf chilenische Robben. Ein großes Kunstwerk seiner Zeit. Heute fegen haitianische Gastarbeiterinnen in knallgelben Overalls die Wege rund um den Brunnen.  Ein Stück weiter im Park findet sich eine kleine Siedlung von Hundehütten.  Santiago hat ein Herz für seine freilaufenden Vierbeiner.

An der Av. Jose Miguel de la Barra angekommen, sehen wir auf der Straßenseite gegenüber den prächtigen klassizistischen Bau des Museo de Bellas Artes, gleich dahinter das Museum für Moderne Kunst.  Wir merken uns das für einen späteren Besuch und halten uns rechts in Richtung Cerro Sta Lucia. Das ist ein 70 Meter hoher Hügel, auf dem einst die Stadt Santiago gegründet wurde.  Wer zu Öffnungszeiten des Parks kommt, genießt in dieser grünen Oase die spürbar frischere Luft und die gute Aussicht auf die Berge.

Wieder zurück aus der Innenstadt und auf nunmehr ansteigendem Gelände überqueren wir den Plaza Baquedano. Dies ist einer der belebtesten Orte der Stadt. Abends kreuzen hier die Menschen auf dem Weg  ins Kneipenviertel Bellavista, morgens schlurfen sie müde zurück. Hier werden die Siege der chilenischen Nationalelf gefeiert, und es wird für gerechtere Bildungschancen demonstriert. Sicherheitshalber steht schon früh morgens ein Mannschaftswagen der Militärpolizei bereit. Heute stellt das im demokratischen Chile keine Bedrohung mehr dar. Ambulante Verkäufer pressen frische Orangen aus,  Hunde laufen bei Rot über die Straße und Polizisten versuchen dennoch den Verkehr zu regeln. Abgasgeruch dringt in die Nase.

Entlang des Flusses laufen wir weiter durch den Parque Balmaceda. Eine steile Fußgängerbrücke führt über den Mapocho. Verliebte Paare hängen hier ihre Schlösser ans Geländer. Es ist gut, dass sich die Menschen auf dieser Brücke lieb halten, denn das Geländer ist gefährlich niedrig. Der Blick von der Brücke ist großartig. Vor dem Hintergrund der  verschneiten  Anden ragt Südamerikas höchster Wolkenkratzer hervor.  Der Costanera Tower wurde noch vor der Finanzkrise von einem deutschstämmigen Investor in Auftrag gegeben, blieb dann lange unvollendet und hat inzwischen die endgültige Höhe von 300 Meter erreicht. Einheimische erzählen aber, dass das Bürogebäude großenteils leer steht.

Jenseits der beliebten Shopping Malls sorgen Wasser und Kupfer für das Wohl und Wehe der Chilenen. Das Wetterphänomen El Niño hat lange für Trockenheit gesorgt, im chilenischen Winter aber die Schneehöhen auf den Bergen wieder ansteigen lassen. Das ist gut für die Trinkwasser- und Stromversorgung, denn mit dem Klimawandel gehen die Wasserreserven in den Gletschern seit Jahren zurück. Die Tagespresse berichtet, dass die Kupferpreise einen neuen Tiefstand erreicht haben. Das ist nicht gut für Chile, denn das Land ist weltgrößter Kupferexporteur, und die Einnahmen aus dem roten Metall garantieren viele Arbeitsplätze und finanzieren den Staatshaushalt.

Der Stadtteil Providencia präsentiert sich indes von seiner schönen Seite. Der Parque Uruguay wurde neu angelegt und mit Fitnessgeräten ausgestattet. Ein neuer Fahrradweg  führt bis hinauf in das noch feinere Stadtviertel El Conde. Die Jacaranda Bäume strahlen so violett wie die Milka Kuh.  Auf dem Rückweg laufen wir am Café Literario Parque Balmaceda vorbei. Seit es 2001 von der  Kommunalverwaltung als erstes öffentliches Literaturzentrum mit Kindertagesstätte und Restaurationsbetrieb eröffnet wurde, ist es zu einer Institution geworden, die schnell Schule gemacht hat. Weitere Stadtparks haben nun eine literarische Anlaufstelle mit Nachwuchsbetreuung.

Kurz vor dem Ziel laufen wir erneut an der Fuente Alemana vorbei. Doch diesmal ist es die an der Av. Bernardo O’Higgins gelegene traditionelle Sandwichería. Inmitten eines Thekenvierecks schmieren Frauen mit viel Liebe leckere Butterbrote. Das hat sich herum gesprochen. Die Kneipe ist immer voll und inzwischen weit bekannter als der Brunnen.

Dezember 2015

Die Hauptstadt erwacht: Ein Lauf mitten durch Berlin

Rundstrecke: Vom Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg  über die Stresemannstraße zum Potsdamer Platz;  über die Bellevue Allee in und durch den Tiergarten bis zur Straße des 17. Juni.  Diese überqueren und über Rüsternallee und John-Foster-Dulles-Allee zum Haus der Kulturen.  Über Parkwege zum Bundeskanzleramt und über die Paul-Löber-Allee links am Reichstag vorbei bis zum Spreeufer.  Auf der Wilhelm-straße rechts bis Unter den Linden und Brandenburger Tor. Gen  Osten auf der Straße Unter den Linden. Rechts auf der Charlottenstraße bis zum Gendarmenmarkt. Über die Schützenstraße zum Checkpoint Charlie und die Niederkirchnerstraße vorbei an Mauerresten und der Gedenkstätte Topographie des Terrors. Um den Gropiusbau herum auf die Stresemannstraße und zurück zum Anhalter Bahnhof.  Rd. 11 km.

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Es ist kurz nach sieben. Die Straßenlaternen leuchten noch. Berlin erwacht an einem beliebigen politischen Tag. Von der Ruine des Portals des Anhalter Bahnhofs in Berlin-Kreuzberg laufe ich auf der Stresemannstraße in Richtung Potsdamer Platz. An der Berliner Dependance des BMZ stehen weiß auf grün Sätze wie „Weil wir von unseren Partnern lernen wollen“.  Schade, als Begründung für Entwicklungspolitik wirkt das blass.

Eine Doppelreihe Pflastersteine zieht sich quer durch Berlin. Hier stand früher die Mauer. Bis zum Potsdamer Platz laufe ich entlang dieser ehemaligen Todeszone. Jetzt naht die Adventszeit. Deshalb wirbt auf dem Platz eine 10 Meter hohe Schneerutsche aus Kunststoff für den neuen Snoopy Film. Zwischen dem gläsernen Hochhaus der Deutschen Bahn und dem Ritz Carlton Hotel  geht es auf der Bellevuestraße in den  Tiergarten.  Auf der hübsch angelegten Allee durch den Wald kehrt schnell Ruhe ein. Einige Läufer und Radfahrer sind schon unterwegs, von links quert ein Skilangläufer auf Rollen.  Die Herbstfarben der Bäume leuchten im Morgengrau. Früher haben hier Fürsten Rehe gejagt, Kammerdiener haben sie dafür aufgespürt und festgehalten, ein Schuss ein Treffer!  So zeigen es satirische Blätter aus dieser Zeit.

Nach einem knappen Kilometer stoße ich auf die Straße des 17. Juni. Sie erinnert an den Volksaufstand 1953 in der DDR und den eigentlich auf Dauer angelegten Nationalfeiertag in der BRD. Heute wirkt das angesichts des Mauerfalls vor 26 Jahren wie graue Geschichte. Links ragt die Sieges- säule in den verhangenen Himmel, rechts das Brandenburger Tor, dahinter im Frühnebel der Fernsehturm am Alexanderplatz. Dieser Straßenabschnitt  ist die größte Festmeile Berlins. Hier werden Techno Partys, ins Zwielicht geratene Sommermärchen und  Sylvester gefeiert.  An der John-Foster-Dulles-Allee liegt das 1957 erbaute Haus der Kulturen, wegen der muschelförmigen Form des Daches von den Berlinern auch „Schwangere Auster“ genannt. Das  Gebäude war früher auf jeder Postkartensammlung von  Westberlin abgebildet. Heute wirkt es in die Jahre gekommen und an den Rand der Geschichte gedrängt.

Über gepflegte Parkwege nähere ich mich Angela Merkels Arbeitsplatz. Man kann durch die Glasfassaden nicht  erkennen, ob um diese Tageszeit schon regiert wird.  Direkt neben dem Kanzleramt steht ein Zirkuszelt. Das Tipi am Kanzleramt. Man fragt sich, was in welchem Zirkus gespielt wird.  Am Vorabend haben sich im Kanzleramt die Spitzen der Koalitionsparteien nach langem Streit auf einen Kompromiss zur Flüchtlingspolitik geeinigt. „Transitzonen light“  titelt dazu der Berliner Tagesspiegel.

Schräg gegenüber vom Kanzleramt liegt der mächtige Reichstag. Wegen der vielen Absperrungen kann man um das Gebäude nicht herum joggen. Das  ist den Abgeordneten auf ihrer Politikerlaufbahn vorbehalten. Stattdessen laufen Normalbürger links vorbei am Reichstag bis zum Spreeufer. Wenige Meter weiter das ARD Hauptstadtstudio.  Jetzt wird klar, dass die Tagesschau-Reporter für ihren Bericht nur kurz vor die Tür treten.

Ich biege rechts in die Wilhelmstraße ein. An mehreren Parlamentsgebäuden und der französischen Botschaft vorbei gelangt man auf die Prachtstraße Unter den Linden. Wer durch Berlin joggt, wird jetzt das Brandenburger Tor durchqueren wollen. Auge in Auge mit der Quadriga. Ich laufe von Ost nach West,  um eine der Säulen herum und wieder von West nach Ost auf den Pariser Platz.

Berlin erwacht. Der erste Japaner macht ein Selfie, Leute laufen mit Kaffeebechern zur Arbeit, vor dem Hotel Adlon öffnen livrierte Diener mit Zylinderhut schwere Limousinen, gegenüber öffnet das Starbucks Coffee in bester Lage.  Die  Currywurst- und Dönerbuden,  keine  300 Meter vor dem Brandenburger Tor ebenso gut positioniert,  servieren erst zum späteren Vormittag. Ein paar Schritte weiter auf der Straße Unter den Linden liegen Blumensträuße, Kränze und Teddybären vor einem mächtigen Eisengitter. Passanten haben sie aus Anteilnahme vor der russischen Botschaft niedergelegt. Nach dem Bombenattentat auf das Flugzeug über dem Sinai trauert Russland um seine Toten.

Gleich neben dem beliebten Ampelmann Laden folgen die Schauräume des strauchelnden Volkswagenkonzerns. Wo sonst die glitzernden Luxus- modelle der  verschiedenen VW-Marken stehen, herrscht plötzlich gähnende Leere. Ein Mann wischt den Boden, der große Kehraus nach dem Abgasskandal steht aber noch aus. Der Bahnhof Friedrichstraße liegt in Sichtweite. Jeder der hier einst die erniedrigenden  Grenzkontrollen beim Übergang nach Ostberlin erlebt hat, wird die Beklemmung bei der Einreise in das so fremde deutsche Nachbarland nicht vergessen.

Ich biege rechts in die Charlottenstraße ein. Hier war im Vorkriegsberlin  das Bankenviertel. An der Ecke Charlotten- und Behrenstraße steht das Gebäude der ehemaligen Berliner Handelsgesellschaft. Später zog hier die Staatsbank der DDR ein, nach der Wiedervereinigung die KfW. Direkt gegenüber das elegante The Regent Berlin Hotel.  Polizisten sichern den Eingang, sieben „weiße Mäuse“ stehen mit ihren BMW Maschinen bereit. Gleich wird die Motorradeskorte einen  Staatspräsidenten zum nächsten Termin geleiten.  Heute ist es Evo Morales, der bolivianische Präsident.

Die Tagespolitik verflüchtigt sich, manches welkt, historisches bleibt. Am Gendarmenmarkt wacht Schiller vor dem Schauspielhaus, rechts und links flankiert vom Französischen und Deutschen Dom, 1701 erbaut von der lutherischen und  französisch-reformierten Gemeinde.  Berlins schönster Platz hat eine  Schokoladenseite. Bei Faßbender & Rausch verwandelt sich die Kakaobohne in Berliner Schokoandenken aller Art.  Vom Reichstag bis zum Bären ist hier alles käuflich.

Vorbei an unbebauten Grundstücken, die in bester Lage als Parkplätze vermietet werden, gelange ich in die Schützenstraße. Der Abstecher lohnt,  denn hier ist das Deutsche Currywurst Museum Berlin zuhause. Wer keine Zeit hat es zu besuchen, kann sich als hübsche Geschenkideen  Wurstpieker aus Edelmetall oder die Pommes Schale aus Porzellan auch online bestellen.  Wenige Schritte weiter der Checkpoint Charlie, einst Übergang vom  amerikanischen in den sowjetischen Sektor Berlins. Daneben stehen mehrere Trabis an der Straße. Museumsreife erhielten beide erst, als der Kalte Krieg vorbei war.

In der Niederkirchnerstraße hat man Reste der Berliner Mauer stehen gelassen. Wo die Mauerspechte besonders fleißig waren, sieht man durch ein Loch die Gedenkstätte Topographie des Terrors mit den Ruinen ehemaliger Gebäude der NS-Staatspolizei und der SS. Auf der anderen Seite der Mauer die grauen Mauern des Bundesfinanzministeriums, auch ein Relikt  der Nazizeit.  Ein paar Schritte weiter, im Gropiusbau,  wurde eine Legosammelstelle  für Herrn Ai Weiwei  eingerichtet.  Der chinesische Aktionskünstler wollte für ein Kunstwerk aus Lego Legobausteine bei Lego bestellen, was das dänische Unternehmen aber ablehnte. Nun werden private Legospender angesprochen.

Auf der Stresemannstraße gelangt man schnell wieder zurück zum Anhalter Bahnhof. Wo früher Europas größte Bahnhofshalle stand, werden heute Konzerte veranstaltet. Dafür hat man hier 2001 für sehr viel Geld das Tempodrom errichtet.  Das zeltähnliche Dach ähnelt verblüffend Oscar Niemeyers Kathedrale in Brasilia, ein Symbol der alternden architektonischen Moderne.

November 2015