Washington D.C., USA: Auf der Suche nach dem besten Präsidenten

Rundstrecke: Vom Lafayette Square gegenüber dem Weißen Haus über die 15th Street bis zum Washington Monument auf der National Mall, rund um das Tidal Basin und an verschiedenen Gedenkstätten vorbei bis zum Lincoln Memorial. Über die 21th Street in nördlicher Richtung zum Außenministerium und zur George Washington Universität. Über die G Street  in die 19th Street und zwischen den Gebäuden von IWF und Weltbank hindurch. Über die H Street auf die Pennsylvania Avenue und zurück zum Weißen Haus und Lafayette Square. 8,2 km.

Washington DC Lauf 8,2km

Unser morgendlicher Lauf durch die Hauptstadt beginnt mit dem Blick auf den berühmten Regierungssitz und seinen weißen Säulen am Lafayette Square.  Es ist Mitte April. Die Temperaturen  liegen deutlich unter der Behaglichkeitsgrenze,  die man für gewöhnlich zu Zeiten der Kirschblüte antrifft.  Aber in der US-Hauptstadt  ist in diesen Tagen wenig  gewöhnlich.  Das Klima hat die japanischen Kirschbäume schon im März erblühen lassen und stattdessen im April den Schnee geschickt.  Und im Lande tobt ein Vorwahlkampf um die Präsidentschaft, der  angesichts der dargebotenen Geschmacklosigkeiten selbst langjährigen Beobachtern schlaflose Nächte bereitet.

Vier Männer und eine Frau streiten sich, wer im Januar 2017 als neuer Chef ins Weiße Haus einziehen darf.  Wird es der raubeinige Donald Trump, der gegen das Washingtoner Establishment Sturm läuft, aber gleichzeitig als Bauunternehmer das historische Postamt der Hauptstadt zu einem Hotel umbauen lässt?  Oder wird es die wenig beliebte,  aber  in Washington und an der Wall Street bestens vernetzte Hillary Clinton?

Die Pennsylvania Avenue ist vor dem  Amtssitz des noch amtierenden Präsidenten  aus Sicherheitsgründen für den Durchgangsverkehr gesperrt.  Jetzt sind hier nur Jogger und Sicherheitskräfte auf Fahrrädern unterwegs.  Ein einsamer  Friedensaktivist  harrt in seinem kleinen  Zelt  direkt gegenüber dem Präsidentensitz  aus.

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Am Weißen Haus und der Treasury  vorbei  laufen wir die  15. Straße hinunter.  Über einem wärmenden Belüftungsschacht schläft ein Obdachloser.  Bald  sind wir auf der National Mall  angekommen. In diesem weitläufigen Park inmitten des Regierungsviertels begegnen wir  den Gedenkstätten vieler großer Präsidenten.  Zunächst geht es auf eine Anhöhe in der Mitte der Mall  zum Washington Monument.  Der große weiße Obelisk  erinnert – ebenso wie der Name der Hauptstadt – an den ersten Präsidenten der USA.  Er  ist umringt von 50 US-Fahnen, eine für jeden Bundesstaat.  Das Bauwerk ist zugleich städtebauliche  Orientierungsmarke:  Kein  Gebäude der Hauptstadt darf höher als das Washington Monument  sein. Inzwischen biegen die ersten Morgenflieger  mit leisem Dröhnen in einer scharfen Linkskurve über der Mall zum National Airport ab. Der Hauptstadtflughafen wurde  nach dem Altpräsidenten Ronald Reagan benannt, der während seiner Amtszeit mit großem Glück ein Attentat unweit des Weißen Hauses überlebte.

Über dem Tidal Basin,  dem Teich zu Füßen des Jefferson Memorials,  nähern sich im Tiefflug zwei große Helikopter mit der Aufschrift United States of America.  In einem  könnte Barack Obama sitzen, denn mit dem Präsidenten sind  aus Sicherheitsgründen stets mehrere Transportmittel gleicher Bauart unterwegs.

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Ein ehrgeiziger Jogger hüpft mit zwei Beinen gleichzeitig die mächtigen Stufen zum Tempel des Lincoln Memorial hinauf.  Wir traben  dagegen weiter zum Vietnam Veterans Memorial. Schwarzpolierte Granitplatten sind  in der Form eines weit geöffneten  V  in den Boden eingelassen.  Auf dem Stein sind die Namen der  60 Tausend  in Vietnam  gefallenen  US-Soldaten eingraviert.  Plötzlich werden wir  von einem  Veteranen mit erhobenen Armen gestoppt. Er fordert uns  auf,  gemessenen Schrittes durch die Gedenkstätte   zu schreiten.  40 Jahre nach Kriegsende ist das Trauma immer noch da.

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Zurück zur Innenstadt laufen wir an der Albert Einstein Statue und über die 21. Straße  am Department of State vorbei.  Wir durchqueren das Viertel Foggy Bottom mit seinen schmucken roten Backsteinhäusern  und laufen durch den Gebäudekomplex der  George Washington Universität. Schließlich nähern wir uns  den Schwergewichten der Bretton Woods Institutionen beidseitig der 19. Straße. Hier der Glaspalast der Weltbank, dort der wuchtige Bau des Internationalen Währungsfonds.  Beide Häuser richten in diesen Tagen  ihre gemeinsame Frühjahrstagung  aus,  zu der die Finanzminister der fast  190 Mitgliedsländer  zusammen kommen.  Ein Taxifahrer wird später fragen,  ob es stimme, dass Weltbank und  IWF an allen Übeln der Welt schuld seien.  Für die Rolle des Sündenbocks sind beide Häuser tatsächlich gut geeignet.  Zu dumm, wenn es sie nicht mehr gäbe.

Washington, im April 2016

Nassau, Bahamas: Unter Touristen und Piraten

Strecke: Strandlauf an der Cable Beach bei Nassau, Providence Island, rd. 5 km

Auf der Insel New Providence mit der Hauptstadt Nassau, die ihren Namen einem englischen König aus Hessen-Nassau verdankt, leben die meisten der rd. 350.000 Menschen des Commonwealth of the Bahamas.  Sportsfreunde  wissen, dass der Inselstaat  auch unglaublich schnelle Läufer hervorbringt. Wenn man Glück hat, begegnet man ihnen beim morgendlichen Strandlauf, denn  bei Sonnenaufgang und gut 20 Grad Celsius herrschen dann die besten Laufbedingungen.

Niemand weiß genau, warum ausgerechnet die staubige Tiki Bikini Hut zu den touristischen Highlights  von Nassau gehört. Der Strandschuppen wirbt mit  dem Angebot von  „4 SANDS & 4 shots“, also je vier Gläser Bier und Schnaps für  9,99 Dollar. Karibik Songs mit Steeldrum Sound  dröhnen aus den Lautsprechern der Bar,  Touristen lümmeln sich in Liegenstühlen.  In Sichtweite ankern  die Ozeanriesen, die jeden Tag Tausende von sonnenhungrigen Touristen an Land spülen.

Kolumbus wusste übrigens nicht, dass er die Bahamas entdeckt hatte,  als er 1492 vor dem Eiland San Salvador die Anker warf.  Über Jahrhunderte haben die berüchtigten Piraten der Karibik die 700 Inseln  als Zuflucht  und Operationsbasis genutzt. Spätestens mit  dem  Einsatz von  Johnny Depp  ist dieser Berufszweig  salonfähig geworden. Im Museum  „Pirates of Nassau“  wird das  anschaulich  dargestellt. Tatsächlich gelten die Bahamas, unweit der Küste Floridas gelegen, bis heute  als wichtige Drehscheibe für den illegalen Waffen- und Drogenschmuggel  in die USA. Wer nicht schmuggelt, lebt vom Tourismus oder von anderen Dienstleistungen.  Denn die Steuerfreiheit  lockt auch viele Offshore Banken und Briefkastenfirmen auf die Inseln.  Und über allen thront die Queen.

Mein Laufrevier ist die Cable Beach, ein rd. 5 km langer Strandbogen, östlich von Nassau gelegen. Hier findet man die Karibik aus dem Bilderbuch.  Das helle Licht mit dem Spiel der Farben von Sand, Wasser, Himmel und Wolken, die Gerüche von Salzwasser und Tang,  angenehme Temperaturen und die sanften Geräusche der Wellen und Palmenblätter, die sich wie langes Haupthaar im Wind wiegen.

Doch Tourismus ist in Wahrheit ein knallhartes und hoch kompetitives Geschäft. Rund 5-6 Millionen Gäste kommen jährlich auf die Bahamas, die meisten  aus den USA.  Sie erwarten tadellose Hotels und durchgebratene Hamburger, entscheiden sich aber vielleicht schon morgen, das nächste Mal nach Kuba zu fahren.

Ich starte meinen Lauf am Strand vor dem Breezes Resort, ein bei  Springbreak Studenten besonders beliebtes Hotel.  Personal und Animateure verbreiten Tag und Nacht Partystimmung.  Gleich neben dem Breezes liegt das riesige Areal des neu erbauten Baha Mar Resort. Doch kurz vor Eröffnung  ist dem  Bauherrn das Geld ausgegangen.  Die chinesische Bank, die das Megaprojekt finanziert hat, sucht nun einen neuen Käufer. Auf dem Strand vor dem Baha Mar lässt jemand eine Drohne steigen.  Von da oben wird man ganz gut überblicken können,  wie viele Milliarden  in den Sand gesetzt wurden.

Das Meer hat Algen an den Strand geschwemmt. Strandläufer picken zwischen den Algenresten.  Mit  ihrem  braunschwarzen Gefieder laufen die kleinen Vögel  perfekt getarnt durch die Algenbündel.  Im Osten geht die Sonne langsam über den Türmen des Atlantis Resort auf Paradise Island auf.  Das Hotel erfüllt  viele Träume:  Palmenstrände, Vergnügungsparks und  Seewasserbecken, in denen man mit  Delphinen schmusen kann.  In den großen Kasinohallen  hat schon Sean Connery gepokert.  Doch an den Spieltischen kommt nicht wirklich James Bond Atmosphäre auf.  Die Gäste  zocken lieber in Shorts statt  im Smoking und schwenken zuckerfreie Cola statt Martini.

Am Horizont fährt ein Kreuzfahrtschiff in den Hafen von Nassau ein. Die Schiffe sind wie ein Fieberthermometer. Wenn sie ausbleiben, geht es der Wirtschaft schlecht. Doch wenn sie einlaufen, und das gleich mehrfach am Tag, dann füllen sich die Gassen und Läden und Kneipen, und das Urlaubsgeld sitzt locker.  Direkt am Kai lassen sich weißhäutige Frauen durch schwarzhäutige Frauen die für die Karibik typischen Haarfrisuren flechten.   Das Hard Rock Café Nassau ist  dagegen eher was für  Leute,  für die Klamotten mit dem  Aufdruck Hard Rock Café Nassau ein cooles Souvenir sind.

Das Laufen im weichen Sand ist anstrengend und schweißtreibend. Zeit zum Abtauchen ins türkisblaue  Wasser der Karibik.

Nassau, April 2016

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Amsterdam: Die offene Stadt der Brücken und Grachten

Rundstrecke:   Von dem „I amsterdam“  Schriftzug vor dem Rijksmuseum geht es über Paulus Potterstraat, Hobbemastraat, Stadhouderskade über die Brücke zum Leidseplein-Platz. Von hier rd. 700m stadteinwärts  zunächst links über die Lijnbaangracht und dann rechts über die Leidsegracht bis zur Herengracht. Nun links rd. 600m an der Herengracht entlang, dann rechts in die belebte Raadhuisstraat. Über Brücke und Ampel links in die Singelgracht und auf dieser rd. 400m entlang bis zum Blouwburgwal. Rechts ab über knapp 1 km durch das Gassengewirr der Altstadt: Durch den Lijnbaachsteeg bis zum Nieuwezijds Voorburgwal; über diese verkehrsreiche Straße hinweg in den Dirk van Hasselsteeg;  links auf die Einkaufsstraße Nieuwendijk und nach kurzer Strecke rechst in den Oudebrugsteeg;  auf dieser Gasse über die zentrale Verkehrsstraße Damrak hinweg bis zur Warmoesstraat und dann rechts durch die Lange Niezel  bis zur Ouderzijds Vorbugwal; links an der Gracht entlang bis zum Oudekerkplein und entgegen dem Uhrzeigersinn um die Oude Kerk herum. Dann wieder stadtauswärts auf dem Ouderzijds Vorbugwal rd. 600m bis zum Grimburgwal. Über diesen links herum über zwei Brücken und über die Binnengasthuisstraat durch das Gelände der Universität Amsterdam. Dann rechts auf die Nieuwe Doelenstraat und über die Rokinbrücke zum belebten Muntplein Platz. Über die Reguliersbreestraat auf den Rembrandtplein. Stadtauswärts über die Thorbeckplein bis zur Herengracht. Jenseits der Brücke rechts rd. 400m entlang der Herengracht und dann links in die  Nieuwe Spielgestraat. Nun in  gerader Strecke 800m Richtung Rijksmuseum, das Gebäude durchqueren und bis zu „I amsterdam“  durchlaufen.  Innenstadtstrecke über 6 km.

Amsterdam 6km Innenstadtlauf

Betreten ist ausdrücklich erlaubt. Der rot-weiße „I amsterdam“ Schriftzug  im Amsterdamer Museumsviertel ist das vielleicht beliebteste Fotomotiv der Stadt. Besucher dürfen nach Herzenslust auf  und zwischen den Buchstaben herum klettern und lassen sich dabei liebend gern fotografieren.  So tragen jedes Jahr  Millionen von Touristen aus aller Welt das liberale Image Amsterdams mit nach Hause. Ein wahrer Geniestreich der Leute vom Stadtmarketing!

Auch wir starten von hier aus unsere frühmorgendliche Joggingrunde durch die Amsterdamer Altstadt. Wir erleben eine Stadt, die es mit Gemeinsinn, Weltoffenheit und Toleranz  sowie mit beträchtlichem  Reichtum  aus dem Kolonialhandel geschafft hat,  das  Zusammenleben ihrer Einwohner  aus vieler Herren Länder über Generationen hinweg  friedlich zu gestalten und zwischen kulturellen und politischen Gegensätzen  immer wieder Brücken zu bauen.

Aus Südwesten nähern wir uns dem Grachtengürtel, der sich wie ein Spinnennetz um den Altstadtkern spannt. Der weitläufige Leidseplein-Platz, früher ein Pferdedroschkenplatz für Reisende aus Leiden, ist heute ein beliebtes Zentrum für Nachtschwärmer und Straßenkünstler.  Am Morgen aber bestimmen Müllabfuhrleute und Bierlieferanten das Geschehen.  Möwen picken an einem Müllsack.  Ein Trupp übernächtigter Männer  läuft schwankend durch die Straßen.  In bester Lage hat ein Applestore eröffnet, einer jener exklusiven,  ganz in weiß gehaltenen Verkaufsräume des Elektronikkonzerns aus Kalifornien. Gerade einmal  40 Jahre hat Apple gebraucht, um mit innovativer Datenverarbeitung zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufzusteigen.

Amsterdam blickt demgegenüber auf 400 Jahre Geschichte zurück.  Zu den reichsten Unternehmen des sogenannten Goldenen Zeitalters im  17. Jahrhundert  gehörten die Ost- und Westindischen Handelskompanien. Sie monopolisierten im berüchtigten Dreieckshandel den Güter- und Sklavenverkehr mit den Kolonialgebieten in Afrika, Asien und Amerika  und haben damit auch Amsterdam zur reichsten Stadt der Welt gemacht.

Über die Leidsegracht überqueren wir Prinzen- und Kaisergracht und gelangen in die Herrengracht,  seit je her Amsterdams beste Geschäftsadresse.  Augenfällig ist die variationsreiche Baukunst der Häuser. Auch die elegantesten Gebäude, drei- bis vierstöckig und auf engem  Raum in Reihenbauweise errichtet,  stehen mit großen einladenden Fenstern direkt an der Straße und wirken so für jedermann offen und  zugänglich.  Schützende Zäune, Mauern oder Vorgärten kennt man im Grachtenviertel  nicht.  Straßen und Bürgersteige  sind mit rotem Backstein gepflastert,  das feine Fischgrätenmuster begleitet uns durch die ganze Innenstadt.  Unzählige Fahrräder säumen den Weg. Findige Statistiker haben ermittelt, dass die Zahl der Räder jene der Einwohner bei weitem übersteigt und in keiner anderen Stadt so viele Hausboote vertäut in den Grachten liegen.

Ich laufe um ein großes Transportfahrrad herum und beobachte Arbeiter eines Umzugsunternehmens, die mit Hilfe von Sack und Seilwinde schweres Mobiliar durch ein schmales Fenster bugsieren.  Jogger kommen entgegen, Möwen kreischen über dem Wasser,  Mopeds  brummen vorüber,  auf der Raadhuisstraat quietscht eine Straßenbahn um die Kurve.

Wir laufen nun auf den massiven klassizistischen Bau des königlichen Palais zu. Gleich daneben die Nieuwe Kerk,  die Krönungskirche aus dem 15. Jahrhundert.  Weil sie für diesen Zweck nur selten genutzt wird, beherbergt sie Gemäldeausstellungen. Es gehört zum freiheitlichen Selbstverständnis dieses Landes, dass Kirchen auch weltlich genutzt oder gänzlich säkularisiert werden, wenn die Gläubigen ausbleiben.

Über die Singelgracht, einst mittelalterlicher Festungsgraben, joggen wir bis zum Blouwburgwal  und biegen in das Gewirr der Altstadtgassen ein. Hier stehen charmante Altbauten aus dem 16. Jhd. neben modernen Konsumtempeln,  wie sie in ihrer immer gleichen Aufmachung in jeder Großstadt anzutreffen sind.  Jenseits der Damrak Straße verdichtet sich das Angebot erotischer Unterhaltung. Die liberale Prostitutionspolitik hat in diesem ältesten Teil der Stadt eine ganze Industrie entstehen lassen. Das Ergebnis ist Geschmackssache. Kurz vor Ostern hocken scharenweise rosa Hasen mit erigiertem Penis in den Auslagen. Rund um die Oude Kerk, die  älteste Kirche der Stadt, stehen die schmalen  Schaufenster der käuflichen  Damen um diese Zeit dagegen noch leer.  Auf einem Schild steht „Creative space“. Aber morgens  ist tote Hose im Rotlichtmilieu. Von vier bis acht Uhr herrscht nämlich Prostitutionsverbot. Eine Frau lüftet ihr Bett. Gleich daneben öffnet ein kommunaler Kindergarten.

Auch die Coffeeshops, die dank liberaler Drogenpolitik Gras statt Getränke verkaufen, sind zu dieser Morgenstunde noch geschlossen. „The Bulldog“, ein Laden mit großflächiger Graffiti-Bemalung  in der Ouderzijds Vorbugwal, ist ein erfolgreicher Pionier dieser Branche. In den siebziger Jahren aus einem Sexshop heraus gegründet,  gibt es inzwischen etliche Bulldog-Filialen. Das Unternehmen bietet nun auch einschlägige Raucherprodukte über sein Online-Merchandising an.

Wir verlassen die Vergnügungsmeile und laufen entlang der Gracht am Ouderzijds Vorbugwal  in südlicher Richtung  bis zum Grimburgwal.  Hier stoßen gleich drei Kanäle aufeinander, was die Grachtenboote zu besonders vorsichtigen  Manövern zwingt. Jenseits des Wassers liegen die Gebäude der Universität von Amsterdam,  eine der ältesten und größten Lehrstätten der Niederlande. Studiert wird aber auch hier erst später am Tag. Durch das Unigelände hindurch gelangen wir auf den belebten Muntplein-Platz. Rad- und Autoverkehr werden dichter, Straßenbahnen klingeln sich den Weg frei. Am benachbarten Bloemenmarkt ziehen die Verkäufer die Rollläden hoch. Wer Tulpenzwiebeln kaufen will, ist hier richtig. Wer Marihuanasamen sucht, wird ebenfalls fündig.

Wir laufen am Tuschinski Filmpalast vorbei. In dem prächtigen Art-déco-Bau aus den 1920er Jahren kann man in eindrucksvoll plüschigem Ambiente Kino, Cola und Popcorn genießen. Durch das Spiegelquartier mit seinen anregenden Kunstgalerien und Antiquitätengeschäften geht es nun im bedächtigen Endspurt zurück zum schon aus der Ferne gut sichtbaren Gebäude des Reichsmuseums.

Die großen Buchstaben von „I amsterdam“ werden inzwischen von asiatischen Frühaufstehern in Beschlag genommen.  Die ersten Selfies sind im Kasten.  Die Blumenbeete sind an diesem kühlen Märzmorgen indes noch nicht  auf Touristen eingestellt. Erst später im April werden hier die Tulpen blühen.   Das Wort Tulpe kommt wegen der Form von Turban, und ihre Ursprungszwiebel  stammt aus der Türkei.  Es passt ins liberale Bild der Niederlande,  dass diese Königin aller holländischen Zwiebelgewächse einst eine Einwanderin war.

März 2016

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Rio de Janeiro, Brasilien: Körperkult an der Copacabana

Strecke: Ein guter Ausgangspunkt ist der Stadtteil Leme, am westlichen Ende der Copacabana Bucht gelegen. Die Laufroute führt über die gesamte Länge des sichelförmigen Strands. Hin und zurück über jeweils  4,5 km kann man diese Strecke  über den separat angelegten Fahrradweg oder am Strand selbst zurücklegen.  Ca. 60 Minuten, inkl. Dehnübungen.  Wer verlängern will, läuft weiter zum ebenso bekannten Ipanema Strand.

Wer mit Jet Lag aus Europa nach Rio kommt, dem fällt es nicht schwer,  sich morgens um 6 Uhr vom dumpfen Schlag der Wellen auf den Strand der Copacabana wecken zu lassen.  Im brasilianischen Winter geht  jetzt  die Sonne auf.  Bei  gutem Wetter und Temperaturen um 18 Grad Celsius herrschen perfekte Laufbedingungen.

Vom Stadtteil Leme hat man schnell die Avenida Atlántica erreicht. Die  Uferpromenade ist über  4,5 km  im berühmten schwarz-weißen Wellenmuster gepflastert.  Dies ist Rios roter Teppich,  hier heißt es sehen und gesehen werden.  Am frühen Morgen sehen sich vorwiegend  die Hundebesitzer.  Parallel  zur Promenade verläuft der Fahrrad- und Laufweg, reserviert für die schnellere Gangart.  Wer hier  in die Spur kommt,  dessen Läuferherz ist fast schon im 7. brasilianischen Himmel angekommen.

Schnell reihen wir uns wie auf einer Perlenschnur in die Läuferkette ein. Hier ist jeder unterwegs.  Jung und alt, dünn und beleibt, schwarz und weiß und kaffeebraun.  Grelle Laufshirts, knappe  Hosen. Brasilien ist ein farbenfrohes Land mit einem leichten Trend zur Fettleibigkeit.

Der breite Sandstrand ist blitzsauber und noch fast menschenleer. Schlaftrunkene Gestalten schälen sich aus ihren Decken, Sonnenanbeter machen den Morgengruß, Muskelfreunde üben Liegestützen. Sportsfreunde bereiten Netz und Bälle für die erste Partie Futevolei vor,  ein Spiel mit Kopf und Fuß. Trainer legen Turnmatten und Geräte für die ersten Fitnesseinheiten des Tages aus.  Junge Männer schieben schwere Karren mit Strandstühlen und Sonnenschirmen herbei.  Rund um die knallgelben Bierbuden werden knallgelbe Tische und Stühle aufgebaut. Später am Tag bekommt man alternativ zum Bier Kokosnüsse gereicht, frisch mit der Machete aufgeschlagen.

Wir passieren die berühmten Sandburgen der Copacabana. Sie huldigen der Stadt, dem Strand, der Olympiade 2016 und Damenpopos in knappen Tangas. Während ihre Bauherren noch unter Kartons schlafen, steht  ein Kasten für’s Trinkgeld bereit.  Viele Menschen erfreuen sich an diesem berühmtesten  aller Strände,  etliche brauchen ihn zum Überleben.

Inzwischen sind wir am östlichen Ende der Bucht angekommen.  Weil das Meer an dieser Stelle ruhiger ist, gehen hier die Surfbrett-Paddler aufs Wasser.  Eine Gruppe durchtrainierter Frauen und Männer krault für Olympia.

Wir blicken zurück, direkt der aufgehenden Sonne entgegen. Langsam steigt sie zwischen den Inseln auf, die Rio vorgelagert sind. Der Zuckerhut  ist  noch von Nebelschwaden umhüllt.  Die ersten Flugzeuge umrunden ihn auf dem Weg zum Stadtflughafen.

Die Sonne glitzert auf dem Strand, eben noch von einer Welle überspült.  Der Sand ist hart und  fest, so dass wir direkt am Wasser zurücklaufen. Der  700m hohe Corcovado Felsen  mit der berühmten Christusfigur  ragt jenseits der Favelas auf.  Glücklich all jene, die dort oben nicht nur ein Selfie geschossen,  sondern auch ohne Wolken den einzigartigen Blick über Rio genießen konnten.

Die letzten Kilometer laufen wir durch den Stadtteil Leme parallel zur Uferstraße.  Hier  nimmt der Alltag der Cariocas seinen Lauf.  Straßenfeger und Müllabfuhr sind schon unterwegs,  Lieferwagen liefern Nachschub für die vielen kleinen Läden.  Ältere Herrschaften erledigen den Einkauf.  Verspätete Schulkinder rennen zum Schulbus.  In den Bars zeigen die Fernseher die  Fußballspiele von gestern, Männer schlürfen  den ersten Kaffee des Tages  und  reden über die Welt von morgen.

Die Zeitungen am Kiosk verkünden die Morgennachrichten. Die Folha de São Paolo, Brasiliens FAZ,  schreibt über Lava Jato, den nicht enden wollenden  Petrobras – Korruptionsskandal,  die Sportblätter über Siege und Pleiten der brasilianischen Selecao. Armes Land – reiches Land.  Die Menschen in Leme wirken zufrieden.  Und die Wellen schlagen in immer gleichem Rhythmus auf den Strand der Copacabana.

 

Melbourne, Australien: Herbstmorgen am Yarra-River und Victoria Harbour, Abendstimmung am Strand von St. Kilda

 

Strecke: Rundstrecke im Stadtteil Melbourne Central District, South Bank; Melbourne Convention and Exhibition Center (MCEC), Yarra Promenade (South Bank), South Bank Promenade, Capital City Trail, rund um die Royal Botanic Gardens, zurück am Yarra Ufer,  rd. 60 Minuten;  Varianten: MCEC, Webb Bridge über den Yarra River, Docklands Park zum Victoria Harbour und zurück, rd. 45 Minuten; in der Abenddämmerung entlang der Strandpromenade in St. Kilda zum historischen Leuchtturm.

Um 6:20 Uhr morgens ist Melbourne längst erwacht. Die Morgendämmerung an diesem schönen Frühherbsttag kämpft noch gegen die Nacht. Die letzten Nachtschwärmer verlassen das angesagte Kneipenviertel Fitzroy.  Die ersten Frühaufsteher sind schon auf dem Weg zur Arbeit. Vom Melbourne Convention and Exhibition Center kommend  geselle ich mich zu den Fahrradfahrern und Joggern, die nun die Wege entlang des Yarra Flusses, der die Stadt von Ost nach West durchquert, bevölkern.  Es ist genug Platz, doch ich stoße auf beharrlichen Gegenverkehr. Bis ich mich endlich als Geisterjogger entlarve und auf die linke Seite ausweiche. Denn in Australien gilt auch beim Joggen Linksverkehr. Hier an der South Bank ist das Ufer des Yarra gesäumt von Straßencafés und Restaurants, jetzt noch leer, doch später  gut besucht.

Nun kommt Leben in die Bootshäuser.  Behutsam werden Zweier-, Vierer- und Achterruderboote zu Wasser gelassen. Ein Mittfünfziger entschuldigt sich höflich, dass sein Boot den Laufweg versperrt. Jemand ruft Anweisungen durch ein Megafon: Ein Trainer treibt seine Bootsmannschaft den Fluss hinauf und radelt am Ufer nebenher. Auf der anderen Seite des Flusses liegt die Rod-Laver-Arena. Sie erinnert an den australischen Tennisspieler, der in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts zweimal alle Grand-Slam-Turniere gewann. Im Januar, wenn es in Europa zu kalt und in Melbourne richtig warm ist, werden hier die Australian Open ausgetragen.  In Deutschland hat man sich jüngst wieder daran erinnert. Denn für viele überraschend hat im Januar 2016 Angelique Kerber die begehrte Tennistrophäe gewonnen.

Vom Capital City Trail geht es jetzt rechts ab zu Melbournes beliebtester Joggingstrecke: 3,5 km rund um die Royal Botanic Gardens.  Nachts mit Beleuchtung. Elektronische Uhren zeigen wie schnell man ist.  Und Trinkanlagen retten vorm Verdursten. Auf dem Rückweg taucht auf der Nordseite des Yarra das Melbourne Sea Aquarium auf.  Hier sind einige der gefährlichen Krokodile zuhause, die an Australiens Küsten etliche Surfer auf dem Gewissen haben.

Melbourne hat seine erste Blütezeit dem Goldgräberboom des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Damals galten die Rechte der Aborigines, die seit vielen tausend Jahren diese Gegend bevölkerten, nicht viel angesichts der kolonialen Interessen der britischen Krone.  In den letzten Jahrzehnten hat die Stadt eine neue, diesmal asiatische Einwanderungswelle erlebt.  Um die kommunalen Einnahmen muss es gut stehen, denn die Stadt entwickelt attraktive Wohngebiete, stellt Kunst auf öffentlichen Flächen aus und fordert zur kostenlosen Nutzung des innerstädtischen Straßenbahnnetzes auf.

Es ist 6:20 Uhr am Abend. Die Sonne senkt sich in den Südpazifik. Die Kite Surfer am Strand von St. Kilda rollen ihre Schirme ein, die letzten Sonnenstrahlen spiegeln sich in den Hochhäusern von Melbourne wieder.  An der Mole unterm historischen Leuchtturm kommen die Zwergpinguine von ihren Tagesausflügen zurück.  Einer hat sich nicht rechtzeitig verkrochen. Über zwanzig Objektive sind gnadenlos wie Maschinengewehre auf ihn gerichtet. Ratatatatatat. Der kleine Zwergpinguin flattert aufgeregt mit den kleinen Flügeln. Er dreht sich auf der Stelle und weiß nicht wohin. Seine Kumpel haben sich schon längst unter dem  Holzsteg vor den neugierigen Touristen in Sicherheit gebracht.

Santiago de Chile: Ein Lauf durch die Großstadt hinter den Anden

Rundstrecke: Von der Plaza Baquedano durch den Parque Forestal parallel zum Rio Mapocho talwärts in Richtung Stadtzentrum bis zum Museo de Bellas Arte. Von dort Abstecher auf der Straße J.M. de la Barra zum Cerro Sta Lucia mit schönem Blick über Stadt und Anden (der Sta Lucia Park öffnet erst ab 9 Uhr). Durch den Parque Forestal wieder zurück zum Plaza Baquedano und weiter ansteigend parallel zum Rio Mapocho im Parque Balmaceda bis zur Av. Huelen (von hier kann der Lauf flussaufwärts beliebig weiter in die Stadtviertel Providencia und Las Condes verlängert werden.) Von der Av. Huelen wieder zurück zur Plaza Baquedano. Von hier führt eine weitere Variante in südlicher Richtung in den Parque Bustamante. Einfache Rundstrecke: rd. 45 Minuten.

Im Herzen von Chiles Hauptstadt Santiago geht es rauf oder runter. Entweder bergauf Richtung Anden oder hinunter ins Tal Richtung Pazifik. Autofahrer nutzen die nach dem Staatsgründer benannte zentrale Verkehrsader Bernardo O’Higgins. Fußgänger, Läufer und Radfahrer orientieren sich indes am Rio Mapocho, der von den Anden herunter quer durch die Stadt fließt. Mit dem Gefälle von den Anden zum Pazifik verändern sich die Stadt und ihre Sozialstruktur. Oben moderne Wolkenkratzer, Shoppingcenter und vornehme Wohnviertel, unten Altstadt, Markthallen und Sozialwohnungen.  Wer oben residiert, hat andere Sorgen als die Menschen unten.

Wir starten unseren Lauf auf mittlerer Höhe – sozial und geographisch. Von der Plaza Baquedano (besser bekannt als Plaza Italia) kommend  traben wir zunächst talwärts  einen guten Kilometer durch den schön angelegten Parque Forestal, dem zentralen Stadtpark Santiagos. Gleich zu Beginn stoßen wir auf die Fuente Alemana. 1912 wurde die große Brunnenskulptur  von deutschen Einwanderern anlässlich des 100. Jahrestages der Unabhängigkeit Chiles gestiftet. Begleitet von einem mächtigen Adler segelt ein muskulöser Germane über die Wellen und trifft auf chilenische Robben. Ein großes Kunstwerk seiner Zeit. Heute fegen haitianische Gastarbeiterinnen in knallgelben Overalls die Wege rund um den Brunnen.  Ein Stück weiter im Park findet sich eine kleine Siedlung von Hundehütten.  Santiago hat ein Herz für seine freilaufenden Vierbeiner.

An der Av. Jose Miguel de la Barra angekommen, sehen wir auf der Straßenseite gegenüber den prächtigen klassizistischen Bau des Museo de Bellas Artes, gleich dahinter das Museum für Moderne Kunst.  Wir merken uns das für einen späteren Besuch und halten uns rechts in Richtung Cerro Sta Lucia. Das ist ein 70 Meter hoher Hügel, auf dem einst die Stadt Santiago gegründet wurde.  Wer zu Öffnungszeiten des Parks kommt, genießt in dieser grünen Oase die spürbar frischere Luft und die gute Aussicht auf die Berge.

Wieder zurück aus der Innenstadt und auf nunmehr ansteigendem Gelände überqueren wir den Plaza Baquedano. Dies ist einer der belebtesten Orte der Stadt. Abends kreuzen hier die Menschen auf dem Weg  ins Kneipenviertel Bellavista, morgens schlurfen sie müde zurück. Hier werden die Siege der chilenischen Nationalelf gefeiert, und es wird für gerechtere Bildungschancen demonstriert. Sicherheitshalber steht schon früh morgens ein Mannschaftswagen der Militärpolizei bereit. Heute stellt das im demokratischen Chile keine Bedrohung mehr dar. Ambulante Verkäufer pressen frische Orangen aus,  Hunde laufen bei Rot über die Straße und Polizisten versuchen dennoch den Verkehr zu regeln. Abgasgeruch dringt in die Nase.

Entlang des Flusses laufen wir weiter durch den Parque Balmaceda. Eine steile Fußgängerbrücke führt über den Mapocho. Verliebte Paare hängen hier ihre Schlösser ans Geländer. Es ist gut, dass sich die Menschen auf dieser Brücke lieb halten, denn das Geländer ist gefährlich niedrig. Der Blick von der Brücke ist großartig. Vor dem Hintergrund der  verschneiten  Anden ragt Südamerikas höchster Wolkenkratzer hervor.  Der Costanera Tower wurde noch vor der Finanzkrise von einem deutschstämmigen Investor in Auftrag gegeben, blieb dann lange unvollendet und hat inzwischen die endgültige Höhe von 300 Meter erreicht. Einheimische erzählen aber, dass das Bürogebäude großenteils leer steht.

Jenseits der beliebten Shopping Malls sorgen Wasser und Kupfer für das Wohl und Wehe der Chilenen. Das Wetterphänomen El Niño hat lange für Trockenheit gesorgt, im chilenischen Winter aber die Schneehöhen auf den Bergen wieder ansteigen lassen. Das ist gut für die Trinkwasser- und Stromversorgung, denn mit dem Klimawandel gehen die Wasserreserven in den Gletschern seit Jahren zurück. Die Tagespresse berichtet, dass die Kupferpreise einen neuen Tiefstand erreicht haben. Das ist nicht gut für Chile, denn das Land ist weltgrößter Kupferexporteur, und die Einnahmen aus dem roten Metall garantieren viele Arbeitsplätze und finanzieren den Staatshaushalt.

Der Stadtteil Providencia präsentiert sich indes von seiner schönen Seite. Der Parque Uruguay wurde neu angelegt und mit Fitnessgeräten ausgestattet. Ein neuer Fahrradweg  führt bis hinauf in das noch feinere Stadtviertel El Conde. Die Jacaranda Bäume strahlen so violett wie die Milka Kuh.  Auf dem Rückweg laufen wir am Café Literario Parque Balmaceda vorbei. Seit es 2001 von der  Kommunalverwaltung als erstes öffentliches Literaturzentrum mit Kindertagesstätte und Restaurationsbetrieb eröffnet wurde, ist es zu einer Institution geworden, die schnell Schule gemacht hat. Weitere Stadtparks haben nun eine literarische Anlaufstelle mit Nachwuchsbetreuung.

Kurz vor dem Ziel laufen wir erneut an der Fuente Alemana vorbei. Doch diesmal ist es die an der Av. Bernardo O’Higgins gelegene traditionelle Sandwichería. Inmitten eines Thekenvierecks schmieren Frauen mit viel Liebe leckere Butterbrote. Das hat sich herum gesprochen. Die Kneipe ist immer voll und inzwischen weit bekannter als der Brunnen.

Dezember 2015

Die Hauptstadt erwacht: Ein Lauf mitten durch Berlin

Rundstrecke: Vom Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg  über die Stresemannstraße zum Potsdamer Platz;  über die Bellevue Allee in und durch den Tiergarten bis zur Straße des 17. Juni.  Diese überqueren und über Rüsternallee und John-Foster-Dulles-Allee zum Haus der Kulturen.  Über Parkwege zum Bundeskanzleramt und über die Paul-Löber-Allee links am Reichstag vorbei bis zum Spreeufer.  Auf der Wilhelm-straße rechts bis Unter den Linden und Brandenburger Tor. Gen  Osten auf der Straße Unter den Linden. Rechts auf der Charlottenstraße bis zum Gendarmenmarkt. Über die Schützenstraße zum Checkpoint Charlie und die Niederkirchnerstraße vorbei an Mauerresten und der Gedenkstätte Topographie des Terrors. Um den Gropiusbau herum auf die Stresemannstraße und zurück zum Anhalter Bahnhof.  Rd. 11 km.

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Es ist kurz nach sieben. Die Straßenlaternen leuchten noch. Berlin erwacht an einem beliebigen politischen Tag. Von der Ruine des Portals des Anhalter Bahnhofs in Berlin-Kreuzberg laufe ich auf der Stresemannstraße in Richtung Potsdamer Platz. An der Berliner Dependance des BMZ stehen weiß auf grün Sätze wie „Weil wir von unseren Partnern lernen wollen“.  Schade, als Begründung für Entwicklungspolitik wirkt das blass.

Eine Doppelreihe Pflastersteine zieht sich quer durch Berlin. Hier stand früher die Mauer. Bis zum Potsdamer Platz laufe ich entlang dieser ehemaligen Todeszone. Jetzt naht die Adventszeit. Deshalb wirbt auf dem Platz eine 10 Meter hohe Schneerutsche aus Kunststoff für den neuen Snoopy Film. Zwischen dem gläsernen Hochhaus der Deutschen Bahn und dem Ritz Carlton Hotel  geht es auf der Bellevuestraße in den  Tiergarten.  Auf der hübsch angelegten Allee durch den Wald kehrt schnell Ruhe ein. Einige Läufer und Radfahrer sind schon unterwegs, von links quert ein Skilangläufer auf Rollen.  Die Herbstfarben der Bäume leuchten im Morgengrau. Früher haben hier Fürsten Rehe gejagt, Kammerdiener haben sie dafür aufgespürt und festgehalten, ein Schuss ein Treffer!  So zeigen es satirische Blätter aus dieser Zeit.

Nach einem knappen Kilometer stoße ich auf die Straße des 17. Juni. Sie erinnert an den Volksaufstand 1953 in der DDR und den eigentlich auf Dauer angelegten Nationalfeiertag in der BRD. Heute wirkt das angesichts des Mauerfalls vor 26 Jahren wie graue Geschichte. Links ragt die Sieges- säule in den verhangenen Himmel, rechts das Brandenburger Tor, dahinter im Frühnebel der Fernsehturm am Alexanderplatz. Dieser Straßenabschnitt  ist die größte Festmeile Berlins. Hier werden Techno Partys, ins Zwielicht geratene Sommermärchen und  Sylvester gefeiert.  An der John-Foster-Dulles-Allee liegt das 1957 erbaute Haus der Kulturen, wegen der muschelförmigen Form des Daches von den Berlinern auch „Schwangere Auster“ genannt. Das  Gebäude war früher auf jeder Postkartensammlung von  Westberlin abgebildet. Heute wirkt es in die Jahre gekommen und an den Rand der Geschichte gedrängt.

Über gepflegte Parkwege nähere ich mich Angela Merkels Arbeitsplatz. Man kann durch die Glasfassaden nicht  erkennen, ob um diese Tageszeit schon regiert wird.  Direkt neben dem Kanzleramt steht ein Zirkuszelt. Das Tipi am Kanzleramt. Man fragt sich, was in welchem Zirkus gespielt wird.  Am Vorabend haben sich im Kanzleramt die Spitzen der Koalitionsparteien nach langem Streit auf einen Kompromiss zur Flüchtlingspolitik geeinigt. „Transitzonen light“  titelt dazu der Berliner Tagesspiegel.

Schräg gegenüber vom Kanzleramt liegt der mächtige Reichstag. Wegen der vielen Absperrungen kann man um das Gebäude nicht herum joggen. Das  ist den Abgeordneten auf ihrer Politikerlaufbahn vorbehalten. Stattdessen laufen Normalbürger links vorbei am Reichstag bis zum Spreeufer. Wenige Meter weiter das ARD Hauptstadtstudio.  Jetzt wird klar, dass die Tagesschau-Reporter für ihren Bericht nur kurz vor die Tür treten.

Ich biege rechts in die Wilhelmstraße ein. An mehreren Parlamentsgebäuden und der französischen Botschaft vorbei gelangt man auf die Prachtstraße Unter den Linden. Wer durch Berlin joggt, wird jetzt das Brandenburger Tor durchqueren wollen. Auge in Auge mit der Quadriga. Ich laufe von Ost nach West,  um eine der Säulen herum und wieder von West nach Ost auf den Pariser Platz.

Berlin erwacht. Der erste Japaner macht ein Selfie, Leute laufen mit Kaffeebechern zur Arbeit, vor dem Hotel Adlon öffnen livrierte Diener mit Zylinderhut schwere Limousinen, gegenüber öffnet das Starbucks Coffee in bester Lage.  Die  Currywurst- und Dönerbuden,  keine  300 Meter vor dem Brandenburger Tor ebenso gut positioniert,  servieren erst zum späteren Vormittag. Ein paar Schritte weiter auf der Straße Unter den Linden liegen Blumensträuße, Kränze und Teddybären vor einem mächtigen Eisengitter. Passanten haben sie aus Anteilnahme vor der russischen Botschaft niedergelegt. Nach dem Bombenattentat auf das Flugzeug über dem Sinai trauert Russland um seine Toten.

Gleich neben dem beliebten Ampelmann Laden folgen die Schauräume des strauchelnden Volkswagenkonzerns. Wo sonst die glitzernden Luxus- modelle der  verschiedenen VW-Marken stehen, herrscht plötzlich gähnende Leere. Ein Mann wischt den Boden, der große Kehraus nach dem Abgasskandal steht aber noch aus. Der Bahnhof Friedrichstraße liegt in Sichtweite. Jeder der hier einst die erniedrigenden  Grenzkontrollen beim Übergang nach Ostberlin erlebt hat, wird die Beklemmung bei der Einreise in das so fremde deutsche Nachbarland nicht vergessen.

Ich biege rechts in die Charlottenstraße ein. Hier war im Vorkriegsberlin  das Bankenviertel. An der Ecke Charlotten- und Behrenstraße steht das Gebäude der ehemaligen Berliner Handelsgesellschaft. Später zog hier die Staatsbank der DDR ein, nach der Wiedervereinigung die KfW. Direkt gegenüber das elegante The Regent Berlin Hotel.  Polizisten sichern den Eingang, sieben „weiße Mäuse“ stehen mit ihren BMW Maschinen bereit. Gleich wird die Motorradeskorte einen  Staatspräsidenten zum nächsten Termin geleiten.  Heute ist es Evo Morales, der bolivianische Präsident.

Die Tagespolitik verflüchtigt sich, manches welkt, historisches bleibt. Am Gendarmenmarkt wacht Schiller vor dem Schauspielhaus, rechts und links flankiert vom Französischen und Deutschen Dom, 1701 erbaut von der lutherischen und  französisch-reformierten Gemeinde.  Berlins schönster Platz hat eine  Schokoladenseite. Bei Faßbender & Rausch verwandelt sich die Kakaobohne in Berliner Schokoandenken aller Art.  Vom Reichstag bis zum Bären ist hier alles käuflich.

Vorbei an unbebauten Grundstücken, die in bester Lage als Parkplätze vermietet werden, gelange ich in die Schützenstraße. Der Abstecher lohnt,  denn hier ist das Deutsche Currywurst Museum Berlin zuhause. Wer keine Zeit hat es zu besuchen, kann sich als hübsche Geschenkideen  Wurstpieker aus Edelmetall oder die Pommes Schale aus Porzellan auch online bestellen.  Wenige Schritte weiter der Checkpoint Charlie, einst Übergang vom  amerikanischen in den sowjetischen Sektor Berlins. Daneben stehen mehrere Trabis an der Straße. Museumsreife erhielten beide erst, als der Kalte Krieg vorbei war.

In der Niederkirchnerstraße hat man Reste der Berliner Mauer stehen gelassen. Wo die Mauerspechte besonders fleißig waren, sieht man durch ein Loch die Gedenkstätte Topographie des Terrors mit den Ruinen ehemaliger Gebäude der NS-Staatspolizei und der SS. Auf der anderen Seite der Mauer die grauen Mauern des Bundesfinanzministeriums, auch ein Relikt  der Nazizeit.  Ein paar Schritte weiter, im Gropiusbau,  wurde eine Legosammelstelle  für Herrn Ai Weiwei  eingerichtet.  Der chinesische Aktionskünstler wollte für ein Kunstwerk aus Lego Legobausteine bei Lego bestellen, was das dänische Unternehmen aber ablehnte. Nun werden private Legospender angesprochen.

Auf der Stresemannstraße gelangt man schnell wieder zurück zum Anhalter Bahnhof. Wo früher Europas größte Bahnhofshalle stand, werden heute Konzerte veranstaltet. Dafür hat man hier 2001 für sehr viel Geld das Tempodrom errichtet.  Das zeltähnliche Dach ähnelt verblüffend Oscar Niemeyers Kathedrale in Brasilia, ein Symbol der alternden architektonischen Moderne.

November 2015

 

 

Bodrum-Yalikavak: Joggen und Segeln in der türkischen Ägäis

Laufstrecke: Innerhalb des weitläufigen Yachthafens von Yalikavak (Palmarina Bodrum) entlang der Bootstege vorbei am Billionaire Club bis zur Hafeneinfahrt laufen. Auf dem Rückweg an den Luxusgeschäften vorbei bis zum Ausgang des Yachthafens. Dann links halten und an der Uferpromenade entlang Richtung Altstadt Yalikavak laufen. Über die engen Altstadtgassen zur Moschee. Zurück  am Ufer nochmal rechts halten und entlang der Badestrände laufen. Den Rückweg je nach Lust und Laune antreten und wieder  an der Uferpromenade entlang zur Palmarina Bodrum laufen; ca. 45-60 Minuten.


Arabisch ist schwer zu verstehen. Doch es scheint, dass der Gebetsruf des Muezzins kurz vor Sonnenaufgang immer ein bisschen anders von den Lautsprechern der Moscheen herüber klingt. „Allahu akbar – Gott ist groß …“, mal gesprochen, mal improvisierend um einen Grundton herum gesungen. Wir liegen mit unserem gecharterten Segelboot in der luxuriösen Palmarina Bodrum, dem Yachthafen von Yalikavak. Es ist 5:30 Uhr morgens, der letzte Tag unseres Segeltörns durch den großen Golf von Gökova in der türkischen Ägäis.   Die Sonne steigt langsam über die Hügel der Halbinsel von Bodrum auf. Hinter den Masten der Segelyachten färbt sich der Himmel langsam heller. Das Dunkelblau wechselt zum Orange und Gelb. Dann wird es heiß.

Ich trabe langsam über die Bootstege zum Zentrum der Marina und biege dann rechts in die Sektion der großen Motoryachten ab. Sie tragen hübsche Namen wie z.B. My Second Love oder etwas profaner, Floating Asset. Viele dieser Meereskreuzer, zugelassen im steuerfreundlichen US Bundestaat Delaware,  dümpeln meist unbenutzt im Hafen herum, täglich geputzt von mehrköpfigen Crews.  Ihre großen Rettungsboote werden sie wohl nie zu Wasser lassen.

Mubariz Mansimov, ein Milliardär aus Azerbaijan, der in Wikipedia gern Auskunft über sein Vermögen erteilt, hat diese Marina vor wenigen Jahren erbauen lassen. Gleich dort, wo die fettesten Yachten liegen, eröffnete auch der Lebemann Flavio Briatore, ehemals Teamchef der Formel-1 Rennställe von Benetton und Renault und Vater des ersten Kindes von Heidi Klum einen seiner Billionaire Clubs. Ein Schlingel, wer dabei etwas Böses denkt, denn wer wollte da nicht dazu gehören? Wenige Schritte dahinter der Hubschrauber-Landeplatz. Schön, dass der Jet Set bei der sommerlichen Hitze so kurze Wege hat.

Ich laufe zurück zum Ausgang des Yachthafens, vorbei an den Boutiquen bekannter Luxusmarken. Allmählich haben sich auch die Putzkolonnen in Bewegung gesetzt und wienern den blitzblanken Steg. Skipper in weißen Poloshirts radeln auf Klappfahrrädern zum Brötchenholen. Mit der Chipkarte eröffnet sich das Tor zur Außenwelt.

Yalikavak ist ein schön gelegener türkischer Badeort. Ich laufe nach links an der Uferpromenade entlang in den Ort hinein. Hier liegen Fischerboote und die traditionellen Gület-Yachten vor Anker, jene eleganten türkischen Zwei- oder Dreimaster, dieTouristen in vermeintlich einsame Buchten mit herrlich klarem Wasser schippern. Ein beliebtes Ziel ist die englische Bucht. Im wunderbaren Yücel Restaurant begegnet man dort Gület-Passagieren aus aller Herren Länder. Der Name der Bucht erinnert an die englischen Marineschiffe, die sich im 1. Weltkrieg auf der Flucht vor deutschen Truppen in diese verwinkelte Bucht zurückzogen. Übrigens hat auch der ehemalige türkische Staatspräsident Abdullah Gül sein schmuckes Feriendomizil im militärischen Sperrgebiet der Bucht eingerichtet.

Die Tische der zahlreichen Straßenrestaurants in Yalikavak sind noch leer. Auch Dogal Maras, der zaubernde Eisverkäufer, hat seinen Stand noch nicht geöffnet. Die vielen freilaufenden Hunde stört das nicht, denn zu dieser Stunde gehören die Strandbäder ihnen ganz allein und laden zum fröhlichen Geraufe am Wasser ein.  Später am Tag werden hier türkische Familien mit Mädchen in knappen Bikinis und Frauen in Ganzkörper-Burkinis neben geröteten Engländerinnen baden. Ein älterer Herr hat seine Angelleine ins Wasser geworfen. Er sieht so aus, als erfreue auch er sich an der morgendlichen Frische.

In den Gassen der Altstadt säumen sich die Andenkenläden. Auch der kunstfertige Barbier, der mir mit Pinsel, Schaum und scharfer Klinge den Urlaubsbart abrasieren wird, hat hier seinen Arbeitsplatz.  Ein paar Schritte den Hügel hinauf steht der mächtige Kuppelbau der örtlichen Moschee, rechts und links die beiden spitz zulaufenden Minarette. Im Erdgeschoss ist eine Filiale der türkischen Postbank eingerichtet. Das überrascht, aber auch hier gilt das Prinzip der kurzen Wege.

Über die Uferpromenade laufe ich zurück in die Palmarina. Hinter den Hügeln auf der anderen Seite der Halbinsel eröffnet sich der Golf von Gökova. Vom Badestrand in Akyarlar hinüber zur griechischen Insel Kos sind es nur wenige Kilometer. Über diese Meeresenge sind in den letzten Wochen viele tausend Menschen, davon viele aus den Kriegsgebieten in Syrien und Afghanistan,  mit großen Hoffnungen nach Griechenland in das rettende Europa geflüchtet. Knapp 1000 Euro fordern die Fluchthelfer für die nächtliche Überfahrt.  Als wir hier tags zuvor vorbei segeln, treibt der Wind ein zerstörtes Schlauchboot und Schwimmwesten über das Wasser.

August 2015

Texel, Niederlande: Zum Vogelparadies von De Slufter im Nationalpark Duinen van Texel

Laufstrecke: Vom Parkplatz des Dünen-Campingplatzes in De Koog rechts durch den weitläufigen Campingplatz, an dessen Ende ein kurzes Stück links und wieder rechts rd. 500 m parallel zu den Dünen halten. Dann rechts auf welligen Sand- und Graswegen zu einer Aussichtsdüne und weiter rd. 500 m ins Weidegebiet. Dann links mehrere Kilometer auf geradem und  befestigtem Weg nach  Norden und schließlich links Richtung  De Slufter laufen. Durch kleine Dünen und  Sand am Südufer des Slufter entlang bis zum Meer, am Strand zurück nach De Koog;  6,5 km Lauf durch Dünenlandschaft + 5,5 km Strandlauf, ca. 75 Minuten.


Es ist kurz nach 8 Uhr und auf dem ausgedehnten naturbelassenen Campingplatz in den Dünen bei De Koog herrscht Morgenruhe. Die Sonne steht noch flach im Osten, eine angenehme Brise aus Nordost kühlt die Stirn. Rebhühner rennen aus den Gebüschen in elliptischen Bahnen vor uns her.

Wir sind mitten im Nationalpark Duinen van Texel und laufen durch eine abwechslungs- und stimmungsvolle Dünenlandschaft. Hinter den letzten Zelten biegen wir links ab in Richtung Meer, kurz vor der letzten und höchsten Düne, die die Insel vor Hochwasser und Sturm  schützt, geht es nach rechts parallel zum Dünenkamm. Das Gelände ist hügelig, der Weg ist mal fest und grasbewachsen, mal etwas sandiger mit weichem Untergrund.  Heidekraut blüht in sanftem Lila.  Links rauscht das Meer, rechts wärmt die Sonne. Nach gut 500 m biegen wir ins Inselinnere ab. Eine beachtliche Düne tut sich vor uns auf  und wir erklimmen sportlich die steilen Stufen zur Aussichtsplattform. 20-25 Meter Höhe über dem Meeresspiegel reichen für einen herrlichen Rundblick zur Nordsee im Westen, dem Badeort De Koog im Süden, den  ausgedehnten Weidelandschaften im Osten und den Feuchtgebieten von De Muy und De Slufter im Norden. Dieses Naturschauspiel ist einzigartig in Holland. 1851 hat ein schwerer Sturm die schützenden Dünen durchbrochen und seitdem fließt das Meer ungehindert in das Land. Geblieben ist eine wundersame Landschaft, Brutstätte unzähliger Vögel und Heimat seltener Pflanzen, die das salzige Wasser gut vertragen können.

Wieder herunter vom Inselgipfel  passieren wir Weidegatter. Ein Schild mahnt, dass wir von  den Tieren mindestens 25 Meter Abstand halten sollen. Die jungen Hochlandrinder haben das nicht gelesen, denn sie grasen unbekümmert auf dem Weg und sind mit ihrem braunen Zottelhaar richtige Knuffelbeesten, wie der Holländer sagen würde.  Auch die Texelschafe, von denen es angeblich mehr als menschliche Inselbewohner gibt, weiden friedlich im Naturreservat. Es fällt auf, dass die vielen Brandgänse gerne ihre Nähe suchen. Vielleicht weil die Schafe so schlau und flauschig sind.  Entlang der Weiden laufen wir ein paar Kilometer weiter Richtung Norden, biegen dann  links ab in leichtes Gehölz Richtung De Slufter.

Ein mächtiger Hase spurtet in unsere Richtung, und als er uns endlich wahrnimmt ist er schon mit einem schnellen Haken im Gebüsch verschwunden.  Der Weg geht allmählich in sandiges Gelände über und vor uns eröffnet sich die weite Bucht des Slufters. Mehr staksend als laufend bewegen wir uns über den sanft knirschenden Muschelteppich zum Wasser hin. Das hereinströmende Meerwasser ist tiefblau und hebt sich beeindruckend vom weißen Sand ab.  Im Wasser schwimmen unzählige Enten und Möwen. Jenseits des Meeresarmes sitzen tausende schwarz-weiß-graue Regenpfeifer im Sand. Ornithologen würden jetzt nicht weiter laufen. Der Wind fegt den Sand mit feinen Nadelstichen an unsere Waden.  Wir hören die Vögel, das Rauschen des Meeres und beobachten, wie die Wellen im Gegenwind zu weißer Gicht aufspritzen. Natur pur.

Wir laufen an die Stelle, wo das Meerwasser ins Land eindringt. Die Wasseroberfläche ist braun-rot von der Algenblüte gefärbt, doch das Wasser, das in die Bucht fließt,  ist  dunkelblau.  Es ist Ebbe, der Strand ist breit und das Meer hat sich weit zurückgezogen. Da wo der Strand hart und feucht ist, ist der Tisch für die grauen und schwarz-weißen Möwen gedeckt.  Muscheln, Krebse, Algenreste. Quallen mit einem Kreis feuerroter Punkte auf dem gallertartigen Rücken.  Die sind nicht so lecker.

Am Strand entlang von De Slufter zurück nach De Koog sind es 5,5 km. Der Wind hat aufge-frischt und schiebt uns von der Seite an.  In der Ferne kreuzen Yachten halb am Wind. Eine Reitergruppe kommt uns entgegen. Den Haflingern macht es sichtlich Spaß durch das flache Wasser zu traben.  Am Horizont tauchen die ersten Umkleidehäuschen am Rande der Dünen auf. Fein aneinander gereiht beherbergen sie das Strandgut der Sommergäste. Die ersten Jogger und Hundespaziergänger sind unterwegs. In De Koog angekommen, traben wir locker über den Dünenkamm, vorbei am Restaurant Noordzee mit den leckeren Muscheln, dehnen die Muskeln und freuen uns auf ein gutes Frühstück.

August 2015

Kronberg im Taunus: Läufer und Musiker im Leistungstest

Laufstrecke: 36. Altköniglauf  über 10 km, September 2015. Start und Ziel sind in der MTV Sportanlage in Kronberg, Schülerwiesen 1.  Alle Laufstrecken führen über breite Waldwege durch den Taunus am Fuß des Altkönigs. Auf auf der welligen 10 km Strecke sind gut 150 Höhenmeter zu bewältigen.  Zeitgleich lädt das Kronberg Academy Festival innerhalb von acht Tagen zu 26 Streicherkonzerten ein.


Es ist Sonntag. Und deshalb fällt der Startschuss für diesen Rundlauf durch den wunderschönen Herbstwald auf der Südseite des Taunus erst um 9:40 Uhr. Bei  strahlender Herbstsonne werden  die Läufer auf die Strecke geschickt, und die gut gelaunte Moderatorin stellt Kaffee, Kuchen, Wurst und Bier als Belohnung für die Anstrengungen in Aussicht.

Der Startschuss zum Kronberg Academy Festival fällt 24 Stunden früher. Der kanadische Pianist Walter Delahunt  geht mit seinem Hund Israel Gassi, bevor er im Auftaktkonzert des Festivals Cello Sonaten von Beethoven begleitet.

Alle zwei Jahre im September kommt es in Kronberg zu diesem Doppelgipfel. Die Kronberg Academy  lädt bekannte Solisten, Nachwuchskünstler und Studenten aus aller Welt zu ihrem Streicherfestival ein. Es ist ein munteres Stelldichein der Geiger, Bratschisten, Cellisten und Pianisten, arrivierten Künstlern und noch jungen Talenten. Lehrer werden geehrt, Förderer umworben und das Publikum auf einen Konzertmarathon geschickt.

Und jedes Jahr versammelt der MTV Kronberg  immer am letzten Sonntag im September Elite- und Breitensportler aus nah und fern zum traditionellen Altköniglauf. Die Fahne der Kronberg  Academy  mit dem stilisierten schwarzen Cello auf rotem Untergrund weht hoch oben über dem Sportplatz an den Schülerwiesen.   Wenn der Laufrichter „zehn,  neun, acht, sieben…“  bis zum Startschuss herunter zählt, dann steigt  der Adrenalin-Pegel  der Läufer so hoch wie jener der Solisten kurz vor dem Konzertauftakt. Und wenn die Langstreckenläufer im Ziel einlaufen, sind sie ebenso froh wie die Musiker, wenn der aufbrandende Beifall der Zuschauer den noch ausklingenden letzten Ton verschluckt. Läufer und Musiker  sind gleichermaßen kompromisslose Ausdauersportler. Doch zum Spitzentalent schaffen es nur jene, die ihre  Begabung mit unbändiger Zähigkeit zur Entfaltung bringen. Deshalb  überwiegt in beiden Gattungen die Zahl der unbekannten Helden.

Volksläufe sind das Revier weniger Stars und vieler Helden. Im dicht gedrängten Startblock werden noch schnell die jüngsten läuferischen Leistungen ausgetauscht oder mit vorgeblich schlechter Tagesform tiefgestapelt. Natürlich geht es nur ums Mitlaufen,  schließlich ist man zum Vergnügen hier.

Doch keiner möchte die sich selbst gesetzte Laufzeit überschreiten. Das Erfolgsrezept der Volksläufe liegt in der Möglichkeit im Rudel den ganz persönlichen Schweinehund zu überwinden.  Wer ist nicht stolz, wenn er die lange Steigung in der „Grünen Hölle“  an der 5 km Marke oder den letzten Anstieg zum „Berg der Wahrheit“  kurz vor dem Zieleinlauf erfolgreich überwunden hat?  Und wem leuchten nicht die Augen,  wenn die Ergebnisliste schwarz auf weiß und für alle sichtbar überraschend gute Zeiten verkündet?  Die hochprofessionellen  Laufdienstleister, die Zeitnahme und Ergebnisse in Rekordzeit  veröffentlichen,  wissen, was die Kundschaft will. Inzwischen kann man sich auch online in den Ergebnislisten gegenseitig  beglückwünschen. Und Lob gebührt in Kronberg auch den vielen freiwilligen Helfern und Besuchern, die gleichermaßen Läufer und Musiker mit bemerkenswertem Einsatz und herzlichem Beifall zu persönlichen Höchstleistungen antreiben.

September 2015